Über Bernd-Lutz Lange

Bernd-Lutz Lange, geboren 1944 in Ebersbach/Sachsen, wuchs in Zwickau auf. Nach einer Gärtner- und Buchhändlerlehre studierte er an der Fachschule für Buchhändler in Leipzig. 1966 war er Gründungsmitglied des Kabaretts »academixer«, von 1988 bis 2004 trat er im Duo mit Gunter Böhnke auf, bis 2014 mit der Sängerin und Kabarettistin Katrin Weber. Von Bernd-Lutz Lange liegt inzwischen rund ein Dutzend Bücher vor. Im Aufbau Verlag sind »Dämmerschoppen«, »Magermilch und lange Strümpfe«, »Mauer, Jeans und Prager Frühling«, »Ratloser Übergang«, »Das Leben ist ein Purzelbaum«, »Davidstern und Weihnachtsbaum«, »Nischd wie hin. Unsere sächsischen Lieblingsorte« (zusammen mit Tom Pauls) und »Das gabs früher nicht« lieferbar. Als Hörbuch bei Aufbau Audio sind »Zeitensprünge. Kreuz und quer durch mein Leben«, »Das Leben ist ein Purzelbaum. Von der Heiterkeit des Seins«, »Teekessel und Othello. Meine sächsischen Lieblingswitze« und »Sternstunden. Begegnungen mit besonderen Menschen« lieferbar. 2014 erhielt Bernd-Lutz Lange das Bundesverdienstkreuz. Seit 2019 ist er Ehrenbürger der Stadt Zwickau.

Sascha Lange, geboren 1971 in Leipzig, Musiker, Autor und Historiker mit Schwerpunkt Jugendkulturen im zwanzigsten Jahrhundert. Er ist außerdem wissenschaftlicher Berater für Museen, Medien und Theater.

Im Aufbau Verlag erschien von ihm »DJ Westradio« und »Das wird mein Jahr«, bei Blumenbar gemeinsam mit Dennis Burmeister »Depeche Mode: Monument«, die bislang größte Werkschau über die britische Band.

Informationen zum Buch

Zum Jubiläum – 30 Jahre Wende

Der 9. Oktober 1989 in Leipzig ist der schicksalhafteste Tag der Friedlichen Revolution. Hochgerüstete Polizisten standen mehr als 70.000 Menschen gegenüber. Der gewaltlose Ausgang des Tages hat viele Väter, viele Mütter. Als einer der »Leipziger Sechs« arbeitete Bernd-Lutz Lange am 9. Oktober mit an einen Aufruf, den Kurt Masur über den Stadtfunk verlas und der dazu beitrug, dass diese Montagsdemonstration friedlich verlief.

Dreißig Jahre danach begibt sich Bernd-Lutz Lange auf Spurensuche und entdeckt noch bislang Unbekanntes. Sein Sohn, der Historiker Sascha Lange, zeichnet anhand überlieferter Akten die Ereignisse nach und zeigt, welchen immensen Aufwand der SED-Staat betrieb, um das zu verhindern, was er nicht mehr verhindern konnte – das Aufbegehren mündiger Bürger für Freiheit und Demokratie.

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Bernd-Lutz Lange
Sascha Lange

David gegen Goliath

Erinnerungen
an die Friedliche Revolution

Inhaltsübersicht

Über Bernd-Lutz Lange

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Vorwort

Sascha Lange

40 Jahre DDR – ein Abriss

»Leipzig in Trümmern«

Bernd-Lutz Lange

Davor

Der entscheidende Tag

Danach

Sascha Lange

Der Weg zum 9. Oktober 1989 in Leipzig

Montag, 2. Oktober in Leipzig

Samstag, der 7. Oktober

Die Einsatzplanung für den 9. Oktober in Leipzig

Der 9. Oktober in Leipzig

»Die Zeit drängt«

Montag, 16. und 23. Oktober in Leipzig

Zwischen Niedergang und Wiedervereinigung

Der 9. Oktober in Leipzig – Eine Nachbetrachtung

Stadtplan Innenstadt 80er Jahre

Literaturverzeichnis (Auswahl)

Abkürzungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Bildnachweis

Danksagung

Impressum

Allen Menschen gewidmet, die im Herbst 1989 auf den Straßen waren.

Vorwort

Dreißig Jahre nach der Friedlichen Revolution in der DDR gehört der 9. Oktober 1989 in Leipzig zu den herausragenden Ereignissen jener turbulenten Tage, als am Abend in der Innenstadt mehr als 70 000 Menschen gewaltfrei einen hochgerüsteten Sicherheitsapparat in die Knie zwangen. Grund genug, an diesen alles entscheidenden Montag in Leipzig zu erinnern, hat er doch in unseren Tagen in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit immer noch nicht die ihm zustehende Beachtung und Würdigung.

Wir haben dieses Buch nach einer Geschichte aus dem Alten Testament »David gegen Goliath« genannt, die zeigt, dass auch ein scheinbar Schwacher einen ungleich Stärkeren besiegen kann. Eben das gelang an diesem entscheidenden Tag in Leipzig und letztlich auch in der gesamten DDR im Herbst 1989 – viele Davids besiegten den schwer bewaffneten Goliath. Und im Vergleich zur biblischen Geschichte sogar ohne auch nur einen Stein werfen zu müssen.

Dieses Buch nähert sich den Ereignissen des Oktober in Leipzig von zwei Seiten: persönlichen Erinnerungen und der Auswertung zahlreicher Akten und Publikationen – mit teilweise neuen Erkenntnissen. Es ist zum einen für die geschrieben worden, die seinerzeit dabei waren: direkt mit auf dem Leipziger Ring und an vielen Orten der DDR oder auch nur als Zaungäste an den Fernsehern auf der anderen Seite der Mauer in der Bundesrepublik und in der ganzen Welt. Zum anderen für die nachfolgenden Generationen. Zwei Drittel der Leipziger von heute haben die DDR nicht mehr erlebt – aufgrund des Alters oder des Wohnorts, oftmals auch beides. Wer damals im Herbst 1989 das Licht der Welt erblickte, ist inzwischen dreißig Jahre alt und kennt jene Geschichten höchstens von seinen Eltern und Großeltern. Oder knapp angerissen aus dem Schulunterricht.

Zunächst haben wir im Buch vierzig Jahre DDR nochmals Revue passieren lassen, um nachvollziehen zu können, wie es zu den Ereignissen des Herbstes 1989 in Leipzig und in der DDR kommen konnte.

Anschließend kommt Lange senior zu Wort. Er war 1989 Mitte vierzig und am 9. Oktober einer der »Leipziger Sechs«. Seine persönlichen Erinnerungen und Zeitzeugengespräche zeigen, wie scheinbar zufällig und nachhaltig Geschichte geschrieben werden kann.

Der Historiker Sascha Lange, 1989 gerade mal 17 Jahre alt, nähert sich anschließend den Tagen des Herbstes 1989 in Leipzig mittels zeitgenössischer Akten und zeigt unter anderem auf, mit welchen martialischen Mitteln die Volkspolizei gegen die eigene Bevölkerung vorgehen wollte.

Der dreißigste Jahrestag ist ein guter Zeitpunkt, auf die damaligen Ereignisse zurückzublicken. Denn der 9. Oktober 1989 ist nicht nur für uns persönlich ein wichtiger, ein entscheidender Tag in unserem Leben gewesen. Seine Folgen haben die DDR elementar verändert – ein kollektiver Akt der gewaltlosen Selbstbefreiung. Die Ereignisse des Herbstes 1989 fanden an diesem Tag in Leipzig ihren ersten entscheidenden Höhepunkt, ohne den es einen Monat später keinen Mauerfall gegeben hätte. Dies ist nicht das Verdienst einiger weniger, sondern all derer, die in jenen Tagen überall in der DDR den Mut hatten, für elementare Menschenrechte auf die Straße zu gehen. Jeder, der dabei war, spürte, dass Geschichte geschrieben wurde. Und wir haben sie in diesem Buch nochmals aufgeschrieben.

Sascha Lange

40 Jahre DDR – Ein Abriss

»Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt …«, so beginnt die Nationalhymne der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Land, 1949 gegründet mit dem offiziellen Anspruch, alles besser machen zu wollen, als es zuvor in Deutschland war. Dass das sich selbst als »Diktatur des Proletariats« bezeichnende Land am Samstag, den 7. Oktober 1989 seinen 40. Jahrestag feiern konnte, hatte viele Gründe. Da ist vor allem die politische und militärische Schutzmacht Sowjetunion zu nennen, aber auch die schier unüberwindliche Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten, der scheinbar allgegenwärtige Überwachungsapparat …

Aber zwei Faktoren für den langen Bestand eines Lands des Mangels und der politischen Unfreiheit werden immer wieder unterschätzt: die Geduld und die Hoffnung der Menschen, die in der DDR lebten. Geduld mit dem Staatsapparat, der sich in bevormundend-väterlicher Fürsorge für wirklich jeden Lebensbereich verantwortlich fühlte und jede Menge Versprechungen für die Zukunft machte. Geduld mit der Idee des Sozialismus als gerechterer und friedenbringender Alternative zum Kapitalismus, als Lehre aus den beiden von Deutschland begonnenen Weltkriegen. Geduld beim jahrelangen Warten auf den neuen Wartburg, die neue Wohnung. Geduld in der Schlange vorm Konsum, vorm Restaurant, vorm Eiscafé. Warten auf einen Urlaubsplatz an der Ostsee, am Balaton, warten auf eine Erlaubnis, die Tante im Westen zu besuchen. Aber warten soll sich ja bekanntlich lohnen, und darin bestand die Hoffnung vieler Menschen in der DDR. Die Hoffnung auf die Einlösung der vollmundigen Versprechen der SED. Die Hoffnung, dass der Sozialismus irgendwann wirklich eine lebenswertere und gerechtere Gesellschaftsform sein könnte.

Der wirtschaftliche Aufschwung der DDR in den 1960er Jahren, die politischen Reformen in der ČSSR im Frühjahr 1968, die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975: Noch bestand Hoffnung – trotz aller sichtbaren Widersprüche und Unfreiheiten. Denn der Sozialismus war laut marxistischer Theoriedefinition die nächste Stufe der Evolution: Urgesellschaft – Feudalismus – Kapitalismus – Sozialismus und schließlich der Kommunismus als die Krone der Schöpfung – nicht von Gott erschaffen, sondern von Menschenhand. Das Paradies mit ein wenig Geduld bereits zu Lebzeiten erreichen, was für ein Leistungsvorsprung! Doch diese Geduld war nach vierzig Jahren restlos erschöpft, die Hoffnung verloren, und die rasanten Ereignisse des Sommers und Herbstes 1989 zeigen dies eindrucksvoll.

Der Weg des Wartens war lang. Er begann unmittelbar nach Kriegsende. Deutschland wurde in Besatzungszonen aufgeteilt, und der Kalte Krieg bestimmte das politische Geschehen in Europa. Eine Folge daraus war die Teilung Deutschlands. Nachdem sich am 23. Mai 1949 die drei westlichen Besatzungszonen zur Bundesrepublik Deutschland zusammengeschlossen hatten, gründete sich am 7. Oktober in der sowjetischen Zone die Deutsche Demokratische Republik. Somit hatten beide neu herausgebildeten Machtblöcke in Europa ihren Teil von Deutschland. Und auch wenn noch viele Jahre jeweils Politiker in der DDR und der BRD öffentlichkeitswirksam vom Wunsch einer Wiedervereinigung sprachen und »Deutschland einig Vaterland« sogar noch bis 1972 in der DDR-Nationalhymne gesungen wurde, so waren die Chancen auf ein geeintes Deutschland aufgrund der neuen Nachkriegsweltordnung schnell unrealistisch.

Die DDR wollte das »bessere Deutschland«, ein »Friedensstaat« sein – so hatten es sich deren Machthaber zum Ziel gesetzt. Doch um es gleich vorwegzunehmen: Die vielfältigen idealistischen Ansprüche nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für ein gerechteres Land auf deutschem Boden mussten sich schnell den realpolitischen Gegebenheiten unterordnen. 1946 gründete sich in der Sowjetischen Besatzungszone aus KPD und SPD – nicht ganz freiwillig auf Seiten der Sozialdemokraten – die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Trotz der öffentlichkeitswirksamen Vereinigung der beiden großen Arbeiterparteien der Weimarer Republik dominierten von Anfang an die Kommunisten und waren in erster Linie an der Stabilisierung und am Ausbau ihrer eigenen Macht interessiert. »Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben«,1 sagte bereits unmittelbar nach der Befreiung 1945 das aus dem Moskauer Exil heimgekehrte KPD-Mitglied Walter Ulbricht in Bezug auf die politische Einflussnahme in der Sowjetischen Besatzungszone. Und damit war das Kind eigentlich schon in den Brunnen gefallen. Die neu gegründete CDU, die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD), die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD) sowie die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD) verkamen als »Blockparteien« schnell zu Statisten innerhalb des »Demokratischen Zentralismus« der SED-Politik.

Dass die DDR dennoch vierzig Jahre alt wurde, hatte nicht nur mit Weltpolitik, sondern eben auch mit der bereits erwähnten Geduld und Hoffnung der Menschen zu tun. Allerdings war die Geduld vieler Ostdeutscher gar nicht so grenzenlos: In den 1950er Jahren gab es noch Möglichkeiten, die DDR in Richtung Bundesrepublik zu verlassen. Bis zum Berliner Mauerbau 1961 wechselten innerhalb von zehn Jahren mehr als 2,7 Millionen Menschen von Ost nach West.2 Nach dem stufenweisen Ausbau der innerdeutschen Grenze ging das bis August 1961 nur noch über West-Berlin. Die Ungeduldigen, die Hoffnungslosen hatten also eine Möglichkeit, der Diktatur zu entfliehen und nutzten sie. Und während sich die anderen aus Überzeugung, Opportunismus, Heimatliebe, Hoffnung, Geduld und familiären Bindungen in der DDR einrichteten, demonstrierten am 17. Juni 1953 zehntausende Menschen in den ostdeutschen Städten für Demokratie. Deren Geduld war nämlich auch erschöpft. Was am Vortag in Ostberlin als Protestzug einiger tausend Bauarbeiter gegen die Normerhöhung begann, entwickelte sich schnell zum Flächenbrand, den nur sowjetische Panzer stoppen konnten – nicht die SED-Machthaber.

Selbst die nachwachsenden Generationen, die Jugend in der DDR, wollten sich lieber zwanglos für eigene kulturelle Vorlieben entscheiden, anstatt diese von »oben« verordnet zu bekommen. Darum eiferten zahllose Ost-Jugendliche lieber Elvis Presley oder James Dean nach anstatt Ernst Thälmann oder Erich Honecker. Und die erzwungene »Bruderliebe« zur Sowjetunion war nichts gegen die Liebe, die die jungen Menschen im Osten in den 1960er Jahren für die Musik der Beatles oder Rolling Stones empfanden. In den 1980er Jahren wurde es mit westlicher Musik, mit Punk, New Wave, Hip-Hop, Heavy Metal und Pop erst richtig unübersichtlich …

Die Aufbaujahre überdeckten noch viele politische Widersprüche, und auch nach dem Berliner Mauerbau 1961 schien kurzzeitig in der DDR politisches Tauwetter in Sicht. Die Hoffnung vieler Menschen war, dass sich das Land wirtschaftlich und politisch liberalisieren würde. Beispiele fanden sich in den 1960er Jahren einige. Nach den Verunsicherungen der 1950er Jahre hatte die SED nicht zuletzt durch den Mauerbau zu neuem Selbstbewusstsein gefunden und gab sich zeitweise etwas lockerer. Das zum Deutschlandtreffen der Jugend im Ostteil Berlins gegründete Jugendradio DT64 spielte im Mai 1964 internationale Beat-Musik und traf den Nerv der Teens und Twens, überall gründeten sich Beat-Bands in der DDR, die sich großer Beliebtheit erfreuten. DEFA-Regisseure produzierten kritische Filme über das Leben und Arbeiten in der DDR, die den Menschen aus der Seele sprachen. »Spur der Steine« mit Manfred Krug ist eines der bekanntesten Beispiele dafür. Doch sobald die Obrigkeit merkte, dass diese kleinen Freiheiten die Macht untergraben könnten, zog man sie schnell wieder zurück.

Zu einer Zäsur kam es im Sommer 1968 im Nachbarland Tschechoslowakei. Dort blühten seit Beginn des Jahres im Prager Frühling zarte Pflanzen eines »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«. Die tschechoslowakischen Kommunisten wagten das Experiment und begeisterten nicht nur das eigene Volk, sondern auch zahlreiche hoffnungsvolle Menschen in Ost und West. Das könnte der Ausweg aus dem diktatorischen Staatssozialismus stalinistischer Prägung sein, ein neuer Weg hin zu einer gerechteren Gesellschaftsform, von der in jenem Jahr 1968 nicht nur Studenten überall auf der Welt träumten. Aber die Eigenmächtigkeit der ČSSR wurde der sowjetischen Führung schnell unheimlich, und am 21. August rollten die Panzer über den Wenzelsplatz. Dem Prager Frühling folgte sibirischer Winter. Doch die Idee eines demokratischen Sozialismus hatte zahllose Menschen auch in der DDR begeistert und ihnen Hoffnung gegeben. Eine Alternative schien möglich, warum nicht noch einmal?

Und neue Hoffnung kam auf. Als 1971 der allseits geradezu verhasste Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht von Erich Honecker abgelöst wurde, schien die DDR wieder etwas mehr aufzublühen. Westliche Musik war von den Oberen nicht mehr ganz so verschmäht, selbst das offiziell verpönte Westfernsehen wurde jetzt mehr oder weniger toleriert. Aus Mangel an Alternativen richteten sich die Menschen ein im real existierenden Sozialismus. Der bescheiden wachsende Wohlstand war zwar immer noch nicht mit dem Lebensstandard im Westen vergleichbar, aber der Konsum stieg. Überall in den Städten der DDR verkündeten neue klobige Betonbauten unterschiedlichster Nutzung und großflächige Neubaugebiete die Zukunft in den Farben des Sozialismus. Ein Jahr nach Honeckers Machtantritt durften die DDR-Bürger immerhin schon ohne Visa nach Polen und in die ČSSR reisen.

Zeitgleich trug die bundesdeutsche Politik der Ostannäherung mit dem Grundlagenvertrag 1972 erste Früchte der internationalen politischen Entspannung, im Folgejahr wurde die DDR sogar Mitglied der UNO. Das Streben nach internationaler Anerkennung führte Ostdeutschland auch zur Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) nach Helsinki. Was die DDR 1975 unterschrieb, war geradezu sensationell. Unter anderem sollte jedes Unterzeichnerland die Menschenrechte und Grundfreiheiten einschließlich der Gedanken-, Gewissens-, Religionsfreiheit achten – alles Punkte, die in der DDR nur rudimentär vorhanden waren. Diese Schlussakte von Helsinki war wieder ein Hoffnungsschimmer, auch wenn sie in der Folgezeit von der DDR im eigenen Land praktisch nicht umgesetzt wurde.

Gleichzeitig schmiedete die DDR-Führung 1972 mit der Zwangsverstaatlichung aller noch privaten und halbprivaten Betriebe und der Abkehr von den eigenen Wirtschaftsreformen der 1960er Jahre einen ihrer größten Sargnägel, auch wenn die fatalen Auswirkungen erst Jahre später spürbar wurden. 1983 rettete ausgerechnet ein Milliardenkredit aus der Bundesrepublik die DDR vor der internationalen Zahlungsunfähigkeit. Wirtschaftspolitische Kurskorrekturen folgten jedoch nicht.

Trotz aller partiellen Verbesserungen der Lebensbedingungen in der DDR der 1970er Jahre konnte man kaum von einer Liberalisierung der Verhältnisse sprechen. Besonders deutlich wurde das 1976 mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Der Staat duldete keine Kritik, denn die Partei »hat immer recht«. Namhafte Künstler verließen Hoffnung und Geduld, sie zogen die Konsequenzen, kehrten der DDR den Rücken und versuchten ihr Glück im anderen Teil Deutschlands. Auch die schrittweisen Verbesserungen am Ende der 1980er Jahre im deutsch-deutschen Reiseverkehr, die DDR-Bürgern verstärkt gestatteten, in dringenden Familienangelegenheiten oder bei Geburtstagen Verwandte im Westen zu besuchen, konnten die zunehmende Unzufriedenheit kaum abfedern. Die Städte verfielen, die Wirtschaft sowieso. Der »Ausreiseantrag« wurde in den 1980er Jahren für viele zum Notausgang aus einem Land des zunehmenden Stillstands. Der Staat hoffte noch, so die Unzufriedenen loszuwerden, doch es stellte sich bald heraus, dass noch mehr Unzufriedene in der DDR selbst blieben.

Aber auch im Osten bewegte sich etwas: Viele Ostdeutsche schauten 1980 hoffnungsvoll nach Polen. Dort hatte sich die unabhängige Gewerkschaft Solidarność gegründet und wurde schnell zu einer Massenbewegung. Würde es auch in der DDR möglich sein, so etwas zu etablieren? Durch Ausrufung des Kriegsrechts Ende 1981 nahmen die polnischen Kommunisten das Heft des Handelns zwar wieder in die Hand und verboten Solidarność, doch ihre rabiate Reaktion zeigte gleichzeitig ihre Schwäche.

Durch die neue Spirale des Wettrüstens zwischen den USA und der Sowjetunion Anfang der 1980er Jahre gründete sich nicht nur in Westeuropa eine Friedensbewegung. Unter dem Schutz der Kirche bildeten sich in der DDR ebenfalls zahlreiche Gruppen, die mit »Schwertern zu Pflugscharen« und der Parole »Frieden schaffen ohne Waffen« für Aufregung bei den Oberen sorgten. Kirchen wurden auch kulturell zu einer Insel: für Punks, Blueser, Ausgestoßene. Sie entwickelten sich für immer mehr Jugendliche zum Freiraum – in dem sie allerdings stets argwöhnisch von der Staatsmacht beäugt wurden. Im Verlauf der 1980er folgte eine zunehmende Politisierung der kirchlichen Umweltgruppen, sie drängten mit Aktionen nach außen. Ihre Ungeduld wuchs, auch wenn ihre Reichweite noch zu gering war und sie meist nur über den Umweg der Westmedien in der DDR wahrgenommen wurden. Aber die dort aktiven jungen Menschen legten den Finger in die Wunden, zeigten Widersprüche im Land auf in einer klaren Sprache, die in der Öffentlichkeit der DDR nicht gesprochen wurde, und das zu einer Zeit, als viele etablierte Künstler und Intellektuelle in der DDR sich das maximal zwischen den Zeilen getrauten.

Und der große Bruder Sowjetunion? Mit dem Machtantritt von Michail Gorbatschow 1985 kam plötzlich Veränderung in das große Weltreich. Glasnost und Perestroika – Offenheit und Umstrukturierung – wurden zu hoffnungsvollen Zeichen der Veränderung. Einzig die DDR-Führung wandte sich vom politischen Vorbild ab und verharrte weiter in poststalinistischer Agonie.

»Leipzig in Trümmern«

Diesen Song schrieb und schrie zu Beginn der 1980er Jahre die Leipziger Punkband »Wutanfall« über den aktuellen Zustand der Stadt und traf damit ins Schwarze. Eine Stadt, umgeben von hungrigen Tagebaubaggern, sichtbar gezeichnet von der wachsenden Umweltverschmutzung und dem fortschreitenden Verfall der Altbausubstanz. Konnte man die Stadt überhaupt noch retten?

Als internationales Industrie- und Handelszentrum war Leipzig in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur fünfgrößten Stadt in Deutschland aufgestiegen: Metallindustrie, Druckereien, Buchverlage, und bekannt als internationale Messestadt. Leipzig war, im Vergleich zur sächsischen Residenzstadt Dresden, immer schon bürgerlicher – im progressiven Sinne. Wo an der Elbe der sächsische König alle repräsentativen Bauten der Stadt in Auftrag gab, war es an der Pleiße die Bürgerschaft selbst: Grassimuseum, Bildermuseum, Meyer’sche Häuser … Die Menschen gaben der Stadt etwas zurück – zum Wohle aller. Hinzu kam eine hochorganisierte linke Arbeiterschaft. Nicht umsonst bezeichnet man Leipzig auch als die Wiege der Sozialdemokratie.

Die Unangepasstheit vieler Leipziger zeigte sich in den 40 Jahren DDR immer wieder, nicht nur am 17. Juni 1953 auf den Demonstrationen in der Innenstadt. Hunderte Jugendliche protestierten 1965 auf dem Leuschnerplatz unerlaubterweise gegen das Verbot von gleich Dutzenden Leipziger Beat-Bands. Nirgendwo sonst gab es in der DDR eine vergleichbare Aktion gegen staatliche Musikzensur. 1968 kam es dann zu Kundgebungen gegen den politisch motivierten Abriss der Universitätskirche am Karl-Marx-Platz – ebenfalls beispiellos. Und kaum eine Band war in der ersten Hälfte der 1970er Jahre in der DDR populärer, politischer und feinfühliger in ihren Texten als die Leipziger »Klaus Renft Combo« – bevor sie nach zwei Schallplattenveröffentlichungen 1975 von den Machthabern verboten wurde.

Trotz aller Hochs und Tiefs: Zweimal im Jahr öffnete die Messe der Stadt und ihren Bewohnern das Tor zur Welt. Alle verdienten daran, nicht nur die Firmen aus Ost und West, sondern auch die Leipziger, die die West-Gäste beherbergten oder auf der Messe an einem der Stände arbeiteten. Wiedervereinigung für jeweils eine Woche, eingeschmuggelte Westzeitschriften zur Meinungsbildung inklusive. Im Frühjahr zur parallel stattfindenden Buchmesse wanderte zudem so manches unerreichbare Westbuch in die Tasche eines Ostbesuchers. Die Bücher gingen im Freundeskreis von Hand zu Hand. Was anderswo in der DDR undenkbar schien, war in Leipzig irgendwie möglich. Nicht dank, sondern trotz der SED. Wie wichtig Leipzig als internationaler Ost-West-Handelsplatz war, zeigt auch, dass die DDR in Kooperation mit einer japanischen Firma 1981 unweit des Hauptbahnhofs ein riesiges Luxushotel mit dem Namen »Interhotel Merkur« eröffnete. Mit Restaurants, Intershops, Bars – ein Stück Westen mitten in Leipzig.

Doch trotz partieller Neubauten – in den 1980er Jahren schritt der Verfall des historisch wertvollen Altbaubestandes schneller voran, als die langsamen Mühlen der DDR-Planwirtschaft Sanierungen in die Wege leiten konnten. Bauarbeiter waren in Scharen nach Ostberlin abkommandiert worden, um die Hauptstadt der DDR für die 750-Jahr-Feier noch schöner zu machen. Resignation machte sich breit – nicht nur in Leipzig. Viele Menschen hatten sich bislang irgendwie mit dem System arrangiert und kleine Nischen und Freiräume geschaffen – in der selbst renovierten Altbauwohnung, auf dem Wochenendgrundstück, im Freundeskreis, im Sportverein. Ende der 1980er Jahre bröckelte aber nicht nur der Putz überall von den alten Häusern. Es wuchs auch die Erkenntnis, dass man die Dinge selbst in die Hand nehmen müsse – zunächst nur bei wenigen in aller Konsequenz gedacht und in kirchennahen Basisgruppen umgesetzt. Aber auch die Abwartenden, die Zweifelnden erkannten, dass sich jetzt etwas ändern müsse und nicht erst irgendwann.

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Wunsch und Realität in Leipzig am Ende der 1980er Jahre.

Bernd-Lutz Lange

Davor

Blicke ich auf die Ereignisse des Jahres 1989 zurück, dann frage ich mich, wann ich überhaupt zum ersten Mal in der DDR öffentlichen Protest gegen die Partei- und Staatsführung erlebt habe?

Da muss ich nicht lange überlegen, ich weiß es noch genau: Das war am 31. Oktober 1965 in Leipzig, als die Polizei rigoros gegen junge Leute vorging, die nach dem Verbot von Beatbands für ihre Musik und ihre langen Haare demonstrierten. Es war die erste und größte Demonstration im Land nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953.

Über fünfzig Bands wurde im Bezirk Leipzig die Spielerlaubnis entzogen. Das betraf auch die beliebteste Truppe in jenen Tagen: The Butlers. Um sie zu hören, fuhren die Fans sonst wohin.

Etwa 2000 junge Demonstranten versammelten sich am Reformationstag 1965 auf dem Bruno-Leuschner-Platz.

Dazu gehörte damals viel Mut. Die Mauer stand seit vier Jahren. Keiner konnte weg aus diesem Land. Und die Teilnahme an solch einer Aktion hatte Konsequenzen für den weiteren Lebenslauf.

Der Protest setzte sich in der Innenstadt fort. Wir pfiffen und buhten am Markt Polizisten aus, als sie langhaarige Jugendliche unsanft auf einen LKW verfrachteten und ein Wasserwerfer in Aktion trat. Ich hätte gar nicht gedacht, dass man in Leipzig solch ein metallenes Ungetüm besaß. Diese martialischen Spritzgeräte kannten wir doch nur aus Filmsequenzen aus dem »DEFA-Augenzeugen« (das war die Kino-Wochenschau vor dem Hauptfilm), wenn vom Kampf und Protest fortschrittlicher Menschen in kapitalistischen Ländern berichtet wurde.

Und hier richtete sich der Einsatz gegen Schüler, Lehrlinge und Jungfacharbeiter der sozialistischen DDR. Die Mehrheit von ihnen war garantiert Mitglied der FDJ, also der »Kampfreserve der Partei« – wie es im offiziellen Parteijargon hieß.

Als ich in der Woche darauf einen (privaten!) Friseur aufsuchte und darum bat, dass zumindest die Hälfte der Ohren noch vom Haar bedeckt sein sollte, raunzte mich der Barbier an: »Sie sind wohl auch so ein Gammler? Ich kann auch die Polizei anrufen!«

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Die Leipziger Polizei setzte am 31. Oktober 1965 gegen protestierende Jugendliche erstmalig einen Wasserwerfer ein.

Drei Jahre später gehörte ich zu den Demonstranten auf dem Karl-Marx-Platz, die gegen die geplante Sprengung der Universitätskirche protestierten, und wurde nach dem letzten Gottesdienst in St. Pauli von einem Stasi-Mann barsch aufgefordert, die Kirche schneller zu verlassen. Als ich mich dem verweigerte, verlangte er meinen Ausweis.

Das ist also meine letzte Erinnerung an die spätgotische Hallenkirche: ich stehe mit einem Stasi-Mann auf dem Weg nach draußen in einer Nische, und er schreibt Namen und Adresse mit einem Kugelschreiber in ein Notizbuch.

Dieser Karl-Marx-Platz, auf dem wir uns 1968 an einigen Tagen im Mai abends versammelten, sollte gut zwanzig Jahre später eine besondere Rolle spielen. Aber so viel Phantasie hatte 1968 niemand, um sich das vorzustellen. Und der junge Stasi-Mann in der Universitätskirche, der vielleicht das erste Mal in solch einem Gotteshaus war, konnte gleich gar nicht ahnen, wie das im Jahr 1989 für ihn ausgehen würde …

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Die Leipziger Universitätskirche kurz vor ihrer Sprengung im Mai 1968. In den Tagen davor kam es vor der Absperrung immer wieder zu Menschenansammlungen, die von Sicherheitskräften aufgelöst wurden. Das angrenzende Universitätsgebäude wurde anschließend ebenfalls abgerissen.

Ich wiederhole an dieser Stelle, was ich schon einmal formuliert habe: Als sich der Staub der Sprengung verzogen hatte, wurde plötzlich der Turm der Nikolaikirche sichtbar. Ein Symbol für die Zukunft. Dort geht es weiter.

Und wie es weiterging!

Zwischen 1968 und 1989 liegen 21 Jahre. Das ist das Alter, in dem der Mensch volljährig wird.

Wenn jener Mitarbeiter der Staatssicherheit im Herbst 1989 in der Nikolaikirche im Einsatz war, dann hat er sich vielleicht an seinen kurzen dienstlichen Besuch in der Unikirche erinnert und ahnte in jenen Tagen womöglich, dass es dieses Mal für seinesgleichen nicht gut enden würde.

Ich komme noch einmal auf jenen Platz zurück, der heute wieder Augustusplatz heißt und bis Anfang der 90er nach dem deutschen Philosophen und Gesellschaftstheoretiker benannt war. Also nach jenem Mann, der einmal gesagt haben soll, dass er eins sicher weiß … dass er nicht Marxist ist.

Nicht umsonst spielte auch der Zweifel in seinem Leben immer eine Rolle.

Was wir in der DDR in all den Jahrzehnten erlebten, war nichts anderes, als es Karl Marx, allerdings auf eine andere gesellschaftliche Konstellation bezogen, formuliert hatte: »Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen.«

Die herrschende Klasse der Funktionäre unterdrückte nicht nur eine Klasse im Land, sondern gleich das ganze Volk.

In den achtziger Jahren geriet in der DDR einiges in Bewegung.

Unter dem Dach der Kirchen, in denen es sonst nur um den Geist des Evangeliums ging, sammelten sich immer mehr kritische Geister und gründeten Arbeitskreise für Gerechtigkeit, Menschenrechte, Umweltschutz und Frieden. Gerade beim letztgenannten Thema wurde nach der Einführung des »Wehrkundeunterrichts« in den Schulen am 1. September 1978 (ausgerechnet am Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges!) vermehrt Kritik im Land laut. Vor allem durch die Kirchen. Besonders die Evangelische Kirche trat für eine »Erziehung zum Frieden« ein und wehrte sich gegen jegliche vormilitärische Ausbildung.

Ich bin in den fünfziger Jahren mit Picassos »Friedenstaube« groß geworden, und nun wurde der korrekte Wurf einer Handgranate geübt, die Handhabung einer Gasmaske erklärt und mit Luftgewehren auf Silhouetten von Menschen geschossen. Sogar die legendäre Kalaschnikow kam in Wehrlagern mit scharfer Munition zum Einsatz.