Über Anne Fulda

Anne Fulda ist seit vielen Jahren Politik-Journalistin beim Figaro. Sie hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, u. a. einen Porträt-Band über den ehemaligen Finanzminister Frankreichs (François Baroin, Le faux discret, 2012).

Volker Zimmermann, geboren 1979, übersetzt Literatur, Comics und Graphic Novels aus dem Französischen und Englischen. Er lebt zwischen Paris, Berlin und Zürich und ist als Festivalorganisator und Verleger in der französischen Illustrationsszene tätig.

Informationen zum Buch

Der neue Mann an der Spitze der Grande Nation

Frankreichs jüngster Präsident gilt als unnahbar, aber er versteht sein Volk wie kaum ein anderer. Wer ist dieser Mann, der scheinbar aus dem Nichts kam? Was prägte ihn? Wer sind die Menschen an seiner Seite? Welche Rolle wird er für Deutschland und in Europa spielen? Diese einfühlsam erzählte Biographie kommt dem Mysterium Macron so nahe wie keine andere.

Anne Fulda zeichnet das Porträt eines charismatischen, ehrgeizigen Mannes, der es ohne den Rückhalt einer Partei ganz nach oben geschafft hat und von dem niemand so recht weiß, wofür er politisch steht. Der ehemalige Wirtschaftsminister und frühere Investmentbanker verfügt über ein exzellentes Netzwerk, mit dessen entscheidenden Protagonisten Anne Fulda gesprochen hat: Von den Eltern in Amiens, einer Provinzstadt im Norden Frankreichs, über die Wegbegleiter aus der Eliteschule in Paris bis hin zu David de Rothschild oder François Hollande im Elysée-Palast. Ihre wichtigste Zeugin aber ist Brigitte – Macrons frühere Lehrerin, über 20 Jahre älter und die Liebe seines Lebens. Anne Fuldas Biographie zeigt den Menschen Macron in seinen Facetten und Widersprüchen. Einfühlsam und zugleich mit der nötigen Distanz vermittelt sie, mit wem wir es in den nächsten fünf Jahren zu tun haben.

»Er machte sich unentbehrlich. Unschlagbar. Er fügte sich in das System ein, dessen vollkommenes Produkt er ist, um sich noch besser davon abzuheben. Und um sich obendrein noch als Anti-System-Kandidat zu präsentieren.« Aus der Einleitung

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Anne Fulda

Emmanuel Macron

Die Biographie

Aus dem Französischen von Nicola Denis, Felix Mayer, Bettina Sund und Volker Zimmermann

Mit einem Vorwort von Elisabeth Raether

Inhaltsübersicht

Über Anne Fulda

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Vorwort

Prolog – Manus Traum

»Der Sohn Gottes«

Manu und Manette: »Du bist mein ein und alles«

Leben und lieben

Brigitte

Macron, der Literat und Philosoph

Verführungskünste

Förderer und »große Brüder«

Ein Kind des Systems und seine Väter: Jean-Pierre, Jacques, Alain und David

Gesellschaft und Promiklatsch

Ein politisches UFO

Epilog – Mowgli oder Babar

Anmerkungen

Fußnoten

Impressum

Vorwort

Ich gebe zu, vor einigen Monaten, als Emmanuel Macron sich im November 2016 zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen erklärte, keine Sekunde daran geglaubt zu haben, er könnte gewinnen. Er verkündete sein Vorhaben nicht im Fernsehen wie üblich, nicht vor anderen Politikern und auch nicht in Paris, sondern an einem der verarmten Vororte der Hauptstadt, und zwar in einem Fortbildungszentrum, in dem Arbeitslose sich beraten lassen können. Er hatte ein Pult aufbauen, die französische und die europäische Flagge aufstellen lassen und hielt eine Rede, wie man sie in den Monaten darauf noch einige Male hören würde, in einem getragenen, sorgfältigen Ton: »Ein Präsident ist nicht nur, was er tut«, sagte Macron. »Er trägt in sich auch die Werte unseres Landes, er verkörpert den Gang der Geschichte. Ohne dass man es sofort wahrnähme, steht er für die Kraft und die Würde unseres öffentlichen Lebens. Ich weiß das, und ich bin bereit. Deshalb werde ich Kandidat der Präsidentschaftswahlen sein.«

Es war eben dieses unsichtbar Präsidentenhafte, das Macron meiner Ansicht nach fehlte. Ein Staatschef muss doch eine besondere Aura, etwas irgendwie Auserkorenes an sich haben. Oder einfach schon mal ein paar Jahre älter sein als Macron. Macron wirkte auf mich wie jemand, der Karriere in einem Konzern macht, einer dieser Geschäftsleute, die große Uhren tragen und immer in Gruppen zum Business Lunch gehen. Mir fehlte es nicht nur an Phantasie, ihn mir im Élysée-Palast vorzustellen, ich fand ihn sogar geradezu unfranzösisch – der smarte Auftritt, das gute Englisch, die Managergarderobe.

Allerdings kann es sein, dass Macron selbst an diesem Tag nicht daran glaubte, gewinnen zu können. Vielleicht wollte er kandidieren, um seine Ambitionen zu zeigen, seine Marke zu etablieren – und im Jahr 2022 gewählt zu werden. Er wäre immer noch der jüngste Präsident in der Geschichte der Republik gewesen.

Er war also für mich und für viele andere nicht mehr als eine erfrischende neue Stimme in diesem früh beginnenden Wahlkampf, denn interessant ist so ein Typ ja, der einfach Präsident werden will (auch interessant, geben wir es ruhig zu, war von Anfang an seine Ehe mit einer viel älteren Frau). Doch dann kamen die Vorwahlen der Konservativen, die ewigen Favoriten flogen raus, der gemäßigte Rechte Alain Juppé und der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy. Dafür betrat die Bühne: François Fillon. Kurz darauf erklärte François Hollande, er würde sich nicht zur Wiederwahl stellen, so gering schätzte er seine Chancen ein. Der eben erst aufgestiegene Fillon stürzte in den Umfragen wieder ab, weil er seine Frau mit Steuergeld mutmaßlich scheinbeschäftigt hatte, ein Ermittlungsverfahren wurde gegen ihn eingeleitet – er trat trotzdem nicht zurück. Unglaublich eigentlich, aber da hatte ich das Prinzip schon längst verstanden: Dieser Wahlkampf ist kein normaler Wahlkampf. Alles ist möglich. Es ist die wichtigste Lektion, die ich von den Franzosen gelernt habe: Niemals etwas für gesichert halten.

Vielleicht geht es den Wählern ähnlich, nun, da sie einen neuen Präsidenten haben: Sein Sieg zeigt auch denjenigen, die nicht für ihn gestimmt haben und die nichts von ihm halten, dass alles offen ist. Veränderungen passieren wirklich, die Dinge bewegen sich, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Stillstehen schwieriger wird.

»Sie haben sich für den Mut entschieden«, sagte Macron den Franzosen am Abend seines Sieges. Und am Sonntag darauf, am Tag seiner Amtseinführung: »Die Franzosen haben sich für die Hoffnung und den Eroberungsgeist entschieden.« Offenheit, Erneuerung, Zukunft: Die Botschaft ist klar. Aber in welche Richtung eigentlich?

Was für ein Politiker ist Emmanuel Macron?

Er wirkt, jetzt im Amt, immer noch nicht richtig präsidentenhaft auf mich, obwohl er sich größte Mühe gibt. Er fährt im offenen Militärauto Paraden über die Champs-Élysées, er winkt am Flughafen aus dem Präsidentenflugzeug. Er schreitet durch den Kieselhof seines Palastes. Doch hat sein junges Gesicht etwas von einem Brechtschen Verfremdungseffekt im Präsidentenspektakel: Plötzlich blickt der Zuschauer mit einer kritischen Distanz auf diese republikanischen Rituale. Ist das nicht ein bisschen übertrieben, so viel Pomp für einen jungen Mann? Und dieser Palast mit den Weinkellern, den Köchen, dem ganzen Gold, den Teppichen – all das wirkt mit einem Mal etwas sehr bombastisch.

Aber Macron gibt nicht nur ein ganz neues Bild von einem Präsidenten ab. Er ist den Franzosen auch deshalb noch fremd, weil seine Agenda und seine Positionen nicht klar scheinen. Sarkozy, der ein Gespür dafür hat, was viele Leute denken, aber aus Freundlichkeit nicht aussprechen, sagte im vergangenen Sommer: »Macron ist ein bisschen Frau, ein bisschen Mann, irgendwas dazwischen, das ist ja jetzt Mode.« Eine fragwürdige Metapher, aber der Ruf, sich nicht festzulegen, hat Macron tatsächlich von Anfang an begleitet. Als er sich im Herbst zum Kandidaten erklärte, hatte er kein Programm. Er galt als Medienfigur, als schönes Nichts, das den Snobs in Paris gefällt. Dann schließlich im Februar stellte er sein Programm vor. Aber es ist ja weder rechts noch links! So lautete der neue Vorwurf. Das Rätseln hat bis heute nicht aufgehört: Ist Macron jetzt links oder rechts? (Sarkozy hat außerdem bewirkt, dass seither über Macrons Liebesleben gerätselt wird, und da man Nicht-Existenz schwer nachweisen kann, wird das Gerücht wohl für immer in der Welt bleiben, Macron führe eine homosexuelle Zweitbeziehung.)

Viele Deutsche, die den französischen Wahlkampf verfolgten, waren wiederum über die Fragestellung verwundert: Seit wann muss man sich festlegen, ob man rechts oder links ist? In der deutschen Politik werden diese Zuschreibungen kaum noch verwendet. Ein Politiker, der sich klar als links oder rechts bezeichnet, klingt, als wäre er im falschen Jahrzehnt. Die Begriffe werden entsprechend eher wie Vorwürfe verwendet: Das kann nur ein Linker wie du sagen, das ist so ein rechtes Denken.

In Frankreich aber ist das anders. Beim Abendessen mit Freunden kommt es vor, dass jemand in der Diskussion ausruft: Ich war schon immer links! Und zwar um die eigene Argumentation zu stärken. Bei der Amtsübergabe sagte der scheidende Premierminister Bernard Cazeneuve zu Macrons neuem Premierminister Édouard Philippe: »Ich bin ein Linker.« Als dieser dann eine Rede hielt, sagte er: »Wie Sie alle wissen, bin ich ein Rechter.«

Auf die politischen Unterschiede ist man also stolz, und man pflegt den Streit, während es in Deutschland alle, Politiker und Wähler, in die Mitte zieht, dorthin, wo der Kompromiss wohnt. Koalitionen jeder Art sind bei uns nichts Ehrenrühriges, auch wenn sie sich oft schwierig gestalten – das Prinzip ist weithin anerkannt. Eine Einigung zu finden, gilt in Deutschland nicht als Zeichen von Schwäche, sondern von Ernsthaftigkeit.

Henrik Enderlein, ein deutscher Ökonom und Weggefährte Emmanuel Macrons, nannte den neuen Präsidenten einmal eine personifizierte Koalition. Man könnte auch sagen, viele seiner Positionen sind einfach sozialdemokratisch: Wachstum plus Umverteilung, Anreiz plus Schutz der Schwachen. Es ist vielleicht eine streitbare Position, aber unklar ist eigentlich nichts daran – in deutschen Volksparteien ist sie weit verbreitet. Gut möglich also, dass der französische Staatspräsident in Deutschland auf weniger Irritation treffen wird als in Frankreich.

Er regiert aber nun mal das Nachbarland. Und Frankreich, wo Konflikte eben ohnehin gern polemisch ausgetragen werden, befindet sich gerade jetzt in einer Phase der grundsätzlichen Uneinigkeit, oder weniger mild ausgedrückt: Frankreich ist sehr, sehr aufgewühlt und zu allem bereit.

Die Rechten sind in den vergangenen Jahren nach rechts gerutscht, was sich am deutlichsten natürlich am Aufstieg des Front National zeigt. Wer sind wir heute, wir Franzosen: eine ehemalige Weltmacht, die jetzt nur noch ein Land unter vielen ist? Das Gefühl der Vereinzelung wird stärker mit dem Rückbau des früher allgewaltigen Service public, vor allem auf dem Land. Ewig geglaubte Bedeutung verschwindet – von Familie, Heimat, Religion. Manche Sorgen der Franzosen mögen gar nicht politisch sein, doch Marine Le Pen hat Trauer und Irritation über die Gegenwart trotzdem in politische Aggression verwandelt. Und nur sie hat – ganz konkret – die Radikalisierung von Teilen der muslimischen Community zum Thema gemacht, was andere lange übersehen haben.

Währenddessen sind die Linken noch linker geworden. Dass nicht jeder mit dem Freihandel und den Liberalisierungen etwas gewonnen hat, ist inzwischen offensichtlich, und so ist das Misstrauen gegenüber jeder Art von »Unternehmerfreundlichkeit« heute riesig. Große Teile der französischen Linken dulden keinerlei Kritik an den Sozialsystemen, obwohl diese so starr sind, dass sie die Ungleichheit noch fördern – zwischen denen, die gut geschützte Arbeit haben, und denen, die prekär angestellt oder arbeitslos sind.

Dieses Land also wird Macron führen müssen.
Wie will er das machen?

Zunächst muss man sagen, dass der französische Präsident, wenn er es will und einen guten Plan hat, sehr viel machen kann. In keiner vergleichbaren Demokratie hat ein Staatschef so viele Befugnisse. Er allein weist den Weg. Der Präsident zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Er muss sie nicht teilen mit mehreren redebegabten Oppositionsführern oder höchst eigenständigen Ministerpräsidenten. Es hat natürlich auch Nachteile, ein Star zu sein, wie man am Beispiel Hollande gesehen hat: Der Präsident ist nämlich an allem Schuld, auch an dem, woran er nicht Schuld ist, und zwar teilweise schlicht aus dem Grund, weil er der Einzige ist, der den Menschen in den Sinn kommt. Hollande beschwerte sich darüber immer wieder, verwies auf seine Erfolge im Kampf gegen den Terror, doch es half nichts: Er war unten durch. Er war vor dem Haus seiner Geliebten erwischt worden, hatte sich von Journalisten reinlegen lassen, die alles ausplauderten, was er ihnen naiverweise anvertraut hatte. Viel Macht trifft auf einen einzelnen Mann, und auf diesen einzelnen Mann kommt es an – seine Erfahrungen, sein Umgang mit anderen, seine Biographie, seine Art zu sprechen und zu denken.

Macrons Charakter wird in diesem Buch ausführlich beschrieben, seine außergewöhnliche Entschlossenheit zum Beispiel, die ihn, den behüteten Sohn aus der Kleinstadt, ins Zentrum des Weltgeschehens führte. Und zwar in einem solchen Tempo, dass selbst Donald Trump, der das politische Gegenteil von Macron ist, sich für einen Moment beeindruckt zeigte.

Das Erste aber, was ich über Macron gehört habe, als die Leute anfingen, über ihn zu sprechen, war, dass er so unglaublich freundlich sei, aufmerksam, nie in Eile, nie genervt, auch unter Druck nicht. Egal, mit wem ich sprach, Mann, Frau, alt, jung, alle schwärmten regelrecht von ihm, sodass sich fast Widerstand in mir regte, obwohl ich ihn noch gar nicht persönlich getroffen hatte. Meine Güte, so nett kann und muss doch niemand sein.

Ist so etwas echt? Mir scheint es überhaupt nicht wichtig, das zu wissen. Eine Antwort auf diese Frage werden sowieso, wenn überhaupt, nur die wenigen erhalten, die ihn sehr gut kennen. Aber es gibt ja auch so etwas wie politische Nettigkeit, eine bestimmte Art, auf die Leute zuzugehen, ein Stil, meinetwegen auch eine Masche, relevant jedenfalls fürs Regieren. Es ist eben ein Unterschied, ob ein Machthabender abwartet, fragt, zuhört – oder das Gegenteil tut.

Macron zieht es zu den Menschen geradezu hin. Ein ehemaliger Klassenkamerad an einer der Eliteschulen, die er besuchte, erzählte einem Reporter, er und die anderen in der Klasse hätten den jungen Macron ausgelacht, weil er immer alle grüßte: Die Lehrer, die Direktorin, die Concierge, die Kinder der Concierge …

Ich habe Macron dann schließlich in Aktion erlebt. Tatsächlich betreibt er seine Empathie fast bis zur Karikatur. Einmal habe ich ihn in eine Grundschule begleitet, gelegen an einem einsamen Fleckchen von Frankreich, wo er eine Schulklasse besuchte. Er reichte einem der Siebenjährigen die Hand, beugte sich mit ernstem Blick zu ihm hinunter und fragte das pausbäckige Kind:

»Was möchtest du in diesem Land politisch verändern?«

»Hm, keine Ahnung.«

Ernstes Nicken von Macron, ganz so, als würde er sich gerade mit seinem Premierminister beraten. Es sind solche Momente, die Macron wirken lassen wie einen ewigen Konfirmanden: beflissen, fast artig, ein Streber.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung Anfang des Jahres in einer der vielen Konzerthallen und Sportarenen, die er in diesen Wochen im ganzen Land besuchte, diesmal in Lyon, war die Atmosphäre sehr angespannt. Der Front National war ebenfalls in der Stadt, Marine Le Pen ließ sich in einem riesigen Saal am Rand von Lyon bejubeln. Macron hatte sich vorgenommen, eine Grundsatzrede zu halten, die den Ton für die kommenden Wochen setzen sollte, so hatte es mir einer seiner Mitarbeiter zuvor berichtet. Aber wie so oft, wenn Macron sich zu viel Mühe gibt, hatte seine Rede etwas Belehrendes, was auf das Publikum wiederum einschläfernd wirkte. Stimmung kam nicht recht auf – es sei denn, der Name Le Pen fiel. Da wollten die Leute pfeifen, den Druck der Sorge einmal rauslassen, etwas von der Wut zurückgeben, die Marine Le Pen und ihre Truppe verbreiteten. Aber Macron hob mahnend beide Hände: »Nein, wir pfeifen nicht«, sagte er mit milder Stimme, der Blick sehr ernst. Manche im Publikum buhten weiter, andere hielten irritiert inne: Wieso denn nicht pfeifen? »Nein«, sagte er nochmal, »bitte nicht, so etwas tun wir nicht, wir pfeifen niemanden aus«. In diesem Moment hatte er wirklich etwas Engelhaftes: dass er, der Wahlkämpfer, so etwas nicht mitnimmt, dass er auf diesen Augenblick der Einigkeit verzichtet, weil er auf Kosten anderer entsteht.

Einige finden ihn auch deshalb schwer zu fassen, weil es untypisch ist, dass jemand wie er nach ganz oben kommt – ein Mittler, ein Zuhörer, ein Netter. Man kennt die Zyniker und Polterer und selbst die Betrügerischen, und wundert sich überhaupt nicht, dass sie es weit bringen. Macron dagegen gibt Rätsel auf. Er kommt scheinbar aus dem Nichts.

Aber das stimmt nicht. Woher er kommt, lässt sich sehr konkret sagen: Er ist im Nahkampf gegen den Rechtspopulismus geworden, was er ist. Er hat die Welle des Autoritären vorerst aufgehalten. Hätte er nicht gewonnen, regierte jetzt Marine Le Pen, stünde jetzt Le Pen am Grab des unbekannten Soldaten am Triumphbogen, würde jetzt Le Pen von der Kanzlerin in Berlin mit militärischen Ehren empfangen.

Macron hat die Schlacht gewonnen, und es war wirklich eine Schlacht. Allein die Fernsehdebatte mit Marine Le Pen am 3. Mai, vier Tage vor dem ersten Wahlgang: Sie hat ihn zwei Stunden lang ausgelacht, belogen, immer wieder für einen Lügner, Idioten und Snob gehalten, bis sie ihm zum Schluss noch kriminelle Machenschaften unterstellte – denn es wird ja wohl erlaubt sein, mal zu fragen, ob er nicht vielleicht ein Schwarzgeldkonto auf den Bahamas habe. Der Auftritt hat Le Pen am Ende wohl viele Wähler gekostet, aber zu diesem Zeitpunkt wusste das noch niemand. Genauso gut hätte es sein können, dass der Irrsinn ankommt, siehe Donald Trump – er hätte nach seinen TV-Debatten mit Hillary Clinton erledigt sein müssen, so erratisch und unernst wie er aufgetreten war.

Aber mit Empörung kommt man heute nicht mehr weit. Was Macron durch die Debatte – und den Wahlkampf – gebracht hat, war eben, dass er nicht indigniert war, dass er seine Würde offenbar zu keinem Moment gefährdet sah, auch wenn genau darin der Sinn der Attacken lag. Dafür argumentierte er. Nichts war ihm zu blöd. Und er sprach auch nicht im Ton der moralischen Überlegenheit, in dem man in Frankreich jahrelang mit dem Front National diskutiert hatte – ein Grund, warum die Partei irgendwann so überzeugend vermitteln konnte, sie würde für die Außenseiter sprechen.

Der Wahlkampf zwischen Nicolas Sarkozy und François Hollande liegt erst fünf Jahre zurück, aber es scheint, als wäre es eine ganze Generation. Damals ging es noch um persönliche Ressentiments und um Nuancen. Zwischen Le Pen und Macron ging es um alles. Macrons Nettigkeit, seine Geduld, seine Aufmerksamkeit – vielleicht ist es keine Bravheit, sondern Disziplin. Er ist ein Politiker mit viel Über-Ich. Er kann sich nichts mehr von dem erlauben, was für die anderen normal war. Keinen Fehler und kein bisschen Unernst. Er kann sich auf kein System verlassen, das ihn immer weiter durch die komfortable Karriere trägt, egal, was passiert. Er kann sich nicht mit der Illusion beruhigen, dass es nicht weiter auffallen wird, wenn er ein paar Fehler macht und ein paar Sachen verpennt.

Und was bedeutet so ein erneuertes Frankreich für uns Deutsche und für Europa?

Erstmal ist die Annäherung eindeutig. Nicht nur reiste Macron schon während des Wahlkampfs zwei Mal nach Berlin. Er hat jetzt auch in seine erste Regierung viele Minister berufen, die fließend Deutsch sprechen und in Deutschland gelebt haben: Der Premierminister Édouard Philippe hat sein Abitur in Bonn gemacht. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire erhielt das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für seine Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft. Ebenso die Verteidigungsministerin Sylvie Goulard, die hier gut vernetzt ist. Macrons Kommunikationschef Sylvain Fort hat über Friedrich Schiller promoviert.

Europa ist im neuen französischen Kabinett also nicht nur eine Idee, sondern Erfahrung im Leben der Regierenden, so wie es ja heute vielen Europäern geht. Wahrscheinlich ist Macrons Blick auf Europa ein emotionaler, immerhin hat er es geschafft, die Europaflagge im Wahlkampf zu einem Symbol des Widerstands gegen den Nationalismus zu machen: Sie wurde von seinen Anhängern bei den Versammlungen so inbrünstig geschwungen, dass offensichtlich war, es geht hier um etwas.

Aber gerade das unverdruckste Bekenntnis zu Europa wird es Macron erlauben, klar zu sehen, was nicht funktioniert. Ihn plagt nämlich nicht die Sorge, dass gleich alles auseinanderfliegt, wenn er die Konflikte benennt, dass seine Europaliebe in sich zusammenbricht, sobald er die Schwierigkeiten erblickt. Der europäische Geist ist heute noch stark, viele Menschen sehen in Europa das politische Wunder, das es ist. Zu erkennen war das in der Anteilnahme der anderen Europäer an dieser französischen Präsidentschaftswahl, an der großen Sorge, an der Bewegung Pulse of Europe. Doch zur Lehre aus den vergangenen Monaten gehört noch ein zweiter Teil: Der Mythos Europa ist wiederum nicht so stark, dass er alle Konflikte zum Verschwinden bringen könnte. Das Pathos der Nachkriegszeit ist aufgebraucht, weil es von der Angst vor dem Krieg gelebt hat. Heute ist die Bedrohung nicht mehr so stark, dass die Schlussfolgerung noch glaubwürdig wäre, Suprastaatlichkeit sei das einzige Mittel gegen Krieg.

Europa muss sich anders rechtfertigen. Es ist eben nicht nur ein poetisches Gebilde, eine Art ewiges Kriegsgräbermahnmal, sondern dient vielen, vielen Interessen der einzelnen Länder – und diese Interessen widersprechen sich zwangsläufig manchmal. Wie das so ist mit Interessen. Deutschland will eine harte Währung, Frankreich eine weiche. Deutschland will, dass nach Möglichkeit alles so bleibt, wie es ist, Frankreich will das auf keinen Fall. Europäische Begeisterung mit Raum für Skepsis, zu dieser eindeutigen Gefühlsmischung hat die französische Öffentlichkeit sich im Wahlkampf durchgerungen. Und das ist der Auftrag für Macron: Wir wollen Europa, also kümmere dich darum.

In Frankreich hat die Politik gerade alles Bequeme hinter sich gelassen. Welche Erkenntnisse Deutschland aus den vergangenen aufwühlenden Europa-Monaten zieht, ist eine offene Frage.

Man möchte keinem Land eine Kandidatin Le Pen wünschen, man wünscht auch niemandem, sich ihr gegenüber allein in einem Fernsehstudio wiederzufinden. Aber vielleicht schadet es nicht, es sich ab und zu auszumalen. Was würde man ihr entgegnen? Hätte man genügend Argumente oder nur Verachtung? Die Vorstellung könnte dabei helfen, aufmerksam zu bleiben.

Elisabeth Raether, Berlin im Mai 2017

Für Juliette und Thomas

»Ich will Präsident werden. Und ich habe euch verstanden. Ich liebe euch.«

Emmanuel Macron auf einem Wahlkampfmeeting in Toulon, 18. Februar 2017

Prolog
Manus Traum

»Emmanuel Macron? Er wirkt ein bisschen wie ein Mutant.« Dieser Ausspruch stammt von Michel Houellebecq, der sich in solchen Dingen auskennt. Als er im Januar 2017 zu dem quasi aus dem Nichts aufgestiegenen Präsidentschaftskandidaten befragt wurde, gab sich der Autor der Elementarteilchen ratlos: »Er ist merkwürdig, man weiß nicht, woher er kommt. … Ich habe versucht, ein Interview mit ihm zu führen. Aber, ehrlich gesagt: Es ist unglaublich schwer, Leuten, die so eloquent sind, eine konkrete Aussage, eine Art Wahrheit zu entlocken.«1

Wie so oft liegt Houellebecq richtig. Emmanuel Macron bleibt hinter seinem freundlichen Auftreten, der glatten Fassade eines an den besten Hochschulen der Republik ausgebildeten Technokraten, unergründlich und vielschichtig. Entschlossen, von seinem Inneren nur das preiszugeben, was er will, aber freizügig genug, zu verbreiten, was er für hervorhebenswert hält. Niemand kennt ihn wirklich. Er hat nur wenige Freunde. »Emmanuel braucht zugleich alle und niemanden. Er lässt die Leute kaum an sich heran und hält sie auf Distanz«,2 bestätigt seine Frau. Der ehemalige Wirtschaftsminister hat sogar mitten im Rampenlicht noch etwas Geheimnisvolles und Verborgenes; wie eine Scheinarchitektur, ein Bauwerk auf beweglichen Fundamenten. Seine persönliche Geschichte, die ruhig ein bisschen geschönt und ausgeschmückt werden darf, steht dabei im Dienste seines unbedingten Willens zum Erfolg.

Lautlos hat Macron, der »Mutant«, die Bühne betreten. In den Medien wurde er schrittweise präsenter, posierte mit dem fast kindlichen Technokratengesicht cool in Hemdsärmeln an seinem Schreibtisch im Élysée-Palast.

Schon bald wurde in den Vorzimmern der Macht und den Zeitungsredaktionen der Name des früheren Rothschild-Investmentbankers geflüstert. Es war gut, ihn zu kennen. Zum engeren Kreis desjenigen zu zählen, der in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen würde. Blitzgescheit, außerdem freundlich und zugänglich, mit philosophischer Vorbildung. Seine Handynummer war Gold wert. Und es galt als schick, wenn man sagen konnte: »Ich habe mit ›Manu‹ telefoniert.« Er war bis spät in die Nacht erreichbar, für die Präsidenten des CAC 40 (Leitindex der vierzig führenden Aktiengesellschaften und Pendant zum deutschen DAX) wie für die Journalisten. Auch für die Abgeordneten und Politiker, die nicht gleich begriffen, mit wem sie es zu tun hatten. Und die es zum Großteil noch immer nicht begriffen haben.

Bei François Hollande hat Macron sich verhalten wie bei allen anderen, die seine unbestrittene Begabung erkannt und ihm in den letzten Jahren geholfen haben, ganz nach oben zu kommen: Er hat ihn, genau wie Anne Baxter ihre ältere Kollegin Bette Davis in Alles über Eve, eingehend beobachtet. Er hat sich unverzichtbar gemacht, ist in vielerlei Hinsicht unschlagbar geworden. Er hat sich dem System angepasst, das ihn hervorgebracht hat, um sich umso besser von ihm abheben zu können und schließlich sogar als Anti-System-Kandidat aufzutreten.

Ein Kandidat, der Frankreich mit der gleichen Empathie begegnet, die er bei seinen diversen Ziehvätern unter Beweis gestellt hatte: ein richtiger Schwamm, sagen die, die ihn mögen. »Jemand, der die Leute aussaugt wie ein Blutegel«, beschreibt ihn unsanft ein ehemaliger »Mitschüler« von der französischen Elitehochschule für Staatsbeamte ENA (École nationale d’administration), »ein affektloses Wesen«, das wie François Hollande hinter einer freundlichen Fassade ein stählernes Gehäuse verbirgt.

Auch Macrons Verhältnis zur Zeit ist erstaunlich. Er wirkt nie unvorbereitet oder gehetzt, scheint immer im Hier und Jetzt zu sein. Eine Zugewandtheit, die seine Anziehungskraft steigert. »Er hat mehrere Leben, kann sich sehr gut in der linearen Zeit bewegen und alles, was er macht, genau vorausplanen«, erläutert der ehemalige französische Finanzminister