Über Christine von Brühl

Christine von Brühl, geboren 1962, studierte Slawistik, Geschichte und Philosophie in Lublin, Heidelberg und Wien. Nach Stationen bei DIE ZEIT, Sächsische Zeitung und Das Magazin lebt sie heute als freischaffende Autorin in Berlin. Bei atb lieferbar ist ihre Biographie »Die preußische Madonna. Auf den Spuren der Königin Luise«. Zuletzt erschien »Anmut im märkischen Sand. Die Frauen der Hohenzollern«.

Informationen zum Buch

Fontane und die Frauen – eine Spurensuche

Kaum ein Autor hat so eindrückliche Frauenfiguren geschaffen wie Theodor Fontane. Ob Grete Minde oder Effi Briest, ob Mathilde Möhring oder Jenny Treibel – sie erscheinen allesamt heute lebendiger denn je. Oft verarbeitete Fontane seine realen Erfahrungen mit starken Frauen, zu denen seine Ehefrau Emilie und seine geliebte Tochter Martha gehörten, für seine Figuren. Christine von Brühl zeigt in faszinierenden Porträts die Welt der Frauen, die Fontanes Leben und sein Werk bevölkern.

»Christine von Brühl schildert mit Liebe zum Detail.« dpa

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Christine von Brühl

Gerade dadurch sind sie mir lieb

Theodor Fontanes Frauen

Inhaltsübersicht

Über Christine von Brühl

Informationen zum Buch

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»Wenn es einen Menschen gibt, der für Frauen schwärmt, und sie beinahe doppelt liebt (…), dann bin ich es.« – Vorwort

»Man kann all diesen Dingen gegenüber sagen: ›warum nicht!‹ aber doch noch mit größrem Recht: ›wozu?‹« – Theodor Fontane und die Frauenbewegung

Trennung ohne Scheidung – Mutter Emilie Labry (1797–1869)

Zwei ungleiche Schwestern – Jenny (1823–1904) und Elisabeth Fontane (1838–1923)

Augen wie glühende Kohlen – Ehefrau Emilie Rouanet-Kummer (1824–1902)

Die Elevin – Diakonissin Emmy Danckwerts (1812–1865)

Die Familienseelsorgerin – Nachbarin Henriette von Merckel (1811–1889)

Die eng Vertraute – Stiftsdame Mathilde von Rohr (1810–1889)

Vaters Liebling – Tochter Martha Fontane (1860–1917)

»(…) dies ist wohl der Grund, warum meine Frauengestalten alle einen Knacks weghaben.« – Weibliche Figuren in Fontanes Werk

Die Brandstifterin – Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik (1880)

Die Ehebrecherin – L’Adultera (1882)

Die Salonière – Schach von Wuthenow. Erzählung aus der Zeit des Regiment Gensdarmes (1883)

Die Fürstengeliebte – Cécile (1887)

Die Liebhaberin – Effi Briest (1895)

»(…) um ihrer Menschlichkeiten, d. h. um ihrer Schwächen und Sünden willen.« – Schlussbetrachtung

Anmerkungen

I. Biographische Angaben zu Theodor Fontane

II. Bibliographie (Auswahl)

III. Dank

Bildnachweis

Impressum

Allen Apothekerinnen dieser Erde,
insbesondere Ulrike Uhlig
aus der Apotheke in Berlins Mitte,
in der Theodor Fontane im Jahr 1845
Zweiter Rezeptar war

»Wenn es einen Menschen gibt, der für Frauen schwärmt, und sie beinahe doppelt liebt (…), dann bin ich es.«

Vorwort

9783841216151-003.tif

Kaum ein Autor hat derart eindrückliche Frauenporträts geschaffen wie Theodor Fontane. Ob Corinna Schmidt oder Effi Briest, ob Melanie van der Straaten oder die Witwe Pittelkow – sie erscheinen allesamt heute lebendiger denn je. Nur wenige literarische Werke sind derart flächendeckend von weiblichen Figuren geprägt. Seien es Grete Minde oder Jenny Treibel, seien es Cécile, die Schwestern Poggenpuhl oder Mathilde Möhring – sie bevölkern die Romane Fontanes und bleiben im Gedächtnis.

Obwohl wir längst in einer gänzlich anderen Zeit leben, verfolgen wir heute noch mit Spannung das Schicksal von Hilde Rochussen (Ellernklipp, 1881), hoffen inständig, dass der Junge, den sie liebt, nicht vom Vater erschlagen wird. Wir empören uns über Baron von Innstetten, der den Liebhaber seiner Frau ganze sechs Jahre nach dem Ende der Affäre kaltblütig im Duell erschießt (Effi Briest, 1895). Oder wir leiden mit Ernestine Rehbein, genannt Stine, von der wir erfahren, dass ihr Verehrer Waldemar Graf von Haldern ihr aufrichtig zugetan ist (Stine, 1890). Da er sie aus Standesgründen jedoch nicht heiraten kann, setzt er seinem Leben ein Ende. Seite an Seite mit Stine schleichen wir uns heimlich zu seiner Beerdigung und fragen uns gleichermaßen, warum diese Geschichte so tragisch hat ausgehen müssen.

Interessant ist, dass es gerade die Frauenfiguren sind, an denen Fontane exemplarisch die gesellschaftlichen Widersprüche aufzeigte, die er zu kritisieren suchte. In ihren Lebensentwürfen kulminieren die dramatischen Momente, die solche Widersprüche nach sich ziehen. Auch dem englischen Historiker Gordon A. Craig, der wie kein anderer die Präzision in Fontanes Schilderungen gepriesen hat, fiel auf: »Trägerinnen seiner Kritik in den Romanen und Erzählungen waren zumeist die Frauen, die nicht selten über den unmenschlichen und antiquierten Verhaltensnormen unglücklich wurden und an ihnen zerbrachen.«1

Wie zur Bestätigung schrieb Fontane in einem Brief an seine Freunde Paul (1854–1916) und Paula Schlenther (1860–1938): »Wenn es einen Menschen gibt, der für Frauen schwärmt und sie beinahe doppelt liebt, wenn er ihren Schwächen und Verirrungen, dem ganzen Zauber des Evatums, bis zum infernal Angeflogenen hin, begegnet, so bin ich es (…).«2

Woher rührte diese Leidenschaft? Und woher bezog Fontane seine Informationen über das weibliche Geschlecht, beschritt er doch bei der Beschreibung von Frauen ein Terrain, das einem Mann des neunzehnten Jahrhunderts größtenteils verschlossen blieb. War er ein wilder Liebhaber, der sich schwärmerisch von einer Kemenate in die andere schwang, immer auf der Suche nach einem neuen Weiberherz, das es zu erobern galt? War er Charmeur und Schwerenöter zugleich? Im Gegenteil: Fontane war ein grundsolider Charakter. Abgesehen von zwei außerehelichen Schwangerschaften, die er mit Ende zwanzig verursacht haben muss, verliebte er sich als Jugendlicher in Emilie Rouanet-Kummer (1824–1902), verlobte sich mit ihr im Alter von sechsundzwanzig Jahren, heiratete sie fünf Jahre später und blieb ihr sein Leben lang treu.

Oder war Fontane ein Mitstreiter der Frauenbewegung, die zu seiner Zeit gerade erstarkte? Sah er sich als Fürsprecher der englischen Suffragetten, als Sprachrohr der bürgerlichen Kämpferinnen um Helene Lange (1848–1930) und Auguste Schmidt (1833–1902) oder gar als Vertreter der sozialistischen Bewegung um Clara Zetkin (1857–1933)? Wollte er mit seinen Erzählungen, Novellen und Romanen für Frauen das Recht auf Abitur, Studium und Erwerbsarbeit, dazu das Wahlrecht erwirken?

Oder war sein Interesse vielleicht ganz anderer Natur? Trieben ihn vielmehr diffuse Gelüste nach seinen Schwestern, seiner Tochter, wie eine Forschungsarbeit zu Fontane nahelegt?3 Lebte er in seinem Werk inzestuöse Phantasien aus?

All diesen Fragen geht das vorliegende Buch nach und versucht Klarheit darüber zu schaffen, was Fontanes Movens war, sich mit der Sache der Frauen zu befassen. Zweifelsohne gingen seine präzisen Kenntnisse unter anderem auf die Frauen zurück, die ihn direkt umgaben. Entscheidend war zum Beispiel sein Verhältnis zu Martha (1860–1917), seiner einzigen Tochter, die ihn freimütig an ihrem Leben als Mädchen, Jugendliche und schließlich erwachsene Frau teilnehmen ließ. Große Anhänglichkeit zeigte er auch gegenüber seiner Mutter Emilie, geborene Labry (1797–1869), sowie seinen Schwestern Jenny (1823–1904) und Elisabeth (1838–1923). Nicht zuletzt war seine Ehe eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Naturgemäß gab es Konflikte, doch Fontane zog Emilie stets ins Vertrauen und bewies ihr gegenüber eine geradezu anrührende Offenheit, wie der umfangreiche Briefwechsel der Eheleute zeigt.

Einen weiteren Hinweis gibt Fontanes Art, auf Menschen zuzugehen. Dank seines freundlich-respektvollen und gleichzeitig humorvoll-unbedarften Charakters pflegte er eine Form von zwischenmenschlichem Umgang, mit dem er das Vertrauen seines Gegenübers leicht gewinnen konnte. Ähnlich wie viele Frauen hatte er eine Vorliebe für Plaudereien, erzählte gerne, dachte laut nach, hörte genau zu. Er spielte sich nicht auf und machte sich nicht künstlich wichtig. Entsprechend unbekümmert traten Frauen ihm gegenüber auf und teilten sich ihm offen mit.

Fontanes Schriftstellerkollegen machten sich darüber lustig. Sie nannten ihn »Nöhl«, ein berlinerischer Ausdruck, der für »nöhlen« (quasseln, plaudern) steht. Aber gerade dadurch gelang es ihm wohl, eine spezifische Nähe zu seinem Gegenüber und engere Beziehungen zu Frauen herzustellen, die nicht seiner Verwandtschaft angehörten. Zu diesen gehörte beispielsweise die Diakonissin Emmy Danckwerts (1812–1865), die er als junger Mann in Pharmazie unterrichtete, oder Henriette von Merckel (1811–1889), die Witwe eines seiner Schriftstellerkollegen, und nicht zuletzt die Stiftsdame Mathilde von Rohr (1810–1889) in Dobbertin, bei der er sich längere Zeit aufhielt, mit der er Ausflüge machte und einen intensiven Briefwechsel führte. Auch in diesem Punkt bewies er sich als Zeitgenosse, der in Bereiche vordrang, die Vertretern seines Geschlechts gewöhnlich vorenthalten blieben. Überflüssig, darauf hinzuweisen, dass er sein Leben naturgemäß in vorwiegend männlicher Gesellschaft verbrachte: in der Kindheit mit Schulfreunden und seinen Brüdern, später mit Kollegen von literarischen Gesellschaften wie »Tunnel« oder »Rütli«, zu denen Frauen selbstverständlich keinen Zutritt hatten, oder mit Männerfreunden wie Bernhard von Lepel (1818–1885), Paul Heyse (1830–1914), Karl Zöllner (1821–1897) oder Georg Friedlaender (1843–1914), mit denen er zudem ausführlich korrespondierte.

Erstaunlich ist es, welche Bedeutung Fontane den Protagonistinnen in seinem Werk beimaß und wie präzise er insbesondere ihr Empfinden und Denken schilderte, diesen ausgesprochen komplexen und wechselhaften Bereich, den Frauen oft selbst nicht so genau zu durchschauen wissen. Woher nahm er dazu die Sicherheit, letztlich den Mut?

Auffallend ist auch, wie offen Fontane in seinen persönlichen Aufzeichnungen über die Befindlichkeiten und Krankheitsbilder von Frauen reflektierte, wie unbefangen sein Umgang damit war. So teilte er seiner Frau detailliert mit, wie sie die Kinder behandeln, welche Medikamente sie Tochter Martha verabreichen sollte. Auch ihr selbst gab er ärztliche Ratschläge, wenn sie sich unwohl fühlte.

Ausschlaggebend hierfür war seine Ausbildung zum Apotheker, durch die er nicht nur mit zeitgenössischen Heil- und Therapiemethoden, sondern auch mit den entsprechenden Essenzen vertraut war. Ihr verdankte er letztlich auch den unerschrockenen, analytischen Blick eines Naturwissenschaftlers und Mediziners, der es ihm ermöglichte, Frauen gesamtheitlich zu erfassen, ihr Verhalten einzuordnen und ihre Seelenzustände treffend zu beschreiben. Nicht zuletzt kannte er Krankheit und wiederkehrende Unpässlichkeit aus persönlicher Erfahrung.

Fontanes Schilderungen waren derart gegenwarts- und ortsbezogen, dass sich mancher Zeitgenosse kritisch darüber äußerte, wenn er einzelne Geschäfte, Personen und Plätze in seinen Werken unbekümmert beim Namen nannte. Dann erhielt er Zuschriften von übereifrigen Lesern, die einzelne Wegbeschreibungen oder Details als fehlerhaft empfanden.

Fontane reagierte mit Engelsgeduld: »Es ist mir selber fraglich, ob man von einem Balkon der Landgrafenstraße aus den Wilmersdorfer Turm oder die Charlottenburger Kuppel sehen kann oder nicht. Der Zirkus Renz, so sagte mir meine Frau, ist um die Sommerszeit immer geschlossen. (…) Gärtner würden sich vielleicht wundern, was ich alles im Dörrschen Garten à tempo blühen und reifen lasse; Fischzüchter, daß ich – vielleicht – Muränen und Maränen verwechselt habe; Militärs, daß ich ein Gardebataillon mit voller Musik vom Exerzierplatz kommen lasse; Jacobikirchenbeamte, daß ich den alten Jacobikirchhof für ›tot‹ erkläre, während noch immer auf ihm begraben wird. Dies ist eine kleine Blumenlese, eine ganz kleine; denn ich bin überzeugt, daß auf jeder Seite etwas Irrtümliches zu finden ist. Und doch bin ich ehrlich bestrebt gewesen, das wirkliche Leben zu schildern. Es geht halt nit. Man muß schon zufrieden sein, wenn wenigstens der Totaleindruck der ist: ›Ja, das ist Leben.‹«4

Gerade was Frauen angeht, dokumentierte Fontane die Umstände und gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen sie im neunzehnten Jahrhundert lebten, besondes präzise. Dadurch lieferte er, nicht zuletzt, wertvolle Informationen zu ihrer jeweiligen persönlichen Lebenssituation und leistete ganz allgemein einen wesentlichen Beitrag zur Kulturgeschichte der Frau.

Ein besonderes Interesse zeigte Fontane an Frauenschicksalen, die mit dem bürgerlichen Moralkodex seiner Zeit im Konflikt standen. Das spiegelt sich in seinem Werk und wurde von Zeitgenossen streng verurteilt. So soll ein Mitinhaber der Vossischen Zeitung in der Zeit, in der Irrungen, Wirrungen (1888) vorabgedruckt wurde, den Chefredakteur in höchster Erregung gefragt haben: »Wird denn die gräßliche Hurengeschichte nicht bald aufhören?«5 In einem Brief an seinen Sohn Theodor machte Fontane seinem Ärger darüber Luft: »Wir stecken ja bis über die Ohren in allerhand konventioneller Lüge und sollen uns schämen über die Heuchelei, die wir treiben, über das falsche Spiel, das wir spielen. Gibt es denn, außer ein paar Nachmittagspredigern, in deren Seelen ich auch nicht hineinkucken mag, gibt es denn außer ein paar solchen fragwürdigen Ausnahmen noch irgendeinen gebildeten und herzensanständigen Menschen, der sich über eine Schneidermamsell mit einem freien Liebesverhältnis wirklich moralisch entrüstet? Ich kenne keinen und setze hinzu, Gott sei Dank, daß ich keinen kenne. (…) Empörend ist die Haltung einiger Zeitungen, deren illegitimer Kinderbestand weit über ein Dutzend hinausgeht (der Chefredakteur immer mit dem Löwenanteil) und die sich nun darin gefallen, mir ›gute Sitte‹ beizubringen. Arme Schächer!«6

Aus heutiger Sicht klingt die Einschätzung von Fontanes Leistung natürlich ganz anders. So stellte Craig fest: »Für seine Zeit nahm Fontane eine einzigartig aufgeschlossene Haltung gegenüber Frauen ein, denn er mochte sie und gestand ihnen Eigenschaften zu wie Intelligenz, Mut und geistige Unabhängigkeit, die andere Männer nicht wahrnahmen.«7

Die folgenden Kapitel nehmen sich der Frauen an, denen Fontane zu seinen Lebzeiten besonders nahestand, und arbeiten das Außergewöhnliche der jeweiligen Beziehung heraus. Im Anschluss daran werden die literarischen Frauenfiguren in seinem Werk beleuchtet, besonders jene, die auf ein historisches Vorbild zurückgehen. Selbstredend hat Fontane seine Protagonistinnen frei erfunden, doch er ließ sich in einzelnen Fällen von lebenden Personen inspirieren.

Bei vielen Charakterisierungen stand ihm seine Tochter Martha Pate. Sie diente als Vorbild für die Figur der Corinna und inspirierte ihn mit ihrer natürlichen Selbstverständlichkeit und Redegewandtheit auch bei der Darstellung von Grete Minde, Lene Nimptsch, Brigitte Hansen, Ebba von Rosenberg, Effi Briest oder auch Melusine Ghiberti. Sie ist dadurch unwillkürlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geraten.

Zunächst widmen wir uns jedoch der Frauenbewegung und zeigen Parallelen zu Fontanes Biographie auf.

»Man kann all diesen Dingen gegenüber sagen: ›warum nicht!‹ aber doch noch mit größrem Recht: ›wozu?‹«

Theodor Fontane und die Frauenbewegung

9783841216151-004.tif

Als Fontane 1819 geboren wurde, steckte die Frauenbewegung noch in den Kinderschuhen. Ihren Anfang genommen hatte sie 1791 in Frankreich. In ihrer Publikation »Déclaration des droits de la Femme et de la Citoyenne« forderte die französische Schriftstellerin Olympe de Gouges (1748–1793) absolute Gleichberechtigung von Männern und Frauen in rechtlichen, politischen und sozialen Belangen. Die neue Verfassung sei ungültig, beschuldigte de Gouges die Nationalversammlung, denn an ihrer Entwicklung sei keine Frau beteiligt gewesen.

Mit ihren Forderungen machte sich die Revolutionärin keineswegs beliebt. Man empfand ihr Engagement als Einmischung in Politik und Entscheidungsgewalt, sie wurde als Royalistin angeprangert, verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Wie viele andere bedeutende Streiter und Idealisten jener aufgewühlten Zeit, die sich durchaus solidarisch mit den Parolen von »Liberté, Égalité, Fraternité« fühlten, fiel sie der Terrorherrschaft Maximilien de Robespierres (1758–1794) zum Opfer, wurde vom Revolutionstribunal verurteilt und am 3. November 1793 auf der Place de la Concorde in Paris enthauptet.

Doch die Erklärung de Gouges’ war wie ein Fanal und entfaltete ihre Wirkung weit über die Grenzen Frankreichs hinaus. Sie fand ihren Widerhall in England, wo sich Frauen unter anderem für die Verbesserung und Aufwertung der Krankenpflege, in Deutschland, wo sie sich etwa für differenziertere Bildungsmöglichkeiten von Frauen einsetzten, und auch in Amerika, wo sie sich beispielsweise im Widerstand gegen Sklaverei engagierten. Entscheidend war, dass geschlechtsabhängige Benachteiligungen erstmals in gebildeten Kreisen thematisiert wurden und auch von Frauen bestätigt oder generell anerkannt wurden, die aus wohlhabenden Familien stammten. Zuvor war man allgemein der Ansicht gewesen, Opfer von Ungerechtigkeiten seien allein Frauen einfacher Herkunft.

Die Forderung de Gouges’ wurden Bestandteil der Diskussionen in den Clubs und Salons und führten zu einer Solidarisierung unter Frauen aller sozialer Gruppen. Und sie gaben Anlass zur Gründung von Frauenvereinigungen, die sich ausdrücklich für die Umsetzung der Gleichberechtigungsziele einsetzen wollten.

In Preußen war davon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts noch nicht viel zu spüren. Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) hatte 1819 mit Hilfe seiner Bündnispartner Napoleon (1769–1821) besiegt, die französischen Besatzungstruppen waren abgezogen und das Land erholte sich allmählich von den jahrelangen Auseinandersetzungen. Das Bürgertum gewann sukzessive an Bedeutung, und die Regierung leitete Reformen ein. Seit 1810 existierte in der zentralen Prachtstraße Unter den Linden Berlins erste Universität. Neben Gründungsrektor Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) lehrte hier ab 1818 Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831). In den vornehmlich jüdischen Salons entwickelte sich eine intellektuelle Elite. Regelmäßig erschienen nun Tageszeitungen. Wilhelm (1767–1835) und Alexander von Humboldt (1769–1859) prägten mit ihren Bildungsidealen eine ganze Epoche.

Fontanes frühe Kindheit war von diesem Aufschwung bestimmt. Seine Eltern Emilie Labry und Louis Henry Fontane (1796–1867) waren beide hugenottischer Abstammung und Mitglieder der »Französischen Kolonie«, deren Vorfahren, unter dem Schutz des Edikts von Potsdam 1685 nach Brandenburg gekommen, über die Jahre einigermaßen selbstbewusst und wohlhabend geworden waren. Fontanes Vater war ausgebildeter Apotheker, nach der Hochzeit zog er kurzerhand mit seiner jungen Frau nach Neuruppin, kaufte eine ansehnliche Offizin, wie man das Laboratorium eines Apothekers damals nannte, und am 30. Dezember 1819 wurde Fontane in dieser Stadt geboren. In rascher Folge kamen drei weitere Kinder zur Welt, Jahre später noch eine zweite Tochter. Anschaulich beschrieb der Schriftsteller diese erste Lebenszeit später in seinem autobiographischen Roman Meine Kinderjahre (1894).

Mit dreizehn Jahren wurde Fontane nach Berlin geschickt, besuchte ab Oktober 1833 die Gewerbeschule von Karl Friedrich von Klöden (1786–1856) in der Niederwallstraße 12 und kam in der nahegelegenen Burgstraße bei August Fontane (1804–1870) unter, einem Halbbruder seines Vaters, sowie dessen Ehefrau Philippine (1810–1882), von den Kindern zärtlich Tante Pine oder Pinchen genannt. Drei Jahre später begann die Ausbildung zum Apotheker, nebenbei die Entwicklung zum Schriftsteller und schließlich 1843 die Aufnahme in die literarische Gesellschaft »Tunnel über der Spree«, die für den jungen Autor wie ein Ritterschlag gewesen sein musste. Hier versammelten sich Schriftsteller wie der spätere Nobelpreisträger Paul Heyse (1830–1914), Theodor Storm (1817–1888) oder auch Künstler wie Adolph Menzel (1815–1905). Fontane befand sich unter Gleichgesinnten, und seine künstlerischen Ambitionen fanden dauerhaft Anerkennung.

In dem jungen, aufstrebenden Berlin absolvierte Fontane seinen Militärdienst, der ihm ähnlich wie die Apothekerlehre vornehmlich dazu diente, nebenbei weiter zu schreiben: Gedichte, Balladen, die Publikation seiner ersten Erzählung Geschwisterliebe (1839) fielen in diese Zeit. Auch Zeitungsbeiträge konnte er zunehmend unterbringen, schrieb für die Berliner Zeitungs-Halle und die Dresdner Zeitung, akquirierte Korrespondenzen, die für viele Jahre seinen Hauptverdienst ausmachen würden, doch erst mit Ende zwanzig beschloss er, ausschließlich von seiner Schreibkunst zu leben.

Nicht zuletzt lernte Fontane in Berlin seine zukünftige Ehefrau kennen, Emilie Rouanet-Kummer, die er 1850 heiratete und mit der er sieben Kinder hatte. Vier davon erreichten das Erwachsenenalter. Von ihr wird später noch ausführlich die Rede sein.

Soziale Not und die Einschränkung politischer Freiheiten führten 1848 zum Ausbruch der Märzrevolution, die nach wenigen Tagen niedergeschlagen wurde. Doch Friedrich Wilhelm III. war verstorben, sein Sohn Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) an die Macht gekommen, und der Thronfolger musste sich den Anforderungen der neuen, zunehmend lauter ihr Recht einfordernden Kräfte beugen. Am 19. März 1848 erhielt Preußen seine erste konstitutionelle Regierung, im Mai fanden die ersten Wahlen zu einer Nationalversammlung statt, und 1850 trat eine Verfassung in Kraft, die bis 1918 Bestand haben würde. Die Monarchie blieb erhalten, ihre Souveränität wurde indes deutlich eingeschränkt. Abgeordnetenhaus und Erste Kammer wirkten bei der Gesetzgebung mit. Rechtswirksame Regierungsbeschlüsse bedurften der Legitimierung durch den zuständigen Minister. Es blieb ein Privileg des Königs, diesen Minister zu ernennen oder zu entlassen, aber er durfte seine politischen Entscheidungen nicht mehr alleine fällen.

Fontane finden wir in den Tagen der Märzrevolte mitten im Getümmel. Der Achtundzwanzigjährige hat sich eine Waffe besorgt, mit ein paar rauflustigen Mitstreitern hinter den Barrikaden verschanzt und macht sich daran, die Aufständischen zu verteidigen. Er wollte an der revolutionären Stimmung teilhaben, politisch und persönlich, war dafür zunächst empfänglich. Später wechselte er die Seiten, wandte sich vom Vormärz ab und vertrat eine tendenziell konservative bis ambivalente Haltung. Ihn trieben entschieden andere Interessen. Er wollte Schriftsteller sein, kein Revoluzzer.

Früh zog es ihn nach England, die Sprache beherrschte er bald leidlich. Schon als junger Mann hatte er auf Einladung seines Neuruppiner Freundes Hermann Scherz (1818–1888) Gelegenheit gehabt, London zu besuchen. Begeistert vom liberalen Denken und der Freiheit des Individuums, die er hier zu spüren glaubte, fasste er den Entschluss, für länger nach England zu ziehen: »London hat einen unvertilgbaren Eindruck auf mich gemacht; nicht sowohl seine Schönheit als seine Großartigkeit hat mich staunen lassen. Es ist das Modell oder die Quintessenz einer ganzen Welt«,8 notierte der angehende Schriftsteller.

1852 setzte er sein Vorhaben in die Tat um und ging von April bis September als Korrespondent für die Preußische (Adler-)Zeitung nach London. Wieder unterstützte ihn Scherz bei dem Unterfangen, auch seine Literatenfreunde vom »Tunnel« steuerten eine gewisse Summe für die Überfahrt bei. Sogar sein Vater gab eine Kleinigkeit dazu. Letztlich hoffte Fontane, mit dem Auslandsposten nicht nur seinem Interesse an England nachzukommen, sondern damit auch ein redliches Auskommen zu erlangen.

Das gelang ihm mit Bravour. Im September 1855 kehrte er als Korrespondent nach London zurück, schrieb für die Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung), Die Zeit und die Vossische Zeitung, konnte der reinen Lohnschreiberei jedoch auch regelmäßig entkommen und machte ausgedehnte Fahrten ins Umland und bis hinauf nach Schottland. Literarische Reiseberichte wie Ein Sommer in London (1854) und Jenseits des Tweed (1860) zeugen eindrucksreich von den Impressionen, die Fontane während der beiden England-Aufenthalte sammeln konnte.

Mit der Zeit ermöglichte ihm seine finanzielle Situation sogar, seine Familie nach London nachzuholen. Ehefrau Emilie, die ihren Mann gemeinsam mit Sohn George (1851–1887) und Schwägerin Elise Anfang 1856 bereits für ein paar Monate besucht hatte, zog mit George und dem inzwischen geborenen Sohn Theodor (1856–1933) Ende Juli 1857 in die englische Hauptstadt. Man wohnte beschaulich in der St. Augustin Road in Camden Town, damals noch ein Vorort von London, Emilie knüpfte Kontakte zu ansässigen Familien, lernte fleißig Englisch. Die Söhne taten es ihr gleich.

Während dieser Jahre in London unterstand Fontane neben seiner Korrespondententätigkeit außerdem der Zentralen Pressestelle in Berlin und hatte den Auftrag, die Berichterstattung über Preußen in den deutschen und englischen Zeitungen gemäß den Anweisungen seiner Regierung zu manipulieren – ein heikles Unterfangen. Doch Fontane schlug er sich tapfer. Auch dieser Aufgabe kam er pflichtbewusst nach.

Mit der Zeit wurden seine Betrachtungen zu dem Land seiner Träume weniger idealistisch. Aufmerksam und präzise beschrieb er die gesellschaftspolitischen Ereignisse, auch die sozialen Ungerechtigkeiten, die ihm auffielen. Gleichzeitig war er seinen Auftraggebern eine gewiss konservative Berichterstattung schuldig. Die Preußische (Adler-)Zeitung sah ihre Leser mehrheitlich im regierungsnahen Lager – keine Leichtes, sich in diesem Spannungsfeld abschließend zu positionieren. Auch hier zeigte sich, dass Fontane kein Journalist war, sondern letztlich Literat. Seine Stärken lagen eher im neutralen Beobachten und Nachzeichnen der Wirklichkeit als in der Festlegung auf eine einzelne politische Richtung. Seine Berichterstattung zeugte weniger von Parteizugehörigkeit als vielmehr von Distanz und berückender Unabhängigkeit.

Im Februar 1859 ging es zurück nach Berlin, doch die Freundschaften, die Fontanes in England geschlossen hatten, insbesondere zur Familie Merington, hielten ein Leben lang. Auch an den zeitgeschichtlichen Entwicklungen Britanniens nahm der Autor weiterhin Anteil. Nicht zuletzt flossen die dort erworbenen Kenntnisse in sein literarisches Werk mit ein, wie etwa in Cécile (1887) oder Der Stechlin (1899).9

In seiner England-Zeit muss Fontane auch mit der dortigen Frauenbewegung in Berührung gekommen sein. Während die englische »Blue Stockings Society« der englischen Schriftstellerin und Salondame Elizabeth Montagu (1718–1800) vor dem Spottnamen »Blaustrümpfe« noch resigniert hatte, vereinnahmten die Frauen, die sich ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in England für das Frauenwahlrecht einsetzten, die Bezeichnung »suffragist« (Wahlrechtler) für sich. Die Presse hatte versucht, sie damit zu verleumden, jetzt machten sie das Schimpfwort zum Titel ihrer Bewegung. Anfangs in mehr oder weniger losen Zusammenkünften zu passivem Widerstand aufgerufen, sorgten die Suffragetten zunehmend für Störungen im öffentlichen Raum, rauchten demonstrativ im Freien, was sich keinesfalls schickte, oder traten gar in Hungerstreiks, um auf ihre Forderung aufmerksam zu machen. Auslöser ihres Engagements war bezeichnenderweise die Verabschiedung eines Gesetzes in England, das Frauen, die der Prostitution verdächtigt wurden, zu einer medizinischen Untersuchung zwang, die sogenannten Contagious Diseases Acts (1864 und 1869). Das Gesetz sollte der Ansteckungsgefahr vorbeugen, zielte jedoch ausschließlich auf den Vorteil für die Männer ab. Auf einen vagen Hinweis hin mussten sich die angezeigten Frauen herabwürdigender Kontrollen unterziehen, und das oft in aller Öffentlichkeit.

Auch bei dieser Widerstandsbekundung solidarisierten sich interessanterweise Frauen aller sozialen Schichten. Sie organisierten eine Kampagne, wählten die anglikanische Pfarrersfrau Josephine Butler (1828–1906) zu ihrer Leitfigur und formulierten 1870 gemeinsam eine Petition an das Britische Parlament. Butler hatte sich seit Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs für die Abschaffung der Sklaverei in den Staaten, ferner für die Wohlfahrt in England engagiert. Sie hatte eine Heimstatt für die Prostituierten in den Londoner Docks und ihre Kinder eingerichtet und kannte ihre Situation aus eigener Anschauung.

140 Mitstreiterinnen konnte Butler auf Anhieb für ihre Petition gewinnen. Frauen wie Florence Nightingale (1820–1910), die Sozialreformerin Mary Carpenter (1807–1877) oder die Botanikerin und Suffragette Lydia Becker (1827–1890) gaben freimütig ihre Unterschrift. Sie prangerten die Regierung an, Frauen als Prostituierte zu kriminalisieren, ihre Kunden hingegen nicht zu behelligen. Mit ihrer Kritik stießen die Frauenrechtlerinnen zwar nicht umgehend auf Gehör, doch sie führte zu anhaltenden Unruhen und einer Radikalisierung ihres Engagements. 1883 wurde das Gesetz im Ergebnis suspendiert und 1886 ganz aufgehoben. Das Frauenwahlrecht, wofür die Suffragetten später eintraten, an der Spitze mit Emmeline Pankhurst (1858–1928) und ihren Töchtern Christabel (1880–1958) und Sylvia (1882–1960), konnte in England erst 1928 erstritten werden. Deutschland hatte das Recht 1918 eingeführt.

Die Unruhen, die die Frauenbewegung in England auslöste, drangen auch in den Salon der langjährigen Freunde Fontanes. Als es 1870 für Tochter Martha für ein Jahr nach England zu Familie Merington gehen sollte, begleitete Mutter Emilie die Zehnjährige zwecks Eingewöhnung für einige Wochen und schrieb Ende April ihrem Mann aus London: »Die jungen Damen sprachen Alle für ihr Stimmrecht u. hoffen daß die Zeit nahe ist daß wir gleichberechtigt sein werden mit den Herren der Schöpfung. Auch ich wurde nach meiner Meinung gefragt; aber ich konnte nur lachend sagen: ich hätte nicht Gelegenheit gehabt, über den Gegenstand nachzudenken, I had such a good position as the wife of you, that I don’t want a other; which answer amused very much Mr. Merington.«10

In Fontanes Antwort zeigt sich seine pessimistische Haltung zu dem Thema: »Dein guter Einfall, womit Du die Debatte über Frauen-Stimmrecht coupirtest, hat auch mich amüsirt. Man kann all diesen Dingen gegenüber sagen: ›warum nicht!‹ aber doch noch mit größrem Recht: ›wozu?‹ Die Frauen, die zur Zeit Ludwigs XIV. die Welt, den König und die Gesellschaft regirten, hatten kein Stimmrecht, haben sich aber leidlich wohl dabei befunden, jedenfalls besser als jene Unglücklichen, die sich ›in Erfüllung ihrer Bürgerpflicht‹ an die Wahlurne drängen.«11

1859 zurück in Berlin, musste sich Fontane auf Arbeitssuche begeben. Preußen befand sich in Agonie, der regierende König war schwer krank, sein Bruder Wilhelm (1797–1888) hatte die Aufgabe des Stellvertreters übernommen, und keiner konnte recht sagen, wie es weitergehen würde.

Fontane fand eine Anstellung bei der Kreuzzeitung, die ihm und seiner Familie immerhin ein stabiles Einkommen sicherte. Ferner begab er sich auf Ausflüge in die Berliner Umgebung und begann, angesteckt von seinen literarischen Streifzügen durch England und Schottland, Wanderungen durch die Mark Brandenburg zu schreiben. Der erste Band erschien 1862, kurze Zeit später war er vergriffen und der Verleger verlangte nach einer Neuauflage. Fontane schwamm im Glück. Erstmals konnte er einen Mehrwert aus seinem Schreiben verbuchen.

Auch Preußens Lage veränderte sich. Am 2. Januar 1861 verstarb Friedrich Wilhelm IV., sein Bruder folgte ihm auf den Thron, ernannte Otto von Bismarck (1815–1898) zum Ministerpräsidenten, und vehement übernahm der Eiserne Kanzler die Führung. Zahlreiche militärische Auseinandersetzungen bescherte er seiner Regierung. Preußische Soldaten kämpften im Deutsch-Dänischen (1864), im Preußisch-Österreichischen (1866) und im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71). Als Wilhelm I. 1871 aus Versailles zurückkehrte, hatte man ihn zum Deutschen Kaiser gemacht. Berlin war nun Hauptstadt des Deutschen Reiches, der Aufschwung unaufhaltsam. Die hohen Reparationszahlungen Frankreichs lösten Investitionen in schwindelnder Höhe aus: Die sogenannte Gründerzeit nahm ihren Lauf.

Hinzu gesellten sich technische Innovationen, die der Industrialisierung Vorschub leisteten. Zahlreiche neuen Fabriken und Produktionsstätten schufen Arbeit für viele Neuberliner. Bald hatte die Einwohnerzahl die Millionengrenze überschritten.

Fontane hatte auf seine Art gewusst, von den Kriegszeiten zu profitieren. Er war auf eigene Initiative als Berichterstatter ins Feld gezogen, hatte sich möglichst nahe an den Rand der Kampfhandlungen begeben und seine Erlebnisse in detailreichen Reportagen wiedergegeben. Die Bücher, die dabei entstanden, gelten als Höhepunkt literarischer Kriegsberichterstattung.12

Inzwischen hatte sich die deutsche Frauenbewegung in unterschiedlichen Strömungen organisiert, und ihre Forderungen waren teilweise auf fruchtbaren Boden gefallen. Die ausgebildete Lehrerin Helene Lange (1848–1930) aus Oldenburg stand in Verbindung mit der bürgerlich-gemäßigten Gruppierung rund um die Meißner Schriftstellerin Louise Otto-Peters (1819–1895) und der Breslauerin Auguste Schmidt (1833–1902). Alle drei Frauen stammten aus mittelständischen Elternhäusern, waren also gutgestellte Personen, die aus prinzipiellem Unrechtsbewusstsein auf die Missstände, unter denen Frauen zu leiden hatten, aufmerksam machen wollten. Lange setzte sich mit ihrer Lebensgefährtin Gertrud Bäumer (1873–1954) für die Verbesserung der Ausbildung von Mädchen und jugendlichen Frauen ein. Otto-Peters forderte 1843, ähnlich wie de Gouges Jahrzehnte zuvor in Paris, mit einer gewissen Radikalität, in den Sächsischen Vaterlandsblättern ein Recht auf politische Beteiligung von Frauen: »Die Teilnahme der Frau an den Interessen des Staates ist nicht ein Recht, sondern eine Pflicht.«13 Die Meißnerin hatte die Probleme erkannt, mit denen insbesondere die Arbeiterinnen im Rahmen der Industrialisierung konfrontiert waren, und forderte die Berücksichtigung ihrer spezifischen Lebenssituation. Neben den Büchern und Artikeln, die sie selbst publizierte, gründete Otto-Peters die Frauen-Zeitung, floh nach Verbot des Blattes in Sachsen mit der Redaktion nach Thüringen, um schließlich auch dort den restriktiven Gesetzen zu unterliegen. Mit ihren Mann August Peters (1817–1864) verlobte sie sich im Gefängnis, wo er seine Strafe für die Teilnahme an der Märzrevolution absitzen musste.

Nach der Hochzeit behielt Otto-Peters ihren Mädchennamen als Teil des Nachnamens bei, auch das eine kleine Revolution. Sie organisierte Versammlungen zur Aufklärung über die Lage der Frauen, gründete 1865 den Leipziger Frauenbildungsverein und den Allgemeinen Deutschen Frauenverein, Seite an Seite mit der Breslauerin Auguste Schmidt und vielen anderen Mitstreiterinnen.

Eine Ausgabe der beliebten Illustrierten Die Gartenlaube, in der auch Fontane publizierte, bildete 1894 zehn Mitglieder der Frauenbewegung ab. Die Fotos sind aufgefächert wie ein Kartenspiel. Sie zeigen durchsetzungsstarke Frauen, die Haare präzise gescheitelt, glatt nach hinten frisiert und sorgfältig zu einem Dutt hochgesteckt. Auguste Schmidt trägt ein leises Lächeln im Gesicht. Die Frauen engagierten sich nicht nur für ein Mitspracherecht in der Politik, sondern insbesondere auch für ein Recht auf Ausbildung und Erwerbsarbeit, unabhängig von der sozialen Herkunft. Die sozialistische Frauenbewegung um Clara Zetkin (1857–1933) setzte sich explizit für den Zugang von Frauen zu Universitäten ein. Zwar hatte es über die Jahrhunderte einzelne Akademikerinnen gegeben, wie die Ärztin Dorothea Christiane Erxleben (1715–1762), die in Halle nicht nur studierte, sondern sogar promoviert wurde, doch im Allgemeinen war es Frauen bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im deutschen Sprachraum, mit Ausnahme der Schweiz, verboten, ein Studium zu absolvieren oder einen Hochschulabschluss zu erwerben.

Schon die Mädchen und Frauen, die auf eine sogenannte Höhere Töchterschule gingen, sollten keineswegs von einer späteren Rolle im Haushalt und als Ehefrau abgehalten werden. Die Schultage waren kurz, sie umfassten oft nur vier Unterrichtsstunden, die Inhalte waren vergleichsweise banal. Die Ausbildung endete mit dem sechzehnten Lebensjahr. Ihr Ziel war nicht die Befähigung zum Berufserwerb oder der Zugang zum institutionalisierten Bildungssystem. Vielmehr sollten Frauen schon im jugendlichen Alter neben der Schule möglichst viel Zeit am häuslichen Herd verbringen, der Mutter zur Hand gehen und sich dem Haushalt oder jüngeren Geschwistern widmen. Besonders viel Raum erhielten die Lehrer im Rahmen des Curriculums, um ihren Schülerinnen ausgezeichnete Kenntnisse in verschiedenen Handarbeitstechniken beizubringen.

Das Thema Frauenbildung lag Fontane zweifelsohne am Herzen. Schon in der Grundschulzeit seiner Tochter Martha fiel ihm auf, wie entschieden Mädchen im preußischen Schulsystem unterfordert, ja regelrecht benachteiligt wurden. Nicht zuletzt aus diesem Grund hatte er 1870 die Einladung seiner Freunde, den Meringtons, angenommen und Martha im jugendlichen Alter von zehn Jahren nach England geschickt. In einem Brief an seine Vertraute, die Stiftsdame Mathilde von Rohr, erklärte er: »Da wir unsren Kindern sonst nichts hinterlassen können, so wollen wir wenigstens versuchen, ihnen eine innerliche Ausrüstung mit auf den Weg zu geben, die es ihnen möglich macht, vorwärts zu kommen, und dazu gehört beispielsweise Sprachkenntnis. Die volle Kenntnis einer fremden Sprache ist wie ein Kapital, von dessen Zinsen man leben kann.«14

Auch fand der Berliner Lette-Verein ausdrücklich Eingang in Fontanes Roman Frau Jenny Treibel (1893). Protagonistin Corinna Schmidt preist darin nicht ohne Stolz die Ausbildung zur Kunststopferin, die sie an dieser Institution genossen hatte: »Und nun, wenn wir aufstehen, Mister Nelson, und die Zigarren herumgereicht werden – ich denke, Sie rauchen doch –, werde ich Sie um Ihre Zigarre bitten und meinem Freunde Leopold Treibel ein Loch in den Rock brennen, hier gerade, wo sein Herz sitzt, und dann werd ich den Rock in einer Droschke mit nach Hause nehmen, und morgen um dieselbe Zeit wollen wir uns hier im Garten wieder versammeln und um das Bassin herum Stühle stellen, wie bei einer Aufführung. Und der Kakadu kann auch dabei sein. Und dann werd ich auftreten wie eine Künstlerin, die ich in der Tat auch bin, und werde den Rock herumgehen lassen, und wenn Sie, dear Mister Nelson, dann noch imstande sind, die Stelle zu finden, wo das Loch war, so will ich Ihnen einen Kuß geben und Ihnen als Sklavin nach Liverpool hin folgen. Aber es wird nicht dazu kommen. Soll ich sagen leider? Ich habe zwei Medaillen als Kunststopferin gewonnen, und Sie werden die Stelle sicherlich nicht finden …«15

1866 vom engagierten Sozialpolitiker Wilhelm Adolf Lette (1799–1868) gegründet, war der Lette-Verein in der Tat ein Phänomen. Er verstand sich ausdrücklich als Bildungsanstalt für Frauen und bot darüber hinaus eine Auswahl an Ausbildungswegen und Lernberufen, die in ganz Deutschland ihresgleichen suchten. Dank dieser Möglichkeiten sollten alleinstehende Frauen die Chance bekommen, etwas zu lernen, womit sie ihr Leben später selbsttätig finanzieren konnten. Als erste Einrichtung dieser Art wurde der Lette-Verein Vorbild für sämtliche Frauenfortbildungsstätten des Landes.

Um die Bedeutung des Vereins zu verstehen, muss man differenzieren: Selbstverständlich gab es im neunzehnten Jahrhundert immer und überall für alleinstehende Frauen die Möglichkeit, zu arbeiten und Geld zu verdienen, sei es als Kindermädchen, Dienstmagd, Köchin oder Wäscherin. Auf dem Land fanden Frauen in der Landwirtschaft Einsatz, sei es als Erntehelferinnen oder als Milchwirtschafterinnen. Später kamen mit zunehmender Industrialisierung Lohnarbeiten in den Fabriken hinzu, doch das war alles in allem niedere Arbeit, und sie wurden schlecht bezahlt. Frauen, die derlei Tätigkeiten ausübten, hatten keine Ausbildung genossen. Viele von ihnen konnten kaum lesen oder schreiben. Ihre Motivation, arbeiten zu gehen, war die nackte Not.

Frauen aus bürgerlichen Kreisen konnten derlei Erwerbstätigkeiten nicht nachgehen. Sie entsprachen weder ihrem Stand noch dem sozialen Umfeld, aus dem sie kamen und dem sie qua Heirat auch weiterhin treu bleiben sollten. Sie lernten in der Kindheit lesen und schreiben, gingen selbstverständlich auf Grund- und Höhere Schule, wurden umfassend gefördert und bekamen individuellen Musikunterricht. Sie gingen auf Reisen, auch ins Ausland, und erwarben durch Erfahrung, Lektüre, anspruchsvolle Gespräche und intensiven Austausch mit ähnlich gebildeten Menschen eine umfassende Allgemeinbildung. Doch sie erwarben keinen Beruf. Wenn sie sich nicht gleich nach der Konfirmation im Alter von vierzehn, fünfzehn Jahren verlobten, so möglichst nach Abschluss der Schule. Spätestens mit zwanzig Jahren waren die meisten von ihnen verheiratet.

Bis dahin saßen sie zu Hause und langweilten sich. Es gibt einen Satz in Frau Jenny Treibel, der das Drama dieser gut ausgebildeten, gesellschaftlich gewandten, intelligenten jungen Frauen in wenigen Worten umreißt. Familie Treibel lädt zu einem Ausflug nach Halensee ein, und dann heißt es: »Auch Schmidts hatten zugesagt, Corinna mit besonderer Freudigkeit, weil sie sich seit dem Dinertage bei Treibels in ihrer häuslichen Einsamkeit herzlich gelangweilt hatte (…).«16

Häusliche Einsamkeit war es also, die den jungen Frauen vorbehalten war, mit Langeweile und Müßiggang verbrachten sie ihre besten Ausbildungsjahre. Wem es nicht gelang zu heiraten, hatte nur zwei Optionen: Gouvernante oder Lehrerin, entweder auf dem Land als private Hauslehrerin oder an einer der Schulen, die die Betreffenden möglicherweise selbst gerade absolviert hatten. Diese Option wurde erschwert durch die sogenannte Zölibatsklausel. Sie galt für alle Lehrerinnen in Preußen wie auch später im Deutschen Reich: Sobald sie heirateten und Kinder bekamen, mussten diese Frauen ihr Arbeitsverhältnis kündigen.

Auch die Ehe versprach kein wahrhaft selbstbestimmtes Leben. Zwar waren die Frauen jetzt finanziell versorgt, doch lediglich über ihren Gatten, den sie doch eigentlich aus Liebe geehelicht hatten und nicht wegen seiner Wirtschaftskraft. Im Gegenzug hatten sie den Haushalt zu organisieren, die Kinder aufzuziehen und ihrem Mann ein sortiertes Zuhause zu sichern. Dazu waren sie laut Ehegesetz verpflichtet. Noch bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein durften Frauen nur mit der ausdrücklichen Genehmigung ihres Mannes einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

Abgesehen davon, dass man sich eine derartig einseitige Ordnung heutzutage kaum mehr vorstellen kann, barg sie selbstverständlich eine Vielzahl von Problemen. Schwierig konnte es zum Beispiel werden, wenn die Frau keine Kinder bekam oder wenn der Mann nicht in der Lage war, dauerhaft für den Lebensunterhalt aufzukommen, oder womöglich frühzeitig verstarb. Gewöhnlich hatten Witwen keinerlei Möglichkeit, selbst für ihr Einkommen zu sorgen.

So war es Lettes ältester Tochter Anna (1829–1897) ergangen. Mit zwanzig Jahren hatte sie den erfolgreichen Bremer Kaffeeimporteur Johann Carl Schepeler (1814–1861) geheiratet, war mit ihm nach Frankfurt am Main gezogen, wo er als Inhaber der familieneigenen Groß-Rösterei bald zum Hoflieferant avancierte und ein namhaftes Kaufhaus am Roßmarkt eröffnete. Anna hatte in rascher Folge drei Söhne geboren und führte als Mitglied der Frankfurter Bürgerschaft ein sorgenfreies Leben, doch nach wenigen Jahren verstarben ihre Kinder. Auch ihr Mann fiel einem Infekt zum Opfer und erreichte lediglich das siebenundvierzigste Lebensjahr. Mit Anfang dreißig war Anna Schepeler-Lette kinderlose Witwe und hatte keinerlei Einkommen. Das Vermögen ihres Mannes hatte im Wesentlichen aus firmeneigenen Anteilen bestanden.

Anna kehrte zurück nach Berlin in das Haus ihrer Eltern, engagierte sich in der Frauenbewegung und übernahm 1868 nach dem Tod ihres Vater, der zwei Jahre nach der Schulgründung verstorben war, den Vorsitz des Lette-Vereins. Schriftführerin wurde Jenny Hirsch (1829–1902), ebenfalls engagierte Frauenrechtlerin.

Der Lette-Verein – es lohnt, noch einmal darauf zurückzukommen, denn das war das Fluidum, in dem sich Fontane im Berlin in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bewegte – veränderte die ursprüngliche Ordnung radikal. Schon Vater Lette hatte die lächerlich geringe Auswahl von Erwerbsmöglichkeiten für Frauen um ein breites Angebot an respektablen Berufen erweitert. Neben der bei Fontane erwähnten Kunststopferin wurden an der Schule Telegraphistinnen, Elektroassistentinnen, Handelskorrespondentinnen, Setzerinnen, Buchbinderinnen, Gutssekretärinnen, Diätassistentinnen, Handarbeits- und Gewerbelehrerinnen, Modezeichnerinnen und -direktricen ausgebildet. Anna Schepeler-Lette erweiterte das Angebot sukzessive um weitere Lehreinheiten. So entstand eine Handels- und Gewerbeschule mit den Ausbildungsgängen Näherei, Schneiderei, Wäschezuschneiderei, Maschinennäherei, gewerbliches Zeichnen, Putz, Sprach- und Handelswissenschaften. Während Vater Lette ganz zeitgemäß der Ansicht war, dass Erwerbstätigkeit speziell der wirtschaftlichen Unabhängigkeit alleinstehender Frauen dienen, die Rolle der Frauen in der Familie aber nicht beeinträchtigen sollte, vertrat seine Tochter bald schon eine andere, damals noch revolutionäre Position. Demnach könne Ausbildung durchaus in einen selbst gewählten, persönlichkeitsbestimmenden Beruf münden, Erwerbsarbeit die Folge echter Eignung und Berufung sein.

Besondere Bedeutung erlangte diesbezüglich der Lehrgang für Fotografie. Auch wenn es heute nicht mehr nachvollziehbar ist – kaum eine Ausbildung gab den Frauen so viel Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit wie die Kenntnisse, die sie im Umgang mit dem Fotoapparat erwarben. Einerseits konnten sie sich hinter der Kamera verstecken, andererseits Aussagen von durchschlagender Wirkung erzielen, nicht zuletzt vollkommen selbstständig ihre eigenen Bilder entwickeln und entscheiden, welche sie behalten und welche sie verwerfen wollten. Auch hier leistete der Lette-Verein Pionierarbeit. Nach der Gründung der Photographischen Lehranstalt 1890 gingen bald zahlreiche Meisterinnen dieses Faches aus der Schule hervor. In den ersten Jahren machte sich die Neustrelitzerin Marie Kundt (1870–1932) als Fotografin einen Namen. Nichte von Professor August Kundt, der 1888 den Lehrstuhl für Physik an der Berliner Universität übernommen hatte, war sie eine der ersten Schülerinnen der Photographischen Lehranstalt und wurde später erste Assistentin des Leiters. Im zwanzigsten Jahrhundert waren es Bekanntheiten wie Gisèle Freund (1908–2000) und Eva Kemlein (1909–2004), die hier in die Lehre gingen. Freund floh in den dreißiger Jahren wegen ihrer jüdischen Abstammung ins Ausland, fotografierte Walter Benjamin (1892–1940) im Pariser Exil sowie andere Geflüchtete. Kemlein, ebenfalls Jüdin, versteckte sich in Berlin und dokumentierte nach dem Zweiten Weltkrieg auf berührende Weise die zerstörte Stadt und das peu à peu wiedererwachende Leben im Frieden.

Viele Höhere Töchterschulen im Land, auch traditionelle Einrichtungen wie das Kloster Stift zum Heiligengrabe bei Wittstock, folgten dem Beispiel des Lette-Vereins, besorgten sich entsprechende Ausrüstungen und nahmen ebenfalls Fotografie in ihren Lehrplan auf. Ähnlich war auch die Einführung von Schwimm- und Turnunterricht Zeichen einer mutigen, offenen und zukunftsweisenden Mädchen- und Frauenbildung.