Über Stefanie Gregg

Stefanie Gregg, geboren 1970 in Erlangen, studierte Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik und Theaterwissenschaften bis zur Promotion. Nach Stationen im Bereich Bucheinkauf und als Unternehmensberaterin widmet sich die Autorin jetzt nur noch dem Schreiben. Mit ihrer Familie wohnt sie in der Nähe von München.

Informationen zum Buch

Eine Geschichte so hoffnungsvoll wie das Leben

Bilder in den Farben des Südens – das ist alles, was Jule nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter Marie von ihr bleibt. Das und eine ganze Reihe Fragen. Und so beschließt Jule an die Orte zu reisen, an denen ihre Mutter so oft alleine gemalt hat, um dort nach dem Leben zu suchen, das Marie offensichtlich nicht mit ihrer Familie teilen wollte. Dann taucht überraschend Jules Freund Ben auf, und ihr wird klar: Man muss die Vergangenheit loslassen können, um das Leben neu zu beginnen.

»Stefanie Gregg kurbelt mit schnellen, knackigen Gedanken und Szenen das Kopfkino an.« Süddeutsche Zeitung

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Vogel_sw.tif

Stefanie Gregg

Seestern.tif

Der Sommer der blauen Nächte

Roman

Inhaltsübersicht

Über Stefanie Gregg

Informationen zum Buch

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Prolog

Teil I

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Teil II

11. Kapitel

Marie

12. Kapitel

Marie

13. Kapitel

Marie

14. Kapitel

Marie

15. Kapitel

Marie

16. Kapitel

17. Kapitel

Marie

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Teil III

21. Kapitel

Julian

22. Kapitel

23. Kapitel

Julian

24. Kapitel

Julian

25. Kapitel

Julian

26. Kapitel

Julian

27. Kapitel

Julian

28. Kapitel

Marie und Julian

Teil IV

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

Julian

Marie

32. Kapitel

33. Kapitel

Epilog

Marie

Danke

Anhang und Quellenverzeichnis

Impressum

Für Melanie M.

Prolog

Ihr Pinsel tanzte über die Leinwand. Der Himmel, sie musste ihn schnell einfangen, er veränderte sich so rasch. Die anderen sahen es nicht, für die meisten Menschen war der Himmel am sommerlichen Mittelmeer den ganzen Tag über gleich. Für sie nicht. Sie sah die zart-weißen Schlieren, die weit oben entlangflogen und zeigten, dass dort in der Höhe ein Wind war, der sie weiterblies. Sie sah das Funkeln, das die Sonne unterschiedlich ausschickte, bei jedem winzigen Bruchteil, den sie weiterrückte. Und gerade jetzt war er so schön. Azurblauer Himmel. Ihr Lieblingshimmel. Wenn sie ein Lieblingswort nennen müsste, so wäre es azurblau. Versprach dies nicht alles, den Himmel auf Erden? Die blauen Stunden nannte man diese Zeit zwischen der Dämmerung nach Sonnenuntergang und der dunklen Nacht. In diesen Momenten hatte das Blau eine andere Färbung als zu jeder anderen Zeit des Tages.

Sie sah ihn kommen, und ein Lachen huschte über ihr Gesicht. Er hatte er sie noch nicht gesehen. Schnell nahm sie andere Farben zur Hand. Ein dunkles Blau für seine Hose, ein Weiß für sein Hemd, den Sandton für seinen Strohhut. – Den er nun schwenkte. Offensichtlich hatte er sie entdeckt. Obwohl er dies aus der Entfernung nicht sehen konnte, lächelte sie ihm zu. Winken konnte sie nicht, denn ihre Hand flog weiter über die Leinwand. Seinen Schritt musste sie einfangen. Schnell, zielstrebig, direkt auf sie zu, sprühend vor Leben, sprühend vor Glück, sprühend vor Lust – weit mehr noch als die funkelnden Strahlen der Sonne. Ein Strich hier, einer dort, schräg, die glückliche Eile festhaltend, ein Weiß im Blau der Hose, eine Falte, die die Sonne reflektierte, das Gesicht nur angedeutet, und doch war alles darin. Wer es wollte, konnte den Mann sehen, der zur Geliebten schritt. Wer nicht sah, konnte nur die Bewegung im Bild wahrnehmen. Auch gut. Der Wirbelsturm, die Dynamik, die auf sie zuraste. Als er nur noch einen Meter von ihr entfernt war, stand sie auf und ließ sich in seine ausgebreiteten Arme fallen.

Glück, noch mehr als das des Malens, dabei hatte sie nicht gewusst, dass das möglich war.

Er hielt sie fest und flüsterte ihr ins Ohr:

»Ich trete in die dunkelblaue Stunde 

Da ist der Flur, die Kette schließt sich zu

Und nun im Raum ein Rot auf einem Munde

Und eine Schale später Rosen – du!«

»Ein Gedicht? Von wem?«, fragte sie lächelnd.

»Gottfried Benn.«

»Noch wenige Minuten, dann werden unsere blauen Nächte daraus«, wisperte sie.

Und in diese blauen Nächte ließen sie sich sinken. In den Weinbergen, auf Felsen, am Strand. Phasen unendlicher Zärtlichkeit, langsamer Küsse, Finger, die Bahnen zogen, Augen, die geöffnet waren, um aufzunehmen, Kuhlen, Muttermale, Narben, von denen sie zuerst noch nichts wussten, später aber wie eine innere Landkarte jederzeit abrufen konnten. In ihren blauen Nächten fanden sie Strände, an denen sie nur wenige Steine störten. Sie legten sich auf den sandigen Boden und gehörten einander. Egal, was vorher war, was nachher sein würde, dieses Hier und Jetzt hatten sie, mit dem Rauschen der Brandung im Ohr gaben sie sich dem Rauschen von Seele und Körper hin. Sie atmeten die Luft des anderen, um ihn auf ewig ein Teil von sich selbst werden zu lassen. Egal, was kommen würde, sie gehörten einander. Für immer. Die Steine in ihrem Rücken, sie spürten sie nicht, und wenn doch, waren sie nur ein Zeichen, dass dies hier kein Traum, sondern wundervolle Realität war. Die Sterne im dunkelblauen Mittelmeerhimmel sahen sie nicht, weil ihre Augen sich auf den anderen richteten, die Sterne dabei nur erfühlten.

Momente, in denen ihre Augen geschlossen waren, weil die Körper es wollten, gierig waren und nicht freundlich, hart, sich holten, was sie wollten, bis sie aufschrien vor Erlösung. Dann nahmen sie sich, ohne zu geben, weil die Lust zu groß war und sie wussten, dass jeder die Lust des anderen noch mehr genoss als die eigene.

Schmerz und Drängen und Wollen und Wellen und Erleichterung und Vergessen.

Wenn sie daran dachte, erzählte ihr Körper ihr noch von Glück und Ekstase der Nacht. Keiner von ihnen beiden vergaß auch nur eine Sekunde ihrer blauen Nächte.

Seestern.tif
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Teil I

Schwarz
München

1. Kapitel

Es schneite weiße, unangenehm feucht-schwere Flocken, die sich, sobald sie auf den schwarzen Mänteln und Jacken landeten, in Tropfen verwandelten, mehr oder minder schnell den Stoff durchdrangen und ihre nasskalten Bahnen bis zu den dicken Pullovern zogen. Eine ältere Dame hatte einen schwarzen Schirm aufgespannt, während die anderen sich duldsam der feuchten Kälte aussetzten.

Der Pfarrer sprach viel zu lange. Alles, was sie ihm vorgegeben hatte. Sein gleichbleibend rührseliger Tonfall machte daraus jedoch einen bleiernen, falsch klingenden Brei.

»Sie war eine Frau, die immer für ihre Familie da war. Die sich fürsorglich um ihre Kinder gekümmert und sie wohlbehütet aufgezogen hat. Dabei war sie nicht nur eine liebevolle Mutter, sondern auch eine gute Ehefrau.«

Das klang alles furchtbar weihevoll. Irgendwie so hatte Jule ihm das tatsächlich erzählt, aber mit diesen Worten fühlte es sich falsch an. Wie hätte es richtig geklungen? Ja, Marie war immer für sie da gewesen. Ja, liebevoll. Und streng, wenn es nötig war. Wobei sie selten fand, dass es nötig sei. Aber das Besondere an ihr war doch etwas anderes. Wie hätte sie selbst ihre Mutter beschrieben? Sogar ihr als Tochter fiel es schwer, das Besondere an ihr in Worte zu fassen. Sie hatte so viele unterschiedliche Facetten. Würde sie sagen, sie sei eine Künstlerin, eine begnadete, erfolgreiche Malerin, hätte sie unterschlagen, was für eine wundervolle Familienmutter sie gewesen war. Würde man sie als liebevoll und sozial bezeichnen, vergäße man, dass sie oft auch die Einsamkeit suchte. Sie lebte im Hier und Jetzt, und doch war sie manchmal auch abwesend, mit dem Kopf in den Wolken. Jule hatte sie unendlich geliebt. Manchmal war es leicht mit ihr und manchmal auch schwer. Marie war ein besonderer Mensch, den man nicht in Worte pressen konnte, dachte Jule, eher in einzelne Momente. Sie erinnerte sich daran, wie ihre Mutter ihr Tautropfen an den Grashalmen im Morgengrauen gezeigt und ihr dazu erklärt hatte, wie die Regenbogenfarben darauf entstanden. Oder wie sie lachen konnte über Menschen, die sie in ihrem Alltag beobachtete. »Sieh mal, Julchen, der Mann da vorne am Regal, der riecht tatsächlich an den Tomatendosen!« Als sie aus dem Supermarkt kamen, liefen ihr die zuvor zurückgehaltenen Lachtränen über die Wangen. Oder wenn sie vorlas und stockte, an einem Satz hängen blieb, einem Ausdruck, einem Wort, das ihr gefiel, es wiederholte und ihm mit jeder neuen Betonung einen anderen Sinn gab. Diese Momente waren Marie.

Ihr Bruder Thomas hatte darunter gelitten, dass ihre Mutter manchmal abwesend war, erst beim zweiten Mal Rufen zuhörte. Jule hatte es meist weniger gestört, denn wenn sie sich einem dann widmete, war sie ganz da, so präsent, wie es andere Mütter nie waren. Da machte es nichts aus, wenn sie auch mal träumte, in Gedanken war. Das war Mama. Das war Marie. Schon früh hatten Thomas und sie ihre Mutter bei ihrem Vornamen genannt, nur in seltenen Momenten Mama.

Wie hätte man all diese Facetten von Marie dem Pfarrer erklären können? Gar nicht. Sollte er säuseln. Sie und Thomas hatten sie gekannt. Wer von den Anwesenden es gewollt hatte, der auch. Für die anderen, die sie nie verstanden hatten, war es jetzt egal.

Was Jule über die Wange floss, war keine Schneeflocke.

Ihr Blick ging zu ihrem Bruder, der gebeugt dastand, mit seiner Susanne im Arm und den zwei Kindern rechts und links. Regelmäßige Schluchzer überzogen seinen Körper. Er hatte ihre Mutter anders geliebt als sie. Schon immer. Thomas war wie Papa, sie wie Mama. Er war Ingenieur geworden, und Papa, der Kieferchirurg, war enorm stolz auf ihn gewesen. Vor drei Jahren war ihr Vater gestorben. Damals dachte sie am Grab, sie würde mit sterben müssen. Papa war immer für sie da gewesen, er war der ruhende Pol. Jule hatte sich immer umhüllt gefühlt in eine warme Wolke von Familie. Es gab immer Zuspruch, Schutz und Sicherheit bei Mama und Papa. Jetzt war diese Wolke geplatzt.

Nur Thomas war noch da. Auch wenn er manchmal von der kleinen, chaotischen Schwester genervt war, würde er ihr bestimmt immer eine Stütze sein, wenn sie ihn brauchte. Aber, im Gegensatz zu Jule, hatte er eben seine eigene Familie, die ihn nun umhüllte.

»Asche zu Asche, Staub zu Staub«, hörte sie den Pfarrer sagen. Jetzt hatte sie wohl die zweite Hälfte seiner Rede verpasst. Machte nichts.

Als ihr Vater gestorben war, dachten alle, Marie würde es alleine nicht schaffen. Aber so war es nicht. Sie war zwar in Thomas’ Nähe gezogen, um ab und an für die Kinder einzuspringen, aber sie regelte ihr Leben in der nun kleineren Wohnung souverän und routiniert. Während Thomas anfangs sogar Angst hatte, sie würde sich zu stark an seine Familie klammern, verweigerte sie später die Vereinnahmungen durch Susanne und die Kinder. Sie lebte ihr eigenes Leben. Welches eigentlich?

Jule wusste es nicht, sie war einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen in letzter Zeit. So viel Arbeit in der Psychotherapiepraxis, so viele schwere Fälle, und ihrer Mutter war es doch gut gegangen.

Jemand nahm sie beim Arm, und sie blickte erstaunt auf. Es war ihr Cousin, der sie leicht nach vorne schob. Kurz war sie irritiert. Was wollte er von ihr? Ach so, dieses seltsame Ritual, sie sollte eine Schaufel Erde auf das Grab ihrer Mutter schütten. Sie als Erste, natürlich.

Papa lag in der Gruft. Das hatte er sich immer gewünscht, und Marie hatte lange nach einem Friedhof gesucht, auf dem dies noch möglich war, und endlich eine Grabstätte gefunden, genauso, wie er es sich immer gewünscht hatte. Früher hatte Marie immer gesagt, ihr sei es völlig egal, wie man sie beerdige. Aber vor einem Jahr, als sie von ihrer Krebserkrankung erfahren, aber es niemandem erzählt hatte, hatte sie Jule beiseitegenommen. »Julchen, ich möchte unter einem Baum begraben werden. Ich mag das Gefühl nicht, in Stein zu liegen. Bitte, in der Erde, unter einem Baum.« Jule hatte noch gefragt: »Nicht bei Papa?« Irgendwie fand sie die Vorstellung, dass ihre Eltern nicht beieinander lagen, sehr befremdlich. Marie hatte lächelnd geantwortet: »Unsere Seelen sind doch beieinander.« Das konnte Jule verstehen, so war sie gewesen. Jeder durfte seine eigenen Wege gehen, seine eigenen Träume erfüllen, denn die Seelen waren ja beieinander.

So, wie Marie Papas Wunsch erfüllt hatte, hatte Jule es nun für sie getan. Sie hatte einen wunderschönen Friedhof mit alten Bäumen gefunden und unter einer riesigen, alten Trauerweide einen Platz ausgesucht, der ihrer Mutter gefallen hätte.

Nur Thomas war stinksauer gewesen. Er wollte sie in die Gruft legen, neben Papa. In die Familiengruft, wo noch Platz für sie beide und Thomas’ Frau und Kinder war. Mehr Platz war nicht. Thomas rechnete vielleicht schon gar nicht mehr damit, dass Jule auch mal jemanden finden oder gar eine Familie gründen könnte. Aber diesmal hatte Jule sich durchgesetzt, Maries Wunsch war so eindringlich gewesen.

Plötzlich nahm sie wahr, dass alle auf sie blickten. Wie sie dieses Erde-Draufschaufeln hasste. Sie nahm nur ein wenig Erde mit der Schaufel auf und ließ sie auf den Eichensarg rieseln. »Tschüss, geliebte Mama«, sagte sie leise, stellte die Schaufel wieder hin und drehte sich um.

Bei den wenigen Schritten zurück, blickte sie über die Trauernden, die wie eine große, schwarze, wogende Welle wirkten. Wahrscheinlich wegen der Träne, die in ihrem Auge hing. Hinter der großen schwarzen Welle, mit etwas Abstand, war ein kleiner, halber, schwarzer Punkt.

Jule blinzelte. Da stand ein Mann, ein ganzes Stück hinter der restlichen Trauergemeinde, halb versteckt hinter einem Baum. Obwohl er weit entfernt war und einen Hut ins Gesicht gezogen hatte, konnte sie an dem sich schüttelnden Körper sehen, dass er weinte. Heftig weinte. Jule versuchte, ihn genauer anzusehen, konnte aber durch den Schnee und die Entfernung kaum etwas erkennen. Sein weiter, langer Regenponcho ließ keine Rückschlüsse auf seine Figur zu. Kurz bewegte sich sein Hut, so als würde er hoch und ihr direkt ins Gesicht sehen, bevor er den Kopf wieder senkte.

Jule spürte, dass ihr Cousin ihren Arm ergriff und sie zurück in die schwarze Welle zog. Wie durch einen Nebel zog alles an ihr vorbei. All dieses Schwarz. Marie hätte das nicht gemocht. Sie trug nie Schwarz, eher Himmelblau, leuchtend Gelb, Knallorange oder Rosa. Als Malerin liebte sie Farben. Ihren Kleiderschrank nannte sie »die Farben des Himmels«. Vielleicht gerade als Gegenbewegung verweigerte Jule schon als Schulkind die rot-gelb gestreiften Pullis, die ihre Mutter ihr zur blauen Latzhose hinlegte. Später trug sie existentialistisches Pur-Schwarz, und ihre Mutter quittierte den Kleiderwandel mit einem wohlwollenden Lächeln. Sie ließ ihre Kinder immer ihren eigenen Weg gehen. Aber je älter Jule wurde, desto öfter fand ein buntes Kleidungsstück den Weg in ihre schwarze Garderobe.

Sie spürte plötzlich, dass sie vor Kälte zitterte.

»Komm. Wir wollen jetzt ins Gasthaus. Du fährst bei uns mit.« Thomas hatte sie auch von Zuhause abgeholt. Jule nickte ihr Einverständnis, und sie liefen vom Friedhof fort.

Ihre Blicke suchten die Wege ab. Der Mann war verschwunden.

Seestern.tif

2. Kapitel

»Hier kommt Mister Es-geht-gar-nichts-mehr.« Mit diesen Worten hatte Jules frühmorgendlicher Patient am ersten Arbeitstag nach dem Tod ihrer Mutter sich mit einem Seufzer auf den Sessel vor Jule fallen lassen.

Du sprichst mir aus dem Herzen, hatte Jule sich gedacht. Genau so fühle ich mich auch gerade. Warum muss ich schon wieder arbeiten? Pflichtbewusstsein? Oder der krampfhafte Versuch, sich abzulenken?

Sie lächelte ihn an. »Heißt das, es geht Ihnen nicht gut?«

»Das heißt, dass ich das mache, was Sie mir in der letzten Sitzung nahegelegt haben. Ich akzeptiere die Situation und meine Gefühle dazu.«

»Hm«, Jule sah ihn fragend an, »und das tun Sie, um meinem Ratschlag zu folgen oder weil Sie es auch so fühlen?«

»Ja, Frau Psychologin, weil ich es mir jetzt wirklich zugestanden habe.« Er grinste sie frech, aber freundlich an. Und sie lächelte zurück.

Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab, zu ihrer Mutter, zu der Beerdigung, zu diesem Mann mit Hut. Sie hatte ihre Arbeit immer geliebt, aber jetzt im Moment, nach dem Tod ihrer Mutter, fühlte sie sich genauso, wie dieser Patient, der soeben gegangen war. Leer, ausgebrannt. Verdammt alleine. Müde und traurig. Genau in der Stimmung, alles am liebsten hinzuschmeißen.

Trotzdem vervollständigte sie jetzt ihre Notizen zum Patientengespräch, dann klappte sie den Ordner zu und lehnte sich zurück. Vom Flur hörte sie die leisen Stimmen ihrer Kollegen. Sie arbeitete in einer Praxis mit fünf anderen Psychologen und Psychotherapeuten. Mit manchen tauschte sie sich sehr gerne aus. Mit ihnen konnte man die Fälle der Patienten besprechen, sich selbst und die eigenen Therapien in Frage stellen, neue Ansätze finden, gemeinsam überlegen. Mit anderen, wie Meike und Annegret, tat Jule sich schwer. Vielleicht war sie auch einfach nicht gut in ›Smalltalk«. Ihre Stärke war es, zuzuhören wie Momo. Jules Lieblingsgestalt in der Kindheit war Michael Endes Momo, das Mädchen, das zuhören und fragen konnte und dadurch die Menschen glücklich machte. Erst in ihrem Studium war ihr klar geworden, dass Momo das Idealbild einer guten Psychologin war.

Heute aber war es ihr wirklich schwergefallen, sich auf ihren Patienten zu konzentrieren. Mehrmals hatte sie sich dabei ertappt, dass sie mehr auf sein blaues Jeanshemd als auf seine Ausführungen achtete. Blau. Wie die Lieblingsbilder ihrer Mutter. Blau, wie der Himmel heute auch war, als ob er nicht registriert hätte, dass Jule keine Mutter mehr hatte. Ein tiefes, schönes Blau. Marie nannte manche Farben in der Steigerungsform: Gelb und das gelbere Gelb, Rot und das rötere Rot. Ihre schönsten Bilder waren blau und blauer, alle Blautöne dieser Welt aufnehmend und verbindend.

Jule war geradezu im blauen Jeanshemd ihres Patienten versunken, als er aus der Tür hinausging.

Seufzend legte sie den Ordner auf ihren Schreibtisch. Vielleicht hätte sie sich ein paar Tage frei nehmen sollen nach dem Tod ihrer Mutter. Plötzlich klopfte es, und Thomas steckte seine Nase ins Zimmer.

»Schwesterchen, der Typ ist fort – kommst du?«

Die Verabredung mit ihrem Bruder hatte Jule fast vergessen.

»Ja, sofort.«

***

»Also, ich mache das nicht.« Thomas verschränkte demonstrativ seine Arme.

Jule lehnte sich zurück und nahm einen Schluck von ihrem Cappuccino.

»Aber wir müssen ihre Wohnung doch ausräumen. Wir können das doch nicht einfach so lassen.«

»Wir gehen ein, zwei Stunden durch die Wohnung und sehen nach Wertsachen. Aber ich sortiere nicht Maries Kleidung aus. Ich krame nicht in ihren Sachen rum, ich will den ganzen Müll nicht sortieren. Ich mag es nicht und habe auch keine Zeit dazu. Wir holen uns so eine Organisation, ich habe schon nachgesehen, die räumen dir alles aus, gegen einen Pauschalpreis.«

Jule schloss kurz die Augen. Es war ihr nicht wohl dabei, die Sachen ihrer Mutter fremden Menschen zu überlassen. Aber sie hatte ja auch keine Zeit dazu. Konnte sie wirklich die gesamten materiellen Überreste des Lebens ihrer Mutter einfach so von fremden Menschen eliminieren lassen? Wollte sie nicht wenigstens alles Persönliche aufheben? Aber sie hatte doch gar keinen Platz in ihrer kleinen Wohnung.

Eigentlich wollte sie selbst auch nicht in Maries Sachen kramen. Sie wusste ebenso wie Thomas, dass ihre Mutter das nicht gern gehabt hätte. Jeder in der Familie hatte eine Privatsphäre, die alle anderen respektierten. Marie hätte auch niemals in ihrem Schrank gestöbert, oder ihr Tagebuch gelesen, wie sie es von der Mutter ihrer Freundin wusste. Nein, undenkbar. Es war selbstverständlich, dass jeder anklopfte, bevor er das Zimmer des anderen betrat. Jeder in der Familie Jansen akzeptierte den anderen mit all seinen Problemen, den inneren Zwisten, beispielsweise als die Kinder mitten in der Pubertät waren, den Eigensinnigkeiten und den Liebenswürdigkeiten. Wenn man etwas erzählen wollte, hatten alle ein offenes Ohr. Wenn nicht, bekam man eben einen stützenden Arm, nie aber bohrendes Nachfragen.

»Also?« Thomas sah sie herausfordernd an und blickte dann auf seine Uhr. Ein überdeutliches Signal, dass er nach der Mittagspause zurück zur Arbeit musste.

»Okay. Aber morgen gehen wir zusammen zwei Stunden durch die Wohnung und sehen durch, was wir noch mitnehmen wollen.«

Jule stand gebeugt über einem Umzugs-Karton.

»Na, was hast du jetzt alles drin, in deiner Erinnerungskiste?«, fragte Thomas lächelnd, der selbst ausschließlich die Wertsachen ihrer Mutter aussortiert hatte: Geld, Sparbücher, Akten, Schmuck und alles auf den großen Esstisch gelegt hatte.

Jule hingegen hatte vor allem persönliche Gegenstände herausgepickt, die ihr einfach unmöglich herzugeben schienen. Den goldenen Weihnachtsengel, den Marie jedes Jahr ab dem ersten Advent auf dem Tisch stehen hatte, ein paar Bücher, von denen sie wusste, dass sie an ihnen gehangen hatte, weil sie mit Widmungen versehen waren, der kleine silberne Taschenaschenbecher, den Jule lange Zeit für eine wunderschöne Dose gehalten hatte, und von der sie nicht einmal mehr wusste, woher sie kam, denn Marie hatte nie geraucht. Das Döschen mit dem Deckel hatte die Form einer Rose, und Jule musste als Kind immer über die geschwungenen Blütenblätter mit dem Finger streichen, wenn sie am Regal vorbeigegangen war, wo es stand. Sie liebte diesen Ascher.

Es war ein seltsames Sammelsurium von persönlichen Gegenständen, die Jule in ihre Kiste gepackt hatte. Das weiße Sommerkleid. Jule hob es noch einmal aus dem Karton, fuhr über den weichen Stoff und legte es sorgsam zusammen. Ihre Mutter hatte das Kleid in dem Sommer getragen, in dem sie so glücklich war. Der Sommer, in dem sie nur mit Jule und ihrem Bruder in die italienischen Cinque Terre gefahren war.

Jule konnte sie vor ihrem inneren Auge damit durch die Weinberge rund um die Villa laufen sehen, die sie gemietet hatten.

Marie hatte damals das Kleid aus dem Koffer geholt und es dann auf einem Bügel an den Schrank gehängt. Danach hatte sie ihre anderen bunten Kleider, weite Hosen, Leinenblusen und ihre vielfarbigen Seidenschals, die sie sich so gerne um Hals oder Schultern warf, ausgepackt und in den Schrank gelegt.

»Mama, das ist das richtige Kleid für hier!«, hatte die kleine Jule bemerkt, als der weite weiße Rock im Wind des offenen Fensters geflattert hatte.

Kurz hatte Marie sie fragend angesehen, dann ihren Hosenanzug abgestreift und das Kleid übergezogen. Vor dem Spiegel drehte sie sich tänzerisch hin und her, dann nahm sie Jules Gesicht zwischen die Hände und küsste sie. »Julchen, du bist so klug! Du hast genau recht.«

Jule wusste noch, wie stolz sie auf dieses Lob gewesen war. Eigentlich konnte sie sich nur noch daran erinnern, dass Marie in diesem Urlaub jenes Kleid getragen hatte. Das weiße Kleid, das immer wie ein Leuchtstrahl schimmerte, wenn sie in den Gassen zwischen den berühmten bunten Häusern der Cinque Terre lief. Nein, irgendwie tanzte sie durch die Straßen des Fischerdörfchens Manarola. Vielleicht hatte Marie das Kleid jeden Abend mit der Hand gewaschen, um es am nächsten Tag wieder anzuziehen. So etwas war typisch für sie. Wenn ihr etwas gerade gefiel, dann genoss sie es eben.

Während Thomas und sie mit den italienischen Kindern der Nachbarschaft spielten, hatte Marie lange Spaziergänge in den Weinbergen unternommen. In Jules Erinnerung war sie immer in diesem ärmellosen, um ihre zierliche Figur flatternden weißen Kleid unterwegs. Nicht gerade ein Wanderkleid. Aber sie war nie besonders praktisch orientiert gewesen. Ihre Kinder hatte sie immer umhegt, geliebt, umsorgt. Aber nie so wie andere Mütter. Manchmal stand kein Mittagessen auf dem Tisch, wenn Thomas und sie von der Schule nach Hause kamen. Dann kochten sie eben das Essen selbst.

Dann wiederum gab es zu Mittag ein Drei-Gänge-Menü mit Artischocken als Vorspeise, die Marie so liebte. Sie saßen um den schön gedeckten Tisch, zupften die Artischocken-Blätter ab, tunkten sie in den großartigen Knoblauch-Dip und zutschelten sie aus. Das liebten sie alle drei.

Eigentlich hatte Marie gesagt, dass sie die Reise unternehmen wollte, um an einer italienischen Serie zu malen. Aber Jule konnte sich nicht erinnern, dass sie außer einigen Skizzen wirklich viel gemalt hatte in diesen Wochen. An was sie sich hingegen gut erinnern konnte, war, dass Thomas mit dem italienischen Nachbarmädchen angebandelt hatte. Und während der Weinbergbesitzer argwöhnisch darüber wachte, dass die Zwei nie allein waren, hatte Marie sehr bewusst manchmal weggesehen, wenn Thomas und seine bildhübsche Francesca aufs Zimmer verschwanden. Sie war nicht wie andere Mütter, die sich gleich Sorgen um die Zukunft gemacht hätten. Sie gönnte Thomas seine erste große Liebe von ganzem Herzen. Fast wehmütig hatte sie die beiden manchmal angesehen.

Jule nahm die wenigen Stücke vom Meißner Porzellan ihrer Großmutter, die noch heil geblieben waren, umwickelte sie mit Zeitungspapier und packte sie auch in die Kiste. Dann blickte sie auf. Thomas hatte gerade das letzte Gemälde ihrer Mutter sorgfältig mit Luftpapier verpackt. Allzu viele Bilder waren es nicht. Marie hatte immer verkauft. Nie teuer, sie gehörte nicht zu den ganz großen Malern, aber immerhin, der französische Kunsthändler nahm ihr fast alle Bilder ab, für seine Galerie in Paris, zu einem Preis, der sie zumindest leben ließ. Ihr schien das zu genügen.

»Thomas, wo sind eigentlich die blauen Bilder?«

Thomas sah sie verwundert an. »Stimmt. Die fehlen noch. Die müssen hier sein.«

Sie durchsuchten alle Räume, sie durchsuchten den Keller und sahen sich dann fragend an. Die blaue Reihe musste doch da sein. Es waren genau ein Dutzend in Blautönen gehaltene Werke, die die Lieblingsbilder ihrer Mutter gewesen waren. Sie hatte sie nicht einmal hergegeben, als der Kunsthändler ihr für eines eine Summe geboten hatte, die etwa ihrem Jahresverdienst entsprach. Alle zwölf aus der Serie hatte sie behalten und abwechselnd aufgehängt.

Und nun war kein Blaues mehr da.

»Das verstehe ich nicht. Marie hat sich doch von diesen Bildern nie trennen können. Dabei hat es Zeiten gegeben, da wäre ein verkauftes Bild nicht schlecht gewesen.«

»Du meinst, als Papas Praxis nicht so gut lief?«, fragte Thomas nach.

»Ja. Aber es kam nie für sie in Frage, die Bilder zu verkaufen!«, bekräftigte Jule. »Sie hing daran. Sie bedeuteten ihr mehr als alle ihre anderen Werke.«

»Jedenfalls haben wir jetzt über eine Stunde nach den Bildern gesucht. Sie sind zu groß, als dass sie noch unbemerkt in der Wohnung sein könnten«, stellte Thomas fest.

»Stimmt. Ich verstehe es nur einfach nicht. Sie hätte sich nie von diesen Bildern getrennt.«

Thomas zuckte mit den Schultern.

»Komm«, forderte er Jule auf, die wieder nachdenklich das weiße Kleid in der Hand hielt. »Also, das Bargeld teilen wir uns gleich. Die Konten werde ich auflösen und dir die Hälfte überweisen, nachdem wir das Ausräum-Unternehmen hier gezahlt haben. Das nimmst du.« Damit schob er ihr das Schmuckkästchen mit dem Schmuck zu.

»Aber dann möchte ich dir den Wert bezahlen«, erklärte Jule, die dennoch froh war, den Schmuck zu bekommen, es wäre schwer für sie gewesen, die Ketten ihrer Mutter an Susanne zu sehen.

»Ach was, das ist doch alles nicht viel wert. Das ist okay so.«

Jule nahm das Schmuckkästchen und stapelte es sorgfältig in der Kiste neben dem weißen Kleid.

»Jetzt haben wir es, oder?«, fragte Thomas. »Ich muss jetzt auch los.«

»Ja, ich glaube, wir haben alles. Geh ruhig schon. Ich laufe noch ein letztes Mal durch und verabschiede mich.«

Thomas verzog nicht einmal den Mund, obwohl er sonst so gerne die sentimentalen Anwandlungen seiner kleinen Schwester kommentierte.

Die Tür war kaum hinter Thomas ins Schloss gefallen, als Jule anfing zu weinen. Sie hatte die Tränen vorher noch zurückgehalten, aber sobald sie alleine war, flossen sie ungehindert. Langsam ging sie durch die Räume und fuhr dabei mit ihrer Hand über Möbel, Bilder und Gegenstände. Alles hier hatte ihre Mutter noch vor Kurzem berührt. Und jetzt war sie nicht mehr da. Mit einem Mal fühlte sie sich wie ein kleines, verlassenes Kind. Wohin sollte sie jetzt gehen, wenn sie Liebeskummer hatte, wenn sie alleine war, wenn sie eine Tasse Tee und ein wenig Zuspruch brauchte? Wer nahm jetzt den Platz neben ihr im Theater ein, wenn ein Freund gerade kurzfristig wieder mal kein Freund mehr war?

***

Auch nach drei Gin-Tonic fühlte Jule sich noch genauso verlassen. Spontan war sie, nachdem sie eine Stunde später die Tür zur Wohnung ihrer Mutter sorgfältig abgeschlossen hatte, in ihre Lieblingsbar gegangen. Sie musste jetzt einfach unter Leuten sein, die Vorstellung, in ihre leere Wohnung zurückzukehren, hatte sie nicht wie sonst mit Vorfreude erfüllt, sondern sie zusammenzucken lassen. Sven, der Barkeeper, hatte bei der letzten Bestellung schon kritisch die Augenbraue hochgezogen.

»Sie hier?«, hörte Jule plötzlich eine Stimme hinter sich.

Irritiert sah sie den Mann an, der sich nun neben sie an die Bar gestellt hatte. Er kam ihr vage bekannt vor.

»Sie erinnern sich nicht mehr an mich?«

Jule kniff die Augen zu. Irgendwie schon, irgendwie nicht, nicht genau. Jedenfalls nicht jetzt. Das Einzige, was sie bemerkte, war, dass er ausgesprochen attraktiv aussah. Dunkle Haare, dunkle Augen, die sie sehr aufmerksam anblitzten.

»Ich war mal bei Ihnen in der Praxis.«

Ein Patient. Dann gleich wegsehen. Private Kontakte zu Patienten gingen gar nicht, das war immer höchst problematisch. Ihr Patient war er sicher nicht gewesen, daran hätte sie sich erinnern können, wahrscheinlich einer von den anderen Psychologen aus der Praxis.

»Wir haben zusammen gearbeitet.«

Doch einer ihrer Patienten? Sie musste deutlich zu viel getrunken haben.

»Sie haben mir die Räumlichkeiten und ihre Funktionen erklärt.«

Jule legte den Kopf schräg. Das war ihr jetzt alles irgendwie zu kompliziert. Aber er roch gut!

»Sie haben keine Ahnung, stimmt’s?«

Jule konnte nur mit den Schultern zucken.

»Ich war der Architekt, der die Praxis umgebaut hat.«

Ja, jetzt kam eine Erinnerung. Der hatte ihr doch schon damals gefallen! Er hatte so ein nettes Lächeln. Genau so wie jetzt eben. Verschmitzt jungenhaft. Er hatte tatsächlich verstanden, auf was es bei Räumen ankam, in denen Psychologen mit ihren Patienten arbeiteten, und dies hervorragend in seinem Umbau umgesetzt.

»Ja! Doch! – Herr … Sie hatten so einen schönen, seltsamen Nachnamen. Italienisch oder so?«

»Ja. Leto. Ich heiße Benjamin Leto. In Italien gibt es tatsächlich viele Familien Leto.«

Ach ja, fiel Jule ein, Marlena hatte gerade noch über ihn geredet. Dass die Rechnung des Architekturbüros utopisch gewesen sei. Und dass ihr Mann, der Jurist war, Mittel und Wege finden würde, diese Rechnung nicht zu bezahlen. Jules Einwand, dass Marlena aber doch viele Zusatzwünsche gehabt hatte, hatte sie mit einem Handstreich fortgewischt.

Benjamin Letos dunkle Augen blitzten sie wieder an, und wie zufällig streifte seine Hand beim Gestikulieren ihren Oberarm. »Ihren Namen weiß ich noch: Frau Jansen. Nur den Vornamen haben Sie mir nie genannt.«

»Jule. Jule Jansen.«

»Ich würde Sie ja gerne auf etwas einladen, aber wie ich sehe, haben Sie bereits bestellt.« Sven räumte gerade ein Gin-Tonic- Glas fort und stellte das nächste hin.

Sie antwortete ihm nicht, sondern nahm einen großen Schluck Gin Tonic.

»Manchmal geht es also auch Psychologen nicht so gut, oder?« Wieder streifte seine Hand ihren Oberarm. Ein Prickeln durchfuhr sie.

»Yep.«

Weil sie nicht wusste, was sie tun sollte, kramte sie in ihrer Handtasche. Übersprunghandlung., kommentierte sie innerlich.

Dann zog sie den Autoschlüssel aus der Tasche und winkte dem Barkeeper: »Zahlen, bitte.«

»Sie fahren aber nicht mehr Auto jetzt, oder?«

»Doch. Ich brauche das Auto morgen früh.«

Jule sah genau, wie Sven und der Architekt Blicke wechselten. Vom Tresen nahm sie sich den roten Fransenschal, den sie sich heute zum schwarzen Kleid gegönnt hatte, und schlang ihn sich mit einer Geste um den Hals, die schwungvoll hätte sein sollen, ihr aber das Ende des Schals ins Gesicht schlagen ließ. Sie reichte Sven einen Schein hin. »Stimmt so.«

Verwundert stellte sie fest, dass er ihr dennoch zwei Scheine zurückgab. Er war ein guter Barkeeper. Sie hatte ihm wohl viel zu viel gegeben.

»Ich fahre Sie nach Hause.« Der Mann mit dem schönen Namen blickte ihr fest in die Augen.

Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Ein Befehl fast. Das durfte er nicht, fand sie, und schüttelte vehement den Kopf, was ihn nicht daran hinderte, ihr den Autoschlüssel sanft aus der Hand zu nehmen.

»Wo steht Ihr Auto? Ich fahre Sie damit nach Hause und Sie haben dann morgen früh Ihren Wagen vor der Tür.«

Jule beobachtete, wie der Barkeeper dem Mann zunickte. Das war eine Verschwörung. Und ging außerdem gar nicht. Sich nie von einem Fremden nach Hause fahren lassen. Niemals. Tabu. War er ein Fremder? Naja, eigentlich kannte sie ihn ja. Ob das als »Kennen« galt?

Sie hatte keine Ahnung, aber sie wusste selbst, dass sie nicht mehr fahren konnte. »Rechts auf der Seitenstraße. Grüner Fiat Panda.«

Als sie sich vom Barhocker erhob, schwankte die Welt etwas um sie herum. Ein schönes Gefühl, dachte sie, dann ließ sie sich mehr oder minder in den ihr angebotenen Arm von Benjamin Leto fallen und zum Auto bringen.

Sie war schon lange nicht mehr mit einem Mann Arm in Arm gegangen. Über ein Jahr nicht. Eigentlich wusste sie genau, wie lange: Vierzehn Monate war es her. Vierzehn Monate, seit Hannes ausgezogen war. In gegenseitigem Einverständnis, irgendwie, und doch auch nicht. Eher ging die Trennung von ihr aus. Zwei Psychologen in einer Wohnung, dieses permanente gegenseitige Analysieren, dieses ewig psychologisch korrekte ›Ich fühle aber …‹-Sprechen, statt einmal richtig Schreien und Streiten. Unerträglich. Für beide. Nein, eher für Jule. Sie mochte dieses vorsichtige Herantasten nicht. Sie war lieber direkt und ehrlich, sagte ihren Patienten auch, wenn sie selbst verwirrt war oder keine Lösung wusste. Hannes war immer so furchtbar korrekt, so wenig authentisch und geradeheraus. Sie hatte das einfach nicht mehr ausgehalten.

Obwohl es seitdem furchtbar leer in ihrer Wohnung war. Gerade jetzt hätte sie ihn gerne zu Hause gehabt. Jemand, der auf sie wartete, der sie trösten würde, ihr einen Tee machen, seinen Arm um sie legen. Man konnte gegen Hannes sagen, was man wollte, dass er langweilig war, manchmal überkorrekt, manchmal einfach nervig, aber zuverlässig war er immer gewesen, immer da, immer zu Hause, wenn sie kam. Ausgehen war nicht sein Ding. Eigentlich war er doch ein Fels-in-der-Brandung wie ihr Vater. Vielleicht war es falsch gewesen, sich von ihm zu trennen. Nur um jetzt alleine zu sein.

Der Mann neben ihr roch gut. Verdammt gut. Nach After-Shave und nach Mann. Sehr echt.

Vernünftig bleiben. Die Vernunft war im Gin verschwunden. Möglichst unauffällig schnupperte sie an ihm.

Er setzte sie in ihr Auto, und sie gab ihm ihre Adresse. Noch so etwas. Einem Fremdem die Adresse geben.

»Liebeskummer?«, fragte er bei einer roten Ampel.

Sie notierte zwar innerlich noch, dass dies eine viel zu private Frage für einen Fremden war. Aber es war wohl sowieso bereits alles egal.

»Nein, meine Mutter ist gestorben.«

»Oh, das tut mir leid.«

»Mir auch.« Und dann fing Jule an zu weinen wie ein Schlosshund. Laut und schluchzend.

Sie widersprach nicht, als er sie in ihrem Schwabinger Altbau-Mietshaus die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung führte. Konnte sie auch gar nicht vor lauter Schluchzen. Sie widersprach auch nicht, als er ihr den Schlüssel aus der Hand nahm und die Tür aufsperrte und ihr öffnete. Sie stand weiterhin an die Flurwand gelehnt und heulte.

»Soll ich Ihnen vielleicht einen Tee machen?«, bot er zögernd an.

Sie nickte und tappte vor ihm in die Küche, wo sie auf das Bord deutete, auf dem Tee und Tassen standen, bevor sie sich auf einen der Stühle fallen ließ. Er griff nach ihrer Lieblingstasse, der mit dem Smiley darauf, als ob er es wüsste, und stellte sie ihr hin. Naja, war auch die vorderste, die auf dem Regal stand. Trotzdem ein Zeichen.

Nachdem das Wasser blubbernd gekocht hatte, füllte er zwei Tassen mit Teebeuteln und goss sie randvoll. Er trug Jeans und ein schwarzes Hemd, das locker über der Hose hing und an den Ärmeln einmal umgeschlagen war. Nicht, dass er Mister Superman gewesen wäre, aber er verbreitete eine angenehme Lässigkeit um sich. Anders als Hannes, der immer eine Strenge ausgestrahlt hatte, die sie dazu veranlasste, sich ständig zusammenzunehmen. Was jetzt, oder besser noch vor der Bar, vielleicht das Richtige gewesen wäre. Benjamin Leto ließ sie eher auseinanderfallen, ließ sie sich gehen. Jule fand »Fallenlassen« eine schöne Vorstellung, hatte es schon lange nicht mehr gemacht, naja, bis auf den Heulkrampf gerade.

Als er eine angebrochene Tüte mit Keksen sah, nahm er einen heraus und streckte ihn ihr hin: »Und es wird etwas dazu gegessen.«

Wie ein kleines Kind ließ Jule sich den Tee hinschieben und knabberte an dem Keks. Das tat gut.

Er setzte sich ihr gegenüber und nippte auch an seinem Tee.

»Darf ich fragen: Woran ist Ihre Mutter gestorben?«

»Krebs. Es ging ganz schnell. Sie hat die Diagnose wohl vor einem Jahr bekommen. Aber uns, also mir und meinem Bruder, hat sie es erst vor ein paar Wochen gesagt.« Warum hatte sie ihnen das eigentlich nicht früher mitgeteilt, fragte Jule sich plötzlich. Teilte man so einen Schlag nicht gleich mit der Familie?

»Man ist nie alt genug, als dass einem der Tod der Eltern nicht den Boden unter den Füßen wegzieht«, sagte Benjamin Leto mitfühlend.

»Was ist mit Ihrem Vater?«

»Der ist drei Jahre zuvor gestorben. Schlaganfall.«

»Und jetzt fühlen Sie sich mit einem Mal sehr alleine.«

Sie grinste ihn an. »Sie könnten Psychologe werden.«

Er lachte. »Lieber nicht. Sich so viele krumme Geschichten anzuhören, da würde ich durchdrehen. Aber Ihnen macht Ihr Beruf Spaß, oder?«

Jule nickte. »Ja. Ich mache das wirklich gerne. Mich interessieren krumme Geschichten, und ich freue mich, wenn ich Menschen helfen kann, sich mit ihren krummen Wegen zu arrangieren.«

»Ja. Das merkt man Ihnen an.«

»Und Sie?«

»Ich mag meinen Beruf auch sehr gerne. Ich finde, in der Architektur verbindet sich Menschliches und Ästhetik, ich möchte Räume schaffen, in denen die Menschen so leben können, wie das für sie gut ist.«

Das klang schön, ihr gefiel seine Begeisterung.

Er erzählte von seinem Studium und welche Fragen ihn beschäftigt hatten, und mit einem Mal erinnerte sich Jule wieder an den Professor, der ihr klar gemacht hatte, dass sie Verhaltenstherapeutin werden wollte.

»Was genau ist Verhaltenstherapie?«, fragte Leto interessiert.

»Die klassische Psychoanalyse geht in die Vergangenheit des Patienten. In der Verhaltenstherapie geht man davon aus, dass jedes Verhalten erlernt wurde und somit auch wieder verlernt werden kann.« Jule trank einen Schluck Tee. »In meiner psychotherapeutischen Ausbildung nach dem Studium habe ich auch nach der klassischen Psychoanalyse therapiert. Aber ich finde den Ansatz der Verhaltenstherapie besser. Lösungsorientierter und einfach weniger darauf bedacht, zurückgewandt nach den Fehlern zu suchen.«

Leto nickte. »Stimmt. Das kann ich mir gut vorstellen.« Er dachte kurz nach. »Also kein Wühlen in den Fehlern der Vergangenheit. Nicht so wie nach Freud?«

Jule nickte. Anscheinend kannte er sich ein wenig aus.

Er fuhr fort: »Sie bringen Ihre Patienten eher dazu, sich zu überlegen, wie es besser gehen kann.«

»Ja, das wäre schön«, Jule sah ihm in die Augen, braune Augen, »so sollte es im Idealfall sein.«

»Und wie machen Sie das genau?«

»Zuerst bespreche ich mit den Patienten sehr klar die Therapieziele und die Behandlungsschritte. Der Patient soll sich persönlich als verantwortlich wahrnehmen. Ich versuche ihn genau in diese Eigenverantwortlichkeit zu führen.«

Jetzt bin ich in einem Fachgespräch über Verhaltenstherapie, dachte sie und schüttelte leicht den Kopf. Über die Probleme anderer konnte sie wunderbar reden, den meisten ihrer Patienten helfen. Aber sich selbst? Null.

Sie merkte, wie gerne sie sich mit Leto unterhielt. Lange habe ich keinen Mann mehr getroffen, der so interessiert war, schoss es ihr durch den Kopf.

»Für mich ist eigentlich das größte Problem, dass ich meine beruflichen Eindrücke nicht immer bei Arbeitsschluss ablegen kann. Man denkt darüber nach. Manchmal fällt mir beim Spaziergang noch eine Therapiemöglichkeit ein, oder ich grüble, was hinter einem Problem stecken könnte.«

»Und das …«, Leto streckte grinsend oberlehrerhaft den Zeigefinger in die Luft, »… führt zum Burn-out!«

Jule fing an zu lachen und konnte nicht mehr aufhören. Als ob sie mit diesem unbändigen Lachen alles abschütteln könnte. Dann erst erklärte sie dem etwas verunsicherten Leto: »Heute früh hatte ich so einen Patienten. Und wissen Sie, was ich gedacht habe? Dass ich mich genauso fühle wie er.«

Zögerlich fragte er: »Und warum finden Sie das jetzt so lustig?«

Ja, warum eigentlich?

»Weil es einserseits der größte Fehler ist, den man machen kann, sich mit einem Patienten zu identifizieren. Und weil es fast schon klischeehaft ist: der selbst eigentlich therapiebedürftige Therapeut.«

»Ihre Mutter ist gerade gestorben. Es braucht Zeit, um Trauer zu verarbeiten. Und wann wohl mehr als bei der eigenen Mutter?«

Er hatte so recht. Auch das kannte sie doch. Die berühmte Vier-Phasen-Theorie der Trauerbewältigung.