Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

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Wladik, Walera und Michlja – drei gescheiterte Persönlichkeiten. Nun versuchen sie es abseits der legalen Wege und gründen ihr eigenes kleines Spielhallen-Imperium, in dem sie ihre Gäste nach Strich und Faden über den Tisch ziehen. Eines ihrer Opfer wird auch die junge Lehrerin Natalja. Sie verliert ihr gesamtes Geld. Doch das Schicksal hat mit allen Vieren noch so einiges vor …

Polina Daschkowa zeichnet ein eindringliches Portrait des modernen Russlands, seiner Menschen und Stimmungen.

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Polina Daschkowa

Aus falscher Überzeugung

Ein Moskau-Krimi

Aus dem Russischen von Margret Fieseler

Inhaltsübersicht

Über Polina Daschkowa

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Gesessen

Diese und

Wadik

Am nächsten

Einen

Anfang

1997 gab es

An der Spitze

Der Ort,

Moskau

Sie betraten

Oberst Anatoli

Oberst Popow

Schließlich

Oberst Popow

Mein Gott,

Die falschen

Im Büro

Mit weichen

Schon

Der ehemalige

»Regen

Walera

Impressum

Gesessen

hatte Wadik Sultanow nur kurze Zeit, gerade mal zwei Jahre. Nichts Schlimmes oder Ehrenrühriges – Betrug. Eigentlich hatte er Glück gehabt. Im Spätherbst 1990 schritt Wadik leichten Herzens und federnden Schritts zum Tor des Arbeitslagers hinaus. Das Leben fing gerade erst an, und die Zukunft erschien ihm als schöner, angenehmer Traum. Die zweijährige Haft hatte keinerlei Spuren auf seinem kräftigen jungen Körper hinterlassen. Tätowierungen hatte Wadik sich klugerweise nicht machen lassen. Erstens, weil es wehtat, zweitens war es nicht mehr in Mode, und drittens, wer wusste, mit wem er noch alles gemeinsam in der Sauna schwitzen oder am Strand in der Sonne liegen und welche Mädchen er noch näher kennen lernen würde?

Sobald er das Abteil des Schnellzugs Nowosibirsk – Moskau betreten hatte, musterte er kritisch erst sich selbst im Spiegel an der Tür, anschließend seine Mitreisenden. Mit seinem Anblick war er zufrieden. Ein offenes Gesicht, klare Augen, ein fröhlicher Blick. Was seine Reisegefährten betraf, so erfreute ihr Äußeres ihn weitaus weniger. Zwei ältere Tantchen, dick und langweilig. Sie verspeisten mit lippenstift- und fettverschmierten Mündern ein gebratenes Huhn, und diese Münder schwatzten ohne Pause von irgendwelchem Weiberkram. Außer ihnen war auf der oberen Pritsche noch ein breiter Männerrücken in einem eng anliegenden Matrosenhemd zu sehen.

Wadik hatte gemeint, er brauche sich nur in diesen Zug nach Moskau zu setzen, von dem er das ganze letzte Jahr vor seiner Entlassung geträumt hatte, und sogleich werde ihm das kapriziöse Schicksal als wohlverdientes Geschenk eine langbeinige Blondine von höchstens zwanzig Jahren und ohne Anhang als Reisegenossin präsentieren. Er hatte sich lebhaft vorgestellt, wie er mit dem Mädchen Bekanntschaft schließen würde, wie sie sich zulächeln und durch die schmalen Gänge ins Zugrestaurant gehen würden, wo weiß gedeckte Tische standen und der Sekt in langstieligen Gläsern schäumte.

Zwei Jahre hatte er davon geträumt, Sekt zu trinken. Je näher der Tag seiner Entlassung rückte, desto deutlicher schmeckte er die leicht herbe Süße, fühlte das kitzelnde Prickeln der Bläschen. Den ganzen letzten Monat hatte ihm des Nachts der Gaumen gekribbelt, und er hatte das zarte Klirren von Kristall zu hören gemeint. Aber er wollte den Sekt nicht allein trinken und auch nicht aus der Flasche oder aus einem banalen Trinkglas. Das hätte er leicht schon auf dem Bahnhof in Nowosibirsk haben können. Nein, Wadik träumte davon, im Zugrestaurant zu sitzen, vorm Fenster die Landschaft vorbeifliegen zu sehen und die Räder rattern zu hören, und vis-à-vis sollte eine schöne Frau sitzen und der Tisch mit einem weißen Tischtuch gedeckt sein. Die Flasche müsste unbedingt in einem silbernen Sektkühler gebracht werden, der Kellner eine schwarze Fliege um den Hals tragen, und die gestärkten, kegelförmig zusammengerollten Servietten müssten nach Bügeleisen und Frische duften. Dieser erste süße Schluck würde den Anfang eines neuen Lebens markieren.

Solange Wadik sich zurückerinnern konnte, hatte er ständig ans Essen und Trinken gedacht. Es gibt Menschen, die die Natur mit einem außergewöhnlichen musikalischen Gedächtnis ausgestattet hat. Sie können jede beliebige Melodie, auch wenn sie sie nur einmal gehört haben, ohne eine einzige falsche Note nachsingen. Andere vom Schicksal Begünstigte verfügen über einen ungewöhnlichen Blick für Farben. In der Sprache der australischen Ureinwohner existieren ungefähr zwanzig Bezeichnungen für die verschiedenen Schattierungen von Grün. Die kanadischen Eskimos, die russischen Tschuktschen, die finnischen Samen können mehr als zwanzig Nuancen von Weiß unterscheiden und in ihren Sprachen benennen. Für die Maler des Impressionismus bestand die durchsichtige Luft aus einer unendlichen Skala von Farben.

Der Exhäftling Wadik Sultanow verfügte ebenfalls über eine einzigartige Begabung. Für ihn stellten Speisen eine geschlossene Welt für sich dar, und in dieser Welt nahm er mit unglaublicher Genauigkeit nicht nur alle Geschmacksnuancen und alle Gerüche wahr, sondern auch alle Farben und Töne. Das Zischen des Öls in der Pfanne, das Glucksen der Suppe im Kochtopf, das Prickeln der Bläschen im Mineralwasser oder im Sekt, alle Laute, von denen der Prozess der Essenszubereitung und -aufnahme begleitet wird, fügten sich für Wadik zu einer überirdischen Musik zusammen.

Aus den Küchen im Waisenhaus und im Internat hatte es nach angebrannter Grütze und fader Erbsensuppe gerochen. Der Küchendunst im Gulag hatte sich auf eigenartige Weise mit jenem besonderen Gefängnismief verquickt, den eine empfindliche Nase kaum ertragen kann. Und dennoch vermochte Wadik durch die Ausdünstungen von Chlorkalk, Karbol, grober Seife und kranken, ungewaschenen Körpern hindurch den schlichten, guten Duft von Brot, den süßlich-warmen Geruch von Hirsebrei oder den bröselig-feuchten von Reis zu wittern und das Aroma gekochten Kohls zu erschnuppern – für den Durchschnittsmenschen nicht der angenehmste Geruch, für Wadik aber durchaus lebendig und gehaltvoll.

In den staatlichen Großküchen fügte man dem Essen keine Gewürze bei. Nur Salz. Dieser ursprüngliche Geruch von Getreide, Gemüse, Fleisch und Fisch hatte seinen besonderen, ungewöhnlichen Reiz. Bevor Wadik ins Gefängnis gekommen war, hatte er gelegentlich Restaurants besucht, darunter auch teure. Natürlich verstand man dort zu kochen. Aber jedes Mal, wenn er die verschiedenen Gerichte beschnupperte, betrachtete und probierte, dachte Wadik, dass er diesen Stör nach Klosterart oder dieses Huhn à la Kiew viel besser zubereiten könnte. In die Sauce zum Stör beispielsweise muss man noch ein ganz klein bisschen mehr Mehl tun, und das Mehl muss zuerst in einer trockenen Pfanne erhitzt werden, bis es goldgelb wird, dann lässt man es erkalten und eine Weile im Kühlschrank stehen. Mit der Mayonnaise darf man nicht zu leichtfertig umgehen. Mayonnaise ist ein starkes Zeug, sie kann jedes Gericht verderben, besonders wenn sie nicht aus frischen Eiern, sondern mit Eipulver zubereitet wird und wenn zu viel Essig daran ist. Was das Huhn à la Kiew betrifft, so liegt hier das ganze Geheimnis in der Panade. Sie muss dünn, fast durchsichtig sein, derart, dass im rohen Zustand das rosige Hühnerbrustfilet hindurchschimmert wie die Abendsonne durch eine Federwolke, und selbstverständlich ist es besser, nicht banale Semmelbrösel zu nehmen, sondern grob gemahlenes Weizenmehl.

Diese und

viele andere Einzelheiten waren für Wadik nicht trockene Theorie, sondern er spürte sie mit der ganzen Kraft seines jugendlichen Organismus. Woher er dieses Gespür hatte, war ihm unerklärlich. Seine Vorfahren kannte er nicht, da er eine Waise war, aber er vermutete, dass es in der nebelhaften Reihe seiner Ahnen einen Meisterkoch gegeben haben musste, einen genialen Alchimisten der Kochkunst.

Seine beiden Abteilgenossinnen waren immer noch damit beschäftigt, ihr Huhn zu vertilgen – ein Schauspiel, das Wadik echte Pein bereitete. Die fettige, grobe Haut war stellenweise schwarz verbrannt. Selbst so zarte Teile wie Brust und Flügel sahen grau und hart aus. Wadik zog sich das Herz zusammen. Er schätzte Hühnerfleisch, aber dieses war ein Zerrbild der edlen Speise. Seine Stimmung verschlechterte sich merklich.

Der Mann auf der oberen Pritsche schlief offenbar gar nicht, sein gestreifter Rücken wälzte sich hin und her, die Pritsche knarrte. Noch kein einziges Mal hatte er seinen Reisegefährten das Gesicht zugewandt. Wahrscheinlich verspürte auch er keine Lust zuzugucken, wie diese Weiber das Huhn aßen.

Wadik bemerkte am Garderobenhaken eine gesprenkelte Tarnjacke und hohe Armeeschuhe in Größe fünfundvierzig unter dem kleinen Tisch darunter. Die Jacke war alt, der Kragen aus dunkelgrünem Webpelz war völlig verfilzt und sah aus wie gekochter Spinat.