Über Nino Filastò

Nino Filastò, geb. 1938, lebt in Florenz als Rechtsanwalt. In der literarischen Tradition von Leonardo Sciascia schreibt er Romane um die Figur des Anwalts Corrado Scalzi, in denen eine kriminalistische Fabel immer auch zum Instrument der Gesellschaftskritik wird. Über den mit Donna Leon und Andrea Camilleri bekanntesten Autor italienischer Kriminalromane schreibt die FAZ: »Filastò führt eine leichte, zeitweise elegante Feder; er ist ein überdurchschnittlicher Erzähler mit sicherem Instinkt für die Erwartungen des Lesers.«

In der Aufbau Verlagsgruppe sind von ihm bisher erschienen: »Der Irrtum des Dottore Gambassi«(OF 1995), »Alptraum mit Signora«(OF 1990), »Die Nacht der schwarzen Rosen«(OF 1997), »Swifts Vorschlag«(OF 1991) und »Forza Maggiore«(OF 2000).

Christian Försch, Jahrgang 1968, lebt seit 1995 zwischen Berlin und Italien, dessen Landschaften und Menschen er in seinen preisgekrönten Radiofeatures und Filmdokumentationen porträtiert. Er hat u. a. die Kriminalromane von Claudio Paglieri sowie Paolo Sorrentinos Roman »Ragazzi, was habe ich verpasst?« übersetzt. 2011 erschien Lunaus erster Fall unter dem Titel »Acqua Mortale«. »Ein rasanter Krimi, der Italien so zeigt, wie es wirklich ist.« (ZEIT Online)

www.christianfoersch.de

Informationen zum Buch

In einer apokalyptisch anmutenden Megalopolis des späten 21. Jahrhunderts wird ein etwas heruntergekommener Detektiv von einem alten Mann beauftragt, seine Nichte und deren kleine Tochter zu suchen, die auf der Reise zu ihm verschollen sind. Während seiner Recherche auf den gefährlichen Wegen zwischen der »città alta«, der Oberstadt der Reichen und Mächtigen, und dem unterirdischen Labyrinth der »città bassa« gerät Degrado auf die Spur eines ungeheuerlichen Verbrechens und versucht sich ihm in den Weg zu stellen.

Eine bitterböse Zukunftsvision vom Autor des Avvocato Scalzi.

ABONNIEREN SIE DEN
NEWSLETTER
DER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Nino Filastò

Swifts Vorschlag

Roman

Aus dem Italienischen von Christian Försch

Inhaltsübersicht

Über Nino Filastò

Informationen zum Buch

Newsletter

Kapitel 1 Das Büro

Kapitel 2 … Rcocozz …

Kapitel 3 Der Palascio und das »Don Jean«

Kapitel 4 Der Konvent

Kapitel 5 Scollacchia

Kapitel 6 Die Siedlung

Kapitel 7 Der Künstler

Kapitel 8 Der Palast der Sicherheit

Kapitel 9 Die Rattenlotterie

Kapitel 10 Der Hotelbus

Kapitel 11 Palastfenster

Kapitel 12 Pesteville

Kapitel 13 Das Kloster

Kapitel 14 Vagantenhäuser

Kapitel 15 Brainstorming

Kapitel 16 Flußdelta

Kapitel 17 Der Tank

Kapitel 18 Das »Babel«

Kapitel 19 Die Siedlung des inneren Friedens

Kapitel 20 Die Ratten

Kapitel 21 Die Aufführung

Anmerkungen

Impressum

1
Das Büro

»Wie hält der sich nur über Wasser?« fragte sich Degrado. »Wie schlägt er sich durch? Ihm fehlt der gelbe kreisrunde Ärmelaufnäher, also ist er kein Sozialfall. Auch kein Sklave, sonst hätte er eine Plombe am Ohrläppchen, außerdem macht er einen zu würdevollen Eindruck. Zum Arbeiten ist er schon ein bißchen zu alt. Fast siebzig, über den Daumen. Und wer würde ihn schon bezahlen in dem Alter? Er kommt nicht aus dem Knast, denn er sieht gesund aus, sogar ein wenig sonnengebräunt, und wirkt wie einer, der etwas auf der hohen Kante hat. Ist es möglich, daß er sich nicht einmal einen Thermoanzug leisten kann? Schau dir mal die Klamotten an! Wer hat jemals so einen Anzug gesehen? Wie aus dem Museum. Und dann die Schuhe: voller Schlamm! Wo dieser Typ nur herkommt?«

Der verblichene Anzug war vielleicht für eine Revival-Party geeignet. Mit diesem fadenscheinigen und verstaubten Ding wäre der Alte nicht einmal im dritten Sektor über ein Bürovorzimmer hinausgekommen.

Aber der Insistente Degrado hatte kein Sekretariat. Er betrachtete verstohlen diesen Besucher, der auf den Stufen vor der verglasten Box saß, die ihm als Büro diente.

Die Box war die Kabine eines Aufzugs. Früher einmal hatte das Gebäude ein recht stilvolles Hotel beherbergt, vierzig Stockwerke und Aufzüge an der Außenfassade. Nachts hatte das Auf und Ab der Aufzüge, die wie fluoreszierende Schnecken über die gläserne Fassade des Turms krochen, toll ausgesehen. Dann war das gesamte Viertel heruntergekommen, auf den absteigenden Ast gedrängt von einer Oberstadt, die man ihm auf den Buckel gesetzt hatte. Die Aufzuganlage war ausgefallen, und niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie zu reparieren. Drei der Kabinen, nur mehr leere Rahmen um zerschmetterte Scheiben, waren schief zwischen dem dreißigsten und dem vierzigsten Stockwerk hängengeblieben. Der makabre Anblick erinnerte an jene Käfige, die in grauer Vorzeit an die Wachtürme gehängt wurden, um darin die Leichen der Hingerichteten verdorren zu lassen.

Jetzt mußten die Bewohner des ehemaligen Hotels die Treppen rauf- und runterlaufen. Degrado hatte Glück: Büro und Wohnung lagen im siebten Stock. Aber es hieß, daß einige Alte aus den oberen Stockwerken, denen die Kraft fehlte, um aus ihrem Bau zu kommen, seit längerem nicht mehr die wöchentliche Kletterpartie zur Nahrungsbeschaffung unternommen hätten. Vom dreißigsten aufwärts kam niemand mehr herunter, außer den Räuberbanden. Man erzählte sich, es sei kein schöner Anblick, es könnte passieren, daß man eine Tür öffnete und dahinter einen der Alten vor laufendem Fernseher entdeckte. Auch stauten sich da oben nicht gerade Rosendüfte. An den wärmsten Tagen drückte sich der süß-saure Verwesungsgeruch wie ein fauliger Korken nach unten.

Als Büro hätte Degrado auch etwas Besseres finden können. Das hier war jedoch luftig, wenn auch ein wenig kühl im Winter. So im Schweben hatte Degrado an launigen Tagen die Illusion, sich von der schwindelerregenden Terrasse einer Oberstadt zu beugen. Aber an grauen Tagen blieb sein Blick immer an der alten Metrostation hängen, der Tür zur Versenkung in die Unterstadt, am äußersten Ende des absteigenden Astes. Von oben sah allerdings alles schöner aus, und dies hier war auf jeden Fall ein Fortschritt, denn vor kaum fünf Jahren mußte er die Kunden noch in den Bars des vierten Sektors empfangen.

Degrado war ein Insistente, eine Mischung aus verschiedenen herkömmlichen Berufen. Leute seines Schlages wurden von den Anwälten »Schakale« genannt, von den Beamten der Paläste »Nicht-Existenzen«, von den einfachen Leuten »Mistkäfer«. Es war keine brillante Karriere. Man wurde dafür bezahlt, daß man den Leuten aus der Patsche half, die sich weder das Honorar für einen Anwalt noch die Bestechungssumme für einen Polizisten oder Beamten leisten konnten. Der Insistente hängte sich an die Fersen eines Palastbeamten und ließ nicht locker, bis er nicht irgend etwas herausgeschlagen hatte. Es zählten Präsenz und Beziehungen, Hartnäckigkeit, ein überzeugendes Timbre in der Stimme, Geschmeidigkeit und Intuition in der Erfindung einer möglichen Erpressung, mit einem Wort: Fassade, und bisweilen Bescheidenheit. Im schlimmsten Fall mußte man sich in einen Bettler verwandeln und die empfindlichen Saiten von Gefallsucht und Barmherzigkeit anschlagen.

Der Verdienst war ungewiß, denn die ärmliche Klientel honorierte nur erfolgreiche Arbeit. Oft wurde Degrado in Naturalien ausbezahlt, wie viele in seiner Branche. Das konnte von Vorteil sein, solange es sich um Prostituierte des zweiten und dritten Sektors handelte (aus dem ersten kam keine zu ihm), aber in bestimmten Fällen wäre er besser leer ausgegangen. Kürzlich hatte sich ein armer Hund freigekauft, indem er sich bei ihm für eine Woche als Sklave verdungen hatte. Sieben lange Tage hatte Degrado ihn auf dem Hals gehabt. Der Mann hatte auf den wenigen Quadratmetern von Einzimmerwohnung und Büro herumgepfuscht und war ihm draußen mit der finsteren Miene eines Bodyguards nicht von der Seite gewichen. Ein Klotz am Bein, nichts weiter.

Vor einiger Zeit hatte Degrado beschlossen, die Aufträge ein bißchen zu filtern. Ansonsten lief es gar nicht so schlecht. Er besaß eine Wohnung und ein Büro. Sie waren ziemlich verwahrlost und provisorisch, aber dafür wechselten häufig deren geisterhafte Eigentümergesellschaften. Nicht selten vergingen Monate, ehe dem neuen Besitzer einfiel, die Miete einzutreiben. Degrado hatte es sogar geschafft, etwas beiseite zu legen. Kein Geld. So blöd war er nicht, sich von der Inflation oder einem Bankencrash alles wieder wegschnappen zu lassen. Nein, Wertsachen. Er hatte sich einen gewissen Sachverstand im Trödelgeschäft erworben. Soviel wie nötig war, um zu erkennen, was wertlos war, und sich nicht reinlegen zu lassen. Das Antiquitätengeschäft boomte vor allem in der Oberstadt. Die von oben kauften den geschmacklosesten Kram, er mußte nur mindestens fünfzig Jahre alt sein. Sie waren verrückt nach dem Ramsch, dem Tand und den Spielereien, die die Leute früher einmal angehäuft hatten, als es selbst in einem gewöhnlichen Haushalt noch Platz für unnützes Zeug gab.

Eine Gruppe von Jungen kam die Treppe herauf, der älteste noch keine vierzehn Jahre alt. Sie blickten finster und still und trugen schwere Einbruchwerkzeuge, einige hatten sie unter den Arm geklemmt, andere machten sich nicht einmal die Mühe, sie zu verstecken, und hielten sie seelenruhig in der Hand. Sie waren unterwegs zu einem Raubzug durch die Obergeschosse. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, umringten sie den Alten und schoben ihn beiseite. Degrado dachte, daß er ihn nun seit fast einer halben Stunde warten ließ. Der Alte saß ruhig da, ab und zu warf er einen Blick durch die Fenster des Aufzugs, aber ohne Ungeduld. Degrado mußte sich entscheiden: vorlassen oder wegschicken. Er hatte sich bereits für letzteres entschieden, als er die Tasche bemerkte.

Es war eine Tasche aus Tierleder, in Ziehharmonikaform, mit verchromter Schnalle. Datierbar etwa auf 1980, komplett handgearbeitet (was man an den Nähten erkannte), und von beträchtlichem antiquarischem Wert. Die Tasche hätte genügt, um die Spesen zu decken.

Degrado erhob sich vom Tisch, wo er Büroarbeit vorgetäuscht hatte, während er in Wirklichkeit sinnlose Schnörkel auf ein Blatt kritzelte. Wie üblich verklemmte sich die Schiebetür aus Plexiglas, und wie üblich mußte er sie mit einem Fußtritt öffnen.

»Sie waren es, der mich sprechen wollte? Kommen Sie herein.«

»Ich heiße Gianni Caso und kann bezahlen«, sagte der Besucher sofort. Eine Eröffnung, aus der Degrado schloß, daß der Alte trotz seines Anzugs aus Teleplasma wußte, wie es auf der Welt zuging. Der neue Klient öffnete die Tasche und reihte, von links nach rechts, folgendes auf dem Tisch auf: einen Füllfederhalter, dann ein Objekt, das der Insistente nicht zu identifizieren wußte, ein Klappmesser mit Perlmuttgriff, einen Elektrorasierer, eine Bronzestatuette, die einen nackten Kugelstoßer darstellte, und eine Flasche mit nichtsynthetischem Whisky. Schließlich wickelte er aus einem Tuch einen letzten Gegenstand und hob den Blick, um dessen Wirkung abzuschätzen. Degrado war verblüfft: Es war eine 44er Smith & Wesson Magnum, der Griff aus Edelholz gearbeitet, Modell Classic Hunter, zum ersten Mal hergestellt Anno 1955, vor mehr als einem Jahrhundert. Degrado wußte alles über dieses Schmuckstück. Das war keine Waffe, das war ein Denkmal für den Tod in Taschenformat.

Mit der Handkante teilte der Alte den Revolver von den übrigen Gegenständen ab und sagte: »Bis hierher als Vorschuß für die Spesen, den Revolver, wenn Ihre Bemühungen erfolgreich sein sollten.«

Degrado konnte den Blick nicht von der Waffe wenden.

»Auch die Tasche als Vorschuß«, sagte der Alte, während er die Aktenmappe auf den Tisch legte und die anderen Gegenstände hineinschob. Dann wickelte er den Revolver wieder ein und steckte ihn sich in die Jacke. Er tat das alles schnell und beiläufig. Schließlich schob er die Tasche beiseite, als wolle er den Tisch säubern. Die Geste einer Person, die materiellen Dingen keinen Wert beimißt. Danach legte er ein altes zweidimensionales Foto auf den freigeräumten Platz und schob es mit dem Nagel des Zeigefingers Richtung Insistente, als ob er Angst hätte, das Foto zu beschmutzen.

»Sie müssen die beiden hier wiederfinden«, sagte er leise.

Degrado betrachtete das Foto. Es zeigte eine junge Frau und ein Mädchen, vor einem alten Haus mit einem Baum.

»Ich wohne außerhalb des Stadtgebietes«, sagte der Alte. »Die beiden sind Mutter und Tochter. Die Frau ist die Tochter meiner Schwester. Sie hatten beschlossen, bei mir zu wohnen, und waren unterwegs zu meinem Sektor, im Gebiet der Alten Minen. Beide sind verschwunden. Vor ungefähr sechs Monaten. Auf der Rückseite des Fotos stehen ihre Personalien, Vorname, Nachname, Alter … Was hilfreich sein könnte.«

»Gehen Sie zur Abteilung Interne Migration. Dort können Sie Informationen einholen über Leute, die umziehen.«

Aber Degrado war keineswegs überzeugt von dem, was er sagte. Er hatte schon verstanden, daß die Angelegenheit nicht so simpel war. »Lassen Sie sich ihr Reisedokument geben und bringen Sie es mir. Irgendwo muß ich ja anfangen. Wenn sie einen Unfall hatten, ist das registriert.«

»Wenn es so einfach wäre, hätte ich Sie nicht aufgesucht.« Der Alte zuckte mit den Schultern. »Es existiert kein Dokument, nirgendwo. Das Mädchen, ich meine die junge Frau, ist ohne festen Wohnsitz: eine Vagantin.«

Degrado legte das Foto auf die Tasche und schob alles hinüber zu dem Alten.

»Eine Vagantin, wie? Nehmen Sie Ihre Sachen zurück. Ich bin zwar ein Insistente des vierten Sektors, aber ich bin noch nicht so weit heruntergekommen, daß ich Honorare stehle.«

»Einigen wir uns auf das Ergebnis«, sagte der Alte, wobei er gelassen nickte, offensichtlich befriedigt von Degrados Aufrichtigkeit. »Mir reicht es, wenn ich weiß, ob ich die Sache verloren geben muß oder nicht. Vor einiger Zeit bekam ich einen Brief von der Frau, und ich hatte mich an die Vorstellung gewöhnt, daß sie bei mir wohnen würden. Nicht, daß ich mich alleine fühlte; da, wo ich wohne, kommen immer Leute vorbei, aber trotzdem habe ich eine Menge Platz. Aus dem Brief wurde klar, daß die Frau genug hatte und seßhaft werden wollte. Ich mag es nicht, im Ungewissen gelassen zu werden; mir würde es schon genügen, wenn ich wüßte, daß sie sich nie wieder melden. Oder warum sie es sich anders überlegt haben, oder was auch immer. Sie müssen mir nur die Zweifel nehmen, und der Revolver gehört Ihnen. Von dem Erlös könnten Sie ein Jahr lang leben. Oder Sie können ihn behalten, er funktioniert einwandfrei, obwohl er ziemlich alt ist. Und Sie wissen, wie schwer es ist, sich eine funktionsfähige Waffe zu beschaffen, deren Nummer nicht bei der Abteilung Sicherheit registriert ist. Ihre Arbeit ist kein Zuckerschlecken, wie man mir sagte. Ein Gegenstand wie dieser kann in Ihrem Beruf oft weiterhelfen. Wenn Sie wünschen, kann ich mich schriftlich verpflichten.«

Degrado dachte, daß dies der bestbezahlte Auftrag seit zwei Jahren war. Er nahm das Foto und betrachtete es noch einmal. Das kleine Mädchen stand neben der Mutter und schaute fest und mit einem für sein Alter zu ernsten Gesichtsausdruck in das Objektiv. Die Frau war schön, ungeschminkt, wie eine Prostituierte am Morgen. Sie lächelte nicht, ihr etwas ängstlicher Blick war ins Leere hinter dem Fotografen gerichtet. Auch auf der Fotografie wirkte sie irgendwie vorläufig, als wollte sie aus dem Bild entfliehen.

»Haben Sie eine Ahnung, wie viele Leute von der Sorte jeden Tag verschwinden?«

»Ja«, antwortete der Alte, »ich habe davon gehört. Auch von gewissen Hotels, die keine Hotels sind, wo man reingeht und nie wieder herauskommt … Und von gewissen Leuten, die seit Jahren verschollene Freunde wiedergefunden haben. Nur waren sie nicht mehr dieselben, sie hatten keine Erinnerungen, sie benahmen sich, als wären sie gerade auf die Welt gekommen, und sie hatten eine kleine Narbe auf der Stirn … Ich habe nicht immer auf dem Land gelebt, ich kenne die Gründlichkeit der Abteilung Sicherheit. Ich weiß, daß sie einen recht feinen Kamm verwenden, die Beamten, und daß sie mit viel Engagement entlausen. Ich weiß auch, daß die ohne festen Wohnsitz keine Magnetkarte haben und nicht im Gehirn des Identitätenpalastes registriert sind, und daß sie daher einfach verschwinden können, als hätten sie nie existiert. Gerade deswegen bin ich zu Ihnen gekommen, weil ich genug habe vom mitleidigen Lächeln der Beamten und von den Formularen, die man mir vor die Nase hält, um die beiden als vermißt zu melden. Ich will wissen, ob ich noch warten soll oder nicht. Ich verlange nicht viel, und ich zahle gut.«

Degrado hatte genug Erfahrung, um zu ahnen, daß der Alte nicht die Wahrheit sagte. Er witterte den Ärger. Er nahm sich vor, auf der Hut zu sein und sich von dem fürstlichen Honorar nicht blenden zu lassen.

»Ich behalte mir vor, den Auftrag anzunehmen«, sagte er. »Vor allem muß ich wissen, wie und wann der Kontakt abgerissen ist.«

Der Alte lieferte einen schnörkellosen Bericht der objektiven Fakten, Nachfragen erübrigten sich.

Vor etwa sieben Monaten hatte ihm die junge Frau ihre Abreise aus der nordwestlichen Megalops-Afrika angekündigt. Sie rechnete damit, im September einzutreffen, also einen Monat nach Datierung des Briefes. Sie und ihre Tochter reisten mit einem Vaganten-Hotelbus, einer Art Taubenschlag auf Rädern. Der Brief war lange im Zensurbüro liegengeblieben, weshalb die Ankunft der beiden, als er ihn schließlich erreichte, unmittelbar bevorstehen mußte. Der Hotelbus war bei der Abfahrt gemeldet und bei der Ankunft in Megalops-Mediterranea registriert worden. Wie gewöhnlich war die Reise illegal, die Reisenden waren illegal, und illegal waren die kleinen Überfälle, die die Wohnungslosen unterwegs machten. Deshalb hatte sich der Taubenschlag bei der Ankunft im Gebiet Megalops-Mediterranea, wo die Grenzkontrollen nicht so lax waren wie in der afrikanischen Megalops, im Nu verdrückt, indem er die Anweisungen der Comprehensive Traffic-Control ignoriert und sich dann im Labyrinth der Unterstadt, im unteren fünften Sektor, verloren hatte. Danach hatte niemand mehr etwas gehört, weder vom Hotelbus noch von den Passagieren, rund achtzig Personen, darunter 27 Kinder.

Degrado dachte, daß es sich um einen gewöhnlichen Fall von Straßenpiraterie handeln konnte: Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die zukünftigen Gäste des Alten jetzt schon als Sklavinnen verkauft und wer weiß wo gelandet. Im ungünstigsten Fall waren sie in eine Strafexpedition des Lavacro geraten. Lavacro hieß die mächtige Organisation zum Schutz der integrierten Bürger der Megalops; sie setzte sich aus anonymen, gut bewaffneten Freiwilligen zusammen, die berüchtigt waren für ihre vorschnellen Methoden gegen alleinstehende Frauen, Piraten und vor allem Vaganten. In diesem Fall hatten sich Mutter und Tochter zum letzten Mal einen Gesetzesverstoß erlaubt.

Für keine der beiden Theorien würde sich leicht ein Beweis erbringen lassen, aber man konnte es versuchen. Der Insistente zählte auf einen Freund in der Abteilung Straßensicherheit: Da es sich um einen kompletten Hotelbus handelte, konnte die Sache nicht unbemerkt abgelaufen sein, zumindest einen Dienstbericht mußte es irgendwo geben.

»Lassen Sie mich noch einen Blick auf den Revolver werfen«, sagte Degrado.

Der Alte gab dem Insistente die Waffe. Auf der Handfläche fühlte sie sich beinahe lebendig an, wie ein glänzendes ledriges Tierchen.

»Natürlich«, sagte der Alte, »werden Sie auch Munition bekommen.«

»Wir sind uns einig, Herr Caso«, schloß Degrado und stand auf. »Lassen Sie mir Ihre Adresse da. Sobald ich etwas Genaues weiß, werde ich bei Ihnen vorbeikommen.«

Er meinte, alles in einer Woche aufklären zu können.

2
… Rcocozz …

Der Chauffeur hupte zweimal kurz. Der Signore Dei Vetri starrte durch das Wagenfenster auf die Tür, wobei er darauf achtete, daß man ihn von außen nicht sah.

Sie standen neben der Brüstung auf der Ufermauer des Flusses, der bedrohlich angeschwollen war; sie hörten die Strömung rauschen und gegen die porösen, von Moos durchsetzten Steine schlagen. Der Fluß lag an dieser Stelle noch unter freiem Himmel. Eine romantische Eigenheit dieser Ecke der Metropole, faszinierend, solange der Damm hielt. Es wäre nicht das erste Mal, daß der Fluß über die Ufer trat. Im vergangenen Winter war es schon zweimal, im Jahr davor dreimal passiert. Ein ziemliches Risiko für die Bewohner von Ururbe (so hieß das Viertel). Dort sollte alles so bleiben, wie es schon vor Jahrhunderten gewesen war. Denen von oben gefiel es, hin und wieder in die Vergangenheit einzutauchen und in die Gräben zu beiden Seiten des Flusses hinabzusteigen, wo es noch Sehenswürdigkeiten gab: Kirchen voller Kunstschätze, Massen von antikem Gestein, und das alte volkstümliche Viertel, wo der Putz großflächig von den Häusern fiel. Dahinter kamen Ziegelsteine mit einer Patina aus grünem Schimmel zum Vorschein, und alles weste in einem Zustand pittoresken Zerfalls vor sich hin. Es war, als würde der Palascio, der antike Gerichtshof, der seit einiger Zeit als Markt für alten Plunder und weniger harmlose Dinge genutzt wurde, weiterhin die Stadt mit Rissen durchziehen. Sein schrittweiser Verfall hatte begonnen, als man ihn, das war vor über zweihundert Jahren, aus den Baugerüsten befreit hatte. Jetzt trieb er seine Spalten in alle Richtungen weiter, diesseits und jenseits des Flusses, wie ein Spinnennetz. In den Straßen zeigten sich Sprünge, in den Palästen und den alten Häusern der Armen: Das ganze Viertel von Ururbe wurde antiken Ruinen immer ähnlicher. Und die Feuchtigkeit ließ überall eine dunkelviolette Flechte wachsen, die dem Bluterguß um eine Wunde glich. Aber Ururbe war in Mode. Die von oben achteten nicht auf den Schimmelgestank, außerdem kamen sie, um den Kitzel von Gefahr und Illegalität zu spüren.

Es goß in Strömen, und das Haus war in der dunklen Straße kaum zu erkennen. Über der Tür am Ende des Treppchens hing eine nackte Glühbirne. Sie beleuchtete den Schriftzug … Rcocozz … auf einem alten, zur Hälfte abgeblätterten Holzschild. Signore Dei Vetri seufzte und änderte seine Stellung auf den Samtkissen. Während er sich bewegte, rumorte sein gewaltiger Bauch unisono mit der Federung des Wagens, der exakten Reproduktion eines Isotta Fraschini A. N. 30 HP aus dem Jahr 1909.

Auf sein Zeichen hin hupte der Fahrer ein weiteres Mal. Endlich öffnete sich die Tür, und eine Gestalt in Schwarz glitt die Stufen herab. Der Bursche schützte sich mit einem halb zerfetzten Schirm, auf der Schulter trug er eine fettige Serviette. Signore Dei Vetri preßte eine Hand auf sein klopfendes Herz, ließ dabei ein Fenster herunter und streckte den Kopf hinaus, während die Regentropfen auf seine dunklen Brillengläser fielen. Der junge Mann trat heran: »Der schon wieder …«, brummte er vor sich hin. »Der Chef hat es Ihnen doch bereits gesagt … Auch für heute abend ist nichts da …«

»Was soll das?« keuchte der Signore, »seit zwei vollen Wochen …«

»Kommen Sie mit hoch und sprechen Sie mit ihm, wenn Sie mir nicht glauben.«

»Nein. Sag ihm, er soll kommen.«

»Nein. Der Chef sagt, er geht nicht vor die Tür. Gehen Sie hinein, wenn Sie wissen möchten, wieso und weshalb. Am besten, Sie kommen zum Lieferanteneingang.«

»Ich komme morgen wieder.«

»Was soll ich Ihnen sagen? Dann versuchen Sie’s morgen. Aber ich habe das Gefühl, daß weder morgen … noch übermorgen, noch in einem Monat. Die Bewegung ist blockiert, wollen Sie das nicht einsehen?«

Signore Dei Vetri senkte den Kopf. Ein Tropfen fiel von der Brille auf sein Kinn.

»Was ist blockiert?«

»Die Bewegung. Ende. Aus. Der Chef hat gesagt, es tut ihm leid.«

»Ach, es tut ihm leid? Und das Geld, das er bisher eingesteckt hat? Und die ganzen Kunden, die ich ihm mitgebracht habe? Was glaubt er, mit wem er es zu tun hat, dein Chef? Sag ihm, daß es mir egal ist, wie leid es ihm tut! Daß ich ihn, wenn ich will, wieder in die Unterstadt scheuche! Er wird es schon merken, wenn er alle Türen verschlossen findet. So benimmt man sich nicht in unseren Kreisen! Es genügt nicht, einem Kunden zu sagen, die Bewegung sei blockiert! Er hat Pflichten, dein Chef! Mir gegenüber hat er Verpflichtungen! Das sollte er bedenken. Und er soll nicht vergessen, wer ich bin. Ihr alle miteinander, das Personal, bitte etwas weniger Anmaßung, mein Lieber! Ich lasse euch alle auf die Straße setzen.«

Signore Dei Vetri trocknete sich wütend die Brillengläser mit einem violetten Taschentuch, das er aus der Brusttasche seines gelben Anzugs gezogen hatte.

»Als wäre es unsere Schuld …« Der Bursche scharrte mit hängendem Kopf auf dem nassen Pflaster herum.

»Wer ist denn dann schuld? Dein Chef?«

»Nein. Der auch nicht.«

»Wer dann?«

Der junge Mann schüttelte den Schirm und strich sich durch das lockige Haar. Dann rieb er, Mittelfinger, Zeigefinger und Daumen der rechten Hand aneinander, als müßte er sie säubern. Der Isotta bebte, und zwei Wurstfinger mit lila lackierten Nägeln ließen eine Banknote herabhängen. Nachdem er das Geld hatte verschwinden lassen, steckte der Bursche den Kopf zum Fenster herein.

»Ich habe nichts gesagt, klar? Der Chef hat mir befohlen, den Mund zu halten. Da ist doch diese Sache passiert, oder? Mit der Tochter der Nichte dieses gewissen Herrn, nicht wahr? Das wissen Sie selbst … Sie waren doch auch da, als diese Irre herkam und verrücktspielte … Erinnern Sie sich an das Affentheater, das sie aufgeführt hat?«

»Äh …«, Dei Vetri schnappte nach Luft, »meinst du diese Geschichte von vor einem Jahr? Die etwa?«

»Welche denn sonst?«

»Die ist tot und begraben, diese Geschichte! Da sind alle mundtot gemacht worden.«

»So schien es. Für eine Weile war alles wieder in Ordnung. Dann allmählich sind, einer nach dem anderen, die Zulieferer verschwunden. Es ist keine Frage des Preises, verstehen Sie? Sie wollen einfach nicht hier in der Gegend arbeiten. Der Chef hat mit Hamm Bosco gesprochen, der am häufigsten lieferte. Und Bosco hat ihm gesagt, daß für ihn, wie für alle anderen, in dieser Megalopolis kein Auskommen mehr ist. Man hat ihn gezwungen. Hier ist Schluß! Andernfalls: Gerichtsverfahren und Knast. Der Chef will schließen. Und auch Fritz meint, er werde weggehen.«

»Fritz will weg? Wohin denn?«

»Keine Ahnung. Irgendwo anders hin. Wo er in Ruhe arbeiten kann …«

»Wer hat sich denn erlaubt, von Knast zu faseln?« fragte der Signore kalt.

»Ich weiß nicht«, antwortete der junge Mann und zog den Kopf aus dem Fenster zurück. Eine Hand packte ihn am Aufschlag des schmierigen Fracks.

»Spuck den Namen aus!«

Der Bursche befreite sich mit einer flüchtigen Geste. Er wartete lächelnd und schaukelte auf den Füßen. Er hob die Augen zum Himmel und streckte eine Hand unter dem Schirm hervor, als wollte er prüfen, ob es noch regnete. Das Auto bebte erneut. Zwei weitere Banknoten flogen heraus und blieben patschnaß auf dem Pflaster kleben. Nachdem der Bursche am Boden herumgefingert hatte, um die Scheine abzulösen, steckte er wieder den Kopf durchs Fenster und flüsterte einen Namen.

Signore Dei Vetri rutschte auf den Kissen nach vorn und packte die Sprechanlage:

»Sofort weg hier!« sagte er dem Fahrer.

3
Der Palascio und das »Don Jean«

Degrado hoffte, die Statue des nackten Mannes mit der Kugel beim Palascio absetzen zu können. Er brauchte Geld und wollte von den Gegenständen, die der Alte ihm als Anzahlung gelassen hatte, den sperrigsten und nutzlosesten einlösen. Der größte Teil des Trödels, der beim Palascio ge- und verkauft wurde, zeichnete sich durch sein großes Gewicht aus. In den heruntergekommenen Räumen dieses Marktes gab es Platz in Überfülle für all den unvergänglichen und pompösen Ramsch, der den Leuten für alle Ewigkeit im Weg herumstehen würde.

Algen und Moos verliehen den Travertinquadern, aus denen der Palascio gebaut war, einen grünlichen Schimmer. Es regnete seit drei Tagen. Feuchtigkeit sickerte aus allen Ritzen des Baus, der kurz davor schien, sich wie ein aufgequollenes Butterhörnchen in seine Bestandteile aufzulösen und auf den Flechtenteppich zu bröseln, der die Piazza und den Treppenaufgang vor dem Eingang bedeckte.

Die wenigen Kunden des Altwarenhandels stiegen die Stufen hinauf und hinunter und gaben acht, daß sie nicht ausrutschten. Sie bewegten sich, zur Seite geneigt, denn ein Spalt, breit wie ein Graben, teilte die Treppe in zwei Hälften und die Stufen waren längs der Spaltenränder angehoben.

Degrado ging durch die Korridore am Innenhof entlang. Über ihm hingen ausladende Bronzeleuchter in Form von Geschossen, die niemand hatte stehlen können: Sie waren zu schwer und zu mühsam abzunehmen. Durch den gelblichen Alabaster der riesigen Schalen sah man flüchtige Schatten huschen. Graue Mäuse, die wahren Herrscher des Palascio, bauten im Innern ihre Nester; andere marschierten, ruhig und gleichgültig, in geordneten Reihen auf den Stuckrahmen der Decken entlang.

Degrado betrat einen der ehemaligen Verhandlungssäle, wo sein Freund, der Antiquitätenhändler Gianni Ozzo, einen Verkaufsstand hatte.

»Es regnet«, Ozzo deutete mit einem Grinsen auf das zerbrochene Oberlicht. Der Regen prasselte auf den Boden, wo sich eine Pfütze bildete. Die Verkäufer hatten sich längs der Wände untergestellt. Es tat sich nichts, und die wenigen Kunden standen an die Mauern gepreßt und warteten darauf, daß der Regen nachließ.

»Du bist pleite.« Ozzo starrte neugierig auf das Bündel in Degrados Händen. »Höchstens eine Hungersnot kann dich bei so einem Wetter in diesen neoklassizistischen Mäusebau getrieben haben.«

Degrado nickte, wickelte die Statue aus und stellte sie auf den Verkaufstisch. Gianni Ozzo hob sie hoch und hielt sie sich in Augenhöhe vors Gesicht.

»Kugelstoßer. Erstes Regime. Zwischen 1937 und 1940, würde ich sagen. Sportsgeist, Männlichkeit, Kampfbereitschaft. Schau dir mal die Verbissenheit an. Das roch schon nach Krieg. Mit diesem Genre handle ich nicht, aber das ist kein Problem.«

Ein anderer Trödler hätte sofort behauptet, daß es sich um eine Geschmacklosigkeit handle, die überhaupt nichts wert sei, aber das war nicht Ozzos Stil. Sie einigten sich schnell auf eine Summe, ohne zu feilschen. Degrado steckte 50 Mittelmeer-Scudos ein, ein anständiger Preis. Die lebhaften Augen des Freundes fixierten ihn wieder.

»Was treibst du so?« fragte er. »Ziemlichen Mist, nehme ich an. Aber ordentlich bezahlt …« Ozzo betrachtete zufrieden den Kugelstoßer.

»Ich suche Gonzales«, sagte Degrado.

»Dieser Blutsauger auf zwei Rädern kreuzt nicht mehr in diesen Gewässern.« Gianni Ozzo bedeutete ihm, daß sich jemand aus dem Staub gemacht hatte. »Er ist gerade noch rechtzeitig umgezogen, nachdem er es auf eine Gruppe von Afrikanern abgesehen hatte, die mit Erotikware aus Rhinozeroshorn handelten. Hat er doch ein wirklich überzogenes Schweigegeld verlangt dafür, daß er den Handel nicht bei der Naturschutz-Abteilung anzeigt. Den Schwarzen blieb praktisch keine Verdienstspanne mehr; sie gaben aber trotzdem nach. Dann stellte Gonzales Forderungen bezüglich der Mädchen des Stammes. Die Afrikaner sind gutmütig und freundlich zu jedermann, aber auch sie haben eine Gewerkschaft. Und wenn es zuviel wird, rebellieren sie. Ihre Gewerkschaft versteht keinen Spaß. Sie hatten ihm eine mystische Zeremonie vorbereitet, deinem Freund Gonzales. So in dem Stil: Trommeln, Blut von massakrierten Hühnern, Fackeln unter den Fußsohlen und so weiter. Ich hatte davon erfahren und ihn gewarnt, weil er dein Freund ist. Nur deswegen habe ich es getan.«

»Er ist nicht mein Freund«, berichtigte Degrado. »Ab und zu gibt er mir eine Information. Und nie umsonst. Wo kann ich ihn finden?«

»Probier’s mal im Rotlichtviertel des dritten Sektors. Er hat sich in der Gegend dort verkrochen. Ich habe gehört, daß er als Rausschmeißer in einem Lokal in der Via Venùz arbeitet. Und wenn du ihn findest, sag ihm ruhig, daß du von mir erfahren hast, wo er steckt. Und erinnere ihn an den Dienst, den ich ihm erwiesen habe. Diese Zecke ist mir etwas schuldig.« Degrado fand Gonzales am Anfang der Via Venùz, vor dem »Don Jean«, einem Lokal mit Simulationserotik. Die Silhouette des Beamten wurde von 3-D-Fotos eingerahmt, die neben dem Eingang unmögliche Balanceakte darstellten.

Gonzales saß rittlings auf seinem Motorrad im Regen. Unter den changierenden Lichtern des Leuchtschildes wechselte er seine Farbe und verschwamm mit den Reflexen auf dem Asphalt. Das Regenwasser lasierte die Ledermontur, die ihn von Kopf bis Fuß bedeckte.

Es war kurz vor Öffnungszeit an einem Donnerstag abend, und es herrschte kaum Betrieb. Gonzales schien damit beschäftigt, die wenigen hartgesottenen Kunden zu mustern, die das Lokal betraten. Er gehörte zu jenem Sammelsurium fauler und alkoholisierter Streuner, die im Palast der Sicherheit großspurig »Mobile Abteilung zur Unterdrückung der Straßenkriminalität« genannt wurden und dafür sorgen sollten, daß die Raubzüge der Straßenpiraten nicht über den Rand des Dritten Sektors schwappten. Wenn man von den raren Verhaftungen irgendwelcher zahnloser, von den Organisationen ausgestoßener Wölfe absah, taten die Ohren, wie sie im Palast genannt wurden, in Wirklichkeit nichts anderes, als Schweigegelder für halbseidene Geschäfte einzustreichen, wobei sie kreuz und quer durch die Megalopolis ihr Spionagetalent ausspielten.

Gonzales lebte in Symbiose mit seinem Motorrad, einer Art Polstersessel auf Rädern; das Plexiglas, die verchromten Rohre und die Rückspiegel schienen genauso mit dem Gefährt verschweißt zu sein wie Gonzales’ dicker Bauch und das in einen hellblauen Helm eingekapselte Gesicht.

»Ich habe gehört, du bist gerade noch mit heiler Haut davongekommen«, begann Degrado.

»Gehört von wem?«

»Gianni Ozzo. Er hat mir gesagt, wo ich dich finde.« Mit einem Blick in die Runde wies der Insistente auf einen überfüllten Müllcontainer, das flackernde und abgeblätterte Neonschild sowie auf die beiden überalterten, vertrockneten Prostituierten, die in quietschenden Schuhen die Straße rauf- und runtermarschierten.

»Ein ganz schöner Abstieg. Das hat nichts mehr mit der Welt antiker Kunst zu tun.«

Gonzales lehnte sich über den Lenker, um den Bordfunk lauter zu stellen. »Hier gefällt’s mir besser. Die antike Kunst, die kann mir gestohlen bleiben. Ein Misthaufen aus Mäusepopeln, dazu ein großkotziges Getue. Dein Freund Ozzo inbegriffen. Ein aufgeblasener Wicht.«

»Er war’s doch, der dich gewarnt hat, oder? Du solltest nicht so von ihm reden.«

»Dann sage ich dir jetzt, daß der Knabe den Gesandten der Bagage gespielt hat, er hat den Schwarzen den Arsch gerettet.«

Gonzales klappte das Visier des Helms hoch, um Degrado zu mustern.

»Ich scheiß auf die Gewerkschaft der Farbigen. Die steck ich mir sonstwohin, wenn mir danach ist. Aber ich laß’ es gut sein. Ich will mir nicht die Hände schmutzig machen. Hat dich Ozzo geschickt? Sag die Wahrheit! Hast jetzt du die Erpressung übernommen?«

Degrado dachte, daß er die Sache falsch angegangen war. Gonzales hatte nicht genug Abstand zu der ausgestandenen Gefahr und saß noch wie auf glühenden Kohlen. Außerdem war er nicht der Typ, der sich in irgend jemandes Schuld fühlte.

»Nicht doch. Was glaubst du? Ich bin zu dir gekommen, weil ich eine Information brauche. Eine Kleinigkeit.«

»Um so besser.« Gonzales entspannte sich auf seinem Sattel, klappte das Visier herunter und drehte den Funk noch lauter.

»Diese Sprüche haben mir nicht gefallen, haben mir ganz und gar nicht gefallen.«

Das Funkgerät rauschte und krächzte, dann ertönte eine vulgäre Lache, und eine gutgelaunte Stimme verkündete: »Anhänger des Sufi Pir Vilayat Khan, eine Sekte mit Selbstmordpraktiken. Diesmal ein dickes Ding: 106 Tote. Zyklon B im Meditationstempel verströmt, während die Gläubigen ihr Loblied sangen. Hört euch das an, Kollegen, hahaha, das ist wirklich ein Brüller: anwesend ein Journalist, der hinter einem Skandalbericht her war, auch er ausgeblasen, trotz mangelnder Überzeugung. Ein herber Schlag für die Abteilung Kirchen und Kulte. Amtsenthebungen vorauszusehen.«

Gonzales ließ sich auf seinem motorisierten Sofa nach hinten fallen und stimmte in das Gelächter der Kollegen mit ein, so daß sich über Funk ein Chor der Heiterkeit zusammenfand.

Die Beamten der Straßensicherheit wurden Ohren genannt, weil sie ständig Hunderte von Stimmen abhörten. Der Äther der Megalopolis schwirrte vom Jargon der Jugendbanden, den Lockrufen alleinstehender Frauen und den exhibitionistischen Ausbrüchen einsamer Seelen von der Unterstadt an aufwärts; und auf derselben Frequenz kamen die Funkrufe von Beamten anderer Abteilungen herein. Die Ohren kannten jeden Trick, um die Funkfrequenzen aller vier Sektoren aufzufangen. Nur die Oberstädte blieben immun gegen ihre Indiskretion. Gonzales zum Beispiel nannte sich selbst »Beichtbruder der Megalops«. Er bewahrte ein Geheimnis aber nur, wenn die Ware zu heiß war, um abgesetzt zu werden.

Degrado, der geduldig unter dem Vordach des Lokals wartete, wagte sich einen Schritt weiter vor: »Ich brauche eine Information über einen verschwundenen Hotelbus, irgendwas mit Vaganten …«

Wieder das Krächzen. Gonzales schraubte an dem Gerät herum. »Vorrang, Vorrang«, schrie das Funkgerät. »Hier Grenzposten Unterstadt, West-Südwest-Rand. Es spricht Sonderagent Tolone. Anfrage an die Ohren unter euch. Sende aufgezeichnete Botschaft, vor fünf Minuten abgefangen auf Frequenz 3027. Verdient euch ausnahmsweise mal euer Gehalt! Erbitte Übersetzung. Bitte Inhalt und Ursprung übermitteln. Wiederhole: absoluter Vorrang! Es folgt die aufgezeichnete Botschaft …« Eine Reihe von Pfeif- und Kratztönen, dann eine weibliche Stimme: »Zerb! Zerb! Azzuiato zazet zanguizù marchettaro ziek. Zontan ze zett. Zott zanzere zebb.«

Gonzales ergriff das Mikrophon.

»Räumt die Frequenz, Kollegen. Tolone! Du meinst, daß ausgerechnet du dein Gehalt verdienst? Dechiffriere elementare Botschaft. Es sind die Alleinstehenden Frauen der Gruppe Jezabel, die eine Plünderung im Gebiet Ontani im dritten Sektor vorbereiten. Blackout an dem Ort, vorübergehende Unterbrechung der Stromversorgung. Der ›marchettaro cieco‹ ist ein Supermarkt. Dort haben sie sich zum Beutezug verabredet. Ich rate, in großer Anzahl dort aufzukreuzen, lebhafte Mädchen, wütende Katzen: die kratzen. Ist aber lauschiger, im Dunkeln zu arbeiten. Viel Vergnügen. Phelipe, bitte lös mich beim Abhören ab. Ich habe einen Nonsistente hier, der um Audienz bittet. Ende.«

Gonzales stellte den Funk ab und ließ den Motor an.

»Steig hinten auf. Ich brauche Treibstoff.«

Degrado warf die feuchte Zigarette auf den Gehsteig. Der Regen wurde stärker. Gonzales machte einen Kavalierstart und übersprang die Stufen des Eingangs, er fuhr im Zickzack am Rande eines Pools entlang, in dessen hellblau erleuchtetem Wasser sich zwischen künstlichen Seerosen eine gemischtgeschlechtliche Menge beim Gruppensex abmühte. Vor allem bei den Männern konnte man ziemlich gut erkennen, daß es sich um eine Simulation handelte. Dann bahnte Gonzales sich einen Weg durch eine kleine Orgie von Pestkranken des 17. Jahrhunderts (bei der Klientel der Privatclubs stand diese Epoche zur Zeit hoch im Kurs), sie waren alle halbnackt und realistisch geschminkt, mit Beulen, die unter den Lumpen hervorsahen. Das Motorrad fuhr wieder in Schlangenlinien um das Schwimmbecken, in dem die Wasserartisten jetzt ein kompaktes Knäuel gebildet hatten, das wie ein Krake zuckte, sich ausbreitete und zusammenzog. Gonzales steuerte auf die Bartheke zu.

In dem Lokal staute sich ein Geruch von billiger Handseife. Die Reihe der Barhocker war komplett besetzt. Gonzales schob seinen Motorradscheinwerfer zwischen eine Hofdame in karmesinrotem Samt und ihren schwarzen Pagen, dessen riesiger Turban ihm bis über die Ohren hing. Sie fütterten abwechselnd ein stumpfnasiges Hündchen, das auf dem Tresen saß.

»Schaff das Zeckennest weg und verschwinde«, brüllte Gonzales der Hofdame ins Ohr. »Mein Freund hier und ich, wir haben etwas zu bereden.« Er ließ den Motor noch einmal aufheulen, ehe er ihn abstellte.

Die Dame wandte sich dem Pagen zu und zwinkerte, sie kniff die Augen zusammen und schob die Zungenspitze zwischen die Lippen, was in der Sprache der Nachtschwärmer »Bulle von der übelsten Sorte« bedeutete. Sie nahm den Pekinesen auf den Arm und ließ sich wie eine Schlange vom Barhocker gleiten, der Page folgte ihr, wobei er seine schwankende Kopfbedeckung krampfhaft festhielt. Ohne sich vom Motorrad herunterzubemühen, streckte Gonzales eine Hand aus und ließ den Turban auf den Tresen fliegen. Dann hielt der Zentaur den Mohren am Ärmel fest und zog ihn zu sich heran. Mit einer weiteren Handbewegung flog das silberne Käppchen weg, und die Haare kamen zum Vorschein: schwarz und schulterlang. Gonzales hielt den Pagen um die Taille gefaßt und schob das Revers des langen Überrocks beiseite, der einen schlanken Körper verhüllte. Er kniff in eine kleine wohlgeformte Brust, ließ die Hand zum Hals gleiten und klimperte an der Ohrplombe herum.

»Ich habe dir drei Monate Berufsverbot auferlegt, Pierre.« Gonzales befingerte immer noch den Pagen. »Ich habe dir für 90 Tage die Lizenz zum Sklavenverkauf gesperrt, und wir sind gerade mal in der ersten Woche. Es ist das fünfte Mal, daß du diesen Artikel verkaufst. Appetitlich und allererste Wahl, keine Frage. Aber zu treu und anhänglich. Er haut jedesmal ab und kehrt wie ein Hündchen zu seinem alten Herrn zurück. Ich war nachsichtig mit dir, Pierre, ich hätte sie dir ganz entziehen müssen, die Lizenz. Statt dessen habe ich sie für eine Weile gesperrt. Ist das die Art, wie du meine Nachsicht honorierst?«

Die Dame im Karmesinsamt umrundete das Motorrad, bis sie ans Ohr des Beamten reichte. Obwohl sie leise sprach, entging Degrado, der direkt daneben saß, nicht, was sie mit einem Baßtimbre sprach, das wenig zu ihrer Aufmachung paßte:

»Ich warte da auf einen bestimmten Typen, der hinter uns her schleimt. Er ist bereit, dreihundert Scheine hinzublättern. Und diesmal ist es ein definitiver Verkauf. Wirklich, ich schwöre es. Bisher habe ich sie immer nur verliehen.«

Gonzales schüttelte seinen großen eingekapselten Kopf und sagte leise: »Ich habe ein Polizeimandat erlassen und es an die Öffentlichkeit gegeben. Willst du mich lächerlich machen, Pierre?«

»Absolut nicht, Herr Beamter, absolut nicht. Alles wird daher unter strenger Geheimhaltung verhandelt. Der Kunde ist diskret. Und wir waren getarnt, niemand hat uns erkannt. Was meinen Sie, Herr Gonzales, reichen hundert?«