Über Ralf Schmidt

Ralf Schmidt wurde 1968 in Hayingen auf der Schwäbischen Alb geboren. Nach verschiedenen Stationen in der Kraftfahrzeugbranche ist er heute bei einem großen Automobilkonzern tätig. Er lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ingolstadt, wo er an seinen Harley-Davidsons und seinen Romanen arbeitet.

Informationen zum Buch

Ein Ermittler mit gewissen Methoden

Jan Schröder war verdeckter Ermittler und ein waschechter Motorrad-Freak. Nach dem ungeklärten Tod seiner Frau lässt er sich zur Mordkommission versetzen, weil er sich um seine sechsjährige Tochter Lea kümmern muss. Doch kaum im neuen Job wird ein Priester im Beichtstuhl erstochen. Schnell zeichnen sich Verwicklungen in höchste Kreise von Kirche und Politik ab – und dass seine Tochter den Mörder vermutlich gesehen hat und in höchster Gefahr schwebt.

Ein Kriminalroman der etwas anderen Art – nichts für schwache Nerven!

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Ralf Schmidt

Kreuz und Chrom

Kriminalroman

Inhaltsübersicht

Über Ralf Schmidt

Informationen zum Buch

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Danksagung

Impressum

Für Annette.

Meine wundervolle Frau.

Prolog

Schleichend wie ein Raubtier glitt die dunkle Limousine auf den Innenhof des alten Anwesens. Das Geräusch der Reifen auf dem Schotter erinnerte den Jungen an das Knirschen von Zähnen. Er kauerte im ersten Stock in einer Fensternische und drückte das Gesicht ganz nah an die Scheibe, so dass sie um seinen Mund herum beschlug. Mit zusammengekniffenen Augen sah er hinab.

Ein Mann in einem langen schwarzen Gewand griff beim Aussteigen nach einem baumelnden Kreuz, das an einer glänzenden Kette um seinen Hals hing. Als er aufrecht stand, ließ er es los, rückte sein Scheitelkäppchen zurecht und schritt hinüber zur Eingangstür. Mit auf dem Rücken verschränkten Armen erwartete ihn dort der Mann, der das Kinderheim leitete.

Die beiden redeten kurz miteinander, dann senkte sich die hintere abgedunkelte Seitenscheibe am Wagen ein Stück herab. Ein dickes blasses Gesicht kam zum Vorschein. Die schmalen blutleeren Lippen formten ein Lächeln. Die Knopfaugen starrten den Heimleiter durchdringend an, der eine Verbeugung andeutete und im Haus verschwand. Der andere blieb vor dem Eingang stehen und nickte dem Mann im Auto zu. Die schwarze Scheibe schloss sich, und die letzten Sonnenstrahlen des Tages spiegelten sich blutrot darin.

Plötzlich hörte der Junge hinter dem Fenster ein Fluchen und einen Schmerzensschrei zu ihm hinauf dringen. Er drehte den Kopf herum und blickte den langen Flur hinab, an dessen Ende soeben die Tür aufgerissen wurde. Ein Junge stürmte herein und rannte mit seinen kurzen O-Beinen an der Fensternische vorbei.

Als der Junge aus der Nische klettern wollte, um dem anderen nachzulaufen, kam der Heimleiter fluchend die Treppe herauf. Der Bursche hielt vor Schreck die Luft an und drückte sich tief in sein Versteck hinein. Ohne ihn zu bemerken, setzte der Mann dem Flüchtenden nach. Immer wieder rief er: »Bleib hier, bleib hier, verdammt!«

Der Kleine blickte zurück und hetzte weiter. Er rannte die Stufen ins oberste Stockwerk hinauf. Tapp-tapp, Tapp-tapp, Tapp-tapp hallten die schnellen Schritte herunter.

Als niemand mehr zu hören war, kroch der Junge aus der Nische und stürmte los, den beiden hinterher.

Als er ganz oben ankam, sah er den Jungen am offenen Fenster stehen. Tränen liefen ihm über sein dreckiges Gesicht und hinterließen schmale helle Streifen. Mit einer Hand hielt er sich am Fensterrahmen fest. Mit der anderen fuhr er sich über das verweinte Gesicht. Sein Körper vibrierte vom Schluchzen. Mit zusammengepressten Lippen stellte er ein Bein auf das Fenstersims. Bereit zum Sprung. Durch seine tränengefüllten Augen sah er den Heimleiter wütend an.

Der Mann ging langsam auf den Jungen zu. Er streckte ihm vertrauensvoll lächelnd eine Hand entgegen und sagte: »Komm zu mir. Es wird alles gut.«

Der Junge schüttelte den Kopf, bewegte sich nach vorn und verschwand durch den Fensterrahmen.

Der Heimleiter hetzte an das Fenster und lehnte sich ein Stück hinaus. Dann wandte er sich um und erblickte den anderen Jungen im Flur. Der Junge sah den Mann mit weit aufgerissenen Augen an, drehte sich um und stürmte los, so schnell er nur konnte.

Er preschte durch die Schlafräume des Kinderheims, als sei der Teufel hinter ihm her. Dabei rief er immer wieder: »Er ist gesprungen. Er ist gesprungen.«

1

25 Jahre später

»Sieht Mama durch die Augen?«

Jan Schröder drehte seiner Tochter den Kopf zu. Sie lag neben ihm auf dem Bett und lächelte ihn an. Mit dem Finger strich sie sanft über das tätowierte Porträt seiner Frau. Sein Blick wanderte zur Tätowierung auf der Innenseite seines linken Unterarms. Er zog das kleine Mädchen zu sich heran. Lea lachte und strampelte wild mit Armen und Beinen. Ihr Vater hielt sie fest in seiner Umarmung und küsste sie auf die Wange.

»Mama sieht alles«, sagte er.

Zärtlich strich er seiner Tochter durch ihr schwarzes Haar, das genauso glatt war und glänzend schimmerte wie Michelles. Lea kuschelte sich in seine Armbeuge.

»Vom Himmel aus?«, fragte sie.

Sein Blick wanderte durch das Schlafzimmerfenster hinaus in den sonnigen Morgenhimmel.

»Ja«, sagte er, »vom Himmel aus.« Obwohl er es besser wusste.

Zufrieden schloss sie die Lider. Schröder musterte ihre Gesichtszüge. Sie hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Die dunklen Augen von ihm.

»Wie wäre es mit Frühstück?«, fragte er Lea und begann sie zu kitzeln. Sie lachte und versuchte, aus seinem Griff zu entschlüpfen.

»Und dann?«, fragte sie neckisch, nachdem sie ihm entkommen war.

Er wiegte den Kopf hin und her und presste die Lippen aufeinander. »Schwimmbad?«

Lea sprang auf und hüpfte auf dem Bett herum. »Au ja. Schwimmbad. Schwiiiimmmmbad. Mit der Harli?«

Er lachte. »Ja. Wenn du willst, fahren wir Harley.«

Er nahm seine Tochter an die Hand und ging mit ihr in die Küche. »Wie immer?«, fragte er.

Lea kletterte auf einen der Barhocker und nickte. »Wie immer, Papa.«

Schröder strich ihr durch das Haar. »Okay.«

Kurz darauf stellte er ihr eine Schüssel Cornflakes mit Milch hin. Für sich nahm er eine Flasche Cola Light aus dem Kühlschrank und setzte sich neben seine Tochter. Das Mädchen schaufelte lautstark die Flakes in sich hinein, und ihr Vater schaute lächelnd dabei zu.

»So«, sagte Lea und schob die leere Schale von sich. Sie fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und stieg vom Barhocker. »Komm jetzt, Papa.«

»Ich komm ja schon, du kleine Nervensäge«, murmelte er leise.

»Hab ich gehört«, sagte sie und stapfte davon.

Kurz darauf gingen beide aus dem Haus. Schröder mit einer Sporttasche in der Hand und Lea mit einer viel zu großen Sonnenbrille auf der Nase. Ihr Vater wuchtete das Garagentor auf und schnallte die Tasche auf das Motorrad.

»Hier«, sagte er und streckte seiner Tochter einen Sturzhelm entgegen. Lea nahm ihn, klemmte ihn zwischen die Knie und hielt sich die Ohren zu. Schröder klappte den Kickstarter heraus und trat ihn mit Schwung nach unten. Donnernd sprang die alte Harley-Davidson an. Das Mädchen nahm die Hände von den Ohren und schob sich den Helm auf den Kopf, so dass die Sonnenbrille schräg auf ihrer Nase saß. Ihr Vater grinste kopfschüttelnd.

»Verdammt«, sagte er plötzlich und stellte die Harley ab.

»Paapaaa. Das sagt man nicht!«

Schröder zog das klingelnde Handy aus der Brusttasche seiner Lederjacke. »Ja?«

Lea nahm den Helm ab und setzte sich darauf.

»Wo? In der Vitus-Kirche?«

Er hörte dem Anrufer länger zu und sah immer wieder schulterzuckend zu seiner Tochter, die seine Blicke mit Grimassen erwiderte.

»Ich habe heute eigentlich frei und wollte mit meiner Kleinen ins Schwimmbad.«

Schröder hörte dem Anrufer weiter zu und lief dabei ein paar Meter hin und her. »Okay. Ich komme kurz vorbei und schau mir das an. Ich habe heute niemanden, der sich um meine Tochter kümmern kann.«

Schröder steckte das Telefon weg. Lea stand auf und sah ihren Vater skeptisch an.

»Zieh den Helm auf. Wir fahren nur noch kurz wo vorbei. Danach geht’s ins Schwimmbad.«

»Versprochen?«

»Versprochen.«

Lea nickte ernst und zog sich den Helm wieder auf den Kopf. Schröder trat die Harley erneut an und streckte Lea eine Hand entgegen. Das Mädchen ergriff sie und kletterte auf den Rücksitz.

»Gut festhalten!«, brüllte er.

»Paapaaa!«, rief sie.

Schröder sah im Rückspiegel, wie seine Tochter genervt den Kopf schüttelte. Sie mochte mit sechs Jahren schon nicht mehr, wenn man sie wie ein Kind behandelte. Wo mag das noch hinführen?, dachte er sich und legte den Gang ein. Lea stellte die Füße auf die Rasten und packte ihn fest um den Bauch, so weit wie ihre Arme reichten. Sie hatte jedes Mal einen riesigen Spaß, wenn er sie auf einem seiner Motorräder mitnahm.

An der Vitus-Kirche steuerte er die Harley auf den gepflasterten Vorplatz. Dort standen bereits Polizeifahrzeuge und ein Krankenwagen. Menschen rannten geschäftig umher. Schröder machte den Motor aus und stieg ab.

»Morgen, Schröder«, rief ein schwergewichtiger Mann, der die Kirchentreppen herunterhumpelte.

»Guten Morgen«, sagte Schröder und hängte seinen Helm an den Spiegel. Lea zog ihren ebenfalls aus.

»Na, darfst du schon auf dem Motorrad mitfahren?«, fragte der Dicke und kniff das Mädchen sanft in die Wange.

»Lass das«, sagte Lea und fuhr mit der Hand angewidert über die Stelle, die er berührt hatte.

»Ich hoffe, es ist wirklich so wichtig, Kai«, sagte Schröder.

»Der Pfarrer«, sagte sein Kollege und nickte in Richtung Kirche.

»Der Pfarrer? Verdammt.«

»Paapaaa.«

Kai Lorenz sah zu Lea und deutete Schröder dann an, ein paar Schritte zu gehen.

»Du wartest hier, Lea. Und du gehst nirgends hin. Versprochen?«

Lea verschränkte genervt die Arme vor der Brust.

»Versprochen.«

Schröder und Lorenz gingen die Treppe hinauf und verschwanden in der Kirche.

***

Lea setzte sich auf den Helm, schlug die Arme um die Beine und stützte das Kinn auf die Knie. Sie sah ihrem Vater zu, wie er durch die große hölzerne Pforte das Gotteshaus betrat. Ihr Blick wanderte von der Kirche über den Vorplatz hinüber zur Ladenzeile am Rande des Kirchplatzes, wo er an einem Eisstand hängen blieb, der zu einem Café gehörte. Lea leckte sich unbewusst über die Lippen und beobachtete die Kinder, die mit einem Eis davongingen. Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, als plötzlich ein Mann hinter sie trat und ihr mit der Hand über das Haar strich. Ärgerlich drehte sie den Kopf und blickte zu ihm auf.

»Na, wartest du auf jemand?«, fragte der Fremde.

Er sah kurz zu dem Eiscafé, das Lea in den Bann gezogen hatte, dann lächelte er sie freundlich an und ließ schließlich den Blick zur Kirche wandern. Er verfolgte das Geschehen auf dem Vorplatz eine Zeitlang. Polizisten und Personen in weißen Overalls gingen ein und aus. Am Krankenwagen wurden die Blaulichter ausgeschaltet. Langsam fuhr der Rettungswagen vom Kirchplatz herunter und entfernte sich. Stattdessen kam ein silberner Wagen vor dem Kirchenportal zum Stehen, auf dem Lea das Wort »Rechtsmedizin« entzifferte.

Der Fremde beugte sich hinunter und legte ihr seine Hände rechts und links auf die Schulter. Das Mädchen verzog das Gesicht und schüttelte sie trotzig mit einem Schulterzucken ab.

»Lass das«, schimpfte Lea.

»Magst du ein Eis?«

Lea sah den Mann nachdenklich an, schaute zur Kirche, dann wieder zu ihm. Eis. Sie liebte Eis. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen, so dass sie schlucken musste. Ihr Blick huschte für einen Moment hinüber zum Eisverkauf.

»Darf hier nicht fort.«

Der Fremde nickte wissend und richtete sich auf. »Auf wen musst du denn warten?«

Schröders Tochter blickte grüblerisch zum Kirchenportal. Vielleicht würde Papa ja so lange wegbleiben, bis sie das Eis gegessen hatte, und es gar nicht merken, dass sie nur kurz weg war, dachte sie.

»Auf Papa.«

Der Mann sah hinüber zum Kirchengebäude. »Ist er da drin?«

Lea schaute hoch und nickte. »Die haben ihn angerufen. Wir wollten ins Schwimmbad.«

»Was macht er denn in der Kirche?«

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. »Vielleicht schauen, wie es dem Toten geht. Das muss er immer.«

Der Fremde lächelte. »Ist er Arzt?«

»Nööö. Polizeimann.«

»Dann dauert es bestimmt, bis er wieder rauskommt. Schön, dich kennengelernt zu haben«, sagte er und strich ihr erneut kurz über das Haar.

Lea zog den Kopf etwas ein. »Wo gehst du hin?«

»Ein Eis essen. Die Hitze ist ja nicht auszuhalten.«

Schröders Tochter spähte wieder zum Eingang der Kirche. »Wo?«

»Da drüben«, antwortete der Fremde und zeigte zu dem kleinen Eiscafé an der Ecke des Kirchplatzes. Sie schaute hinüber, wo Kinder mit Erwachsenen in einer Schlange standen und andere Eis schleckend über den Platz liefen. Lea musste wieder schlucken. Sie sah zu dem Mann hoch und lächelte schmallippig.

»Magst du mitkommen?«, fragte er.

Sie blies die Wangen auf und musterte den Fremden eine Zeitlang. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Ich muss hier auf Papa warten.«

Der Mann sah zur Kirche, dann hinüber zur Eisdiele. »Von dort drüben kannst du bis hierher sehen. Du wirst deinen Vater nicht verpassen.«

Sie schaute abermals zum Eisstand und dann noch mal zur Kirche. Der Mann hatte recht. Von dort konnte sie auch sehen, wenn Papa wieder herauskam. Lea zog die Schultern kurz hoch.

»Hab es Papa versprochen.«

»Was?«

»Dass ich auf ihn warte.«

Der Fremde lächelte. »Das kannst du von dort drüben doch auch. Also, ich geh jetzt los und hol mir ein Eis. Gehst du mit?«

Leas Blick wanderte zwischen dem Eisstand und dem Kirchengebäude hin und her. Sie musste an Erdbeereis denken. Ihr Lieblingseis. Sie sah wieder zu dem Mann hoch, der ganz nett war, bis darauf, dass er ihr über das Haar strich. Sie sah wieder hinüber zu der immer länger werdenden Schlange. Dann zur Kirche. Papa blieb sicher eine Weile weg. Und wenn sie noch etwas warten würde, wäre es dann vielleicht wie schon einmal? Da hatten sie bestimmt eine Stunde vor einem Eiswagen gewartet, bis sie an der Reihe waren. Dann war das Erdbeereis schon alle gewesen.

»Aber nur kurz. Sonst schimpft Papa.«

Der Mann lächelte und streckte ihr eine Hand entgegen.

***

Schröder und Lorenz blieben im Eingang der Kirche stehen.

»Dort drüben«, sagte Lorenz und deutet mit einer Kopfbewegung zur hinteren rechten Seite des Kirchenschiffs. »Die Neue ist auch schon da. Am ersten Arbeitstag gleich einen Toten in einem Gotteshaus. Hat man auch nicht jeden Tag.«

»Scheint engagiert zu sein, wenn sie sogar vor uns da ist«, sagte Schröder und musterte die Staatsanwältin.

»Hat wahrscheinlich noch nicht viel zu tun und am Sonntag Zeit«, sagte Lorenz und grinste.

Schröder sah kurz zu seinem Kollegen, schüttelte unmerklich den Kopf und ging auf den mit einem weiß-roten Band abgesperrten Bereich zu. Innerhalb der Absperrzone knieten zwei Mitarbeiter der Spurensicherung. Ein Dritter fotografierte ununterbrochen. In der Mitte stand die Staatsanwältin und unterhielt sich mit dem Rechtsmediziner. Lorenz gab einem Streifenpolizisten ein Handzeichen, der daraufhin für die beiden das Flatterband anhob.

Die neue Staatsanwältin drehte sich zu ihnen um. Schröder grüßte freundlich mit einem Nicken und ließ seinen Blick über den Tatort wandern.

»Hauptkommissar Schröder. Hat eigentlich heute frei«, sagte Lorenz und deutete auf seinen Kollegen.

»Freut mich, dass Sie kommen konnten«, sagte die Staatsanwältin und streckte ihm die Hand entgegen.

Schröder ergriff sie schweigend.

»Valentini – Julia Valentini.«

»Jan Schröder.«

Julia Valentini lächelte etwas verlegen. Wahrscheinlich, weil sie darauf bestanden hatte, dass er zum Tatort kam, auch wenn er frei hatte, wie sie von Lorenz wusste.

Schröder begrüßte den Rechtsmediziner, den er bereits von anderen Tatorten kannte.

»Nun, Herr Schröder …«, begann die Staatsanwältin.

»Schröder reicht.«

Valentini zuckte mit den Schultern. »Gut. Schröder  – dort«, sagte sie und zeigte zu einem Beichtstuhl, der wenige Meter von ihnen entfernt stand.

Der Hauptkommissar zog die Augenbrauen zusammen. »Im Beichtstuhl?«

»Ja. Kommen Sie.«

Sie gingen ein paar Schritte zu dem hölzernen dreitürigen Gebilde hinüber, das Schröder an einen Schrank erinnerte.

»Die Spurensicherung ist soweit mit ihm fertig. Sie arbeiten am Umfeld weiter«, sagte Valentini und nickte kurz in Richtung der Männer mit den weißen Overalls.

Schröder trat näher an das Opfer heran. Seine Augen scannten den Tatort langsam, aber intensiv ab. Der Tote saß mit von sich gestreckten Beinen in der mittleren Kammer des Beichtstuhls, von der er vermutlich die Tür mit den Füßen aufgestoßen hatte, als er vom Sitz rutschte. Sein Kopf war mit weit offenem Mund in den Nacken gefallen.

Der Hauptkommissar beugte sich in der engen Kammer über den Leichnam und betrachtete die kaum sichtbare Wunde in der linken Brustseite.

»Ein Stich ins Herz«, sagte er.

»Ja. Sonst hat er keine sichtbaren äußeren Verletzungen«, sagte die Staatsanwältin.

Schröder lehnte sich aus dem Beichtstuhl heraus. »Sieht aus wie ein gezielter Stich«, sagte er zu Valentini und Lorenz gewandt.

Die Staatsanwältin nickte und zeigte auf eine fein gelochte Holzwand, die den Beichtstuhl in drei Bereiche teilte. »Der Stich wurde von der rechten Kabine aus durchgeführt. Durch diese Abtrennung hindurch. Wir haben etwas Blut daran gefunden.«

Der Hauptkommissar sah kurz zu Valentini, dann zur Trennwand. »Dann hat ihn jemand während der Beichte getötet?«

»Es sieht ganz danach aus«, bestätigte sie.

»Wie heißt der Mann?«

Julia Valentini blickte zu dem Opfer, dann auf das Kreuz, das der Pfarrer um den Hals hängend trug.

»Berthold Köstner. Er ist … war der Gemeindepfarrer.«

»Wer tötet einen Priester während der Beichte?«, fragte der Hauptkommissar, ohne darauf eine Antwort zu erwarten.

Valentini trat dichter zu Schröder heran. »Sieht so aus, als habe ein Pönitent seinen Beichtvater getötet. Vielleicht wollte der Pfarrer ihm seine Sünden nicht vergeben, und er geriet in Rage oder Panik«, sagte sie.

»Pönitent?«, fragte Schröder und drehte ihr den Kopf zu.

Die Staatsanwältin machte eine Handbewegung. »Nun ja, das Beichtkind. Eine Person, die Buße für begangene Sünden tut.«

Schröder zog die Augenbrauen zusammen. »Der Täter beichtet also und begeht daraufhin direkt eine Todsünde: Mord. Und das auch noch an einem Geistlichen.«

»Da möchte wohl jemand unbedingt in die Hölle kommen«, sagte Lorenz, der dicht hinter Valentini stand.

Mit zweifelndem Blick sah Schröder sich um. »Gibt es Sünden, die ein Priester bei einer Beichte nicht vergibt?«, fragte er die Staatsanwältin.

Sie verschränkte die Arme und zuckte mit den Schultern. »So bibelfest bin ich nun auch nicht.«

»Wer hat ihn gefunden?«

Valentini deutete mit dem Kopf zu einer Frau, die in der ersten Bankreihe der Kirche saß und ins Gebet vertieft schien. »Die Mesnerin. Ihr Kollege hat sie schon verhört.«

Lorenz trat etwas näher heran. »Sie hat nichts Auffälliges gesehen. Nur den Pfarrer tot aufgefunden, als sie hier ihrer Arbeit nachgehen wollte. Sie sah ihn im Beichtstuhl liegen und hat den Notarzt gerufen. Sie dachte, er hätte einen Herzinfarkt gehabt«, führte der Kommissar aus.

»Okay. Sie hat nichts Auffälliges gesehen? Was hat sie an Unauffälligem gesehen?«, fragte Schröder an Lorenz gewandt. Sein Kollege zuckte mit den Schultern. Valentini hob kurz die Hände und sah fragend zu seinem Kollegen.

»Unauffälliges? Nichts«, antwortete Lorenz knapp.

Schröder musterte noch eine Zeitlang die ältere, ganz in schwarz gekleidete Frau, die in gebeugter Haltung stumm vor und zurück schaukelte.

»Wann hat sie ihn gefunden?«

Lorenz sah auf die Uhr. »Vor einer Stunde.«

Schröder erhob sich und trat zum Rechtsmediziner, der dabei war, mit einem Kriminaltechniker zu sprechen, der die Bänke neben dem Beichtstuhl mit schwarzem Puder bestäubte.

»Wann wurde er getötet?«

»Ich schätze vor etwa zwei Stunden. Mehr …«

»Können Sie erst nach der Obduktion sagen«, vollendete der Hauptkommissar den Satz des Mediziners. »Todesursache dürfte klar sein«, fuhr Schröder fort.

»Auch das kann ich erst nach der Obduktion zweifelsfrei sagen«, erklärte der Rechtsmediziner und zeigte auf die Leiche. »Ein dünner Stichkanal in die linke Brusthälfte, wahrscheinlich direkt ins Herz. Weitere äußere Verletzungen konnten wir noch nicht erkennen. Der Tod muss unmittelbar erfolgt sein, was auch den geringen äußeren Blutverlust erklären würde. Wie stark die innere Blutung war, kann ich auch erst nach der Obduktion sagen.«

»Danke. Wann bekommen wir den Bericht?«, fragte Schröder.

»Wie immer schnellstens«, sagte der Rechtsmediziner und wandte sich grüßend ab.

Schröder nickte ihm dankend zu und sah zur Staatsanwältin und seinem Kollegen.

»Wurde die Tatwaffe gefunden?«, fragte er mit zusammengezogenen Augenbrauen.

»Nein. Bis jetzt noch nicht. Kollegen suchen das Umfeld ab«, sagte Lorenz.

»Wann war die Messe beendet?«, fragte Schröder und sah auf die Uhr.

»Die Messe?«, fragte Valentini.

»Ja. Es ist Sonntag. Da wird doch eine Messe gefeiert.«

»Ich frage nach«, sagte Lorenz und ging davon.

Schröder nutzte die Gelegenheit und musterte die Staatsanwältin. Sie trug eine weiße, feierliche Bluse und einen kurzen dunkelblauen Rock, der sehr gut mit ihren blauen Augen harmonierte. Beim Anblick der High Heels schmunzelte Schröder. Sie machten die Frau bestimmt neun Zentimeter größer, was bestens zu ihren sportlichen Beinen passte. Die blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, wodurch ihr schlanker Hals noch besser zur Geltung kam.

»Ich komme von einer Familienfeier. Mein Vater hat heute Geburtstag«, sagte Julia Valentini, als sie seine Blicke bemerkte.

Schröder hob wie zur Entschuldigung die Hände. »Ich dachte, Sie beginnen erst morgen Ihren Job.«

»Gestern war der 1. August. Da kann man nichts machen. Auch wenn heute Sonntag ist. Sie sehen aber auch nicht aus, als wären Sie im Dienst«, sagte sie.

Der Hauptkommissar sah an sich herab. Er trug schwarze, schwere Motorradstiefel, eine ausgewaschene Jeans und ein graues T-Shirt mit einem aufgedruckten Harley-Davidson-Schriftzug.

»Unterscheidet sich nicht sonderlich von meiner Arbeitskleidung«, sagte er grinsend.

»Bei mir auch nicht«, sagte sie und verschränkte wieder die Arme vor der Brust.

»Zehn Uhr«, sagte Lorenz schnaufend hinter ihnen. »Um zehn Uhr war die Messe aus.«

Schröder sah wieder auf die Uhr. Zwölf Uhr dreißig.

»Ist es normal, dass nach einem Gottesdienst die Beichte abgenommen wird?«, fragte er.

Valentini und Lorenz sahen sich an und hoben gleichzeitig die Schultern.

»Gut. Ich gehe noch mal und frage nach«, brummte Lorenz.

Schröder und Valentini standen sich wortlos gegenüber, bis der Kommissar zurückkam.

»Nein. Das heißt: Manchmal«, sagte er.

Beide schauten ihn überrascht an.

»Eigentlich nur freitags. Von siebzehn Uhr dreißig bis neunzehn Uhr. Aber der Pfarrer nahm das nicht so genau. Er hat meist nach der Messe die Beichte abgenommen. Heute wohl auch.«

»Es war heute also Beichtstunde?«, vergewisserte sich die Staatsanwältin.

Lorenz zuckte mit den Schultern, sah abermals auf seinen Schreibblock und bestätigte, was er bereits gesagt hatte. Der Hauptkommissar blickte nochmals zu dem toten Pfarrer und dem kleinen blutigen Loch in der Trennwand.

»Gut. Hat sonst irgendjemand etwas gesehen?«, fragte Schröder, an Valentini und Lorenz gewandt.

Beide schüttelten den Kopf. Schröder ging unter der Absperrung hindurch und sah sich nachdenklich den Innenraum des Gotteshauses an. Er drehte sich zur Staatsanwältin und seinem Kollegen um.

»Kai, kümmere dich darum, dass ich morgen alle Berichte auf meinem Schreibtisch habe. Vor allem den von der Obduktion. Frau Valentini, ich komme am Mittag nach dem Durcharbeiten der Unterlagen bei Ihnen vorbei.« Schröder wandte sich ab, blieb aber nach zwei Schritten stehen. »Kai, ich will alles über das Opfer wissen. Alles!«

Der Hauptkommissar ging weiter Richtung Ausgang und rief, ohne sich umzusehen: »Seine beruflichen Stationen. Wann er wo gearbeitet hat. Vergiss sein Privatleben nicht. Vereine. Hobbys. Alles!«

»Was soll es da Interessantes geben, Schröder? Der Mann war Pfarrer, verdammt«, rief Lorenz ihm nach.

Schröder packte den eisernen Türgriff des Portals und drehte sich nochmals zum Tatort um.

»Wir werden sehen.«

»Es ist Sonntag«, protestierte Lorenz.

Mit einem Nicken verabschiedete sich Schröder und zog die schwere Holztür auf.

***

Mit vor der Brust verschränkten Armen sah die Staatsanwältin Jan Schröder hinterher. »Scheint ja nicht sonderlich am Tatort interessiert zu sein, der Herr Hauptkommissar.«

Lorenz wandte den Blick vom Beichtstuhl ab und schaute sie an, dann zum Kirchenportal, durch das sein Kollege soeben verschwunden war. »Schröder? Der hat alles gesehen, was es Wichtiges zu sehen gibt. Glauben Sie mir. Der weiß jetzt schon mehr, als später in den Berichten stehen wird.«

Julia Valentini zog die Augenbrauen hoch und lächelte Lorenz gespielt an. »Fingerabdrücke, genetische Spuren, Einstichwinkel, Tatwaffe, Todesursache, Todeszeitpunkt und so weiter«, sagte die Staatsanwältin.

Er grinste und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Nase. »Spürnase – die hat er wie kein anderer. Dazu steht in keinem dieser Berichte etwas.«

»Gut. Dann hoffe ich, dass Spürnase bald Ergebnisse liefert.«

Lorenz schüttelte fast unmerklich den Kopf. »Das wird er.«

Die Staatsanwältin blickte erneut zu der Tür. Dieser Jan Schröder war schon eine merkwürdige Erscheinung in seiner Rocker-Kluft, von der sie nicht so richtig wusste, was sie davon halten sollte. Sein Kollege hingegen machte allen Anschein, der typische, etwas behäbige Polizist zu sein, den sie vom Typ her schon hundert Mal gesehen hatte.

Sie wandte sich dem Kollegen wieder zu. »Macht er den Job schon lange? Ich meine, ich muss wissen, ob ich mich auf den leitenden Ermittler verlassen kann.«

»Schröder? Ist seit einem Jahr bei uns. Glaube ich.« Er legte die Stirn in Falten. »Ja, ein wenig länger als ein Jahr. Seit dem Tod seiner Frau.«

Julia Valentini sah ihn überrascht an. »Oh. Das wusste ich nicht.«

»War eine üble Sache. Der Tod seiner Frau, meine ich. Sie wurde von einem Auto überfahren, als sie abends mit dem Fahrrad von der Zeitungsredaktion auf dem Weg nach Hause war. Fahrerflucht. Ist heute ja fast schon normal.«

»Wurde der Unfallfahrer gefasst?«

Lorenz presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.

Die Staatsanwältin verzog mitfühlend das Gesicht und sah wieder zur Kirchentür hinüber. »Schrecklich«, sagte sie.

»Ja. Vor allem für die kleine Lea.«

»Lea?«

»Ja. Seine Tochter. Er hat sich zu uns versetzen lassen, damit er sich besser um sie kümmern kann. In seiner alten Stelle wäre das wohl nicht gegangen.«

»Was hat er davor gemacht?«

»Verdeckter Ermittler. Organisierte Kriminalität. Im Rocker-Milieu.«

Die Staatsanwältin nickte. »Daher sein Aussehen. Hat wohl noch nicht mit seinem letzten Job abgeschlossen.«

»Keine Ahnung. Ich kenne ihn nur in dieser Kluft.«

Valentini musterte Lorenz eine Zeitlang, wie er den Aufräumarbeiten der Spurensicherung zusah und sich Notizen machte. Von diesem Mann, der beim Schreiben angestrengt die Stirn in Falten legte, konnte sie wohl keine Glanzleistung erwarten.

»Wo? Ich meine, wo war er als verdeckter Ermittler tätig?«, fragte sie.

»Schröder? Keine Ahnung. Ist wohl geheim. Seine Personalakten sind gesperrt. Hab nur ein paar Geschichten über ihn gehört. Was man sich so auf dem Flur erzählt. Sie wissen ja, einer weiß immer irgendetwas. Keine Ahnung, ob die Storys stimmen.«

»Was für Geschichten?«

Lorenz atmete tief ein und aus, ehe er von seinem Notizblock aufsah, und lächelte. »Hat wohl mal einen Verdächtigen, der zu Fuß abhauen wollte, mit einer Harley durch die Fußgängerzone verfolgt. Dann ist der Kerl in eine zwielichtige Kneipe verschwunden. Schröder ist mit dem Motorrad durch die Tür in den Laden gebrettert und hat den Typen mit der Karre an die Theke geschoben. Der muss wohl einfach vor Schreck umgekippt sein. Dann hat Schröder den Helm abgenommen, in aller Seelenruhe eine Cola Light für sich bestellt und für den Typen ein großes Wasser. Das hat er dann dem Ohnmächtigen ins Gesicht geschüttet.«

Lorenz schüttelte den Kopf. Valentini sah ihm an, dass er die Geschichte gerne erzählte und bestimmt bei jeder Gelegenheit herausholte, die sich ihm anbot.

»Nicht Ihr Ernst?«

Lorenz nickte wie ein Wackeldackel und lachte, dass die Spurensicherer sich zu ihm umdrehten.

»Da wird uns ja einiges erwarten«, sagte sie.

»Es gibt zwar noch die ein oder anderen verrückten Geschichten über ihn, aber inzwischen ist er ganz ruhig. Meistens jedenfalls.«

»Hoffentlich auch weiterhin.«

»Sie scheinen ihn nicht gerade zu mögen?«

Die Staatsanwältin sah wieder zur Tür hinüber. »Na ja. Wenn er einen guten Job macht, habe ich keine Beschwerden.«

Lorenz musterte sie, und Valentini war sich bewusst darüber, was er wie viele andere in ihr zu sehen glaubte: Statt einer Staatsanwältin sah er bestimmt nur die schöne Frau aus besserem Hause vor sich.

»Wenn es Ihnen darum geht, werden Sie ihn lieben«, sagte er schließlich, »Glauben Sie mir.«

Valentini nickte und hoffte inständig, der Mann möge recht behalten – Ergebnisse konnte sie wirklich brauchen, einen weiteren Skandal dafür ganz und gar nicht.

***

Schröder musste die Hand schützend vor das Gesicht halten, als er aus dem dämmerigen Gotteshaus in den hellen Sonnenschein trat. Er blieb stehen, blinzelte kurz und schaute zu seinem Motorrad.

»Lea«, murmelte er und rannte los.

Ihr Helm lag neben der Harley auf dem Boden. Schröder starrte darauf, drehte sich einmal um die eigene Achse und suchte mit zusammengekniffenen Augen den Kirchplatz ab. Seine Tochter war fort. Mit der Faust schlug er auf den Sitz. Dann hob er den Sturzhelm auf, hängte ihn an den Lenker und ging ein paar Schritte auf eine Menschenmenge zu.

»Lea«, rief er über den Vorplatz, ohne sie zu entdecken. Einige Leute schauten ihn verwundert an, schüttelten den Kopf und bummelten weiter. Er blickte sich abermals in alle Richtungen um. Immer noch konnte er sie nirgendwo ausmachen.

»Wo bist du?«, murmelte er und zog das Smartphone aus der Tasche.

»Lea, Kind«, sagte er plötzlich, als er sie aus der Menge auf ihn zukommen sah. Sie kam mit schuldbewusst gesenktem Kopf auf ihren Vater zugetrottet. Schröder ging in die Hocke und packte sie fester an den Oberarmen, als er beabsichtigt hatte.

»Aua«, rief sie.

Er lockerte den Griff. »Wo warst du denn?«, zischte er sie an. »Du solltest doch hierbleiben!«

Er musterte sie durchdringend. Seine Tochter begann zu schluchzen.

Schröder hob sie hoch in seine Arme. »Es tut mir leid, mein Schatz. Ich habe mir Sorgen gemacht. Du solltest doch nicht weggehen. Wir hatten das ausgemacht. Okay?«

Sie fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht und zog einen Schmollmund.

»Hast du ein Eis gegessen?«, fragte er, als er den roten Rand um ihren Mund bemerkte.

Sie guckte verlegen und drückte den Kopf an seine Schulter.

»Wer hat es dir gegeben?«

»Der Mann da«, sagte sie und zeigte zu der Menschenmenge am Eiskaffee.

»Welcher Mann?«

Lea schaute sich um. »Jetzt ist er weg.«

Schröder ließ den Blick über den Platz wandern. »Er hat dir einfach so ein Eis gekauft?«

»Ja.« Wieder wischte Lea sich über das Gesicht. »Er hat gesagt, du brauchst bestimmt noch länger. Dann hat er gefragt, ob ich ein Eis möchte. Da hab ich ja gesagt«, sagte sie und fing erneut an zu schluchzen.

»Ist ja gut, Kleines. Du musst doch deswegen nicht weinen.« Abermals schaute sich Schröder um. »Wie hat der Mann ausgesehen?«

Lea zuckte mit den Schultern. »Er hatte ein schwarzes Kleid an und eine lustige Kappe, die viel zu klein war.«

Schröder stellte seine Tochter auf den Boden und sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

»Ein Kleid und eine zu kleine Kappe?«, fragte er zweifelnd.

Das Mädchen zog wieder einen Schmollmund. »Ja.«

Schröder atmete tief durch. »Komm.« Er nahm sie bei der Hand und ging zum Eisstand an der Ecke. »Hat er dir hier das Eis gekauft?«

Lea nickte.

Schröder quetschte sich zwischen der murrenden Menschenmenge hindurch, die vor der Verkaufstheke wartete. »Entschuldigung. Wer hat hier vorhin meiner Tochter ein Eis gekauft?«

Schröder zeigte auf Lea, die mit verschränkten Armen am Rand der Menge stand. Der Eisverkäufer sah über die Menge hinweg und suchte den Vorplatz ab.

»Ein Priester. Ist ja selten, dass so einer bei mir ein Eis kauft«, sagte der Eismann und grinste.

Schröder drehte sich um und blickte ebenfalls zum Kirchplatz.

»Ich sehe ihn nicht mehr. Er wird in die Kirche gegangen sein«, sagte der Verkäufer und widmete sich dem nächsten Kunden.

Deshalb also das Kleid und das kleine Käppchen. Unbewusst strich Schröder Lea durch das Haar, als er sie erreichte. Sie hatte den Mann gut beschrieben, aber er hatte ihr nicht richtig zugehört, dachte er. Er nahm ein Taschentuch heraus, befeuchtete es etwas, beugte sich zu seiner Tochter hinab und wischte ihr über den verschmierten Mund.

»Sind wir wieder Freunde?«, fragte er lächelnd.

Lea legte nachdenklich den Kopf zur Seite. Auf ihrem Gesicht breitete sich langsam ein Grinsen aus.

»Hat das Eis wenigstens geschmeckt?«

Sie nickte ein paar Mal heftig.

Er wusste, wie gerne sie Eis mochte. Aber dass sie deswegen zum ersten Mal eine Abmachung gebrochen hatte, verwunderte ihn dennoch. Schröder nahm sie bei der Hand und ging zurück in Richtung seiner Maschine.

»Was habt ihr denn so geredet?«

»Wo ich in die Schule gehe. Wo wir wohnen. Was du machst. Ob ich auch immer in die Kirche gehe. Mehr weiß ich nicht mehr.«

Er blickte stirnrunzelnd zu Lea hinab, dann ließ er seinen Blick wieder über den Kirchplatz wandern, auf der Suche nach einem Priester, von dem er weder wusste, wer er war, noch, was er von seiner Tochter gewollt hatte.

2

»Guten Morgen«, sagte Schröder beim Betreten des Büros und stellte seinem Kollegen einen Kaffee auf den Tisch. Lorenz schaute verwundert die Tasse an, dann zu ihm auf.

»Danke.«

Schröder schlug ihm leicht an die Schulter und setzte sich gegenüber an seinen Arbeitsplatz, auf dem sich links und rechts die Akten stapelten.

»Die Berichte sind da«, sagte Lorenz und zeigte auf einen Stapel Unterlagen auf Schröders Schreibtisch. »Da liegen deine Kopien.«

Der Hauptkommissar widmete den Dokumenten einen flüchtigen Blick, lehnte sich zurück und legte die Füße mit den Motorradstiefeln auf den Schreibtisch. Er drehte den Plastikverschluss einer Cola-Light-Flasche auf und nahm einen langen Schluck.

Lorenz schaute ihn angewidert an. »Dass man das Zeug schon morgens trinken kann«, sagte er, schüttelte den Kopf und trank aus seiner Kaffeetasse. »Scheiße. Dass das Zeug immer so heiß sein muss.«

Schröder grinste. »Steht etwas Wichtiges drin?«, fragte er und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung der Unterlagen.

Sein Kollege verschränkte die Hände hinter dem Nacken und sah ihn an, wie er entspannt im Stuhl lag und auf eine Antwort wartete.

»Jede Menge Fingerabdrücke. Der Beichtstuhl ist übersät davon. Diese Gemeinde hat ziemlich viele Sünder. Wenn wir allen Abdrücken nachgehen, gerät wahrscheinlich die gesamte Kirchengemeinde in Verdacht«, sagte Lorenz und lachte brummend auf.

Schröder verzog das Gesicht, er hatte sich schon am Tatort gedacht, dass es kaum Verwertbares geben würde. Kein Wunder, an einem Tatort, wo jede Menge Menschen täglich ein und aus gingen.

»Also auch keine relevanten fremden DNS-Spuren am Opfer?«

Lorenz schüttelte den Kopf, ließ sich nach vorne fallen, nahm eine Mappe in die Hand und hielt sie hoch. »Die Tatwaffe ist ungewöhnlich.« Er legte den Bericht vor sich hin und blätterte darin.

Schröder nahm die Füße herunter, lehnte sich seinem Kollegen etwas entgegen und sah ihn erwartungsvoll an.

»Hier«, sagte Lorenz und klopfte mit dem Finger auf eine Seite im Dokument. »Kein Messer, kein Schraubenzieher, vermutlich etwas wie ein Stilett, steht hier. Das würde den Maßen der Wunde in etwa entsprechen. Sehr schmale Klinge. Durchbohrte das Herz, drang aber nicht tiefer ein als notwendig. Vermutlich war die Klinge gerade lang genug, um den dicht an der Trennwand sitzenden Pfarrer zu töten.«

Schröder zog die Augenbrauen zusammen. »Ein Stilett?«

Lorenz nickte und beugte sich etwas weiter vor. »Ich hab mal recherchiert. Ursprünglich kommt die Waffe aus Italien. Misericordia. So heißt das Ding dort. Gibt es seit dem 16. Jahrhundert. Wurde damals sogar schon verboten, weil sie so heimtückisch ist und durch ihre schlanke Bauart unbemerkt mitgeführt werden kann. Deshalb wurde sie auch von Killern gerne eingesetzt.«

Schröder verzog anerkennend die Mundwinkel.

»Misericordia ist lateinisch. Bedeutet Barmherzigkeit«, fügte sein Kollege hinzu.

»Barmherzigkeit? Soll das eine Nachricht des Täters sein?«

Lorenz zuckte mit den Schultern. »Wer weiß? Diese Stichwaffe wird auch als Gnadengeber oder Gnadengott bezeichnet. Vielleicht hat das eine Bedeutung. Verrückte gibt es ja genug. Möglicherweise tatsächlich so ein bescheuerter Typ, der uns eine Nachricht oder einen Hinweis geben möchte.«

Schröder lehnte sich nachdenklich zurück. »Gnadengott?«, wiederholte er.

Sein Kollege sah kurz vom Bericht auf und blätterte dann weiter. »Ach ja. Der tote Pfarrer war schwer krebskrank. Noch ein paar Monate, maximal drei bis fünf, dann wäre es mit ihm sowieso vorbei gewesen. Die Aktion hat sich wohl nicht gelohnt. Hätte der Täter das mal gewusst.«

»Okay. Das dürfte der Täter wohl nicht gewusst haben. Sonst hätte er sich kaum die Mühe gemacht«, sagte Schröder. »Das bedeutet, der Mörder wird vermutlich nicht aus seinem näheren Umfeld sein. Das macht es nicht einfacher.« Er presste die Lippen aufeinander und wippte etwas in seinem Bürostuhl. »Okay«, sagte er dann. »Wir haben also einen ermordeten Pfarrer. Schwer krank. Wovon der Täter wahrscheinlich nichts wusste. Lebenserwartung höchstens ein halbes Jahr. Als Tatwaffe eine schlanke Stichwaffe, vielleicht ein Stilett, auch Gnadengott genannt. Keine verwertbaren Spuren bisher. Keine Zeugen. Kein auf den ersten Blick erkennbares Motiv.«

Lorenz hob kurz hilflos die Arme und ließ sie wieder sinken.

»Das ist alles?«, fragte Schröder.

»Definitiv alles, was im Obduktionsbericht Relevantes drinsteht«, sagte sein Kollege und warf die Akte auf den Tisch.

»Sicher?«

Lorenz nickte.

Schröder hatte seine eigene Art, über Fälle nachzudenken, zuerst über den Tatort, dann über das Opfer selbst, immer streng in dieser Reihenfolge, um den Blick auf den Tatort nicht durch Fakten über die Person des Opfers trüben zu lassen. Lorenz kannte und respektierte diese Ordnung. Schröder trank einen Schluck Cola Light und drehte den Verschluss nachdenklich zu, dann stellte er die Flasche mit etwas zu viel Schwung auf den Schreibtisch, so dass die dunkle Flüssigkeit in der Flasche aufsprudelte.

»Okay. Was kann das bedeuten?«, fragte er sich selbst und fasste seine Gedanken laut in Worte.

»Raub scheidet aus. Das ist wohl klar, wenn die Kollekte und alle anderen Wertgegenstände noch da sind – das habe ich vor Ort gesehen. Kein halbwegs intelligenter Mensch raubt schließlich eine Kirche aus, wenn der Pfarrer vor Ort ist. Außerdem trug das Opfer immer noch ein verziertes Kreuz aus Edelmetall um den Hals, als er gefunden wurde. Ein Räuber führt auch kein Stilett mit sich. Das ist eine typische Waffe für einen Mörder.«

Sein Kollege sah ihn fragend an.

»Die Waffe ist zu ungewöhnlich, wer besitzt so etwas heute schon und führt es zufällig mit sich? Auch lässt sich diese Waffe aufgrund ihrer Form gut verstecken. Bedeutet also, die Tat war geplant«, erläuterte Schröder seinen Gedankengang.

Lorenz lehnte sich zurück und hörte weiter zu. Schröder stand auf, steckte die Hände tief in die Hosentaschen und sah aus dem Fenster auf den grauen Parkplatz.

»Ein Psychopath, der zum Beichten geht und seinen Beichtvater anschließend ersticht? Möglich. Dann wird es nicht bei einem Opfer bleiben. Oder es gab bereits ein Opfer in einem ähnlichen Fall. Wurde schon ein Datenabgleich gefahren? Auf ähnliche Fälle?«

Schröder drehte sich mit fragendem Blick zu seinem Kollegen um. Lorenz schüttelte den Kopf.

»Okay. Dann lass das machen. Weitere Möglichkeiten?«, fragte Schröder und sah Lorenz an, der entschuldigend die Hände hob. »Sterbehilfe.«

»Sterbehilfe?«, fragte Lorenz ungläubig.

»Im Christentum ist Selbstmord eine Sünde, die direkt in die Hölle führt. Oder so ähnlich. Wenn also der Pfarrer seine schwere Krebserkrankung nicht mehr erleiden konnte und aus dem Leben treten wollte, was hätte er tun können? Wenn er sich selbst umbringen wollte und wirklich streng gläubig ist, musste er davon ausgehen, dass er deswegen in der Hölle landet. Oder?«

Sein Kollege nickte.

»Okay. Also engagiert er jemanden, der ihn tötet. Dann ist es Mord, und der Pfarrer ist fein raus. Zumindest, was seinen Glauben anbelangt.«

Lorenz wiegte zweifelnd den Kopf hin und her. »Na ja. Warum beichtet dann der bestellte Mörder davor bei seinem Opfer?«

Schröder atmete tief ein. »Vielleicht wollte ihm der Pfarrer damit symbolisch die Schuld nehmen. Ihn von seiner Tat freisprechen. Ihm vergeben?«

Lorenz nippte an seinem Kaffee. »Na ja. Es bleibt trotzdem Selbstmord. Nur mit Hilfe eines Mörders. Klingt doch verrückt. Mord hätte ihm der Pfarrer beim Beichten nicht vergeben können. Ist das nicht eine Todsünde? Also wären beide im Arsch gewesen. Ich weiß nicht. Ich frage mal beim Rechtsmediziner nach, wie schmerzhaft diese Krebserkrankung war.« Er schlug eine Seite des Berichts auf. »Pankreaskarzinom. Mein Gott! Das Wort hört sich schon schrecklich an«, sagte er und schauderte.

»Okay. Klär das ab«, sagte Schröder und blickte eine Zeitlang aus dem Fenster hinaus.

»Rache?«, fragte er plötzlich in den Raum hinein.

Lorenz sah auf und legte die Stirn in Falten. »Rache? Wegen was? Warum sollte sich jemand an einem Gemeindepfarrer rächen?«

Schröder zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Wir wissen ja noch nichts über ihn und gehen noch vom Tatort aus. Nur eine Vermutung oder vielmehr eine Idee. Die Tatwaffe, das Stilett, würde dafür sprechen«, sagte er und setzte sich wieder. »Ich glaube, so wie der Priester im Beichtstuhl lag, halb saß, dass er überrascht war, getötet zu werden. Es ging so schnell. Er konnte nicht ahnen und nicht sehen, dass auf ihn durch diese gelochte Trennwand eingestochen wird«, fuhr Schröder fort.

»Das würde gegen diesen bestellten Selbstmord oder Mord sprechen«, sagte Lorenz und sah Schröder nachdenklich an.

»Der Pfarrer hatte keine Abwehrspuren an den Händen. Nicht einen Kratzer. Das ist ungewöhnlich, wenn man mit einer Stichwaffe angegriffen wird«, sagte Schröder.

Sein Kollege blickte instinktiv zur Fotomappe.

»Das ist mir bereits am Tatort aufgefallen. Womit wir wieder bei der ersten Frage wären: Wer geht zum Beichten und ersticht seinen Beichtvater? Plötzlich. Ohne Vorwarnung. Hat es aber vorher geplant und eine Stichwaffe eingepackt.«

Lorenz kratzte sich am Kopf.

»Okay. Jetzt zur Person des Opfers. Was wissen wir über den Pfarrer?«, fragte Schröder.

Lorenz blätterte im Bericht. »Geboren im Jahr 1965. Aufgewachsen in einem Dorf in Oberbayern. Abitur in Ingolstadt. Studium der Theologie an der Fakultät München. Priesterweihe an der Diözese Eichstätt. Ist auch irgendwo dort in der Gegend. War seit fünf Jahren der Gemeindepfarrer. Lebte zurückgezogen. Keine Freunde bekannt. Keine Hobbys. Nichts«, sagte er und schlug den Bericht zu.

»Dazwischen? Nach der Priesterweihe und bevor er Gemeindepfarrer wurde?«

Lorenz blätterte die Unterlagen wieder auf. »Mehr haben wir nicht«, sagte er und schaute zu Schröder auf.

3

Die Mesnerin steckte den Hausschlüssel in das Schloss, rüttelte leicht am Türknauf, um ihn drehen zu können, und öffnete die Tür. Dann trat sie einen Schritt zur Seite.

»Ich bin drüben in der Kirche, falls Sie mich brauchen«, sagte sie und ging die Treppe hinab.

»Einen Moment noch, Frau Rothenbacher. Ich weiß, mein Kollege hat gestern schon mit Ihnen gesprochen, aber könnten Sie mir vielleicht noch einen Augenblick Ihrer Zeit schenken?«

Schröder lächelte sie gewinnend an, aber sie blieb in ein paar Schritten Entfernung stehen und zog ihre dünne Strickjacke enger um die Schultern.

»Was gibt es denn noch?«

»Konnten Sie sich inzwischen erinnern, wer die drei Personen waren, die Sie gestern vor der Beichte gesehen haben?«

»Ich glaube, der Mann war der alte Greiner. Draußen vom Aussiedlerhof. Der ist sicher schon über siebzig. Beichtet immer, nachdem er in der Messe war. Die anderen habe ich nicht gekannt, zwei Frauen. Ich habe auch nicht so genau hingeschaut. Ich konnte ja nicht wissen …«

»Gewiss. Können Sie sich trotzdem an etwas erinnern, was uns hilft, die beiden anderen zu identifizieren? Irgendetwas, das Ihnen merkwürdig vorkam?«

»Nichts Bestimmtes … Nur die eine Frau, die Jüngere. Sie hatte so einen modernen Schal um. Obwohl es warm draußen war. Damit hatte sie das Gesicht halb bedeckt«, sagte die Mesnerin.

Schröder notierte es in seinen Schreibblock. »Vielen Dank, Frau Rothenbacher. Zuletzt noch eine Frage zu Pfarrer Köstners Privatleben. Sie sagten meinem Kollegen, er lebte hier völlig zurückgezogen?«