Über Maximilian Reich

Maximilian Reich, geboren 1984, wurde vom Arbeitsamt empfohlen, Geburtshelfer zu werden. Er entschied sich lieber für eine Karriere als Journalist und schreibt heute für Focus, Freundin, Neon, Playboy, Jetzt.de u.a. Er lebt mit seiner Familie in München.

Mehr Informationen zum Autor unter www.maximilianreich.de.

Informationen zum Buch

Fischstäbchen gegen Bauchweh

Als Kind hatte ich eine Schildkröte. Angeblich sollen diese Tiere über hundert Jahre alt werden. Meine hat nicht einmal bis Silvester durchgehalten. Der Ficus in meiner ersten Wohnung? Bis Donnerstag. Und ausgerechnet ich bin nun Vater. Sogar zweifacher Vater, seit meine Freundin Sonja und ihre beiden Söhne Dante und Paul zu mir nach München gezogen sind. Wie soll ich das bloß hinkriegen?

Die Geschichte eines Chaoten, der am Samstag noch Junggeselle war und am Sonntag plötzlich eine vierköpfige Familie hatte.

Wenn eine Patchwork-Familie der Preis für die Frau der Träume ist …

Das Buch zur beliebten Kolumne bei jetzt.de.

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Maximilian Reich

Hilfe, ich date eine Familie

Roman

Inhaltsübersicht

Über Maximilian Reich

Informationen zum Buch

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Für Euch drei

Kapitel 1: Eine Liebeserklärung auf dem Schul-Anrufbeantworter

Kapitel 2: Der Blick des Todes von Kleinkindern

Kapitel 3: Privatsphäre auf dem Klo

Kapitel 4: Die wunderbare Wirkung von Chloroform

Kapitel 5: Der Putz-Hulk im Badezimmer

Kapitel 6: Waschmittel zur Begrüßung

Kapitel 7: Die Warzen-Fee

Kapitel 8: Vorstellungsgespräch bei einem Hamster

Kapitel 9: Klopapier

Kapitel 10: Sex mit dem Christkind

Kapitel 11: Die Zeitschriftenmafia

Kapitel 12: Der Geruch von Wein

Kapitel 13: Arschbomben

Kapitel 14: Kuhhäften am Morgen

Kapitel 15: Starke Blasen, schwache Blasen

Kapitel 16: Fuß-Fische

Kapitel 17: Fontanellen

Kapitel 18: Spam-Mails mit Kuchenbestellungen

Kapitel 19: Der Diktator

Kapitel 20: Bettnäserin

Kapitel 21: (K)ein Bock

Kapitel 22: Das neuste Testament

Kapitel 23: Hausaufgaben

Kapitel 24: Das Wurstbächen-Massaker

Kapitel 25: Angriffe vom Charmin Bär

Kapitel 26: Blitz und Donner

Kapitel 27: Heimkehr

Epilog

Impressum

Für Euch drei

Dieses Buch soll die Menschen unterhalten und so glücklich machen, wie es mich meine Familie macht. Deswegen erzähle ich hauptsächlich von Momenten, in denen ich überfordert bin – und davon gibt es am Anfang viele, wenn man plötzlich zwei Kinder hat. Das soll aber nicht heißen, dass Sonja, Dante oder Paul anstrengend wären. Im Gegenteil. Es gibt keine Worte, um die Liebe und Aufopferung zu beschreiben, die Sonja jeden Tag für ihre Familie aufbringt, und ich habe noch nie so großartige Kinder kennengelernt wie Dante und Paul. Ich bin unendlich dankbar, dass die drei mich in ihren Kreis aufnahmen. Jeden einzelnen Moment mit ihnen habe ich für immer in meinem Herzen eingeschlossen.

Vieles in dem Buch ist wahr oder zumindest in ähnlicher Weise geschehen, und manches habe ich mir ausgedacht. So ist die Online-Redaktion zum Beispiel frei erfunden. Ähnlichkeiten zu Jetzt.de, wo die Kolumne zu diesem Buch erschienen ist, wären ein reiner Glückstreffer. Tatsächlich habe ich nie einen Fuß in ihre Büroräume gesetzt. Was sonst wahr ist und was nicht, bleibt mein Geheimnis. Daher ist dieses Buch insgesamt als Fiktion zu lesen. Namen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. Voyeure haben also Pech gehabt. Ällabätsch.

Kapitel 1

Eine Liebeserklärung auf dem Schul-Anrufbeantworter

Angeblich sind Kinder ja ein Geschenk des Himmels. Aber manchmal wünsche ich mir, der Himmel hätte den Kassenbon aufgehoben und ich könnte mein Geschenk umtauschen.

Jetzt zum Beispiel. Paul liegt in seinem Kinderbett und winselt: »Ich hab Bauchschmerzen.«

Klasse.

Ich hab erst seit ein paar Wochen zwei Stiefkinder, und schon ist eins davon kaputt. Ich knie mich neben sein Bett und tätschle ihm den Kopf. Ein langgezogenes Gähnen flieht aus meinem Mund. Es ist sieben Uhr morgens. Als ich das letzte Mal so früh wach war, wurde ich gerade aus dem Uterus meiner Mutter gezogen. Damals sah ich vermutlich ähnlich zerknautscht aus wie jetzt.

»Du Armer«, sage ich. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Ich bin ohnehin nicht gut im Trösten, und als Vater fehlt mir jegliche Erfahrung, mit solchen Situationen umzugehen. Meinem Kumpel Finn würde ich jetzt ein Bier aus dem Kühlschrank holen. Ab welchem Alter Kinder wohl Bier trinken dürfen? Paul ist jetzt acht. In Frankreich bekommen sie den Rotwein ja angeblich schon im Fläschchen …

»Weißt du, was man bei Bauchweh machen muss?«, unterbricht Paul meine Gedanken und beäugt mich voller Sorge. Einen ähnlich hoffnungslosen Ausdruck hätte ich vermutlich in den Augen, wenn ich mit zwei gebrochenen Beinen allein im tiefsten Dschungel von Borneo liegen würde. Dass sein Wohlbefinden nun in meinen Händen ruht, stimmt ihn nicht besonders zuversichtlich.

»Natürlich«, lüge ich.

Einen Moment starren wir uns einfach nur an. Keiner von uns sagt etwas. Dann, nach ein paar Sekunden: »Du musst in der Schule anrufen und mich krank melden.«

»Die Schule anrufen. Klar«, rufe ich aufgeregt. »Weiß ich doch. Ich hol nur kurz mein Handy.« Rattenrasch verschwinde ich im Nebenzimmer und bin kurz darauf mit dem Telefon in der Hand wieder zurück. »Äh … weißt du die Nummer?«

»Die hängt doch in der Küche.« Kleine Falten der Skepsis kräuseln sich auf seiner Kinderstirn.

»Ach ja, stimmt.« Ich gehe in die Küche, picke den Notfallzettel vom Kühlschrank und wähle die Nummer.

Es tutet viermal, dann geht der Anrufbeantworter an.

»Guten Tag, Reich hier. Ich wollte nur Bescheid geben, dass Paul krank ist und heute nicht in die Schule gehen kann. Auf Wiederhören«, spreche ich auf das Band und lege auf.

Verdammt.

Ich hab seinen Nachnamen gar nicht gesagt. Ich muss wohl noch einmal anrufen.

»Guten Tag, Reich noch mal. Paul ist übrigens nicht mein leiblicher Sohn, sondern der von meiner Freundin Sonja Park. Wir leben zusammen, sind aber nicht verheiratet. Also auf jeden Fall haben wir andere Nachnamen. Meine Freundin ist beruflich in Berlin, deswegen rufe ich an. Wundern Sie sich also bitte nicht, weil es keinen Paul Reich bei Ihnen gibt. Er heißt natürlich Paul Park.« Dann lege ich wieder auf.

So, damit kennt das Schulsekretariat unsere komplette Liebesgeschichte.

»Du musst sagen, dass ich in der 3 b bin«, krächzt es aus dem Kinderzimmer.

»Das wissen die.«

»Nein, tun die nicht.«

»Doch, ganz bestimmt.«

»Nein.«

»Paul«, sage ich. »Ich bin mir sicher, dass die Anzahl kleiner koreanischer Jungs an deiner Schule mit dem Namen Paul Park überschaubar ist.«

»Trotzdem. Sonst ruf ich Mama an und sag ihr, dass sie in der Schule anrufen muss.«

Es ist das erste Mal, dass ich mit den beiden Jungs meiner Freundin Sonja allein bin. Und sie soll auf keinen Fall denken, ich würde das nicht hinbekommen. Ich habe also keine andere Wahl: »Guten Tag, ich bin’s noch mal. Ich hatte vergessen zu sagen, dass Paul Park in die 3 b geht. Wiederhören.«

Wahrscheinlich blockiert die Schule jetzt meine Nummer, aber zumindest ist das erledigt. Dann kann ich mich ja jetzt anziehen.

Beim Gang in mein Schlafzimmer komme ich an Dantes Zimmer vorbei. Dort liegt Sonjas elfjähriger Sohn immer noch seelenruhig im Bett. Den hatte ich in der Aufregung total vergessen.

»Komm, aufstehen«, rufe ich und schalte das Deckenlicht ein. »Jetzt aber schnell. Wir sind spät dran. Du musst in die Schule.«

Mit lautem Stöhnen erhebt sich Dante in Zeitlupe aus seinem Bett.

Während er sich die Zähne putzt, stelle ich Milch, Cornflakes und eine Schüssel auf den Tisch und schmiere ein Salamibrot für die Schule. Das heißt: Ich sollte ein Salamibrot schmieren. Geht aber nicht. Wir haben nämlich kein Brot.

Beim Blick in den leeren Brotkasten fällt mir das gestrige Gespräch mit Sonja ein. Ich sollte zum Supermarkt gehen und Lebensmittel einkaufen, während sie die Kinder zum Klavierunterricht bringt und anschließend das Auto zur Werkstatt fährt. Ich kam mit zwei vollen Einkaufstüten zurück – bloß das Brot hatte ich vergessen.

»Dann muss ich wohl noch mal aus dem Haus«, seufzte Sonja daraufhin, erhob sich vom Sofa und zog ihren Mantel wieder an. Es war so ein Ich-bin-ja-selbst-schuld-ich-hätte-es-wissen-müssen-Seufzen, wie man es ausstößt, wenn man einen Dreijährigen bittet, die Blumen auf dem Fensterbrett zu gießen, und hinterher das Wohnzimmer unter Wasser steht.

»Quatsch, bleib hier. Ich geh einfach morgen früh zum Bäcker«, sagte ich und nahm, ganz der souveräne Liebhaber und verantwortungsvolle Familienvater, Sonjas Gesicht in meine Hände. »Du machst dir manchmal viel zu viel Stress, Schatz. Es ist doch alles ganz easy.«

Ich blicke wieder auf die Uhr: zwanzig nach sieben. Zu spät, um zum Bäcker zu laufen. Mist. Nervös durchforste ich unsere Küche nach einem brauchbaren Ersatz, den ich Dante in den Schulranzen packen könnte, finde aber bloß ein Glas selbstgemachtes Kimchi und Tiefkühlfischstäbchen.

»Hä?« Dante blickt skeptisch in seine Brotzeitbox. »Mama packt uns nie Fischstäbchen ein.«

Mama ist die oberste Instanz. Ihr Wort hat in dieser Welt noch mehr Gewicht als das von Zahnarztgattinnen, Prominenten und dieser Rubrik im Internet: Andere Kunden kauften auch … Das habe ich in den wenigen Wochen unseres Zusammenlebens schon gelernt. Ich hätte ihm genauso gut zwei Milchschnitten einpacken können, und er hätte sich beschwert, dass es heute nicht die üblichen Karottensticks gibt.

»Ich hab mit Mama gesprochen, und sie hat gesagt, dass ich das so machen soll«, lüge ich daher.

Dante zieht die Augenbrauen hoch. So richtig überzeugt scheint er nicht zu sein. Er verstaut die Brotzeitbox trotzdem in seinem Schulranzen und murmelt: »Da frag ich sie noch mal, wenn sie heute Abend zurückkommt, ob das stimmt.«

»Mach das ruhig«, bluffe ich und hoffe, dass er es bis dahin vergessen hat.

Es ist noch nicht einmal acht Uhr morgens, und ich habe bereits zwei Kinder angelogen. Dafür komme ich bestimmt in die Hölle. Wahrscheinlich wimmelt es dort unten von Vätern, die in ihrer Verzweiflung zu Notlügen gegriffen haben. Ich stelle mir vor, wie all die überforderten Papas im Fegefeuer schmoren und dazu verdammt sind, bis in alle Ewigkeit kleine Kinder für die Schule fertig zu machen.

»MA A A A A A X?« Paul reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich befürchte, das wird heute ein langer Tag. Ich hole tief Luft. »ICH KOMME GLEICH.«

Währenddessen zieht Dante die Wohnungstür auf. Mit einem großen Satz hechte ich mich dazwischen. »HA A A A A ALT.«

Dante guckt mich fragend an. »Was ist?«

»Hast du den Französischtest mit Mamas Unterschrift eingepackt?«

»Ja.«

»Wo ist der Fahrradhelm?«

Er dreht sich zur Seite, um den schwarzen Helm zu präsentieren, den er mit einem Knoten an seinen Schulranzen gebunden hat.

»In … Ord…nung«, sage ich ganz langsam, um Zeit zu gewinnen, während ich mein Gehirn durchforste, ob da irgendwo noch eine Anweisung von Sonja abgelegt ist, die ich möglicherweise vergessen haben könnte. Aber ich glaube, das war’s. »Gut, dann bist du entlassen. Viel Spaß in der Schule.«

»ICH HAB BAUCHWEH«, höre ich das andere Kind aus seinem Zimmer rufen.

»BIN UNTERWEGS«, rufe ich zurück.

Als ich an der Garderobe vorbeikomme, fällt mir ein, was Dante vergessen hat. Seine Jacke. Verdammt. Zum Glück erwische ich ihn gerade noch, bevor er in den Aufzug steigt. Was für ein Stress. Und keine Pause in Aussicht. Als Nächstes muss ich den Minipatienten ins Wohnzimmer aufs Sofa vor den Fernseher tragen und anschließend noch seine Batman-Bettdecke und zwanzig Kuscheltiere hinterher. Erst als ich auch noch eine Box mit Taschentüchern aus dem Badezimmer geholt und sein Lieblingsbuch neben ihn auf den Couchtisch gelegt habe, kann ich mich am Esstisch im Wohnzimmer an meinen Laptop setzen und anfangen zu arbeiten.

Ich bestelle gerade im Internet das Buch »Ihre Antwort ist Shoganai: Ruhe bewahren in Krisenzeiten«, als Paul jammert: »Mein Bauch tut immer noch weh.«

»Das vergeht bald, versuch, ein bisschen zu schlafen.«

»Warum hat man überhaupt Bauchschmerzen?«, fragt Paul.

Hm. Gute Frage. Ich habe meistens Bauchschmerzen nach einer durchzechten Wodka-Red-Bull-Nacht. Aber das können wir bei einem Achtjährigen wohl ausschließen. Ich weiß es also nicht. Deswegen gucke ich im Internet nach und finde auf einem Gesundheitsportal einen Artikel dazu, den ich Paul vorlese:

»Bauchschmerzen können viele verschiedene Gründe haben. Meist steckt nur eine harmlose Ursache hinter den Bauchschmerzen, zum Beispiel eine Magenverstimmung. Weitere häufige Auslöser sind Reizdarm-Syndrom, Magen-Darm-Infekte oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Aber auch ernstere Erkrankungen (zum Beispiel Darmkrebs) können …«

»Krebs?«, kreischt Paul. Er sitzt jetzt steif wie ein Golfschläger auf dem Sofa. Seine Unterlippe zittert. Hoppla.

Wichtige Lektion für mich: In Zukunft Texte erst einmal still selbst durchlesen, bevor ich einem Kind sage, dass es dem Tode geweiht ist. Ich bin bestimmt der schlechteste Stiefvater der Welt.

Ich stürze zum Sofa, um dem aufgebrachten Jungen die Angst zu nehmen. »Ach Quatsch, Paul, mach dir keine Sorgen. Das gilt doch nur für alte Menschen. Dein Bauch tut bloß weh, weil du noch nichts gefrühstückt hast.«

»Wirklich?« Seine Stimme klingt brüchig.

»Bestimmt. Ich bring dir jetzt was zu essen, und dann geht es dir gleich besser.«

»Und wenn nicht?«

»Dann darfst du mir mit einem Gegenstand deiner Wahl auf den Kopf hauen.«

Pauls Miene hellt sich ein bisschen auf.

»Abgemacht?«

»Abgemacht!«

Paul strahlt, als wir den Deal mit High Five offiziell besiegeln. Na also, geht doch. Traurige Kinder aufmuntern kann ich jedenfalls. Ich bin quasi der Pfarrer Fliege für Grundschüler.

Zwei Minuten später komme ich aus der Küche zurück mit den restlichen Fischstäbchen in der einen Hand und einem Glas Orangensaft in der anderen. »Bitte schön. Und brav alles aufessen, dann geht’s dir besser.«

»So viel?«, wimmert Paul. »Ich glaub, das schaff ich nicht.«

»Das schaffst du schon«, sage ich. »Du darfst auch dabei fernsehen.« Ich drücke Paul die Fernbedienung in die Hand und setze mich wieder zurück an meinen Arbeitsplatz, um eine E-Mail an eine Zeitschrift zu verfassen, für die ich gern schreiben möchte.

Lieber Herr Holzapfel,

ich hatte Ihnen vor zwei Wochen ein Exposé zukommen lassen bezüglich einer Idee für eine Modekolumne. »Max lernt Stil«. Erinnern Sie sich? Nun wollte ich nachfragen, ob Sie mir dazu schon Feedb…

»Urgh.«

Urgh? Merkwürdiges Geräusch. Ich gucke zum Sofa, von wo es kommt. Dort sitzt Paul nach vorn gebeugt und spuckt gerade seinen Mageninhalt auf den weißen Sofabezug und seine Batman-Bettdecke. Ich eile ihm zu Hilfe.

»O nein, ich hab eine Sauerei gemacht«, jammert Paul verzweifelt. Dabei sieht es eigentlich eher so aus, als ob Batman eine Sauerei in seine Strumpfhose gemacht hätte.

»Das ist nicht schlimm, Paul«, sage ich und versuche, möglichst beruhigend auf ihn zu wirken, während mein innerer Panikpegel ansteigt wie der Rhein im Frühling.

Was um alles in der Welt fehlt dem armen Kind bloß?

Ich hole Paul ein Glas Wasser und einen nassen Lappen und setze mich neben ihn. Zärtlich streichle ich ihm über den Rücken, während er sich den Mund abputzt.

»Jetzt leg dich erst mal zurück ins Bett, und ich ruf zur Sicherheit einen Arzt an, okay?«

»Aber ich muss die Bettdecke sauber machen«, sagt Paul besorgt.

»Um die kümmere ich mich. Nimm du solange die von deinem Bruder. In Ordnung?«

»Ist gut«, sagt Paul und schleppt sich völlig entkräftet in sein Kinderzimmer.

Dann tippe ich mit zittrigen Fingern die Nummer von Doktor Nestbauer in mein Handy. Er ist ein Freund meiner Mutter und seit fast dreißig Jahren mein Hausarzt. Ich war mit seinem Sohn zusammen in der Grundschule.

»Hallo Doktor Nestbauer.«

»Mensch, Max. Schön, dich mal wieder zu hören. Wie geht es dir?«

»Mir geht es super. Aber meinem Stiefsohn geht es schlecht. Er klagt seit heute Morgen über Bauchschmerzen.«

»Hmmm«, macht Doktor Nestbauer.

»Ich hab ihm dann Orangensaft und Fischstäbchen zu essen gegeben, aber das hat auch nichts gebracht. Und gerade eben hat er sich übergeben.«

»Oh, oh«, macht Doktor Nestbauer.

»Oh, oh?«, hake ich nach.

Ich habe eine Top-fünf-Liste der Dinge, die ich nicht von einem Arzt hören möchte – und »oh, oh« ist auf jeden Fall dabei.

1. »Das sieht übel aus.«

2. »Jetzt bitte mal die Pobacken ganz weit spreizen.«

3. »Frau Kollegin, kommen Sie schnell. Das müssen Sie sehen.«

4. »Wo ist denn jetzt die Schere abgeblieben?«

5. »Oh, oh.«

Aber Doktor Nestbauer beruhigt mich. »Keine Sorge. Kinder haben manchmal Bauchschmerzen, das ist ganz normal. Aber gib ihm bitte keinen Orangensaft mehr. Der Magen ist gerade sehr sensibel und verträgt die Säure im Saft nicht.«

»Also war es meine Schuld, dass er geko…, also gebrochen hat?«

»Das konntest du ja nicht wissen. Mach ihm einen warmen Fencheltee, und gib ihm eine Wärmflasche. Damit soll er sich ins Bett legen, und in zwei Stunden geht’s ihm wieder gut. Zur Sicherheit fahre ich heute Nachmittag auf dem Heimweg bei euch vorbei und sehe noch mal nach dem Rechten.«

»Super, vielen Dank, Doktor Nestbauer.« Mir fällt eine Hantelscheibe vom Herzen.

»Keine Ursache, Max. Bis nachher.«

»Bis nachher.«

Paul hat einen kleinen Stoffigel mit einem Kirschkernkissen in seinem Bauch, das man herausnehmen kann. Falls ich irgendwann einmal auf die Idee kommen sollte, Drogen über eine Grenze zu schmuggeln, dann wahrscheinlich mit diesem Igel. Ich setze das Stofftier in die Mikrowelle und stelle fünfundvierzig Sekunden auf der Zeituhr ein. Apathisch beobachte ich, wie sich der Igel auf dem Unterteller dreht.

Als Sonja fünf Stunden später die Wohnungstür aufschließt und den Flur betritt, schlägt sie die Hände vors Gesicht.

»Was ist denn hier los?«

Schwer zu sagen, was sie so erschreckt.

A) Die nassen Sofabezüge, die ich über die Lehnen der Essstühle zum Trocknen gehängt habe und die nun den Wohnzimmerboden volltropfen.

B) Doktor Nestbauer, der gerade auf dem Sofa mit seinem Stethoskop den Bauch ihres jüngsten Sohnes abhorcht.

»Alles gut«, sagt Doktor Nestbauer und steckt seine Instrumente zurück in den schwarzen Koffer. »Max war ein bisschen in Sorge, weil Paul Bauchschmerzen hatte, und hat mich deshalb vorsichtshalber angerufen. Aber es ist alles in Ordnung. Max hat mir erzählt, dass ihr erst vor kurzem nach München gezogen seid. Solche Umstellungen schlagen Kindern häufig auf den Magen. Kein Grund zur Beunruhigung. Aber er sollte in den nächsten Stunden keinen Orangensaft mehr trinken und Fettiges wie Fischstäbchen meiden.«

Sonja blickt irritiert zu mir.

»Ich hab Frühstück gemacht«, erkläre ich mit einem verlegenen Lächeln.

Sonja blickt mich lange an. Dann schüttelt sie den Kopf.

Es ist schon spät in der Nacht, als ich immer noch wach im Bett liege und über die Ereignisse des Tages nachdenke. Sonja hat gesagt, sie sei mir nicht mehr böse. Ich hätte schließlich nicht wissen können, dass man kranken Kindern keinen Orangensaft gibt. Oder dass man vollgekotzte Sofabezüge nicht zusammen mit einer sündhaft teuren Seidenbluse bei neunzig Grad wäscht. Wobei sie schon ein bisschen mit den Zähnen geknirscht hat.

Trotzdem lastet die Schuld schwer auf mir. Sonja hat Paul nämlich erlaubt, bei uns im Bett zu schlafen, und jetzt liegt sein Körper halb auf meinem Brustkorb. Ich starre an die Decke und frage mich: Worauf hab ich mich hier bloß eingelassen?

Aber ich glaube, dafür muss ich mit meiner Erzählung weiter vorn anfangen …

Kapitel 2

Der Blick des Todes von Kleinkindern

Ein kleines Mädchen tapst unbeholfen durch das Zugabteil. Direkt neben meinem Platz plumpst es zu Boden.

»Hoppla.« Ich lächle es aufmunternd an.

Das Mädchen greift seinen Schnuller vom Boden und rappelt sich wieder auf. Mit großen Augen guckt es mich an.

»Na du?« Ich grinse immer noch wie ein Glücksbärchen nach dem Koitus, aber das Kind zeigt keine Reaktion.

»Kuckuck.« Ich winke.

Nichts. Es starrt mich nach wie vor an, als wolle es mein Gehirn zum Schmelzen bringen. High Noon im »Bahn Comfort«-Bereich.

Hmm.

Also entweder ist das kleine Mädchen schwer depressiv, oder ich komme bei Kindern so gut an wie ein Schalker im Dortmund-Fanblock. Was nicht so toll wäre, wenn man bedenkt, dass ich gerade auf dem Weg zu meiner Freundin bin, um ihre beiden Söhne kennenzulernen. Wir wollen vorfühlen, ob die beiden mich als Freund an der Seite ihrer Mutter akzeptieren würden. Andernfalls müssten wir uns leider trennen, nicht weil wir es wollen, sondern zum Wohlbefinden der Kinder, das über allem steht. Und das darf nicht passieren. Ich liebe Sonja. Also bitte, lieber Gott, lass diesen dreijährigen Goldschatz einfach bloß hochgradig depressiv sein.

»Mausi, flirtest du wieder mit fremden Männern?«

Eine rundliche Dame mit blondem Pferdeschwanz hebt das kleine Mädchen auf den Arm.

Na, wenn das Mausis Flirttechnik ist, wachsen Mausi in den nächsten Jahren hoffentlich Riesenbrüste. Andernfalls befürchte ich, dass Mausi später einmal sehr einsam sterben wird.

»Komm, wir lassen den Herrn jetzt wieder in Ruhe.« Die Dame zwinkert mir zu und trägt das kleine Mädchen zurück zu ihrem Sitzplatz.

Ich drehe meinen Kopf wieder zum Fenster und blicke auf die schneebedeckten Felder, die an uns vorbeiziehen.

Bin ich schon bereit für Kinder? Die Frage schießt mir heute wohl zum hundertsten Mal durch den Kopf.

Ich bin zweiunddreißig Jahre alt. Ich habe ein monatliches Einkommen und mache meine Steuererklärung. Ich hab sogar einmal eine Darmspiegelung zur Vorsorge gemacht. Kann man noch reifer sein? Als meine Eltern so alt waren wie ich, hatten sie immerhin schon drei Kinder.

»Wir erreichen in wenigen Minuten den Bahnhof Hamburg-Altona. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung rechts«, bremst der Zugführer mit einer Durchsage meine Gedanken aus.

Ich hieve meinen Trolley von der Ablage über mir und stelle mich an den Ausgang. Meine Beine sind wacklig. Aber neben der Nervosität schwappt noch ein anderes Gefühl durch meinen Körper: Vorfreude. Ich freue mich darauf, Dante und Paul kennenzulernen und Sonja wieder in die Arme zu schließen. Zwei Wochen ist es her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben.

Das erste Mal habe ich Sonja vor zwei Monaten getroffen, als ich beruflich in Hamburg war. Ein Taschendieb hatte ihr vor einem Einkaufszentrum gerade die Handtasche entrissen, und ich bin ihm hinterhergerannt. Er ist mir leider entwischt, aber Sonja lud mich trotzdem als Dankeschön für meinen heldenhaften Einsatz auf einen Kaffee ein. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem wir nicht miteinander gesprochen haben. Sie hat mich gesehen und sich auf den ersten Blick sofort in mich verliebt. Ich bin eben wie Crystal Meth. Einmal probiert, kannst du danach nur schwer ohne leben.

Na gut, ich gebe zu: Das ist gelogen. Ich hätte viel zu viel Angst, einen Verbrecher zu verfolgen. Am Ende hole ich ihn tatsächlich noch ein. Und dann? Er würde sich bestimmt wehren – aber ich habe mich doch noch nie geprügelt. Diese Geschichte habe ich mir bloß ausgedacht, weil die Wahrheit nicht besonders romantisch ist. Ich saß am Abend an meinem Laptop und habe meinen Lebenslauf auf der Internetseite XING aktualisiert, als mir irgendein hochprofessioneller Algorithmus Sonja als Geschäftskontakt vorschlug. Sie ist Fotografin und arbeitet viel mit Medien zusammen. Weil ich Journalist bin, war die Business-Plattform der Meinung, wir könnten gut zusammenpassen. Sie sollte recht behalten. Ich hab ihr Bild mit den ölschwarzen Mandelaugen gesehen und mich sofort verliebt. Leider beruhte diese Anziehungskraft anfangs nicht auf Gegenseitigkeit.

Zunächst schickte ich ihr eine Kontaktanfrage. Als ich am Montagmorgen ihre Bestätigung sah, bedankte ich mich und erkundigte mich nach ihrem Wochenende. Ganz unverfänglich. Immer schön cool bleiben. Am Abend schrieb sie zurück:

Hallo Maximilian,

vielen Dank für Deine Anfrage. Ich habe mit meinen beiden Kindern einen Ausflug gemacht.

Grüße Sonja

Das war’s. Keine Gegenfrage. Nichts. Bloß der Hinweis, dass sie zwei Kinder hat. Wahrscheinlich, damit ich keine weiteren Annäherungsversuche unternehme. Aber da hatte sie sich geirrt. Denn ehrlich gesagt dachte ich, es würde keinen großen Unterschied machen, ob man mit einer Mutter oder mit einer kinderlosen Frau ausgeht. Vielleicht kann man seltener das Haus verlassen, dachte ich. Aber das kam einem Stubenhocker wie mir gerade recht. Im Nachhinein war ich damals wohl ziemlich naiv. Ich schrieb ihr also weiter fleißig Nachrichten, die sie alle brav beantwortete. Es brauchte allerdings ein paar Tage und viele Nachrichten, bis sie auch mal eine Gegenfrage stellte und Interesse an mir zeigte. Das war der Moment, in dem ich mich traute, nach ihrer Handynummer zu fragen – und prompt eine Abfuhr kassierte.

Hallo Maximilian,

tut mir leid, aber meine Nummer gebe ich nicht so gern weiter. Lass uns doch hier weiterschreiben.

Zu dem Zeitpunkt war sie für mich einfach nur eine Frau mit einem wunderschönen Foto und einem eigenen Humor, der manchmal durch ihre Nachrichten schimmerte. Aber es reizte mich, dass sie es mir so schwer machte. Mein Jagdtrieb war geweckt. Also schrieb ich ihr weiter, und jede Mail schloss ich mit der Frage nach einem Date und ihrer Handynummer ab. Und jede Antwort beendete sie mit Mal gucken und einem schelmischen Smiley. Es wurde zu unserem Running Gag.

Fünf Wochen ging das so. Dann musste sie geschäftlich nach München und stimmte endlich zu, bei der Gelegenheit mit mir auszugehen.

Vor dem Altonaer Bahnhof steige ich in ein Taxi und gebe dem Fahrer Sonjas Adresse. An einer roten Ampel bleiben wir vor einem thailändischen Restaurant stehen.

Bei unserem ersten Date haben Sonja und ich uns vor einem Restaurant getroffen, das ganz ähnlich aussah. Sie trug ein ärmelloses Kleid in Rot, das den Blick auf ihre schmalen Schultern freigab. Darauf legten sich ganz sanft ihre pechschwarzen Haare. Ich habe noch nie in meinem Leben eine so schöne Frau gesehen. Sie war ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich hatte eine eher dominante Frau erwartet, aber das Gegenteil stand plötzlich vor mir. Sonja war schüchtern. Gar nicht so resolut wie in ihren Nachrichten. Sie zitterte sogar leicht, vielleicht war ihr auch einfach kalt. Auf jeden Fall fand ich das irgendwie süß – und gleichzeitig raubte sie mir damit jede Nervosität. Ich nahm sie in den Arm, um sie zu beruhigen, und damit war das Eis zwischen uns gebrochen. Wir aßen Pad-Thai-Nudeln und Tom-Yam-Suppe und sprachen über Reisen, die wir gemacht hatten und die wir noch machen wollten. Sonja war nicht wie meine Dates zuvor. Meine Exfreundin fand immer ein Haar in der Suppe. Sonja betrat das Lokal und war begeistert von den kunstvoll bestickten Tischdecken. Sie hat eine unglaublich fröhliche Art, die mich mitriss und bis heute nicht mehr freigelassen hat.

»Was willst du eigentlich von einer zweifachen Mutter? Mit einer Frau ohne Kinder ist das Leben doch sicher einfacher«, fragte Sonja mich irgendwann. Es war ihr ernst.

Meine Einstellung zu Kindern hatte sich seit meiner ersten XING-Nachricht nach wie vor nicht geändert. Eine Beziehung mit einer Familie? So schwer kann das ja wohl nicht sein. Aber das konnte ich ihr so natürlich nicht sagen. Das hätte ja gewirkt, als sei ich ein oberflächlicher Typ, der sich keine ernsthaften Gedanken gemacht hat, was er hier eigentlich gerade tut. So was finden Frauen in der Regel gar nicht toll. Aber ich wollte Sonja unbedingt wiedersehen.

Also sagte ich: »Es stört mich nicht, dass du Kinder hast. Im Gegenteil: Ich liebe Kinder. Spaß habe ich lange genug gehabt. Ich möchte endlich eine Familie.«

Das ist ein bisschen wie beim Einreiseantrag in die USA, wo man ankreuzen soll, ob man Mitglied einer Terrorvereinigung ist. Man sagt halt das, was einen ans Ziel bringt. Und es funktionierte.

An diesem Abend küssten wir uns das erste Mal.

Seitdem haben wir uns jedes zweite Wochenende entweder bei ihr oder bei mir getroffen, immer wenn die Kinder bei ihrem Vater waren. Sonja wollte mich ihren Jungs erst vorstellen, wenn wir uns sicher seien, wo das mit uns hinsteuert. Und damit war ich einverstanden.

Das Taxi stoppt vor einem weißen Mehrfamilienhaus. Jetzt wird’s ernst. Mein Herz hat einen Gang zugelegt und rast nun wie Sebastian Vettel über den Nürburgring. Wie begrüßt man eigentlich ein Kind? Noch so eine Frage, die mir plötzlich durch den Kopf schießt.

Mit einem kräftigen Händedruck? Nein, bestimmt zu förmlich. Schließlich siezen wir uns nicht. Soll ich ihnen den Kopf tätscheln? Hm. Das mögen sie vielleicht nicht, könnte herablassend wirken. Lieber die Ghetto-Faust? Eine Umarmung? Oder wie die Politiker: eine Hand reichen und die andere auf die Schulter legen?

Jetzt mach dich nicht verrückt, die haben mehr Angst vor dir als du vor ihnen, sage ich mir und drücke endlich auf den Knopf neben dem Namensschild. Es klingelt.

Sonjas liebliche Stimme ertönt durch die Lautsprechanlage: »Hallo?«

»Hi, ich bin’s.«

Mit einem lauten Brummen geht die Tür auf, und ich trete ein in ein komplett neues Leben.

Das erste Treffen mit Kindern ist ein bisschen wie ein erstes Date – bloß dass man Überraschungseier statt Pralinen mitbringt. Man stellt viele Fragen (»Was ist dein Lieblingsfußballverein?« – »Kennst du die Lochis?« – »Laufen in München alle in Lederhosen rum?«) und findet alles furchtbar interessant (»Wow, das ist ja ein tolles Kinderzimmer!« – »Mensch, du bist ja schon groß!«), und wenn man sich dabei gut schlägt, hat man am Abend Sex. Mit der Mutter natürlich.

Wir hatten eine tolle Zeit zu viert, in der wir im Wohnzimmer »Scotland Yard« gespielt haben und Pokémons auf der Straße einfingen. Das erste Date, bei dem ich den ganzen Tag aufs Handy gucken konnte. Einer der Vorteile, wenn Kinder bei einem Date dabei sind.

Die zwei Tage vergingen wie im Sprint. Und als ich am Sonntag wieder im Zug auf dem Heimweg nach München saß und das Wochenende Revue passieren ließ, musste ich wieder über das Thema »Vaterschaft« nachdenken. Bisher sah mein Lebensplan eigentlich immer so aus: eine Frau kennenlernen. Heiraten. Gemeinsam ein Kind kriegen. Ich hatte mir ausgemalt, wie meine Frau im Kreißsaal unsere Tochter entbindet und ich zur Feier dieses Ereignisses stolz Zigarren im Wartezimmer verteile. Total klischeehaft, ich weiß. Ich hatte mich darauf gefreut, den Kinderwagen durch die Stadt zu schieben und bewundernde Blicke für mein hübsches Baby zu ernten. Und im Geiste würde ich ihnen zurufen: Jawohl, das hab ich gemacht. Ich habe Super-Sperma. Bäm.

Eine ernsthafte Beziehung mit Sonja würde hingegen bedeuten, dass ich mich von diesem Traum eventuell für alle Zeit verabschieden muss. Mit ihren neununddreißig Jahren besteht die Gefahr, dass Sonja nicht mehr schwanger werden kann. Ich stand also vor der Entscheidung: Kann ich mir ein Leben mit Sonja und ihren Kindern vorstellen – oder möchte ich irgendwann ein eigenes Baby? Denn egal, wie sehr ich Dante und Paul an diesem Wochenende ins Herz geschlossen habe. Ich glaube nicht, dass man ein fremdes Kind jemals so lieben kann wie das eigene Fleisch und Blut. Das Band zwischen Vater und Kind ist einfach stärker, wenn man von Geburt an dabei war und Verhaltensmuster oder körperliche Merkmale von sich in einem Kind wiedererkennt. Meine Gene würden mit mir aussterben. Wenn mich das stört, sollte ich lieber sofort die Reißleine ziehen, bevor eine Trennung allen Beteiligten noch mehr wehtut. Das Problem ist: Für eine Entscheidung müsste ich mein Herz in den Flugmodus schalten und nur auf meinen Kopf hören. Aber das kann ich nicht. In meiner Not wandte ich mich an meine Mutter.

Bei Käsekuchen am Küchentisch riet sie nur: »Vielleicht solltest du darüber nachdenken, was du bekommst, anstatt dich darauf zu fokussieren, was dir eventuell entgehen könnte.«

Ich: »Und was wäre das?«

Mama: »Wenn du dich darauf einlässt, wirst du sehr viel Liebe von diesen beiden Kindern bekommen.«

Ich: »Aber ich werde nie spüren, wie es ist, sein eigenes Baby auf dem Arm zu tragen.«