Über Alexander Broicher

Alexander Broicher ist Schriftsteller, Herausgeber und Drehbuchautor. In seinem popliterarischen Bestseller »fakebook« nimmt er scharfzüngig und ironisch gesellschaftliche Entwicklungen in Zeiten von Social Media aufs Korn. Broichers Arbeiten sind mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Literaturpreis des Deutschen Schriftstellerverbandes, dem Promax Europe Award oder dem Eyes and Ears Award. Bei Aufbau digital verfügbar sind seine Romane »fakebook« und »Unter Frauen«.

Informationen zum Buch

»Vielleicht das beste Buch, das je über Männer und Frauen geschrieben wurde.« Antoine Monot (ZDF »Ein Fall für Zwei«, Sat.1 »Knallerkerle«)

Till ist Ende zwanzig und seit Kurzem sowohl Job, als auch Freundin los. Doch einen Lichtblick gibt es: Ein riesiges Zimmer in einer Altbauwohnung, Dachterrasse und Elbblick inklusive. Wären da nicht Steffi, Lara und Marion, die Herrinnen der Traumwohnung, die eigentlich grundsätzlich nur an eine Frau vermieten wollen. Kurzerhand greift Till zu einer Notlüge und behauptet schwul zu sein. Die Täuschung zieht und er darf einziehen. Die erschwindelte Mitbewohnererlaubnis ist allerdings teuer erkauft, nicht erst als man extra für ihn einen Nacktputzer bestellt. Bald erlebt Till eine irrwitzige Achterbahnfahrt voller Missverständnisse, Schlagabtausche, Liebesschwüre und Verzweiflungstaten, zu deren endgültiger Eskalation Pfefferspray, Floh-Shampoo und eine Packung Hackfleisch von der Tankstelle entscheidend beitragen.

»Unter Frauen ist ein luftig leichter Roman, der sich prima mit den ersten Sonnenstrahlen auf dem Balkon kombinieren lässt. Lesetipp!« MDR - Sputnik Popkult.

»Voller Situationskomik und unvorhersehbarer Überraschungen. Ausgesprochen lustig!« Rhein Zeitung.

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Alexander Broicher

Unter Frauen

Roman

Inhaltsübersicht

Über Alexander Broicher

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Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Impressum

Für Eva

Prolog

Böttner war immer noch ohnmächtig.

Vielleicht hätte ich nicht so fest zuschlagen sollen. Andererseits hatte es den Richtigen erwischt. Hinkend lief ich in sein Büro, holte die Kassenbox aus dem Metallschrank und öffnete sie. Ich griff eine Handvoll 2-Euro-Münzen und ließ sie entnervt wieder los. Ich hatte ja gar keine Hosentaschen! Hastig stellte ich die Kassenbox auf den Boden und sah mich um, bis ich im Regal mehrere Stapel Abreißtüten entdeckte.

Mit klebrigen Fingern stopfte ich das Geld in eine quietschgelbe Plastiktüte mit der Aufschrift »OFC – Organic Fried Chicken«. Viel war es nicht, aber meinen Hungerlohn ersetzte es allemal, und für den Überschuss würde sich schon eine angemessene Verwendung finden.

Als ich zurück auf den Flur trat, hörte ich ein Stöhnen. Am Ende des Ganges hatte Böttner sich aufgestützt und zog ein Handy aus der Brusttasche seines Hemdes. Irritiert sah er auf die pralle Rundung der Tüte in meiner Hand. Bevor er etwas sagen konnte, drehte ich mich um und eilte aus dem Burgerladen auf die Straße.

Mein Bein schmerzte höllisch, und unter der Maske bekam ich kaum Luft. Schweiß rann mir übers Gesicht, während ich meine Beine nicht so schnell bewegen konnte, wie ich wollte. Mein Kostüm war zwar nicht besonders schwer, durch die voluminösen Verbreiterungen und Wattierungen aber extrem sperrig. Vor allem, wenn man sich auf der Flucht befand.

Ich überlegte, einfach in den nächsten Bus zu springen, aber diese Möglichkeit schied aus. Bereits jetzt drehten sich Passanten nach mir um, Kinder lachten und zeigten mit dem Finger auf mich. Dabei war Aufmerksamkeit genau das, was ich im Moment am wenigsten brauchte.

Mittlerweile schmorte ich im eigenen Saft. Aus der Ferne ertönte die Sirene eines Einsatzfahrzeuges. Ich ahnte, dass ich ihr Heulen ohne die drei Schichten Stoff über meinen Ohren schon viel früher gehört hätte, und versuchte, mein Tempo zu erhöhen. Umsehen konnte ich mich mit meinem übergroßen Maskenkopf nicht, aber eins stand fest: Sie waren hinter mir her.

Ich zwang mich zum Nachdenken, was angesichts meiner Panik und der körperlichen Strapazen nicht ganz einfach war. Wie ich aus unzähligen Gangsterfilmen wusste, musste ich unbedingt die Beute loswerden, bevor man mich schnappte. Hektisch spähte ich durch die kleine Öffnung meines gelben Plastikschnabels.

Da entdeckte ich die Lösung.

Ungefähr fünfzig Meter vor mir saß ein Penner. Betrunken, trotz sommerlicher Temperaturen in zwei Jacken gehüllt, den schlaffen Oberkörper an einen Mülleimer gelehnt.

Was den Obdachlosen zu meinem perfekten Opfer machte, war seine überdimensionale Jamiroquai-Mütze, die als Sammelbeutel vor ihm stand. Der Penner würde meine »Organic Fried Chicken«-Tüte sicherlich hüten wie Gollum seinen Schatz. Spätestens, wenn er ihren Inhalt entdeckte.

Als ich vor ihm stehen blieb, sah der Obdachlose auf. Ein Grinsen zog seine Lippen auseinander und entblößte schwarze Zahnstummel. Dann lachte er los.

Dieses verkommene Subjekt, das jeden Dahergelaufenen um ein paar Cents anbettelte und ungeschminkt in jedem Zombiefilm auftreten konnte, machte sich über mich lustig! Das schlug dem Fass den Boden aus. Ich riss mir die Maske vom Gesicht und starrte ihn wutentbrannt an.

Er lallte eine Entschuldigung, wobei mir seine Fahne entgegenschlug.

»Fang!«, sagte ich trocken, warf ihm die Tüte zu und hastete weiter. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie er einen Blick in die Tüte warf und den Inhalt dann langsam in seine von Urin starre Hose stopfte. Im selben Augenblick bog ein Polizeiwagen um die Ecke.

Ich sprintete los. Mit dem Elan einer Gazelle, aber dem Körper eines Masthuhns.

Wo konnte ich bloß dieses Kostüm loswerden? Während ich noch nach einer Antwort suchte, stolperte ich über meine überdimensionalen Krallen und lag nun wie ein fetter Käfer auf dem Rücken. Mit einem Ruck drehte ich mich auf die Seite. Hastig streifte ich mein Federkleid über den Kopf und schüttelte die Krallenschuhe ab. Nur noch mit einer gelb-weiß gestreiften Strumpfhose und meinem T-Shirt bekleidet rannte ich weiter.

»Stehen bleiben!«, bellte eine Stimme hinter mir.

Das klang so entschlossen, dass mir nichts anderes übrig blieb, als zu gehorchen. Langsam drehte ich mich um. Zwei Polizisten kamen auf mich zu; zum Glück hatten sie keine Waffe auf mich gerichtet. Ich lächelte unsicher.

»An die Hauswand, und Arme im Nacken verschränken!«

Krampfhaft versuchte ich, mein Lächeln aufrechtzuerhalten. »Aber wieso denn? Ich …«

»Mit dem Gesicht zur Wand! Zwingen Sie uns nicht, Gewalt anzuwenden!«

Ich zog meine Strumpfhose hoch und tat wie geheißen. Nach zehn Sekunden war die Durchsuchung abgeschlossen.

»Können Sie sich ausweisen?«

Verdammt! Bei meiner überstürzten Flucht hatte ich mein Jackett samt Handy und Portemonnaie in Böttners Büro liegen lassen. Was sollte ich sagen?

»Mein Ausweis ist leider gestohlen worden«, stotterte ich. »Aber warum muss ich mich denn ausweisen?«

Ich spürte, wie man mir die Hände auf dem Rücken zusammenführte und Handschellen anlegte.

»Wir haben einen Anruf von einem Mann erhalten, der zusammengeschlagen und ausgeraubt wurde«, hörte ich eine klanglose, tiefe Stimme in meinem Rücken. »Der Beschuldigte soll ein Hühnerkostüm getragen haben.«

Ich drehte mich um und sah die Polizisten vorwurfsvoll an. »Ich trage doch gar kein Kostüm!«

Unbeeindruckt deutete einer der Beamten in die Richtung, aus der ich gekommen war. In etwa zweihundert Metern Entfernung lag ein greller Stoffhaufen auf dem Gehweg, dessen Farbe erschreckend gut mit dem Gelb meiner Strumpfhose harmonierte.

»Verkleiden ist doch kein Verbrechen …«, sagte ich langsam.

»Räuberischer Diebstahl aber schon. Wie heißen Sie?«

»Ich … das muss ich Ihnen nicht sagen«, brachte ich mühsam hervor. »Ich bin hier nicht der Schuldige!«

»Ach nein? Wer dann?« Die Polizisten grinsten mich an. »Aber wie Sie wollen, dann warten Sie eben ein bisschen in der Zelle, bis wir Ihre Identität festgestellt haben. Das wird nicht lange dauern.«

Mit diesen Worten packten sie mich am Arm und führten mich zum Streifenwagen. Ich bemühte mich, den Schmerz in meinem Bein zu verdrängen und mich aufrecht zu halten. Was hatte Böttner ihnen gesagt? Erinnerte er sich an meinen Nachnamen? Wenn nicht, konnte ich nur hoffen, dass er meine Brieftasche noch nicht gefunden hatte.

Die Polizisten brachten mich zum »Polizeikommissariat 31«, wie ich dem Schild im Eingangsbereich des Betonklotzes entnehmen konnte. Nachdem ich erneut durchsucht worden war und eine Weile in einem Vorraum gewartet hatte, erschien ein dicker Beamter und führte mich in einen großen, kargen Raum, der mich an ein Schlachthaus erinnerte, in das man ein paar Schreibtische gestellt hatte. Ich wurde auf einen Stuhl an einen der Tische gesetzt und sah in das Gesicht einer gelangweilt dreinblickenden Beamtin mit militärischer Kurzhaarfrisur. Ich entschied, mich zur Abwechslung mal nicht vor einer Frau zu rechtfertigen und einfach gar nichts zu sagen.

»Wo ist Ihr Ausweis?«

»…«

»Kennen Sie Johannes Böttner?«

»…«

»Was sagen Sie zu den gegen Sie vorgebrachten Anschuldigungen?«

»…«

»Na fein«, sagte die Frau schließlich, »dann hätte ich gerne Ihren rechten Daumen.«

Sie stellte einen kleinen schwarzen Kasten vor mir auf den Tisch, und ich legte meinen Daumen auf die markierte Fläche.

»Überlegen Sie sich, ob Sie Ihre Sicht der Dinge nicht doch zu Protokoll geben wollen. Wenn wir Ihre Identität festgestellt haben und der Zeuge für eine Gegenüberstellung erscheint, wird die ganze Sache nicht einfacher.« Die Beamtin sah mich abwartend an und winkte dann den Dicken herbei. »Bring ihn in die Zwei.«

»Die ist belegt. Er kann nur noch mit in die Sammelzelle.«

Die Beamtin sah mich mürrisch an. »Gut, dann in die Sammelzelle. Da ist er wenigstens unter seinesgleichen.«

Der Dicke schob mich unsanft durch einen langen Flur, vorbei an nummerierten Eisentüren. Warteräume für die Schlachtbank.

Der Bulle machte schließlich vor einer Metalltür halt, schloss auf und bedeutete mir mit einem knappen Kopfnicken hineinzugehen. Ich ging in den Raum, dessen hinterer Teil durch Gitterstäbe vom vorderen getrennt war. Mein Begleiter trat hinter mich, nahm mir die Handschellen ab und schloss die Gittertür auf. Unsanft schob er mich vorwärts und zog die Tür krachend wieder ins Schloss.

»Schicker Fummel, Kleiner«, sagte eine Männerstimme in Frauengestalt, die im hinteren Teil des Raumes auf einer Bank lag. Er oder sie hatte Brüste, kratzte sich aber zwischen den Beinen wie ein Kerl.

»Komm ruhig näher, ich beiße nicht«, sagte sie wie die Hexe in Hänsel und Gretel.

»Ach, schon gut, ich habe … heute schon den ganzen Tag gesessen«, sagte ich und blieb an der Gitterwand stehen.

»Men in tights, hm?«, hörte ich die giggelnde Baritonstimme der Transe hinter mir.

Von Witzen auf meine Kosten hatte ich mittlerweile mehr als genug. Ich schloss die Augen, verwünschte diesen Tag, OFC und meinen bescheuerten Chef Böttner, der mich zu einer Lachnummer gemacht und in diese missliche Lage gebracht hatte.

»Ich bin übrigens Andrea«, sagte mein Zellenkollege.

Ich öffnete die Augen und drehte mich vorsichtig um. »Ich bin Till.«

»Till. War ’ne harte Schicht für dich, oder? Du siehst ganz schön fertig aus.«

Wieso dachte Andrea, wir hätten den gleichen Job? Strumpfhose hin oder her, sie musste doch sehen, dass ich so etwas nicht freiwillig anzog. »Es war ein harter Tag, ja, aber nicht so, wie du denkst.«

»Ach nein? Mir musst du nichts vormachen, Schätzchen. Du hast da übrigens noch was.« Sie deutete mit dem abgekauten, gold lackierten Fingernagel ihres Zeigefingers an ihr Kinn.

Entnervt wischte ich mir mit der Handfläche über den Kiefer und pulte etwas Verkrustetes von der Haut. »Das ist kein … Ich hatte vorhin eine Eierschlacht mit meinem Chef.«

»Aha. Eine Eierschlacht«, wiederholte Andrea trocken.

»Ja, wir hatten Streit und haben uns mit Eiern beworfen. Mit Hühnereiern.«

In Andreas Gesicht wanderte eine Augenbraue nach oben.

»Ach, weißt du«, sagte ich und lehnte meinen Kopf gegen die kalten Metallstreben, »das ist eine lange Geschichte.«

Eins

Es war Samstag und einer dieser Hamburger Tage, an denen sich feiner Sprühregen mit handfesten Wolkenbrüchen abwechselte.

Ich war auf dem Weg zu einer WG-Besichtigung und viel zu spät dran. Noch dazu hatte ich meinen Regenschirm vergessen und spürte, wie mir der Regen kalt in den Nacken troff. Ein Scheißtag, den ich nur zu gerne mit einer großen Schale Milchkaffee und einem guten Buch neben meiner Liebsten im Bett verbracht hätte. Gedämpftes Licht, wohlige Wärme, leise Musik … Dumm nur, dass ich keine Liebste mehr hatte. Und nicht nur das: Ich hatte noch nicht mal mehr ein Bett, seit Kathrin sich entschieden hatte, dieses fortan mit ihrem Chef zu teilen.

Ich hatte mich seitdem bei meinem Kumpel Pit und dessen Freundin Constanze einquartiert, deren Geduld mit mir als Dauergast mittlerweile allerdings arg strapaziert war.

So lief ich durch diesen tristen Regentag in der Hoffnung, am Abend wenigstens wieder ein eigenes Zimmer zu haben.

Ich hatte einen Termin in der Elbchaussee, den ich um keinen Preis verpassen durfte. Die Suche nach einer neuen Bleibe in dieser Stadt war noch anstrengender als die Jobsuche und im Gegensatz zu meinem Vorstellungsmarathon für eine Anstellung als Chemielaborant bislang nicht von Erfolg gekrönt.

Ich hatte schnell feststellen müssen, dass mein mickriges Einstiegsgehalt für eine eigene Wohnung nicht reichte – ebenso wenig wie für einen Makler, der mir diese besorgen konnte. Unterstützung von meinen Eltern? Fehlanzeige. Nachdem sie mir fünfzehn Semester Studium finanziert und mitbekommen hatten, dass ich eine Extrafinanzspritze für ein 500 Euro teures Sushimesser ausgegeben hatte, war die sorglose Zeit zu Ende gewesen. Sporadische Einladungen zum Sonntagsessen waren mittlerweile die einzigen Zuwendungen, die ich noch von ihnen bekam.

Also hatte ich meine Suche auf ein WG-Zimmer beschränken müssen. Mir hatte dabei eine eingeschworene Gemeinschaft lässiger Mitbewohner vorgeschwebt, die coole Leute mit nach Hause brachten. Ich hoffte darauf, dass sich dann die eine oder andere weibliche Bekanntschaft auch in mein Zimmer verirren würde, denn die Sache mit den Frauen fiel mir einigermaßen schwer.

Zunächst musste ich aber erst mal eine solche WG finden. Dummerweise entpuppten sich fast alle entsprechenden Anzeigen schnell als äußerst »kreativ« formuliert. Beschönigungen und selbst dreiste Lügen waren an der Tagesordnung. Jede Besichtigung hielt eine neue Überraschung bereit. Angefangen bei tierischen Mitbewohnern (»ja, es macht mir sehr wohl etwas aus, mich während deines Urlaubs um deine beiden Rottweiler zu kümmern«), über ungezügelte Freizügigkeit und Ökowahn (»nein, ich bin weder verklemmt noch ignorant, aber ich dusche einfach lieber allein, auch wenn das mehr Wasser verbraucht«), bis hin zu Wohngemeinschaften, die von tyrannischen Kindern dominiert wurden (»antiautoritäre Erziehung find ich ja grundsätzlich auch gut, aber kann der kleine Luca bitte endlich aufhören, mit seinem Stift in meinem Ohr nach Öl zu bohren?«).

Inzwischen war ich allerdings mit fast allem einverstanden. Brav lobte ich noch die dunkelste Besenkammer, verzichtete auf die Küchenmitbenutzung und hätte mein Zimmer sogar im Wechsel mit einer Schichtarbeiterin der Herbertstraße bewohnt. Und doch bekam ich immer wieder eine Absage.

So lief ich mit eingezogenem Kopf durch den Regen und hoffte, dass ich es noch rechtzeitig zum nächsten Termin schaffte und dass der von den Meteorologen versprochene Jahrhundertsommer endlich begann. Wenn dieser Sommer mich besänftigen und irgendwas wiedergutmachen wollte, würde er sich verdammt anstrengen müssen.

Völlig durchnässt stand ich schließlich in der Elbchaussee vor einem herrschaftlichen, weiß sanierten Altbau mit Fassadenstuck. Ich holte den Ausdruck der Anzeige hervor und überprüfte ungläubig die Hausnummer. Bevor der Regen die Tinte verlaufen ließ, stellte ich fest, dass ich mich tatsächlich an der richtigen Adresse befand. Ich stopfte den durchweichten Zettel in meine Hosentasche, trat in den Torbogen und suchte an den goldglänzenden Messingschildern den Namen »Jacobsen«. Als ich bei »I. Roth, T. Jacobsen und M. Schmidt« klingelte, dröhnte eine Frauenstimme aus der Gegensprechanlage: »4. Stock!« Der Türöffner summte, und ich schob die schwere Holztür auf.

Ich rechnete mit einer langen Schlange im Treppenhaus, denn die Anzeige hatte sich traumhaft angehört:

Ein wunderschönes Zimmer in einer 170 qm großen Altbauwohnung, abgezogenes Fischgrätparkett, Stuck, Flügeltüren, superhohe Decken. WLAN, Kabel TV, Telefon Flatrate, alles inklusive.

Das Zimmer ist teilmöbliert, hat 37 qm, einen eigenen Südwest-Balkon und einen tollen, unverbauten Blick auf die Elbe. Espressomaschine und begrünte Dachterrasse zum Grillen für Gemeinschaftsnutzung vorhanden.

Das klang eigentlich zu gut, um wahr zu sein. Insgeheim rechnete ich damit, dass es sich um ein besonders kreatives Inserat handelte. Aber ich brauchte endlich eine neue Bleibe, zumal ich in zwei Tagen meinen hart erkämpften neuen Job antreten sollte. Ich musste dieses Zimmer kriegen.

Den ersten Treppenabsatz nahm ich im Sprint. Die Deckenhöhe des Gebäudes lag ungefähr bei vier Metern, sodass der vierte Stock etwa dem sechsten eines normalen Hauses entsprach. Zumindest in diesem Punkt war der Inserent bei der Wahrheit geblieben. Im dritten Stock bekam ich kaum noch Luft und griff nach dem Treppengeländer. Es war Ewigkeiten her, dass ich Sport gemacht hatte, und die vielen Frustfuttereien hatten ihre Spuren hinterlassen. Meine von Natur aus ohnehin nicht besonders gute Kondition war an einem historischen Tiefpunkt angelangt.

Keuchend kam ich schließlich oben an. Mein weißes Hemd, das eigentlich über meine momentane Verfassung hinwegtäuschen sollte, war nun ebenso durchnässt wie mein Trenchcoat.

In dem Moment öffnete sich die Wohnungstür. Eine kleine rothaarige Frau stand im Türrahmen und sah mich irritiert an.

Ich öffnete den Mund, war aber so außer Atem, dass ich kein Wort herausbekam. Schnell griff ich in die Manteltasche und fischte nach der ausgedruckten Anzeige. Doch das völlig durchweichte Papier war nur noch ein einziger Pappmaschee-Brei. Vergeblich versuchte ich, mir die klebrignassen Papierfetzen an der Innenseite meiner Manteltasche von den Fingern zu streifen.

Die Rothaarige sah entgeistert zu, wie ich keuchend und durchnässt in meinem Mantel wühlte. Dann gewann sie die Fassung wieder und knallte mir die Wohnungstür mit einem Wutschrei vor der Nase zu. Ich hielt inne, blickte an mir herunter und auf die von meiner Hand ausgebeulte Manteltasche. Langsam begriff ich, welchen Eindruck ich bei ihr hinterlassen haben musste.

Ein dummes Missverständnis, das sich bestimmt schnell aus der Welt schaffen ließ. Schließlich war ich mit meinen jungenhaften Zügen, verwuschelten, halblangen schwarzen Haaren und meinen eins neunundsiebzig nicht der Typ, vor dem Frauen Angst hatten.

»Es ist ein Mann!«, hörte ich plötzlich eine Stimme hinter der Tür. »Ein Perverser, der sich daran aufgeilt, wenn man ihn nur ansieht.«

»Bist du sicher?«, fragte eine zweite, weichere Frauenstimme.

Immer noch schwer atmend presste ich mein Ohr an die Tür.

»Da, hörst du das?«, sagte die erste. »Der steht immer noch da und stöhnt!«

Ich versuchte, meinen Atem zu kontrollieren, wischte mir das Wasser aus dem Gesicht und stopfte gerade mein Hemd zurück in die Jeans, als die Tür erneut aufgerissen wurde.

»Das gibt’s doch nicht! Mit der Hand in der Hose!«, brüllte die Rothaarige. »Jetzt reicht’s!«

Sie hielt mir eine kleine rote Dose vors Gesicht. Noch bevor ich realisierte, worum es sich dabei handelte, brannte es wie Feuer in meinen Augen und in meiner Lunge. Schreiend schlug ich die Hände vors Gesicht und fiel auf die Knie. Meine Augen tränten wie verrückt, und ich bekam kaum noch Luft, als die Frau die Tür wieder zuknallte.

Ich hatte in meinem Leben stets vermieden, an Demonstrationen teilzunehmen, und war noch nie in Kontakt mit einem sogenannten »Reizmittel« gekommen. Auf meine neu gewonnene Erfahrung hätte ich allerdings gern verzichtet. Wie konnte es sein, dass dieses Zeug ohne Waffenschein erhältlich war?

»Moment, ich erwarte ein Päckchen, vielleicht ist das nur der Paketbote«, drang es dumpf durch die Tür.

»Nie im Leben, der Typ hat gar kein Paket dabei«, zischte die andere.

Die Wohnungstür öffnete sich erneut. Ich hielt mir schützend die Hände vors Gesicht.

»Der tut mir irgendwie leid.« Durch die Finger sah ich schemenhaft, wie mich eine blonde Frau durch den Türspalt musterte.

»Bullshit, solche Typen haben es nicht anders verdient!«, polterte es aus der Wohnung. Ich hätte gerne etwas dazu gesagt, aber meine gepfefferten Stimmbänder brannten wie Feuer. Ich drückte eine Hand an meine Kehle, der daraufhin ein gurgelndes Geräusch entfuhr.

»Ja, ich weiß, das kommt vom Pfefferspray … Sind Sie der Paketbote?«, wollte die junge Frau wissen, die ich nun langsam besser erkennen konnte. Sie hatte mittellanges blondes Haar und ein rundes, natürlich-hübsches Gesicht mit einem vollen Mund. Die weiblichen Rundungen ihrer Figur und die Art, wie sie sich sanft das Haar hinter die Ohren strich, machten mich verlegen.

Ich schüttelte den Kopf.

»Marion, du hast recht, das ist nicht der Paketbote«, rief sie über die Schulter in die Wohnung, »aber das ist ganz sicher auch kein Perverser.«

Ich nickte heftig und rappelte mich auf. Meine Fürsprecherin sah mich mitleidsvoll an. »Du musst aus deinen nassen Sachen raus, sonst holst du dir noch den Tod.«

Sie stellte sich als Tessa vor. Heiser brachte ich ein »Till Gericke, angenehm« hervor.

Tessa führte mich an der fassungslosen Rothaarigen vorbei ins Badezimmer. Behutsam zog sie die Tür hinter uns zu und forderte mich auf, meine Klamotten auszuziehen. Ihre grünen Augen sahen mich abwartend an, während sie leicht mit den Zähnen auf ihrer Unterlippe kaute.

Langsam zog ich meinen Trenchcoat aus und wartete darauf, dass Tessa das Bad verließ. Stattdessen fing sie an, in einem Schrank mit Handtüchern zu wühlen. »Du kannst dich da hinter dem Vorhang umziehen«, sagte sie und deutete mit dem Kopf in Richtung Badewanne. Rasch stieg ich in die Wanne und pellte mich weiter aus meinen nassen Klamotten. Als ich nur noch mit meiner nunmehr durchsichtigen Boxershorts bekleidet war, hielt ich inne und lauschte. Worauf wartete sie? Wollte sie mir nicht endlich ein Handtuch reichen oder etwas Trockenes zum Anziehen? »Tessa-a …?«

»Sorry, ich war abgelenkt. Gib mir mal deine Klamotten, dann tue ich die in der Küche in den Trockner.«

Ich streckte das nasse Bündel etwas widerwillig hinter dem Vorhang hervor. Sie nahm mir die Sachen ab und bewegte sich nicht vom Fleck. »Die Unterhose würde ich an deiner Stelle auch ausziehen, Blasenentzündungen sollen bei Männern noch unangenehmer sein als bei Frauen.«

Ich zögerte. Wollte sie mich unbedingt nackt sehen, oder was? Andererseits … was, wenn sie recht hatte? Ein Besuch beim Urologen war sicher kein Spaß. Ich beugte mich vor, stieg aus meiner Unterhose und starrte währenddessen auf die Pastellstreifen des Duschvorhangs. Fast erwartete ich, dass Dudelmusik erklang, der Vorhang zwischen uns langsam weggezogen wurde und Tessa bei meinem Anblick die Hände vorm Gesicht zusammenschlug. Mit einem krebsrot angelaufenen Gesicht würde ich dann meine Blöße mit dem Duschkopf verdecken, während Kai Pflaume das Traumziel des gemeinsamen Hubschrauberflugs verkündete.

»Komm ins Wohnzimmer, wenn du so weit bist«, sagte Tessa und machte Anstalten, das Bad zu verlassen.

»Was soll ich denn anziehen?«

»Ach so, stimmt … An der Tür hängt mein Bademantel. Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du den anziehen.«

Kurz meinte ich, mich verhört zu haben. Tessas Unerschrockenheit machte mir langsam etwas Angst. Aber ich hatte wohl keine andere Wahl. »Okay, danke!«