Über Greg Iles

Greg Iles wurde 1960 in Stuttgart geboren. Sein Vater leitete die medizinische Abteilung der US-Botschaft. Mit vier Jahren zog die Familie nach Natchez, Mississippi. Mit der »Frankly Scarlet Band«, bei der er Sänger und Gitarrist war, tourte er ein paar Jahre durch die USA. Mittlerweile erscheinen seine Bücher in 25 Ländern. Greg Iles lebt heute mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Natchez, Mississippi. Fünf Jahre hat er kein Buch herausgebracht, da er einen schweren Unfall hatte. Mehr zum Autor unter www.gregiles.com. Bei Rütten & Loening und im Aufbau Taschenbuch liegen seine Thriller »Natchez Burning« und »Die Toten von Natchez« vor.

Informationen zum Buch

»Die halbe Wahrheit kann eine Lüge sein.«

Penn Cage, der Bürgermeister von Natchez, hat den Kampf gegen die Doppeladler aufgenommen – gegen jene Organisation rassistischer Weißer, die seit den sechziger Jahren seine Stadt terrorisieren. Doch nun steht sein Vater vor Gericht – wegen Mordes an einer Schwarzen, die er einst geliebt hat. Und der gefährlichste Doppeladler ist noch auf freiem Fuß und tut alles, damit sein Vater im Gefängnis stirbt.

Ein packendes Thriller-Epos, wie man es noch nicht gesehen hat. Greg Iles erzählt von der dunklen Seite des amerikanischen Südens – von den sechziger Jahren bis heute.

»The great american novel in der Gestalt eines Thrillers.« Marcus Müntefering SPIEGEL online.

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Greg Iles

Die Sünden von Natchez

Thriller

Aus dem Amerikanischen
von Ulrike Seeberger

Inhaltsübersicht

Über Greg Iles

Informationen zum Buch

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Personenverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Donnerstag

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Freitag

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Samstag

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Sonntag

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Montag

Kapitel 20

Kapitel 21

Dienstag

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Mittwoch

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Donnerstag

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Freitag

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Epilog

Impressum

Für TK

Denn die Wahrheit ist eine schreckliche Sache. Man planscht mit dem Fuß darin, und gar nichts geschieht. Dann geht man ein bisschen weiter hinein und fühlt, wie es einen hineinzieht wie eine Unterwasserströmung oder ein Strudel. Erst zieht es einen nur ein wenig, gleichmäßig und stetig, so dass man es kaum bemerkt, dann steigert sich diese Strömung, dann kommt der Wirbel und das Untertauchen in die Schwärze, denn es gibt auch eine Schwärze der Wahrheit. Man sagt, es sei schrecklich, der Gnade Gottes ausgeliefert zu sein. Ich bin bereit, das zu glauben.

Robert Penn Warren

Das Spiel der Macht

Personenverzeichnis

Avery, Quentin: Anwalt, ein alter Freund von Tom Cage – vertritt ihn vor Gericht, sitzt im Rollstuhl

Burke, Mia: eine Studentin, betreut Anne Cage, die Tochter von Penn Cage

Butler, Serenity: eine berühmte Journalistin, die nach Natchez kommt, um über die Doppeladler zu schreiben

Byrd, Billy: Sheriff von Adams County, Gegenspieler von Penn Cage

Cage, Annie: Tochter von Penn Cage

Cage, Penny: Ehefrau von Tom Cage

Cage, Penn: Bürgermeister von Natchez, ehemaliger Staatsanwalt, Schriftsteller, Sohn von Peggy und Tom Cage; versucht seinen Vater vor dem Gefängnis zubewahren

Cage, Tom: Arzt, Vater von Penn und Jenny Cage; war im Korea-Krieg, hatte in den sechziger Jahren eine Affäre mit Viola Turner; ist angeklagt, sie getötet zu haben, als sie nach Natchez zurückkehrte

Elder, Joseph: Richter in Natchez, leitet den Prozess gegen Tom Cage

Johnson, Shadrach: Bezirksstaatswalt in Natchez; bei der Bürgermeisterwahl gegen Penn Cage unterlegen; ist Ankläger im Prozess gegen Tom Cage

Kaiser, John: Sonderagent des FBI, kämpft gegen die Doppeladler

Knox, Billy: Geschäftsmann, Mitglied der Doppeladler, Sohn von Snake Knox

Knox, Forrest: Staatspolizist in Louisiana, Sohn von Frank Knox

Knox, Frank: Gründer der Doppeladler, starb bei einem Unglück

Knox, Snake: Kopf der Doppeladler, Bruder von Frank Knox

Masters, Caitlin: Journalistin, Verlobte von Penn Cage, kam im Kampf gegen die Doppeladler ums Leben

Revels, Cora: Schwester von Viola Turner, sagt gegen Tom Cage aus

Sexton, Henry: Journalist, machte es sich zur Lebensaufgabe, gegen die Doppeladler zu Felde zu ziehen, kam dabei ums Leben

Turner, Lincoln: Sohn von Viola Turner und Tom Cage. Halbbruder von Penn Cage

Turner Viola: Krankenschwester, in den sechziger Jahren Geliebte von Tom Cage; floh vor den Doppeladlern nach Chicago, kehrte zurück, weil sie an Krebs erkrankt war, starb unter mysteriösen Umständen

Prolog

Trauer ist das einsamste aller Gefühle; sie macht uns zu Inseln.

Ich habe in den letzten paar Wochen viel Zeit mit Besuchen an Gräbern verbracht. Manchmal zusammen mit Annie, aber meistens allein. Die Leute, die mich dort sehen, machen einen großen Bogen um mich. Ich bin mir nicht sicher, warum. Im Umkreis von vierzig Meilen kennt mich jeder. Penn Cage, der Bürgermeister von Natchez, Mississippi. Wenn sie mir so wie jetzt aus dem Weg gehen – nur von Weitem winken, wenn überhaupt, und dann davoneilen –, dann frage ich mich manchmal, ob ich in den Umhang des Todes gehüllt bin. Jewel Washington, die Beamtin, die in Adams County für ungeklärte Todesfälle zuständig ist, und eine wahre Freundin, hat mich letzte Woche neben dem Rathaus zur Seite genommen und mir gesagt, ich sei der lebende Beweis dafür, dass es tatsächlich Gespenster gebe. Vielleicht stimmt das. Seit Caitlin gestorben ist, fühle ich mich nur noch wie ein Gespenst meiner selbst.

Vielleicht verbringe ich deswegen so viel Zeit an Gräbern.

Henry Sexton ist auf einem kleinen Friedhof in Ferriday beerdigt. Sein schiefer Grabstein ist dem kalten Wind ausgesetzt, der über die Felder des Louisiana-Deltas fegt. Auf dem schlichten Stein stehen die üblichen Lebensdaten. Darunter die von ihm gewünschte Grabinschrift, die in einem seiner Tagebücher stand, eine einzige Zeile:

Wenn ich doch jetzt nicht wüsste, was ich damals nicht wusste.

Typisch Henry, dass er sich eine Zeile aus einem Lied von Bob Seger ausgesucht hat.

Unter diesem Klagelied über die verlorene Unschuld stehen sechs Wörter, von den Schwarzen eingemeißelt, die seine weiße Holzkirche besuchen und die dafür sorgen, dass das Grab dieses weißen Journalisten stets makellos gepflegt ist.

Wasn’t that a man.

Muddy Waters

Genug gesagt.

Caitlins Grab liegt im Natchez City Cemetery, auf dem flachen Viereck unterhalb des Jewish Hill, nicht weit vom Turning Angel entfernt. Ihr Stein ist aus weißem Alabama-Marmor, groß, schmal und stark, genau wie sie es war. Ihre Mutter wollte, dass sie oben im Norden beerdigt würde, aber ihr Vater hat die Familie überredet, Caitlin hätte doch vorgehabt, in Mississippi zu heiraten und eine Familie zu gründen, solle also auch dort bleiben.

Ich habe ihre Grabinschrift ausgewählt, eine Zeile, die sie oft zitiert hat und die Ayn Rand zugeschrieben wird.

Die Frage ist nicht, wer mich lässt, sondern, wer mich aufhält.

Das hat Rand nie wirklich gesagt; die Zeile scheint eine Paraphrase eines Gesprächs zu sein, das Howard Roark in The Fountainhead geführt hat. Trotzdem fasst der Satz Caitlins Lebensphilosophie so gut zusammen, wie es nur möglich ist. Ein paar Leute haben mich gefragt, ob das eine angemessene Inschrift sei, da Caitlin eben wegen ihrer waghalsigen Verfolgung einer Mörderbande umgebracht wurde. Ich erwidere ihnen dann, dass ich nie ein Fan von Ayn Rand gewesen sei, dass die alte Scheinheilige das aber richtig gesehen habe. Und wenn Caitlins Tod uns irgendeine Moral oder Lektion gelehrt haben solle, sei ich wohl zu blöd, um sie zu erkennen. Wer in dieser Welt einen Sinn finden will, sollte von mir keine Antworten erwarten.

Mir sind gerade alle Antworten ausgegangen.

Beinahe jeden Tag stehe ich auf der hohen Klippe über dem Fluss, während der Winter in den Frühling übergeht und der Mordprozess meines Vaters näher rückt, und versuche, die Einzelteile meines Lebens wieder zusammenzusetzen. Dad wird in Louisiana vom FBI in Schutzhaft gehalten. Er durfte den Mississippi nicht überqueren, um an Caitlins Beerdigung teilzunehmen. Man hat mir erzählt, er hätte, nachdem er erfahren hatte, dass Sheriff Billy Byrd ihn verhaften und in Natchez einsperren würde, sobald er einen Fuß über den Fluss setzte, mit seinen arthritischen Händen so heftig gegen die Gitterstäbe seiner Zelle geschlagen, dass er sich einige Knochen im rechten Handgelenk gebrochen hatte. Das weiß ich allerdings nicht sicher.

Ich habe nicht mehr mit ihm gesprochen, seit Caitlin gestorben ist.

Forrest Knox liegt auf dem Land seiner Familie begraben, im ehemaligen Jagdrevier Walhalla. Letzte Woche habe ich meinen Wagen am Rand von Highway 61 geparkt und bin allein auf das Gelände gegangen, die Pistole in der rechten Hand. Zwischen den tiefen Reifenspuren und Tatortmarkierungen des FBI habe ich so lange gesucht, bis ich den Grabstein gefunden hatte. Auf Forrests Stein ist eine Südstaatenflagge eingemeißelt, eine Schändung dieser Fahne, dazu die Worte Unermüdliche Hingabe. Ich stand eine Weile da, und mir war speiübel. Erst dann begriff ich, dass ich gehofft hatte, hier Forrests Onkel – Snake Knox – über den Weg zu laufen.

Nach einer Weile trat ich den Stein um, sank auf die Knie und versuchte, mit dem Kolben meiner Pistole die eingemeißelte Fahne zu zertrümmern, aber ich schaffte es nur, ein paar Sterne herunterzubrechen. Schnaufend stand ich auf und feuerte fünf Kugeln auf die Granitplatte, und das erledigte die Angelegenheit. Dann pisste ich auf das Grab – mit einem schönen langen Strahl, der in der Kälte dampfte und die Erde zu Schlamm aufweichte – und ging zur Straße zurück.

Na ja. Wer nicht die ganze Wahrheit will, sollte jetzt nicht weiterlesen.

Wer weiterliest, soll nicht sagen, ich hätte ihn nicht gewarnt.

Kapitel 1

In den letzten paar Wochen war das Schreiben meine Strategie, um bei Verstand zu bleiben. Seltsam, das zuzugeben. Seit Caitlins Tod habe ich Probleme mit den einfachsten Dingen des Lebens, zum Beispiel mit der Zeit. Mit der Abfolge von Geschehnissen. Ehrlich gesagt, ich habe nicht das Zeug dazu, die Ereignisse zu beschreiben, die unmittelbaren Auswirkungen von Caitlins Tod und der Verhaftung meines Vaters unter Mordverdacht. Vielleicht sollten Sie lieber ein paar kurze Artikel aus dem Natchez Examiner, Caitlins ehemaliger Zeitung, lesen. Caitlins ältere Schwester Miriam – eigentlich Finanzvorstand aus New York – leitet seit Caitlins Tod die Zeitung und hat sich geschworen, so lange dabeizubleiben, bis auch der letzte aus der Familie Knox im Gefängnis sitzt und die Doppeladler für alle Zeiten zerschlagen sind. Ich bin mir nicht sicher, ob Miriam Masters weiß, wie lange das dauern könnte.

Die beiden folgenden Artikel hat Keisha Harvin geschrieben, eine fünfundzwanzigjährige schwarze Reporterin aus Alabama, die die Doppeladler wie eine menschgewordene Furie verfolgt. Keisha wohnt gegenüber von Annie und mir auf der anderen Straßenseite in Caitlins altem Haus. Ich glaube nicht, dass sie viel schläft. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, ganz gleich, über wen sie schreibt. Mein Vater musste sich von ihr – zu Recht – einiges sagen lassen, und Keishas Artikel haben aus der Familie Knox das nationale Symbol für die primitivsten und verkommensten Instinkte im amerikanischen Charakter gemacht.

Mehr als einmal habe ich versucht, Keisha dazu zu überreden, sich ein wenig zurückzuhalten und an ihre eigene Sicherheit zu denken, aber wie Caitlin glaubt sie, dass ihre Arbeit mehr bedeutet als ihr Leben. Ich bin nicht sicher, ob eine Fünfundzwanzigjährige überhaupt dazu befähigt ist, diese Entscheidung zu treffen, aber eines weiß ich: Wo gute Menschen sich gegen das Böse stellen, verlangt früher oder später das Schicksal eine Abrechnung. Wenn dieser Tag kommt, hoffe ich, dass ich nah genug bei Keisha Harvin bin, um Gutes dagegen zu tun.

NATCHEZ EXAMINER

30. Dezember 2005

Prozesstermin für Dr. Tom Cage festgelegt

von Keisha Harvin

Richter Joseph Elder hat den 13. März als Termin für den Mordprozess gegen den ortsansässigen Arzt Thomas J. Cage festgelegt. In einem Fall, der in der ganzen Nation Aufmerksamkeit erregt, wird Dr. Cage beschuldigt, seine fünfundsechzigjährige ehemalige Krankenschwester aufgrund eines Selbstmordpakts ermordet zu haben: Er sollte der unheilbar kranken Frau Sterbehilfe leisten, die achtunddreißig Jahre zuvor seine Krankenschwester gewesen war.

Die Lage wurde durch die besondere Tatsache, dass Dr. Cage ein Weißer ist und Schwester Turner eine Schwarze war, noch komplizierter, und zudem ist inzwischen bekannt, dass Mrs. Turner 1968 ein Kind von Dr. Cage zur Welt brachte, der zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet war. Mrs. Turner war damals eine achtundzwanzigjährige Witwe, deren Ehemann kurz zuvor im Vietnamkrieg gefallen war.

Bezirksstaatsanwalt Shadrach Johnson erklärte: »Ich möchte nicht, dass in diesem Mordfall irgendwelche Zweifel an den Tatsachen aufkommen. Es geht hier nicht um Euthanasie. Wenn ein Arzt die Medikamente zur Verfügung stellt, die ein Patient benutzt, um seinem Leben ein Ende zu machen, dann ist das in Mississippi ein konkret definiertes Verbrechen: Beihilfe zum Selbstmord. Wenn jedoch ein Arzt diese Medikamente selbst verabreicht, dann ist es Mord, schlicht und einfach – selbst wenn es sich um einen sogenannten Gnadentod handelt. Hier haben wir es jedoch mit einem Fall zu tun, in dem der Arzt ein persönliches Interesse daran hatte, seine Patientin zum Schweigen zu bringen, damit sie eine Tatsache nicht verraten konnte, die seinen Ruf und auch seine Ehe hätte zerstören können. Deswegen wurde Dr. Cage wegen Mordes angeklagt.«

Billy Byrd, der Sheriff von Adams County, fügte hinzu, seine Behörde habe rund um die Uhr gearbeitet, um sicherzustellen, dass die Staatsanwaltschaft bestens gerüstet sei, um Dr. Cage rasch den Prozess zu machen, den ihm das Gesetz garantiert. »In manchen Bezirken in Mississippi schleppen sich solche Fälle im Vorfeld jahrelang hin«, meinte Byrd. »Aber diese arme Frau lag ja, als sie ermordet wurde, wegen einer Krebskrankheit im Sterben. Ihrer Familie steht hier Gerechtigkeit zu. Ich habe eingehend mit den Angehörigen gesprochen. Sie sind am Boden zerstört über die Geschehnisse. Ich will niemanden gegen Dr. Cage einnehmen, doch ich glaube nicht, dass ich je einen Fall erlebt habe, in dem die Faktenlage so eindeutig war. Allerdings will ich es Bezirksstaatsanwalt Johnson überlassen, das mit den Geschworenen zu besprechen.«

Die Auswahl der Geschworenen beginnt in zehn Wochen. Im Augenblick sitzt Dr. Cage nicht im Gefängnis von Adams County ein, sondern in der Bundesstrafanstalt in Pollock, Louisiana. Sonderagent John Kaiser vom FBI erklärte: »Dr. Cage wird in Schutzhaft gehalten. Er ist ein wichtiger Zeuge in einer großen FBI-Untersuchung. Sein Leben ist in Gefahr.« Auf die Frage, ob Dr. Cage tatsächlich in Gefahr wäre, wenn man ihn im Gefängnis von Adams County gefangen hielte, wollte Agent Kaiser keinen Kommentar abgeben.

Dr. Cage wird im Prozess von dem bekannten afroamerikanischen Bürgerrechtsanwalt Quentin Avery aus Jefferson County, Mississippi, und Washington D. C. verteidigt. Bis heute hat Dr. Cage keine Aussagen zu seiner Verteidigung gemacht. Mr. Avery hat jedoch gestern in einem Telefoninterview erklärt: »Man sollte nicht vergessen, dass Viola Turners Bruder 1968 von den Doppeladlern ermordet wurde. Ereignisse, die mit diesem Verbrechen zusammenhängen, könnten sehr wohl einen Einfluss auf diesen Fall haben.« Der Bürgermeister von Natchez, Penn Cage, der Sohn des Angeklagten und ehemaliger Staatsanwalt in Houston, stand für einen Kommentar nicht zur Verfügung, weder zum Prozesstermin noch zu den Aussagen von Bezirksstaatsanwalt Johnson, Sheriff Byrd oder Mr. Avery.

NATCHEZ EXAMINER

3. Januar 2006

Knox bald kein Meistgesuchter des FBI mehr?

von Keisha Harvin

Der anscheinende Selbstmord eines ehemaligen Mitglieds der berüchtigten Doppeladler-Gruppe führt vielleicht dazu, dass das FBI den Namen Chester »Snake« Knox aus der Liste der zehn Meistgesuchten streicht. Gut unterrichtete Quellen berichten, Beweismittel, die am Todesort des ehemaligen Ku-Klux-Klan-Mitglieds Silas Groom gefunden wurden, brächten diesen mit mehreren Verbrechen in Verbindung, unter anderem mit dem Bombenanschlag auf ein FBI-Flugzeug, das am 17. Dezember Beweismittel vom Flughafen in Vidalia ins Forensiklabor des FBI in Washington bringen sollte.

Groom wurde letzten Donnerstag in seinem Zuhause gefunden, mit einem Kopfschuss und dem Revolver in der Hand. Die obigen Quellen berichten ebenfalls, dass ein Abschiedsbrief und weitere am Tatort gefundene Beweismittel Groom möglicherweise mit mehreren Morden in Verbindung bringen, unter anderem mit dem Mord an der Herausgeberin des Natchez Examiner, Caitlin Masters, die am 16. Dezember 2005 in Lusahatcha County getötet wurde, und mit dem Mord am Gründungsmitglied der Doppeladler, Sonny Thornfield, der angeblich vor achtzehn Tagen im Gefängnis der Gemeinde Concordia Selbstmord begangen hat.

Der zuständige Sonderagent John Kaiser wollte keinen Kommentar zu diesen neu entdeckten Beweisstücken abgeben, aber FBI-Sprecher Eric Templeton in Washington sagte: »Snake Knox hat vielleicht Entführungen und sogar andere Morde begangen, aber er war hauptsächlich wegen des Bombenanschlags auf den FBI-Jet auf unserer Liste der Meistgesuchten. Wir sind im Prinzip überzeugt, dass Groom in diesem speziellen Fall der Täter war, und werden wohl die Liste dementsprechend anpassen.« Auf die Frage, wie ein Achtundsiebzigjähriger eine so komplexe Sprengladung an einem FBI-Jet hätte anbringen können, erklärte Agent Templeton: »Die Doppeladler waren zum größten Teil ehemalige Militärs, die Erfahrung mit Sprengkörpern hatten. Silas Groom hatte mehr Erfahrung mit Waffen als der durchschnittliche Al-Qaida-Terrorist, und man muss kein olympiareifer Athlet sein, um ein kleines Flugzeug zu sabotieren.«

Zumindest ein Gesetzeshüter vor Ort, der Sheriff der Gemeinde Concordia, Walker Dennis, hat Zweifel daran angemeldet, dass Groom tatsächlich Selbstmord begangen hat. Sheriff Dennis sagte: »Ich warte erst noch den Bericht des Rechtsmediziners ab, aber es muss wohl jeder zugeben, dass in letzter Zeit eine sehr verdächtige Häufung von Selbstmorden zu verzeichnen ist. Grooms Tod könnte den Druck auf Snake Knox erheblich mindern. Wenn Sie mich fragen, sollte dieser Druck weiter voll auf Snake lasten. Meine Behörde wird jedenfalls in der Jagd nach Knox nicht nachlassen, auch wenn das FBI anscheinend glaubt, dass er sich in ein Land abgesetzt hat, mit dem wir keine Auslieferungsvereinbarung haben.«

Der Inhalt von Silas Grooms Abschiedsbrief wurde nicht veröffentlicht. Dem Examiner wurde jedoch ein makabres Detail bekannt: Ein seltenes Zwanzig-Dollar-Stück, ein »Doppeladler«, das Mitgliedsabzeichen der Gruppe, wurde auf dem blutbeschmierten Brief gefunden, in dem Groom angeblich einige seiner Verbrechen gestand. Wie alle echten Doppeladler-Abzeichen wurde dieses Goldstück im Geburtsjahr des Besitzers geprägt, in Grooms Fall im Jahr 1933. Dem Tagebuch des Journalisten Henry Sexton zufolge gab es nur eine einzige Ausnahme von dieser Praxis: Mitglieder der Doppeladler, die zu einem Zeitpunkt geboren wurden, als diese Münze nicht mehr geprägt wurde, erhielten einen Original-JFK-Halbdollar von 1964. Angeblich ist dies das Abzeichen, das Knox heute noch trägt.

Gerüchte, welche die Doppeladler mit der Ermordung John F. Kennedys im Jahr 1963 in Verbindung bringen, wurden bisher nicht bestätigt. Alle Bemühungen, herauszufinden, welcher Art die Beweismittel waren, die in dem abgestürzten FBI-Jet von Vidalia ins Forensik-Labor des FBI gebracht werden sollten, wurden vom FBI vereitelt. Das FBI sagt lediglich, die Beweismittel hätten mit der kürzlich erfolgten Ermittlung zu den Doppeladler-Morden zu tun, die in den sechziger Jahren im Gebiet Natchez-Vidalia begangen wurden. Das Flugzeug war eine Cessna Citation II. Es brannte aus, ehe Feuerwehr und Rettungsteams den Absturzort erreichten. Das FBI hat nicht mitgeteilt, ob alle oder zumindest einige der Beweismittel an Bord den Absturz überstanden haben.

Vor sechsunddreißig Jahren stürzte ein anderes kleines Flugzeug in der Nähe des Flughafens der Gemeinde Concordia ab, nachdem es angeblich mit einem anderen Flugzeug kollidiert war, das Chester »Snake« Knox flog. Bei diesem Vorfall starben vier Personen, aber Knox, ein erfahrener Pilot von Sprühflugzeugen, kam ungeschoren davon. Es existierten keine Zeugen für diesen angeblichen Zusammenstoß in der Luft, der Berichten zufolge stattfand, als Concordia noch ein unbemannter Flugplatz war. Henry Sextons Tagebücher haben Zweifel am Bericht der FAA aus dieser Zeit aufkommen lassen, aber wenn Snake Knox nicht festgenommen wird und seine damals erzählte Geschichte revidiert, wird die Akte über diesen früheren Absturz wohl geschlossen bleiben.

Zum Absturz des FBI-Jets sagte ein Ortsansässiger aus Vidalia, der anonym bleiben möchte: »Niemand in unserer Gegend weiß mehr über kleine Flugzeuge als Snake Knox. Und niemand weiß auch mehr über Bomben. Mehr will ich dazu nicht sagen. Mit Snake Knox sollte man es sich nicht verderben, auch wenn er nach Costa Rica oder wohin auch immer abgehauen ist. Früher oder später taucht der wieder hier auf. Warten Sie nur ab.«

Kapitel 2

Ich fahre mit Tempo hundertvierzig durch das Louisiana-Delta. Eine Urfinsternis liegt über dem Land wie ein Leichentuch. Meine Scheinwerfer bohren einen Tunnel in die Nacht, lösen einen Wirbel leuchtender Augen aus: aufgeschreckte Hirsche, Opossums, Füchse, Waschbären und die eine oder andere Kuh, die sich nah bei einem Zaun ausruht. Der gepanzerte Yukon unseres Leibwächters folgt uns im Abstand von hundertfünfzig Metern, weit genug weg, um mir während der hundert Meilen Heimfahrt vom Gefängnis, in dem mein Vater festgehalten wird, eine Migräne zu ersparen, aber so nah, dass Tim Weathers eingreifen könnte, falls es nötig sein sollte. Ab und zu gibt es einen donnernden Schlag, wenn ich um eine Kurve rase und über den zerbrochenen Panzer eines toten Gürteltiers fahre, und doch schläft meine Tochter Annie neben mir weiter, eine Hand leicht auf meinen Unterarm gelegt.

Im Rückspiegel schwebt ein weiteres Engelsgesicht in mein Blickfeld. Durch den verschwommenen Schleier meiner Müdigkeit nehme ich es erst als Caitlins Gesicht wahr, aber es gehört Mia Burke, Annies zwanzigjähriger Betreuerin. Mias Augen sind geschlossen, ihr Mund steht ein wenig offen, und säuselnde kleine Schnarcher dringen zwischen ihren Lippen hervor. Die Erschöpfung hat die beiden Mädchen ruhiggestellt, trotz Schlaglöchern und überfahrenen Tieren, die Erschöpfung, die durch das Brummen des Motors und das Zischen unserer Reifen verstärkt wird, dazu durch die Stimme von Levon Helm And The Band, die »The Weight« singen, die Live-Version aus dem Album The Last Waltz.

Während Pops und Mavis Staples in Harmonie zu singen beginnen wie dunkle Engel, die vom Himmel herabschweben, überkommt mich beinahe so etwas wie Friede. Wie viel Seele und Selbstbewusstsein muss ein Weißer haben, um vor solchen Engeln als Lead-Singer aufzutreten? Levon ist ein Junge vom Land, aus Arkansas, so klapperdürr und zäh wie die Schweinehunde, die Caitlin umgebracht haben, und doch singt er irgendwie mit der verletzten Menschlichkeit eines Mannes ohne Stammeszugehörigkeit, eines Mannes, der Liebe und Schmerz erfahren hat und begreift, dass das eine der Preis für das andere ist.

Ich wünschte, ich glaubte an Gott, dann könnte ich ihm die Schuld an Caitlins Ermordung geben. Aber als Mann ohne Glauben bleibt mir nur, alles meinem Vater anzulasten. Meine Mutter meint, Caitlin hätte ihren Tod selbst auf sich gebracht und hätte das auch dann getan, wenn mein Vater nicht vorher unser aller Leben völlig auf den Kopf gestellt hätte. Ich habe nicht die Kraft zu widersprechen. Mom will einfach nur, dass ich Dad zumindest genug verzeihe, um ihn im Gefängnis zu besuchen. Aber dazu kann ich mich nicht durchringen. Also sitze ich draußen im Auto oder gehe in ein Wendy’s Restaurant ein wenig die Straße hinunter, während Mom und Annie im Gefängnis ihre Rituale durchlaufen und Mia sich um Annie kümmert, solange Mom Zeit allein mit Dad verbringt.

Meistens sitze ich nur da und denke über die Kette von Ereignissen nach, die mich hierhergebracht hat. Es stimmt, dass Caitlin sich von ihrem Ehrgeiz an einen verfluchten Ort hat locken lassen, zu dem sie niemals allein hätte gehen sollen. Aber hätte mein Vater nicht die Wahrheit darüber verschwiegen, was sich in der Nacht von Viola Turners Tod ereignet hat, wäre Caitlin nie so besessen von Henry Sextons Mission gewesen und hätte auch seine Fackel nicht weitergetragen, nachdem er sein Martyrium auf sich genommen hatte, um uns zu retten. Sie wäre auch nicht der blutigen Spur zu dem Knochenbaum gefolgt.

Dann würde sie heute noch leben.

Wir würden zusammen mit Annie im Haus Edelweiß wohnen, unserem Traumhaus mit Blick auf den Fluss, und wir wären auf dem besten Weg, Annie einen Bruder zu schenken. Der Gedanke verfolgt mich wahrscheinlich mehr, als er sollte. In der Nacht, bevor Caitlin umgebracht wurde, haben wir uns zum ersten und letzten Mal in diesem Haus geliebt: ein verzweifelter Versuch ihrerseits, mich nach einer Konfrontation mit einem korrupten Sheriff zu beruhigen. Ich hatte damals keine Ahnung, dass Caitlin schwanger war. Das hat mir später Forrest Knox erzählt, um mich zu quälen, und die Autopsie hat seine Enthüllung bestätigt. Hätte ich das Verderben geahnt, auf das wir in jener letzten Nacht zurasten, dann hätte ich die Tür von Haus Edelweiß abgeschlossen und Caitlin festgehalten, bis … bis was? Irgendwie spüre ich, dass Caitlin trotzdem gestorben wäre, ganz gleich, was ich in jener Nacht getan hätte, und Annie und ich wären trotzdem hier gelandet. Und das ist … wo?

In der Verlorenheit.

Walking wounded.

Wenn jemand, den man liebt, ermordet wird, dann findet man einiges über sich selbst heraus, das man um alles in der Welt lieber nicht wüsste. Wenn man die Person umbringt, die einem dieses Leben geraubt hat, dann entdeckt man, dass Rache nicht einmal annähernd die Leere ausfüllen kann, die dieser Mord hinterlassen hat. Nichts kann das fertigbringen, außer Jahre des Lebens, und dann nur, wenn man großes Glück hat. Annie und ich haben das beim ersten Mal gelernt, als der Krebs uns ihre Mutter nahm.

Caitlin war unser Glücksfall.

Vor neun Wochen hat uns dieses Glück verlassen. Caitlins Ermordung hat uns wie eine Granate aus einem heiteren blauen Himmel getroffen. Und das Erste, was diese Art von Granate zersprengt, ist die Zeit. Tag und Nacht verlieren ihren Sinn. Das Verstreichen von Augenblicken und Stunden kommt ins Wanken. Zifferblätter lösen Verwirrung, sogar Panik aus. In der Halbwelt des Trauerns beginnt sich der Sinn für unser Selbstsein aufzulösen.

Meine Arbeit hat so sehr darunter gelitten, dass alle im Rathaus sich inzwischen verschworen haben, so zu tun, als funktionierte ich. Es fällt mir schwer, das zuzugeben, aber wenn ich ehrlich bin, stimmt etwas nicht mit mir. Mein Bezug zur Wirklichkeit ist schwächer, als er sein dürfte. Meine Selbstbeherrschung ist so sehr ausgehöhlt, dass ich an meinem Verstand zu zweifeln beginne. Aber wenn man bedenkt, was ich alles durchgemacht habe … dann ist das vielleicht eine ganz normale, vernünftige Reaktion. Vielleicht die einzig mögliche. Denn meine Familie ist implodiert.

Meine Mutter wohnt in einem Motel in der Nähe der Bundesstrafanstalt in Pollock, Louisiana, wo mein Vater vom FBI festgehalten wird. Ich musste Annie aus der Schule nehmen, und nur Mia Burkes selbstloser Einsatz hat verhindert, dass Schmerz und Todesangst sie völlig gelähmt haben. Mia hat auch viel dazu beigetragen, dass ich noch mit dem Kopf über Wasser bin. Das ist ihr gegenüber unfair, aber sie hat es freiwillig gemacht, und, ehrlich gesagt, ich habe sonst niemanden, auf den ich mich stützen könnte.

Mein Mobiltelefon piepst unter der Musik. Es liegt auf der Seite neben der Handbremse des Audi. Ich halte das Lenkrad mit dem linken Knie fest, strecke die linke Hand über meinen Schoß, um die Nachricht anzuschauen, ohne Annie zu stören.

Da steht: Alles okay? Nicht müde?

Die SMS ist von Tim Weathers, unserem Leibwächter für heute Nacht, der in seinem Yukon hinter uns herfährt. Eigentlich gehört das Auto nicht Tim. Es ist Eigentum der Firma Vulcan Asset Management aus Dallas, für die er arbeitet.

Alles gut, tippe ich. Mädchen schlafen.

Brauchen sie, antwortet er.

Außer Caitlins Tod ist es wohl das, woran ich mich am schwersten gewöhne. Wir leben von Leibwächtern umgeben. Totale Sicherheitsüberwachung, vierundzwanzig Stunden am Tag. Und nicht etwa die riesigen Bodyguards, die man in der Nähe von Pop-Divas und Profisportlern sieht, sondern ehemalige Soldaten aus Sondereinheiten wie mein Freund Daniel Kelly, der nun schon seit Monaten in Afghanistan vermisst ist. Männer, die etwas vom Personenschutz verstehen und die Fertigkeiten, die Selbstbeherrschung und die Erfahrung haben, diese Aufgabe richtig zu erfüllen.

Die Kosten für einen solchen Schutz sind erdrückend. In den letzten beinahe zweieinhalb Monaten haben mir Sicherheitsfirmen über hunderttausend Dollar in Rechnung gestellt. Aber ich sehe keine Alternative. Es ist so, als stellte man einen Pflegedienst für bettlägerige Eltern ein: Bis man es tatsächlich machen muss, hat man keine Ahnung, was diese andauernde Aufmerksamkeit tatsächlich kostet. Zu meiner Erleichterung hat Caitlins Vater die Hälfte jeder Rechnung übernommen. Er hat angeboten, alles zu zahlen, aber in mir ist noch ein bisschen Stolz geblieben. Lange kann ich mir diese Ausgaben nicht mehr leisten, aber jedes Mal, wenn ich mich frage, ob wir vielleicht unsere Wachsamkeit ein wenig lockern und diesem Geldfluss ein wenig Einhalt gebieten könnten, klingen mir John Masters’ Worte in den Ohren: »Penn, wenn dir oder Annie etwas zustoßen würde, würde Caitlin mir das niemals verzeihen. Ich weiß, meine Tochter ist tot, aber ich weiß auch, dass meine Verpflichtungen ihr gegenüber niemals enden werden. Also stell du die Besten ein und schick mir die Rechnungen. Mir ist verdammt egal, wie viel das kostet. Du hast den Neffen von Snake Knox getötet. Und bis Snake, dieser Hurensohn, mit Einbalsamierungsflüssigkeit vollgepumpt wird, sollst du leben wie der Präsident der Vereinigten Staaten. Ich habe es nicht geschafft, meine Tochter zu schützen, und ich kann mich kaum im Spiegel anschauen. Mach du nicht mit deiner Tochter denselben Fehler.«

Das habe ich nicht vor.

Also leben wir seither mit mindestens einem Leibwächter – manchmal mit dreien –, der vierundzwanzig Stunden am Tag nur wenige Schritte von uns entfernt ist. Heute hatten wir während unserer wöchentlichen Fahrt zum Gefängnis von Pollock und zurück nur Tim bei uns, einen ehemaligen SEAL aus Tennessee. Tim ist für Annie so etwas wie ein Lieblingsonkel geworden und ein Bruder für Mia und mich. Wie immer hat Annie zuerst ihre Großmutter besucht und dann ihren Großvater, während Mia die Straße entlangspaziert ist und bei Wendy’s mit mir einen Cheeseburger gegessen hat.

Weitere leuchtende Augen blitzen auf den leeren Feldern hinter dem Randstreifen der Straße auf. Diese Fahrt ist wie eine nächtliche Tour durch ein riesiges Wildreservat, eine Südstaatensafari, umsäumt vom schwefeligen, über Meilen anhaltenden Gestank des Abwehrsekrets eines Stinktiers. Die hellen Kreise, die in der Dunkelheit aufflammen, durchlaufen das gesamte Farbspektrum: gelb für die Waschbären, grün für das Rotwild, rot für Füchse und Opossums, blau für den gelegentlichen Kojoten. Das Land scheint von leuchtenden Geistern bevölkert zu sein, und doch ist die Erklärung einfach genug. Das tapetum lucidum, die Schicht von Kristallen hinter all diesen Netzhäuten, hat sich entwickelt, um die Nachtsicht der Tiere zu verbessern, indem sie das Licht durch das Auge reflektiert, damit es zweimal und nicht nur einmal genutzt wird. Aber wie die Fernsehscheinwerfer, die mich immer geblendet haben, wenn ich in der Walls Unit in Huntsville ankam, um bei einer Hinrichtung als Zeuge anwesend zu sein, macht das strahlende Gleißen der Scheinwerfer meines Audi dieses Resultat der Evolution nutzlos, weil all diese empfindlichen Augen mit einem Schlag blind werden …

»Daddy?« Annies Hand drückt sanft meinen rechten Arm. »Ich muss Pipi machen.«

Meine Tochter ist elf Jahre alt, aber wenn sie im Halbschlaf spricht, klingt ihre Stimme noch genauso wie damals, als sie drei oder vier war.

Vor uns sind keine Lichter zu sehen, nur Schwärze. Aber mein Gehirn geht rasch die Datei mit den Haltepunkten in dieser beinahe menschenverlassenen Landschaft durch. »Ich glaube, in etwa acht Minuten kommt eine Tankstelle. Kannst du so lange warten?«

»Mh. Vergiss es aber nicht und fahr nicht vorbei.«

Hinter mir sagt eine Stimme: »Ich unterstütze den Antrag.«

Ich schaue in den Rückspiegel und sehe Mia, die mich mit einem schiefen Lächeln anblickt.

»Hunger habe ich auch«, fügt sie hinzu. »Bis ich wieder zur Uni gehe, bin ich wahrscheinlich völlig in die Breite gegangen.«

Mia muss müde sein, denn sie würde niemals erwähnen, dass sie uns möglicherweise verlassen könnte – jedenfalls nicht in Hörweite von Annie –, wenn auch der Tag des Abschieds unvermeidlich näher rückt. Mias bloße Anwesenheit ist schon ein Wunder, ein Zeugnis einer Großzügigkeit, die ich kaum fassen kann. Vor zwei Jahren, als sie an meiner alten Schule eine Überfliegerin in der High School war, hat sich Mia einen Sommer lang um Annie gekümmert, und dann während des Schuljahres an Nachmittagen, wenn ich arbeiten musste. Sie war die perfekte Babysitterin: ein schlaues, lebhaftes Mädchen aus einer Familie in bescheidenen Verhältnissen, das für Dinge arbeiten musste, die seine Klassenkameraden für selbstverständlich hielten. Ihr Schwung und ihre praktische Art übertrugen sich jeden Tag auf Annie, und ich war dankbar dafür.

Später in diesem Jahr ertrank eine von Mias Klassenkameradinnen in einem nahegelegenen Bach, und einer meiner Kindheitsfreunde wurde beschuldigt, sie getötet zu haben. Mia war an der Lösung dieses Mordfalls beteiligt, und zur Belohnung half ihr mein dankbarer Freund – ein Arzt –, etwas zu erreichen, was jenseits ihrer Mittel gelegen hatte, ganz gleich, wie hart sie dafür gearbeitet hätte: Er zahlte ihre Studiengebühren für das College ihrer Wahl – Harvard.

Es war purer Zufall, dass Mia auf dem Heimweg in die Weihnachtsferien war, als Caitlin getötet wurde. Sobald sie die Nachricht gehört hatte, kam sie zu uns und tat alles, was in ihrer Macht stand, um Annie zu trösten, die bereits wieder dabei war, in den lähmenden, überängstlichen Zustand zu verfallen wie nach dem Tod ihrer Mutter in Houston. Innerhalb einer Woche entwickelte Annie eine besorgniserregende Abhängigkeit von Mia. Ich wusste nicht, wie ich verhindern sollte, dass sie völlig die Fassung verlor, wenn Mia nach Massachusetts zurückkehren musste. Zu meiner Verblüffung setzte sich Mia jedoch drei Tage vor ihrer geplanten Abreise mit mir zusammen und erklärte mir, sie habe beschlossen, ein Semester freizunehmen, um Annie dabei zu helfen, »wieder normal zu werden«.

Ich habe natürlich Einwände erhoben, aber nicht allzu heftig und nicht allzu lange. Mia sagte mir, sie sei eingeteilt gewesen, ein Semester lang an einer archäologischen Ausgrabung in Yucatán teilzunehmen, sie werde also kein echtes Semester verpassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte meine Mutter bereits beschlossen, in die Nähe von Dads Gefängnis zu ziehen, und das entschied die Sache.

»Da ist ein Licht«, sagt Mia. »Da links.«

Sie hat recht. Was ich als einsame Tankstelle in Erinnerung habe, steht etwa eine Meile von uns entfernt am Rand von flachen Feldern wie eine Richtfunkstation in der Wüste. Ich ziehe mein Handy hervor und gebe die Kurzwahl für Tim hinter uns sein.

»Was gibt’s?«, fragt er.

»Wir biegen bei der Tankstelle von der Straße ab. Die Mädels brauchen eine Toilette.«

»Lass mich vorher erst näher kommen.«

»Okay.«

Diese Art von taktischen Gesprächen ist uns in den letzten Wochen zur zweiten Natur geworden. Nach sechzig Sekunden erreichen wir die Abzweigung. Tim ist direkt hinter uns, als ich auf den Kiesplatz bei der Betonplatte poltere, auf dem die alte Tankstelle steht.

Ich parke auf dem ölbefleckten Beton unter dem durchhängenden Vordach, das die Zapfsäulen überdeckt. Tim hält hinter uns. Sobald er aus dem Yukon aussteigt, springt Annie aus dem Wagen und rennt in die Tankstelle. Tim folgt ihr, und Mia und ich gehen hinter ihnen her.

Seit wir beim Gefängnis losgefahren sind, ist die Temperatur um zehn Grad gesunken. In der Tankstelle riecht es nach überhitztem Kaffee, altem Fett und Desinfektionsmittel. Eine einsame Angestellte hat Nachtschicht, eine ältere Frau mit Haarnetz. Sie steht hinter einer fettverschmierten Vitrine, in der einige Reste von Brathähnchen und Kartoffelkroketten liegen. Während Annie auf der Toilette ist, mustere ich das jämmerliche Angebot im Snack-Regal, frage dann die Frau, ob sie frischen Kaffee hat. Sie erwidert, sie würde eine neue Kanne kochen.

»Wo ist Ihre Herrentoilette?«

»Draußen. Wenn Sie rauskommen, gleich rechts.«

Tim will mir nach draußen folgen, aber ich bitte ihn, bei den Mädchen zu bleiben. Er nickt und sagt mir, ich solle die Augen aufhalten.

Die Dunkelheit draußen duftet schwach nach Unkrautvernichtungsmittel. Ich hatte das auf meinem kurzen Gang in die Tankstelle nicht bemerkt. Es ist noch zu früh für das Sprühen; vielleicht mischt ein Bauer irgendwo in der Nähe seine Chemikalien zusammen. Der Geruch katapultiert mich in meine Kindheit zurück. Wenn ich als Junge auf den Feldern meines Großvaters unterwegs war, rannte ich immer unter den Flugzeugen umher und fuchtelte freudig mit den Armen, dachte nicht einmal im Traum daran, dass diese Wolken in meinem Blut und in meinen Knochen Krebs verursachen könnten.

Auch die Herrentoilette beschwört in mir die Kindheit herauf. Eine schrankgroße Kabine, kalt wie eine Tiefkühltruhe, und doch stinkt sie nach menschlichen Exkrementen und Reinigungschemikalien, ein schwerer Gestank mit einer beißenden Note, die einem im Hals brannte, wenn man sich dort zu lange aufhielt.

Ich schiebe den windigen Riegel in ein Loch im Türrahmen, stelle mich vor das hohe Wandpissoir, ziehe den Reißverschluss meiner Hose herunter und pisse gegen das fleckige Porzellan. Wie viele Male habe ich diese Fahrt zwischen Natchez und dem Gefängnis wohl schon gemacht?, überlege ich. Zweieinhalb Monate, einmal, manchmal zweimal in der Woche. Neunmal, tippe ich, und jedes Mal habe ich allein draußen gewartet, während Mom und Annie sich im Besuchszimmer mit Dad trafen.

Ich mache meine Hose zu und hebe die Hand, um abzuziehen, entscheide mich dann doch, den rostigen Griff lieber nicht anzufassen. Als ich mich zur Tür wende, höre ich draußen auf dem Weg einen Schuh knirschen. Wahrscheinlich ist es Tim, doch aus einem unerfindlichen Grund lässt mich dieses Geräusch in der Bewegung erstarren.

Zehn Sekunden vergehen … dann zwanzig.

Habe ich mir das eingebildet? Frauengelächter dringt durch die Wand hinter mir. Die Mädels sind noch immer in der Tankstelle. Wenn sie noch da drin sind, ist Tim bei ihnen.

Wessen Schritte habe ich also gehört?

Ich ziehe mein Handy aus der inneren Manteltasche. Ich beginne, bei Tim anzurufen, höre dann aber auf. Wahrscheinlich leide ich unter Verfolgungswahn, aber ich will ihn nicht in einen Hinterhalt locken. Ich nehme das Telefon in die linke Hand, kauere mich hin, raffe das linke Hosenbein hoch und ziehe meinen Smith & Wesson Airweight .38 aus dem Fußholster, das ich seit Dezember trage. Dann drücke ich mich mit dem Rücken gegen das Pissoir.

Stücke sind vom hölzernen Kolben des Revolvers abgesplittert, weil ich damit gegen den Grabstein von Forrest Knox gehämmert habe. Nur mit dem linken Daumen schreibe ich an Tim: »Habe was vor dem Klo gehört. Mögl Bedrohg. Bleib drinnen mit den Mädels. Bin eingesperrt.«

Als ich »Senden« drücke, bewegt sich die Klinke der Toilettentür einmal, dann nicht mehr.

Meine Hand umklammert die Pistole fester.

Dann wird die Tür gegen den Riegel gedrückt, als prüfte jemand den Widerstand.

»Moment!«, rufe ich, wie das jeder in einer normalen Situation machen würde. »Bin so gut wie fertig.«

Keine Antwort.

Mit dem linken Daumen schreibe ich an Tim: Polizei holen.

Aus der unheilschwangeren Stille ertönt nun eine gedämpfte Stimme, kaum hörbar durch die dünne Metalltür: »Ich habe eine Nachricht für Sie, Herr Bürgermeister. Kommen Sie raus.«

Großer Gott!

Mit zitternder Hand schreibe ich: Bedrohg echt!

»Eine Nachricht von wem?«, frage ich.

»Sie wissen schon. Jetzt kommen Sie raus und hören sich an, was ich zu sagen habe. Wenn Sie weiter da drin rummachen, kommt Ihre Tochter irgendwann aus der Tankstelle, und dann wird es ganz schnell sehr ungemütlich. Also schütteln Sie Ihren Schwanz trocken und kommen raus.«

Das da draußen ist auf keinen Fall Snake, denke ich, als ich noch überlege, ob er es sein könnte. John Kaiser ist fest davon überzeugt, dass der alte Doppeladler sich ins Ausland abgesetzt hat. Aber wenn es nicht Snake ist … wer ist es dann? Und wer immer es ist, ist er allein?

»Kommen Sie, Cage? Oder wollen Sie, dass Ihr kleines Mädchen die Nachricht bekommt?«

Mir trocknet der Speichel im Mund ein. Ein seltsamer Zwang drängt mich, die Tür aufzumachen, doch irgendwo in meinem Hirn brennt die Gewissheit, dass ich in dem Augenblick, wo ich mich zeige, erschossen werde.

Mein Herz machte einen Sprung, als das Telefon in meiner Hand piepst.

Hilfstrupp unterwegs, lautet Tims Antwort. Ich komme. Bleib, wo du bist, es sei denn, du hörst Schüsse. Wenn du rauskommst, schieße, wie ich es dir beigebracht habe.

Lass die Mädels nicht allein!, denke ich, aber ehe ich diese Worte tippen kann, ruckelt der Mann draußen an der Tür, rappelt dann immer heftiger daran. Eine halbe Sekunde lang überlege ich, ob ich durch die Tür schießen soll.

Wen würde ich umbringen? Was ist, wenn der Typ nicht bewaffnet ist?

Jedenfalls kann ich nicht hier stehen bleiben, während Tim sein Leben riskiert, um mein Kind zu beschützen.

Ich bewege mich neben die Tür, greife mit der linken Hand nach dem Riegel. Doch ehe meine Finger das Metall berühren, kracht die Tür auf, macht meinen Arm taub bis zum Ellbogen.

Ich sehe niemanden.

Dann nimmt eine undeutliche Gestalt ein paar Schritte von der Tür entfernt Konturen an, ein weißes T-Shirt im Mantel der Dunkelheit. Niemand ist mehr überrascht als ich selbst, als mein rechter Zeigefinger den Abzug des .38er drückt. Donnernde Stöße explodieren durch die gekachelte Kabine, und ein kahler Schädel taucht auf, als meine menschliche Zielscheibe auf die Löcher in Bauch und Brust starrt.

Plötzlich erfasst mich die ekelerregende Gewissheit, dass ich irgendeinen arglosen LKW-Fahrer erschossen habe, der zu schwerhörig war, um mich sagen zu hören, dass die Toilette besetzt ist.

Dann fällt der Mann auf den Rücken.

Ein Bein seiner Jeans rutscht, während er fällt, die halbe Wade hoch, und der Horngriff eines Bowie-Messers, das in seinem Motorradstiefel steckt, taucht auf. Dann blitzt in seiner Linken metallisches Nickel auf – eine Pistole. Ich schiebe mich langsam zur Toilettentür vor, den .38er noch immer fest umschlossen, spähe nach draußen, schaue nach links und rechts.

Nichts.

Ich stürze vor, trete dem am Boden liegenden Mann die Pistole aus der Hand, zucke dann zurück wie vor einer angeschossenen Klapperschlange, von der ich beinahe erwarte, dass sie mich noch im Todeszucken beißt. Das schmerzverzerrte Gesicht des Mannes lässt darauf schließen, dass er noch lebt.

»Verdammt noch mal!«, ruft links jemand.

Als ich beim Klang dieser Stimme herumwirbele, richtet ein Fremder von der Ecke der Tankstelle eine Pistole auf mich. Ehe ich auf ihn zielen kann, erschallt ein Schuss. Der Fremde wankt, greift dann nach der Mauer, um das Gleichgewicht zu halten.

»Keine Bewegung!«, ruft eine Stimme mit militärischer Autorität.

Der verwundete Mann hebt erneut seine Pistole, doch ehe sie auf mich ausgerichtet ist, sprengt etwas Teile seines Schädels weg.

Er trifft mit einem dumpfen Schlag auf den Asphalt, der mir verrät, dass er schon beim Aufprall tot war.

»Lagebericht, Penn!«, ruft Tim um die Ecke.

»Zwei am Boden. Ich weiß nicht, ob noch jemand da ist.«

»Plane das ein! Ich komme zu dir.«

Tim erscheint in Nahkampfpose an der Ecke, vollführt dann eine schnelle, aber sehr durchdachte Kreisbewegung und mustert die uns umgebende Dunkelheit.

»Annie und Mia?«, frage ich.

»Im Kühlraum drinnen eingeschlossen. Ist deiner tot?«

»Noch nicht. Entwaffnet habe ich ihn.«

»Nichts wie weg hier. Wir müssen irgendwann zurückkommen, um mit dem Sheriff und denen von der Staatspolizei zu reden, aber erst später.«

»Moment.« Ich atme durch, schaue zu dem Mann zurück, auf den ich geschossen habe. »Gib mir Deckung.«

Ich gehe vor und blicke auf den keuchenden Mann hinunter. Ein hohes Pfeifen begleitet jeden seiner Atemzüge, und ein schwarzer, feuchter Kreis von der Größe eines Esstellers zeichnet sich auf seinem Hemd ab.

»Der ist fertig«, sagt Tim hinter mir. »Wir müssen die Mädchen in den Yukon bringen, Penn.«

»Mach du das, Tim. Ich befehle dir, den Mädchen Schutz zu geben. Ich kann mich um mich selbst kümmern.«

Die Schuhe des ehemaligen SEAL schleifen über den Asphalt, als er um die Ecke der Tankstelle sprintet.

Ich knie mich neben den röchelnden Mann, beuge mich hinunter, sodass er mein Gesicht über seinem sehen kann.

»Der Bürgermeister?«, krächzt er.

»Stimmt.«

»Du hast auf mich geschossen, du Scheißkerl.«

»Du hast es drauf angelegt.«