Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

Dr. Helmut Ettinger ist Dolmetscher und Übersetzer für Russisch, Englisch und Chinesisch. Er übersetzte Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, Gusel Jachina, Polina Daschkowa, Darja Donzowa und Sinaida Hippius, Michail Gorbatschow, Henry Kissinger, Roy Medwedew, Valentin Falin, Antony Beevor, Lew Besymenski und viele andere ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Knisternde Spannung und ein schonungsloses Bild der russischen Gesellschaft zeichnen Polina Daschkowas Romane aus. Im diesem Buch erzählt sie die Geschichte einer großen Liebe.

Als Kiril das Mädchen Vika an einem kalten Winterabend zum ersten Mal sieht, ist er sich sicher: Sie ist für ihn die Frau fürs Leben. Doch sie stammt aus einer anderen Welt. Ihr Vater verkehrt in kriminellen Kreisen und sie heiratet einen Mafiaboss. Das stellt Kirill – der Angehöriger eines Sonderkommandos ist, das in politischen Krisen zum Einsatz kommt – auf eine harte Probe … Eine raffinierte und spannende Liebesgeschichte.

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Polina Daschkowa

Du wirst mich nie verraten

Kriminalroman

Aus dem Russischen von Helmut Ettinger

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Impressum

Moskau 1978

Als er sie zum ersten Mal sah, war er achtzehn. Und sie? Unwichtig. Wie sich später herausstellen sollte, hatte sie kein Alter. Sie lebte in einer Dimension, die nur ihr eigen war. Im Walzerschritt schwebte sie durch die Zeit und die dicken Schneeflocken der Winternacht. Der Walzer aus Tschaikowskis »Nußknacker« war ihr ewiger Begleiter. Und ihr Hund, der ihr auf langen, schlanken Beinen wie ein Schatten folgte.

Bestimmt hätte er sie damals bei ihrer ersten Begegnung kennenlernen können. Es war halb zwölf in der Neujahrsnacht. Kirill Petrow, Student der Hochschule des KGB, verbrachte die Feiertage bei seiner Großmutter in der Gesellschaft seiner alten Tanten Soja und Vera, zu denen sich mehrere Offizierswitwen, Großmutters Freundinnen, gesellten. Außer ihm gab es in dieser Runde nur noch zwei Wesen männlichen Geschlechts: Onkel Kolja, einen beinamputierten Oberst im Ruhestand, der mit Kirills verstorbenem Großvater zusammen gedient hatte, und Großmutters betagten Schäferhund Dick.

Letzterem, genauer gesagt, den Schweinsknochen, an denen sich der Hund am Abend zuvor überfressen hatte, verdankte Kirill das Glück, seinem Wintermädchen zu begegnen.

Auch sie führte ihren Hund aus. Außer ihnen und den beiden Tieren – ihrer schneeweißen jungen Hündin und seinem altersschwachen braunen Rüden – war in jener fernen, schneeverhangenen Nacht auf dem großen Hof keine lebende Seele.

Als erstes drang die Musik an Kirills Ohr. Der Walzertakt traf ihn wie eine Windböe. Plötzlich schmeckte der Schnee auf seinen Lippen süß und berauschend wie Champagner zum neuen Jahr. Dick wurde unruhig und heulte auf. Der Rausch schien sich auf ihn zu übertragen, und er war kaum noch zu halten.

Zwei Silhouetten schwebten im Schneesturm heran – ein Mädchen und ein Hund. Langes aschblondes Haar und ein Paar lange weiße Ohren flogen im Takt. Zwei Füße und vier Pfoten schienen kaum den Schnee zu berühren. Das Mädchen trug einen kurzen weißen Pelzmantel, der Hund ein silbern blinkendes Halsband. Sie ließ das Tier nicht von der Leine, das sich mit ihr im Dreivierteltakt drehte. Woher die Musik kam, ließ sich nicht ausmachen. In Wirklichkeit war es ganz still. Nur aus dem Nachbarhof hörte man die ersten Knallfrösche, erschallte hier und da ein trunkenes Lachen.

Kirill war von all der Schönheit wie geblendet. Von so einem Mädchen träumte er. Zart wie eine Elfe, mit langem aschblondem Haar tanzte es in dem stillen, verschneiten Hof versunken seinen einsamen Walzer. Er brauchte nur zu ihr zu laufen, sie zu umfassen und sich mit ihr zu drehen. Sicher hätte sie das nicht einmal verwundert. Aber er stand wie angewurzelt und suchte Dick zurückzuhalten, der wie von Sinnen an der Leine riß.

Kirill mußte all seine Kraft aufbieten. Die Hündin der schwebenden Schönen war läufig.

»Bleiben Sie, wo Sie sind!« rief das Mädchen.

Der Rüde bellte nicht, sondern stöhnte nur dumpf vor Leidenschaft. Der Schnee, über den soeben noch sein langbeiniges Glück geschwebt war, schmolz unter seiner heißen Schnauze.

»Keine Angst, wir sind schon weg«, rief Kirill und zerrte seinen Hund fort. »Sagen Sie mir nur, was ist das für eine Rasse?«

»Eine Slughi!«

Davon hatte er noch nie gehört, und auch so einen Hund hatte er noch nie gesehen. Schmal, seidig und weiß, mit langen, weichen Ohren und einem riesigen, buschigen Schwanz, mit dem geschmeidigen Rücken eines russischen Barsoi und langen, schlanken Beinen.

Das Mädchen genauer in Augenschein zu nehmen, wagte er nicht. Aber dieses Gesicht im milden Schein der Laterne prägte sich ihm ein. Ihre Augen waren wie der klare Winterhimmel, den die erste Dämmerung streift. Das war sie. Das Mädchen seiner Träume. Die Schneeflocken blitzten in ihrem langen blonden Haar, als trüge sie einen Brautschleier. Das war seine Braut. Nur ihm sollte sie gehören. Aber er brachte es nicht fertig, sie anzusprechen. Er zerrte den hechelnden Dick in den Nachbarhof, und sie verschwand mit ihrer Slughi in einer Wolke von Schnee. Sein Herz schlug wie rasend, die Kehle war trocken, und auch seinem Hund sträubte sich noch lange das Nackenhaar.

Der junge Kirill Petrow floh vor seinem Traum aus demselben Grund, der ihn das Neujahr nicht unter seinesgleichen, sondern mit der Großmutter und ihren Freundinnen verbringen ließ. Kurz vor den Feiertagen hatte er sich beide Schneidezähne abgebrochen. Er war beim Turnen vom Barren gestürzt und auf die eiserne Verstrebung geschlagen. Nun schämte er sich furchtbar für sein schartiges Lächeln. Kronen konnten jedoch erst nach dem Fest eingesetzt werden. Das war dumm, besonders für einen Offizier und echten Mann. Aber Kirill konnte nichts dagegen tun. Er litt und haßte sich so dafür, daß ihm selbst bei der Kälte glühend heiß wurde.

»Eine Slughi?« fragte Großmutter gleichmütig zurück. »Die ist aus dem Nachbarhaus. Ein kluger Hund und wunderschön, aber die Leute taugen nichts. Alles Händler und Spekulanten.«

»Und das Mädchen?« fragte Kirill und hielt den Atem an.

»Welches Mädchen?« Großmutter warf ihm über die Brille einen strengen Blick zu.

»So eine Zarte, Schlanke mit langem blonden Haar und blauen Augen. Im weißen Pelzmantel. Sie hat den Hund ausgeführt.«

»Das ist Viktoria, ihre jüngste Tochter. Geht in die neunte Klasse und wird dort Vika gerufen.« Großmutter preßte die Lippen zusammen und putzte heftig an ihren Messern und Gabeln. Vielleicht eine Spur zu heftig. Für sie war das Thema erledigt.

Wladiwostok 1998

Von See pfiff ein durchdringender Wind. Mit einem Ruck zog Kowal den Reißverschluß seiner abgeschabten Lederjacke zu. Er lief nicht im Kaschmirmantel herum wie all die kleinen Fische, die sich so wichtig machten. Einfache, zweckmäßige Klamotten waren ihm lieber. Er haßte Ringe, Manschettenknöpfe oder Schlipsnadeln mit dicken Klunkern, besonders aber nervten ihn schwere Goldketten.

Ein »Chef«, der von den Gangstern einer Region in offener Abstimmung gewählt wurde, durfte sich nicht mit solchem Kleinkram abgeben und mußte seriös wirken. Immerhin war er der eigentliche Gebieter der Gegend.

Kowal klopfte eine Zigarette aus der Packung. Das Feuerzeug klickte. Der Wind war so stark, daß das Flämmchen immer wieder ausging. Er drehte ihm den Rücken zu und versuchte es mit vorgehaltener Hand. Jetzt klappte es. Gierig sog er den Rauch ein und blies ihn gegen den wolkenverhangenen grauen Himmel.

»Die Toyotas kommen am Freitag, 130 Stück«, hörte er Micho mit Baßstimme sagen. »Wir müssen uns absichern. Die Tschetschenen wollen uns im Hafen auflauern.«

»Sag mir lieber, was sie nicht wollen, die Hundesöhne«, gab Kowal zerstreut zurück.

Micho maß die wuchtige Gestalt seines Chefs mit einem schiefen Blick und hätte beinahe gesagt: »Keine Sorge, es wird schon alles gutgehen.« Aber er biß sich auf die Zunge. Alles war hundertmal beredet. Kowal zog den Kopf zwischen die Schultern und kroch ganz in sich zusammen. So wirkte er nicht gerade eindrucksvoll, der Chef …

Auf dem Platz vor dem nagelneuen Handelszentrum wehte es fürchterlich. In den riesigen Glasfenstern spiegelte sich der graue Herbsthimmel. Die Hafenkräne wirkten von fern wie Spielzeug.

»Gehen wir in die Bar was trinken«, meinte Micho leise.

Kowal reagierte nicht, sondern blieb stocksteif stehen und kaute auf dem Mundstück der erloschenen Zigarette herum. Die Lederjacke wärmte nicht. Ihn fröstelte, was in der letzten Zeit öfter vorkam. Es wäre sicher wärmer, hätte er eine kugelsichere Weste unter die Jacke gezogen.

Das hätte ihm gerade noch gefehlt! Ein leichtes Grinsen huschte über sein Gesicht, als er sich bei diesem idiotischen Gedanken ertappte. Eine Panzerweste um die Brust, einen Stahlhelm auf den Kopf, und ab in den Bunker, hinter Betonmauern ohne Fenster und Schießscharten. Für immer. Für den ganzen Rest dieses verdammten Lebens …

Er sah sie wieder vor sich, diese fettglänzende, stopplige, grinsende Visage mit den blinkenden Goldzähnen.

»Du bist einfach dumm, Kowal. Ein dummer, gieriger Mensch. Wenn du heute nicht teilst, gießen wir dich morgen in Beton. Niemand wird dir helfen. Wir finden dich überall.« Diese krächzende, heisere Stimme und dieser verhaßte Akzent!

Seit Jahren tobte in Wladiwostok ein regelrechter Krieg. Es ging um viel. Das Meer und der internationale Hafen warfen Profite ab, von denen einem schwindlig werden konnte. Es war alles da – billige japanische Autos, Zolleinnahmen, Tonnen von Edelfisch, Warenströme, die niemals endeten. Hier konnte man Geld investieren und riesige Gewinne scheffeln, die sicher auf Nummernkonten in Schweizer Banken landeten.

Um all das kämpften die Tschetschenen mit Zähnen und Klauen. Sie hatten inzwischen alle in Angst und Schrecken versetzt oder gekauft – die örtliche Bürokratie, die Geschäftswelt, die Miliz und sogar den FSB. Nur die angestammte Verbrecherwelt verteidigte hartnäckig ihre Pfründe.

Bei deren Chef Kowal waren die Tschetschenen schon mehrmals vorstellig geworden. Anfangs tauchten höfliche Leute auf, die ihm günstige Geschäfte anboten. Irgendwann aber war es mit der Diplomatie zu Ende. Sie teilten Kowal mit, seine Goldgrube sei nicht zu halten. Wenn er nicht teilen wolle, seien seine Tage gezählt. Er schickte sie zum Teufel mit den saftigsten Flüchen, die er kannte. Aber seit sie fort waren, zählte er die Tage, die ihm noch blieben. Und er haßte sich für seine Schwäche, für das ständige Frösteln.

Besonders wild war er geworden, als sie ihm zum letzten Gespräch ein kleines Licht schickten. Offenbar um ihn zu demütigen, hatten die Tschetschenen den fetten Said in Marsch gesetzt, der, wenn man es genau nahm, nicht einmal würdig war, ihm die Stiefel zu putzen. Er hätte nur den kleinen Finger zu rühren brauchen, und der fetten Visage wäre das Grinsen für immer vergangen. Aber er hatte nicht gezuckt. War das Umsicht oder gar Feigheit gewesen? Er konnte es sich nicht verzeihen.

Der Wind brauste in den Ohren. Micho, der neben ihm stand, kniff die Augen zusammen, rauchte in einem fort und redete von wichtigen Dingen: vom Fisch, von den japanischen Autos und wie es beim Zoll lief. Seine Augen brannten und tränten. Von See wehte salziger Staub heran, der sich mit dem Salz seiner Tränen mischte. Eine Sonnenbrille wäre jetzt gut, dachte Micho. Seine Frau Vika, eine stolze Schöne, die er aus Moskau mitgebracht hatte und abgöttisch liebte, frotzelte in der letzten Zeit öfter: »Du weinst ja, Micho. Hab ich dir weh getan, mein Kleiner?«

Er wußte nie, wann sie ihn hochnahm und wann es ihr ernst war. Dafür liebte er sie noch mehr.

»Was ist denn los mit dir?!« brummte er aufmunternd und schlug Kowal auf den gekrümmten Rücken. »Den Misthunden geben wir’s, daß sie sich nicht wiederfinden. Kennst du den?«

Kowal reagierte kaum.

»Sitzen zwei Kerle in der Kneipe, jeder an einem Tisch. Der eine trinkt sein Bier, der andere glotzt nach unten. Er hört nicht auf zu glotzen, und der erste will wissen, was es da zu sehen gibt. Er schaut hin und sieht ein Häuschen im Grünen. Alles dran, nur sehr klein: Garten, Garage, Kinder und ein Hund tollen herum. Er fragt: ›Was hast du da, Kumpel?‹ Und der: ›’n Flaschengeist. War ’n Schnäppchen im Ausverkauf. Erfüllt jeden Wunsch. Brauchst’s nur zu sagen.‹ Darauf der erste: ›Eh, Kumpel, läßt du mich auch mal?‹ – ›Klar, warum nicht? Aber Vorsicht, er ist ’n bißchen schwer von Kapee‹«

Auf der Glasscheibe vor ihnen zog das Spiegelbild eines großen schwarzen Jeeps langsam vorbei. Micho hielt einen Moment inne. Ihm war, als hätte er den heute schon einmal gesehen. Vielleicht spielten ihm aber auch seine tränenden Augen einen Streich.