Über Doug Magee

Doug Magee war Fotograf, Journalist, Drehbuchautor und Regisseur. »Schöne Ferien« ist sein erster Roman. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Spanish Harlem.

Ursula Walther ist freie Übersetzerin und hat u. a. Laura Lippman und Lisa Gardner ins Deutsche übersetzt. Sie lebt in Bayern.

Informationen zum Buch

Ein Sommernachtsalptraum

Ein Thriller, dessen besondere Effekte von der ersten Seite an fesseln: ein entführtes Kind, ein Mord in der Wildnis, verzweifelte Eltern und ein Kidnapper, dem die Dinge zu entgleiten drohen.

Lena hat schon bessere Tage gesehen – ihre Ehe mit David kriselt. Insgeheim glaubt sie, dass er sie betrügt. Sie freut sich daher sehr auf ein paar ruhige Tage, wenn ihre neunjährige Tochter Sarah ins Sommercamp reist. Pünktlich fährt der Kleinbus für das Ferienlager vor. Sarah steigt aufgeregt ein, und Lena unterschreibt dem freundlichen Fahrer, der sich J. D. nennt, die erforderlichen Papiere. Kaum ist der Kleinbus weg, fühlt Lena sich erleichtert. Nun hat sie endlich Zeit, über sich und David nachzudenken. Zehn Minuten später klingelt es wieder an ihrer Tür. Eine junge Frau steht da und fragt, ob Sarah fertig sei. Sie wolle sie ins Camp abholen. Ein schrecklicher Alptraum beginnt.

»Ein atemberaubender Thriller der Extraklasse. Verschlingen!« Cosmopolitan

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Doug Magee

Schöne Ferien

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Ursula Walther

Inhaltsübersicht

Über Doug Magee

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Impressum

Die »Hoffnung« ist ein Federding –

Das in der Seele hockt –

Und Lieder ohne Worte singt –

Sich niemals unterbricht –

Im Sturm – klingt es am schönsten –

Und der muss heftig toben –

Den kleinen Vogel zu beschämen

Der vielen warm gegeben …

Emily Dickinson

(Übersetzt von Gunhild Kübler)

Wahrheit ist nicht das Ergebnis von Bemühungen, nicht das Ende der Straße. Sie ist hier und jetzt, in der Sehnsucht und der Suche nach ihr. Du siehst sie nicht, weil du sie zu weit weg von dir suchst – außerhalb deines innersten Seins.

Sri Nisargadatta Maharaj

Kapitel 1

Es war kein alltägliches Ereignis, nichts Normales oder Gewohntes, das ihr schon in Fleisch und Blut übergegangen wäre. Diese Entschuldigung konnte sie nicht anführen. Tatsächlich war es ein einmaliges Vorkommnis. Und dennoch hatte sie sich diese Momente so oft vorgestellt und geprobt, so viele mögliche Probleme und Problemlösungen durchgespielt, dass es ihr, als sie Sarah in den Van des Sommercamps setzte und ihre einzige Tochter zum ersten Mal in ihrem jungen Leben wegschickte, vorkam, als hätte sie das schon oft getan.

Wäre David dabei gewesen, hätte vielleicht einer von ihnen Zweifel angemeldet und gesagt: »Moment mal …« Doch so war es nicht. Lena musste allein alles organisieren, Ängste beschwichtigen, Sarah in den Kleinbus setzen und Lebwohl sagen. Als David eine Stunde zuvor aus dem Schlafzimmer gekommen war, hatte er verkündet, dass er die Abfahrt verpassen würde; er habe eben einen Anruf auf dem Handy erhalten und müsse für ein paar Stunden ins Büro.

»Es hat sich etwas ergeben, sie brauchen mich.«

Lena bezweifelte, dass er die Wahrheit sagte. Wenn David dienstlich angerufen wurde, dann über das Festnetz. Außerdem war heute Samstag, und David hatte sich offiziell für zwei Wochen Urlaub abgemeldet. Und sein Job war eigentlich nicht so wichtig, dass er deswegen ein bedeutsames Ereignis wie Sarahs Abfahrt zu ihrem ersten Ferienlager versäumen müsste. Lena war drauf und dran, Fragen nach dem Anruf zu stellen, als ihr auffiel, dass er ihrem Blick auswich; sie überlegte, ob ihm die ganze Situation über den Kopf gewachsen war, ob er sich vor dem Abschied fürchtete, möglicherweise auch vor der Zeit, die er ohne Sarah allein mit ihr verbringen musste. Sie ließ ihm die Lüge durchgehen.

David fand Sarah in ihrem Zimmer, und er machte ihr klar, dass er wegmusste. Er war froh zu sehen, dass ihr das nichts ausmachte und sie ihn ohne Aufforderung umarmte.

»Du kannst von dort aus mailen, oder?«, fragte er, während er seine Tochter in den Armen hielt.

»Ich glaube schon, aber wohl nur einmal in der Woche. Linda sagt, der Computer dort ist beschissen. Zumindest war es letztes Jahr so.«

»Dann mach dir fleißig Notizen, damit du uns alles erzählen kannst, wenn du wieder zurück bist.«

David küsste seine neunjährige Tochter auf die Stirn und lächelte sie an. Plötzlich bestürmte ihn das Gefühl, dass etwas fehlte, dass Dinge unausgesprochen und unerledigt waren. Dieses wunderbare Wesen, das sich in kürzester Zeit zu einem jungen Mädchen mit strahlenden Augen entwickelt hatte, würde zum ersten Mal ganz allein in die Welt hinausfahren. Waren da nicht Ermahnungen fällig? Sollte er ihr nicht zu verstehen geben, dass er sie liebte? Ihr Worte mit auf den Weg geben, die sie in den zwei Wochen, die sie von zu Hause weg war, nicht vergessen würde? Aber der Ausdruck in Sarahs Gesicht hielt ihn davon ab. Ihm war bewusst, dass jede Warnung wie »Pass auf die Schlangen auf« mit einem genervten Stöhnen quittiert werden würde.

Er zog sich zurück, winkte zum Abschied, und Sarah winkte auch. Dann drehte er sich um und verließ das Zimmer. Lena arbeitete sich im Esszimmer durch eine Checkliste. Seit sie entschieden hatte, David nicht wegen des Anrufs aus seinem Büro zur Rede zu stellen, bereitete sie sich auf einen frostigen Abschied von ihm vor – darin waren sie in der letzten Zeit richtig gut geworden. David enttäuschte sie auch dieses Mal nicht. Er war schon fast an der Haustür, ehe er etwas sagte.

Er hielt sein Handy hoch. »Falls es Probleme gibt – du erreichst mich auf dem Handy. Vielleicht sitze ich nicht an meinem Schreibtisch.«

»Gut«, antwortete Lena und hätte gern noch eine Spitze hinzugefügt wie: »Natürlich sitzt du nicht an deinem Schreibtisch.« Aber sie sah ihn mit dem üblichen Halb-Lächeln an.

Lena warf einen Blick auf die alte Standuhr im Wohnzimmer und stellte fest, dass sie ihrem Zeitplan ein wenig hinterherhinkte. Der Bus sollte um neun hier sein. Die Leute vom Camp hatten angekündigt, dass sie Sarah als Erste abholten und dann die Runde machten, deshalb wollte Lena spätestens um zehn vor neun mit allem fertig sein. Es war fünf vor halb neun, als sie die Liste aus der Hand legte und in Sarahs Zimmer ging.

Sarah saß an ihrem Computer und sah sich ein Video in Briefmarkengröße an. Sie hatte Kleidung und ein paar Bücher auf dem Bett zurechtgelegt. Ohne etwas zu sagen, sammelte Lena die Sachen ein, ging damit in ihr Schlafzimmer und begann, Sarahs Koffer zu packen. Wie David fragte sie sich, ob sie ihrer Tochter vor der Abfahrt noch kluge Ratschläge geben sollte, aber große Mutter-Tochter-Gespräche gehörten eigentlich nicht zu ihrer Beziehung. Lena beschloss, den Abschied möglichst zurückhaltend zu gestalten.

Sarah erschien in der Tür. Sie wirkte ein wenig verloren, vielleicht sogar verängstigt.

»Was ist los, Schätzchen?« Lena packte weiter, um nicht allzu besorgt zu erscheinen.

»Mir ist gerade etwas eingefallen. Das Erste, was sie mit Neuankömmlingen machen, ist ein Schwimmtest. Linda meinte, dass es echt kalt ist und dass man zum Schluss auf dem Wasser treiben muss.«

»Du bist eine gute Schwimmerin.«

»Nein, das bin ich nicht. Und ich kann mich nicht aufs Wasser legen. Dazu muss man fett sein.«

Lena lachte und ging zu ihr. »Glaub einem Profi, das ist nicht nötig. Und ich kann mich auf dem Wasser treiben lassen. Findest du, dass ich fett bin?«

»Nein.«

»Es muss etwas mit der Knochendichte zu tun haben. Wenn jemand feste Knochen hat, dann fällt es ihm schwer, sich auf dem Wasser zu halten. Wahrscheinlich hast du dieselbe Knochendichte wie dein Dad und ich, also dürftest du keinerlei Probleme haben, dich treiben zu lassen.«

»Danke für den Vortrag.«

»Keine Ursache. Bist du so weit? Welche Schuhe willst du anziehen?«

»Diese«, sagte Sarah und deutete auf die nagelneuen Turnschuhe, die sie bereits anhatte. »Und ich weiß, was du sagen wirst. ›Sie sind neu. Du machst sie dir nur schmutzig.‹ Stimmt’s?«

»Na ja. Das stimmt – findest du nicht?«

»Aber ich will sie nur im Van tragen und sofort, wenn wir angekommen sind, die Fußballschuhe anziehen.«

Lena entschied, sich nicht noch einmal auf eine Diskussion über die Schuhe einzulassen. Sarah, eine sehr gute Fußballerin, war hin- und hergerissen gewesen zwischen einem Fußballcamp, das ihr Trainer empfohlen hatte, und dem Camp Rondo, einem normalen Ferienlager ohne Fußballprogramm in den Catskills, das Sarahs Freundin Linda im letzten Jahr schon besucht hatte. Dass sie sich letzten Endes fürs Camp Rondo entschieden hatte, bereitete ihr lange Gewissensbisse, und sie schwor sich, dass sie im Camp die ganze Zeit ihre Fußballschuhe tragen würde. Lena hatte versucht, ihr klarzumachen, dass diese Schuhe unpraktisch und beim Wandern gefährlich sein könnten. Doch mittlerweile versuchte sie schon gar nicht mehr, diese Schlacht zu gewinnen.

Sarah drehte sich um und ging. Da sich Sarah so elegant bewegte, hatte Lena gehofft, sie würde bei den Ballettstunden bleiben, statt zum Fußball zu wechseln. Während andere Mädchen im Ballettröckchen unbeholfen und linkisch wirkten, hatte Sarah den Eindruck erweckt, als würde der Raum um sie herum schweben, als sie die ersten Tanzschritte einübte. Lena, die sich selbst überhaupt nicht als graziös ansah, trauerte um die verpasste Gelegenheit, als Sarah ihr eröffnete, dass sie keine Lust mehr hatte auf Miss Threadgills »blöde« Tanzschule, und David ihr den Rücken stärkte. Lena hätte es schön gefunden, wenn sie Sarah in Ballettkurse, nicht in ein Fußballcamp oder ins Camp Rondo hätte schicken können. Aber Lena gehörte nicht zu den Müttern, die eigene unerfüllte Wünsche oder Ambitionen auf ihre Kinder projizierten.

»Sie sind da«, rief Sarah aus dem Wohnzimmer.

Lena ging zum Fenster und sah den blauen Kleinbus mit dem Logo von Camp Rondo, der in die Einfahrt gebogen war.

Lena rief Sarah zu: »Sag ihnen, dass wir …« Sie hielt inne, als ihre Tochter wieder ins Schlafzimmer kam.

»Nein, Mom. Du sagst es ihnen.« Sarah sah aus, als hätte sie in den letzten Minuten jede Menge Selbstbewusstsein verloren. Lena legte ihr besänftigend die Hand auf die Schulter, ehe sie das Schlafzimmer verließ.

»Mach den Reißverschluss des Koffers zu und …« Sie lief zur Haustür, öffnete sie und stellte sich auf die kleine Veranda. Ein junger Mann mit Lockenkopf – vermutlich ein Collegestudent – hatte die Fahrertür geöffnet und stieg aus. Lena winkte ihm.

»Hi! Wir sind gleich so weit.«

Der Mann winkte zurück, und Lena ging wieder ins Haus. Sarah schleppte ihren Koffer ins Wohnzimmer – ein gutes Zeichen, dachte Lena. Sie schaute auf die Standuhr; es war erst zwanzig vor neun. Wenigstens sind sie pünktlich, sagte sie sich, während sie zum Tisch im Esszimmer ging und ihre Checkliste in die Hand nahm.

Die nächsten Minuten beschäftigte sie sich nur mit diesem Papier; Kissen, Handtücher, Schlafsack, Dopp-Kit. (Was ist ein Dopp-Kit? – Oh, Dad nennt es so. Es ist der Beutel, in dem du deine Zahnbürste, die Seife und solche Sachen aufbewahrst), Basecap, Sonnenschutzmittel, Mückenspray, Taschenlampe, Postkarten mit vorgeschriebenen Adressen, Sommerlektüre – all das stopfte sie in den neuen Matchsack. Immer wieder spähte Lena aus dem Fenster; der Collegestudent lehnte an der Motorhaube – wie es schien, scherte er sich keinen Deut um sie.

Dann wurde es Zeit, den Koffer und den Matchsack nach draußen zu bringen. Lena schnappte sich den schwereren Koffer, doch ehe sie Sarah bitten konnte, den Matchsack zu nehmen, sah sie, dass das Kinn ihrer Tochter bebte und Tränen in ihren Augen standen. Lena drückte sie kurz an sich.

»Alles wird gut, Schätzchen. Linda ist bei dir. Und es sind ja nur zwei Wochen.«

»Ich wünschte, ich hätte mich fürs Fußballcamp entschieden«, brachte Sarah trotz der unterdrückten Tränen heraus. Dennoch nahm sie den Matchsack und ging voraus.

Der Collegestudent grinste Sarah breit an, hielt ihr die Hand hin und stellte sich als »J.D.« vor. Er trug ein, wie Lena fand, etwas zu enges Polohemd mit den Camp-Logo. Er nahm den Matchsack und ging zum Heck des Van. Lena folgte ihm und stellte zufrieden fest, dass der Kleinbus innen makellos sauber war. Sobald der Koffer verstaut und die Hecktür geschlossen war, streckte Lena J.D. die Hand hin.

»Ich bin Lena, Sarahs Mutter.«

»Hi. J.D. Schön, Sie kennenzulernen. Ich möchte Sie bitten, noch ein paar Papiere zu unterschreiben.«

Sie gingen zur Fahrertür, und Sarah drückte sich an Lena. J.D. nahm ein Klemmbrett vom Vordersitz und reichte es Lena zusammen mit einem Stift.

»Sie müssen ganz unten auf der ersten, der dritten und der letzten Seite unterschreiben.«

Lena überflog den Text und merkte, dass es die üblichen Verzichts- und Zustimmungsformulare waren.

»Ich wusste nicht, dass ich heute meinen Anwalt brauche.«

J.D. lachte. Er merkte, dass sich Sarah etwas abseits hielt, und ging zu ihr.

»War das ein Fußball, den ich in deinem Matchsack ertastet habe?«

»Ja.«

»Spielst du Fußball?«

»Ja.«

»Nun, dann wirst du in Rondo sicher öfter aufs Tor schießen.«

»Wie kommt’s? Dort gibt’s doch keinen Fußball.« Sarah war verwirrt, aber auch erwartungsvoll. J.D. zögerte ein wenig, dann grinste er, als wollte er ihr ein Geheimnis verraten.

»Ich weiß, in der Broschüre steht nichts darüber, aber sie haben im letzten Herbst unten am See ein Stück Land gerodet und beschlossen, einen Fußballplatz daraus zu machen.«

Sarah schaute Lena an, die noch las und unterschrieb.

»Mom, hast du das gehört?«

»Das ist großartig«, antwortete sie und reichte das Klemmbrett an J.D. zurück. Als sie sah, wie sehr sich Sarah über die Neuigkeit freute, hätte sie sich am liebsten bei J.D. dafür bedankt, dass er die Sprache darauf gebracht hatte.

J.D. öffnete die Seitentür, Sarah sprang hinein. Lena half ihr, den Sicherheitsgurt anzulegen, und nutzte die Gelegenheit für eine letzte Umarmung.

»Ich liebe dich, Schätzchen. Wir sehen uns in zwei Wochen wieder.«

»Ich liebe dich auch, Mom.«

Lena glaubte, wieder Tränen zu sehen; sie richtete sich auf, und J.D. schob rasch die Tür zu. Er streckte die Hand aus, und sein Blick auf Lena sagte: »Es wird ihr gut gehen.«

»War nett, Sie kennengelernt zu haben, Mrs. Pyle.«

»Danke. Ich wünsche Ihnen schöne Ferien. Möchten Sie, dass ich die Rostenkowskis anrufe und ihnen Bescheid sage, dass Sie etwas früher kommen?«

J.D. schüttelte nach einem Blick auf seine Uhr den Kopf. »Nein, ich werde pünktlich zu ihnen kommen. Aber wir warten auch, wenn’s sein muss.«

Er lächelte, ehe er in den Van stieg. Diesmal entdeckte Lena auf einem seiner Schneidezähne etwas, was sie für einen Nikotinfleck hielt. Es störte sie, wenn junge Leute rauchten. Doch das war nur ein kleiner Minuspunkt, ansonsten schien J.D. ein anständiger Junge zu sein. Sie legte sich schon einen Satz für die spätere Unterhaltung mit David zurecht. »Sarah ist in guten Händen.«

Als der Kleinbus zurücksetzte, spiegelte sich das Licht in den Wagenfenstern, so dass Lena ihre Tochter nicht deutlich sehen konnte. Kurz darauf bog der Van auf die Straße ein und fuhr davon. Für einen kurzen Moment verspürte Lena den Drang hinterherzulaufen. Warum? Darauf wusste sie keine Antwort. Sie hatte sich gut auf diesen Augenblick vorbereitet; zudem war der Abschied reibungslos verlaufen. Aber jetzt war Sarah außer Sicht und verschwand – wenigstens kam es Lena so vor – im Nirgendwo. Mit tränennassen Augen beobachtete Lena, wie die ursprüngliche Ruhe in die Westchester Street zurückkehrte, nachdem der Van um die Ecke gebogen war. Sie wischte sich über die Augen und schalt sich selbst für diese Gefühlsduselei. Betrachte es nüchtern, ermahnte sie sich. Sei stolz auf Sarah. Sie war ohne jedes Theater zu einem Fremden in den Wagen gestiegen.

Bei einem Kaffee überlegte Lena die nächste Viertelstunde, ob sie und David miteinander auskommen würden. Dass er sich in letzter Minute gedrückt hatte, war nicht gerade geeignet, das Vertrauen zwischen ihnen zu stärken. Noch war eine Trennung oder Scheidung kein Thema zwischen ihnen gewesen, allerdings redeten sie in letzter Zeit sowieso nicht viel miteinander. In den Jahren, in denen sie sich noch bemüht hatten, ein Geschwisterchen für Sarah zustande zu bringen, war ihr Umgang sehr herzlich und liebevoll gewesen. Doch nachdem sie beschlossen hatten, sich nicht auf die »technischen Methoden« einzulassen – wie Lena die künstliche Befruchtung nannte –, hatte sich etwas in ihrer Beziehung verändert.

Lena würde die kommenden vierzehn Tage so angehen wie ein Problem in ihrer onkologischen Praxis; ihre Ehe hatte so etwas wie ein Krebsgeschwür, etwas Krankhaftes, und sie mussten die Symptome beschreiben und die Ursache finden, um eine Heilung einleiten zu können. Diese Metapher würde sie nie wirklich benutzen, aber ihre Gedanken gingen in eine ähnliche Richtung. Die Symptome: sporadischer, freudloser Sex, Vermeidung gemeinsamer Unternehmungen, wenige Gespräche, es sei denn, es ging um Sarah. Ursache: Davids Unzufriedenheit im Job …

Diese Ursache stand für sie fest. Als sie sich kennenlernten, hatte David einen Job als Investmentbanker in der Stadt gehabt und ihn gehasst. Nach ihrem Umzug nach Pelham war sein Hass nur noch größer geworden, weil er täglich pendeln musste. Schließlich bekam er eine gut bezahlte Stellung in der Marketingabteilung der örtlichen Niederlassung von Dell. Schon nach der ersten Woche hatte er sich richtig eingearbeitet und wurde im folgenden Jahr zweimal befördert, dennoch sehnte er sich nach mehr. Lena hatte ihn ermutigt, sich nach einem neuen Job umzusehen, er unternahm jedoch nichts. Diese Anstellung lasse ihm Zeit für Sarah, meinte er, die Bezahlung und die Sozialleistungen seien großartig und er habe keine Lust, wieder zu pendeln. Lena glaubte, dass ihr die kommenden zwei Wochen Gelegenheit bieten würden, noch einmal mit ihm über eine Kündigung und die Suche nach einer kreativeren Anstellung zu reden.

Das Geld brauchten sie nicht unbedingt. Lena unterhielt seit fünf Jahren eine gutgehende Praxis am Mount Sinai Hospital und hatte zusammen mit ihren Partnern einen sehr lukrativen Vertrag mit der Klinik geschlossen – das alles bot ihnen ein gewisses finanzielles Polster. David könnte sich ein oder zwei Jahre ganz freinehmen. Lena wollte, dass er glücklich war. Das könnte die richtige Therapie für das Krebsgeschwür in ihrer Ehe sein.

Sie war in Gedanken versunken, als die Türglocke schellte. Sie wusste nicht, wer das sein konnte. Der Postbote, der eine Unterschrift brauchte, eine Gartenbaufirma, die um neue Kunden warb …? Hoffentlich war es nicht Janet Rostenkowski. Janet war die Mutter von Sarahs Freundin Linda, eine nette, aber strohdumme Frau, mit der sich Lena zwangsläufig wegen der beiden Mädchen hatte anfreunden müssen. Janet und ihr Mann lehrten an der Pelham Highschool und konnten sich über kaum etwas anderes als über Kinder und die Vorkommnisse an ihrer Schule unterhalten. Und übe°r Geldsorgen. Lena fürchtete Lindas Besuche zu einem Kaffee und einem kleinen Plausch. Die Abreise ihrer Töchter könnte einen willkommenen Anlass für einen Kaffeeklatsch bieten.

Aber nicht Janet Rostenkowski stand vor der Tür, sondern eine junge Frau mit durchtrainierter Figur, einer zarten, sonnengebräunten Haut, strahlenden Augen und schönen blond gesträhnten Haaren. Sie lächelte.

»Hi. Ist Sarah fertig?«

Lena schaute von der jungen Frau zur Einfahrt. Da stand ein Van – ein ganz anderer als der vom Camp Rondo; er war grün, statt blau, und die Automarke passte auch nicht, aber das Camp-Rondo-Logo an der Seite stimmte. Für eine Sekunde war Lena verwirrt, doch sie fing sich rasch wieder.

»Äh, nein. Sie wurde bereits abgeholt.«

Lena registrierte, dass die Frau ein ähnliches Poloshirt wie J.D. trug und ein Walkie-Talkie in der Hand hielt. Sie bemühte sich zu lächeln.

»Hmm – wer hat sie abgeholt?«

»Ein Mann, der sich J.D. genannt hat. Ich nehme an, dass er im Camp arbeitet. Er fuhr auch einen Van mit diesem Logo.«

Ein wenig verwirrt hob die junge Frau das Funkgerät an den Mund, warf einen Blick zurück auf den Van und sprach mit dem Fahrer, den Lena durch die Windschutzscheibe erkennen konnte.

»War irgendjemand anderes für die Abholung von Sarah Pyle eingeteilt?«

»Nein«, krächzte es aus dem Walkie-Talkie.

»Kennst du einen J.D. aus dem Camp?«, fragte die junge Frau.

»Nein. Warum?«

»Na ja, Sarahs Mutter sagt, ein J.D. mit einem Wagen vom Camp wäre hier gewesen, um Sarah abzuholen.«

Diesmal ertönte keine Antwort aus dem Funkgerät. Stattdessen öffnete sich die Fahrertür, und ein älterer Mann mit leicht ergrautem Haar und wettergegerbter Haut ging auf das Haus zu. Lena würde diese Sekunden, seine Schritte, die zusammengezogenen Augenbrauen nie vergessen. Plötzlich war es, als würden der Welt ein paar Teile fehlen. Lenas geordnetes Leben geriet aus den Fugen. Der Mann kam auf sie zu. Lenas Herz pochte wild. Das ist ein Traum, dachte sie.

Mit einem Mal konnte man nichts und niemandem mehr trauen. Stand sie wirklich mit diesen Leuten vor ihrer Haustür? Hatte sie Sarah tatsächlich erst vor einer halben Stunde den Sicherheitsgurt angelegt? War David irgendwo unterwegs, oder hielt er sich im Haus auf? Wer war sie?

Der Mann hatte sie erreicht und gab sich alle Mühe, nicht verstört, sondern so zu wirken, als hätte er alles im Griff. Er stellte ganz ruhig Fragen, und Lena beantwortete sie, so gut sie konnte. Doch eine schreckliche, dröhnende Stimme in ihrem Kopf übertönte ihre Unterhaltung. Sie konnte nicht dagegen ankämpfen. Der Mann redete. Sie selbst redete. Die Augen des blonden Mädchens wurden immer größer.

Wo, um alles in der Welt, war Sarah?

Kapitel 2

Lena klammerte sich so lange, wie es irgend ging, an die Überzeugung, dass es sich um einen Irrtum handeln musste. Allerdings vermochten die beiden Fremden in ihrem Haus den Irrtum nicht aufzuklären. J.D. arbeitete nicht in dem Camp. J.D. hatte sie hinters Licht geführt. J.D. hatte Sarah mitgenommen, und sie fuhren offensichtlich nicht zu dem Camp.

David ging nicht an sein Handy. In Lenas Kopf schwirrten die Worte herum, die sie ihm sagen wollte, sobald er sich meldete. Als sich jedoch seine Mailbox einschaltete, wusste sie nicht, wie sie anfangen sollte. Die Situation in ihrem Haus war nach wie vor verwirrend, die Stimmen klangen, als kämen sie von weit her.

»David, es gibt ein Problem mit Sarah, mit dem Camp. Ruf mich zurück.«

Sie überlegte, ob sie seine Büronummer wählen sollte. Wieso nahm er das Gespräch auf seinem Mobiltelefon nicht entgegen? Saß er in einem Funkloch? War sein Akku leer?

Sie hockte im Schlafzimmer und telefonierte mit ihrem Handy. Der grauhaarige Mann und die junge Frau benutzten den Festnetzapparat, um »die Sache aufzuklären«. Lena ging zurück in die Küche, weil sie wissen wollte, was sie herausbekommen hatten, allerdings konnte sie kaum hoffen, dass sie diesen Wirrwarr schnell ordnen konnten. Die langen Gesichter der beiden bestätigten ihren Verdacht. Sie machten einen ratlosen Eindruck. Die junge Frau war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Der grauhaarige Mann hielt das Telefon ans Ohr, ohne etwas zu sagen – offenbar wartete er, mit jemandem verbunden zu werden. Schließlich gab er einen missmutigen Ton von sich und legte auf.

»Sie sind alle am Haupttor, um die Neuankömmlinge zu begrüßen und den Papierkram zu erledigen.«

»Gibt es keine telefonische Verbindung mit dem Haupttor? Hat denn niemand ein Mobiltelefon?«, fragte Lena.

»Im Camp haben wir keinen Empfang.«

Lena atmete tief durch und straffte die Schultern. »Wir müssen die Polizei alarmieren. Entschuldigung – wie war noch mal Ihr Name?«

»Ich bin Winston, und das ist Kerry«, antwortete der Grauhaarige. »Warten wir noch, bevor wir die Polizei anrufen. Das Ganze könnte schlicht ein Missverständnis sein.«

»Was für ein Missverständnis? Sie sagten, dass Sie keinen J.D. kennen und dass es keinen zweiten Van gibt.«

»Das Camp ist groß. Und Sie sagten, der Wagen sei nagelneu gewesen. Vielleicht hat man noch einen angeschafft, ohne uns etwas davon zu sagen, und dann die Dienstpläne durcheinandergebracht. Ich war letzte Woche auf einem Kanu-Ausflug. Vielleicht habe ich eine falsche Information bekommen. Ich möchte nicht gern zur Polizei rennen, wenn sich dann doch herausstellt, dass es nur ein Irrtum war.«

»Und was, wenn man meine Tochter entführt hat?« Lena sprach diese Worte zum ersten Mal laut aus.

»Ich kann nicht glauben …«, begann Winston und wurde vom Klingeln des Telefons unterbrochen. Lena nickte ihm zu, und er nahm den Anruf entgegen. »Hallo? … Ich bin’s, Rick. Hast du die Nachricht bekommen? … Nein, sie sagt, er hatte ein Camp-Logo auf der Seitentür, und der Kerl hatte Formulare bei sich, auf denen auch unser Logo abgedruckt war. Verzichts- und Zustimmungserklärungen – anscheinend genau solche, wie wir sie verwenden … Ja. Sie steht hier neben mir.« Er hielt Lena den Hörer hin. »Er möchte mit Ihnen sprechen.«

Lena nahm das Telefon. »Hallo. Ich bin Lena Pyle. Wer spricht dort?«

»Ich bin Rick Carlone, Mrs. Pyle. Das Ganze tut mir sehr leid. Können Sie den Mann beschreiben, der Sarah abgeholt hat?«

»Er sah aus wie ein Collegestudent. Ungefähr eins achtzig groß, lockiges Haar, ein wenig übergewichtig, und er trug dasselbe Shirt wie Winston und Kerry. Und … er hatte Nikotinflecken auf einem Schneidezahn.«

»Wir stellen hier keine Raucher ein.«

»Woher sollte ich das wissen?«, gab Lena zurück; sie fühlte, dass sie allmählich die Beherrschung verlor. Das Bild von dem davonfahrenden Kleinbus stand ihr vor Augen.

»Nein, das konnten Sie nicht wissen. Tut mir leid«, antwortete Carlone verlegen.

Lena bedrängte ihn. »Besteht die Chance, dass dieser Kerl irgendetwas mit dem Camp zu tun hat? Gab es eine Verwechslung?«

Schweigen. Es schien, als müsse Carlone über die Frage nachdenken. »Nein.«

»Dann müssen wir die Polizei einschalten.«

»Ja. Aber könnten Sie meine Fahrer gehen lassen? Sie müssen noch andere Kinder abholen. Geben Sie der Polizei meine Nummer; die können mich jederzeit anrufen, falls sie Informationen brauchen.«

»Falls? An wen sonst sollten sie sich wenden, wenn sie mehr erfahren wollen?«

»Ja, klar. Entschuldigung. Aber meine Fahrer wissen nichts.«

»Okay.« Lena hörte sich Carlones weitschweifige Entschuldigungen an, dann reichte sie das Telefon an Winston weiter. Er nahm Anweisungen entgegen und wechselte einen vielsagenden Blick mit Kerry.

Als Winston auflegte, ergriff Kerry das Wort. »Ich könnte doch bei Mrs. Pyle bleiben, oder?«

Winston stimmte ihr zu, aber Lena wäre in dieser Situation lieber allein geblieben, statt sich noch um eine Cheerleaderin kümmern zu müssen. »Danke, aber mein Mann wird jede Minute hier sein. Fahren Sie mit …« Sie hatte wieder den Namen des Grauhaarigen vergessen.

»Winston«, half er ihr weiter. »Sind Sie sicher?«

»Ja. Er muss gleich hier sein.«

»Sollen wir warten, bis Sie mit der Polizei telefoniert haben?«

Lena überlegte noch, ob das eine gute Idee war, als das Telefon erneut klingelte. Winston griff instinktiv nach dem Hörer, reichte ihn jedoch gleich an Lena weiter. Lena brachte eine mattes »Hallo« heraus.

Es war Janet Rostenkowski, und wie üblich fiel sie mit der Tür ins Haus. »Hi, Lena. Sarah wollte, dass ich dich anrufe. Sie hat ihren Pulli vergessen und sich einen von Linda ausgeliehen. Sie wollte nicht, dass du ihren zu Hause siehst und dir Sorgen machst, dass sie frieren könnte …«

»Sie war da? In dem Van?«, fragte Lena entsetzt.

»Ja. Sie sind auf dem Weg – zwei glückliche Mädchen. Ich …«

»Ein blauer Van? Ein junger Mann namens J.D.?«

»Ich habe ihn nicht nach seinem Namen gefragt. Phil hat mit ihm gesprochen. Warum?«

»Er kommt nicht von dem Camp. Die richtigen Fahrer sind gerade hier bei mir.«

In der Leitung surrte und knackte es, als würde Janet mit dem Handy in der Hand herumlaufen. »Ich verstehe das nicht. Was sagst du da?«

»Der Kerl, der Linda und Sarah abgeholt hat, kam nicht vom Camp. Sie kennen ihn gar nicht.«

»Aber der Van war von dem Camp. Er hatte das Logo auf der Seite.«

»Ich weiß. Er muss es selbst draufgeklebt haben. Und die Formulare! Musstet ihr auch Formulare unterschreiben?«

Janet antwortete nicht, und Lena hörte, wie sie mit Phil sprach.

Phil übernahm das Telefon. »Lena – ich bin’s, Phil. Was ist los?«

»Ich glaube, die Mädchen wurden gekidnappt.«

»Gekidnappt? Von wem?«

»Dem jungen Kerl, der sie abgeholt hat. Er nannte sich J.D., stimmt’s?«

»Ja, aber – äh – ich kannte ihn. Vom letzten Jahr«, stammelte Phil.

»Du kennst ihn?«

»Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann sagte er, dass er mich schon im letzten Jahr getroffen habe. Er meinte, er sei damals zum ersten Mal im Camp gewesen. Ich habe mich nicht wirklich an ihn erinnert.«

»Die echten Fahrer sind jetzt hier bei mir.«

»Scheiße.« Dieses Wort war ganz untypisch für den zugeknöpften Phil. »Ich habe unterschrieben … diese Formulare waren dieselben wie im letzten Jahr.«

»Wann sind sie abgefahren?«

»Ich weiß nicht. Ich war im Garten … Janet, wann sind sie losgefahren?«

Lena hörte Janet im Hintergrund. Sie schien zu weinen.

»Janet meint, vor vielleicht einer halben Stunde«, sagte Phil in den Hörer.

»Ich rufe die Polizei.«

»Ja. Die echten Fahrer sind noch bei dir?«

»Ja.«

»Sollten sie noch andere Kinder abholen?«

»Ich glaube schon.« Lena wurde sich plötzlich bewusst, dass sie die anderen Eltern warnen sollte. Sie wandte sich an Winston. »Sollten Sie außer Sarah und Linda noch andere Kinder abholen?«

»Ja. Ich habe die Liste draußen im Auto.«

»Wie viele sind es noch?«

»Noch drei, glaube ich.«

»Holen Sie diese Liste!«, rief Lena. Sie hätte sich in den Hintern treten können, weil sie nicht früher an die anderen Eltern gedacht hatte. Hatte J.D. nicht gesagt, dass er noch andere Kinder einsammeln würde? Kerry stürmte hinaus.

Lena sagte: »Phil, ich lege jetzt auf und rufe die Polizei an. Dann sagen wir den anderen Eltern Bescheid. Oder vielleicht mache ich das zuerst.«

»Ist David zu Hause?«

»Nein, er ist, äh, im Büro.«

»Hör zu, wir kommen zu dir.«

»Ihr müsst nicht …«

»Wir sind gleich da.« Damit unterbrach er die Verbindung.

Lena legte ebenfalls auf. Sie hatte ganz vergessen, dass Winston noch in der Küche war. Als sie sich umdrehte und ihn mit seiner düsteren Miene da stehen sah, erschrak sie. Verdammt, was ging hier vor?

Kapitel 3

Noch zwei weitere Familien waren von demselben Blitz getroffen worden wie die Pyles und die Rostenkowskis. Die eine hieß Walker und lebte in einer der vornehmeren Gegenden in Larchmont. Die Mutter war zur Arbeit gegangen, nachdem sie ihren Sohn Franklin in J.D.s Kleinbus gesetzt hatte. Winston, der die Anrufe tätigte, während sich Lena mit der Polizei in Verbindung setzte, erreichte die Mutter in der First Presbyterian Church, wo sie als Pastorin tätig war. Die vierte Familie mit dem Namen Williams lebte in White Plains. Ihr Sohn Tommy war der Letzte, der in den Van gestiegen war. Als der Vater Mike, ein Bauunternehmer, dessen Lastwagen überall im Westchester County zu sehen waren, hörte, was passiert war, schickte er innerhalb weniger Minuten all seine Leute auf die Suche nach dem blauen Bus.

Lena war ins Schlafzimmer gegangen, um mit der Polizei zu telefonieren. Sie wurde mit mehreren Dienststellen verbunden, ehe sie einen Captain an den Apparat bekam, der sich der Sache annahm.

Lena erzählte die Geschichte zum dritten Mal. »Der Mann gab vor, ein Mitarbeiter des Camps zu sein. Die Leute vom Ferienlager sollten meine Tochter abholen, und der Entführer behauptete, er sei der offizielle Fahrer des Camps. Er hat mir Papiere gegeben, die ich unterschreiben musste.«

»Und Sie sagen, er ist gar kein Mitarbeiter des Camps?«

»Richtig. Etwa eine halbe Stunde später kam der echte Fahrer mit einer Kollegin hier an. Sie sind immer noch hier.«

Wie aufs Stichwort erschien Winston an der Schlafzimmertür und hielt zwei Finger hoch.

»Und Sie wissen nichts über den anderen, den ersten Fahrer?«

»Nein. Und es geht auch nicht nur um meine Tochter. Der Mann hat noch die Freundin meiner Tochter und zwei andere Kinder von zu Hause abgeholt.«

Winston nickte.

Der Captain räusperte sich. »Wohnen diese Leute auch in Pelham?«

»Ich weiß es nicht. Das müssen Sie den Fahrer fragen.«

Lena reichte das Telefon an Winston weiter und hörte zu, als er detailliertere Angaben über die betroffenen Familien machte. Dann schwieg Winston eine Weile, nickte und unterbrach die Verbindung.

Lena hätte gern noch mal mit dem Captain gesprochen. »Was? Was hat er gesagt?«

»Wir müssen den Vorfall dem Westchester County Sheriff melden. Der Captain sagt, die seien dafür zuständig, weil die anderen Familien ihren Wohnsitz in anderen Bezirken haben.«

»Du lieber Himmel, kann er den Fall nicht selbst an sie weitergeben?«

Winston sah sie verständnislos an, und Lena hielt es für Zeitverschwendung, herauszubekommen, wieso die Polizei nicht im Büro des Sheriffs anrufen konnte. Sie nahm den Hörer, blätterte kurz in dem Buch mit den Notrufnummern, wählte die Nummer des Sheriffs und musste sich wieder von einem Apparat zum anderen verbinden lassen.

Der erste Streifenwagen hielt etwa zehn Minuten später in der Einfahrt, und der Officer, der zur Tür kam, war einigermaßen gut über die Vorkommnisse informiert. Er war ein Mann in den Vierzigern mit leichtem Bierbauch und großer Nase. Sein Namensschild wies ihn als »Norman« aus. Als Lena anfing, ihm Einzelheiten zu erzählen, entdeckte sie Argwohn in seinen Augen, als wäre die Geschichte nicht rund genug. Während sie redete, merkte sie selbst, dass das Ganze ziemlich unwahrscheinlich klang. Der Entführer musste die Sache von langer Hand geplant haben. Zum Glück war sie nicht die Einzige, die sich von ihm hatte täuschen lassen. Der größte Bauunternehmer im County hatte auch seinen Sohn zu diesem Betrüger ins Auto gesetzt.

Officer Norman hatte sich Winston zugewandt, um ihn zu befragen, als sein Funkgerät knisterte. Lena, die in die Küche gegangen war, konnte das Krächzen nicht verstehen und kehrte ins Wohnzimmer zurück, weil sie keine Neuigkeit verpassen wollte.

Nachdem Norman den Funkspruch bestätigt hatte, drehte er sich zu Lena um. »Sie haben den Van gefunden.«

»Mit den Kindern?«

»Nein. Er war leer bis auf einige Sachen der Kinder. Sie überprüfen gerade die Zulassung.«

»Wo steht der Van?«

»In einer Sackgasse in White Plains. Sie müssen den Wechsel geplant und vorbereitet haben. Der Van war wohl zu auffällig.« Es schien, als hätte sich Normans Argwohn gelegt. Er stellte Fragen nach möglichen Verdächtigen, nach Personen, die von dem geplanten Campaufenthalt und dem Abholservice wussten. Lena konnte nichts darüber sagen, und Winston schlug vor, die Leute im Camp danach zu fragen. Norman meinte, jemand vom Büro des Sheriffs sei bereits unterwegs dorthin.

Jemand klopfte an die Haustür. Die Rostenkowskis kamen herein, ohne abzuwarten, dass Lena ihnen öffnete. Janet sah grauenvoll aus. Sie war ohnehin eine reizlose Frau, deren Äußeres normalerweise von Make-up profitierte, aber heute, da sie geweint hatte und ungeschminkt war, stand ihr der Schreck deutlich ins Gesicht geschrieben.

Phil, der das Haus hinter Janet betrat, war wütend und erweckte den Eindruck, als wollte er auf jemanden oder etwas einschlagen. Er war groß und hager mit hervorquellenden Augen und einem Adamsapfel, der auf- und abhüpfte, wenn er sprach. Lena hatte ihn selten mit etwas anderem als einem billigen Sportsakko gesehen, doch heute trug er ein kurzärmeliges blaues Hemd.

Janet lief zu Lena, ohne auf die anderen Anwesenden zu achten. »Es ist unsere Schuld. Wir haben das Camp empfohlen. Es tut mir so leid.«

Lena und alle anderen sahen sofort, dass sie ein bisschen Theater spielte. Linda hatte im letzten Jahr eine großartige Zeit in dem Camp verbracht, und Lena und David waren beeindruckt, wie sehr sie der Aufenthalt zum Positiven verändert hatte. Sarah hatte ganz allein die Entscheidung getroffen, ins Camp Rondo und nicht in das Fußballcamp zu fahren. Lena schloss Janet in die Arme – es war die erste aufrichtige Umarmung der beiden Frauen.

»Nein. Niemand hat schuld … Du weißt, dass noch zwei andere Familien betroffen sind?«

»Was?«, jaulte Phil auf und schaute von Lena zu Norman und Winston.

Sie brachten die Rostenkowskis auf den neuesten Stand. Plötzlich fiel Lena wieder ein, dass David noch nicht aufgetaucht war. Solange sie mit den Anrufen mit der Polizei beschäftigt gewesen war, hatte sie ihn nicht vermisst, aber jetzt, als sie die Rostenkowskis ansah, spürte sie schmerzlich seine Abwesenheit. Wo war er?

Dieser Frage folgte ein so vernichtender Gedanke, dass sie sich hinsetzen musste. Wie oft hatte sie schon gehört, dass die Polizei fast immer die Eltern zuerst verdächtigte, wenn Kindern etwas zustieß? Als sie ihr Klinikpraktikum absolviert hatte, musste sie einen Jungen mit mehreren Stichwunden behandeln. Zu guter Letzt hatte sich herausgestellt, dass er Opfer eines Zornausbruchs seines Vaters geworden war. Was würde die Polizei über sie und David denken? Fiel der Verdacht zuerst auf sie? Lena wusste, dass das lächerlich war. Man entführte nicht das eigene Kind. Aber wo steckte David? Und wieso hatte er heute Morgen unter einem so fadenscheinigen Vorwand das Haus verlassen? Weshalb hatte er noch nicht zurückgerufen?

Eine Frage von Norman drang in Lenas Bewusstsein und ließ sie wieder auf das Gespräch der Menschen um sie aufmerksam werden.

»Und wo ist Ihr Mann, Mrs. Pyle? Sind Sie nicht verheiratet? Lebt er auch hier im Haus?«

»Ja. O ja. Er ist … in seinem Büro.«

»War er hier, als der Kleinbus ankam?«

»Nein. Er wurde früh am Morgen angerufen und in sein Büro gebeten.« Lena spürte Janets Blick, erwiderte ihn jedoch nicht.

»Und haben Sie Ihren Mann angerufen? Weiß er Bescheid?«

»Ja.«

Lena hielt es für das Beste, in diesem Punkt möglichst unbekümmert zu erscheinen. Mit David mochte etwas nicht stimmen, doch das hatte nichts mit der Entführung zu tun. Es würde die Polizei nur von ihren eigentlichen Ermittlungen ablenken, wenn sie jetzt das Augenmerk auf David lenkte. Sie sah zu Janet und Phil. Ihnen konnte sie nichts vormachen. Sie durchschauten Lenas Täuschung. Vielleicht tat das Norman auch. Lena wurde immer ärgerlich, wenn die Menschen in Büchern oder Filmen nicht die Wahrheit sagten und andere deckten, und jetzt handelte sie ähnlich.

Norman wurde wieder angefunkt und sagte: »Die Detectives sind hier.« Er deutete mit dem Kinn zur Einfahrt. Ein unmarkiertes Polizeiauto war aufgetaucht, aus dem ein untersetzter älterer Mann und eine kleine, zarte Frau um die dreißig stiegen. »Das ist Auggie Martin. Sie sind in guten Händen.«

Martin und die Frau waren noch nicht im Haus, als das Telefon klingelte. Lena war im Begriff, in die Küche zu gehen, doch Norman hob die Hand, um sie zurückzuhalten. Er sprach mit Martin: »Auggie, möchten Sie, dass sie den Anruf entgegennimmt?«

Martin gesellte sich zu ihnen, begrüßte Lena mit einem Nicken und fragte: »Fühlen Sie sich gut genug? Sind Sie bereit, falls es die Entführer sind?«

Lena war nicht bereit, bemühte sich aber, sich nichts anmerken zu lassen. »Ja, aber … muss ich was Spezielles beachten?«

»Hören Sie zu, lassen Sie sich auf nichts ein, versuchen Sie, das Gespräch in die Länge zu ziehen – wir haben Ihre Leitung bereits angezapft und können die Anrufe zurückverfolgen. Haben Sie das verstanden?«

Lena nickte und nahm den Anruf nach dem vierten Klingeln entgegen, kurz bevor sich der Anrufbeantworter einschaltete. Es war David.

»Hi. Was ist los? Tut mir leid, dass ich mich nicht früher gemeldet habe. Ich habe mein Handy auf dem Schreibtisch liegengelassen.«

»Warte einen Moment.« Lena drehte sich um und verkündete: »Es ist David.« Die anderen wandten sich ab, und Lena fragte leise: »Wo bist du?«

»In der Firma. Was ist los?«

»Du musst nach Hause kommen. Sarah wurde entführt. Der Fahrer, der sie hier abgeholt hat, war ein Betrüger. Er hat auch noch Linda und zwei andere Kinder gekidnappt.« Lena drehte sich um, um zu sehen, ob ihr die anderen zuhörten. Norman sah sie durchdringend an – seine Antennen waren auf Empfang eingestellt.

»Wovon redest du?«

»Komm einfach nach Hause. Ich werde dir alles erklären … Die Polizei ist hier.«

»Entführt? Wie …?«

»Ja, David.«

David sagte nichts, legte aber auch nicht auf. Dieses Schweigen war Lena nicht fremd. Es war ein Schweigen, das von einem Schock und der Unfähigkeit, eine Information zu begreifen, ausgelöst wurde. Wenn sie einem Patienten gegenüber das Wort »Metastasen« äußerte und erklärte, war die Wirkung in etwa dieselbe. Sie ließ ihm auch Zeit, das Gehörte zu verdauen.

»Ich bin gleich daheim«, erklärte David endlich.

Sie beendeten das Telefonat, und Lena ging zurück ins Wohnzimmer. Janet und Phil steckten mit Martin und der jungen Frau die Köpfe zusammen. Martin sah, dass Lena auf sie zukam, und ging ihr entgegen. Über seine Schulter hinweg erblickte sie vor dem Fenster den ersten Wagen, der vermutlich einem Journalisten gehörte. Sie starrte immer noch auf das Auto, als Martin ihr die Hand hinhielt: »Dr. Pyle, ich bin Detective Martin.«

Lena ergriff seine Hand und fragte sich, woher er wusste, dass sie einen Doktortitel hatte. Er lächelte und hielt ihre Hand ein wenig länger als nötig. Von weitem, als er zum Haus gegangen war, hatte er übergewichtig gewirkt – ein ergrauter Cop mit rotem Gesicht. Aber jetzt im Licht, das von der Küche in sein Gesicht schien, leuchteten die sanften blauen Augen, und Lena hatte das Gefühl, ihn zu kennen und schon lange mit ihm befreundet zu sein.

»Ich möchte Ihnen meine Partnerin Detective Salerno vorstellen.« Die junge Frau stellte sich an Martins Seite und gab Lena ebenfalls die Hand. Sie schien ein wenig nervös zu sein, doch das beruhigende Lächeln, mit dem sie Lena ansah, war echt.

»Bitte nennen Sie mich Denise. Es tut mir leid, dass Ihnen das passiert ist.«

»Danke.« Lena wusste, dass das eine Formalität war, aber die Wortwahl tröstete sie. Es war ihr passiert. Sie hatte nichts weiter getan, als ihre Tochter in ein Ferienlager zu schicken. Alles war so verlaufen, wie sie es erwartet hatte. Sie hatte sich sogar den Kleinbus genauer angesehen und Sarah mit dem Sicherheitsgurt geholfen. Sie wehrte die Attacke der Schuldgefühle ab wie lästige Mücken.

Martin wandte sich um und sprach die Rostenkowskis und Lena gleichzeitig an.

»Setzen wir uns und fangen wir an.« Zu Lena sagte er: »Ist Ihr Mann auf dem Weg hierher?«

»Ja.«

»Möchten Sie, dass wir auf ihn warten?«

»Ja, das wäre nett. Er ist im Büro – das ist nur zehn Minuten entfernt.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, fiel Lena ein, dass sie keine Ahnung hatte, wo David wirklich war und wie lange er nach Hause brauchen würde.

»Natürlich warten wir«, erwiderte Martin. »Ich wünschte, ich würde auch nur zehn Minuten von meiner Arbeitsstelle entfernt wohnen.« Er schwieg, und Lena fragte sich, ob man von ihr eine Antwort erwartete, doch dann fügte er hinzu: »Sie haben nicht einen Kaffee für uns?«

»O ja, Entschuldigung.«

»Machen Sie sich keine Umstände. Wir können jemanden losschicken und uns Kaffee holen lassen.«

»Nein, das ist gar kein Problem.«

Lena ging in die Küche, und Janet lief ihr nach, um ihr zu helfen, wie sie sagte. Janet schien ihre Fassung wiedererlangt zu haben. Ihr Gesicht war nicht mehr so sehr gerötet und fleckig. Als Lena den alten Kaffeesatz in den Abfalleimer warf, sagte sie mit gedämpfter Stimme: »Was machen wir mit der Presse?«

Lena wusste, dass Menschen unter Stress seltsame Dinge taten, um sich von der eigentlichen Ursache des Stresses abzulenken. Wer scherte sich um die Presse? Ihre Kinder waren verschwunden! Sie sollten sich Gedanken machen, was sie deswegen unternehmen konnten.

»Ich weiß nicht. Überlassen wir das der Polizei.«

»Aber man sieht immer die Eltern. Ich würde kein Wort herausbringen vor den Kameras.«

»Das brauchst du auch nicht.« Lena wurde ärgerlich.

»Aber ich bin die Mutter.«

Lena hatte Janet schon immer für egozentrisch gehalten, für jemanden, der sich einbildete, sie allein hätte Probleme, von denen andere lang und breit erfahren sollten. Vor fünf Jahren war Janet unverschuldet in einen schweren Autounfall verwickelt gewesen. Sie hatte mehrere Knochenbrüche davongetragen und beinahe ein Jahr im Krankenhaus verbracht. Lena hatte sie vor dem Unfall nicht gekannt, deshalb wusste sie auch nicht, wie sehr er Janet verändert hatte. Nur eines war sicher: Der Unfall beherrschte ihr Leben. Sie erwähnte ihn oft, und beinahe genauso oft sprach sie von ihren Geldsorgen, die aus den horrenden Arztrechnungen resultierten, die sie immer noch abbezahlten.

Lena musste plötzlich an das andere Kind der Rostenkowskis denken, das bereits die Junior Highschool besuchte.

»Wo ist Paul?«, erkundigte sich Lena.

»Zu Hause. Er soll morgen nach Montana fahren. Die Großeltern von seinem Freund leben dort auf einer Ranch. Wir dachten, es wäre gut für ihn, wenn er den Westen kennenlernt. Und wir dachten, wir könnten zwei Wochen für uns haben.«

Lena hatte keine Lust, sich zu unterhalten. Sie wollte nur zwei Dinge: dass David endlich nach Hause kam und dass sie dem Detective mit den sanften blauen Augen zuhören konnte.

In ihrer Vorstellung hatte sie ihn bereits mit magischen Kräften ausgestattet, die ihm halfen, Sarah zu finden und zurückzuholen. Sie bat Janet, die Tassen ins Wohnzimmer zu bringen, und sah zu, wie Kaffee in die Kanne tropfte, während sie darauf wartete, Davids Stimme zu hören.

Als der Kaffee ganz durchgelaufen war, hatte sich David immer noch nicht blicken lassen. Phil und Janet konnten ihre Fragen nach den anderen Familien nicht mehr zurückhalten. Martin beantwortete sie, so gut er konnte, trank seinen Kaffee und nahm stillschweigend das Zepter in die Hand.

»Warum fangen wir nicht an?«, schlug Lena schließlich vor. »David wird offenbar aufgehalten.«