Über Karin Seemayer

Karin Seemayer wurde am 1959 in Reutlingen geboren, lebte von 1960 bis 1993 in Frankfurt und seitdem in Eppstein im Taunus. Anfang zwanzig packte sie das Fernweh. Sie machte eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau und war die nächsten Jahre beruflich und privat viel unterwegs. Viele ihrer Romanideen sind auf diesen Reisen entstanden. Die Umsetzung der Ideen musste jedoch warten, bis ihre drei Kinder erwachsen waren.

Informationen zum Buch

Die Wege der Freiheit

Toskana, 1832: Antonellas Traum ist es, zu kochen und Wein anzubauen, doch sie soll den reichen Sohn des Müllers heiraten. Voller Verzweiflung bricht sie aus der Enge ihres kleinen Dorfes in den Apuanischen Alpen aus und flieht nach Genua. Die Reise ist gefährlich, denn Italien gleicht einem Pulverfass. Überall regt sich erbitterter Widerstand gegen die Herrschaft der Habsburger. Daher ist Antonella froh, als sie Marco trifft, der ihr Geleit anbietet. Was aber verheimlicht er ihr? Und wieso fühlt sie sich trotzdem so zu ihm hingezogen? Als sein Geheimnis offenbart wird, muss sie allen Mut aufbringen, um sein Leben zu retten.

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Karin Seemayer

Die Tochter der Toskana

Historischer Roman

Inhaltsübersicht

Über Karin Seemayer

Informationen zum Buch

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Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

Epilog

Nachwort und Danksagung

Quellennachweis

Leseprobe aus: Birgit Jasmund – Der Duft des Teufels

Impressum

Für Jürgen:
Mit dir denke ich laut

4157-001.tif

Auf dem Monte Ventasso gäbe es Feen, erzählten die Alten im Dorf. Wer einen heimlichen Wunsch hatte, ob es sich um eine unerwiderte Liebe oder einen unerfüllten Kinderwunsch handelte, stieg hinauf, stellte ein Schälchen Ziegenmilch und ein Stück Käse an den großen Stein oberhalb der Kapelle der heiligen Magdalena und flüsterte seinen Wunsch in den Wind. Manchmal schien es dann, als trüge der Wind Gesang mit sich. Und manchmal wurde der Wunsch erfüllt.

1. Kapitel

Sie kommen! Sie kommen!« Wild mit den Armen rudernd, stürmte der sechsjährige Sohn von Antonellas Freundin Maria den Weg entlang, vorbei am Haus der Battistonis.

Seit drei Tagen liefen die Kinder von Cerreto jeden Morgen zur Weggabelung in Richtung Nismozza. Dort hatte man einen guten Blick auf die sich in Windungen schlängelnde Straße, die nach Aulla führte, von wo die Männer mit den Schafen kamen. Der Junge rannte weiter in Richtung Dorfplatz. Sobald er sicher war, dass seine Nachricht aufgenommen und weitergegeben wurde, drehte er um und lief den Weg zurück.

Antonella warf einen Blick zum Hühnerstall. Ihre Mutter suchte gerade Eier. Hatte sie den Ruf gehört?

Sie hatte. Mit dem Korb am Arm kam sie im Laufschritt aus dem Stall.

»Sie kommen!« Ihre Augen strahlten, ihr Lächeln ließ sie um Jahre jünger wirken. »Antonella, lauf zur Osteria und hole einen großen Krug Wein. Wo stecken deine Schwestern? Teresa soll ein Huhn schlachten, nein zwei, und Giovanna muss zum Bäcker laufen, Brot holen«, sprudelte sie heraus. Ohne auf Antwort zu warten, hastete sie ins Haus. »Sie kommen. Endlich!«, war das Letzte, was Antonella hörte.

Kopfschüttelnd trat Antonellas ältere Schwester Teresa aus der Haustür. »Sie tut, als würden die Hirten jeden Augenblick ankommen, dabei dauert es bestimmt noch eine Stunde.«

Da es in den Bergen nicht genug Futter gab, um die Herden über den Winter zu bringen, wanderten die Männer aus den hoch gelegenen Dörfern jedes Jahr im Spätherbst mit ihren Schafen in die Maremma, wo die Tiere gemeinsam mit den grauen Büffeln weideten. Anfang Mai kehrten sie zurück. Welcher Tag es genau sein würde, wusste niemand. Die Hirten brachen jedes Jahr in der letzten Aprilwoche auf und erreichten das Dorf in den ersten Tagen des Mais.

»Das sagst ausgerechnet du?«, frotzelte Antonella. »Wenn dein Tommaso zu Besuch kommt, bist du drei Tage vorher schon ganz aufgeregt.«

Teresa lachte. »Ertappt. Und ehrlich, ich bin sehr froh, dass ich irgendwann mit ihm in Modena leben werde und nicht so wie unsere Eltern. Ich verstehe sie ja. Aber die letzte Woche bevor Papa heimkommt, ist immer furchtbar.

»Ihr Mädchen sollt nicht schwätzen, sondern euch beeilen!«, rief ihre Mutter aus dem Fenster.

Lachend winkte Antonella hinauf. »Ich gehe schon.«

Teresa und sie waren gerade damit fertig, die beiden Hühner zu rupfen, da hörten sie das Blöken von Schafen. Hastig legten sie die Hühner weg, wuschen sich die Hände. Ihre Mutter kam aus ihrem Schlafzimmer, sie trug ihr Sonntagskleid und das schönste Kopftuch. »Habt ihr es auch gehört?«

»Ja, Mamma.«

Gemeinsam verließen sie das Haus und hasteten die Straße hinauf bis zur Weggabelung. Aus allen Häusern traten festlich gekleidete Frauen, halbwüchsige Kinder und, etwas langsamer, die alten Männer heraus. Das Blöken wurde lauter, begleitet von dem Klingen der Glocken, welche die Leittiere um den Hals trugen, und dem Bellen der Hunde. Obwohl sich das Spektakel jedes Jahr wiederholte, schlug Antonellas Herz schneller. Sie reckte sich, versuchte, einen Blick auf die letzte Biegung der Straße zu erhaschen. Und dann kamen sie. Zuerst einige Männer mit schwer bepackten Eseln. Sie lächelten und winkten den jubelnden Menschen zu. Doch es waren noch nicht die Ehemänner und Söhne der Frauen von Cerreto. Es waren die Schäfer aus Cervarezza und Marmoreto, die den Zug anführten. Sie würden sich nicht aufhalten, sondern gleich weiterziehen in ihre Heimatorte. Ihnen folgten die Tiere. Eine riesige Herde von Schafen, darunter einige Ziegen und Esel. An ihrem Rand wanderten die großen weißen Hunde, deren Aufgabe es war, die Schafe vor Wölfen zu schützen. Die kleineren dunklen Lupinos umkreisten unablässig die Herde, trieben Ausreißer zurück und sorgten dafür, dass die Tiere auf dem Weg blieben, nur gelenkt durch die Pfiffe der Schäfer. Nach der ersten Herde folgten endlich die Männer von Cerreto mit ihren Schafen.

Rufe mischten sich in den Jubel, wenn die Frauen ihre Ehemänner entdeckten.

»Lorenzo!« Neben Antonella drängte sich Giulia durch die Menge und versuchte, das Blöken der Schafe und Klingen der Glocken zu übertönen. Einer der Männer wandte sich um und winkte. »Giulia! Wie geht es dir? Was ist es?«

»Ein Junge!«, schrie Giulia so laut, dass Antonellas Ohren klingelten. »Wir haben einen Sohn.«

Lorenzo strahlte und verpasste dem Mann neben sich einen Rippenstoß.

»Papa!« Eines der kleinen Mädchen lief auf die Straße. Ein Mann fing es auf und hob es über seinen Kopf. »Chiara! Du bist groß geworden.«

»Paolo!« Ein Stück weiter hüpfte Fiametta auf und ab und winkte einem jungen Mann zu, der ein schwer bepacktes Maultier am Zügel führte.

Paolo war der Sohn des Müllers, einer der wohlhabendsten Familien im Ort. Antonella erinnerte sich, dass er als Kind ein verwöhntes, etwas dickliches Bürschchen gewesen war. Doch mittlerweile war er zu einem gut aussehenden jungen Mann herangewachsen. Zwar wirkte er immer noch gedrungen, doch unter seinem Hemd zeichneten sich deutlich die Muskeln ab. Er hob grüßend die Hand, dann ging er weiter. Sein Blick glitt über die Wartenden am Straßenrand und blieb an Antonella hängen. Überraschung malte sich in seinem Gesicht, als hätte er sie noch nie gesehen. Grübchen zeigten sich in seinen Wangen, als er sie anlächelte.

Dann kam ihr Vater. Neben ihm trottete Nico, der weiße Schutzhund. Auf Antonellas Ruf wedelte er höflich mit dem Schwanz, als wolle er zeigen, dass er sie erkannte, blieb aber an seinem Platz bei den Schafen.

Dem Vater folgte Anselmo, einer der unverheirateten Männer. Jedenfalls war er das im Herbst noch gewesen. Nun ging eine junge Frau an seiner Seite, die scheu die Menschen am Straßenrand betrachtete. Ein unwilliges Raunen zog durch die Menge. Zwar kam es öfter vor, dass einer der Schäfer eine Braut aus der Toskana mitbrachte, doch gerne gesehen wurde es nicht. Immerhin gab es genug heiratsfähige Mädchen im Dorf. Anselmos Mutter stand Antonella gegenüber auf der anderen Seite der Straße. Antonella sah, wie sie missmutig die Brauen zusammenzog, und bedauerte die junge Frau aus der Maremma. Sie würde es in Cerreto nicht leicht haben. Als die letzten Schafe durch die Straße gezogen waren, schlossen sich die Bewohner von Cerreto dem Zug an. Am Ortsausgang hatten die Alten einen behelfsmäßigen Pferch errichtet. Dort hinein trieben die Lupinos die Schafe von Cerreto, während die anderen Hirten mit ihren Tieren weiterzogen.

Am nächsten Tag fand das Fest zur Rückkehr der Schäfer statt. Die jungen Burschen stellten Tische und Bänke auf dem Dorfplatz auf. Aus allen Häusern wurden Töpfe herangeschleppt, aus denen es verführerisch duftete. Jeder spendete etwas für die Feier. Gianna und Francesca schleppten zwei große Töpfe mit Pasta herbei. Francescas Vater brachte ein Fass Wein aus der Osteria. Antonella half ihnen, die Becher während des Essens gefüllt zu halten.

Nach dem Essen kamen Musikanten und spielten. Die ersten Paare drehten sich zur Musik auf dem Platz. Die jungen Mädchen beäugten die Burschen, Augen funkelten, verstohlene Blicke wurden mit kokettem Lächeln beantwortet.

Amüsiert beobachtete Antonella das Treiben. An einem Tisch saßen die älteren Frauen und steckten die Köpfe zusammen. Wahrscheinlich sprachen sie darüber, wer am Ende des Sommers mit wem verlobt sein würde. Bei ihnen saß die Mutter von Anselmo. Grimmig sah sie hinüber zum Tanzplatz, wo ihr Sohn mit seiner Braut tanzte. Die weise Frau von Cerreto, die Hebamme Aminta, redete auf sie ein. Vermutlich versuchte sie, ein wenig Verständnis für die fremde Schwiegertochter zu wecken.

In einer Hausecke drückten sich drei Burschen herum. Einer von ihnen war der Sohn ihres Nachbarn, er hatte dieses Jahr seinen ersten Winter in der Toskana verbracht. Sie schubsten sich gegenseitig, bis schließlich der Nachbarssohn zu ihr hinüberkam und sie zum Tanz bat. Seine Ohren hatten sich verräterisch rot gefärbt. Lächelnd folgte sie ihm auf den Tanzplatz, wo er zaghaft ihre Taille umfasste. Doch er vergaß seine Scheu schnell und wirbelte sie herum.

Neben ihr drehten sich Fiametta und Paolo. Fiametta bedachte sie mit einem triumphierenden Blick. Paolo dagegen musterte sie nachdenklich.

Einige Zeit und ein paar Tänze später stahlen sich Fiametta und Paolo händchenhaltend vom Tanzplatz. Sie blieben nicht die Einzigen. Immer mehr Paare verließen das Fest.

Schließlich saßen nur noch einige sehr junge Männer, fast noch Knaben, und die Alten auf den Bänken.

Antonella half Francesca die Tische abzuräumen und ging nach Hause.

In den nächsten Wochen gab es reichlich zu tun. Die Mutterschafe mussten gemolken werden, um den ersten Pecorino des Jahres zu machen. Dieser junge Pecorino wurde nicht verkauft, er war nur für den Eigenbedarf gedacht. Allerdings brachte Antonella einige Laibe hinüber zur Osteria Sala, um ihn gegen Lardo, den gewürzten Schweinespeck, zu tauschen, den Francescas Mutter Gianna nach einem geheimen Familienrezept herstellte.

Auf dem Heimweg trödelte sie. Sie liebte den Mai und an diesem Tag war er besonders schön. Die Sonne schien, die Luft duftete nach Blumen und nach frischer Erde. Am Wegrand entdeckte sie die ersten Orchideen. Dunkellila ragten ihre Blüten aus dem Gras. Ein paar Schritte weiter leuchtete der Klatschmohn rot wie Glut aus den Wiesen. Schwalben flogen über ihren Kopf hinweg, im Gebüsch saß ein Grünfink und sang. Sie blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf zu den Gipfeln der Berge. Auf dem Monte Cusna lag immer noch ein wenig Schnee.

Ihr Weg führte sie am Fluss entlang und an der Mühle vorbei. Vom Lavatoio her hörte sie eine Frau schimpfen. Es klang ganz nach Fiametta. Tatsächlich entdeckte sie Fiametta und Paolo etwas oberhalb des Waschplatzes. Sie standen einander gegenüber, Fiamettas Gesicht war gerötet, sie gestikulierte heftig. Antonella wollte sich gerade zurückziehen, da fauchte Fiametta: »Glaubst du vielleicht, ich merke es nicht, wie du die Battistoni Tochter anschmachtest? Letzte Woche, als sie hier gewaschen hat, sind dir bald die Augen aus dem Kopf gefallen.«

Antonella hielt inne. Fiametta sprach von ihr. Vorige Woche war Paolo am Lavatoio gewesen, als sie dort gewaschen hatte. Er hatte ein paar freundliche Worte mit ihr gewechselt und sie mit seinem Grübchenlächeln bedacht. Anschmachten hätte sie das nun nicht genannt.

»Antonella ist ein sehr nettes Mädchen und hübsch anzusehen«, gab Paolo jetzt gelassen zurück. »Und vor allem keift sie nicht so rum.«

»Ich keife? Ich habe ja auch allen Grund dazu.«

»Ach ja? Und welchen? Ich darf mich doch wohl mit anderen Mädchen unterhalten.«

In Fiamettas Stimme mischte sich ein hysterischer Ton. »Du weißt genau, was ich meine. Wir sind so gut wie verlobt! Und du schaust ständig anderen Frauen nach.«

»Sind wir das? Ich kann mich nicht erinnern, um deine Hand angehalten zu haben.«

»Aber du hast … ich dachte …« Fiametta schnappte nach Luft.

»Da hast du wohl falsch gedacht. Das tut mir leid für dich, aber ich habe nicht die Absicht, dich zu heiraten.«

Alle Farbe wich aus Fiamettas Gesicht. Sie öffnete den Mund, doch sie brachte keinen Ton heraus. Wortlos wandte sie sich ab und rannte den Weg hinunter.

Antonella huschte hastig zwischen zwei Häuser und hielt die Luft an. Hoffentlich bemerkte Fiametta sie nicht.

Das Glück war mit ihr, Fiametta war zu sehr mit sich beschäftigt, um auf ihre Umgebung zu achten.

Wie ein Dieb schlich Antonella sich davon.

»Ich habe schon immer gesagt, dass Fiametta sich nur großtut«, erklärte Francesca energisch. »Nur weil ein Kerl ein paarmal mit einem Mädchen tanzt, ist das noch keine Verlobung.« Die beiden Mädchen hockten in Francescas Kammer über der Osteria. Antonella hatte sich nach dem Abendessen aus dem Haus geschlichen, um mit ihrer Freundin über den Streit zwischen Fiametta und Paolo zu sprechen.

»Wahrscheinlich gefiel es ihm nicht, dass sie schon überall erzählt hat, sie seien so gut wie verlobt.«

»Vielleicht. Sie hat ihm vorgeworfen, er würde mich anschmachten, doch das stimmt gar nicht. Er ist freundlich zu mir, aber mehr auch nicht.«

»Würde es dir denn gefallen, wenn er dir den Hof machte?«

Antonella hob die Schultern. »Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Für mich war er immer der verwöhnte, etwas einfältige Müllersohn, aber er hat sich sehr verändert.«

»Ja. Er ist sehr stattlich geworden, und ich finde, er hat so etwas …« Francesca wedelte mit den Händen.

»Charme«, sagte Antonella. »Er hat Charme.«

2. Kapitel

In den nächsten Wochen zeigte sich Paolo gegenüber nicht nur allen Mädchen im Dorf sehr höflich und aufmerksam, er bezauberte mit seinem Grübchenlächeln auch ihre Mütter. Überrascht und amüsiert zugleich bemerkte Antonella die sehnsüchtigen Blicke, die ihm folgten, wenn er durch die Straßen ging. Ihr schenkte er keineswegs besondere Beachtung. Sicher hatte sich Fiametta getäuscht.

Am 15. August stand nach dem Willkommensfest das zweite große Fest im Jahr an. Ferragosto. Die Kirche feierte an diesem Tag Mariä Himmelfahrt, doch gleichzeitig feierte man den »Wendepunkt des Sommers«, denn der 15. August galt als der heißeste Tag des Jahres.

Aminta, die Hebamme und weise Frau von Cerreto, hatte vor einigen Jahren erzählt, dass Ferragosto auf den Kaiser Augustus zurückging, der Mitte August drei Tage lang seinen Sieg über Cleopatra und Marcus Antonius feierte. Erst später hätte die Kirche Ferragosto als Mariä Himmelfahrt eingeführt. Das hatte den Pater von Cerreto, Don Vincenzo, derartig empört, dass er seitdem jedes Jahr an Ferragosto eine flammende Predigt hielt, in der er das Heidentum anprangerte.

Der Ferragosto dieses Jahres hielt, was sein Name versprach. Der Himmel spannte sich in tiefstem Blau über den Bergen, gegen Mittag brannte die Sonne so heiß, dass den Burschen, die Stühle und Tische auf den Dorfplatz schleppten, der Schweiß die Kleider durchnässte. Jede Familie brachte Essen für das Fest auf den Platz. Tage zuvor waren die Frühjahrslämmer geschlachtet worden, über einem großen Feuer röstete Francescas Vater ein Zicklein, Paolos Familie hatte eines ihrer Schweine geschlachtet und spendete reichlich Braten.

Antonella hatte Agnello Arrosto zubereitet, Lammkeule aus dem Ofen mit Gemüse.

Nach der Abendandacht in der Kirche versammelten sich die Bewohner von Cerreto auf dem Dorfplatz.

Paolo saß mit seinen Eltern in der Nähe der Battistonis und jedes Mal, wenn Antonella aufsah, begegnete sie seinem Blick. Als die Musiker sich nach dem Essen erhoben und nach ihren Instrumenten griffen, stand er bereits neben ihr. »Schenkst du mir diesen Tanz?«

Verlegen stand sie auf und folgte ihm zum Tanzplatz. Sie spürte die neidischen Blicke der anderen Mädchen zwischen ihren Schulterblättern wie Dolche.

Es blieb nicht bei diesem Tanz. Paolo ließ sie nicht mehr gehen, bis die Musiker eine Pause machten. Dann begleitete er sie zu ihrer Familie. »Darf ich mich zu euch setzen?«

Ihre Mutter und Giovanna strahlten ihn entzückt an, nur Teresa zog die Brauen zusammen, ein spöttisches Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Offenbar mochte sie ihn nicht.

»Aber bitte«, antwortete ihr Vater und musterte Paolo ausgesprochen wohlwollend.

Antonella rückte ein Stück und er setzte sich neben sie.

»Die Lammkeule habt ihr doch mitgebracht?«, wandte er sich an Rina. Die nickte.

»Ich habe selten ein so zartes Agnello Arrosto gegessen. Haben Sie es gemacht, Signora?«

»Oh nein. Das war Antonella. Sie ist eine sehr gute Köchin!«

»Das ist wohl wahr«, antwortete Paolo und sein Lächeln zauberte die Grübchen in seine Wangen. »Sie ist fleißig, hübsch und eine gute Köchin! Der Mann, der sie zur Frau bekommt, ist ein glücklicher Mann.«

Antonella kniff sich in den Arm. Träumte sie? Hier saß der begehrteste Junggeselle des ganzen Dorfes und raspelte Süßholz. Verstohlen musterte sie ihn. Was, wenn er ihr nun ernsthaft den Hof machte? Er war wirklich ein hübscher Bursche geworden. Er hatte welliges hellbraunes Haar und dunkelbraune, fast schwarze Augen, die ihm etwas Rätselhaftes gaben.

Kaum begannen die Musiker wieder zu spielen, forderte er sie erneut zum Tanz auf. Und er tanzte den ganzen Abend nur mit ihr. Als die Musikanten ein langsames Liebeslied spielten, zog er sie dicht an sich. »Ich sagte vorhin, wer dich bekommt, ist ein glücklicher Mann«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Lass mich dieser Mann sein, Antonella.«

3. Kapitel

Montescudaio – Toskana, September 1832

Erleichtert zügelte Michele sein Pferd und atmete den würzigen Duft der Zypressen ein, die den Weg zum Herrenhaus säumten. Es bestand kein Grund mehr zur Eile. Er war zu Hause.

Sanft tätschelte er den schweißnassen Hals seines Hengstes. Das Pferd machte den Hals lang, als Michele die Zügel locker ließ und in gemächlichem Schritt auf den Weg zum Herrenhaus einbog. Auf beiden Seiten der Zypressenallee erstreckten sich Olivenhaine. Die silbrigen Blätter der Bäume schimmerten in der Mittagssonne. Ihnen verdankte das Gut seinen Namen: Alberi d’Argento, silberne Bäume. Manche waren Hunderte von Jahren alt; ehrwürdige Gehölze, die noch jedes Jahr Früchte trugen. Das Olivenöl von Alberi d’Argento war beinahe ebenso berühmt wie sein Wein. Als Kind hatte er geglaubt, dass in den alten Bäumen Dryaden, Baumnymphen, lebten.

Eine Woche war es her, dass er die Kavallerieschule in Venaria Reale verlassen hatte. Abseits der Hauptstraßen war er geritten, hatte ausschließlich in kleinen Dörfern, wohin Nachrichten und Gerüchte nur langsam vordrangen, übernachtet. Erst als er La Spezia hinter sich gelassen hatte, war er auf die alte Römerstraße Via Aurelia in Richtung Süden eingebogen und hatte sein Pferd zu äußerster Eile angetrieben. Sein Besuch zu Hause war im Grunde ein Verstoß gegen seinen Befehl, denn dieser lautete, sich auf dem schnellsten Weg nach Lucca und von dort nach Modena zu begeben.

Eine friedliche Stille lag über dem Gut, selbst die Zikaden schienen Mittagsruhe zu halten. Sein Vater betete vermutlich gerade vor der versammelten Familie den Rosenkranz, wie jeden Sonntag. Eine Tradition, die Michele schon als Kind gehasst hatte. Ehe dieses Ritual nicht beendet war, konnte er dem Herrn des Gutes ohnehin nicht unter die Augen treten. Während er sich dem Gebäude näherte, wich seine Erleichterung, unbeschadet nach Hause gekommen zu sein, leiser Nervosität. Inzwischen war er nicht mehr so sicher, wie sein Vater auf das, was er ihm zu sagen hatte, reagieren würde.

Als er sich entschlossen hatte, den Umweg über Montescudaio zu machen, um sich von seiner Familie zu verabschieden, war ihm alles ganz einfach erschienen. Er würde nach Hause kommen und seinem Vater erklären, was ihn bewegte. Natürlich war ihm bewusst, dass der Padrone nicht begeistert sein würde, aber er hatte doch geglaubt, dass er – nach anfänglichem Widerstand – Verständnis haben würde. Doch hier beim Anblick des Herrenhauses, welches sich seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie befand, wurde ihm klar, dass sein Vater den Ideen Mazzinis keinesfalls wohlwollend begegnen würde.

Nun, es war zu spät. Es gab kein Zurück. Er seufzte tief und lenkte das Pferd um das Haupthaus herum zu den Stallungen. Das Klappern der Hufe auf dem Pflaster im Hof lockte Vittorio Falcone, den Pferdeknecht, aus dem Stall. Sein Haar stand ihm in allen Richtungen vom Kopfe ab, als hätte er es gerauft. Vermutlich hatte er im Heu ein Schläfchen gehalten.

»Dio mio, der junge Herr!« Vittorio lief über den Hof und griff nach den Zügeln des Pferdes. »Wir haben Sie nicht vor Weihnachten erwartet. Ist etwas geschehen?«

Michele zog die Füße aus den Steigbügeln und glitt vom Pferd. »Ja und nein, Vittorio. Es ist noch nicht geschehen, aber es wird.«

Verständnislosigkeit zeigte sich in Vittorios Gesicht. Er blinzelte kurz, dann zuckte er die Schultern, wandte sich ab und führte den Hengst in Richtung der Ställe. »Na mein Schöner, du bist ja gut in Form. Das Leben bei der Kavallerie scheint dir zu bekommen«, hörte Michele ihn sagen.

Unwillkürlich presste er die Lippen zusammen. Dem Pferd bekam das Leben dort auf alle Fälle besser als ihm.

Zwei Stunden später saß er im Arbeitszimmer von Don Piero di Raimandi. Zwischenzeitlich hatte er sich gewaschen und rasiert und danach seine Mutter sowie seine jüngere Schwester Emilia begrüßt. Enrico, sein Bruder, war in den Weinbergen unterwegs. Die Lese hatte vor ein paar Tagen begonnen.

»Du willst den Dienst quittieren und dich der Bewegung dieses Verrückten, dieses Mazzini, anschließen?« Die Stimme seines Vaters klang gelassen wie immer, einzig sein kalkweißes Gesicht und die zusammengekniffenen Augen verrieten seinen Zorn.

»Mazzini ist nicht verrückt, er ist ein Visionär. Er und die Giovine Italia kämpfen für ein freies Italien. Unabhängig von der Willkür der Österreicher, der Bourbonen und des Kirchenstaates.«

»Freies Italien! Frei für wen? Für dieses gottlose Gesindel, diese elenden kleinen Liberalen? Hast du Grund, dich zu beschweren? Du lebst gut von diesem Land, hast die Offizierslaufbahn vor dir, die dir ein sicheres Einkommen bringen wird.« Don Piero atmete tief durch. Als er weitersprach, klang seine Stimme eindringlich, beinahe schmeichelnd. »Und vergiss nicht Donata Frattini, sie wartet nur darauf, dass du dich endlich erklärst und bei ihrem Vater um ihre Hand anhältst. Willst du das alles wegwerfen?«

Donatas Name weckte Erinnerungen. Die dunkelhaarige Tochter eines benachbarten Winzers. Bevor er vor zwei Jahren zur Kavallerieschule gegangen war – geschickt worden war –, korrigierte er sich in Gedanken, denn er hatte die militärische Laufbahn keineswegs freiwillig gewählt, hatte er ihr den Hof gemacht. Mehr aus Langeweile und weil seine Eltern diese Verbindung gerne gesehen hätten, als aus Leidenschaft. Donata war hübsch, aber ohne jedes Temperament. Wohlerzogen, ihrem Vater gehorsam, würde sie eine brave, langweilige Ehefrau abgeben. Doch das Weingut ihres Vaters würde ihr Bruder erben. So wie sein Bruder Alberi d’Argento erben würde. Dabei war es dieses Land, das er mehr als alles in der Welt wollte. Er liebte die Reben, die Olivenbäume und auch die fruchtbare rote Erde, die beides hervorbrachte.

Als Kinder war sein Vater mit Enrico und ihm durch die Weinberge geritten und er hatte alles aufgesogen, was Don Piero erzählt hatte. Wann man die Stöcke beschnitt, damit sie kräftig austrieben, wann man die Reben ausgeizte, um den Stock nicht zu schwächen und eine bessere Ernte zu erzielen. Er wusste, wann man düngte, und erkannte am Geschmack der Trauben, welche man September oder Anfang Oktober erntete und welche man bis in den Winter am Stock ließ, um dann eine Trockenbeerenauslese daraus zu machen. Immer hatte er sich als Winzer gesehen. Doch vor vier Jahren, zu Enricos einundzwanzigstem Geburtstag, hatte Don Piero ein großes Fest gegeben, auf dem er Enrico offiziell als seinen Erben und zukünftigen Herren von Alberi d’Argento vorstellte und Michele eröffnete, dass er ihn nach Pisa auf die Universität schicken würde, wo er Rechtskunde studieren sollte. Michele war verzweifelt. Immer hatte er versucht, die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen, jetzt rebellierte er. Statt zu studieren, trieb er sich mit seinen Kommilitonen in den schlimmsten Vierteln von Pisa herum, feierte die Nächte durch, trank zu viel und verlor ein Vermögen beim Kartenspiel. Schließlich war es seinem Vater zu bunt geworden. Er hatte kurzen Prozess gemacht und ihn auf die Kavallerieschule in Venaria Reale geschickt.

Er sah auf. »Was werfe ich denn weg? Ein Leben beim Militär, das ich nicht gewählt habe, und die Aussicht auf eine öde Ehe mit diesem Mädchen, das nichts anderes im Kopf hat als Bälle, Kleider und die neueste Haarmode. Das Einzige, was ich jemals wollte, war, Winzer zu werden, auf Alberi d ’Argento.«

»Und soeben beweist du mir, wie richtig es ist, dass Enrico das Gut erbt und nicht du. Du bist leichtsinnig und verantwortungslos. Das warst du schon immer. Zu schnell begeistert und ohne Durchhaltevermögen.« Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Giovine Italia. Das gleiche Gesocks wie diese Geheimgesellschaft, die Carboneria. Pöbel ist das, der sich nur selbst bereichern will.«

»Sie wollen Gerechtigkeit. Ein leichteres Leben für die Bauern, niedrige Steuern, Handel.«

»Dummes Gerede. Die Bauern sind zufrieden, sie kennen es nicht anders. Was weißt du denn über das Leben der Menschen, die du »befreien« willst? Seit Jahren hast du nur dein Vergnügen im Kopf, und plötzlich interessierst du dich für Politik? Ich hatte gehofft, dass sie dir beim Militär die Flausen austreiben, statt dir neue Flöhe ins Ohr zu setzten.«

»Es sind keine Flausen! Ich …«

»Ich will nichts mehr davon hören!« Krachend landete Don Pieros Faust auf dem Schreibtisch. »Du wirst nach Venaria Reale zurückkehren und, sobald deine Ausbildung dort beendet ist, Donata Frattini heiraten. Sie wird dir eine gute Ehefrau sein.«

Michele erhob sich. »Ich werde nichts von alldem tun. Ich habe einen Eid geschworen, als ich Giovine Italia beigetreten bin, und den werde ich halten. In Venaria Reale wissen sie bereits, dass ich nicht mehr zurückkomme.«

Plötzlich war er sehr froh, dass er Tatsachen geschaffen hatte, bevor er Venaria Reale verlassen hatte. Er hatte nicht geahnt, wie schwer es sein würde, seinem Vater die Stirn zu bieten. Tief in ihm steckte immer noch der Respekt gegenüber dem Padrone, den man ihn gelehrt hatte.

Mit einer heftigen Bewegung schob Don Piero seinen Stuhl zurück und stand ebenfalls auf. Sein Gesicht lief rot an. »Du bist desertiert?«

Michele straffte die Schultern und sah seinem Vater in die Augen. »Jawohl.«

»Du riskierst dein Leben für diesen Mazzini und seine verräterischen Ideen? Wenn sie dich erwischen, werden sie dich an die Wand stellen oder aufhängen.«

»Lieber sterbe ich für die Freiheit und für ein geeintes Italien, als für die Österreicher in den Krieg zu ziehen und dort zu fallen.«

»Du Narr«, schrie Don Piero. »Du bist ein dummer, oberflächlicher Junge. Es reicht, dir die Worte ›Freiheit‹ und ›Republik‹ hinzuwerfen, und schon vergisst du deine Pflichten!«

»Und Sie sind ein alter, einfältiger Mann, der nicht erkennt, dass sich die Zeiten ändern«, brüllte Michele zurück.

Im nächsten Augenblick brannte seine Wange vom Schlag des Vaters. Langsam ließ Don Piero die Hand sinken. Einen Moment lang starrten sie einander stumm an. Dann sprach Don Piero, jetzt sehr leise, doch seine Stimme bebte vor Zorn. »Du wirst das Gut sofort verlassen und nicht mehr zurückkehren. Sollte ich dir jemals wieder auf meinem Land begegnen, werde ich dich den Carabinieri ausliefern. Du bist nicht mehr mein Sohn.«

Michele ballte die Fäuste. Einen Augenblick zögerte er, rang nach Worten, dann drehte er sich um und verließ den Raum.

Er hatte mit dem Zorn seines Vaters gerechnet, doch nicht damit, verstoßen zu werden.

Im Flur lehnte er sich an die Wand und atmete tief durch. Andrea Mantelli, einer der »Apostel« von Giovine Italia und sein vorgesetzter Offizier, hatte ihn gewarnt, ihm gesagt, die Revolution würde Opfer fordern, vielleicht sogar sein Leben. Er hatte den Eid trotzdem geleistet. In Gedanken wiederholte er ihn:

Im Namen Gottes und Italiens – im Namen aller Märtyrer, die für die heilige Sache Italiens unter den Schlägen fremder und einheimischer Tyrannen gefallen sind – im Glauben an die von Gott dem italienischen Volk übertragene Sendung und an die Pflicht eines jeden Italieners, an ihrer Erfüllung mitzuarbeiten – trete ich dem »Jungen Italien« bei, dem Bund von Männern, und schwöre, mich ganz und immer der Aufgabe zu weihen, gemeinsam mit ihnen Italien zu einer einigen, unabhängigen Republik zu machen.

Er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Es war etwas Großes, was diese Männer wollten. Ein neues Italien würde entstehen. Eines, in dem es keine Armut mehr gab, in dem die Bauern nicht mehr als bessere Leibeigene dienen mussten, sondern ihr eigenes Land bewirtschafteten. Eine Schule in jedem Dorf. Lehrer, welche die Kinder lesen und schreiben lehrten, um der Unwissenheit ein Ende zu bereiten, damit zukünftige Generationen selbst über ihr Schicksal bestimmen konnten.

Dafür lohnte es sich zu leben – und sogar zu sterben.

»Pst, Michele.« Seine Schwester Emilia lugte um die Ecke. »Warum hat Papa so gebrüllt?«

Er warf noch einen kurzen Blick auf die Tür zum Büro seines Vaters, dann ging er hinüber zu Emilia. »Wir haben uns gestritten.«

»Schon wieder?«

»Ja, schon wieder.«

»Ich mag es nicht, wenn ihr streitet. Mamma weint dann immer. Kannst du nicht wieder reingehen und dich mit ihm vertragen?«

Seine Mutter. Sie würde einen hysterischen Anfall bekommen, wenn sie von dem Zerwürfnis mit seinem Vater erfuhr. »Nein, meine süße Emilia, dieses Mal nicht. Ich gehe fort.«

»Fort, aber wohin denn?«

»Sehr weit weg.«

»Dann bist du an Weihnachten nicht hier?«

»Ich komme nicht mehr zurück.«

Ihre Unterlippe begann zu beben, Tränen glitzerten in ihren Augen. »Nie mehr?«

»Für sehr lange Zeit nicht.« Wenn die Revolution erfolgreich war, wenn Italien frei war, vielleicht sah sein Vater dann ein, dass er für etwas Gutes gekämpft hatte. Womöglich konnte er dann zurückkehren. Er strich Emilia über die dunklen Locken. »Sei brav, kleine Schwester, und sing ein Lied für mich.«

Sie hatte die Stimme eines Engels. Wenn sie sang, war es, als hielte die Welt den Atem an.

»Ich werde für dich singen.« Ihre Stimme war tränenschwer.

»Sag Mamma Lebewohl von mir.« Ein dicker Kloß saß in seiner Kehle. Er küsste sie auf die Stirn, schluckte und wandte sich dann abrupt ab.

In seinem Zimmer packte er ein paar Sachen zusammen. Ein zweites Paar Reithosen, zwei Hemden zum Wechseln und eine schlichte kragenlose Arbeitsjacke. Noch brauchte er sie nicht, doch in den Bergen konnte es auch im September schon kühl werden. Zum Schluss setzte er den breitkrempigen Hut auf, der den Hüten der Butteri, der Rinderhirten der Maremma, glich, und steckte das Geld ein, das Andrea Mantelli ihm für seine Mission gegeben hatte. Es war eine beträchtliche Summe. »Geh in die Dörfer«, hatte Andrea ihn angewiesen. »In die Osterien und Tavernen. Setz dich zu den Bauern und den Tagelöhnern, spendier ihnen Wein und, wenn sie hungrig sind, einen Teller Pasta. Höre genau zu, was sie reden. Sind sie unzufrieden? So unzufrieden, dass sie bereit sind für eine Revolution? Dann erzähle ihnen von Giovine Italia und unseren Zielen. Wir brauchen den Rückhalt in der ländlichen Bevölkerung, in den Städten haben wir genug Anhänger. Es war der Fehler der Carboneria, im Geheimen operieren zu wollen. Deshalb sind die Aufstände gescheitert. Jetzt müssen wir die Massen wachrütteln.« Er würde sich in Lucca mit Luciano treffen, einem Freund aus Kindertagen, der ebenso ein Carbonaro und Mitglied von Giovine Italia war. Gemeinsam würden sie über die Berge nach Modena reiten, um sich dort mit weiteren Carbonari zu treffen. Von Modena aus sollten sie nach Parma, Cremona und Piacenza gehen und schließlich über Alexandria nach Genua zurückkehren. Mazzini hatte gesagt, Italien gleiche einem schwelenden Brand, nur ein Funke fehlte, um einen Feuersturm zu entfachen, der die fremden Könige aus dem Land fegen würde. Es war ihre Aufgabe, diesen Funken in die Dörfer zu tragen. Wenn alles nach Plan verlief, würde im nächsten Frühjahr der Sturm ausbrechen.

Er warf einen letzten Blick aus dem Fenster, dann verließ er den Raum.

Vor den Ställen traf er auf seinen Bruder.

»Michele! Was ist passiert? Emilia sagte, du hättest mit Vater gestritten und gingest fort?«

Michele nickte. »Ich brauche ein Pferd.« Sein Hengst brauchte Ruhe und außerdem wollte er ihm den langen Ritt nach Modena nicht zumuten.

»Wo willst du denn hin?«

»Zunächst in die Berge.« Mehr durfte er auch Enrico nicht sagen. Seine Mission war geheim.

»In die Berge.« Nachdenklich tippte Enrico sich mit dem Zeigefinger an die Unterlippe und blickte sich im Stall um. »Nimm Rinaldo hier.«

Er deutete auf einen Fuchs mit dunkler Mähne und dunklem Schweif. Nicht sehr groß, aber kräftig. Ein typisches Pferd der Maremma. »Er ist ausdauernd und trittsicher.« Er zögerte. »Musst du wirklich gehen? Du kennst doch Vater. Tauche unter. Silvana besitzt ein kleines Stück Land in der Nähe von Castagneto della Gherardesca, ein paar Wegstunden von hier. Dort leben nur ein paar Pächter. Dort könntest du unterkommen, bis der Sturm hier vorbei ist.«

»Dieser Sturm wird nicht vorbeigehen. Er hat mich rausgeschmissen.«

Enrico seufzte. »Was hast du nun wieder angestellt?«

Liebevoll musterte Michele seinen Bruder. Sie sahen einander überhaupt nicht ähnlich. Er selbst kam ganz nach seiner Mutter: groß, schlank und dunkel, mit schwarzen Haaren und blauen Augen. Enrico dagegen glich Don Piero. Er war ebenso untersetzt und kräftig wie sein Vater, seine Haut war hell und sein Haar hatte die gleiche hellbraune Farbe. Zum Glück beschränkte sich die Ähnlichkeit auf Äußerlichkeiten. Im Gegensatz zu dem Don war Enrico warmherzig und großzügig. Er liebte die Menschen, das Leben und seine üppige Frau Silvana. Und natürlich liebte er Alberi d’Argento. Der Zorn, der seit Jahren in Michele schwelte, galt nicht Enrico.

»Nichts habe ich angestellt, großer Bruder. Ich habe endlich wieder ein Ziel.«

Entgegen der Anweisung seines Vaters verließ er das Gut nicht auf dem direkten Weg. Sein Pferd am Zügel führend, wanderte er den staubigen Pfad entlang zu einem Feld am Ende der Weingärten. Hier hatten Enrico und er vor einigen Jahren eine neue Weinsorte angepflanzt, die erst 1820 von Herzog Manfredo di Sambuy aus Frankreich importiert worden war. Ein Experiment, von dem sein Vater zwar wusste, für das er aber nur ein Achselzucken übrighatte. Er hatte es nur zugelassen, weil Enrico es als seinen Plan präsentiert hatte. Niemals hätte Don Piero Land für eine von Micheles verschrobenen Ideen, wie er es nannte, zur Verfügung gestellt. Aber als Enrico dafür plädiert hatte, ein kleines Feld mit Cabernet Sauvignon zu bebauen, hatte er nachgegeben. Der erste Wein vor zwei Jahren war hervorragend gewesen. Anfängerglück hatte Don Piero es genannt. Doch auch aus der zweiten Ernte war ein Wein hervorgegangen, der seinesgleichen suchte. Wenige Flaschen nur, die jedoch bei Weinkennern reißenden Absatz gefunden hatten.

Michele ließ das Pferd stehen und pflückte ein paar Trauben, die dick und dunkelblau an den Reben hingen. Er steckte sie in den Mund und schloss die Augen. Sie schmeckten nach Sommer, nach der Erde der Toskana und nach der Macchia, die an der Küste wuchs und deren würzigen Duft der Wind bis hierher wehte. Aus ihnen würde kein leichter, lieblicher Wein werden, sondern einer, der nach dem ersten Glas trunken machte, weil er sämtliche Aromen dieses Landes in sich trug.

Abrupt wandte er sich um. Er würde nicht erleben, wie aus diesen Trauben Wein wurde. Er spuckte die harten Schalen aus und bestieg sein Pferd. Er hatte eine andere Aufgabe: Nicht mehr Wein zu machen, sondern mitzuhelfen, dieses Land neu zu gestalten.

4. Kapitel

Cerreto – September 1832

Hab keine Angst, bei mir bist du sicher.« Eine Männer- stimme wie der Klang eines Cellos, melodisch, sanft, ein wenig traurig. Antonella rollte sich unter der Decke zusammen, sie wollte weiterträumen, sich in dieser Stimme verlieren, die so verlockend war wie der Gesang der Feen am Monte Ventasso.

»Los, steh endlich auf!« Das schrille Organ ihrer älteren Schwester schob sich in ihre Träume, verdrängte das Bild des dunkelhaarigen Helden, der sie gerade hatte retten wollen.

»Ja, ja, ich komme gleich«, murmelte Antonella und versuchte, zumindest einige Fetzen ihres Traumes festzuhalten. Doch Teresa zog erbarmungslos die Decke fort und die kühle Morgenluft wehte die Bilder davon wie den Nebel in den Tälern der Apuanischen Alpen. Seufzend öffnete Antonella die Augen und setzte sich auf. Die Fensterläden waren bereits zurückgeschlagen, fahles Licht fiel in das Zimmer, das sie sich mit ihren beiden Schwestern teilte.

Es war ein schöner Morgen. Noch war die Luft rau und brachte eine erste Ahnung vom Winter, denn die Sonne hatte die schroffen Felsen der Berge noch nicht überwunden. Doch der Himmel zeigte bereits jenes makellose Blau, das einen warmen Tag ankündigte. Das laute Kreischen von Perlhühnern zerriss die Stille.

»Diese dummen Faraonas machen mich noch wahnsinnig«, nörgelte Teresa, während sie ihre Bettdecke zusammenfaltete. »Warum können wir nicht normale Hühner halten wie andere Leute auch. Die gackern wenigstens nur.«

Im Stillen stimmte Antonella ihrer Schwester zu. Der Lärm, den die Perlhühner veranstalteten, ähnelte dem Quietschen von verrosteten Türangeln, dagegen war das Gackern normaler Hühner geradezu wohlklingend. Doch das Fleisch der Faraonas hatte ein leichtes Wildaroma, das an Fasan erinnerte, weshalb die Reichen und Vornehmen in Parma oder Modena sie gerne bei ihren Festmahlen servierten.

Widerwillig stieg Antonella aus dem Bett und tappte hinüber zum Waschtisch. Der Holzboden war kalt, ebenso wie das Wasser im Krug. Sie zog das Leinenhemd aus und wusch sich flüchtig, derweil Teresa gerade der jüngsten der Battistonischwestern die Decke fortzog.

»Raus aus dem Bett, die Faraonas warten auf ihr Futter.«

Giovanna rekelte sich und gähnte ungeniert. »Ist ja gut, ich stehe schon auf.«

Während Giovanna sich unter dem kritischen Blick von Teresa wusch, schlüpfte Antonella in ein Unterkleid aus ungefärbtem Leinen, über das sie einen schwarzen Rock und ein rotbraunes Mieder zog. Ihr Haar hatte sie bereits vor dem Schlafengehen gekämmt und zu einem festen Zopf geflochten, der ihr fast bis zur Taille fiel. Immer noch waren ihre Gedanken bei ihrem Traum, sie versuchte, sich an das Gesicht des Mannes zu erinnern, doch sein Bild verschwamm vor ihrem inneren Auge.

Giovanna stupste sie in die Seite. »Na, träumst du noch? Du hast vergessen, dein Bett zu machen.«

»Klar träumt sie noch.« In Teresas Stimme schwang eine Mischung aus Spott und Neid. »Von dem schönen Paolo, den sie im nächsten Jahr heiraten wird.«

Antonella schwieg und blickte aus dem Fenster auf die Berge. Die Stimme, die sie in ihrem Traum gehört hatte, war nicht Paolos gewesen, und auch wenn sie sich sein Gesicht nicht mehr vorstellen konnte, der Mann hatte anders ausgesehen.

»Siehst du, sie hört uns gar nicht zu«, stichelte Teresa. »Sag, nach was hältst du Ausschau, Antonella? Schleicht dein Paolo hinter dem Stall herum, um dort auf dich zu warten? Macht er dir schöne Augen und träufelt dir süße Worte in die Ohren? Pass auf, du weißt was mit Mädchen passiert, die vor der Hochzeit schwanger werden.«

Heiß schoss ihr das Blut ins Gesicht. »Was schwätzt du da! So etwas würde er nie tun.«

»Du bist ja nur neidisch«, sagte Giovanna patzig. »Weil du schon zwanzig bist und noch mindestens ein Jahr warten musst, bis du deinen Tommaso heiraten kannst und weil er lange nicht so fesch ist wie Paolo.«

Sie sprach aus, was Antonella dachte. Früher hatte Teresa Paolo nie beachtet, doch seit Ferragosto stichelte sie bei jeder Gelegenheit gegen ihn. Sie mochte ihn nicht, aber warum, wenn es kein Neid war?

Teresa schob das Kinn vor. »Pah, ich bin doch nicht neidisch. Es stimmt, Tommaso ist nicht so hübsch wie das Müllersöhnchen, aber dafür ist er ehrlich und anständig und schaut nicht immer anderen Weibern hinterher.«

Antonella fuhr herum. »Was soll das heißen?«

»Was wohl? Hast du noch nicht bemerkt, dass er sich an Waschtagen immer am Fluss herumtreibt? Was will er da, wenn nicht den Frauen auf die Beine und in den Ausschnitt starren? Außerdem hat Francesco erzählt, wie er im letzten Winter mit den Hirten in der Maremma war, da wollte einer der Rinderzüchter Paolo verprügeln, weil er sich heimlich mit seiner Tochter getroffen hat, und dann hatte er noch was mit einer Witwe aus Donoratico – sagt Francesco.«

»Ausgerechnet Francesco«, schnaubte Antonella. »Der ist eine schlimmere Klatschtante als die alte Gemma. Das Lavatoio liegt direkt an der Mühle, warum sollte Paolo nicht dort sein?«

Energisch klopfte sie die mit getrockneten Kastanienblättern gefüllte Matratze zurecht und faltete die Decke zusammen.

»Wen ich wohl mal heiraten werde?« Giovanna zwirbelte einen ihrer Zöpfe zwischen den Fingern. »Ich hoffe, er wird jung und hübsch sein. Ich will nicht so einen Mann wie die arme Maria. Ihr Sergio ist schon fünfunddreißig und hat zwei Kinder von seiner ersten Frau.«

Teresa stemmte die Hände in die Hüften. »Was du da redest! Mit fünfunddreißig ist ein Mann noch nicht alt. Maria hatte Glück, dass sie überhaupt einer genommen hat, mit ihrem kurzen Bein. Wer will schon eine, die hinkt. Wer weiß, vielleicht humpeln ihre Kinder auch.«

»Du bist boshaft«, fuhr Antonella ihre Schwester an. »Du weißt genau, dass Maria nur hinkt, weil sie als Kind schwer krank war. Und sie ist sehr hübsch.«

Scherzhaft zog sie an Giovannas Zopf. »Du bist noch viel zu jung, um ans Heiraten zu denken. Werde erst mal erwachsen.«

Giovanna schob die Unterlippe vor. »Ich bin kein Kind mehr. Immerhin bin ich schon vierzehn.«

Lächelnd wandte Antonella sich ab und stieg die Treppe hinunter. Ihre Holzpantinen klapperten auf den schmalen Stufen. Aus der Küche drang ein intensiver Duft nach Rosmarin und Knoblauch. Ihre Mutter stand am Tisch und knetete den Teig für das würzige Fladenbrot, das es heute Abend geben würde.

»Guten Morgen, Mamma!«

Rina wandte sich um. »Guten Morgen, Lella. Gehst du die Ziegen melken?«

»Ja.« Sie griff nach ihrem Umhang, der neben der Haustür an einem Haken hing und nahm den Eimer für die Milch. Wenn ihre Mutter doch nur endlich aufhören würde, sie Lella zu nennen. Als kleines Mädchen hatte sie diesen Kosenamen geliebt, doch für eine Frau, die im nächsten Jahr verheiratet sein würde, erschien er ihr nicht passend.

Als sie in den Hof hinaustrat, sprang ihr der große Hund ihres Vaters schwanzwedelnd entgegen. Lachend kraulte Antonella das weiße, gelockte Fell. »Nico, wer hat dich denn von der Kette gelassen?«

Nico setzte sich vor sie, zog die Lefzen zurück und ließ die Zunge heraushängen. Es sah aus, als lächelte er. Das war seine Art, um Futter zu betteln. Sie streichelte ihm kurz über den Kopf. »Ich habe nichts für dich.«

Als hätte er sie verstanden, stand der Hund auf, trottete zurück zu seiner Hütte und legte sich davor. Von dort aus hatte er sowohl die Haustür als auch die Ställe im Blick.

Die Ziegen wurden nachts in einem Gatter hinter dem Haus gehalten. Antonella öffnete das Tor, wich dem Bock aus, der versuchte, den Kopf in den leeren Eimer zu stecken, und band die beiden Mutterziegen an. Während sie molk, ließ sie ihre Gedanken schweifen. Paolo sähe den Weibern nach, behauptete Teresa. Gerne hätte sie diese Bemerkung als puren Neid abgetan wie Giovanna, aber ein Stachel blieb. Zwar kannte sie ihren Verlobten seit ihrer Kindheit – wie jeden im Dorf, jedoch hatte er sie bis vor einigen Monaten kaum beachtet. Eigentlich wusste sie nicht viel über ihn. Dank seiner wohlhabenden Eltern galt er als gute Partie und niemand hätte erwartet, dass er die Tochter eines Schäfers zur Braut nehmen würde. Nachdem er an Ferragosto fast ausschließlich mit ihr getanzt hatte, hatte er ihr in den folgenden Wochen den Hof gemacht, in allen Ehren natürlich, und vor drei Tagen hatte sein Vater schließlich bei Roberto Battistoni vorgesprochen und für seinen Sohn um ihre Hand gebeten. Antonellas Vater war entzückt gewesen, galt es doch, drei Töchter unter die Haube zu bringen. Sie selbst konnte es noch gar nicht so recht begreifen, dass einer der begehrtesten und reichsten jungen Männer in Cerreto ausgerechnet sie zur Frau nehmen wollte. Er hätte jede im Dorf haben können, aber er hatte sie, Antonella, gewählt. Selbst wenn er früher anderen Frauen nachgeschaut haben mochte, seit Ferragosto war es damit vorbei, dessen war sie sicher.

Das Frühstück bestand aus Ziegenmilch und dem Rest Polenta vom Abend zuvor. Antonellas Vater aß schnell und schweigend. Danach griff er nach seinem Umhang und dem Schäferstab. »Wir gehen mit den Schafen auf die Weiden am Fluss. Heute Abend bin ich wieder hier.«