Über Jürgen Trimborn

Jürgen Trimborn, geboren 1971, Studium der Theater- und Filmwissenschaften, Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie. 1997 Promotion. 1995-2000 Lehrbeauftragter insbesondere zum Film des Dritten Reichs an der Universität zu Köln. Seine Biographie »Riefenstahl. Eine deutsche Karriere« wurde 2003 für den Deutschen Bücherpreis nominiert. Ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienen sind seine Biographien zu Arno Breker und Johannes Heesters.

Informationen zum Buch

Arno Breker gehörte neben Leni Riefenstahl und Albert Speer zu den drei Vorzeigekünstlern der Nazis. Er meißelte Hitlers Traum von der arischen Herrenrasse in Stein, distanzierte sich von jüdischen Freunden und Förderern, wie seinem Galeristen Alfred Flechtheim, und war einer der privilegiertesten und einflussreichsten Künstler des Dritten Reiches. Jürgen Trimborn erzählt facettenreich die spannende Geschichte eines Mannes, der um jeden Preis berühmt werden wollte, und zeigt auf, dass Brekers Verstrickungen in das NS-Regime wesentlich tiefer reichten, als bislang bekannt war. Zudem nimmt er die erstaunliche Nachkriegskarriere des Bildhauers in den Blick, der seiner braunen Gesinnung bis ins hohe Alter treu blieb und dennoch namhafte Repräsentanten des Wirtschaftswunderdeutschlands wie Henkel, Quandt und Oetker portraitieren konnte.

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Jürgen Trimborn

Arno Breker

Der Künstler
und die Macht

Die Biographie

Inhaltsübersicht

Über Jürgen Trimborn

Informationen zum Buch

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Vorwort

Prolog/Der Feldherr und seine Künstler

1 Lehrjahre (1900 –1927)

Beruf und Berufung

Alfred Flechtheim

2 Paris und die Welt (1927 –1933)

Freundschaften und Begegnungen

Reisen

Rom

3 Der Ruf der Heimat (1933 – 1937)

Die Kunst im »neuen Deutschland«

Brekers Aufstieg in Berlin

In Hitlers Visier

4 Hitlers Favorit (1937 – 1938)

Professor Breker

Die Weltausstellung in Paris

»Nur das Vollkommenste«
Die Große Deutsche Kunstausstellung

»Entartet«

Eine Frage des Stils

5 Germania – Die Hauptstadt der Welt (1938 – 1940)

»Ein sehr guter Freund« – Albert Speer

Ein Staatsatelier für Breker

»Die wichtigste Bauaufgabe des Reiches«

Bedrängte

»Abgründig undankbar, niederträchtig und gemein«

6 Der Staatskünstler (1940 –1944)

Ein Schloss für Breker

Dienen und Verdienen

Zwangsarbeiter in Wriezen

Triumphale Rückkehr nach Paris

Eine Männerfreundschaft

Raffgier

Geheimprojekt »Führermuseum«

Picasso & Co.

7 Schwanengesang (1944 – 1945)

Der unersetzliche Breker

»Künstler im Kriegseinsatz«

Arno Breker und Heinrich Himmler

Hochtrabende Zukunftsplanungen

Der Untergang der Steinbildhauerwerkstätte Arno Breker

Luxuriöses Kriegsende

8 Ein Lebenswerk in Trümmern (1945 – 1950)

In ländlicher Abgeschiedenheit

Der Mitläufer

Hans van Breek

9 Neuanfänge im Wirtschaftswunderland (1950 – 1970)

Alte Seilschaften

»Das Gute von früher« – Braune Gesinnung

»Überall das Pathos des Dritten Reiches« – Brekers »Kleine Reichskanzlei«

Ein Atelier in Paris

10 Zwischen Anerkennung und Ablehnung (1970 –1991)

Projekt Rehabilitierung und Vermarktung

Faszinierender Faschismus

Gehört Breker ins Museum?

Der lange Schatten

Epilog/Ein schwieriges Erbe

Anhang

Abkürzungen

Anmerkungen

Zeittafel

Dank

Personenregister

Impressum

Im Gedenken an die Weggefährten, Freunde und Förderer Arno Brekers, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind, aus Angst vor dem Kommenden freiwillig aus dem Leben schieden, als Kollaborateure hingerichtet wurden oder im Exil sterben mussten.

Eduard Arnthal († 1944, Korčula)

Jean Bichelonne († 21. 12. 1944, Hohenlychen)

Robert Brasillach († 6. 2. 1945, Montrouge)

Fernand de Brinon († 15. 4. 1947, Montrouge)

Walter Cohen († 8. 10. 1942, Dachau)

Adolf Davidsohn († 9. 10. 1944, Auschwitz)

Pierre Drieu La Rochelle († 16. 3. 1945, Paris)

Alfred Flechtheim († 9. 3. 1937, London)

Betty Flechtheim († 15. 11. 1941, Berlin)

Leo Goldschmidt († 28. 5. 1943, Sobibór)

Mafalda Prinzessin von Hessen († 24. 9. 1944, Buchenwald)

Joachim Karsch († 10. 2. 1945, Großgandern)

Moissey Kogan († 3. 3. 1943, Auschwitz)

Pierre Laval († 15. 9. 1945, Fresnes)

Anna Lenzberg († 20. 7. 1942, Düsseldorf)

Rudolf Levy († 1944)

Martha Liebermann († 5. 3. 1943, Berlin)

Aristide Maillol († 27. 9. 1944, Banyuls-sur-Mer)

Victor Manheimer († 1942)

Berthold Nothmann († 1942, London)

Felix Nussbaum († 9. 8. 1944, Auschwitz)

Felka Nussbaum-Platek († 2. 8. 1944, Auschwitz)

Hugo Simon († 6. 10. 1944, Auschwitz)

Vorwort

Noch nie war es mir so wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine unautorisierte Biographie handelt.

Der Nachlass Arno Brekers befindet sich bis heute unter Verschluss. Seine Familie verweigert auch zwanzig Jahre nach dem Tod des Bildhauers jegliche Einsichtnahme in die in Brekers Düsseldorfer Villa liegenden Dokumente und ist auch sonst nicht zu Stellungnahmen bereit, was Leben und Werk Arno Brekers anbelangt. Sämtliche Anfragen wurden von Brekers Witwe Charlotte und seiner Tochter Carola abschlägig beantwortet. Nach wie vor scheint die Familie des Bildhauers kein Interesse an einer kritischen, objektiven Aufarbeitung der Biographie Arno Brekers zu haben.

Ebensowenig Interesse an der Rekonstruktion dieser höchst spannenden Biographie hat Joe F. Bodenstein. Brekers Galerist, der den Lieblingsbildhauer des »Führers« seit Beginn der siebziger Jahre vertrat und zusammen mit einem eingeschworenen Kreis von Breker-Apologeten mittels einer beispiellosen Flut an Ausstellungen und Publikationen seit vierzig Jahren ein Bild Brekers zu zeichnen versucht, das so gut wie nichts mit der Realität zu tun hat, betrachtet die Rehabilitierung und Vermarktung des Bildhauers bis heute als sein Lebenswerk. In seinem privaten Arno-Breker-Museum auf Schloss Nörvenich bei Köln sind kritische Nachfragen nach Leben und Werk des »Meisters«, der hier zum bedeutenden europäischen Bildhauer stilisiert wird, nicht erwünscht. Auch von dieser Seite war also keine Hilfe zu erwarten.

Eben diese komplizierte Ausgangslage hat dazu geführt, dass auch fünfundsechzig Jahre nach Kriegsende und zwanzig Jahre nach Brekers Tod keine Biographie über den Mann vorlag, der wie kein anderer für die Kunst des Nationalsozialismus stand, zudem maßgeblichen Einfluss auf die Kulturpolitik des Dritten Reichs genommen hat und neben Leni Riefenstahl und Albert Speer eins der wichtigsten Aushängeschilder des braunen Regimes gewesen ist. Kunsthistoriker erklärten sich für den »Nicht-Künstler« Arno Breker und seine »Gesinnungskunst« kurzerhand als nicht zuständig, und auch Historiker nahmen sich des Falles erstaunlicherweise nie an. In der Vergangenheit wurde wiederholt die Meinung vertreten, dass eine biographische Auseinandersetzung mit Breker erst dann möglich würde, wenn sich seine Familie dazu durchringt, endlich Zugang zum Nachlass zu gewähren – eine Einschätzung, die ich nicht zu akzeptieren bereit war.

Dass ich mich auf diese Weise völlig eigenständig auf die Spuren Arno Brekers machen musste, brachte zugleich den Vorteil mit sich, jeglichen Beeinflussungsversuchen von vornherein aus dem Weg zu gehen, denn nur so, das war mir klar, könnte es möglich sein, einen unvoreingenommenen Zugang zum Thema Arno Breker zu finden. In meinem Beschluss bestärkte mich nicht zuletzt der Umstand, dass ich mich vor zehn Jahren, als ich mich daranmachte, eine Biographie über Hitlers Filmemacherin Leni Riefenstahl zu schreiben, mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sah. Zwar war die Regisseurin zu Gesprächen mit mir bereit, Zugang zu ihrem umfangreichen und bis heute nicht öffentlich zugänglichen Privatarchiv erhielt ich jedoch nicht. Auch damals blieb mir nichts anderes übrig, als neue Quellen zu erschließen und bislang noch nicht befragte Zeitzeugen aufzuspüren. Das Wagnis, das eine so schwierige Quellenlage bedeutete, schien mir auch im Fall Breker lohnenswert zu sein, denn seine Biographie ist eine Parabel über die Korrumpierbarkeit des Künstlers durch die politische Macht.

Seine Laufbahn im Dritten Reich, sein Pakt mit Hitler, aber auch die Art und Weise, wie uneinsichtig er nach 1945 mit seiner einstigen Rolle umgegangen ist, all das ist höchst exemplarisch für eine ganze Reihe von Künstlern und Intellektuellen, die sich aus Überzeugung oder aus Karrieregründen auf das Spiel mit der Macht einließen. Andererseits hat der Fall Breker, wie meine Recherchen schnell ergaben, durch die große persönliche Nähe des Bildhauers zu Hitler, seine Exponiertheit im Machtgefüge des NS-Staats, seine beispiellosen Millionengagen und seine einstige Stilisierung zum »Michelangelo des Dritten Reichs« auch etwas völlig Singuläres. Warum schlug ausgerechnet er, ein Künstler, der vor 1933 in Paris gelebt und dort die weltoffene und tolerante Atmosphäre geschätzt hatte, just nach Hitlers »Machtergreifung«, als zahllose Künstler und Intellektuelle Deutschland fluchtartig verließen, den entgegengesetzten Weg ein, stieg innerhalb weniger Jahre zum höchstdotierten und von der NS-Presse gefeierten Künstler auf und verkehrte in der Folgezeit sehr selbstbewusst auf Augenhöhe mit den Größen des Dritten Reichs?

Dass es nach wie vor ein großes, auch über die Grenzen Deutschlands hinausgehendes Interesse an Arno Breker gibt und der Bildhauer des »Führers« immer noch eine Figur ist, an der sich die Geister scheiden, hat nicht zuletzt die Breker-Ausstellung gezeigt, die im Jahr 2006 in Schwerin veranstaltet wurde und weltweit für enormes Aufsehen gesorgt hat. Die Flut an Artikeln und Fernsehbeiträgen sowie die höchst emotional geführten Diskussionen um das Für und Wider einer solchen Ausstellung sowie die Frage, wie denn nun Brekers Arbeiten zu bewerten und kunsthistorisch einzuschätzen sind, hat deutlich gemacht, dass offenbar immer noch ein großer Informations- und Aufklärungsbedarf besteht.

Die Recherche zum vorliegenden Buch erwies sich als ebenso aufwendig wie überraschend ertragreich. Die im Kontext der Schweriner Ausstellung aufgestellte These, dass die von Breker in staatlichen Archiven hinterlassene Spur sich als »ausgesprochen fragmentarisch« erweise, stellte sich schnell als völliger Unsinn heraus. Nachdem ich einmal mit dem Graben begonnen hatte, war ich regelrecht erstaunt, wie viel sich finden ließ. In unzähligen Archiven in ganz Deutschland, aber auch in Washington und Moskau, Paris und London fand sich reichlich bislang ungehobenes Material, auf dessen Basis das vorliegende Buch entstanden ist. Manchmal handelte es sich um sehr umfangreiche Konvolute, so etwa im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin, im Staatsarchiv München, in den Bundesarchiven oder im Landesarchiv Berlin, manches Mal aber auch lediglich um einzelne Briefe oder Dokumente, die sich jedoch oftmals als wichtige Mosaiksteinchen in Brekers Biographie erwiesen, zu weiteren Recherchen veranlassten und halfen, das sich im Entstehen befindliche Bild abzurunden und ihm eine größere Tiefenschärfe zu verleihen.

Aufgrund der vielen völlig neu erschlossenen Fakten waren zahlreiche Korrekturen am bislang bestehenden Breker-Bild, das vor allem von Brekers höchst fragmentarischen Memoiren sowie der Geschichtsklitterung seiner Apologeten geprägt gewesen ist, vonnöten. So finden sich beispielsweise bis heute auch in seriösen Darstellungen die Fehlinformationen, dass Breker die Mitgliedschaft in der NSDAP lediglich »verliehen« worden sei, dass er auf Drängen jüdischer und regimekritischer Freunde 1933 nach Deutschland zurückgekehrt sei oder er den tatsächlich 1937 ehrenhalber von Hitler verliehenen Professoren-Titel einer Lehrtätigkeit zu verdanken gehabt habe. Erst die zahlreichen neu erschlossenen Quellen sowie die Gespräche mit teils mühsam aufgespürten Zeitzeugen, die den Bildhauer noch persönlich gekannt haben und bereit waren, mit mir zu sprechen, erlaubte es mir, Brekers Leben erstmals detailreich zu rekonstruieren – sowohl seine Jugend im Wandervogel, über die bislang kaum etwas bekannt war, seine Anfänge als Bildhauer in Düsseldorf und Paris, seine Karriere im Dritten Reich, in dessen Machenschaften er weitaus tiefer verstrickt war als bislang auch nur ansatzweise bekannt war, wie auch seine erstaunliche Nachkriegskarriere oder sein Festhalten an seiner braunen Gesinnung bis ins hohe Alter.

Erst die Konzentration auf die tatsächlich belegbaren Fakten, die bislang weitgehend im Verborgenen lagen, machte eine ausgewogene Darstellung von Brekers Leben sowie die dringend notwendige Entmythologisierung möglich.

Jürgen Trimborn im Mai 2011

Prolog
 
Der Feldherr und seine Künstler

Es begann bereits langsam zu dämmern in den frühen Morgenstunden des 23. Juni 1940. Gegen fünf Uhr, gerade einmal zehn Stunden nach Unterzeichnung des deutsch-französischen Waffenstillstandsvertrags und damit noch vor Inkrafttreten der Waffenruhe, landete Adolf Hitlers viermotorige »Führermaschine« in Paris. Fünf offene Staatskarossen des »Führer-Begleitbataillons« standen schon am Rollfeld des Flughafens Le Bourget am Rande von Paris bereit.1 Zuvor hatte der Diktator, der sich bewusst war, dass er mit dem militärischen Triumph einen neuen Gipfel seiner Macht und seines Ansehens erreicht hatte, die Architekten Albert Speer und Hermann Giesler sowie den Bildhauer Arno Breker in sein Hauptquartier im belgischen Brûly-de-Pesche einfliegen lassen. Mit ihnen zusammen beabsichtigte er, Paris einen Überraschungsbesuch abzustatten, jener Stadt, mit deren Geschichte, Architektur und städtebaulicher Entwicklung er sich bereits seit seiner frühesten Jugend eingehend beschäftigt hatte und die er, obwohl er sie noch nie zuvor betreten hatte, durch seine intensiven Studien wie seine Westentasche zu kennen glaubte.

Durch die Präsenz der Künstler in seinem Gefolge wollte Hitler deutlich machen, dass er nicht in seiner Funktion als Oberbefehlshaber der deutschen Wehrmacht und damit als Eroberer ins besetzte Paris reiste, sondern vielmehr als »Tourist« sowie als künftiger Bauherr deutscher Städte, der sich für die architektonischen und städtebaulichen Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten der Seine-Metropole interessiert und sich durch seinen Besuch wichtige Anregungen für seine eigenen Planungen erhofft. Mit seiner nur wenige Stunden dauernden Stippvisite erfüllte er sich einen lebenslang gehegten Wunschtraum. Seinen Begleitern eröffnete er: »Paris hat mich immer fasziniert. Ein Besuch ist seit Jahren mein leidenschaftlicher Wunsch. Jetzt stehen die Tore für mich offen. Nie war bei mir eine andere Vorstellung vorhanden, als die Kunstmetropole mit meinen Künstlern zu besichtigen.«2

Hitler hatte sich dazu entschlossen, Paris noch vor Inkrafttreten der Waffenruhe einen inoffiziellen Besuch abzustatten, weil er möglichst wenig Aufsehen in der französischen Bevölkerung erregen wollte. Dass ihn am 1. Juni bei der Besichtigung der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs in der nordfranzösischen Stadt Lille eine Frau, die seiner ansichtig wurde, als »Teufel« bezeichnet hatte,3 war tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Um ähnliche Szenen in Paris zu vermeiden und so wenig Kontakt wie nur möglich mit der Bevölkerung der besetzten Stadt zu haben, entschied Hitler, dass die frühen Sonntagmorgenstunden am besten dazu geeignet wären, um das bereits seit dem 14. Juni in deutscher Hand befindliche Paris inkognito zu besuchen und seine geplante Rundfahrt zu absolvieren.

Und so hatte am Morgen des 23. Juni um Punkt drei Uhr eine Wagenkolonne mit Hitler und seinem Gefolge das Führerhauptquartier im Südzipfel Belgiens verlassen. Rund eine halbe Stunde später hatten die Wagen die nur wenige Kilometer entfernte, zum Flugfeld umfunktionierte Weide in Gros-Caillou erreicht, wo Hitlers Flugzeug bereits mit laufenden Motoren wartete. Wenige Minuten nach vier Uhr startete die »Führermaschine«, die beigefarbene Condor D-2600, und nahm in südwestlicher Richtung Kurs auf die französische Hauptstadt. Am Steuer der Maschine saß wie immer Hitlers Chef-Pilot Hans Baur, Führer der von ihm verantworteten Flugstaffel »Reichsregierung«.

Um fünf Uhr in der Früh setzte die Maschine auf dem im Nordosten von Paris gelegenen Flugplatz Le Bourget auf, dem zu dieser Zeit wichtigsten Flughafen der Seine-Metropole. Hitlers Besuch in der französischen Hauptstadt sollte nur ganze drei Stunden dauern. Der Ablauf der Besichtigungsfahrt war im Vorfeld minutiös von Arno Breker ausgearbeitet worden, der als der beste Paris-Kenner in Hitlers Entourage galt, nachdem er jahrelang als Bildhauer in der französischen Hauptstadt gelebt hatte. Hitlers Adjutant, Hauptmann Gerhard Engel, hatte die von Breker festgelegte Route bereits am Vorabend probehalber abgefahren, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.4

Den Wagen des »Führers«, der wie immer von SS-Sturmbannführer Erich Kempka, Hitlers persönlichem Fahrer, chauffiert wurde, bestiegen an diesem Morgen neben dem Diktator und seinem SS-Adjutanten Karl Wolff die drei eigens für diesen Tag geladenen Ehrengäste Hitlers – Albert Speer, der Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, Hermann Giesler, Generalbaumeister Münchens, der »Hauptstadt der Bewegung«, sowie Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker, der vom Diktator damit beauftragt worden war, gigantische Skulpturen für die zukünftige Welthauptstadt »Germania« zu entwerfen. Auch wenn Hitler seiner Paris-Reise einen eher privaten Anstrich zu geben versuchte, war es den Künstlern in seinem Gefolge aufgrund der noch nicht in Kraft getretenen Waffenruhe nicht gestattet, an diesem Tag in Zivil aufzutreten, so dass sie entsprechend ausgestattet werden mussten. Während Albert Speer, der längst zu Hitlers festem Hofstaat gehörte, ohnehin bereits seit 1934 eine Parteiuniform trug, musste bei Hermann Giesler und Arno Breker improvisiert werden. Beiden wurden eine Feldmütze sowie ein bodenlanger Militärmantel überreicht, den sie über ihren zivilen Anzügen zu tragen hatten.

Unmittelbar nachdem der »Führer« und sein Gefolge die bereitstehenden Wagen bestiegen hatten, setzte sich die »Führerkolonne« mit abgeblendeten Scheinwerfern in Bewegung. Aus Sicherheitsgründen waren weder Hitlers Wagen noch die übrigen Staatskarossen mit Standarten oder anderen Hoheitszeichen gekennzeichnet worden, auf militärischen Schutz der Wagenkolonne hatte man gänzlich verzichtet. Weder die Deutsche Botschaft in Paris noch der zuständige Militärbefehlshaber General Alfred von Vollard-Bockelberg waren über Hitlers überraschenden Besuch informiert.

Die schweren gepanzerten Mercedes-Kompressor-Wagen mit den schusssicheren Reifen beschleunigten und verließen den Flugplatz in hohem Tempo. Es war noch recht dunkel, als die Wagenkolonne über menschenleere Straßen durch die ausgedehnten Vorstädte von Paris Richtung Stadtzentrum raste. Durch das abgeblendete Licht ließen sich nur vage Umrisse der Straßenzüge und Häuserzeilen erkennen. Immer wieder musste die Wagenkolonne auf ihrem Weg über die Porte la Villette, die Avenue du Flandre und die Rue la Fayette im Zick-Zack-Kurs den vom französischen Militär für den befürchteten Kampf um die Hauptstadt errichteten und noch nicht wieder beseitigten Betonbarrikaden ausweichen. Je näher man dem Zentrum von Paris kam, desto häufiger wurde die Wagenkolonne von deutschen Posten angehalten, die stramm und ehrfürchtig salutierten, sobald sie erkannten, dass niemand anders als Adolf Hitler mit seinem Gefolge der französischen Hauptstadt einen Besuch abstattete.

Das sonst so lebendige Paris wirkte an diesem Morgen wie ausgestorben. An die zwei Millionen Menschen waren den Evakuierungsaufforderungen der französischen Regierung gefolgt und seit Mitte Mai aus Angst vor möglichen Kampfhandlungen aus Paris geflohen und noch nicht wieder in die Stadt zurückgekehrt. Die in Paris Zurückgebliebenen waren von der militärischen Niederlage wie betäubt und verließen aus Angst und Lähmung kaum ihre Wohnungen. Gerade auf Arno Breker, der fünf Jahre in Paris gelebt hatte und die sonst zu jeder Tages- und Nachtzeit quirlige Weltstadt in Friedenszeiten kennen gelernt hatte, muss die Atmosphäre gespenstisch gewirkt haben. Paris erschien dieser Tage wie eine menschenleere Attrappe, wie ein surreales Bühnenbild und nicht wie eine reale Stadt. Niemand in Hitlers Staatskarosse sagte ein Wort.

Erst als die Kolonne die Grand Opéra erreichte, begannen sich Hitlers Gesichtszüge zu entspannen. Unverzüglich verließ er mit seinem Gefolge den Wagen und warf einen ersten Blick auf die prachtvoll erleuchtete Prunkfassade seines neobarocken Lieblingsbaus, der selbst an diesem frühen Morgen den Eindruck erweckte, als stünde eine abendliche Galapremiere bevor. Der Obst- und Gemüsehändler auf der Place de l’ Opéra, der sich gerade anschickte, seinen Stand aufzubauen, glaubte seinen Augen nicht zu trauen und stand stocksteif und mit offenem Mund da, als er plötzlich über den leeren Opernvorplatz Adolf Hitler auf sich zuschreiten sah. Voller Bewunderung für die architektonische Schöpfung Garniers ging Hitler einmal um das imposante Gebäude herum, bevor er das größte Opernhaus der Welt betrat. Keinem der Anwesenden blieb verborgen, wie fasziniert und ergriffen der Diktator war, als er die reich geschmückten Foyers und Eingangshallen, das großzügige, in Gold schwelgende Treppenhaus und schließlich den opulenten Zuschauerraum besichtigte. Bewegt schwärmte er von den »wundervollen, einmalig schönen Proportionen«, der Raumfolge und der festlichen Wirkung des Gebäudes. Auch wenn er ein Jahr später die Opernhäuser von Wien und Dresden der Pariser Oper als überlegen bezeichnen wird, so war er an diesem Tag doch überzeugt: »Das schönste Theater der Welt!«5

Zum Erstaunen aller übernahm Hitler selbst die Führung durch das menschenleere Gebäude, wies auf architektonische Besonderheiten und die Fresken sowie den Skulpturenschmuck der Oper hin, bestand auch darauf, die Bühnentechnik und sogar die Übungssäle des Balletts genauestens in Augenschein zu nehmen. Er schritt durch die Räume, als wäre ihm jeder Winkel bereits vertraut.

Nach der Besichtigung der Oper setzte sich die Wagenkolonne erneut in Bewegung, umrundete die Place de l’Opéra und erreichte nach kurzer Fahrt über den prachtvollen Boulevard des Capucines die zweite Station der Besichtigungstour, die Madeleine. Doch mehr als die Kirche, die ursprünglich von Napoleon I. als Ruhmestempel der französischen Nation gedacht gewesen war, schien Hitler der Blick vom obersten Treppenabsatz Richtung Place de la Concorde und Chambre des Députés zu interessieren. Über die Rue Royale ging es in langsamer Fahrt weiter zur Place de la Concorde, bis die Kolonne schließlich in besonders langsamem Tempo die zwei Kilometer lange, sanft ansteigende Avenue des Champs-Elysées hinauffuhr. Die Häuserzeilen rechts und links betrachtete Hitler mit kritischem Blick, die Architektur entlang der Straße vermochte ihn nicht zu überzeugen. Sein Hauptinteresse galt der berühmten, auf den Arc de Triomphe zulaufenden Straßenachse selbst. In diesem Moment beschäftigte ihn zweifellos die geplante gigantische Nord-Süd-Achse in Berlin, zu der er vor zwei Jahren den Grundstein gelegt hatte. Auch in Berlin sollte die leicht ansteigende Prachtstraße auf dem höchsten Punkt von einem gewaltigen Triumphbogen als imposantem Abschluss gekrönt werden, der jedoch mehr als doppelt so groß wie der Arc de Triomphe hätte werden sollen. Den Künstlern, die den Diktator an diesem Tag durch Paris begleiteten, war bewusst, dass Hitler die Wirkung und Atmosphäre der Champs-Elysées in sich aufsog, um hinsichtlich seiner Planungen für Berlin bauliche Maßstäbe vergleichen zu können und Anregungen zu erhalten, auf deren Grundlage er seine eigenen städtebaulichen Pläne einer letztmaligen Prüfung würde unterziehen können.

Weiter ging es über die Place de l’ Etoile, wo Hitler eingehend Napoleons Arc de Triomphe besichtigte, bis zur Place de la Trocadéro. Hier befand sich die nächste Station der Rundfahrt – die große Terrasse des auf einem Hügel gelegenen Palais de Chaillot mit seinem traumhaften Blick über die Seine zum Eiffelturm, der 1889 anlässlich der Pariser Weltausstellung errichtet worden war. Hier entstanden die berühmten Aufnahmen, die den Diktator zwischen seinen Künstlern Albert Speer und Arno Breker vor der Silhouette des Eiffelturms zeigen – die Szene von großer symbolträchtiger Tragweite wurde von Hitlers Leibphotographen Heinrich Hoffmann im Bild festgehalten (Abb. 17) und von Kameramann Walter Frentz für die Kinowochenschau auf Zelluloid gebannt.

Über die Ponte d’Iéna fuhr die Wagenkolonne durch die weitläufigen Parkanlagen des Marsfeldes, des Parc du Champs de Mars, zur École Militaire, wo kurz der Cour d’honneur, der Ehrenhof, mit seinen beeindruckenden Fassaden besichtigt wurde. Bevor die nächste Station, der Invalidendom, erreicht wurde, kam es auf der Place Vauban zu einem kleinen Zwischenfall, der vorübergehend die Stimmung trübte. Hitler ließ vor einem Standbild des französischen Weltkriegsgenerals Charles Mangin halten, der im Jahr 1923 auch für die Besetzung des Ruhrgebiets zuständig gewesen ist. Nachdem er sich die Inschrift des Denkmals hatte übersetzen lassen, kam er zu dem Schluss, dass diese geschmacklos und beleidigend für die deutschen Soldaten sei. Der erzürnte Diktator befahl kurzerhand, das Denkmal zu sprengen. Das Standbild war damit das erste von rund zweihundert Pariser Denkmälern, die im Laufe der deutschen Besatzung geschleift werden sollten – aus der Bronze der eingeschmolzenen Werke sollten später Arno Brekers Herrenmenschen-Plastiken gegossen werden.

Bereits Sekunden nach diesem Vorfall hielt Hitlers Staatskarosse vor dem Hôtel des Invalides, in dem er das Grabmal Napoleons I. zu besuchen beabsichtigte. Diesem Programmpunkt maß der Diktator zweifellos eine ganz besondere Bedeutung zu, der auch optisch Ausdruck verliehen werden sollte. Bevor er den Invalidendom betrat, ließ Hitler sich von einem seiner Adjutanten helfen, seinen langen Ledermantel gegen einen weißen Staubmantel zu tauschen. Für die prachtvolle goldene Kuppel des im klassizistischen Stil errichteten Invalidendoms hatte der Diktator kaum einen Blick übrig. Wie gebannt schritt er zielstrebig auf Napoleons Gruft zu, verneigte sich sichtlich ergriffen vor dem Sarkophag mit den sterblichen Überresten des legendären Kaisers und hielt lange schweigend am Rande der Krypta, an der das Grabmal umfassenden weißen Marmorrampe inne, seine Uniformmütze fest an die Brust gepresst. Hitler wirkte in diesen Minuten wie versteinert. Als er mit seiner Entourage den Invalidendom durch die Eglise St. Louis verließ und den Ehrenhof durchschritt, schien er auffällig still und nachdenklich, aber auch sichtlich aufgewühlt von dem eben Erlebten zu sein. Bewegt bekannte er: »Das war der größte und schönste Augenblick meines Lebens!«

Der folgende Teil der Rundfahrt war ganz dem Bildhauer Arno Breker gewidmet, denn Hitler hatte den Wunsch geäußert, dass dieser ihm »sein Paris« zeige, das Quartier, in dem er jahrelang gelebt und gearbeitet hatte. Und so führte der Bildhauer die Wagenkolonne des Diktators im Rahmen eines kleinen Abstechers zum Boulevard du Montparnasse und dem berühmten Künstlercafé Closerie des Lilas am Port Royal.6 Zurück über den Boulevard Saint-Michel ging es durch die Rue Soufflot zum Panthéon, der über dem Grab der heiligen Genoveva, der Schutzheiligen von Paris, errichteten französischen Walhalla, in der sich die Denkmäler großer Franzosen wie Mirabeau, Voltaire oder Victor Hugo befinden. Angesichts seiner Kenntnis des römischen Pantheons, von dessen feierlicher Architektur er bei seinem Rom-Besuch im Mai 1938 tief beeindruckt gewesen ist, empfand Hitler das Pariser Pendant als »entsetzliche Enttäuschung«, es sei schlecht konstruiert, die Raumwirkung düster und bedrückend, die in ihm aufgestellten Büsten erschienen ihm indiskutabel. Die Besichtigung fiel dementsprechend knapp aus.

Vom Panthéon aus ging es vorbei an der Sorbonne und dem Quartier Latin, dem Herzen des Pariser Studentenviertels, über den Boulevard Saint-Michel schnurstracks zur Pont Saint-Michel, die über die Seine zur Ile de la Cité führt. In langsamem Tempo, jedoch ohne anzuhalten, passierte Hitlers Wagenkolonne die Sainte Chapelle, den glanzvollen Höhepunkt gotischer Architektur, den repräsentativen Palais de Justice de Paris und schließlich die legendäre Kathedrale Notre Dame. Für keines dieser Bauwerke schien Hitler sich sonderlich zu interessieren. Die schönsten architektonischen Schöpfungen der französischen Hauptstadt ließ er kommentarlos an sich vorüberziehen, da er sich nicht für das alte, gewachsene Paris interessierte, sondern sein Interesse vor allem der Architektur und den städtebaulichen Neuerungen der napoleonischen Ära mit ihrem auftrumpfenden klassizistisch-imperialen Gestus galt, speziell den großzügigen Planungen des Präfekten Haussmann – also jenen Schöpfungen, die in seinen Augen Paris zur Weltstadt gemacht hatten. Hitler blühte erst wieder auf, als er ein weiteres Mal seine detaillierte Kenntnis des Pariser Stadtgefüges unter Beweis stellen konnte. Als er auf der Ile de la Cité eine Kuppel entdeckte, erkundigte er sich bei Arno Breker, ob es sich dabei um das Gebäude des Tribunal du Chambre de Commerce handele. Breker, der diese Gegend eigentlich bestens hätte kennen müssen, verneinte und ordnete die Kuppel dem Institut de France zu, musste sein Urteil jedoch wenig später sehr zur Freude des Diktators revidieren und somit eingestehen, dass Hitler sich durch sein intensives Kartenstudium tatsächlich besser in Paris auskannte als er, der jahrelang hier gelebt hatte.

Auf der Rue de Rivoli rannte plötzlich ein Zeitungsverkäufer mit dem Ruf »Le matin! Le matin!« auf die langsam vorbeifahrende Wagenkolonne zu. Als er den deutschen Diktator erkannte, erstarb sein Ruf. Entsetzt ließ er seinen Zeitungsstapel fallen und flüchtete panikartig. Die Staatskarosse passierte das monumentale Ensemble des Louvre, aus dem schon vor Wochen die bedeutendsten Kunstschätze vor einem befürchteten deutschen Zugriff in Sicherheit gebracht worden waren. Das Gebäude selbst fand die spontane Begeisterung des Diktators: »Ich zögere nicht, diesen grandiosen Bau als einen der genialsten Einfälle der Architektur zu bezeichnen.«7 In der Höhe des Jardin des Tuileries bog die Wagenkolonne nach rechts in die Rue Castiglione ab und erreichte nach kurzer Fahrt die Place Vendôme mit dem berühmten Hotel Ritz. Von dort aus ging es über die Rue de la Paix erneut zur Place de l’Opéra, da Hitler den Wunsch geäußert hatte, die Fassade des großen Opernhauses nochmals bei Tageslicht in Augenschein nehmen zu wollen. Im schnellen Tempo raste die Kolonne im Anschluss durch die Rue de Clichy, über die Place de Clichy und die Place Pigalle, das Zentrum des Pariser Animierbetriebs, hin zum Montmartre, wo die »Führerkolonne« schließlich gegen acht Uhr morgens, nachdem sie die engen, kurvenreichen Straßen passiert hatte, an der Basilika Sacré Cœur, der letzten Station der Besichtigungstour, anlangte. Trotz der frühen Morgenstunde waren hier bereits die ersten Kirchgänger unterwegs, die den von einigen kräftigen Männern seines Schutzkommandos abgeschirmten Adolf Hitler natürlich erkannten. Einige betrachteten ihn scheu und ängstlich, andere grüßten ihn.

Das Gebäude selbst interessierte Hitler überhaupt nicht, er setzte kaum einen Fuß hinein. Noch ein Jahr später sollte er die Kirche als »schauderlich« bezeichnen. Den Diktator interessierte vielmehr der weite Blick von der hochgelegenen Terrasse am Nordrand der Pariser Innenstadt – von hier aus konnte er die Bauwerke, Straßenräume und Plätze, die er in den letzten drei Stunden besichtigt und durchfahren hatte, noch ein letztes Mal aus der Vogelperspektive und zudem in strahlendem Sonnenschein betrachten, wozu er sich lange Zeit nahm. Hitler wirkte tief beeindruckt und aufgewühlt. Seiner Entourage gestand er gerührt: »Es war der Traum meines Lebens, Paris sehen zu dürfen. Ich kann nicht sagen, wie glücklich ich bin, daß er sich heute erfüllt hat.«8 Nachdem er lange gedankenverloren auf die Stadt zu seinen Füßen geblickt hatte, rief er NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann sowie Albert Speer, Hermann Giesler und Arno Breker zu sich: »Für Sie beginnt jetzt eine harte Zeit der Arbeit und der Anspannung, die Formung der Städte und Monumente, die Ihnen anvertraut sind. Soweit ich es vermag, soweit ich Zeit dafür finde, will ich Ihnen die Arbeit erleichtern! Bormann, helfen Sie mir dabei, betreuen Sie meine Künstler und halten Sie alles von Ihnen ab, was ihnen die Arbeit behindern könnte.«9

Gegen neun Uhr verließ er mit seinem Gefolge Sacré Cœur, damit war seine Besichtigungstour durch Paris beendet. Nach dem Start von Le Bourget ließ Hitlers Pilot Hans Baur die Maschine noch einige Runden in niedriger Höhe über Paris kreisen, gebannt schaute der deutsche Diktator ein letztes Mal auf die französische Hauptstadt.

Am frühen Nachmittag hatte Hitler mit seiner Entourage wieder das Führerhauptquartier in Brûly-de-Pesche erreicht, wo ihm ein Telegramm des im holländischen Exil lebenden Kaisers Wilhelm II. überreicht wurde, mit dem dieser ihm zum Sieg über Frankreich gratulierte: »Welche Wendung durch Gottes Fügung.«10 Auch Stunden nach der Rückkehr erschien Hitler noch sichtlich aufgewühlt, erörterte mit den anderen Paris-Reisenden wieder und wieder jedes Detail der Fahrt durch die Seine-Metropole und berichtete seinen Sekretärinnen, die im Hauptquartier verblieben waren, stolz davon, dass er sich besser als jeder andere in Paris ausgekannt habe. Am Abend bat er seine Architekten einzeln zu sich und eröffnete zunächst Hermann Giesler, dann auch Albert Speer, dass es sein fester Entschluss sei, die kriegsbedingt unterbrochenen Bauaufträge in München und Berlin so schnell wie möglich und mit größter Intensität wieder aufzunehmen. Sämtliche bislang gemachten Pläne, die ihm mit einem Mal als zu schwerfällig erschienen, seien nochmals genauestens zu überprüfen. Albert Speer gegenüber, den er damit beauftragte, einen entsprechenden »Führer-Erlaß« vorzubereiten, äußerte er: »War Paris nicht schön? Aber Berlin muß viel schöner werden.«11

Erst am Abend des Folgetags rief Hitler auch Arno Breker zu sich und sprach mit ihm unter vier Augen über die anstehenden Aufgaben im Rahmen der geplanten Umgestaltung Berlins. Spätestens nach dieser Unterredung war dem bereits drei Jahre zuvor von Hitler zum Professor ernannten und mit zahlreichen Staatsaufträgen bedachten Breker klar, dass seine Stellung im NS-Staat nun endgültig unantastbar geworden war: »Nach diesem Gespräch fühlte ich mich in allem, was meine Arbeit betraf, vor Intrigen sicher.«12 Wie die anderen Künstler, die Hitler nach Paris begleitet hatten, zweifelte auch Arno Breker in diesem Moment offensichtlich keine Sekunde daran, dass der Diktator seine hochtrabenden architektonischen und städtebaulichen Pläne, aus Berlin die Welthauptstadt Germania zu machen, in die Tat umsetzen würde, was wiederum einen festen Glauben an die politischen und militärischen Fähigkeiten des Diktators voraussetzte. Für Breker persönlich bedeutete die gemeinsame Paris-Reise, die ihn endgültig zu einem festen Mitglied von Hitlers Hofstaat gemacht hatte, dass für ihn nun der Weg offen stand, zum »Michelangelo des Dritten Reichs«, zum gefeierten und hoch dotierten Bildhauer des künftigen Herrn der Welt aufzusteigen – ja vielleicht zum größten Bildhauer aller Zeiten.

Kapitel 1
 
Lehrjahre (1900–1927)

Sein Berufswunsch war Arno Breker gleichsam in die Wiege gelegt worden. Denn er wurde als ältester Sohn des Steinmetz-Meisters und Grabmalkünstlers Arnold Breker geboren. Das Geräusch von Meißelschlägen auf Stein zählte zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen.

Arno Breker kam am 19. Juli 1900 in Elberfeld zur Welt. Ebenfalls auf den Namen Arnold getauft,13 scheint er von klein auf »Arno« gerufen worden zu sein. Als Künstler trat er später nur sehr kurze Zeit als »Arnold Breker« in Erscheinung und nannte sich von 1928 an nur noch Arno Breker.14 Sein Vater Arnold, ein gebürtiger Elberfelder, war zum Zeitpunkt seiner Geburt sechsundzwanzig Jahre alt, seine Mutter Luise Dorothea, eine geborene Gley und ebenfalls eine Tochter der Stadt, war rund ein halbes Jahr jünger.15 Das kleine, im Tal der Wupper gelegene Städtchen am Nordrand des Bergischen Landes ging erst 1929 im Zuge der vom Preußischen Landtag beschlossenen kommunalen Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets in der Stadt Barmen-Elberfeld auf, die ein Jahr später in Wuppertal umgetauft wurde.

Der Landstrich, in dem Breker aufwuchs, war bereits seit Jahrhunderten durch die florierende Textilindustrie geprägt. Garnbleichereien im Mittelalter und der frühen Neuzeit, Textilfärbereien seit dem 18. Jahrhundert sowie Garn- und Tuchmanufakturen im 19. Jahrhundert trugen erheblich zum Wachstum dieser Region bei. In der Zeit unmittelbar vor Brekers Geburt erfuhr die Region durch eine geradezu explosionsartige Industrialisierung einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Zahlreiche neue Industriezweige hatten sich angesiedelt: Teppich- und Trikotagenfabriken, außerdem Gummi- und Kabelwerke. Wirtschaftsbeziehungen in alle Welt waren geknüpft worden. Der Export von Gütern in die Vereinigten Staaten hatte einen neuen Höhepunkt erreicht. Samt und Seide aus Elberfeld waren allerorten gefragt, die Gewinnspannen teils beträchtlich. Die Städte im Wuppertaler Gebiet waren zur Zeit von Brekers Geburt längst zu einem großen Ballungsraum zusammengewachsen, der vierhunderttausend Menschen eine Heimstatt bot. Allein in Elberfeld lebten laut einer 1900 durchgeführten Volkszählung rund einhundertfünfzigtausend Menschen.

Der wirtschaftliche Erfolg, auf den die Bürger der Region zu Recht stolz waren, sollte auch nach außen hin demonstriert werden. In Brekers Geburtsstadt Elberfeld war gerade ein neues monumentales Rathaus im neogotischen Stil erbaut worden, das im Oktober 1900 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit eingeweiht wurde. Selbst Kaiser Wilhelm II. und seine Gattin Auguste Viktoria ließen es sich im Oktober 1900 nicht nehmen, zu diesem Anlass eigens an die Wupper zu reisen. Der Kaiser nutzte die Gelegenheit, gleich auch eine Probefahrt mit der im Bau befindlichen Wuppertaler Schwebebahn zu unternehmen. Ein Jahr später wurde die legendäre Schwebebahnstrecke regulär in Betrieb genommen und ebenso wie der bereits 1889 eingeweihte Eiffelturm in Paris als Symbol des neuen Jahrhunderts der Technik und des Fortschritts gefeiert.

Das kleinbürgerliche Milieu, in dem Breker kurz nach der Jahrhundertwende aufwuchs, hatte durchaus seinen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung der Region. Während Brekers Großväter beide noch in Angestelltenverhältnissen standen – Arnolds Vater Johann Hermann Breker, der bereits ein Jahr vor Arnos Geburt starb, war einfacher Fabrikarbeiter, Luises Vater Adolf Ernst Julius Gley, der aus Detmold am Fuße des Teutoburger Waldes stammte, arbeitete als Gärtner –, war es Arnold Breker gelungen, sich nach seiner Ausbildung und der Erlangung des Meisterbriefes 1904, vier Jahre nach Arnos Geburt, mit einem Steinmetzbetrieb selbständig zu machen. Mit der Gründung des Ateliers für Grabmalkunst, Architektur und Plastik – Arnold Breker, Elberfeld hatte er erreicht, sein eigener Herr zu sein und zudem mit seinem weitgehend konjunkturunabhängigen Betrieb finanziell wesentlich besser dazustehen als sein früh verstorbener Vater und sein Schwiegervater. Sein kleiner, auf die Herstellung von Grabmalen spezialisierter Betrieb in der Hochstraße 10 –12, Ecke Wiesenstraße, unmittelbar am evangelisch-reformierten Friedhof in Elberfelds Nordstadt gelegen, ernährte die junge Familie, und so blieb der erstgeborene Sohn Arno auch nicht der einzige Spross der im Oktober 1899 geschlossenen Ehe. Neben drei Schwestern wurde am 6. November 1906 Arnos jüngerer Bruder Hans geboren, der ebenfalls den Beruf des Bildhauers ergreifen sollte.

Über die familiären Verhältnisse der Brekers in dieser Zeit ist wenig bis nichts bekannt, denn Arno Breker schwieg sich über seine frühen Jahre stets weitgehend aus. Rückblickend konstatierte er lediglich: »Ich komme aus einer äußerst gesunden, mütterlicherseits stark christlich geprägten Familie.«16 Die Brekers gehörten der evangelisch-reformierten Kirche an – der Großteil der Bevölkerung des Bergischen Landes war in der Zeit der Reformation zum evangelischen Glauben übergetreten, die Wuppertaler Gegend galt seitdem als eine der Hochburgen des deutschen Protestantismus. Der Zusammenhalt innerhalb der offensichtlich sehr bodenständigen Familie scheint durchaus stark gewesen zu sein: »Ich hatte ein fabelhaftes Familienleben. Wir waren eine großartige Einheit.«17

Zielstrebigkeit, Fleiß und Sparsamkeit waren die Werte, die die Brekers ihren Kindern mit auf den Weg gaben. Die Familie lebte, bevor sie sich in der Hochstraße niederließ, zunächst unweit des väterlichen Betriebs in einem Haus in der Nüllerstraße 34, in den nordwestlichen waldreichen Höhenlagen Elberfelds.18 Im Volksmund wurde dieses Gebiet »Petroleumsviertel« genannt, weil die hier stehenden, schnell hochgezogenen Mehrfamilienhäuser im Gegensatz zu den Villen und Einfamilienhäusern im sich südwestlich anschließenden Stadtviertel Brill noch nicht an das öffentliche Stromnetz angeschlossen waren, sondern von Öl- und Petroleumlampen beleuchtet wurden. Hier wohnten, lebten und arbeiteten die »kleinen Leute« – verarmte Bauern und Handwerker, die in die Stadt gekommen waren, um hier ihr Glück zu suchen.

Arno Breker besuchte zunächst die Volksschule, im Anschluss dann die Oberrealschule in Elberfeld.19 Über seine Schulzeit ist so gut wie nichts bekannt, Breker gestand jedoch freimütig ein, kein besonders fleißiger Schüler gewesen und auch nicht sonderlich gern zur Schule gegangen zu sein.20 Wesentlich wichtiger als das Drücken der Schulbank scheinen dem Heranwachsenden seine Freizeitaktivitäten gewesen zu sein. 1911, im Alter von elf Jahren, wurde Breker Mitglied der Ortsgruppe Wuppertal-Elberfeld der Jugendorganisation Wandervogel e. V.21 Wie Breker auf den Wandervogel aufmerksam wurde, ist unbekannt, jedoch ist überliefert, dass ein die Bewegung unterstützender Professor zu dieser Zeit »an mehreren Schulen in Elberfeld ausgedehnte Propaganda« für den Wandervogel machte.22

Der Wandervogel, der Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin entstanden war und sich schnell über ganz Deutschland ausgebreitet hatte, galt als Bewegung von Schülern und Studenten, die hauptsächlich aus dem eher bürgerlichen Milieu stammten, und verstand sich selbst gleichermaßen als Wanderorganisation für Jugendliche wie aber auch als eine von der Jugend getragene bildungsbürgerliche Erneuerungsbewegung. Angesichts der zunehmenden Industrialisierung und Verstädterung, deren Auswirkungen natürlich gerade im rheinisch-westfälischen Industriegebiet zu spüren waren, versuchten die Mitglieder des Wandervogels sich weitestgehend aus dem schulischen, universitären und gesellschaftlichen Umfeld zu lösen, sich von Rationalismus und Materialismus zu befreien, um außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft eine eigene, selbstbestimmte jugendspezifische Lebensart zu entwickeln, wobei sie sich stark von den Idealen der deutschen Romantik leiten ließen. Das Leben in und im Einklang mit der Natur, gemeinsame Wandertouren, mehrtägige oder gar mehrwöchige Ausflüge, die romantisch gefärbte Rückbesinnung auf eine als ursprünglich verklärte Volkskultur und insbesondere auf die wiederbelebten alten Volkslieder sowie ein betont asketischschlichter Lebenswandel, der »Scheunenschlafen und Selbstkochen« umfasste, gehörten zu den unumstößlichen Prinzipien dieser Aufbruchbewegung am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Für viele Jugendliche bedeutete der Eintritt in den Wandervogel so etwas wie den Sprung in ganz andere Lebensumstände, das Erlebnis einer fast rauschhaften Eröffnung völlig neuer Horizonte. Die im Kreis der »Eingeweihten« herrschende Solidarität, die Erfahrung des Lebens in der Gruppe, die bewusste Pflege des Gemeinschaftserlebnisses, die geforderte Bereitschaft zu Selbstdisziplin und Gehorsam prägten die Mentalität und den Lebenslauf vieler Mitglieder nachhaltig.

Der Wandervogel richtete sich fast ausschließlich an Jungen und heranwachsende Männer. Nicht wenige erwachsene Aktivisten der Organisation sahen das Wesen des Wandervogels erheblich dadurch bedroht, auch »wandernde Mädchen« zuzulassen, wie zunehmend gefordert wurde. Im Selbstverständnis, ein reines »Bubengewächs« zu sein, sträubte man sich lange und vehement gegen diese Tendenz, durch die man die sorgsam gepflegten Männlichkeitsideale infrage gestellt sah: »Wir wollen ganze Kerle erziehen im Wandervogel, keine Waschlappen!«23 Der Wandervogel war streng hierarchisch strukturiert, Führertum und Gefolgschaft spielten eine wichtige Rolle. Man kann den Wandervogel zweifellos als eine männerbündische Jugendbewegung betrachten, die durchaus nicht frei von erotischen Untertönen war, denn im Wandervogel gab es den Darstellungen des selbst homosexuellen ehemaligen Wandervogel-Führers Hans Blüher zufolge homoerotische Tendenzen von nicht näher bestimmbarem Ausmaß.24 Nachdem der Diplomat Philipp Fürst zu Eulenburg, ein enger Freund und Vertrauter von Wilhelm II., 1906 in eine Affäre mit homosexuellem Hintergrund verstrickt worden war, geriet im Zuge des »Eulenburg-Skandals«, der das gesamte Kaiserreich erschütterte, auch der Wandervogel zunehmend unter Beschuss und wurde in der Presse offen als »Päderastenklub« und »Hort der Jünglingsliebe« angegriffen.

Trotz dieser zeitweiligen Negativschlagzeilen expandierte die Wandervogel-Bewegung im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts in ganz Deutschland, wobei es aufgrund von Streitigkeiten um die Aufnahme von Mädchen oder die Aufrechterhaltung eines strikten Alkoholverbots immer wieder zu Abspaltungen und Neuorganisationen kam, bis 1910 als gemeinsamer Bund der »Wandervogel e. V.« gründet wurde, dem 1911 der »Verband Deutscher Wandervögel« folgte. Zum Zeitpunkt von Brekers Beitritt gehörten der Organisation deutschlandweit bereits rund fünfundzwanzigtausend Jugendliche an, die die Anstecknadel mit dem silbernen Greif auf blauem Grund trugen. Überall entstanden Ortsgruppen des Wandervogels, so auch in Elberfeld.

Führer dieser 1908 gegründeten Ortsgruppe, die einer der frühesten Stützpunkte des Wandervogels in Westdeutschland gewesen ist, war zum Zeitpunkt von Brekers Beitritt der dreiundzwanzigjährige Publizist und Schriftsteller Walter Hammer, der sein Leben der Idee einer »neuen Jugend« verschrieben hatte.2526Junge MenschenJunge Gemeinde