Über Marianne Reißinger

Marianne Reißinger studierte Musikwissenschaft in Frankfurt, Promotion über Ernst Eichner. Arbeitet als Musikkritikerin und freie Autorin in München.

Informationen zum Buch

Durch sein Geschick, in den großen Konflikten um Liebe und Leidenschaft, die in seinen Opern erzählt werden, auch die politischen Dimensionen aufscheinen zu lassen, wurde Giuseppe Verdi zur Symbolgestalt der italienischen Einigungsbewegung.

Der Gefangenenchor aus »Nabucco« avancierte in Italien zur heimlichen Nationalhymne, und die Rigoletto-Arie »La donna è mobile« wurde neben vielen anderen Verdi-Arien weltweit zum geflügelten Wort. Doch wohl die wenigsten kennen mehr als dies aus den 26 Opern Verdis, die sich überwiegend durch äußerst verwickelte Handlungslinien auszeichnen.

Marianne Reißinger, eine exzellente Kennerin des Werkes Giuseppe Verdis, stellt mitreißend und humorvoll die Libretti der wichtigsten Opern vor und führt in ihrem Essay in Leben und Werk ein. Ein vollständiges Verzeichnis der Opern mit den wichtigsten handelnden Personen sowie eine ausführliche Zeittafel zum Leben des Komponisten machen dieses Buch zu einem idealen Brevier für Liebhaber, aber auch für »Opern-Neueinsteiger«.

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Marianne Reißinger

Verdi für Eilige

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Nabucco

Macbeth

Rigoletto

Der Troubadour

La Traviata

Simon Boccanegra

Ein Maskenball

Die Macht des Schicksals

Don Carlos

Aida

Othello

Falstaff

Anhang

Viva V.E.R.D.I.

Zeittafel

Personen der erzählten Opern

Literatur

Anmerkungen

Impressum

S5.tif

Giuseppe Verdi
Gemälde von Jäger (AKG, Berlin)

Nabucco

Jerusalem – Der Frevler – Die Prophezeiung –

Das zerbrochene Götzenbild

Es war in biblischer Zeit. Zumindest wird es so oder so ähnlich im Alten Testament erzählt. Nebukadnezar – die Italiener nennen ihn Nabucodonosor und verkürzen den Namen auch auf Nabucco – war König des eroberungslustigen Reiches Assyrien-Babylonien. In seiner Hauptstadt Babylon opferte er vielen Göttern, in großer Not aber rief er zu Baal, dem obersten und auch im Heiden-Himmel mächtigsten Gott. Die Nachbarstaaten rund um Nabuccos Herrschaftsgebiet lebten in ständiger Furcht vor dem kriegslüsternen, selbstherrlichen Fürsten, denn wann immer er sie angriff, bedeutete das für sie Tributpflicht oder Sklaverei.

Mit dieser permanenten Angst lebten auch die Menschen in Israel und Juda, zwei Teilstaaten der Juden. Jerusalem war das Zentrum ihrer staatlichen Macht und mit dem Salomonischen Tempel auch das weithin sichtbare Zeichen ihrer Religion. Die Hebräer hatten sich, im Gegensatz zu allen anderen Völkern des Altertums, von der Vielgötterei abgewandt und glaubten nur noch an einen einzigen Gott. Er war für sie allgegenwärtig, allmächtig, aber unsichtbar. Sie nannten ihn Jahwe; ein Name, aus dem in nicht ganz korrekter Umwandlung Jehova wurde.

Ihr Vertrauen auf diesen einen Gott, der ihnen ja offensichtlich auch immer half, machte die Hebräer vor allem für Nabucco suspekt. Gab es eine Macht, die stärker war als er? Auch deshalb lag der Babylonier-König schon seit längerer Zeit mit dem Staat der Juden im Krieg. Bereits beim ersten Angriff hatte Nabucco den König Ismael als Geisel mit in seine Residenz genommen und wähnte sich seiner Sache sicher. Doch Nabucco unterschätzte die Macht der Liebe. Gleich zwei Frauen in seinem Palast verliebten sich unsterblich in Ismael: Fenena, die Tochter Nabuccos, und Abigail, jene attraktive Frau, die alle am Hof für eine weitere Tochter ihres Königs hielten, obwohl sie ehemals dessen Geliebte war.

Ismael hatte für die resolute, machtgierige Abigail nichts übrig. Er mochte diesen Typ Frau nicht – schon gar nicht, wenn ihn diese vermeintliche Königstochter in religiösen Dingen zu oft belehren wollte. Abigail versuchte immer wieder, Ismael zum strengen Glauben an Baal und die anderen Götter der Babylonier zu bewegen. Die weiche, liebliche und tolerante Fenena dagegen liebte Ismael vom ersten Augenblick an. Eine Liebe, die ihn blind machte, denn er dachte keinen Moment an die politischen Folgen für sein Land, als er – Geisel und damit Garant für den Frieden – aus Nabuccos Palast flüchtete und mit Fenena in Jerusalem ankam.

Jerusalem

Nabuccos Zorn ließ nicht lange auf sich warten. Nun stand er schon zum zweiten Mal in diesem Jahrzehnt mit seinem Heer vor den Toren Jerusalems. Nicht nur, um seine Tochter zurückzuholen, sondern auch, um den wieder einmal unbotmäßigen Vasallenstaat zu züchtigen, ihm endgültig klarzumachen, welches seine wahre Rolle in der orientalischen Welt zu sein habe.

Schon lagern Nabuccos Truppen vor dem Tempel, und die Eroberung dieses letzten Bollwerks der Israeliten ist nur noch eine Frage von Tagen. In Todesangst sind viele Bewohner Jerusalems in das Innere des Salomonischen Tempels geflohen. Sie scharen sich um Zacharias, den Hohepriester und das geistlich-religiöse Oberhaupt aller Juden. Mit Inbrunst folgen sie den Leviten – den Angehörigen des besonders frommen Stammes Levi, die den Tempeldienst versehen –, die sie zu Gebeten und Gesängen ermahnen, damit Gott sein Volk noch einmal schützen möge.

Laut, als könne das den Feind vertreiben, singen die Hebräer, Leviten und die hebräischen Jungfrauen angstvoll und anklagend: »Verhüllt euch in Trauer, Hebräer, Leviten, vorbei sind die Feste der Israeliten! Die zürnende Gottheit kein Bitten versöhnte, durch Nabucco entstand unser Leid. Barbarischer Horden Geschrei wüst ertönte, der heilige Tempel erscheint uns entweiht.« Und wie schutzlose Kinder rufen die Jungfrauen: »Allmächtiger Vater in himmlischen Höhen, ach laß deine Kinder nicht vergebens flehen. Zerstöre, vernichte die feindlichen Scharen und gib Davids Töchtern den Frieden zurück!«

Doch Zacharias hat einen anderen, im Krieg vielleicht hilfreicheren Trumpf in der Hand: Fenena. Es sind mehr als nur tröstende Worte, wenn er seinem Volk sagt: »Habt Mut, Kinder Judas. Gott zeigt sich unserm Land gnädig, er gab uns die Tochter des Gegners zum Unterpfand. Den Frieden möge uns Nabuccos Kind bringen.« Ein kurzer Hoffnungsschimmer, denn schon stürmt Ismael in den Tempel: »Nabucco steht vor den Toren!« Nicht ahnend, was er damit tut, übergibt Zacharias Fenena an Ismael, damit er das kostbare Friedenspfand gut bewache.

Kaum allein, hat Ismael den Krieg um ihn herum vergessen, denkt nur noch an seine Liebe. Fenena ist es, die ihn an seine Pflichten erinnert: »An diesem Tag der Rache sprichst du zu mir von Liebe? Verletzt du so deine Pflicht? Hier bin ich nicht mehr als eine Sklavin.« Trotzdem will Ismael die Geliebte retten, ihr einen geheimen Fluchtweg aus dem Tempel zeigen. Aber kaum öffnet er diese Tür, steht Abigail vor ihnen. »Der Tempel ist erobert«, verkündet sie dem ertappten Liebespaar hochmütig und bezichtigt ihre Konkurrentin Fenena des Verrats am assyrischen Volk. Und mit dem bitteren Haß der verschmähten Frau schleudert sie Ismael entgegen: »Oh, welch tapferer Held! Im Buhlen vollbringt er Siegestaten.« Denn noch immer hat Abigail die Hoffnung nicht aufgegeben, Ismael für sich zu gewinnen.

Vergeblich – und zu spät, denn schon ist Nabucco mit seinen Kriegern in den Tempel hineingeritten, spottet über das Heiligtum der Hebräer, verhöhnt ihren Gott Jehova. Zacharias sieht nur noch einen Ausweg, die Zerstörung des Tempels zu verhindern: »Verwegener, Frevler! Lechzt dein Sinn nach Blutvergießen – hier sieh das Opfer: Deiner Tochter Blut soll als Sühne fließen. Sie sterbe.« Voller Wut zückt der Hohepriester den Dolch, um Fenena zu töten. Doch nicht einmal der drohende Tod der eigenen Tochter kann Nabucco umstimmen. Es ist Ismael, der die Geliebte rettet – um den Preis, daß der Salomonische Tempel zerstört wird und die Hebräer als Gefangene nach Babylon laufen müssen. Für sein eigenes Volk ist Ismael von nun an der Frevler, der schuld ist an all den kommenden Qualen und Plagen.

Der Frevler

Mühsam war der Marsch nach Babylon gewesen. Die hebräischen Männer und Frauen wußten, was sie im Land ihrer Feinde erwartete: die härteste Arbeit auf dem Feld oder beim Bau von Häusern, Straßen und Palästen – jene niederen Arbeiten, für die man sich Sklaven hält. Und sie hatten sich nicht getäuscht. Schweigend schuften sie, fragen sich immer wieder voller Verzweiflung, ob Jehova sie ganz verlassen habe, warum er sie nicht aus dieser Knechtschaft befreit.

Am Rande der Stadt müssen sie wohnen, sehen nichts von der Königsburg, nichts von den berühmten Hängenden Gärten. Auch Fenena und Ismael leben nun wieder in Babylon; trotz ihres Vergehens hat Nabucco ihnen verziehen und Fenena während seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte übertragen. Und während Nabucco schon längst wieder auf einem neuen Feldzug ist, ahnen sie nicht, daß ihr Leben an einem seidenen Faden hängt – am Ehrgeiz einer Frau. In den Gemächern des Palastes nämlich hat Abigail zufällig eine Pergamentrolle gefunden, die ihre Sympathie für Nabucco von einem Augenblick zum anderen in tiefen Haß verwandelt. Ein Schriftstück, das keinen Zweifel an ihrer wahren Herkunft läßt.

In wildem Furioso stürmt Abigail in den Salon Nabuccos: »O Glück! Ich fand das verhängnisvolle Schriftstück, das mich der Schande preisgibt. Ich, Abigail, bin das Kind einer Sklavin. Wohlan, es sei drum! Man glaubt, ich sei als Königstochter geboren. Was bin ich hier? Nicht mehr als eine Sklavin. Die Herrschaft ließ der König bei seiner Abreise in den Krieg der jüngeren Fenena, die jetzt vor meinen Augen glücklich mit ihrem hebräischen Geliebten lebt. Ich soll diese Schmach ertragen? Nein, meine Rache soll den Frevler treffen. Zuerst muß Fenena sterben, dann der verhaßte Vater. Ach, auf ewig ist das Sehnen nach Liebe, nach Seligkeit verloren.« Bei aller Liebe aber, das verräterische Dokument versteckt Abigail nun in ihrem Kleid.

Jetzt, wo Abigail schriftlich vor Augen hat, daß sie am Hof Nabuccos ohne königliche Rechte lebt, erinnert sie sich voller Wehmut an die Liebesstunden mit dem Mann, den nur das Volk für ihren Vater hält. Doch schneller, als sie denkt, bieten ihr die über ihre Herkunft ahnungslosen Priester des Gottes Baal und die Tempelmagier Gelegenheit zur Rache. Heftig wird die Salontür aufgestoßen, fassungslos stürmt der Oberpriester des Baal auf Abigail zu: »Entsetzen packt mich, die Angst läßt mich erbleichen. Fenena ließ die hebräischen Feinde entweichen, will ihnen die Freiheit geben. Juda wird wieder Krieg mit uns anfangen. Deshalb sind wir bereit, dir die Krone anzutragen.«

Nichts lieber als das, denkt Abigail. Und die Magier haben auch schon eine Idee, wie sie Fenena als Regentin absetzen und Abigail zur Königin machen können: »Wir verbreiten die falsche Nachricht, daß der König im Krieg gefallen sei. Dann werden wir dem Volk im Namen des großen Baal befehlen, dich zur Königin zu wählen. Nur du nämlich kannst verhindern, daß unser mächtiges Reich zerfällt, wir selbst zu Sklaven anderer Fürsten werden.«

Während im Salon des Königs die Intrige der Baal-Priester gesponnen wird, steht Zacharias, der Oberpriester der Israeliten, mit den Gesetzestafeln unter dem Arm vor der Tür zu den Gemächern der Regentin Fenena. Er ist auf der Suche nach Ismael und will ihn töten, weil er ohne Rücksicht auf die Gesetze seiner Religion mit einer Heidin zusammenlebe. Vergeblich bittet Ismael um Gnade. Zacharias und die Leviten bleiben hart.

Der rettende Engel ist Rahel (die Italiener nennen sie Anna), die Schwester des Hohenpriesters, und sie lüftet ein Geheimnis. »Ismael hat einer Hebräerin das Leben gerettet. Deshalb müßt ihr ihn von eurem Bannfluch befreien. Als Fenena bei uns in Jerusalem lebte, ist sie nämlich aus Liebe zu Ismael zu unserem Glauben übergetreten.« Niemand außer Rahel hatte davon gewußt.

Zacharias ist schnell bereit, beiden zu verzeihen. Mehr Zeit hat er auch nicht, denn schon stürzt der alte Abdallo, der treueste Diener Nabuccos, atemlos zu Fenena: »Herrin, entfliehe! Der König ist im Krieg gefallen. Das melden die Gerüchte. Fliehe, denn schon krönt das Volk Abigail zur Königin und verfolgt die Hebräer.« Aber zur Flucht ist es zu spät, denn Abigail postiert sich majestätisch vor Fenena und fordert die Königskrone von ihr.

Unterdessen hat sich unbemerkt der totgeglaubte Nabucco den Weg zu den beiden Frauen gebahnt, stellt sich zwischen die Kontrahentinnen, nimmt Fenena die Krone ab und setzt sie sich selbst wieder aufs Haupt. In rasender Wut faucht er Abigail an: »Wer wagt, sie mir zu nehmen?« Nun will er alle Verbrecher hart bestrafen: »Hört mich an: Die Götter Babylons sind schändliche Verräter. Um sie meiner Macht zu entziehen, schützen sie die Missetäter. Judas Volk, kannst du deinen Gott verehren, besiegt durch mich? Laßt Hebräer euch belehren: Es lebt nur ein Gott – und der bin ich!!«

Nabuccos Krieger jubeln vor Freude über das Machtwort ihres Königs, doch Fenena und die Israeliten packt Entsetzen über solch vermessene Gotteslästerung. Draußen hört man ein Donnern, und plötzlich dringt durch die dicken Palastmauern ein Blitz, der den Kopf Nabuccos streift und ihm die Krone vom Kopf reißt. Fassungslos über diese übernatürliche Macht schreit Nabucco mit wilden, verwirrten Augen in den Saal: »Wer entriß mir die Königskrone? Ein Gespenst steht vor meinem Thron. Naht mein Würger, der Tod, um sich blutig zu rächen?« Verzweifelt fleht Nabucco seine Tochter Fenena an; er erkennt, daß sein Hochmut ihn mit Wahnsinn geschlagen hat.

Die Prophezeiung

Unbemerkt von den meisten Zeugen dieses Ereignisses, hat Abigail Nabuccos Krone an sich genommen und geschworen: »Assyriens Ruhm erstrahle künftig unvermindert fort.« Und so sitzt sie nun auf dem Thron in den Hängenden Gärten und empfängt die Priester und Magier des Baal. »Erhabene Fürstin«, beginnt der Oberpriester ohne jegliche Emotion, »des Volkes Bitte mögest du vernehmen. Verflucht sind die Hebräer. Sie sollen sterben – zuerst deine Schwester, denn sie verriet unseren Gott.« In Demut überreicht der fromme Mann Abigail das Todesurteil. Sie muß es nur noch mit der königlichen Unterschrift versehen.

Diplomatisch heuchelt Abigail Entsetzen. Doch schon packt sie der echte Schrecken: Nabucco erscheint, mit wildem Haar und abgerissener Kleidung. Erregt befiehlt Abigail: »In sein Gemach soll der Alte gehen!« Aufbrausend vor Wut, fragt Nabucco seinen Diener Abdallo: »Wer spricht hier in Gegenwart des Königs?« Wankend läuft er zum Thron: »Sagt, wer ist dies? Ha, welche Frechheit!«

Schnell entläßt Abigail ihre Diener, denn sie weiß nur zu gut, daß sie jetzt keine Zeugen gebrauchen kann. Niemand soll hören, wie sie den König überlistet, das Todesurteil gegen die Hebräer zu unterschreiben. »Babylons stolze Herrschaft verweht wie Staub im Wind«, droht Abigail und ist doch selbst voller Angst. Denn Nabucco zögert mit der Vollstreckung, dunkle Ahnungen quälen ihn. Aber nein, seine Staatsmacht will Nabucco nicht verlieren; widerwillig steckt er seinen Königsring um das Pergament.

Zu spät fragt Nabucco: »Und was wird mit Fenena?«

Mit schneidender Stimme teilt Abigail ihm mit: »Sie, die unseren Gott verriet: Sie sterbe! Ich, deine Tochter«, weiter kommt sie nicht, denn sie hat nicht mit einem lichten Moment in Nabuccos geistiger Umnachtung gerechnet. Verletzt schreit er auf: »Sklavin! Ich bin dein Gebieter«, und sucht jenes Pergament in seinem Gewand, das Abigails Herkunft beweist, doch er kann es nicht finden und wird nervös. Um so siegessicherer zieht nun Abigail das gefährliche Schriftstück aus ihrem Dekolleté und hält es Nabucco hin: »Ich Sklavin? In Stücken flattre, du Lügenblatt!« Blitzschnell hat sie es unwiederbringlich zerrissen und versetzt dem König einen letzten Schlag: »Du Schänder meiner Ehre!«

Stolz träumt Abigail nun von ihrer Zukunft als Herrscherin: »Die Großen, sogar der König selbst, sie fallen alle vor einer Sklavin in den Staub!« Alles Flehen Nabuccos hilft nichts mehr, sie läßt ihn gefangensetzen. Eiskalt ist ihre Antwort: »Geh, umsonst flehst du um Frieden. Laß mich an deinen Schmerzen weiden, denn als du mir die Schmach beschieden hast, kanntest du auch kein Mitleid.«

Mit höhnischem Lächeln schaut Abigail ihrem Ziehvater Nabucco nach, als er – scheinbar ein gebrochener Mann – den Wachen folgt. Immerhin, den Kerker hat ihm diese anmaßende Sklavin erspart; er darf nur sein eigenes Gemach nicht mehr verlassen. Zufrieden mit ihrem Erfolg, selbstherrlich, geht Abigail in ihre Gemächer, um sich für das Spektakel der Hinrichtung der Hebräer königlich zu kleiden. Was aber soeben im Palast geschehen ist, ahnt am Ufer des Euphrat niemand – dort, wo sich die gefangenen Israeliten versammelt haben, um für ihre Sehnsucht nach Zion, nach der Heimat, zu beten.

Einig, ergreifend und noch immer mit einem Funken Hoffnung singen die gefangenen Israeliten im Chor: »Va, pensiero! Zieht, Gedanken, auf goldenen Flügeln, zieht Gedanken, ihr dürft nicht verweilen. Laßt euch nieder auf sonnigen Hügeln, dort, wo Zions Türme blicken ins Tal. Um die Ufer des Jordan zu grüßen, zu den teuren Gestaden zu eilen, zur verlorenen Heimat, der süßen, zieht Gedanken – lindert der Knechtschaft Qual.« Wie im Traum haben sie gesungen, da reißt sie Zacharias in die Wirklichkeit zurück. Was sagt er da? Hat Jehova etwa ihre Gebete schon erhört? Versprechen seine Prophezeiungen nicht eine baldige Heimkehr nach Jerusalem?

Zacharias, der in der langen Zeit dieser babylonischen Gefangenschaft den Glauben aufrechthielt, nie wankend wurde, fragt sie geradezu strafend: »Welche Klage muß ich hier vernehmen? Nur den Weibern geziemen die Zähren. Teure Brüder, laßt des Zagens uns schämen.« Doch dann berichtet er von seiner Zwiesprache mit Jehova: »Hört, was Gott euch durch mich verkündet! Judas Volk soll sich jetzt tapfer wehren, aus der Not, aus der Schmach wird es der Herr erretten. Bald sind die Ketten zerbrochen, denn wie ein mutiger Löwe wehrt sich Israel.«

Das zerbrochene Götzenbild

Diese Vision von Freiheit begeistert die Hebräer. Sie sind bereit, noch einmal in den Kampf zu ziehen, um den Tempel des Baal ebenso zu zerstören wie die Tyrannei der Babylonier. Sie verlassen die Felder am Stadtrand. Doch nicht als freie Krieger kommen sie an der Königsburg vorbei, sondern als Gefangene der Baal-Priester. Schweigend ziehen sie an jenem Palast vorbei, in dem Nabucco eingesperrt ist. Aus tiefem Schlaf schreckt er hoch. War es ein Traum? Ist’s Wirklichkeit? »Ich höre deutlich den Kriegsruf. Schnell, meine Waffen! Nach heißer Schlacht verlangt mein Roß. Zion soll fallen. Die Feste muß vernichtet sein.« Nabucco spürt den nahenden Angriff, verwundert hört er aber auch den Namen seiner Tochter Fenena. Aus weiter Ferne dringt er an sein Ohr. Er geht zum Fenster, das Abigail inzwischen vergittern ließ, und sieht die fürchterliche Wahrheit. Seine Tochter, Fenena, ist gefesselt und schleppt sich im Zug der Hebräer zur Hinrichtung im Baal-Tempel.

Das grausame »Fenena sterbe!«, das die Babylonier, die am Straßenrand stehen, rufen, scheint Nabucco aus der Umnachtung zu wecken. Aufgeregt rennt er zwischen Fenster und der fest verschlossenen Tür hin und her. Verzweifelt starrt er auf die Straße. Wie in Trance schlägt sich Nabucco an die Stirn, sinkt in die Knie und betet, wie er bisher nie gebetet hat: »Gott Israels, Vergebung! Neu will ich dir, Jehova, den Altar bauen. Laß mich dir vertrauen, der stets dem Sünder gnädig war!« Wie durch ein Wunder – das Wunder Jehovas, zu dem er eben erstmals gebetet hat – ist Nabucco wieder ganz bei Sinnen. Die verriegelte Tür springt ohne sein Zutun auf.

Hastig reißt Nabucco ein Schwert an sich, befiehlt den ihm noch immer treu ergebenen Dienern und Kriegern, ihm zu folgen, und stürmt zu den Hängenden Gärten. Schon hat der Oberpriester des Baal die Äxte geschliffen, um die am Opfer-Altar kniende, ihrem Schicksal gläubig ergebene Fenena hinzurichten. Obwohl man von draußen schon Stimmen hört, die immer wieder »Hoch, Nabucco« rufen, befiehlt der Priester nach den Gesetzen seiner Religion: »Vollzieht nun das Opfer!« Die Priester haben die Axt schon in die Höhe geschwungen, doch ehe sie auf Fenena niederfallen kann, werden die Henker durch Nabucco aufgehalten: »Halt, ihr Verräter! Schlagt in Stücke den Unheilsgötzen, vernichtet Baal!«

Und wieder ein Wunder Jehovas. Keiner im Tempel rührt sich – und trotzdem stürzt die riesige Baal-Statue in sich zusammen. »Kehrt heim zu den Ufern des Jordan«, ruft Nabucco den Hebräern zu. »Kinder Israels, ihr sollt euch der Heimat erfreuen. Ein neuer Tempelbau sei eurem Gott geweiht, denn nur er ist mächtig – allgültig ist er allein. Des Frevlers Sinn strafte er mit dunkler Macht, dem reuigen Sünder gab er die Ruhe.« Und damit bei den so unerwartet Geretteten alle Zweifel, alle Angst verschwinden, versichert er ihnen: »Abigails Geist verfiel in trüben Wahn. Deshalb nahm sie Gift und fand die Strafe.«

Schon schwach vom Gift und von einem Stein der eingestürzten Baal-Statue schwer verletzt, wankt Abigail in die Trümmer des Tempels. Sterbend bittet sie Fenena um Verzeihung. Nabucco aber beschwört sie aufrichtig: »Mache Fenena und Ismael zu einem Paar, denn sie lieben sich in heißer Herzensglut. Mein Verbrechen war es, das nicht dulden zu wollen. Und auch das Volk der Hebräer laß ungestört in seine Heimat ziehen. O Gott, erbarme dich!« Sterbend sinkt Abigail zu Boden. Auch sie ist jetzt bekehrt – und erlöst.

Macbeth

Dunkel und schwer hängen Wolken und Nebel über dem Norden von Schottland. Die schwarzgrauen Steinquader, aus der die trutzige Burg auf der Bergkuppe in der Ferne gebaut wurde, lassen schon am Tag diese Gegend unheimlich erscheinen. So abweisend wie ihre Bewohner: Macbeth, ein Heerführer von König Duncan, und seine ehrgeizige, nach Fürstenglanz strebende Frau, Lady Macbeth. Die Menschen in der Umgebung fürchten sich immer ein wenig vor ihr. Die Burg, der Nebel, der Wald, in dieser Nacht wirkt alles noch grausiger. Heute fühlen sich hier nur die Hexen wohl. Unter Blitz und Donner sind sie auf die kleine Lichtung gekommen und erzählen sich, was sie erlebt haben. Eine hat einen Eber abgestochen, die andere strafte die Frau eines Schiffers, die die Hexe zum Teufel jagen wollte. Sie wird ihren Ehemann auf See verlieren. Den übermütigen Hexentanz stört eine Trommel ganz in ihrer Nähe. »Wer ist es? Ah, Macbeth kommt.«

Ins Gespräch mit seinem Mit-Heerführer Banquo vertieft, nähert sich Macbeth der Lichtung: »Ich sah keinen Tag so wild und schön wie diesen.« – »Ja«, fügt Banquo hinzu, »und keinen so ruhmreich?« Beide sehen plötzlich die Hexen in ihrem Kreis, und Banquo will sofort wissen: »Wer seid ihr? Aus dieser Welt oder aus einer anderen? Ich würde euch Weiber nennen, hättet ihr nicht diesen scheußlichen Bart.« – »Los, sprecht!« befiehlt Macbeth in militärischem Ton. Und die Hexen verkünden eine Prophezeiung: »Heil dir, Macbeth, Herr von Glamis, Herr von Cawdor, König von Schottland!« Macbeth zittert vor Schreck, was Banquo gar nicht begreifen kann: »Was schrecken Euch diese frohen Zeichen? Jetzt aber, sagt auch mir, wie meine Zukunft aussehen wird. Wenn ihr das überhaupt wißt, ihr wunderlichen Wesen.« Und die Hexen wissen viel: »Heil dir! Weniger als Macbeth wirst du sein und mehr! Nicht so im Glück wie er, aber glücklicher! Nicht König, aber Vater von Königen!« Und dann jubeln die Hexen im Chor: »Macbeth und Banquo sollen leben!« Wie ein Lufthauch verschwinden sie und lassen die beiden Männer stehen. Ratlos wiederholen diese, was sie soeben gehört haben. Unbegreiflich, vor allem für Macbeth, den es insgeheim stört, daß er zwar König von Schottland sein soll, Banquo aber der Vater einer Dynastie.

Während die Heerführer noch diskutieren, kommt ein Bote und verkündet: »Hoch Macbeth! Dein König machte dich zum Herrn von Cawdor. Den bisherigen gibt es nicht mehr, er wurde zum Tod verurteilt.« Banquo wird vom Grauen gepackt: »Also sprach die Hölle die Wahrheit.« Wie von Sinnen aber scheint Macbeth: »Herr von Cawdor und damit auch Glamis bin ich jetzt. Die dritte Weissagung verspricht mir den Thron. Aber warum sträuben sich mir die Haare? Ich sehe Blut, aber woher? Das Schicksal hält mir eine Krone hin, und ich strecke die gierige Hand nicht aus.« Banquo beobachtet den Kriegsfreund: »Wie bläht er sich vor Stolz in Erwartung eines Königstitels. Aber oft sagt uns die lügnerische Hölle die Wahrheit, um uns zu täuschen, und verläßt uns Unglückliche dann vor dem Abgrund, den sie uns auftat.« Man macht sich auf den Weg, und niemand hört mehr, was die Hexen ihnen noch hinterherrufen. Voll Freude wiederholen sie, daß Macbeth König wird. »In der Hexennacht haben wir ihm den Schicksalsspruch gemacht. Er wird in Erfüllung gehen.« Und nicht nur der!

In der mächtigen Burg mit den dicken Mauern und den hohen, düsteren Räumen wartet Lady Macbeth auf die Heimkehr ihres Mannes. Er hat ihr einen Brief geschrieben, um ihr die Ereignisse am Tag nach dem Sieg so schnell wie möglich mitzuteilen. Er beschreibt ausführlich seinen plötzlichen gesellschaftlichen Aufstieg und spricht auch von der Königswürde. Doch dieses Geheimnis möge sie unbedingt in ihrem Herzen verschließen.

»Ja«, denkt die Lady, »ehrgeizig bist du, Macbeth. Du sehnst dich nach Größe. Aber bist du böse? Über Leichen geht der Weg zur Macht, und wehe dem, dessen Fuß zögert und der zurückschreckt. Doch komm, Lady Macbeth, eile. Entzünden will ich ihm das kalte Herz! Zur kühnen Tat will ich dir, Macbeth, die Kraft verleihen. Sie versprachen dir Schottlands Thron. Was zögerst du? Nimm an, steig hinauf und herrsche.«

Leise klopft es an der Tür, und ein Bote teilt ihr mit, daß Duncan, der König von Schottland, mit seinem Gefolge heute bei ihr in der Burg übernachten werde. Auch Macbeth wird dabeisein, als sein Begleiter. Kaum ist sie wieder allein, blüht die Lady auf: »Duncan wird hier sein? Hier, in dieser Nacht? Nun erhebt euch, ihr höllischen Geister, die ihr zum Morden ruft. Stachelt die Sterblichen auf. Du, Nacht, umhülle uns mit undurchdringlichem Dunkel, damit der Dolch nicht sieht, welche Brust er trifft.«

Es dauert nicht lange, da ist Macbeth als Vorhut des Königs bei seiner Frau. »Gleich wird der König kommen.«

»Und wann geht er?«

»Morgen.«

»Nie geh uns die Sonne zu diesem Morgen auf«, fordert die Lady von ihrem Mann. Rätselhafte Worte, die er zunächst nicht versteht. Doch dann begreift er: »Aber was ist, wenn der Anschlag auf den König von Schottland scheitert?«

»Er wird nicht scheitern, Macbeth, wenn du nicht zitterst.«

Der Feldherr fügt sich seiner starken Frau. Und nachdem sie den König und dessen Gefolge mit strahlender Laune empfangen und gut bewirtet haben, zieht man sich zur Nachtruhe zurück. Macbeth ruft seinen Diener: »Sage deiner Herrin: Wenn mein Nachttrunk fertig ist, dann soll sie die Glocke ziehen.« Als Macbeth wieder allein ist, dreht er den Dolch in seinen Händen, er kämpft gegen Zweifel: »Ich sehe einen Dolch?! Der Griff dreht sich zu mir? Daß ich dich zücke, wenn du kein Trugbild bist. Du fliehst? Aber ich sehe dich! Du gehst mir auf dem dunklen Weg voran, der in meinem Kopf vorgezeichnet ist. Ein schreckliches Bild! Eine blutige Furche, die deine Klinge zieht!«

Macbeth sieht Gespenster, Trugbilder. Er scheut sich davor, seinen König heimtückisch zu ermorden, und doch treibt ihn sein Ehrgeiz zu der Tat. Feige gaukelt er seinem Gewissen vor, daß er ja nur dem Auftrag, dem Zauber der Hexen folge. Nervös wartet Macbeth auf das vereinbarte Zeichen seiner Frau. Da, endlich; draußen hört er die Glocke: »Es ist soweit, die Glocke meint mich! Höre sie nicht, Duncan, es ist die Sterbeglocke. Sie ruft dich in den Himmel oder in die Hölle.«

Leise schleicht sich Macbeth in das Zimmer des Königs. Draußen wartet die Lady, die mit einem Kräutertrunk dafür gesorgt hat, daß alle ganz besonders tief schlafen. Der Ruf der Eule erscheint ihr wie der Abschiedsgesang für Duncan. Verstört kommt Macbeth aus dem Schlafgemach des Königs zurück. »Es ist getan! Mein schicksalhaftes Weib, hast du nicht auch wie ich ein Flüstern gehört? Sag, wer schläft im Nebenzimmer?«

»Der Sohn des Königs!«

Macbeth ist völlig verwirrt, er schaut zitternd auf seine Hände: »Welch ein Anblick, welch ein schrecklicher Anblick! Ich hörte, wie der Kämmerer im Schlaf betete, und als er Amen sagte, konnte ich dieses Wort nicht über die Lippen bringen. Warum nicht? Und dann diese Stimme in meiner Brust: Du wirst Dornen als Kissen haben, Macbeth! Du hast dir die Nacht für immer getötet, Glamis! Du wirst deine Nächte durchwachen, Cawdor!«

Lady Macbeth weiß, daß ihr Mann zwar ein mutiger Krieger ist, aber für die Intrige ist er nicht geschaffen: »Bringt den Dolch zurück! Färbt seine Wachen mit Blut, damit der Verdacht auf sie fällt.« Doch dazu hat Macbeth keinen Mut mehr: »Jedes Geräusch erschreckt mich. Diese Hände! Nicht alle Wasser der Welt könnten diese Hände säubern!« Kühl antwortet ihm die Lady: »Schau her, ich habe den Dolch auch in der Hand gehabt, die Wachen mit Blut gefärbt. Auch ich habe schmutzige Hände. Aber ein Spritzer Wasser, und sie sind sauber. Und so wird die Tat vergessen.«

Schon zum zweiten Mal hören sie ein heftiges Klopfen am Burgtor. Macbeth hat Angst, doch seine Frau treibt ihn weg vom Ort des Verbrechens. Jeglicher Verdacht muß vermieden werden. Jetzt darf er nicht schwach sein. Die Männer, die zu so früher Stunde an der Tür klopfen, sind Macduff, der Herr von Fife, und Banquo. »Ich soll den König früh wecken«, erklärt der schottische Edle, »und es ist schon spät. Wartet hier auf mich, Banquo.« Während Macduff im Zimmer des Königs verschwindet, erinnert sich Banquo an die schrecklichen Geräusche der vergangenen Nacht: »Durch die Finsternis stöhnte es, es klang wie Todesstimmen. Die Eule seufzte tief voll trauriger Bedeutung, und der Boden bebte.«

Und schon stürzt Macduff wild aus dem Zimmer des Königs: »Welch ein Grauen! Geht hinein, Banquo, und seht selbst, was geschehen ist. Ich kann es nicht sagen!« Gleich weckt er das ganze Haus: »Heda, alle herbei! Mord, Verrat!« Voller Schrecken kommt nun auch Banquo zurück: »König Duncan ist tot, ermordet.« Entsetzt von der unglaublichen Tat verfluchen alle den Mörder – auch Macbeth und seine Lady.

Bald hat sich die erste Aufregung gelegt, und Macbeth geht nun unruhig im Zimmer seines schottischen Schlosses auf und ab. Lady Macbeth ist ihm gefolgt und wundert sich über das seltsame Verhalten ihres Mannes: »Du gehst mir aus dem Weg, stehst da und grübelst. Du änderst nichts. Die Zauberinnen sagten dir voraus, daß du König wirst. Man nennt Malcolm, den Sohn des toten Duncan, jetzt einen Vatermörder, weil er so schnell ins feindliche England geflohen ist und seinen schottischen Thron leer hinterlassen hat.«

»Ja, du hast recht«, antwortet Macbeth. »Aber die Geisterfrauen im Wald, die Hexen, nannten Banquo einen Königsvater. Sollen seine Kinder Schottland regieren? Ist Duncan um ihretwillen gestorben? Banquo und sein Sohn leben noch – aber nicht ewig. Es muß noch anderes Blut fließen, Geliebte.«

Macbeth stürmt davon, um Leute zu finden, die für Geld auch Banquo und dessen Sohn umbringen. Er kann doch nicht tatenlos zusehen, daß diese Hexen die Zukunft bestimmen – er muß das Schicksal nach seinem Willen fügen. Allein im Burggemach, hofft Lady Macbeth, daß ihr Mann starke Nerven hat, um seine Pläne und ihre ehrgeizigen Wünsche in die Tat umzusetzen: »Es dunkelt, und das Licht vergeht, das täglich durch den weiten Himmel zieht. Ersehnte Nacht, verdecke gnädig die schuldige Hand, wenn sie ihren Schlag führt. Neue Untat! Sie muß sein! Das Schicksal muß seinen Lauf nehmen. Was liegt den Toten am Regieren? Sie bekommen ein Requiem, und dann sind sie in der Ewigkeit. Aber die, die am Leben bleiben wie wir: Ach, Wollust der Macht! Das Zepter ist endlich mein. Jedes sterbliche Verlangen wird durch dich gestillt.« Mit Freuden denkt die Lady daran, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis auch Banquo und sein Sohn tot sind.

Im weitläufigen Park rund um die Burg von Macbeth versammelt sich eine große Schar gedungener Mörder. In der dunklen, mondlosen Nacht haben sie es leicht, sich hinter Bäumen und Sträuchern zu verstecken. Hier muß Banquo vorbeikommen, denn auch er ist heute auf die Burg geladen, um Macbeth als neuen König von Schottland zu feiern. Mit schnellen Schritten biegen Banquo und sein Sohn Fleance auf den Weg in den Park ein. Der Vater ist nervös: »Beschleunige deine Schritte, mein Sohn. Hinweg aus dieser Finsternis. Es ist mir so fremd und schmerzlich-ahnungsvoll zumute. Alles ist mir verdächtig! Wie es immer schwärzer wird am Himmel. In einer solchen Nacht wurde Duncan ermordet, mein Herr. Tausend quälende Bilder künden mir Unglück, bestürmen mich mit ihren schrecklichen Fratzen.« Sekunden später wird Banquo von einem der Mörder gepackt und ruft verzweifelt: »Weh mir! Fliehe, mein Sohn! Verrat!«

Von den schrecklichen Ereignissen im Park merkt in der Burg niemand etwas. Im Prunksaal setzt man sich gerade an die Tische. Jeder möge den Platz einnehmen, der ihm seinem Rang entsprechend zusteht. Für seine Frau aber hat Macbeth den Thronsessel vorgesehen. Dort nimmt Lady Macbeth ebenso gerne Platz, wie sie den Gästen einen Trinkspruch ausgibt: »Füllt den Becher mit köstlichem Wein. Es wachse die Freude, es schwinde die Pein. Haß und Aufruhr soll von uns fliehen, scherzend uns nur die Liebe regieren. Trinken wir Balsam für jede Wunde, damit neues Leben in die Herzen einkehre. Heraus aus der Brust die Grübeleien: Es wachse die Lust, es schwinde die Pein!«

Während die Gäste fröhlich diesen Toast wiederholen, Melodien dazu anstimmen, kommt durch eine Seitentür leise ein Mörder zu Macbeth. Sein Gesicht ist voll Blut, und er versichert dem Hausherrn: »Es ist Banquos Blut. Er ist tot. Nur der Sohn entkam uns. Er ist geflohen.« Zufrieden schickt Macbeth den Mann weg und wendet sich wieder der Tischgesellschaft zu: »Banquo fehlt! Der Tapfere schlösse den erlauchten Kreis der Würdigsten, die unser Reich je sah. Er versprach zu kommen, aber er kam nicht. Ich werde seinen Platz nehmen.« Doch kaum will sich Macbeth auf dem Stuhl niederlassen, scheint schon jemand dort zu sitzen. Er sieht Banquos Geist, der ihm den Platz streitig macht.

»Wer von euch tat das?« fragt Macbeth in die Runde, um dann dem Geist zu befehlen: »Sag nicht, daß ich es war. Deine blutigen Locken schüttele nicht gegen mich.«

Die Gäste sind irritiert, verstehen nicht, was und mit wem der neue König spricht. Beklommen wollen sie den Saal verlassen. Die Lady begreift die Situation, bittet die Männer zu bleiben: »Der Anfall geht vorüber!« Streng weist sie ihren Mann zurecht, der immer noch mit Banquos Geist spricht: »Setzt Euch, mein Gemahl. Eure Gäste sind verstimmt. Erheitert sie wieder.« Macbeth erkennt die Anwesenden wieder: »Verzeiht mir. Das frohe Trinklied wollen wir noch einmal hören. Und vergeßt nicht Banquo, der noch fern ist.«

Die Lady singt, die Tafelrunde ist wieder heiter, da erscheint Banquos Geist noch einmal. Erschreckt ruft Macbeth: »Hinweg, Geist der Hölle! Spalte dich, Erde, verschlinge ihn. Dieses Gebein flammt blutrot, es dampft das Blut mir ins Gesicht. Dieser scharfe Blick schneidet mir ins Herz. Was andere wagen, wage ich auch: Werde zum Tiger, bedrohe mich als Löwe, pack mich – Macbeth wird nicht zittern. Du wirst sehen, ob ich mich fürchte. Aber weg! Weg, fürchterlicher Schatten!«