Über Jörg-Dieter Kogel

Jörg-Dieter Kogel ist ein deutscher Journalist und Rundfunkredakteur. Er studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Köln. Neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Köln arbeitete er seit 1975 freiberuflich für Zeitungen und Rundfunkanstalten. Ab 1983 war er bei Radio Bremen als Kulturredakteur und Moderator tätig, von 2003 bis 2016 als Programmleiter des Nordwestradios von Radio Bremen und dem NDR. Kogel ist Mitbegründer und Mitglied des Vorstands der Günter-Grass-Stiftung Bremen. Seit 2016 gehört er dem Vorstand der Wolfgang-Koeppen-Stiftung an.

Informationen zum Buch

Mit Sigmund Freud von Südtirol bis Sizilien.

Sigmund Freud war süchtig nach Italien. Hier geriet er geradezu in Verzückung: Er mochte den Duft der Zitronenbäume, die Hügellandschaften der Toskana und die prächtigen Barockpaläste. Ein Reisetagebuch, das er während seiner häufigen Besuche geführt haben soll, ist verschollen. Der Journalist Jörg-Dieter Kogel hat sich, unter anderem ausgestattet mit den Reisebriefen des Psychoanalytikers, auf dessen Spuren begeben. Kenntnisreich wie amüsant erzählt er von Freuds Reiselust und Reiseangst, von Lieblingsplätzen, Glücksmomenten und fulminanten Entdeckungen. Der ewige Zauber Italiens entfaltet einen ganz neuen Glanz, sich spiegelnd in den Augen des vielleicht glühendsten Liebhabers unter allen Reisenden, die seit Goethe in den Süden pilgerten.

»Soviel an Farbenglanz, Wohlgerüchen, Aussichten – und Wohlbefinden habe ich noch nicht beisammen gehabt.« Sigmund Freud

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001

Sigmund Freud mit Tochter Anna, 1920

Jörg-Dieter Kogel

Im Land der Träume

Mit Sigmund Freud in Italien

Inhaltsübersicht

Über Jörg-Dieter Kogel

Informationen zum Buch

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Vorwort

Kapitel eins: Reiselust und Reiseangst

Von den Herrlichkeiten der Erde naschen

Reisen als Kinderwunsch

Ein Erlebnis auf der Akropolis

Narrentanz

Kapitel zwei: Reisegefährten

Alleinsein ist sehr komisch

Alexander Freud

Minna Bernays

Sándor Ferenczi

Kapitel drei: Reisevorbereitungen und Reisegewohnheiten

Vorbereitende Studien

Anleitungen zum Genuss Italiens

Schwelgerei ohne Reue und Trübung

Ich sehne mich nach Land

Vom Sammeln und Geschenkemachen

Quelle außerordentlicher Erquickung

Das Reisebudget oder: Geld ist Lachgas für mich

Kapitel vier: Im gelobten Land

Venedig: Wie zwei Schulbuben auf Ferien

Venezianische Genüsse: Lido, Markusplatz, der alte Zauber

Padua: Die Traumdeutung und Goethes Palme

Bologna: Kolossale Plätze und Denkmäler

Ravenna: Dante, Mandeln und ein Mosaik

Florenz: Herrliche Hetze, Schrottfüße bekommen

Arcetri: Aufklärung vor den Toren von Florenz

Pisa, Livorno, Siena: Volle italienische Schweinerei

Orvieto: Mechanismen des Unbewussten

Toskana und Umbrien: Einen Moment im Paradies

Mailand: Leonardo ist wunderbar

Aquileja: Römerfund im Misthaufen

Am Schreibtisch: Das Geheimnis der Träume

Venedig: Trümmerhaufen hinter Bretterzäunen

Kapitel fünf: Alle Wege führen nach Rom

Ein Höhepunkt des Lebens

Neurotische Rom-Sehnsucht

Ein Leben mit Arbeit und Genuss

Verwöhnung mit Schönheit

Auf Goethes Spuren

Marc Aurel im Freiluftkino

Im Bann des Moses von Michelangelo

Behaglichkeit in römischer Dekoration

Rom wird mir wohltun

Kapitel sechs: Weiter nach dem Süden

Neapel, Sorrent, Capri, Amalfi: Zwischen Paradies und Affenkäfig

Pompeji oder: Psychoanalyse durch Archäologie

Sizilien: Das schönste Stück Italiens

Schlussbemerkung: Schöne Fremde

Anhang

Anmerkungen

Literatur

Chronik

Personenregister

Bildnachweis

Dank

Impressum

Man mag so alt, so gelehrt

und so geschmackvoll sein, als man will –

eine Reise nach Italien gibt immer noch

dem Geist ein neues Gepräge.

Georg Christoph Lichtenberg

Vorwort

Sigmund Freud war verrückt nach Italien. Unter allen Reisenden, die seit Goethe aus dem kalten Norden über die Alpen in den Süden pilgerten, war der große Psychologe und Begründer der Psychoanalyse einer der glühendsten Enthusiasten, ja Liebhaber. Dachte er ans Reisen, kam ihm als erste Assoziation »Italien« in den Sinn. Er mochte den Duft der Zypressen und der Zitronenbäume, den üppig wachsenden Oleander und die »elastische Luft«, von der Goethe angenommen hatte, dass sie die Existenz der Pflanzen vollkommen mache. Ihn entzückten die Hügellandschaften der Toskana mit ihren Olivenhainen und Weinbergen, die prächtigen Barockpaläste und gewaltigen Kathedralen, die unvergleichlichen Museen ebenso wie Sizilien, das er für »das schönste Stück von Italien« hielt. Von der segensreichen Wirkung des Südens auf »Charakter und Tatkraft«, nicht zuletzt auf ihn selbst, war er zutiefst überzeugt. Für seine Leidenschaft fehlten ihm, wie er bekannte, bisweilen die Worte: »Vom Land kann man nicht reden, ohne ein Dichter zu sein.« Thomas Mann, ein großer Bewunderer Freuds und der Psychoanalyse, sollte später im »Zauberberg« von der »tränenschimmernden Herrlichkeit« des Südens schwärmen. Bei Freud klang es so: »Soviel an Farbenglanz, Wolgerüchen, Aussichten – u Wolbefinden habe ich noch nicht beisammen gehabt.«

Der Seelenarzt reiste als Bildungsbürger und sinnenfreudiger Genussmensch zugleich. Bei seinen »Ruinenausflügen«, wie er seine Exkursionen zwischen Rom, Pompeji, Paestum und Selinunt und anderswohin nannte, tauchte er ab in die Antike, erkundete Tempel und Trümmerlandschaften, die gleichermaßen von der Ewigkeit wie von der Macht der Vergänglichkeit kündeten. Gleichzeitig genoss er das Dolcefarniente, das süße Nichtstun, von dem bereits Plinius der Jüngere gesprochen hatte.

Freud liebte die italienischen Momente, auch den Anblick schöner Frauen im Land seiner Träume, besonders der Römerinnen: »Die sind merkwürdiger Weise auch noch schön, wenn sie häßlich sind und das sind eigentlich nicht viele von ihnen.« Abends ging er gerne unter freiem Himmel ins Theater, wo ihm lediglich die »zur Abschreckung auf Reisen geschickten Engländerinnen« missfielen.

Es machte ihn glücklich, in Florenz früh am Morgen, wenn die sonst so lärmende Stadt allmählich zum Leben erwachte, neben der Kathedrale Santa Maria del Fiore, im Schatten der von Filippo Brunelleschi geschaffenen mächtigen Kuppel, in einer Bar Platz zu nehmen, sich einen Caffè servieren zu lassen und mit Vergnügen in den Gazetten zu lesen, was ihm keinerlei Mühe bereitete, da er die »Landessprache« souverän beherrschte. In Sorrent und im Anblick der mystisch blau leuchtenden Grotte, die Capri als Sehnsuchtsort nordeuropäischer Zivilisationsmüdigkeit fest verankert hatte, wird der Analytiker endgültig zum Schwärmer: »Endlich. Hier ist das Schlaraffen Land.« Alle, die seinen enormen Fleiß und seine legendäre Arbeitswut nur zu gut kannten, werden sich nicht wenig über ein freimütiges Geständnis gewundert haben: »Ich fühle, wie mich das Behagen an der Faulheit umschließt!« Plötzlich erscheint ihm das Leben im heimischen Wien wie in »nordischer Verbannung«, aus der ihn der rettende Süden befreit. So flaniert er heiter beschwingt im brandneuen Seidenanzug durch Palermo, wo dem kenntnisreichen Operngänger zwei Zeilen aus Mozarts »Hochzeit des Figaro« in den Sinn kommen, die er aus dem Kopf zitieren kann: »Wenn des Abends linde Lüfte / Sanft durch unseren Garten gehen – oder so ähnlich«, wie er offenbar in bester Stimmung hinzusetzte.

Was im heimischen Wien niemals auch nur eine Erwähnung wert ist, wird im Süden ausdrücklich vermerkt und hochgestimmt nach Hause gemeldet: »Friseur u neue Crawate haben das ihrige zur Hebung gethan.« Ein neu erworbener Hut, registriert er mit einiger Befriedigung, »macht bereits Aufsehen«.

Im Zentrum seiner Italien-Reisen stand unzweifelhaft Rom. Wie es abergläubische Rom-Liebhaber seit Jahrhunderten zu tun pflegten, warf er gleich am Tag seiner ersten Ankunft im September 1901 eine Münze in den Trevi-Brunnen, um sich auf diese Weise das Wiedersehen mit der Ewigen Stadt zu sichern, eilte sodann in die Kirche Santa Maria in Cosmedin und legte seine Hand in die Bocca della Verità, die antike Marmorscheibe, »mit dem Schwur, daß ich wiederkomme«.

Und so geschah es auch. Bis 1923 besuchte er die Stadt weitere sechsmal und verbrachte insgesamt siebenundfünfzig Tage in der geliebten römischen Kapitale. Am Ende aller seiner Rom-Besuche hatte er wohl fast alles gesehen, was diese Wiege der europäischen Kultur dem Besucher zu bieten hatte. Die Stadt war ihm schließlich so vertraut, dass er wie ein »Eingeborener« durch die Straßen ging und abends »mit der Sicherheit des Römers die nächsten Wege nach Haus fand«, wie er ebenso beiläufig wie stolz den Lieben in Wien mitteilte. Und wenn sich einmal, selten genug, ein Gewitter krachend und donnernd über der Stadt entlud, kam es ihm vor, »als hätte es Michelangelo gemacht«.

Rom war für Freud »die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches: ein Höhepunkt des Lebens«, als er am 2. September 1901 erstmals seinen Fuß auf römischen Boden setzte. Was er seit Gymnasialzeiten nur geträumt hatte, war endlich Wirklichkeit geworden. Entsprechend überwältigend fallen die ersten Eindrücke in der siebenhügeligen Stadt aus: »In Rom eingetroffen und Römer geworden. Unbegreiflich, dass wir nicht Jahre früher gekommen sind.« Unter allen Rom-Reisenden war Freud vermutlich einer der besten Kenner der Geschichte und Kultur der Stadt. Von Lessing über Goethe bis zu Fontane, von Nietzsche bis zu Thomas Mann ist wohl niemand gründlicher vorbereitet nach Italien aufgebrochen, wovon auch Freuds umfangreiche Bibliothek zeugt, die geradezu überquillt von Reisehandbüchern und Spezialabhandlungen über Landschaften und Orte, deren Besuch er plante. Gegenüber seinem Freund Wilhelm Fließ gestand er, in jeder freien Minute die »Topographie von Rom zu studieren«. Gleiches galt für Pompeji, und bisweilen versetzte ihn schon die Lektüre einschlägiger Bücher »in das ersehnte Italien«.

Davon, dass er nicht zuletzt auch deswegen ein vorzüglicher Stadtführer sein konnte, wusste seine Tochter Anna ein Loblied zu singen. Im September 1923, kurz nach der für ihn niederschmetternden Krebsdiagnose, reisten die beiden nach Rom, womit für Freud ein lang gehegter Plan in Erfüllung ging. Ein von Anna begonnenes, aber nicht zu Ende geführtes Reisetagebuch gibt Auskunft über das dicht gedrängte Programm, das der Vater kenntnisreich und liebevoll zusammengestellt hatte und das nichts ausließ, was der gebildete Reisende unbedingt gesehen haben musste, weswegen es diesem Buch zur Nachahmung beigegeben ist (Seite 174/175).

Die überschwänglichen Glücksgefühle stellten sich bei jeder seiner nahezu zwanzig Italien-Reisen stets aufs Neue ein. Das galt insbesondere für Rom, in dem er sich nach eigener Aussage so wohl fühlte wie an keinem anderen Ort der Welt und das ihm den Seufzer entlockte: »Schade, dass man hier nicht dauernd leben kann.« Herbe Enttäuschungen erlebte er auf seinen italienischen Reisen eigentlich nie und wenn doch, so behielt er sie für sich oder erwähnte sie allenfalls am Rande. Einmal, beim Besuch von Neapel, das er anders als Goethe nicht so recht mochte und das ihm vorkam wie ein »Hundenest und Affenkäfig«, scherzte er ausgelassen in römischer Legistenkürze: »Erste Enttäuschung. Vesuv raucht nicht.« Doch wenn es ihm einmal überhaupt nicht gefiel, konnte er auch anders. An Pisa etwa ließ er kein gutes Haar. Zwar absolvierte er tapfer das vom geschätzten Baedeker vorgeschlagene Besichtigungsprogramm, darunter selbstverständlich auch eine Besteigung des schiefen Turms, doch den Rest nahm er als ein einziges Fiasko wahr: »Todte wüste Stadt.« Auf einen Bonus oder italienischen Platzvorteil konnte kein Wirt rechnen, wenn es um Behaglichkeit und sein leibliches Wohl ging. Dann urteilte er mit großer Strenge, so bei einem Abstecher nach Tivoli, wo ihm ein derart miserabler Wein serviert wurde, dass er ihn als »übermangansaures Kali« zurückgehen ließ. An seinem persönlichen Fazit änderte das nichts: Italien war und blieb für ihn zeitlebens eine »unerhörte Schwelgerei«.

Das vorliegende Buch ist kein Reiseführer. Es folgt den Spuren, die Freud bei seinen Erkundungsfahrten nach Italien hinterlassen hat, und begleitet den Vater der Psychoanalyse an jene Orte, die er im Land seiner Träume aufsuchte, wobei zu erfahren ist, wie sehr die Reiseeindrücke Eingang in sein wissenschaftliches Werk fanden. Eine systematische Abhandlung ist dabei nicht vorgesehen. Es handelt sich eher um Reisebilder, die dazu einladen, das Vergnügen nachzuvollziehen, mit dem Freud zwischen Venedig und Palermo, Neapel und immer wieder Rom unterwegs war.

Auch wenn ein Tagebuch, das Freud auf Reisen geführt haben soll, verschollen oder verloren gegangen ist: Seine zahlreichen Briefe, Postkarten und Telegramme, die er täglich an die Familie im heimischen Wien sowie an Freunde und Kollegen in alle Himmelsrichtungen des Kontinents verschickte – und ab 1902 sorgfältig nummerierte –, um sie ebenso minutiös wie innig an seiner Passion teilhaben zu lassen, erlauben einen tiefen Einblick in die Reisegewohnheiten und Gemütszustände dieses großen Italien-Reisenden.

Bremen, im April 2019

Kapitel eins
Reiselust und Reiseangst

Von den Herrlichkeiten der Erde naschen

»Dieselben Dinge täglich bringen langsam um. Neu zu begehren, dazu verhilft die Lust der Reise. Ist Reisen erzwungen oder Beruf, so ist es keines. Geschieht es aus Langeweile, weil einem sonst nichts einfällt, so fährt diese mit.« Was der Philosoph Ernst Bloch im US-amerikanischen Exil in seinem Hauptwerk »Das Prinzip Hoffnung« über den »Reiz der Reise« notierte, trifft ziemlich genau, was Sigmund Freud ein halbes Jahrhundert vorher als leidenschaftlichen und lustvollen Vielreisenden umtrieb. Das Glück der Reise bestand für beide im »zeitweiligen Entrinnen ohne Nachforderung von zu Hause«. Auch Freud wollte nichts weiter als das Gewohnte und das Vertraute im heimischen Wien mit all seinen Zwängen und den streng geregelten familiären Ritualen für einige Wochen hinter sich lassen:

»Die Sehnsucht zu reisen war gewiß auch ein Ausdruck des Wunsches, jenem Druck zu entkommen, verwandt dem Drang, der so viele halbwüchsige Kinder dazu antreibt, vom Hause durchzugehen«, schrieb er gegen Ende seines Lebens in einer Festschrift für den Dichter Romain Rolland zu dessen 70. Geburtstag. Die Lust am Reisen wurzelte für Freud in der Erfüllung früher Kindheitswünsche, »also in der Unzufriedenheit mit Haus und Familie«. Beim ersten Anblick des Meeres, dem Besuch fremder Länder und Städte, die so lange ferne und unerreichbare Wunschträume waren, »fühlt man sich wie ein Held, der unwahrscheinlich große Taten vollbracht hat«. Geradezu übermütig schreibt er im März 1900 vor einem geplanten Osterausflug mit seinem Bruder Alexander: »Heute in drei Wochen, wenn nichts dazwischenkommt, wollen wir abdampfen, vier Tage lang leben wie Studenten und Touristen, wie wir es immer tun.« Da war er übrigens vierunddreißig Jahre alt, seit vierzehn Jahren verheiratet und ebenso lange als viel beschäftigter Arzt berufstätig.

Im April 1886 hatte Freud in Wien seine erste Praxis als Nervenarzt eröffnet. Fünf Jahre später, am 12. September 1891, zog die inzwischen fünfköpfige Familie in die Berggasse 19 im 9. Bezirk, wo Freud fortan für die folgenden siebenundvierzig Jahre bis zur Emigration am 4. Juni 1938 leben und arbeiten sollte. Hier befanden sich seine Praxisräume, hier analysierte er fast den ganzen Tag seine Patienten, wobei in den ersten Jahren »Kinderstube und Ordination«, also der Wohn- und der Arbeitsbereich, eng nebeneinanderlagen, ehe Freud im November 1896 im Hochparterre des Hauses zusätzlich eine Drei-Zimmer-Wohnung anmieten konnte, in die er seine Praxisräume verlegte. Alles in allem verfügten der Patriarch und seine Familie auf vierhundert Quadratmetern immerhin über neunzehn Zimmer und Kammern zum Leben und Arbeiten.

Gewöhnlich stand Freud um sieben Uhr auf und begann den Tag mit einer erfrischenden Dusche, wie er es im Übrigen auch auf Reisen hielt. Ein kurzes Frühstück, ein Blick in die Zeitung und eine Rasur, für die eigens ein Barbier ins Haus kam, schlossen sich an. Ab acht, manchmal auch erst ab neun befand er sich im analytischen Gespräch bis zum Mittag, wenn die Hauptmahlzeit im Kreis der komplett versammelten Familie eingenommen wurde, die für den Hausvater, als den Freud sich sah, von geradezu programmatischer Bedeutung war: »In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der Familie.« An das stets streng eingehaltene Ritual erinnerte sich sein ältester Sohn Martin genau: »Punkt ein Uhr saß jeder in unserem Haushalt an dem großen Esstisch. Im gleichen Augenblick öffnete sich die eine Tür, und das Mädchen trat mit der Suppe herein, während der Vater durch die andere Tür aus seinem Arbeitszimmer kam, um an einem Ende des Tisches meiner Mutter gegenüber Platz zu nehmen.« Die Speisenfolge stand fest: Drei- bis viermal die Woche gab es Fleisch und Gemüse, am liebsten italienische Artischocken, anschließend ein Dessert. Huhn und Blumenkohl verabscheute Freud. Eine sogenannte »Herrschaftsköchin«, die der Familie dreiunddreißig Jahre treu blieb, war für die Küche zuständig, es gab ein Hausmädchen, das bei Tisch aufwartete und auch Freuds Patienten empfing, ferner eine Gouvernante für die älteren Kinder sowie ein Kindermädchen für die jüngeren, während eine Aufwartefrau täglich die grobe Arbeit im Haushalt verrichtete.

Dem Essen schloss sich eine Pause an, die Freud zu einem kleinen Spaziergang ausdehnte, der fast immer den vollen Kreis der Wiener Ringstraße umschloss. Mal schaute er bei seinem Buchhändler vorbei oder beim »Trafikanten«, bei dem er sich mit reichlich Rauchwaren eindeckte, vorzugsweise mit kleinen handlichen Trabukos. Sein durchschnittlicher Bedarf lag bei zwanzig Zigarren – täglich. Als ihm sein Freund Wilhelm Fließ, immerhin ein Hals-, Nasen- und Ohrenarzt, einmal nahelegte, seine Nikotinsucht ein wenig zu drosseln, um seine Nasenkatarrhe auszukurieren, reagierte er ungehalten: »Deinem Rauchverbot folge ich nicht.« Unvorstellbar für ihn, »nichts Warmes mehr zwischen den Lippen zu haben«. Abstinenz hielt er jedenfalls für ein Elend von ungeahnter Größe. Im »Unbehagen in der Kultur« wird er prinzipiell: »Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zu viel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend geringschätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend etwas dieser Art ist unerläßlich.« Er bemüht Fontane mit dem Satz, dass es ohne Hilfskonstruktionen im Leben nicht ginge, und fügt hinzu, dass Wilhelm Busch in der »Frommen Helene« »auf erniedrigtem Niveau« dasselbe sagt: »Wer Sorgen hat, hat auch Likör.« Freud rauchte nahezu ohne jede Unterbrechung. Wenn sich Freunde zum Besuch angesagt hatten, erinnerte sich sein Sohn Martin, quoll dicker Tabakqualm aus Freuds Arbeitszimmer, und es erschien dem Knaben wie ein Wunder, »dass darin Menschen stundenlang gelebt, ja gesprochen hatten, ohne zu ersticken«.

Vom Tabakladen zurück zum täglichen Mittagsprogramm. Nur selten verkürzte Freud den Weg, indem er quer durch die Innenstadt ging. »Man darf sich jedoch nicht vorstellen, dass die Ausflüge die Form gemächlicher Spaziergänge hatten, um die Schönheit der Ringstraße oder der blühenden Bäume im Frühling zu genießen. Mein Vater marschierte mit einer enormen Geschwindigkeit«, notierte Sohn Martin. Das Tempo, das Freud senior dabei vorlegte, erinnerte den ältesten der drei Sprösslinge an die für ihre Schnelligkeit bekannten italienischen Bersaglieri, eine Elitetruppe von »äußerst dekorativen Soldaten«, von denen »jeder wie Sigmund Freud marschierte«.

Danach nahm der Analytiker wieder seine Therapiestunden auf und empfing Patienten, darunter gelegentlich auch den einen oder anderen »Quälgeist« sowie einen gut zahlenden »Goldfisch«. Die später so berühmt gewordene »analytische Couch« hatte er vermutlich als Geschenk anlässlich des Umzugs in die Berggasse 19, von Josephine Benvenisti, einer dankbaren Patientin, geschenkt bekommen. Freud behandelte an sechs Tagen in der Woche jeweils bis zu zehn Stunden, vergleichbar dem Pensum von Lou Andreas-Salomé, das er »für einen schlecht verhüllten Selbstmord« hielt, wie er ihr einmal schrieb. Er selbst stand der fleißigen Kollegin, der Nietzsche einst vergeblich in Rom einen Heiratsantrag gemacht hatte und der Rilke als junger Mann leidenschaftlich verfallen war, jedenfalls in nichts nach. Bei einer dermaßen hohen Arbeitsbelastung kam es dann schon mal vor, dass Freud bei einer »Nachmittagsanalyse« tatsächlich in einen kurzen Schlaf versank.

Um einundzwanzig Uhr, wenn der letzte Patient die Praxis verlassen hatte, war noch lange nicht Schluss. Bis weit nach Mitternacht saß Freud am Schreibtisch, erledigte seine Korrespondenz, die am Ende seines Lebens auf nahezu siebzehntausend Briefe angewachsen war, widmete sich der Wissenschaft und schrieb an Aufsätzen und Büchern. »Es war nicht ungewöhnlich für ihn, bis etwa drei Uhr nachts durchzuarbeiten.« So ging das nach streng eingehaltenem Plan neuneinhalb Monate im Jahr, Tag für Tag, und jeder einzelne dauerte in der Regel sechzehn bis achtzehn Stunden. Seinem Freund und Kollegen Fließ gestand er im Frühjahr 1898, dass er sich als praktizierender Nervenarzt und forschender Wissenschaftler »wie ein Comfortableroß« in doppelte Zwänge eingespannt sähe, und fügte hinzu: »Ich glaube wirklich, meine Lebensweise, die acht Stunden Analyse acht Monate im Jahre verwüsten mich.« Und wenn die Tage und Nächte gelegentlich noch länger wurden, falle er anschließend »wie vom Holzhacken« um.

Regelmäßig hielt Freud im Hörsaal der psychiatrischen Klinik in der Nähe des Wiener »Narrenturms« Vorlesungen. 1784 hatte Kaiser Joseph II. den markanten Rundbau als »Irrenanstalt« errichten lassen, in der »Geisteskranke« noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts behandelt wurden, nicht selten in Ketten gefesselt. Seine frei gehaltenen Vorträge vor einem meist überschaubaren Kreis von Studenten legte Freud mit Rücksicht auf seine therapeutischen Praxiszeiten auf die Sonnabende, in der Regel von neunzehn bis einundzwanzig Uhr. Anschließend traf er sich im Freundeskreis mal in seiner Wohnung in der Berggasse, mal bei seinem Freund und Kollegen Ludwig Rosenberg, einem Kinderarzt, gelegentlich auch im Café Central oder im Café Landtmann gleich neben dem Burgtheater zur geliebten Kartenrunde beim »großen Tarockexzeß«, an dem zuweilen auch der Chirurg Julius Schnitzler, ein Bruder des Dramatikers Arthur Schnitzler, teilnahm. Gelegentlich legte er sich zum Zeitvertreib eine Patience. Seltener sah man ihm im Theater oder in der Oper und meist dann, wenn Shakespeare oder Mozart gegeben wurden oder »Carmen« auf dem Programm stand.

Jeden zweiten Dienstag verbrachte Freud unter seinen »jüdischen Brüdern« in der Loge des »Israelitischen Humanitätsvereins B'nai B'rith«, die seit 1895 bestand und der er 1897 beigetreten war, um – befreit von der täglichen Routine – den Abend unbeschwert in einem Zirkel zu verbringen, der sich den Zielen der Aufklärung und der Humanität verpflichtet fühlte und der ihm darüber hinaus ein willkommenes Diskussionsforum bot. In diesem »Kreis von auserlesenen hochgestimmten Männern«, dem er übrigens zeitlebens angehörte, hielt er öfter selbst populärwissenschaftliche Vorträge: »Über Traumdeutung«, »Das Seelenleben des Kindes« und einmal auch über Émile Zola – oft schlecht vorbereitet, wie er einräumte, »eigentlich erst in der Stunde vorher, nach der Art, wie man in der Schule den deutschen Aufsatz macht«. Seine Auftritte vor den Bundesbrüdern des »B'nai B'rith« kamen dennoch gut an, wie er seinem Freund Fließ berichtete: »Mein zweiter und letzter Traumvortrag ist auch unter begeistertem Jubel der Juden vorübergegangen. Nachher fragte mich ein begeisterter Hörer, ob auch die ganz sinnlosen Träume so deutbar sind. Das ist der Wert populärer Vorträge. Ein Arzt und Kollege hätte nicht dümmer fragen können.« Nachdem Freud 1902 die »Psychologische Mittwochs-Gesellschaft« mit einigen befreundeten Ärzten und Kollegen gegründet hatte, die sich regelmäßig im Wartezimmer seiner Wohnung in der Berggasse versammelte, war ein weiterer Abend der Arbeitswoche fest verplant.

Nur am Sonntag gönnte er sich Ruhe und Erholung von den Strapazen: »In den Stunden, die ich übrig habe, sorge ich dafür, nicht zur Reflexion zu kommen. Ich überlasse mich meinen Phantasien, spiele Schach, lese englische Romane; alles Ernsthafte bleibt verbannt.« Oder er widmete sich seinen Kindern, bei denen besonders das große Ratespiel »100 Reisen durch Europa« hoch im Kurs stand. Den Vater mussten sie nicht erst zur Teilnahme drängeln, denn zu ihrer großen Freude war er sofort zum Mitmachen bereit, auch weil die »Lust zur Arbeit nicht immer vorhanden« sei, wie er einmal nach Berlin an Wilhelm Fließ schrieb und den Brief beim Stichwort Reisen mit dem Satz schließt: »Sehr gerne möchte ich heuer wieder in unser schönes Italien.« Wann immer es ging, hielt sich Freud den gesamten Sonntag für die Familie frei. Am Vormittag besuchte er als guter Sohn, meist in Begleitung einiger Kinder, seine Mutter, die dann in aller Regel am Abend zum Nachtmahl in die Berggasse kam, wozu sich oft weitere Familienmitglieder hinzugesellten. Und wenn dann noch Zeit blieb, besuchte er im Laufe des Tages das Kunsthistorische Museum mit seinen archäologischen Sammlungen, von denen ihn besonders die Ausstellungsstücke aus dem alten Ägypten und aus Griechenland interessierten.

Kein Wunder, dass Freud bei der genauesten Taktung seines Alltags nichts mehr verachtete als Leerlauf und ebenso sinnloses wie überflüssiges Warten: »Die ärgste Verschwendung, die ich mir ausdenken kann, ist all die Kohle, die man für das höllische Feuer braucht. Es wäre viel besser, durch den ganzen üblichen Prozeß zu gehen, den Sünder zu so und so vielen hunterttausend Jahren Gebratenwerdens zu verurteilen, ihn dann ins nächste Zimmer zu schicken und dort einfach sitzen zu lassen. Warten zu müssen, würde bald eine ärgere Strafe werden, als wirklich zu brennen.« Im Widerspruch dazu stand lediglich eine Gewohnheit, von der sein Schüler Hanns Sachs berichtete. Lange vor der fahrplanmäßigen Abfahrt eines Zuges fand sich Freud überpünktlich am Bahnhof ein, und es soll vorgekommen sein, dass er eine Stunde im Wartesaal zubrachte.

Abgesehen von einer längeren Sommerpause bestand Freuds Leben fast ausschließlich aus Arbeit. Nach einem anstrengenden Jahr befand sich »der arme Konrad«, wie er seinen Körper in Anlehnung an ein Studentenlied gelegentlich nannte, in einem geradezu »toxischen Zustand: verstimmt, reizbar, müde«. Oft schon im Frühjahr konnte er es nicht mehr abwarten, aus dem »höchst ekelhaften« Wien herauszukommen und etwas anderes zu sehen: »Man trocknet so leicht ein bei der unvermeidlichen Einschränkung seiner Interessen das ganze Jahr.« Spätestens Mitte Juli brach er mit der vielköpfigen Familie samt Personal in die herbeigesehnte Sommerfrische auf, ein Luxus, den er sich ab Mitte der 1890er Jahre leisten konnte, weil seine besser laufende Praxis inzwischen genügend Geld abwarf. »Ich folge seit Jahren einem bestimmten Ferientypus: in den ersten Tagen nach dem Aufhören der Arbeit sehr heiter und wohl, komme ich dann nach etwa zwei Wochen in das richtige Erschöpfungselend, das sich mit Recht an das Arbeitsjahr anschließt«, ließ er seinen Schüler Sándor Ferenczi wissen. »Kegelschieben und Schwämmesuchen«, befand er im August 1895 auf dem Weg nach Venedig, sei »viel gesünder«, als stetig Psychologie zu treiben. So gedachte er seine »volle Elasticität« wiederherzustellen.

Die Ferienfreuden dauerten bis tief in den September, bevor die Praxis im Oktober wieder eröffnet wurde und er mit neuem Schwung an die Arbeit ging. Nur gelegentlich ließ er Patienten in den Urlaub nachkommen. In dieser Zeit hatte die wissenschaftliche Arbeit fast ganz zu ruhen, von einem gelegentlichen Vorwort oder der Durchsicht von Korrekturfahnen abgesehen, denn: »Meine Schreibunlust ist in solchen Zeiten geradezu pathologisch.« Im September 1912 ließ er eine der seltenen Ausnahme gelten, als er mit Sándor Ferenczi einige Tage in Rom verbrachte und die noch unfertige Studie »Zur Einführung in den Narzißmus« zu Ende schrieb. Sein Erholungsprogramm nach anstrengendem Pensum lautete kurz und bündig: »Grund- und bodenlose Faulheit, intellektueller Stillstand, Sommeröde, vegetatives Wohlbefinden.« Folglich blieb seine Lektüre während der Ferienzeit übersichtlich, lediglich seiner Korrespondenz widmete er sich unverdrossen, weshalb er sich die Post aus Wien täglich durch einen Boten gegen Extragebühr nachschicken ließ.

Die sommerlichen Ferienziele blieben stets die gleichen: Von zwei Ausnahmen abgesehen ging es Jahr für Jahr in die Berge, in die Steiermark, nach Bayern oder nach Tirol. Die meisten Quartiere, die Freud mit großer Sorgfalt auswählte und manchmal sogar vorher inspizierte, besuchte die Familie häufiger. Besonders gerne steuerten die Freuds Reichenau am Semmering in Niederösterreich an, später Salzburg und ganz besonders Aussee in der Steiermark, das schon bald zu den liebsten Ferienorten der Familie zählte – eine Vorliebe, die sie mit Berühmtheiten der Zeit wie den Komponisten Johannes Brahms und Gustav Mahler sowie Schriftstellern wie Hugo von Hofmannsthal und Jakob Wassermann teilte. Mahler sollte Jahre später einmal Freuds Hilfe in Anspruch nehmen, als seine Ehe mit der mannstollen Alma 1910 zu scheitern drohte. Dem Patienten konnte geholfen werden. Nachdem der Komponist seinen Therapeuten an dessen holländischem Urlaubsort aufgesucht hatte und die beiden auf einem Spaziergang in Leiden die offenbar unglückliche Mutterfixierung Mahlers gesprächsweise behandelt hatten, rechnete Freud es sich an, dass Mahlers Ehe bis zu dessen Tod im Jahre 1911 hielt.

Auch Theodor Herzl, dem der vier Jahre ältere Freud 1902 ein Exemplar seiner »Traumdeutung« geschickt hatte, suchte das bekannte Bad auf, in dem seine Majestät der Kaiser regelmäßig seinen Urlaub verbrachte. Begegnet sind sich die beiden dort nicht. Freud interessierte sich nicht sonderlich für Herzls berühmt gewordenes Buch »Der Judenstaat« von 1896 und auch nicht für die Idee des Zionismus, für den er kein tieferes Verständnis aufbrachte und von dem er schon gar nicht die Lösung der jüdischen Frage erwartete. Nach dem Tod Herzls riet Freud dessen Sohn Hans eindringlich davon ab, die Nachfolge des Vaters als Anführer der zionistischen Bewegung anzutreten: »Ihr Vater ist einer jener Männer, die Träume in Wirklichkeit verwandeln. Leute dieser Art, die Garibaldis, die Herzls, sind sehr selten und gefährlich. Ich würde ganz einfach sagen, daß sie sich am Gegenpol meines wissenschaftlichen Werks ansiedeln. Mein Beruf besteht darin, den Träumen ihr Geheimnis zu nehmen, sie durchsichtig und banal zu machen. Sie dagegen machen das Gegenteil, sie befehligen die Welt, während sie auf der anderen Seite des seelischen Spiegels verbleiben.« An den Aufenthalt der Familie Freud in Aussee erinnert in dem unterdessen zum Treffpunkt der Jetsets mutierten Ort lediglich eine Straße, die nach dem berühmt gewordenen Nervenarzt benannt wurde.

Im Spätsommer 1895 reiste die Familie erstmalig ans Meer, begleitet von Bruder Alexander. Martha war zu der Zeit hochschwanger mit Anna, die zwei Monate später zur Welt kam. Das Ziel hieß Lovrana, ein Fischerdorf in der Nähe des bekannteren Badeortes Abazzia (heute Opatija) an der adriatischen Küste, die heute zu Kroatien gehört. Der damalige Badespaß ging als Bilderbuchurlaub in die Familienannalen ein: gesegnetes Klima, blauer Himmel, üppige Vegetation mit Palmen, Weinreben und Feigenbäumen, die bis zur Frühstücksterrasse des komfortablen Hotels hinunterreichten, weißer Sandstrand, klares, nicht zu tiefes Wasser. So jedenfalls erinnerte sich später Sohn Martin in seiner Autobiographie. Obwohl Freud zeitlebens die Berge dem Meer vorzog, scheint er die Tage an der Adria, von der Sonne tief gebräunt und faulenzend, außerordentlich genossen zu haben. Die meiste Zeit verbrachte er mit seinem Bruder im Meer, und nicht einmal zur Essenszeit soll er aufgetaucht sein. Stattdessen »schwamm ein Kellner hinaus und balancierte dabei ein Tablett mit Erfrischungen, ja sogar Zigarren und Streichhölzern«. Wir können uns den großen Wegweiser ins Unbewusste in diesen Momenten als einen glücklichen Feriengast vorstellen, der sich nichts weiter wünscht, als »von den Herrlichkeiten der Erde [zu] naschen«.

Reisen als Kinderwunsch

Eine geradezu »glühende Sehnsucht, zu reisen und die Welt zu sehen«, war bei Freud seit Kindertagen stark ausgeprägt. Überhaupt einmal auf Reisen gehen zu können erschien ihm angesichts der Enge und Armseligkeit seines Elternhauses in dem kleinen mährischen Städtchen Freiberg, dem heutigen Příbor, außerhalb jeder Möglichkeit zu liegen. Bei seiner Geburt 1856 bewohnten die Eltern in der Schlossergasse 117 ein einziges Zimmer über der Wohnung des Hausbesitzers, eines Schlossers. Vater Jacob, ein mäßig erfolgreicher jüdischer Wollhändler, der in dritter Ehe mit der um zwanzig Jahre jüngeren Amalia, Freuds Mutter, verheiratet war und zwei erwachsene Söhne in diese Ehe mitgebracht hatte, übersiedelte 1859 mit der Familie, als der kleine Sigmund drei Jahre alt war, nach Leipzig – aus Gründen, die bis heute nicht restlos geklärt sind. Sie reichen vom Bankrott seiner Firma und dem sich ausbreitenden Antisemitismus in Böhmen und Mähren über eine fatale Verstrickung in das Falschgeldunternehmen seines Bruders Josef bis hin zu dem Verdacht, Freuds Mutter habe womöglich mit dem gleichaltrigen Stiefsohn Philipp und damit Freuds Halbbruder ein Liebesverhältnis gehabt, das Jacob durch den Ortswechsel zu unterbinden suchte.

Der Versuch, in Leipzig ein Geschäft aufzubauen, um die Familie einigermaßen durchzubringen, scheiterte kläglich. Schlimmer noch, sämtliche Gesuche von Freuds Vater, im Königreich Sachsen auch nur eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, schlugen fehl. Die Familie wurde mit polizeilicher Verfügung des Landes verwiesen und übersiedelte – der Not gehorchend – im Oktober 1859 nach Wien, wo sich die düsteren Aussichten keineswegs aufhellten. Im Gegenteil, einer von Freuds späteren engeren Freunden und Kollegen am Wiener Physiologischen Institut, der Arzt Josef Paneth, berichtete in seinen »Erinnerungen« sogar von Hunger und Entbehrungen, unter denen die Familie offenbar anfänglich zu leiden hatte.

Aus diesen prekären Umständen hat Freud übrigens nie einen Hehl gemacht. Die prägende Erfahrung seiner Kindheit und Jugend begründete maßgeblich seinen Ehrgeiz, den kümmerlichen häuslichen Verhältnissen durch beruflichen Aufstieg und Erfolg zu entkommen: »Von dem Erwerb [aus Patientenhonoraren]«, schrieb er an Fließ, »hängt meine Stimmung auch sehr ab. Geld ist Lachgas für mich. Aus meiner Jugend weiß ich, daß die wilden Pferde in den Pampas, die einmal mit dem Lasso gefangen worden sind, ihr Leben über etwas Ängstliches behalten. So habe ich die hilflose Armut kennengelernt und fürchte mich beständig vor ihr.«

Zeitlebens widmete er sich dem »Jagen nach Geld«, was er keinesfalls für einen peinlichen Makel hielt, sondern ihm geradezu Programm war. Er war fest davon überzeugt, »daß Geld ein Werkzeug ist, dem Sklaven die Fesseln zu lösen, daß man Freiheit für Geld bekommt«. Freiheit auch für das Reisen, das neben der Archäologie und der Sammlung antiker Kunst zu seinem größten Hobby werden sollte. Karriere und damit auch Wohlstand schienen ihm das Unterpfand dafür zu sein – übrigens ohne Illusionen über den mitunter steinigen Weg dorthin: »Reichwerden muß sehr schwer sein.« Doch selbst als seine Finanzen um 1900 als konsolidiert gelten konnten und er sich um seinen bürgerlichen Lebensstil auf hohem Niveau keinerlei Sorgen mehr machen musste, äußerte er gelegentlich die bange Frage, ob er sich speziell seine italienischen Exkursionen überhaupt leisten könne, und schrieb: »Ich weiß nicht, ob ich das Geld für eine Septemberreise haben werde.« Und bei der Planung einer auf fünf Wochen veranschlagten Tour mit Wilhelm Fließ, deren Ziel am Ende Rom sein sollte, kam ihm der zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere etwas abwegige Gedanke, dass sein »Budget auf eine harte Belastungsprobe« gestellt werden würde. Was nicht zutraf und ihn im Übrigen nicht daran hinderte, nur wenige Tage später zu einer ausgedehnten Toskana-Reise aufzubrechen – allerdings ohne den Berliner Kollegen.

Freud attestierte sich selbst »viel Talent zum Lebensgenuß«. Diesen Satz schrieb er, als er 1908 mit seiner Schwägerin Minna den Gardasee bereiste. Seit der Jahrhundertwende galt dieses Urlaubsziel dank der grandiosen Alpenkulisse und seines milden Klimas selbst im Winter als Attraktion der mondänen Welt und wurde entsprechend frequentiert, auch von Größen der Literatur wie Ibsen, Kafka, Rilke, Nietzsche, Thomas und Heinrich Mann, der allein zwanzigmal anreiste. Paul Heyse, Literaturnobelpreisträger von 1910, schrieb hier sein Gedicht »Letzter Wille«, eine Ode als Liebeserklärung an den Lago, dessen Nordspitze damals noch Teil der k. u. k. Monarchie war und den auch der reisende Freud sehr schätzte. In Salò hatte er Quartier bezogen und war gerade von einem Bootsausflug zur Punta San Vigilio, einem kleinen Landvorsprung wenige Kilometer von Garda entfernt, rundum zufrieden ins Hotel zurückgekehrt, wo er sich einen Granatapfel servieren ließ und bei einer guten Zigarre neue Patiencen legte – »mit dem gewöhnlichen Effekt des unverhohlensten Neids, nicht der Fürst Borghese zu sein«, wie er im Bericht an die Familie in Wien meldete. Am Rande sei vermerkt, dass zum Neid nicht der geringste Anlass bestand, denn der Spross des berühmten Adelsgeschlechts hatte sein gesamtes Vermögen eingebüßt.

Freud ging es in diesen Tagen ausgesprochen gut. Der ausdrückliche Hinweis im Brief vom Gardasee, dass seine hedonistischen Neigungen erst in späteren Lebensjahren zum Vorschein gekommen seien, dürfen wir getrost als charmante Flunkerei abbuchen. Eher ist das Gegenteil zutreffend. Seit Mitte der 1890er Jahre belegen vor allem die zahlreichen Italien-Reisen und die einzige, allerdings nur kurze Griechenland-Fahrt das Programm seiner Reiselust: viel sehen, viel staunen und viel genießen! Dass dabei für ihn nicht in Frage kam, die schöne Fremde in einen kleinbürgerlichen Ferienschmaus umzufälschen, versteht sich von selbst. Im Alter von zweiundsiebzig Jahren schreibt er in einem Brief an Sándor Ferenczi von noch nicht »gesättigten Reisewünschen«, und etwas später, nachdem Arnold Zweig ihm das Manuskript eines Gedichts über einen bezaubernden Frühlingsanfang in Palästina in die Wiener Wohnung geschickt hatte, antwortet er im Februar 1935 in ziemlich trüber Stimmung: »Die Frühlingsschilderung machte mich traurig, neidisch. Es steckt noch so viel Genußfähigkeit in mir.«

Ein Erlebnis auf der Akropolis

Über seine pure Lust zum Reisen hat Freud zeitlebens viel nachgedacht und sich sowohl in seiner Korrespondenz als auch in verschiedenen Schriften immer wieder dazu geäußert. Einer etwas gründlicheren Analyse unterzog er seinen Reisedrang in der eingangs erwähnten Festschrift für Romain Rolland, die 1936 erschien und den Titel trug »Eine Erinnerungsstörung auf der Akropolis«. Freud bewunderte den zehn Jahre jüngeren französischen Schriftsteller, Pazifisten und Nobelpreisträger von 1915, mit dem er seit 1923 in Korrespondenz stand und den er in seiner Schrift »Das Unbehagen in der Kultur« einen Freund nannte. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist eine Kurzreise, zu der er sich 1904, nach einem sechswöchigen Erholungsurlaub mit der Familie in der »Villa Sonnenfels« in Königsee bei Berchtesgaden, spontan entschlossen hatte. In seinem Ferienquartier hatte er gerade die »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« fertiggestellt und wollte anschließend mit Alexander »an der Adria herumreisen« – Ziel einstweilen unbekannt. Korfu war im Gespräch. In Triest trafen sie einen dort ansässigen Geschäftspartner seines Bruders, der von der Ionischen Insel, die Odysseus laut Homer einst als letzte Station auf seiner Irrfahrt vor der Heimkehr nach Ithaka ansteuerte, heftig abriet: »In Corfu soll nicht viel los sein«, notiert Freud in dem Briefessay. Außerdem sei es dort um diese Zeit zu heiß, habe der Geschäftsfreund gesagt: »Gehen Sie doch lieber nach Athen. Der Lloyddampfer geht heute nachmittags ab, läßt Ihnen drei Tage Zeit, um die Stadt zu sehen und holt Sie auf seiner Rückfahrt ab.« Kurz entschlossen buchten die beiden eine Schiffspassage, die sie über Brindisi, Saranda, Korfu und Patras nach Athen brachte.

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1 »Unvergeßlich, höchst merkwürdig.« Im September 1904 besuchte Freud auf der Agora in Athen den Tempel des Hephaistos, den am besten erhaltenen griechischen Tempel.

Am 30. August 1904 stachen sie an Bord der »Urano« in See und kehrten am 9. September zurück an ihren Ausgangspunkt in Triest. Dass sich die Abfahrt um reichlich vier Stunden verzögerte, behagte dem Freund von Pünktlichkeit und guter Planung überhaupt nicht: »österreichische Schlampigkeit«, so schimpfte Freud, »gepaart mit italienischer Gewissenlosigkeit«. Doch das blieb nur Episode. Der in die Jahre gekommene Dampfer bot zwar nur wenig Komfort, und die Kabinen waren eng, doch dafür entschädigte die Bordküche reichlich mit glänzender Kost. Diese Seereise sollte sich jedenfalls noch zu einer der denkwürdigsten Urlaubserfahrungen in Freuds Leben überhaupt entwickeln, was sich auch an seiner ausgesprochen munteren Korrespondenz ablesen lässt. So amüsiert er sich über mitreisende Damen, überwiegend Amerikanerinnen, »Löwinnen aus Vanilleeis«, die viermal täglich die Toilette wechseln und »sich sehr fröhlich u ungenirt benehmen u wie Alex behauptet, als Eccentrias für Affen engagiert sind«. Es begegnen ihm »echte Türken, Albanesen mit weißem Spitzhut, wie ihn antike Statuen tragen, Barkenführer, die aussahen wie der Jason mit dem Argonautenzug, eine verschleierte türkische Dame in Begleitung einer unverschleierten, märchenhaft häßlichen Dienerin«. Eine wohlbeleibte griechische Mutter, die er auf hundert Kilogramm taxiert, bleibt ihm in Erinnerung ebenso wie ein Haufen Engländer, die sich als Amerikaner entpuppen, ein akademischer Windbeutel aus Straßburg und eine allein reisende Millionärin aus den USA mit ihrem französischen Leibarzt. Am Golf von Korinth fällt ihm beim Blick auf das wogende Meer heiter gestimmt Goethes Ballade »Der Fischer« ein: »Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, / Ein Fischer saß daran, / Sah nach dem Angel ruhevoll, / Kühl bis ans Herz hinan.«