Über Michelle Kelly

Michelle Kelly lebt in Coventry. Sie hat zwei Kinder und macht leidenschaftlich gern Yoga, von dem sie meint, dass es sie gesund hält. Ihr Roman »When I was Not Whatching« stand in England und Australien auf den Krimi-Bestsellerlisten.Im Aufbau Taschenbuch erscheint 2016 ihr Kriminalroman »Mord im stillen Belfrey«.

Ulrike Seeberger, geboren 1952, Studium der Physik, lebte zehn Jahre in Schottland, arbeitete dort u.a. am Goethe-Institut. Seit 1987 freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Nürnberg. Sie übertrug u.a. Autoren wie Philippa Gregory, Vikram Chandra, Alec Guiness, Oscar Wilde, Charles Dickens, Yaël Guiladi und Jean G. Goodhind ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Tod in Belfrey

Während eines romantischen Abendessens mit Keeley, der Inhaberin des neuen Yoga-Cafés in Belfrey, erhält Detective Constable Ben Taylor die Nachricht, dass der Bürgermeister der kleinen Stadt in seinem eigenen Wohnzimmer erstochen wurde. Sofort gerät dessen Freundin Raquel, Keeleys Rivalin seit Schulzeiten, in Verdacht. Raquel hat sich vor kurzem auf offener Straße heftig mit dem Bürgermeister gestritten. Da kann sich Keeley natürlich schlecht aus den Ermittlungen heraushalten.

Mit Rezepten aus Keeleys Yoga-Café

Keeleys Yoga-Café in der kleinen englischen Stadt Belfrey ist zu einer Institution geworden, und ihre Beziehung zu dem gutaussehenden Detective Constable Ben Taylor hat sich prächtig entwickelt. Da wird der Bürgermeister von Belfrey grausam ermordet. Keeleys Freundin Raquel, die Hauptverdächtige, bittet sie um Hilfe. Aber Ben möchte seine Freundin unbedingt aus den Ermittlungen raushalten. Das wird nicht nur gefährlich für Keeley, sondern bietet auch jede Menge Sprengstoff für ihre Beziehung.

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Michelle Kelly

Das bisschen Mord

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

Inhaltsübersicht

Über Michelle Kelly

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Danksagungen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Epilog

Rezepte aus dem Yoga-Café

Impressum

Für Alfie,
mein kleines Wunder

Danksagungen

Allen, die dazu beigetragen haben, die Idee zu Keeleys Geschichte in die Wirklichkeit umzusetzen: Isabel Atherton von Creative Authors, Anne Brewer und Jennifer Letwack bei Thomas Dunne Books, und all denen, die mir während des Schreibens mit Tassen Kaffee und Worten der Ermutigung geholfen haben, ein ganz aufrichtiges Dankeschön.

Kapitel 1

Erdbeeren und Mitgefühl. Keeley hatte festgestellt, dass die gut zusammenpassen.

Keeley reichte eine Schale besagter Erdbeeren mit Sahne auf pflanzlicher Basis über die Theke und lächelte ihren Kunden mit dem erforderlichen Mitgefühl an. Duane war in den letzten Wochen zum Stammgast im Yoga-Café geworden, weil er seit seinem jüngsten Herzschmerz nicht mehr so recht wusste, wohin mit sich.

»Ich kann einfach nicht glauben, dass sie mich für den verlassen hat«, sagte er gerade etwa zum zwanzigsten Mal an diesem Morgen. Keeley warf ihm ein höfliches, inzwischen nicht mehr ganz so mitfühlendes Lächeln zu. Duane schien der Einzige in ganz Belfrey zu sein, der nicht begriffen hatte, was für eine Goldgräbermentalität seine inzwischen Ex-Freundin Raquel Philips besaß. Glamourös, verzogen, dazu noch Keeleys Nemesis aus der Oberschule, hatte Raquel schon immer einen wachen Blick für ältere Herren mit Geld gehabt. Als sie kürzlich Duane nach ein paar Monaten verlassen hatte, um sich dem Bürgermeister zuzuwenden, fand Keeley folglich, dass das ein für sie ganz typisches Verhalten war.

Duane, dem attraktiven Fitnesslehrer, machte jedoch Raquels Entscheidung eindeutig schwer zu schaffen. Keeley konnte den Grund verstehen. Duane war sich seines guten Aussehens und seines gestählten Körpers mehr als bewusst und neigte zu der Annahme, dass alle Frauen seiner näheren Umgebung nur auf ihn warteten. Keeley hatte ihm vor seinem Verhältnis mit Raquel selbst schon einen Korb gegeben, konnte sich also gut vorstellen, welchen Schlag Duanes Ego nun erlitten hatte.

Trotzdem war Keeley, nachdem sie wochenlang nichts anderes gehört hatte, dieses Thema allmählich ein wenig leid. Sie versuchte, interessiert zu schauen, als Duane sich mit seinen Erdbeeren an einen Tisch setzte und gleich wieder zu einem Monolog über seine verlorene Liebe anhob. Keeley schaute zur Tür, betete um einen plötzlichen Ansturm von Kunden, eine Ausrede, einfach nicht mehr hinzuhören. Dann bekam sie Gewissensbisse. Sie hatte schließlich gut reden. Ihre noch ganz neue Beziehung zu Detective Constable Ben Taylor ließ sich gut an. Mehr als gut. Tatsächlich hatte Keeley manchmal das Bedürfnis, sich zu kneifen, weil es ihr noch wie ein Traum vorkam, dass ein Mann wie Ben sie nicht nur wollte, sondern sogar behandelte, als wäre sie die einzige Frau auf der Welt. Ganz zu schweigen davon, dass sie in der Oberschule total für Ben geschwärmt hatte und er ihr damals unerreichbar erschienen war. Wenige Monate, nachdem Keeley nach zehnjähriger Abwesenheit wieder nach Belfrey gezogen war, um ihren Traum zu verwirklichen und den alten Fleischerladen ihres Vaters in ein vegetarisches Café zu verwandeln, hatten sie und Ben endlich zusammengefunden. Keeleys Ankunft in Belfrey war mit einem schrecklichen Mord zusammengefallen, und völlig unerwartet hatte sie im Zentrum des Geschehens gestanden.

Noch dazu als Verdächtige. Ihr Wiedersehen mit dem Gegenstand ihrer Teenager-Schwärmerei war eher eine Befragung über ihren Aufenthalt zur Tatzeit gewesen als ein Wiederaufflammen alter Begierden. Und doch musste sie dann irgendwann feststellen, dass sie sich wieder über beide Ohren in Ben Taylor verliebt hatte, der damals der bestaussehende Junge der Schule und heute, zumindest ihrer bescheidenen Meinung nach, der bestaussehende Mann der Stadt war.

Nicht dass es allein sein Aussehen war, das sie anzog. Wenn sie nur einen hübschen Typen hätte haben wollen, wäre sie wahrscheinlich bei Duane gelandet und hätte ihn damit vor seinem gegenwärtigen Herzschmerz bewahrt, den ihm die wunderschöne, aber ebenso bösartige Raquel verursacht hatte. Wenn überhaupt, dann hatten Bens wie gemeißelt aussehende Wangenknochen, sein voller Mund, seine mühelose körperliche Stärke Keeley eher abgeschreckt. Ihre erste unglückliche Liebe hatte ihr das Herz gebrochen, so dass sie nun zögerte, noch einmal einem Mann mit so offensichtlichen Reizen Vertrauen zu schenken. Nein, was sie überzeugt hatte, waren Bens Mut, seine Loyalität und Anständigkeit gewesen. Dafür, dachte sie, konnte man in Kauf nehmen, dass er ab und zu ein bisschen knurrig war und dazu neigte, zwei verschiedene Socken zu tragen.

Keeley konnte es sich also leisten, ein wenig mehr Geduld mit dem armen Duane zu haben. Sie atmete lange und tief ein, versuchte, Mitgefühl in sich heraufzubeschwören, schenkte sich eine Tasse Pfefferminztee ein und setzte sich Duane gegenüber an den Tisch.

»Ich fand, dass wir perfekt zueinander passten«, sagte der gerade und schob seine Erdbeeren mit dem Löffel in der Schale herum. »Ich hatte echt tolle Pläne für ihr Bistro, weißt du? Wir haben sogar daran gedacht, die Speisekarte umzustellen, gesünderes Essen anzubieten, sogar vegetarische Speisen …« Duane unterbrach sich mitten im Satz, nachdem ihn Keeley, deren Mitgefühl rasch dahinschmolz, mit hochgezogenen Augenbrauen angeschaut hatte. Raquel war die Besitzerin des Bistros um die Ecke, gleich beim Busbahnhof, und hatte aus ihren Gefühlen darüber, dass Keeley ein neues Café so nahe bei ihrem eröffnete, keinen Hehl gemacht. Trotz Keeleys Einwand, dass sie doch sehr unterschiedliche Geschmacksrichtungen ansprechen wollten, weil das Bistro eher traditionelle englische Landküche anbot, hatte Raquel sie weiterhin als Rivalin betrachtet. Dass sie darüber hinaus ein Auge auf Ben geworfen hatte, half wahrscheinlich auch nicht gerade; in ihren weniger freundlichen Augenblicken hatte Keeley sich oft gedacht, dass Raquel sich zunächst nur auf Duane eingelassen hatte, weil sie irrigerweise glaubte, damit könne sie Keeley ärgern. Nun war Keeley doch ein bisschen verletzt, weil Duane tatsächlich vorgehabt hatte, mit Raquel zusammen eine Speisekarte zu planen, die ihrer sicherlich Konkurrenz machen sollte. Obwohl Keeley ihm einen Korb gegeben hatte, hatte sie angenommen, dass Duane ihr Freund war, zumal er ihr dazu verholfen hatte, im Freizeitzentrum von Belfrey Yoga-Kurse anzubieten. Außerdem hatte sie sich mit Duanes Cousine Megan sehr angefreundet, die vor Ort einen New-Age-Laden betrieb.

»Verstehe«, sagte Keeley knapp. Duane hatte zumindest den Anstand, beschämt dreinzuschauen.

»Sie war ziemlich neidisch auf deinen Erfolg, weißt du. Sie hat immer gesagt, ein vegetarisches Café in dieser Gegend sei eine blödsinnige Idee; und als sie dann gesehen hat, dass du so prima ankamst, da wollte sie einfach ihr Bistro ein bisschen erweitern.«

»Verstehe«, wiederholte Keeley. Duane verstummte, zweifellos, weil er begriffen hatte, dass er mit seinen Beschwichtigungsversuchen die Sache nur noch schlimmer machte. Trotzdem sollte sie sich eigentlich geschmeichelt fühlen. Viele Leute am Ort hatten deutliche Zweifel geäußert, ob es klug wäre, in einem traditionellen Bauernort ein vegetarisches Café zu eröffnen, noch dazu ausgerechnet im alten Fleischerladen ihres Vaters. Aber die ersten paar Monate hatten bewiesen, dass das Café zwar kein Bombenerfolg, aber auch keine Bauchlandung war. Keeley machte bereits bescheidene Gewinne, und im heutigen Wirtschaftsklima für kleine Unternehmen war das mehr, als sie sich erhofft hatte. Wichtiger noch als die Finanzen war für sie, dass das Café sich rasch zu dem Ort entwickelte, wo man in Belfrey hinging, wenn einem der Sinn nach frischem Essen und freundlichen Gesichtern stand. Keeleys Pläne, in der Wohnung über dem Laden Yoga-Kurse anzubieten, waren bisher noch dadurch behindert, dass sie nach den makabren Ereignissen in dem von ihr angemieteten Rose Cottage im Frühling selbst in die Wohnung ziehen musste. Aber all ihre Träume für das Yoga-Café waren Wirklichkeit geworden. Selbst ihre Mutter würde keinen Grund zu Beschwerden haben.

Keeley dachte an ihre Mutter und verzog das Gesicht, änderte in dem Punkt noch einmal ihre Meinung. Denn Darla Carpenter fand immer etwas, über das sie sich beschweren konnte, besonders wenn es etwas mit ihrer Tochter zu tun hatte. Tatsächlich war die einzige dunkle Wolke an Keeleys Himmel der bevorstehende Besuch ihrer Mutter. Die Erinnerung daran ließ allen Ärger über Raquel oder Duane verblassen. Verglichen mit Darla war Raquel beinahe freundlich, selbst wenn Darla ausnahmsweise mal einen ihrer netteren Tage hatte.

In Wahrheit hatte sich Keeley nie gut genug für ihre ultrakritische und stets makellos gepflegte Mutter gefühlt. Keeley war ein übergewichtiges, schüchternes Kind gewesen und hatte stets die Enttäuschung in Darlas Augen gesehen, wenn die ihre Tochter anschaute. Obwohl die anbetende Liebe ihres Vaters den Mangel an mütterlicher Wärme wettgemacht hatte, hatte sein Tod vor zehn Jahren Mutter und Tochter nur noch weiter voneinander entfernt. Nach einer schmerzlichen Liebesgeschichte war Keeley nach Indien und dann Amerika aufgebrochen. Sie war als erfolgreiche Yoga-Lehrerin zurückgekehrt, sonnengebräunt und schlank, aber ihre Mutter vermittelte ihr immer noch im Handumdrehen das Gefühl, wieder ein molliger Teenager zu sein. Obwohl sie wusste, dass es ein unrealistischer Traum war, Lob von ihrer Mutter zu erwarten, hoffte sie doch, dass Darla davon beeindruckt sein würde, was sie aus dem Laden ihres Vaters gemacht hatte. Keeley schaute sich im Raum um und gestattete sich ein wenig Besitzerstolz. Der Linoleumfußboden und die große Fleischtheke waren verschwunden, ebenso wie der schreckliche Geruch nach frischem Schweinefleisch. Stattdessen waren da nun helle Holzdielen, dazu passende Tische und Stühle, eine kleine Theke, bunte Vorhänge, die mit den Bildern an den Wänden harmonierten, die zumeist Bilder von Früchten in hellen, frischen Farben waren, die beinahe aussahen, als könne man sie essen. In der hinteren Ecke standen eine Salatbar und eine Maschine zum Zubereiten von Smoothies. In den Fenstern und auf den Tischen prangten frische Blumen. Das Yoga-Café sollte nicht nur etwas für den Geschmackssinn, sondern auch für das Auge bieten, und Keeley glaubte, dass sie dieses Ziel erreicht hatte. Einfach war es nicht gewesen, denn als sie in Belfrey ankam, war das Ladengeschäft nach einem Brand vom Rauch schwer mitgenommen und zudem mit Tatortband der Polizei abgesperrt, weil man wegen Brandstiftung und einem schaurigen Mord ermittelte.

Wenn sie erwartet hatte, das Leben auf dem Land würde ruhig werden, dann waren jedenfalls die ersten paar Monate alles andere als das gewesen. Inzwischen hatten aber ihre Tage einen angenehmen Rhythmus bekommen. Sie hatte zwar jede Menge zu tun, doch die Arbeit war sehr befriedigend. Ihre Tage waren angefüllt mit dem Café, den Yoga-Kursen, Ben und ihren Freunden.

Die Glocke an der Tür bimmelte. Keeley blickte auf und sah eine ihrer Freundinnen mit fliegenden Dreadlocks hereinkommen. Megan grinste ihr entgegen und eilte zu ihr, um sie in eine nach Patschuli duftende Umarmung zu schließen. Keeley drückte ihre Freundin genauso herzlich an sich, schaute ihr dann über die Schulter und auf die beiden Leute, die mit ihr gekommen waren. Eine junge Frau mit rosa Stachelhaaren und tätowierten Sternchen auf einer Wange hing am Arm eines Mannes, der es in puncto blendendes und gesundes Aussehen locker mit Duane aufnehmen konnte. Er lächelte Keeley an, und die Frau rückte sofort näher an ihn heran, als wolle sie Keeley warnen. Die schaute Megan mit hochgezogener Augenbraue an.

»Keeley, das sind Suzy und Christian. Sie wohnen während des Kunstfestivals bei mir. Ich wollte dich da auch noch um einen Gefallen bitten.« Megan schaute sie mit weit aufgerissenen, hoffnungsvollen Augen an, und Keeley musste sich ein Lächeln verkneifen. Sosehr sie Megan mochte, so waren doch einige ihrer Ansichten und einige ihrer Freunde, gelinde gesagt, ein bisschen schräg. Keeley hatte nie vergessen, wie sie einmal ins Café gekommen war und auf dem Hinterhof Megan und ein paar ihrer New-Age-Freunde angetroffen hatte, die versuchten, das Café »von negativer Energie« zu reinigen. Der »kleine Gefallen«, den Megan erwähnte, bestand vielleicht darin, dass sie das Café für eine Séance nutzen oder Keeley dazu überreden wollte, an einem Wünschelrutengang teilzunehmen.

»Du weißt doch, dass es beim Festival gewöhnlich einen Kunstspaziergang gibt. Daran beteiligen sich viele Einwohner, die den Künstlern ihre Häuser öffnen, so dass die dort ihre Werke präsentieren können? Wir dachten, es wäre eine gute Idee, auch ein paar von den Geschäften in der Stadt mit einzubeziehen. Und da habe ich überlegt, ob du nicht einige von Suzys Arbeiten hier zeigen möchtest?«

Keeley schaute zu Suzy, deren Gesichtsausdruck man nur als feindselig bezeichnen konnte. Sie war schwer in Versuchung, nein zu sagen; irgendwas an dieser Frau mit den stacheligen pinken Haaren ging ihr auf die Nerven. Doch dann hatte sie sofort Gewissensbisse, weil sie so wenig hilfreich war. Außerdem wurde das Kunstfestival von Belfrey schon seit Jahren immer an dem langen Augustwochenende mit dem Bankfeiertag abgehalten, und es brachte viele Besucher von außerhalb in die Stadt. Wenn sie das Café aufmachte und einige von Suzys Arbeiten zeigen würde, dann konnte ihr das eine Menge Kundschaft bringen, und sie hatte ja bisher keine Pläne für dieses lange Wochenende. Ben musste, wie immer, arbeiten. Als der einzige Kriminalbeamte in Belfry und den drei Städtchen der Umgebung hatte er sehr viel mehr zu tun, als man bei einem Kleinstadtpolizisten erwarten würde. Und außerdem war er auf eine Beförderung zum Detective Sergeant aus.

Keeley öffnete gerade den Mund, um zu sagen, sie wolle darüber nachdenken, als Megans nächste Worte ihr die Entscheidung abnahmen.

»Christian zeigt seine Sachen schon bei Raquel, das Bistro wird also auch geöffnet haben.«

Keeley schaute Megan mit verkniffenem Mund an. Die hatte ein spitzbübisches Funkeln in den Augen. Normalerweise versuchte Keeley ihr Möglichstes, um die Rivalität zwischen Raquel und sich nicht zu verstärken, weil sie glaubte, dass auf der High Street für sie beide Platz war. Aber Duanes Bericht über Raquels Pläne, auch eine vegetarische Speisekarte anzubieten, hatte in ihr einen Funken Kampfgeist entfacht.

»Okay, klar, das mache ich gern.« Megan und Christian strahlten sie an, während Suzy ihr nur ein mürrisches Lächeln schenkte, das, dachte Keeley bei sich, eher zu einer Dreizehnjährigen als zu einer erwachsenen Frau passte. Trotzdem versuchte sie, freundlich zu sein. Vielleicht war Suzy einfach nur verlegen, wenn sie neue Leute kennenlernte.

»Was für eine Art von Kunst machst du?«, fragte sie höflich, nachdem sie zu spät begriffen hatte, dass sie sich bereiterklärt hatte, die Arbeiten dieser Frau auszustellen, ehe sie sich auch nur erkundigt hatte, um was es sich handelte.

»Ich arbeite in Acryl«, antwortete Suzy und reckte das Kinn vor. Ihre dunklen Augen hatten eine Intensität, die ihre schrillen Haare und die bonbonfarben tätowierten Sterne noch betonte. Unter ihrem schrägen Aussehen war Suzy, bemerkte Keeley, atemberaubend schön, sie hatte perfekte Gesichtszüge und einen Schmollmund. Genauso attraktiv wie Christian, obwohl er mit seiner gebräunten Haut und dem leicht wuscheligen hellbraunen Haar ein wenig kerniger aussah. Beide hatten dieselben vollen Lippen und hohen Wangenknochen, und Keeley fragte sich, ob sie vielleicht Geschwister waren und kein Paar.

»Christian arbeitet in Kohle. Wir haben uns an der Kunsthochschule kennengelernt«, teilte ihr Suzy mit, ehe sie auch noch ihren anderen Arm um Christians Oberkörper schlang, der nun ein wenig peinlich berührt dreinschaute. Also eindeutig ein Paar.

»Du kennst Raquel?«, meldete sich nun Duane, der errötete, als sich ihm vier verblüffte Gesichter zuwandten. »Du hast gesagt, dass du deine Arbeiten im Bistro ausstellst«, erklärte er.

»Nein, ich bin nur kurz vorbeigegangen, habe ihr von meinen Bildern erzählt, und sie hat angeboten, die auszustellen. Sie scheint sehr nett zu sein«, antwortete Christian und erntete dafür böse Blicke von Suzy und Duane. Keeley zog eine Augenbraue in die Höhe und schaute Megan an, die mit einem Schulterzucken antwortete. Sie konnte sich gut vorstellen, dass Raquel sich begeistert auf den gutaussehenden jungen Künstler gestürzt hatte; vielleicht klammerte sich Suzy jetzt deswegen an ihn, als wäre er ihr Rettungsring. Keeley konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass die beiden ein seltsames Paar waren: Suzy mit ihrem pinken Haar, ihren Tätowierungen und ihren zerrissenen Jeans war das totale Kontrastprogramm zu Christians ungekünstelter Attraktivität und sportlichem Körper, den Blue Jeans und dem schlichten weißen T-Shirt, das seine Sonnenbräune noch betonte. Es war eine natürlich wirkende Bräune und nicht das Sonnenbank-Orange, das Duane oft hatte. Im Gegensatz dazu war Suzy porzellanblass. Auf den ersten Blick schienen auch ihre Persönlichkeiten kaum zueinander zu passen. Christian machte einen warmherzigen und unkomplizierten Eindruck, während Suzy, vorsichtig formuliert, ziemlich anspruchsvoll zu sein schien.

Keeley tadelte sich dafür, dass sie so voreingenommen war, und schenkte der rosahaarigen Künstlerin ein freundliches Lächeln, das aber nur mit einem noch grimmigeren Blick erwidert wurde.

»Ist wohl ’ne Freundin von dir, was?«, blaffte Suzy. »Diese Frau im Bistro?«

Keeley zögerte. »Eher eine Bekannte«, sagte sie und überhörte Megans kaum unterdrücktes Prusten. Ihre Freundin und Raquel konnten einander nicht ausstehen; und Megan hatte aus ihrem Missfallen über die Beziehung zwischen Raquel und Duane keinen Hehl gemacht, obwohl Keeley gefunden hatte, dass die beiden gut zueinander passten.

»Sie war meine Freundin«, sagte Duane in leidvollem Ton. Megan schaute Keeley an und verdrehte die Augen. Suzy blickte jedoch zu ihm hin, den Kopf leicht schräg gelegt, die Augen zusammengekniffen. Sie sieht aus wie ein Greifvogel, der gleich zuschlagen wird, dachte Keeley.

»War?«

»Suzy«, mahnte Christian, aber Duane beantwortete diese Frage nur zu gern.

»Ja, sie hat mich verlassen. Alles habe ich ihr gegeben. Ich habe wirklich geglaubt, wir hätten eine Zukunft, weißt du? Wir hatten Pläne, auch für ihr Bistro …« Er bemerkte Keeleys Blick und schaute schuldbewusst weg. »… und gemeinsame Ziele, weißt du. Dann hat sie das alles weggeworfen, für einen alten Mann.« Bei den letzten Worten verzog er das Gesicht, und seine Stimme hatte einen bitteren Unterton, den Keeley bei ihm noch nie gehört hatte. Vielleicht sollten sie und Megan Duanes Herzschmerz nicht so leichthin abtun, überlegte Keeley mit einem Anflug von Mitgefühl. Er schien mehr zu leiden, als sie wahrgenommen hatte.

»Das ist hart, Mann«, erwiderte Christian, befreite sich von Suzys Klammergriff und nahm auf dem Stuhl Duane gegenüber Platz. Keeley war froh, dass Duane nun einen Gesprächspartner hatte, und wandte sich wieder Suzy und Megan zu.

»Also, wie viele Gemälde möchtest du hier zeigen, Suzy?«

Suzy spitzte die Lippen und schaute sich kritisch im Raum um. Was Keeley sofort an ihre Mutter erinnerte.

»Viel Platz ist ja nicht«, sagte die Künstlerin, »aber ich könnte ein paar von den kleineren Sachen an die Wände hängen, denke ich. Und ich würde gern eine größere Arbeit für das Fenster machen. Die würde ich erst am Tag des Festivals enthüllen.«

»Das klingt interessant. Was wäre das Thema?« Keeley hoffte, dass sie das richtige Wort gewählt hatte; sie hatte nicht viel Ahnung von Kunst. Suzy schaute sie an und blinzelte langsam.

»Na, das weiß ich doch jetzt noch nicht«, erwiderte sie in einem seltsamen Singsang. »Kommt drauf an, wohin mich die Muse entführt.«

»Aha«, meinte Keeley. Sie blickte Megan verdattert an, aber ihre Freundin nickte begeistert.

»Du solltest dir von mir ein Kristall holen«, sagte Megan. »Es gibt jede Menge Kristalle, die Kreativität und Inspiration fördern.«

Keeley entschuldigte sich, ging hinter die Theke und begann, daran herumzuwischen, obwohl sie schon sauber glänzte. Sosehr sie Megan mochte, so fehlte ihr doch manchmal das Verständnis für einige Ansichten ihrer Freundin. Andererseits, überlegte sie, hatten wohl viele Einwohner von Belfrey, vor allem die älteren, ähnlich über Yoga und vegetarische Ernährung gedacht.

»Sollen wir gleich was essen, wenn wir schon mal hier sind?«, fragte Christian Suzy, die gelangweilt mit den Schultern zuckte.

»Oh, das solltet ihr unbedingt!«, rief Megan und reichte Suzy die Speisekarte. »Keeleys Eiskrem-Smoothies sind köstlich, und sie hat einen wunderbaren Sommereintopf auf der Karte, wenn ihr was Sättigendes wollt.«

Keeley musste über die spontane Werberede ihrer Freundin lächeln, obwohl Suzy es tatsächlich schaffte, ihr feines Näschen noch mehr zu rümpfen.

»Ich nehme nur einen Kräutertee, bitte. Wir haben keinen Hunger.«

»Eigentlich«, wandte Christian ein, schenkte Keeley ein freundliches Lächeln und ignorierte Suzys bösen Blick, »würde ich sehr gern deinen Sommereintopf probieren. Was ist alles drin?«

»Oh, eine Mischung verschiedener Gemüse, hauptsächlich Kürbis und Zucchini, gewürzt mit Basilikum, Oregano und Knoblauch«, sagte Keeley mit einigem Stolz. Sie hatte das Gericht vor einem Monat auf die Speisekarte gesetzt, und es kam gut an.

»Das klingt lecker, das probiere ich mal«, sagte Christian und warf Keeley noch ein freundliches Lächeln zu. Wenn sie nicht mit Ben zusammen wäre, so hätte sie sich zu diesem jungen Mann gewiss hingezogen gefühlt. Sie begriff, warum Suzy sich so besitzergreifend aufführte; Christian bezauberte wohl unbewusst die Frauen, wohin er auch ging.

Keeley goss Suzys Tee auf und zog sich dann in die Küche zurück, um sich um Christians Eintopf zu kümmern. Sie hörte, wie Duane seinen vertrauten Monolog über Raquel hielt, während Christian ab und zu mitfühlende Laute murmelte. Megan schien den Versuch zu unternehmen, mit Suzy ein Gespräch zu führen, von der aber nur wenig zurückkam. Keeley fragte sich, ob Megan die beiden kannte und ob die junge Frau immer so mürrisch war, ob das irgendwie ihr »Künstlertemperament« war oder ob sie hier eine Schau abzog. Vielleicht hatte sie einfach nur einen schlechten Tag.

Dann wurde Keeley durch lautes Rufen draußen auf der Straße aus ihren Gedanken gerissen. Sie rannte mit dem Teller voll Eintopf aus der Küche und sah, dass ihre Freunde auf ein Paar starrten, das vor dem Fenster in einen hitzigen Streit geraten war. Die schrille Stimme der Frau war nicht zu verkennen. Es war Raquel, die so glamourös aussah wie immer, aber mindestens genauso wütend. Sie schrie den gehetzt wirkenden Gerald Buxby an, der am Ort Bürgermeister war und zudem der Mann, der dem untröstlichen Duane Raquel ausgespannt hatte. Duane war aufgesprungen und wollte schon zur Tür laufen, als Megan ihm die Hand auf den Arm legte.

»Halt dich da raus«, sagte sie in bestimmtem Tonfall zu ihrem Cousin. Keeley trat ans Fenster, wollte die Jalousie herunterziehen, begann sich dann aber beinahe gegen ihren Willen für den Streit zu interessieren. Die Tür zum Café stand ein wenig offen, und als Gerald nun mit seiner barschen Stimme zurückschrie, konnte man ihn gut hören.

»Du willst immer nur mehr, mehr, mehr, von morgens bis abends. Geb ich dir noch immer nicht genug?«

Raquel schaute wütend, ihr Gesicht war gerötet, und ihre dunklen Augen funkelten wie heiße Kohlen. Gerald musste wirklich zornig sein, wenn er so mit ihr redete, dachte Keeley, die aus eigener Erfahrung wusste, wie furchterregend Raquel sein konnte, wenn man sie reizte. Geralds Worte riefen allerdings nicht den Schwall von Beleidigungen hervor, die Keeley erwartet hatte; vielmehr wurde Raquel ganz steif und warf Gerald dann einen hochmütigen Blick zu. Keeley konnte ihre nächsten Worte nicht verstehen, aber der höhnische Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass sie giftig waren. Was immer sie gesagt hatte, Geralds gewöhnlich rosiges Gesicht wurde kreidebleich. Er machte den Mund auf und zu wie ein Goldfisch, während sich Raquel auf ihren teuren Absätzen umdrehte und wegstöckelte. Dabei schaute sie auf das Café, bemerkte die Gäste am Fenster und warf ihnen einen so bösen Blick zu, dass Keeley unwillkürlich zurückwich. Raquel blieb stehen, und Keeley glaubte, sie würde vielleicht zu ihnen hereinkommen und ihnen die Meinung sagen, als Gerald etwas hinter ihr herrief, das ihre Aufmerksamkeit vom Café ablenkte.

»Du bist nichts als ein verzogenes Blag. Ein Miststück, das nur aufs Geld aus ist!«, schrie der Bürgermeister. Raquel schien zu zögern, ging dann aber rasch fort, ohne sich noch einmal umzuschauen. Selbst von der anderen Straßenseite aus konnte Keeley sehen, dass Raquels Gesicht flammend rot war. Sie merkte, wie sich jemand an ihr vorbeischob, und sah, dass Duane aus der Tür und über die Straße rannte, hinter Raquel her, die sich umdrehte, mit dramatischer Geste in seine Arme sank und an seiner Schulter in Schluchzen ausbrach.

»Krokodilstränen«, schnaubte Megan. Keeley wandte sich ab, fühlte sich schlecht, weil sie gegafft hatte. Da warf Gerald in einer Geste der Verärgerung die Arme in die Höhe und ging in die entgegengesetzte Richtung, entfernte sich von Duane und der nun verzweifelten Raquel. Aus irgendeinem Grund schaute Keeley noch einmal zu den beiden hin, und da erblickte sie über Duanes Schulter hinweg Raquels Gesicht. In diesem Moment sah es gar nicht so aus, als weine die oder sei bestürzt, sondern als schaute sie dem sich entfernenden Gerald mit einem eisigen Blick nach, der Keeley Schauer über den Rücken jagte.

»Na«, sagte Christian verwirrt, »das kam ja ziemlich unerwartet. Geht es hier immer so dramatisch zu?«

»Kaum«, sagte Keeley, während Megan gleichzeitig begeistert nickte.

»Oh, hier in Belfrey geht wirklich was ab«, erklärte Megan Christian, und Keeley wand sich vor Verlegenheit. »Im April hat Keeley einen Mord aufgeklärt, wisst ihr. Der ist hier oben über dem Café geschehen, wo sie jetzt wohnt.« Megan übersah den Blick, den Keeley ihr zuwarf. Suzy starrte mit deutlich gewachsenem Interesse auf Keeley.

»Echt? Faszinierend. Ich hätte nicht gedacht, dass du so interessant bist.«

»Ich habe den Mord eigentlich nicht aufgeklärt«, sagte Keeley und überging die gehässige Bemerkung der jungen Frau. »Ich war eher zur falschen Zeit am falschen Ort.«

»Sie ist viel zu bescheiden«, protestierte Megan. »Keeley ist der Mörderin selbst entgegengetreten; sie war in schrecklicher Gefahr. Gott sei Dank ist Detective Constable Taylor rechtzeitig aufgetaucht. Er ist jetzt Keeleys Freund. Ach, das ist so romantisch.«

Suzy und Christian sahen Keeley nun mit gespannter Aufmerksamkeit an. Keeley entschuldigte sich und floh in die Küche, weil sie keine Lust hatte, noch einmal über die grausigen Ereignisse des vergangenen Aprils zu reden, obwohl die sie vor Ort zu einer Art Heldin gemacht hatten, ganz zu schweigen davon, dass sie den Umsatz am Eröffnungstag des Yoga-Cafés gewaltig gesteigert hatten.

In Wahrheit fühlte sie sich immer noch ein bisschen wackelig auf den Beinen, wenn sie an den Tag zurückdachte, als sie beinahe selbst zum Opfer der Mörderin geworden wäre, wenn Ben sie nicht in letzter Sekunde gerettet hätte. Dazu kam noch, dass sie aufgrund der Umstände gezwungen war, in die Wohnung über dem Café einzuziehen, die sie eigentlich für private Yoga-Kurse nutzen wollte und die zudem der Tatort war, wo man Terry Smith, einen Geschäftsmann aus Belfrey, umgebracht hatte, der auch Keeleys Eltern gekannt hatte. Manchmal, wenn Keeley spätnachts aufwachte, weil Füchse bellten oder Kirchenglocken läuteten, meinte sie, seine Anwesenheit noch spüren zu können. Das war natürlich blödsinnig, sie glaubte nicht an Gespenster, aber wenn man in den frühen Morgenstunden allein war, fiel einem das logische Denken schwer. Nur Ben wusste von ihrem Unbehagen, und deswegen hatten sie öfter die Nacht miteinander verbracht, entweder in seinem Haus in der Nähe des Wasserparks oder oben in ihrer beengten Wohnung. Sie wagte nicht, mit Megan darüber zu reden; ihre Freundin meinte es gut, würde aber wahrscheinlich eine Art Exorzismus oder sonst etwas Schräges vorschlagen.

»Keeley, alles in Ordnung mit dir?« Megan war ihr in die Küche gefolgt. Keeley lächelte ihre Freundin an, schüttelte sich innerlich, um ihre makabren Gedanken loszuwerden. Es war ein wunderschöner Tag, und sie konnte sich auf heute Abend und auf Ben freuen.

»Natürlich. Ich wüsste zu gern, was mit Raquel und Gerald war?«

Megan zuckte die Achseln. »Wer weiß? Es klang ganz so, als wäre Raquel wie immer und als hätte Gerald sie endlich durchschaut. Ich würde sagen, es geschieht ihr recht, aber jetzt hängt sie sich bestimmt wieder wie eine Klette an den armen Duane.«

»Er scheint sie sehr zu mögen«, sagte Keeley in neutralem Ton. Megan verdrehte die Augen.

»Die sind beide gleich selbstverliebt, das ist es. Wahrscheinlich glotzen sie sich nur in die Augen, um darin ihr eigenes Spiegelbild zu sehen.«

Keeley biss sich auf die Lippe, um nicht loszulachen. Stattdessen deutete sie mit dem Kopf auf den anderen Raum, wo Suzy darauf wartete, dass Christian seinen Eintopf aufaß.

»Was ist mit diesen beiden? Kennst du sie vom College?«

Megan schüttelte den Kopf. »Christian ist aus Bakewell, genau wie ich. Unsere Mütter sind befreundet; na ja, sie waren es. Seine ist vor einiger Zeit nach Nottingham gezogen. Er hatte auch eine Schwester. Christian hat Kunst studiert und ist vor ein paar Jahren mit Suzy im Schlepptau aufgetaucht. Sie ist brillant, ihre Arbeiten sind fantastisch.«

»Sie ist sehr ernsthaft«, sagte Keeley diplomatisch.

Megan grinste und erwiderte: »Künstlertemperament, was? Man sagt ja, dass Genies alle ein bisschen verrückt sind. Sie hinterlässt eine wirklich düstere Aura; ich werde mein Cottage mit Salbei reinigen müssen, wenn die beiden weg sind.«

»Ja«, sagte Keeley und überlegte, wie um alles in der Welt man mit Salbei reinigte, wollte es aber eigentlich doch lieber nicht wissen. »Christian scheint nicht so zu sein.«

»Christian ist echt nett, aber lass dich nicht von seinen treuen Hundeaugen täuschen. Er entwickelt eine große Leidenschaft bei seiner Arbeit.«

Sie verstummten, als Christian seinen leeren Teller in die Küche brachte.

»Das war sehr lecker, Keeley, hat mir wirklich geschmeckt. Das musst du beim Kunstfestival unbedingt anbieten.«

Keeley lächelte über das Lob, verspürte das warme Gefühl der Zufriedenheit, das ihr ein erfolgreiches Rezept immer schenkte.

»Deine Mutter taucht wohl noch vor dem Festival hier auf, nicht?« Megan schaute ein wenig ängstlich. Sie hatte Darla Carpenter noch nicht kennengelernt, aber Keeley hatte ihrer Freundin so viel von ihr erzählt, dass Megan sich Sorgen machte.

»Ja, ich glaube, sie kommt Ende der Woche.«

»Das wird nicht zu viel für dich, oder?«

Keeley schüttelte den Kopf. Wenn überhaupt, dann würde es eine willkommene Abwechslung von Darlas ständiger Anwesenheit sein, für das Kunstfestival zu kochen. Hoffentlich würde ihre Mutter, die nie selbst Speisen zubereitete, wenn sie jemand dafür anstellen konnte, nicht versuchen, sich während ihres Aufenthalts in die Geschäfte des Cafés einzumischen.

»Na ja, wir machen uns dann mal auf den Weg. Ich habe versprochen, Suzy und Christian Belfrey zu zeigen.« Megan drückte Keeley fest, ehe sie wegging. Keeley folgte Megan aus der Küche und winkte ihr hinterher. Christian lächelte sie wieder an, Suzys Abschiedsgruß dagegen war ein säuerliches Murmeln ohne Blickkontakt. Keeley schluckte ihre Verärgerung über die Unhöflichkeit der jungen Frau herunter. Wenn man bedachte, dass Suzy ja immerhin im Yoga-Café ihre Arbeiten ausstellen wollte, hätte sie zumindest einen Anschein von Freundlichkeit erwartet. Vielleicht war Suzy nur schüchtern und versuchte das hinter ihrem Teenager-Verhalten zu verbergen.

Keeley machte sich ans Aufräumen und drehte das Schild an der Tür auf GESCHLOSSEN. Sie hatte heute Abend keine Kurse zu unterrichten, also würde sie Zeit für ihre eigenen Yoga-Übungen und ein entspannendes Bad haben, ehe sie sich fertig machte, um zu Ben zu gehen.

Der Gedanke an Ben ließ sie das Festival, Suzy und sogar ihre Mutter vergessen. Es war ein paar Tage her, seit sie einander zuletzt gesehen hatten, und sie hatte ihn vermisst. Sie freute sich auch auf eine Nacht in seinem großen Doppelbett anstatt auf dem schmalen Bett in ihrer Wohnung oben.

Sie beugte sich gerade über die Schublade, um Kochutensilien wegzuräumen, als sie hörte, wie die Tür aufging und Stöckelabsätze über den Boden klapperten. Dieses Geräusch brachte sie immer mit Raquel in Verbindung, und so richtete sie sich auf und erwartete, ihre Möchtegern-Rivalin zu sehen.

Stattdessen stand vor ihr eine völlig andere, makellos gepflegte Frau. Die professionell geschminkten Augen sahen sich mit einer derart hochmütigen Verachtung im Café um, die selbst Raquel kaum aufgebracht hätte. Dann musterten diese Augen Keeley mit gleicher Geringschätzung von Kopf bis Fuß.

»Hallo, Liebes«, sagte ihre Mutter.

Kapitel 2

Genauso ein enttäuschter Blick ihrer Mutter hatte Keeley vor Jahren dazu bewogen, nach Indien zu reisen und Yoga zu lernen. Sie war allerdings nicht mit der Absicht dorthin gegangen, selbst Yoga-Lehrerin zu werden, sie wollte einfach weg. Weg von Darla und weg vom Herzschmerz ihrer ersten Liebesenttäuschung.

Beim ersten Rendezvous mit Brad hatte sie ihr Glück kaum fassen können. Er war so attraktiv, so charmant und, wie ihre Mutter ihr sogleich verkündete, für sie so völlig unerreichbar. Sie hatten sich im Fitness-Studio kennengelernt, nachdem Keeley beschlossen hatte, endlich etwas gegen ihren »Babyspeck« zu tun, wegen dem ihr Darla ständig in den Ohren lag. Dort hatte Keeley ihre Leidenschaft für Yoga und gesunde Ernährung entdeckt. Nach dem Tod ihres geliebten Vaters hatte sie aufgehört, Fleisch zu essen. Sie hatten ihn nämlich damals nach seinem Herzinfarkt inmitten der geschlachteten Tiere, die er als Fleischer verarbeitete, tot aufgefunden.

Brad hatte die schüchterne, unbeholfene Keeley im Sturm erobert und ihr, sehr zur Darlas Entzücken, innerhalb eines Jahres einen Heiratsantrag gemacht. Ihre Mutter hatte sie mit Warnungen und Ratschlägen überhäuft, wie sie »ihn halten könnte«. Setz dich gerade hin, diese krumme Haltung ist so unattraktiv. Zeig nicht so viele Zähne, wenn du lächelst. Halte ihn um Gottes willen fest, Keeley, so eine Chance bekommst du nie wieder. Die Warnungen ihrer Mutter hatten ihr jedes Mal, wenn sie mit Brad zusammen war, in den Ohren geklungen, und sie war stets verzweifelt bemüht gewesen, die perfekte Freundin und, was vielleicht noch wichtiger war, die perfekte Tochter zu sein.

Rückblickend wusste Keeley, dass Darla nach dem Tod ihres Mannes noch kritischer geworden war; zweifellos war das ihre Art, mit dem Verlust fertigzuwerden. Ihre Mutter war nicht der Typ Frau, der weinte; Keeley hatte nie beobachtet, dass sich ihre Mutter in der Öffentlichkeit ihre Trauer über den Tod ihres Ehemannes anmerken ließ. Erst nach einem aufschlussreichen Telefongespräch im Frühjahr dieses Jahres, nämlich während der Vorbereitungen zur Eröffnung des Yoga-Cafés, hatte Darla offen über den Tod von Keeleys Vater geredet und eingestanden, dass es ein schmerzlicher Verlust für sie gewesen war. Doch damals hatte sie sich hinter eine eisige Fassade zurückgezogen und Keeley mit ihrer Trauer alleingelassen. Brad war für Keeley, so dachte sie nun, wohl eine Art Fels in der Brandung gewesen. Sie war ihm so jämmerlich dankbar dafür gewesen, dass er ihr seine Liebe erklärt hatte, sie war so versessen darauf gewesen, die Frau zu werden, die er und ihre Mutter anscheinend in ihr sehen wollten, dass sie die Augen vor all den Dingen verschlossen hatte, die ihr eigentlich hätten auffallen sollen. Die Nachrichten von anderen jungen Frauen auf dem Anrufbeantworter, die er nie richtig erklärte, der Duft nach einem ungewohnten Parfum, die Abende, an denen er plötzlich ohne Erklärung ihre Verabredungen absagte. Sie hatte nicht gewagt, sich ihrer Mutter anzuvertrauen, denn sie hatte nicht zugeben wollen, dass sie Brad verlieren würde, genau wie ihre Mutter es ihr immer vorausgesagt hatte.

Als sie ihn schließlich bei einem Seitensprung erwischte, obwohl sie sich redlich Mühe gegeben hatte, alles zu ignorieren, was vor ihren Augen ablief, hatte die Reaktion ihrer Mutter sie mehr verletzt als die von Brad. Der hatte zunächst versucht, sein Verhalten herunterzuspielen, und es dann mit einem Achselzucken und der Bemerkung abgetan, »das wäre mit uns sowieso nie gut gegangen«. Eine Woche, nachdem ihm Keeley seinen Ring zurückgegeben hatte, hatte er sich mit einer anderen jungen Frau verlobt.

Als Keeley Darla davon erzählte, hatte die sie mit einer Mischung aus unendlicher Geringschätzung und einer Art enttäuschter Resignation angeschaut.

»Ich nehme an«, hatte sie gesagt und in ihrer Stimme die Erinnerung an alle Enttäuschungen mitschwingen lassen, die Keeley ihr bereitet hatte, »das war zu erwarten. Zu hoffen, dass so jemand bei dir bleiben würde, war einfach zu viel.« Die Betonung auf dem Wort »dir« hatte Keeley bis ins Mark getroffen. Wieder einmal hatte sie in den Augen ihrer Mutter als Versagerin dagestanden.

Innerhalb eines Monats war sie nach Indien gereist, und nachdem sie sich eingehend mit Yoga und Ernährung beschäftigt hatte, war sie mit einer Freundin nach New York weitergezogen und hatte dort ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, das Yoga-Kurse für die Reichen und Schönen anbot. Die Kontakte zu ihrer Mutter waren auf verkrampfte Ferngespräche und noch verkrampftere Besuche zu Weihnachten zusammengeschrumpft. Dann hatte Darla verkündet, sie habe die Absicht, George Carpenters altes Fleischergeschäft zu verkaufen, und Keeley war mit siebenundzwanzig, zehn Jahre nach ihrem Wegzug nach dem Tod ihres Vaters, wieder in Belfrey gelandet. Ihre Heimkehr hatte sich außerordentlich dramatisch gestaltet, wenn sie an den Mord an Terry Smith und die darauf folgenden Ereignisse dachte, in die sie ohne ihr Zutun hineingeraten war. Für kurze Zeit hatten gewisse Enthüllungen Keeley in der Illusion gewiegt, sie und Darla könnten ihre Beziehung vielleicht neu aufbauen. Doch als sie jetzt wieder einmal Darlas eisiges Missfallen zu spüren bekam, begriff sie, dass sie einerseits immer noch begierig auf die Anerkennung ihrer Mutter war und andererseits immer noch weit davon entfernt, die je zu bekommen.

»Nun, das ist ja … originell«, sagte Darla und streifte das Café mit einem Panoramablick. Keeley straffte die Schultern und versuchte, ihre Mutter anzulächeln.

»Ich dachte, du würdest erst nächste Woche kommen.«

»Ich wollte dich überraschen«, erwiderte ihre Mutter und spazierte mit der Miene einer Inspektorin vom Gesundheitsamt in die Küche. Keeley hätte fast erwartet, dass sie mit dem Finger über die Oberflächen wischen und sie auf Staub überprüfen würde.

»Wie war deine Reise?«, fragte sie, um Höflichkeit bemüht, und zuckte ein wenig zusammen, als sie ihren eigenen mürrischen Tonfall wahrnahm.

»Einfach schrecklich«, antwortete Darla, als sie aus der Küche zurückkam und eine ihrer makellosen Augenbrauen in die Höhe zog. »Du weißt doch, wie sehr ich Zugreisen hasse.« Als wäre Keeley persönlich für alle Unannehmlichkeiten des öffentlichen Verkehrsnetzes in Großbritannien verantwortlich.

»Ist es hier immer so ruhig?«, fragte Darla, und ihre Worte waren eine offene Anschuldigung. »Ich dachte, du hättest gesagt, die Geschäfte gingen gut.«

»Sie gehen auch gut«, antwortete Keeley und versuchte, sich nicht über die Worte ihrer Mutter zu ärgern. »Ich habe nur für heute Feierabend gemacht. Deswegen steht auf dem Schild an der Tür auch GESCHLOSSEN.«

»Den Sarkasmus kannst du dir sparen, meine Liebe, der passt wirklich nicht zu dir. Wo schlafe ich? Hol bitte mein Gepäck, ja? Ich bin völlig erschöpft. Jetzt wären eine Tasse Tee und ein Nickerchen gerade recht.«

Keeley versuchte, nicht vor Wut zu schäumen, als sie das Gepäck ihrer Mutter die Treppe hinauf in die Wohnung schleppte. Die war wirklich beengt, nur ein Zimmer mit einem Bett, einem schmalen Wohnbereich und einer kleinen Küchenzeile. Oben an der Treppe gab es noch ein Badezimmer mit einer Dusche über der Badewanne, die so kurz war, dass man darin die Beine nicht ausstrecken konnte.

»Das ist ja winzig!«, rief ihre Mutter entsetzt. Keeley seufzte. »Ich habe dir doch gesagt, es wäre beengt. Auf der anderen Straßenseite gibt es eine wunderbare Frühstückspension mit ganz vernünftigen Preisen, wenn dir das lieber ist.« Sie hielt die Luft an, fragte sich, warum sie daran nicht viel früher gedacht hatte.

»Auf gar keinen Fall«, blaffte Darla und zertrümmerte Keeleys aufkeimende Hoffnung. »Ich bleibe hier. Du wirst das Sofa nehmen müssen, denke ich mal. Von mir kannst du das unmöglich verlangen, bei meinem Rücken.«

Keeley hörte zum ersten Mal, dass ihre Mutter, die erst siebenundvierzig und topfit war, Probleme mit dem Rücken hatte, aber sie wollte das lieber auf sich beruhen lassen und seufzte resigniert. Schließlich war es ja nur für ein paar Tage. Sie würde schon damit klarkommen. Sie schloss die Augen und atmete ein paarmal tief ein und aus, durch die Nase ein, durch den Mund aus, hielt zwischen den Atemzügen kurz inne, spürte, wie ihr Brustkorb und ihr Bauch sich weiteten und wieder entspannten. Es war eine grundlegende Atemübung, die sie sonst sofort beruhigte, aber heute hatte sie einfach nicht die gewünschte Wirkung. Keeley öffnete die Augen und sah, dass Darla sie neugierig anstarrte.

»Was um alles in der Welt machst du da?«

»Pranayama. Eine Atemübung. Wunderbar zum Stressabbau und für das Immunsystem.« Keeley antwortete ganz automatisch und war überrascht, als sie im Gesicht ihrer Mutter echtes Interesse wahrnahm.

»Weißt du, vielleicht versuche ich es mal mit einem deiner Yoga-Kurse. Meine Freundin in London schwört drauf, weil es sie geschmeidig und ihren Blutdruck niedrig hält.«

»Das wäre toll«, erwiderte Keeley mit einiger Vorsicht in der Stimme.

»Du bist hoffentlich entsprechend qualifiziert und versichert? Schließlich hast du das alles ja im Ausland gelernt.«

»Ja, Mutter«, sagte Keeley, die wusste, dass »Ausland« alles umfasste, was nicht England und folglich mit Misstrauen zu beäugen war.