Über Michelle Marly

Hinter Michelle Marly verbirgt sich die deutsche Bestsellerautorin Micaela Jary, die in der Welt des Kinos und der Musik aufwuchs. Durch ihren Vater, den Komponisten Michael Jary, entdeckte sie schon früh ihre Leidenschaft für französische Chansons. Lange Jahre lebte sie in Paris, heute wohnt sie mit Mann und Hund in Berlin und München.

Informationen zum Buch

Die Callas – la Divina, die Göttliche, die ewige Stimme der Liebe.

Venedig, 1957: Maria Callas ist die größte Sängerin ihrer Zeit, doch die künstlerische Perfektion, die sie auf der Bühne verkörpert, beginnt ihren Tribut zu fordern. Ihre Stimme droht zu versagen, und Maria sehnt sich nach einer Auszeit – die ihr jedoch weder von der Welt der Oper noch von ihrem Mann und Manager Meneghini zugestanden wird. Dann begegnet sie dem Reeder Aristoteles Onassis, und gegen alle Widerstände verlieben sich die beiden – bis Onassis die Bekanntschaft von Jackie Kennedy macht ...

Ein zauberhaft schöner Roman über die Callas als Inbegriff von Glamour und Charisma, als Künstlerin jenseits aller Maßstäbe, vor allem aber – als leidenschaftlich liebende Frau.

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Michelle Marly

Die Diva

Maria Callas – die größte Sängerin ihrer Zeit und das Drama ihrer Liebe

Roman

Inhaltsübersicht

Über Michelle Marly

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

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Kapitel 12

Kapitel 13

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Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Fußnote

Danksagung

Impressum

»Ich lebte für die Kunst,

ich lebte für die Liebe.«

AUS »TOSCA« VON GIACOMO PUCCINI

Kapitel 1

Venedig

3. September 1957

Ich bin so froh, dass du dem nasskalten Edinburgh den Rücken gekehrt hast, um bei meinem kleinen Fest zu sein«, sagte Elsa und zog ihre Freundin Maria Callas zur Begrüßung an ihre üppige Brust. Die mit Perlen besetzte, goldschimmernde Dogenmütze, wahrscheinlich ein Original aus dem 16. Jahrhundert oder noch früherer Zeit, verrutschte leicht auf Elsas Kopf. »Du bist heute Abend meine Hauptperson.«

»Das kleine Fest« war der Herbstball Elsa Maxwells, ausgerichtet im noblen Hotel Danieli, Höhepunkt der Filmfestspiele von Venedig und frequentiert von allem, was Rang und Namen hatte. Maria brauchte sich nicht umzusehen, um zu wissen, dass sie in dem Renaissancesaal umgeben war von Prominenz aus Hollywood, Geldadel sowie Prinzessinnen und Prinzen tatsächlich blauen Geblüts. Doch sie war zweifellos die Berühmteste von allen: die Diva assoluta. Eine Sopranistin, deren Name selbst all jenen Menschen bekannt war, die sich nicht für die Oper interessierten. Die bekannteste Frau der Welt, vierunddreißig Jahre alt, attraktiv, wohlhabend, wahrscheinlich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, obwohl der Himmel natürlich trotzdem noch weit war.

Ihre bereits vierundsiebzig Jahre alte, vollschlanke Freundin war die Gesellschaftsreporterin der internationalen Bühne, als Kolumnistin entschied Elsa Maxwell über Aufstieg und Fall angehender Größen des Showbusiness und der High Society, sie war ebenso in Europa zu Hause wie in den Vereinigten Staaten, organisierte Veranstaltungen von Pferderennen über Segeltörns bis zu Partys, schmiedete romantische und geschäftliche Allianzen und war definitiv niemand, deren Einladung man ausschlug, wenn einem die eigene Karriere am Herzen lag. Und dennoch war die Callas an diesem Abend nicht nur hier, um mit ihrer Anwesenheit zu glänzen – Maria war tatsächlich zutiefst dankbar, einen Grund gehabt zu haben, dem schottischen Nieselregen zu entfliehen.

Es war ein anstrengender Sommer gewesen. Die Strapazen ihrer Auftritte und zudem eine Reihe gesellschaftlicher Verpflichtungen hatten Maria schon vor einigen Wochen an den Rand eines Zusammenbruchs gebracht. Obwohl ihr Arzt dringend davon abriet, reiste sie dennoch mit dem Ensemble der Mailänder Scala zum prestigeträchtigen Edinburgh Festival. In Schottland feierte sie Triumphe – und fühlte sich täglich schlechter. Vier Abende hielt sie durch, ihre Stimme machte ihr zu ihrer größten Erleichterung keine Probleme. Als jedoch überraschend eine fünfte Vorstellung angesetzt wurde, sagte sie ab. Nicht nur, dass sie mit einem Mal von Schüttelfrost, heftigen Kopfschmerzen und Kreislaufschwäche heimgesucht wurde – da war der Herbstball von Elsa Maxwell, der mit dem neuen Termin kollidierte. Maria war sich sicher, dass sie den Kraftakt eines weiteren Auftritts nicht durchstehen würde, und flog nach Mailand, um sich in der Wärme ihres Refugiums am Lago di Garda zunächst einmal zu erholen.

Gestärkt von ein paar ruhigen Tagen und umringt von Elsas Gästen, schwebte sie nun die mit einem roten Teppich belegte, jahrhundertealte Steintreppe hinauf zu den Räumen, in denen ein exquisites Dinner gereicht werden sollte. Sie war schon so viele Bühnentreppen hinauf- und hinuntergeschritten, dass sie kaum auf ihre Füße achten musste und sich mit atemberaubender Eleganz bewegte – und eigentlich sah sie ohne Brille ohnehin nicht genau, wohin sie trat, deshalb brauchte sie auch gar nicht erst hinzuschauen. Die relativ schlichte, aber sehr vorteilhafte Garderobe, die sie für diesen Abend gewählt hatte, ließ sie sich so in Einklang mit sich selbst fühlen wie sonst nur während einer Opernarie: ein hautenges weißes Oberteil und einen weit schwingenden Rock aus weißem Satin mit schwarzen Punkten, dazu eine breite weiße Schärpe und lange schwarze Handschuhe. Auf eine spektakuläre Kopfbedeckung hatte sie verzichtet, ihre einzige Verbeugung vor dem Motto des Abends waren im Licht der Hunderten von Kerzen funkelnde Smaragde und Diamanten, die sie in ihr aufgestecktes Haar hatte flechten lassen. Sie fühlte sich wunderbar, vor allem, weil ihr Spiegelbild verriet, dass sie an diesem Abend ihrem Idol optisch sehr nahekam. Denn Maria schwärmte für die Filmschauspielerin Audrey Hepburn. Sie wusste zwar, dass sie niemals deren rehgleiche Zartheit erreichen würde, aber mit eiserner Disziplin hatte sie es vor vier Jahren geschafft, innerhalb von zwölf Monaten fast vierzig Kilogramm abzunehmen, seitdem bewahrte sie eine sehr schlanke Figur. Zuvor hatte sie bei einer Körpergröße von einem Meter dreiundsiebzig stattliche einhundertzwanzig Kilo auf die Waage gebracht. Inzwischen unterstützte ein Schweizer Arzt ihre Diäten mit Hormontabletten, Schilddrüsenmedikamenten und Entwässerungspillen, was noch hilfreicher war, als nur mit den Augen zu essen. Um den Erfolg ihrer Mühe stets im Blick zu behalten, hatte sie Portraits von sich anfertigen lassen, auf denen sie wie eine Schwester Audrey Hepburns wirkte. Als sie die Fotos betrachtete, hatte sie ein bis dahin unbekanntes Glücksgefühl ergriffen: Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich Maria wohl in ihrer Haut. Dass die Hungerkur nichts an der Stämmigkeit ihrer Beine änderte, war der einzige Wermutstropfen, ließ sich jedoch gut mit langen bauschigen Röcken kaschieren wie dem, den sie heute Abend trug.

Sie neigte hoheitsvoll den Kopf, grüßte, lächelte. Die Gäste scharten sich um sie, buhlten um ihre Aufmerksamkeit. Die Diva hielt Einzug.

Der Mann an ihrer Seite nahm von dem Tablett eines Kellners eine Champagnerflöte und reichte sie ihr. »Du möchtest dich sicher an einem Glas festhalten«, meinte Giovanni Battista Meneghini wohlwollend.

Er wusste besser als jeder andere, wie Maria ihre tief in ihrem Innersten verankerte Schüchternheit überspielte, denn sie trank so gut wie nie. Seit zehn Jahren war Meneghini ihr Manager, seit acht Jahren ihr Gatte. Er war dreißig Jahre älter und deutlich kleiner als sie, kahlköpfig, rundlich und sehr vermögend. Sein Geld hatte der Bauunternehmer, der ein großer Liebhaber der Oper war, mit Ziegeleien gemacht, seine Berufung indes hatte er in seiner Ehe mit der Callas gefunden. Doch Maria fürchtete manchmal, dass die Frau in ihr in dieser Beziehung auf der Strecke blieb. In letzter Zeit hatte sie immer häufiger das Gefühl, von seiner Fürsorge erstickt zu werden. Zwar kümmerte er sich um alles, was nötig war, damit sie ihre Auftritte in der für sie üblichen Perfektion absolvieren konnte, aber wenn sie sich auf ihre Rollen vorbereitete und sich mit den glückseligen Gefühlsstürmen und dunklen Passionen ihrer Protagonistinnen auseinandersetzte, fragte Maria sich bisweilen, wie es denn eigentlich um die Leidenschaft in ihrem eigenen Leben bestellt war.

»Siehst du den Herrn dort hinten?« Elsa war neben ihr aufgetaucht, sie schien die Honneurs beendet zu haben, und Maria fühlte die Nerzstola, die Elsa über ihrem Abendkleid aus bestickter Spitze trug, seidig weich an ihrem Arm. »Das ist Aristoteles Onassis, der reichste Mann der Welt. Seine Freunde nennen ihn Ari.«

Einer Frau wie Maria, die gern in Klatschzeitungen blätterte und sich überdies unter den oberen Zehntausend bewegte, war Elsas Gast kein Unbekannter. Maria hatte Fotografien von ihm gesehen, begegnet war sie ihm allerdings noch nie. Als sie ihn nun von der Ferne betrachtete, von Männern und Frauen umringt, die offenbar seine Bekanntschaft suchten, stellte sie fest, dass ihm die Bilder nicht gerecht wurden. Er war zwar kleiner, doch deutlich attraktiver, als sie sich diesen so einmalig erfolgreichen Geschäftsmann aus Kleinasien vorgestellt hatte. Und Onassis trug den Smoking mit der Eleganz eines Cary Grant – dieser Mann hatte etwas an sich, das ihn erstrahlen ließ wie einen Fixstern zwischen Sternenstaub.

»Zumindest sieht er nicht aus, als käme er aus Anatolien«, entfuhr es Maria.

»Warum sollte er so aussehen?«, fragte Elsa überrascht. »Er stammt doch aus Griechenland. Wie du.«

Maria schüttelte den Kopf. »Ich habe gelesen, dass er in der Türkei geboren wurde. Es gab dort zwar einmal eine große griechische Kolonie, aber die Leute von dort sind nicht wie die vom Peloponnes oder vom griechischen Festland. Wir nennen sie Tourkosporos, was ganz sicher kein Kompliment ist. Weißt du, wegen der jahrhundertelangen Besetzung Griechenlands durch die Osmanen sind wir den Türken gegenüber nicht besonders aufgeschlossen.«

»Oje!« Elsa blickte Maria mit großen, treuen Augen an. »Meinst du, ich habe einen Fehler gemacht, als ich ihn als deinen Tischherrn auswählte? Ich dachte, die berühmteste Griechin und der berühmteste Grieche der Welt würden gut zusammenpassen … Oh, da ist die Marquise de Cadaval! Schau dir ihren wunderbaren Kopfschmuck an.« Tatsächlich trug die genannte Dame die Nachbildung eines venezianischen Campanile auf ihrem Haupt spazieren.

Maria ließ sich gern ablenken. Natürlich brachte niemand die Tischordnung von Elsa Maxwell durcheinander – nicht einmal eine Primadonna. Dann würde sie eben neben dem schwerreichen Reeder sitzen, das Dinner hätte schließlich irgendwann ein Ende, und dann gälte die festgelegte Sitzordnung ohnehin nicht mehr. Maria bedauerte eher, dass sie auf Battista an ihrer Seite verzichten musste – oder besser, er auf sie. Ihr Mann sprach außer Italienisch keine anderen Sprachen und tat sich deshalb schwer im Kreis ihrer internationalen Freunde. Auch der mit Elsa auf Englisch geführten Unterhaltung hatte er nicht folgen können.

Er lächelte sie fragend an.

»Elsa hat mir nur gesagt, wo ich zum Essen Platz nehme«, erklärte Maria auf Italienisch. Sie hob ihr Glas. »Auf einen schönen Abend.«

Meneghini stieß mit ihr an, und sie gönnte sich einen winzigen Schluck des köstlich prickelnden Champagners. Heimlich flogen ihre Augen dabei zu dem Mann, den Elsa ihr eben gezeigt hatte.

***

Der Stuhl neben Marias knarzte, als sich Aristoteles Onassis schwungvoll darauf niederließ. »Es tut mir leid, aber die Kunst ist nicht mein Metier«, gestand er, nachdem er sich vorgestellt hatte. Er redete schnell und im Gegensatz zu den anderen Gästen Elsas, die sich überwiegend auf Englisch oder Französisch unterhielten, in aktzentfreiem Griechisch. »Meine Geschäfte lassen mir wenig Zeit, und die verbringe ich meistens auf dem Wasser, bei angenehmen Gesprächen, einem guten Essen und mit einer vorzüglichen Zigarre. Zumindest diese Vorliebe spricht gegen den Besuch einer Oper, denn in Ihren heiligen Hallen darf ich nicht rauchen.« Er strahlte sie an, als habe er der Sopranistin gerade ein großes Kompliment gemacht.

»Wie ich höre, sind Sie gar kein richtiger Tourkosporos«, gab sie in seiner Sprache zurück. Als ihre Muttersprache verstand sie das Englische, Griechisch hatte sie erst gelernt, als sie als junges Mädchen nach Athen ziehen musste, beherrschte es jedoch so perfekt, dass sie Onassis problemlos Kontra geben konnte – und gegebenenfalls auch in der Lage war, wie ein Fischhändler in Piräus zu fluchen. Das Schimpfwort für Griechen aus Kleinasien, die nach den Massakern durch die Türken zu Beginn der zwanziger Jahre in Scharen nach Griechenland geflohen waren, passte eher in die weniger vornehme Kategorie. Sie hatte Elsa vorhin verschwiegen, dass die abfällige Bezeichnung so viel wie »Abkömmling vom Sperma eines Türken« bedeutete, was wohl durchaus als Beleidigung verstanden werden konnte. Oder als Antwort auf seine Bemerkung über die Oper, die er aus so profanen Gründen mied. Was für ein Ignorant.

Offensichtlich kannte Onassis den Begriff. Er starrte sie an, aber sie konnte seinen Blick nicht genau deuten. Das Licht der Kristalllüster über ihnen brach sich in seinen funkelnden Augen. »Ich wurde in Smyrna geboren, ja, aber viele berühmte Griechen stammen aus Kleinasien: Achilles, Homer, Herodot …«

Natürlich kannte sie die Namen, die er für sie aufzählte, wenngleich ihre Schulbildung eher bescheiden war. Sie hatte seit ihrem dreizehnten Lebensjahr keine weiterführende Schule mehr besucht, in Athen war ihre Gesangsausbildung stets vorrangig gewesen. Sie hatte vor allem die wichtigsten Frauenrollen für ihre Stimmlage studiert, während ihr Geschichtsunterricht sich auf die Historie der Opern und Grundbegriffe ihrer griechischen Heimatkunde beschränkt hatte. Insofern hatte sich ihr Allgemeinwissen seit ihrer Jugend nur weiterentwickelt, wenn sie etwas nachlas, was ihr beachtenswert und notwendig schien. Allerdings beeindruckte Maria nicht Onassis’ Kenntnis der Antike, sondern die Leidenschaft, mit der er seine Heimat verteidigte.

»Ich wollte Sie nicht beleidigen«, unterbrach sie ihn nun. »Ich bin nur überrascht, wie authentisch Sie sind. Ein echter Grieche.«

»Aber natürlich bin ich das!«, rief er lachend aus. Er war dabei so laut, dass die anderen Gäste in ihrer Nähe kurz die Köpfe drehten.

Maria fing den fragenden Blick ihres Ehemannes auf, der gegenüber von ihr neben Tina Onassis, Aris Ehefrau, saß. Offensichtlich bemühte Meneghini sich, Bruchstücke ihrer Unterhaltung mit Onassis aufzuschnappen, doch natürlich verstand er kein Wort. Die Geräuschkulisse um sie herum, das Klappern von Besteck und Gläserklirren und das Gemurmel der Gäste waren so laut, dass er den Worten selbst dann nur mit Mühe hätte folgen können, wenn sie auf Italienisch gefallen wären. Der Arme. Vermutlich langweilte er sich bereits. Auch seine Tischdame hatte anscheinend den Versuch der Konversation aufgegeben, denn die junge, zwar puppenhaft schöne, aber etwas zu freizügige Tina neigte den Blondschopf, auf dem eine Haube mit den zweieinhalb Meter langen Federn eines Silberreihers thronte, zu dem Herrn zu ihrer Rechten.

»Können Sie sich etwa vorstellen«, fuhr der griechische Millionär neben Maria gut gelaunt fort, »dass ich mich so nobel aufführen würde wie ein Brite?«

Sie schenkte ihm wieder ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Und er belohnte sie mit einer kleinen Einlage. Affektiert legte er den Kopf schief, streckte die Brust raus und spitzte die Lippen. In einem leicht näselnden Tonfall fügte er in perfektem Upper-Class-Englisch hinzu: »Es ist mir eine große Freude, mit Ihnen über die letzten Aufführungen in Covent Garden zu sprechen, Madam. Allerdings habe ich leider gar keine Ahnung von dem, worüber wir reden, weil ich nur so tue, als würde ich mich für etwas anderes als den Pferdesport interessieren.«

Sie brach in schallendes Gelächter aus. Er war wirklich komisch. »Bleiben Sie lieber Grieche«, bat sie ihn wiederum in seiner Sprache.

»Auch wenn ich kein Kenner der schönen Künste bin?«

»Wenn ich mich mit denen unterhalten wollte, hätte ich beim Edinburgh Festival bleiben und mich mit dem Direktor der Scala auseinandersetzen können. Stattdessen sitze ich hier neben Ihnen.«

»Oh, ich las davon. Ich war kurz in London und wie geblendet von den Schlagzeilen über ›die Callas‹, von der man sich ungerecht behandelt fühlt. Ihre Absage wurde von der britischen Presse zu einem Skandal hochgeschrieben.« Amüsiert lächelnd schüttelte er den Kopf. »Als mir die Schmach der Briten bekannt wurde, wusste ich natürlich noch nicht, dass wir uns heute Abend begegnen würden.« Er legte eine kleine Pause ein, dann: »Ich bin dankbar, dass Sie sich für Venedig entschieden haben.«

Sie war es auch. Vor allem war sie dankbar für diesen unterhaltsamen Tischherrn. Während sie ihn mit Anekdoten aus der Welt der Oper zum Lachen brachte, stimmte er sie mit seiner Geschichte nachdenklich. Onassis erzählte von seiner Geburtsstadt Smyrna, die im Griechisch-Türkischen Krieg Anfang der zwanziger Jahre fast vollständig zerstört worden war. In seinen Schilderungen wurde die einzigartige, untergegangene Metropole lebendig, in der zur Hälfte Christen und Moslems mit den unterschiedlichsten Wurzeln Seite an Seite gelebt hatten. Als Sohn eines griechischstämmigen Unternehmers hatte er eine privilegierte Kindheit gehabt und die Evangelische Schule besucht – bis seine Welt buchstäblich verbrannte. Gerade einmal sechzehn Jahre alt, musste er seine Heimat verlassen. Mit nur sechzig Dollar in der Tasche bestieg er später ein Schiff nach Buenos Aires, um in Argentinien sein Glück zu versuchen. Den Grundstein seines Vermögens verdiente er dann mit dem Handel sogenannten türkischen Tabaks.

»Nun verstehen Sie«, sagte er schmunzelnd und spielte mit der Zigarre in seinen Fingern, die er sich nach dem Hauptgang angezündet hatte, »warum ich am Tabak hänge – er verhalf mir zum Aufstieg aus dem Nichts.«

»Ich habe gehört, die besten Zigarren kommen aus Kuba«, gab sie zurück.

Er grinste. »Sie haben recht. Eine gute Havanna wie diese Montecristo hier ist nicht zu überbieten.« Er zog genüsslich daran, bevor er weitererzählte. »Und dann ist da noch der feine Unterschied, dass es Zigaretten waren, die mir weiterhalfen. Oder sagen wir so: Ich habe zur Geschmacksbildung der Argentinier beigetragen. Die Südamerikaner kannten bis dahin nur amerikanischen und kubanischen Tabak, Sorten, die nicht so mild sind wie die aus Thrakien und Mazedonien. Ich importierte also Tabak und exportierte im Gegenzug Rinderhäute nach Europa. Irgendwann entschied ich mich, ein eigenes Schiff zu kaufen. Daraus sind inzwischen neunhundert Schiffe geworden.«

»Erstaunlich«, erwiderte Maria. Sie blickte ihn an und merkte, dass sie eine Mischung aus Sympathie und Respekt für diesen Mann empfand. Es war nicht die Lebensleistung, die er vollbracht hatte, sondern die Ähnlichkeit der Wege, die sie beide gegangen waren, die sie faszinierend und durchaus anziehend fand.

Sie dachte an die vielen privaten Konzerte, zu denen ihre Mutter sie als Kind gezwungen hatte und die schließlich zu einem ersten Auftritt vor Publikum an Bord jenes Schiffes führten, das sie an der Seite ihrer Mutter und Schwester fort aus New York, fort von ihrem Vater nach Griechenland brachte. Danach wurde die Musik zu ihrem alles dominierenden Lebensinhalt. Freunde hatte sie kaum, weil ihre Mutter dies auf beiden Seiten des Atlantiks nicht zuließ, und auch keine anderen Hobbys. Genau genommen hatte sie außer dem Singen – nichts. Zumal sie schon früh begriff, dass andere Menschen ihre damals nicht besonders schöne Gestalt nur nicht übersahen, wenn sie sang. Im selben Alter, in dem Aristoteles Onassis in Buenos Aires den Grundstein für sein Imperium legte, stand sie zum ersten Mal auf der Bühne der Athener Oper, fünf Jahre später brillierte sie erstmals als Tosca. Das war der Beginn ihrer Karriere.

»Wir haben beide bei null angefangen und die Spitze erreicht«, sinnierte sie, »und das allein dank unserer Willenskraft und unserer Fähigkeiten. Wahrscheinlich liegt diese Begabung in unseren griechischen Wurzeln – wir sind ziemlich starrköpfige Menschen.«

»Als Griechin lieben Sie sicher das Meer, wie könnte es anders sein.« Sein Ton wurde noch eine Nuance lebendiger als bei seinen Berichten aus Smyrna. »Ich bin ein großer Verehrer von Odysseus, und Segeln ist meine Leidenschaft. Was halten Sie von einer Kreuzfahrt auf meiner Yacht? Ich würde Sie und Ihren Mann gern einladen.«

»Irgendwann … vielleicht …«, murmelte sie vage. Die Vorstellung, auf seinem Schiff über das Mittelmeer zu gleiten, war wunderbar. Aber es war ein ferner Traum. Ihre Termine ließen kaum einen längeren Urlaub zu, außerdem vertrug Meneghini Seegang nicht besonders gut.

Für einen Moment wirkte Onassis irritiert. Maria bemerkte es an einem Aufflackern in seinen Augen. Offenbar war er es nicht gewohnt, dass man ihn zurückwies.

Eine schwere Stille senkte sich zwischen sie, während das Geplauder um sie her ununterbrochen anhielt. Onassis’ Hand führte die Zigarre zum Mund, er zog daran, drehte den Kopf, um den Rauch nicht in ihre Richtung zu blasen. Im Hintergrund wechselte das Orchester: Die Zeit der Tischmusik war vorüber, die Streicher räumten ihre Plätze für eine Tanzkapelle.

Nach einer Weile blickte er wieder zu ihr hin. »Bitte nehmen Sie wenigstens mein Motorboot als Fahrzeug hier in Venedig an«, schlug er mit dieser ruhigen, gut gelaunten Gelassenheit vor, die sie in den vergangenen Stunden an ihm kennengelernt hatte. Seine erneute Lockerheit zeugte von seiner Gewissheit, dass ihm am Ende doch niemand etwas abschlagen könnte. »Ich möchte Ihnen die Riva für die Dauer Ihres Aufenthalts zur Verfügung stellen.«

Natürlich besaß er den Rolls-Royce unter den Motorbooten. Unwillkürlich musste sie schmunzeln. Er ist interessant und ein angenehmer Gesellschafter, dachte sie. Warum also sollte sie sein Angebot während ihres einwöchigen Aufenthalts in Venedig nicht annehmen und auf diese Weise vermutlich auch Zeit mit ihm und seiner Frau verbringen? Sie nickte zustimmend. »Gern.«

»Und wenn es in den kommenden Monaten nicht sein soll, gehen wir eben nächstes Jahr alle auf Kreuzfahrt durch die griechische Inselwelt«, entschied er strahlend. »Unsere Freundin Elsa kann uns begleiten, wenn sie möchte.«

Man reicht ihm den kleinen Finger, und er nimmt die ganze Hand, fuhr es ihr durch den Sinn. Doch sie war ihm nicht böse, seine Beharrlichkeit amüsierte sie. Um ihn nicht zu enttäuschen, nickte sie noch einmal – genau wissend, dass es zu keiner gemeinsamen Reise kommen würde.

***

Maria verbrachte fast den ganzen Abend an der Seite von Aristoteles Onassis. Später stellte er sie seiner schönen, jungen Frau vor. »Tina versteht so gut wie kein Griechisch«, vertraute er ihr vorher an. »Ihr Vater, der Reeder Livanos, zog es vor, sie zu einer amerikanischen Prinzessin zu erziehen. Sie sagt immer, sie habe in England sprechen gelernt, in New York zu denken und in Paris, wie sie sich anzieht. Griechenland hat für sie keine große Bedeutung. So ist sie.« Er lächelte mit einem gewissen Besitzerstolz, aber dann verfinsterte sich sein Blick, als störe er sich an irgendetwas.

Die Party war ein voller Erfolg, die ganze Nacht hindurch wurde gefeiert. Aufmerksame Kellner erneuerten die heruntergebrannten Kerzen in den Kandelabern auf den Tischen, öffneten ohne Unterlass Champagnerflaschen und füllten immer wieder Gläser auf. Zu später Stunde hatten sich die Reihen etwas gelichtet, doch als sich Elsa Maxwell an das Klavier setzte und die Finger in einem schnellen Swingrhythmus über die Tasten fliegen ließ, scharten sich die Gäste vor der Gastgeberin und den Musikern in ihren schneeweißen Anzügen. Auch Maria und ihr Mann sowie Onassis und seine Gattin standen auf der Tanzfläche und lauschten dem prominenten Solo. Elsa spielte schnelle und melancholische Songs aus den dreißiger Jahren und der Kriegszeit, deren Entstehung sie damals als Reporterin in Hollywood zweifellos miterlebt hatte. Irgendwann gab sie den Musikern ein Zeichen, die zu ihren Instrumenten griffen und die Pianistin unterstützten. Dann winkte sie Maria zu sich.

Ein Trompetensolo, ein paar Akkorde auf dem Flügel, und die Melodie des Songs »Stormy Weather« erfüllte den Saal. Elsa spielte etwas leiser, nickte Maria zu – und im nächsten Moment erklang der berühmteste Sopran der Welt und sang von einer enttäuschten Liebe. Maria trug das Lied mit der für sie typischen spielerischen Dramatik, aber eine Oktave tiefer als eine Arie vor. Um sie herum war es plötzlich so still, dass jedes noch so leise Gläserklirren wie das Angelusläuten von San Marco klang.

Maria sank auf den Rand des Podiums, auf dem die Band platziert war, und gab sich ganz ihrer Begeisterung für den Jazz hin. Es machte ihr nichts aus, so spontan aufzutreten, ihr Publikum war überschaubar, und es waren keine Musikkritiker darunter, die nur darauf warteten, dass sie die hohen Töne nicht halten konnte. Sie brauchte das Versagen ihrer Stimme nicht zu fürchten, da sie sich an die tiefe Stimmlage der Interpretin Lena Horne hielt.

Es war ein wundervolles Gefühl, einfach nur aus Freude an der Musik zu singen. Ihre Augen streiften ihr exklusives Publikum, das nicht weniger begeistert war als die Opernfans in den großen Häusern. Ihr Blick blieb an Onassis hängen, der einen Arm um seine Frau gelegt hatte und wie gebannt von Marias Gesang zu sein schien.

Während sie die Textzeile »There’s no sun up in the sky« intonierte, überzogen hinter den hohen Fenstern pastellfarbene Schlieren den Himmel über Venedig, und apricotfarbene und violette Strahlen kündigten den Sonnenaufgang an.

Kapitel 2

Elf Jahre später

Über den Wolken, Anfang August 1968

Noch vor dem Start zog Maria den lichtundurchlässigen Sichtschutz vor das Flugzeugfenster. Ein südlicher, romantischer Sonnenuntergang war das Letzte, was sie in diesem Moment beobachten wollte. Die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille in ihrer Sehstärke verborgen, starrte sie auf die Leuchtanzeige in der Ersten Klasse der Air-France-Maschine und wartete auf das Anschnallzeichen.

Natürlich hatte sie keinen Flug mit der Olympic Airways, Aristoteles Onassis’ eigener Fluglinie, gebucht. Als sie seine Yacht wutschnaubend verließ, wollte sie nur schnell fort von ihm. Da sie befürchtete, er würde den Start möglicherweise verhindern, wenn sie einen Platz in einer seiner Boeings reservierte, hatte sie sich für die Reise mit der französischen Airline entschieden. Erst als sie die Gangway emporstieg, wurde ihr bewusst, dass sie sich umsonst gesorgt hatte. Wenn Onassis gewollt hätte, dass sie zu ihm zurückkehrte, hätte er sie ohne Probleme am Flughafen von Athen aufhalten lassen können. Aristo, wie sie ihn nannte, verfügte über viele Instrumente, um seine Überlegenheit zu demonstrieren. Das Hoheitszeichen einer Verkehrsmaschine war kein Grund für ihn, seinen Willen nicht durchzusetzen. Wenn er es nur wollte. Was offensichtlich nicht der Fall war.

Diese Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag und ließ sie kurz ins Taumeln geraten. War es ein Fehler, Aristo im Zorn zu verlassen, statt sich seinem Willen zu beugen und auszuharren, bis die neue Affäre Vergangenheit war? Möglich, aber letztlich ging es ihr nicht allein darum, dass eine andere Frau im Spiel war. Es ging um sie selbst, um Aristos und ihre große Liebe. War ihre Zuneigung stark genug, um alles zu verkraften, was er in einem ihn verblendenden Napoleonkomplex tat? Marias Freund Lawrence Kelly, ein Zeuge ihres unrühmlichen Abschieds, hatte sicher recht, als er ihr versicherte, dass es hier auch um die Callas ging – um die Würde der Diva, die gewahrt bleiben müsse.

Vielleicht stimmte, was der französische Kaiser behauptet hatte, dass im Krieg und in der Liebe alles erlaubt sei. Denn im Krieg wurde vor allem um Ehre und Macht gekämpft, und wenn es in der Liebe ebenso war, wollte Maria dieses Schlachtfeld Aristo nicht überlassen, wollte nicht kapitulieren. Dennoch musste sie sich fragen, was sie mit ihrem Verhalten erreicht hatte, außer dass es ihr hundsmiserabel ging. Ein Pyrrhussieg, bei dem sie nicht einmal wusste, in welcher Hinsicht sie überhaupt triumphiert haben sollte. Immerhin hatte Aristo sie ohne Abschied von Bord gehen lassen. Woher sollte sie nun wissen, ob ihr Abgang ihn verletzt hatte? Zugegeben, sie würde sich weniger elend fühlen, wenn sie wüsste, dass es ihm nur annähernd so schlecht ging wie ihr. Doch sie sollte vernünftig sein und nicht darauf hoffen.

Die Schubkraft beim Start drückte sie in den weichen Ledersitz. Der Platz neben ihr war leer geblieben. Ein Glück, dass kein Fremder dort saß. Es wäre ihr allzu unangenehm gewesen, in ihrer Verfassung beobachtet oder gar in ein Gespräch verwickelt zu werden. Anders wäre es, wenn Larry bei ihr geblieben wäre. Doch der Freund hatte wider Erwarten eine andere Maschine nehmen müssen.

Am Flughafen in Athen hatte Larry ihr gestanden, dass sich ihre Wege dort trennen würden: Er müsse nach Rom zu einem lange vereinbarten Termin.

»Ich komme nach«, versicherte er ihr zerknirscht. »Nächste Woche bin ich bei dir in Paris.« Er klang wie Aristo.

»Ich komme nach«, hatte auch der gesagt. »Im September bin ich bei dir in Paris.«

Obwohl die Zeitspanne länger war, hatte sie an Aristos Worten ebenso wenig gezweifelt wie an Larrys Versprechen. Doch ohne jeden Zweifel stellte sie Aristos Treue in Frage, Larrys Loyalität hingegen nicht. War das ein Fehler? Hatte sie sich womöglich vorschnell überreden lassen, gegen den Mann aufzubegehren, den sie liebte? Dass sich Aristo mit Jacqueline Kennedy treffen wollte, war schließlich nur eine Vermutung von ihr. Mit etwas Abstand betrachtet, musste sie zugeben, dass sie es nicht mit Sicherheit wusste. Hatte sie überreagiert, während sich Aristo vielleicht nur mit ein paar Kumpels austoben wollte? Aber wenn ihm nach männlicher Gesellschaft war, setzte er sich für gewöhnlich in irgendwelche Kaschemmen in den Häfen am Rande seiner Mittelmeerkreuzfahrten, trank mit den Fischern Ouzo, redete mit ihnen, wie es Kerle untereinander tun, und spielte mit ihnen Tavli, das traditionelle griechische Brettspiel. Häufig saß Maria dabei an Aristos Seite – und genoss die Begegnungen. Die Herzlichkeit dieser Menschen, ihre Unabhängigkeit von der Welt des materiellen Wohlstands und ihre pure Lebensfreude zogen sie zunehmend an, sie genoss dieses unbeschwerte Beisammensein umso mehr, je häufiger sie sich in den Reihen der internationalen High Society bewegte. Es war eine Freiheit, die sie sonst nur auf See empfand. Warum hatte sie all das, ohne zu überlegen, aufgegeben?

Weil Aristo gelogen hat, antwortete eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Der Besuch der unbekannten Freunde an Bord konnte wohl nur in einer Hinsicht tatsächlich eine Männerangelegenheit sein, wie er es genannt hatte. Sie war sich sicher: Er wollte Maria aus dem Weg haben, wenn die Witwe des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy zu ihm an Bord kam.

»Darf ich Ihnen vor dem Menü ein Glas Champagner servieren?«, unterbrach die Stewardess Marias Gedanken.

Sie wandte ihren Kopf zu der jungen Frau, die die Passagiere in der Ersten Klasse betreute. Durch die Gläser ihrer Sonnenbrille sah sie zu ihr auf. »Nein. Vielen Dank, keinen Champagner – und auch nichts anderes«, erwiderte Maria. »Ich möchte auch nichts essen.«

Ich möchte sterben, dachte sie.

Kapitel 3

Ionisches Meer

Am selben Tag, zuvor

Die See war so spiegelglatt und durchscheinend wie der Lago di Garda im Frühling, das Wasser glitzerte in einem dunklen Saphirton, unter dem sich Erhebungen von Felsen und Seegras abzeichneten. Der Himmel war so tiefblau, als habe ihn Uranos eigens für diesen Sommertag frisch angemalt, keine Wolke störte die perfekte Farbe. Vor diesem fast verstörenden Ultramarin erhoben sich am Ufer der Insel Skorpios dunkel eine Reihe von Zypressen, die weiche Bergkulisse dahinter schimmerte in allen Grüntönen, Tausende junge Bäume reckten ihre Äste der Sonne entgegen. Aristo hatte sie gepflanzt, nachdem die Landschaft fast fünfhundert Jahre lang unter dem Kahlschlag der Venezianer gelitten hatte. Er hatte die Aufforstung natürlich nicht allein bewerkstelligt, wohl aber einen ersten Spatenstich, den Beginn der Wiederherstellung einer wunderschönen Natur, und er war für eine lange Zeit jeden Morgen auf der Insel angelandet, um den Tag mit den Architekten und Arbeitern zu verbringen und an ihrer Seite mit freiem Oberkörper zu planen und zu fachsimpeln.

Sagte man nicht von jenen Menschen, die die Natur liebten, sie hätten eine grüne Seite und diese sei die beste an ihnen?

Während Maria gedankenverloren die kostspielige Waldpflanzung am Horizont betrachtete, ging ihr diese Frage durch den Sinn. Besaß der Eigentümer der Insel, ihr Geliebter, tatsächlich diese besondere Charaktereigenschaft – oder wollte er mit der Rekonstruktion des Waldes nur zeigen, dass er in der Lage war, auch die Natur zu beherrschen? So, wie er fast allen Menschen seinen Willen aufzuzwingen versuchte?

Auf gewisse Weise hatte Aristoteles Onassis auch Maria gefügig gemacht. Sie war seinem Charme erlegen, seiner charismatischen Persönlichkeit, und glaubte an eben die guten Seiten an ihm. Dafür ertrug sie seine Launen und seine gelegentlichen Affären. Schließlich wusste sie, dass er sie niemals absichtlich verletzen wollte, sondern immer nur darauf aus war, zu triumphieren, Bestätigung zu erhalten. Und manche dieser Frauen waren für ihn wohl nichts anderes als Trophäen in dieser Zeit, in der Sexualität immer offener gelebt wurde. Maria ließ ihn schmunzelnd gewähren, denn sie wusste, wie wichtig es für ihn war zu beeindrucken – womit auch immer. Aristo wollte nicht nur der reichste Mann auf Erden sein, sondern auch jener, der am meisten bewundert wurde. Womöglich besaß er also gar keine grüne Seite, sondern nur ein etwas diffiziles Selbstwertgefühl. Etwas, das sie beide enger verband, als ihr lieb sein konnte.

»Ich habe gehört, dass Pier Paolo Pasolini einen Film über den Medea-Mythos drehen will …«

Sie nahm die Stimme ihres Freundes wie das sanfte Plätschern des Swimmingpools auf dem Sonnendeck des vor Skorpios ankernden Schiffs wahr, auf dem sie waren. Das Poolwasser glitzerte in einem tiefen Blaugrün, eine Reflexion des Himmels und des Mosaiks auf dem Boden, das eine Reproduktion des Stierkampffreskos aus dem Minotaurus-Palast in Knossos war. Die elektrisch betriebenen Fontänen am Rande des Beckens waren so eingestellt, dass sie nur gelegentlich aufspritzten und ihre Tropfen wie eine feine Gischt über die Schiffsaufbauten verteilten.

Seit geraumer Zeit redete Larry im Liegestuhl neben Maria auf sie ein, wobei sie ihm jedoch nur mit halbem Ohr lauschte. Wenn sie es genau bedachte, hatte sie nicht die geringste Ahnung, worüber ihr alter Freund eigentlich sprach. Sicher etwas Geistreiches. Lawrence Kelly war Mitbegründer mehrerer großartiger Musiktheater in den Vereinigten Staaten und hatte die Karriere von Maria Callas dort vom ersten Höhepunkt an begleitet. Dreizehn Jahre war das her, und der Impresario war noch immer ein gut aussehender Mann, viel kleiner als die hochgewachsene Maria, aber ebenso wenig wie bei Aristo fiel das ins Gewicht. Auch Larry besaß sehr viel Charisma, und er war ein wichtiger Mann in den Opernhäusern auf der anderen Seite des Atlantiks.

»Keine hat die Medea so wundervoll gesungen wie du«, fuhr Larry fort. Er schien nicht zu einem Ende zu kommen, musste während seines Monologs anscheinend nicht einmal Luft holen. »Deshalb empfiehlst du dich für die Hauptrolle …«

»Ich glaube nicht daran, dass irgendjemand Theater in Film verwandeln kann«, unterbrach sie matt. Es war Zeit für einen Einwand geworden.

Doch der Redefluss ließ sich nicht stoppen: »Franco Zeffirelli hat Shakespeares ›Der Widerspenstigen Zähmung‹ gerade ganz wunderbar mit Elizabeth Taylor und Richard Burton in den Hauptrollen verfilmt«, insistierte der Impresario.

Maria richtete sich in ihrem Liegestuhl auf und schob ihre Sonnenbrille in ihr dichtes schwarzes Haar. »Das ist keine seiner Operninszenierungen«, stellte sie klar. Sie mochte es generell nicht, wenn ihr jemand widersprach, und zu vieles auf dieser Kreuzfahrt zermürbte sie. Die Hitze machte ihr zu schaffen, erklärte sie sich ihr Unwohlsein. Dass sie sich eigentlich mehr über Aristo als über die Sonne ärgerte, wollte sie sich nicht eingestehen. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, so dass sie harscher reagierte, als es der ihr treu ergebene Freund verdiente: »Musikbühne und Leinwand vertragen sich nicht. Basta.« Dann legte sie sich wieder zurück.

Sie schloss ihre Augen, die seltsam brannten, als ihr bewusst wurde, dass sie Larry nicht so hätte anfahren dürfen. Nicht diesen liebenswerten, ihr stets zugeneigten Mann. Niemand hatte es weniger verdient, ihrer Ruppigkeit ausgesetzt zu sein. Doch an ihrer Dünnhäutigkeit war die schlechte Laune ihres Geliebten schuld, seine Fahrigkeit, die Gedanken- und Taktlosigkeit, mit der er Maria in diesen Tagen behandelte. Dabei hatte sie geglaubt, die in den vergangenen Monaten aufflammenden Streitigkeiten zwischen ihnen wären beigelegt. Eine Zeit lang schien doch wieder alles gut zwischen ihnen zu werden …

»Du solltest wieder regelmäßig Stimmübungen machen.«

Marias Kopf fuhr hoch. »Was?«

»Ich kann dir sofort einen Auftritt in den USA vermitteln. Eine ganze Tournee, wenn du willst. Dein Comeback würde bejubelt werden.«

Als wenn sie das nicht wüsste.

»Im Moment mache ich Urlaub«, wich sie aus.

Sie wollte ihm nicht erzählen, dass sie zwar ihre Übungen vernachlässigt haben mochte, aber natürlich nicht aufgegeben hatte, ihre Stimme zu alten Höhen zurückzuführen. Monatelang hatte sie ihren Gesang auf Tonband aufgenommen, um diese Aufnahmen mit ihren alten Schallplatten zu vergleichen. Auf diese Weise hoffte sie herauszufinden, was nicht mit ihr stimmte, warum sie die hohen Töne nicht mehr in der dreigestrichenen Oktave halten konnte. Bis sie ihre öffentlichen Auftritte mehr oder weniger aufgab, hatte sie mehr als einen Skandal verursacht, weil sie mitten in einer Arie versagte. Es war ein ständiges Auf und Ab. Doch seit geraumer Zeit hatte sie das Gefühl, mit ihrer Kunst in einem Abwärtsstrudel gefangen zu sein. Und da sie einstweilen auf den Jubel des Publikums verzichten musste, versank sie im verschwenderischen, rastlosen Leben des internationalen Jetsets. Dabei kam sie sich vor wie der schiffbrüchige Odysseus, der auf seiner Reise nach Hause so viele Abenteuer hatte überstehen müssen, erbauliche wie lebensgefährliche. Marias Heimat war die Bühne – und wenn sie dorthin zurückfinden wollte, musste sie sich wahrscheinlich auch erst in eine antike Heldin verwandeln. Jedenfalls kam es ihr manchmal vor, als verlange die Darbietung einer Arie übermenschliche Kräfte.

Doch Larry hatte recht. Sie hatte zwar eigentlich immer nur eine Hausfrau sein wollen, die ihren Mann und ihren Hund umsorgte, aber sie sollte wieder singen. Es war das einzige Mittel gegen ihre innere Unruhe und die geheimen Sorgen, die sie umtrieben. Aber noch wusste sie weder, wie sie ihre Stimme trainieren sollte, um das alte Niveau zu erreichen, noch, ob ihre Ängste, dass ihr Geliebter sie verlassen könnte, berechtigt waren oder nicht. Bis sie sich darüber im Klaren war, würde sie sich niemandem anvertrauen. Nicht Larry. Und auch keinem anderen Menschen.

»Lass uns später reden«, bat sie und schenkte ihm ein Lächeln. »Bei der Hitze ist mir nicht nach ernsten Themen.«

Um ihre Worte zu unterstreichen, langte sie zu dem Zeitungsstapel, den ein Steward neben ihrem Liegestuhl platziert hatte. Sie zog wahllos eine Illustrierte hervor und begann darin zu blättern, ohne wirklich auf die Überschriften, Artikel und Fotos zu achten, in denen von der bevorstehenden Hochzeit von Kronprinz Harald von Norwegen mit der bürgerlichen Sonja Haraldsen oder der Scheidung von Frank Sinatra und Mia Farrow berichtet und die Herbstmode am mageren Körper des britischen Fotomodells Twiggy gezeigt wurde. Doch nichts davon interessierte Maria. Erst der Seite mit den Kochrezepten schenkte sie ihre volle Aufmerksamkeit. Essen war schon immer ein Seelentröster für sie gewesen, selbst wenn sie seit nunmehr fünfzehn Jahren vor allem mit den Augen aß. Eine strenge Diät hielt sie seitdem auf den Idealmaßen eines Rehs. Im Großen und Ganzen erging es ihrem Magen damit nicht anders als derzeit ihrem Herzen – er bekam nur Brosamen.

***

Ein Schatten fiel über die aufgeschlagenen Seiten der Illustrierten Anabelle. Maria sah auf. Ohne dass sie es bemerkt hatte, war Aristo neben ihren Liegestuhl getreten. Beim Anblick des Geliebten glitt ein Lächeln über ihr Gesicht.

Aristoteles Onassis erwiderte dieses Lächeln nicht. Dennoch konnte sich Maria seiner Anziehungskraft nicht erwehren. Mit seinen einhundertfünfundsechzig Zentimetern war er kein großer Mann im Sinne der Maßeinheit, dennoch überragte seine Ausstrahlung jeden Efendi von zwei Metern Höhe. Im Grunde sah er nicht einmal gut aus mit den dunklen Schatten unter seinen Augen, der kräftigen Nase und dem sinnlichen, aber fast zu breiten Mund. Doch seine Persönlichkeit und sein unvergleichliches Charisma machten den Zweiundsechzigjährigen für sie zum schönsten Mann der Welt. Wie sehr sie ihn liebte. Er war der Erste und Einzige, der ihre Person unabhängig von ihrer Stimme sah – Maria ohne die Callas. Ich liebe dich, dachte sie. Für immer und ewig.

»Hast du deine Telefonate erledigt?«, fragte sie fröhlich, wartete seine Antwort nicht ab, da diese ja offensichtlich war, sondern fügte eilig hinzu: »Warum setzt du dich nicht zu uns? Larry schlug mir gerade vor …«

»Ich erwarte neue Gäste«, unterbrach der Schiffseigner ihren Redeschwall. Er klang so sachlich, als stünde er vor einem Geschäftsabschluss für eine seiner Reedereien oder für seine Fluggesellschaft, vor dem Kauf eines weiteren Öltankers oder eines Jets. »In einer Woche solltest du von Bord gehen, Maria.« Da er sich anscheinend nicht auf eine längere Unterhaltung einstellte, blieb er stehen. »Es ist eine reine Männerangelegenheit.«

Sie spürte mehr, als dass sie die Bewegung ihres Freundes Larry wahrnahm, wie dieser sich aufsetzte. Er stieß zischend den Atem aus. Diese Reaktion war jedoch so leise, dass sie fast im Plätschern der Wellen, die sich am Schiffsrumpf brachen, unterging. Für einen kurzen Moment ging Maria durch den Kopf, dass womöglich Delfine neben der Yacht spielten. Meer und Wind waren zu ruhig für hohe Wellenbewegungen. Für Letztere sorgte jedoch Aristos Aufforderung.

Nicht, dass Maria die Christina nicht in der Vergangenheit bereits verlassen hätte, weil sich ihre Anwesenheit als Geliebte nicht mit den Moralvorstellungen mancher Gäste vertrug, die Aristo wichtig waren. Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill und dessen Gattin etwa gehörten dazu. Das alte Ehepaar hätte sich durch das außereheliche Verhältnis so brüskiert gefühlt, dass die sonst wichtigste Frau an Bord klugerweise abreiste, bevor Churchills einschifften, obwohl Maria zu diesem Zeitpunkt längst den Status der Hausherrin auf dem Boot einnahm. Maria verband ihre Abwesenheit mit beruflichen Terminen und zeigte ein gewisses Verständnis für Churchills altmodische Moralvorstellungen, da er in der luxuriösen Yacht wohl noch immer das Kriegsschiff erkannte, das im Juni 1944 an der Landung der Alliierten in der Normandie teilgenommen hatte. Später hatte es Aristo in ein schwimmendes Schloss umbauen lassen, aber die Sentimentalität eines bedeutenden Staatsmannes sah über die nunmehr elegante Ausstattung wohl hinweg. Doch Winston Churchill war seit dreieinhalb Jahren tot, Marias privates und berufliches Leben hatte sich verändert – und sie beschlich plötzlich eine leise Ahnung, dass Aristos Wunsch nichts mit Moral zu tun haben könnte.

»Wie bitte?«, fragte sie.

»Ich möchte, dass du nächste Woche abreist«, erklärte Aristo. »Flieg nach Hause, Maria.«

Maria wusste nicht, was sie mehr verärgerte – von der Yacht vertrieben zu werden, ihre Sommerferien beenden oder nach Frankreich zurückkehren zu müssen, wo in diesen Tagen völliger Stillstand herrschte. Kein Mensch, der bei Sinnen war, hielt sich im August in Paris auf, jedenfalls kein Pariser. Es sei denn, es handelte sich um eine verlassene Frau, die nicht wusste, wohin sie sonst hätte gehen können …

Entsetzen kroch in ihr hoch. Panik, Angst, Wut. Verständnis. Aber auch Unsicherheit und Verzweiflung. Eine Mischung der unterschiedlichsten Gefühle pulsierte in ihren Adern.

»Ich komme nächsten Monat nach«, versicherte er in verändertem, sanfterem Ton. »Im September bin ich bei dir in Paris.«

Im September ging das Leben in Paris wieder seinen gewohnten Gang. Maria bezweifelte, dass das auch auf Aristo und sie zutreffen würde, egal, was er sagte. Mit einem Mal wusste sie mit scharfsichtiger Gewissheit, warum sie gehen sollte und wer auf der Yacht an ihre Stelle treten würde. Es war wie ein Déjà-vu, eine Wiederholung derselben Szene, die sie damals womöglich verkannt hatte und die sie angesichts der drohenden Gefahr für ihre Liebe ins Schwanken geraten ließ. Was immer Aristo ihr versprach, sie glaubte ihm kein Wort.

Tränen traten ihr in die Augen. Sie schluckte sie herunter, schwang die Beine herum und stand auf. Die Zeitung fiel auf den Boden, die aufgeschlagenen Seiten knisterten.

Maria überragte Aristo um einen halben Kopf – und zum ersten Mal in ihrer Beziehung spielte der Größenunterschied für sie eine Rolle. Sie sah auf ihn hinab.

»Ich hasse dich!«, zischte sie.

Ihr Herzschlag donnerte gegen ihre Brust. Ihr Puls schien im Widerspruch zu ihren laut hervorgestoßenen Worten aufzuschreien: Ich liebe dich!

»Maria …«, hob Aristo an.

Wütend auf sich selbst, auf ihn, seine Trophäensammlung und die andere Frau, die da kommen würde, lief Maria davon. Sie konnte Aristos Blick nicht ertragen, nicht Larrys Nähe neben sich spüren, nicht um die Anwesenheit der Besatzungsmitglieder irgendwo an Deck wissen. Vor aller Augen drohte die große Callas in ein dunkles Loch zu fallen. Das konnte sie nicht zulassen. Obwohl sie Liebe nicht mit Stolz verband, gab es doch den Verlust von Würde, der das Erträgliche aller Demütigungen überschritt.

Sie wollte allein sein und ihren Tränen freien Lauf lassen.

***

Das Schlafzimmer von Onassis und Maria an Bord war feudaler ausgestattet als jede Präsidenten- oder Fürstensuite in einem Grandhotel. An von Hand gefertigten und mit Blumenmotiven bemalten Möbeln aus Venedig war ebenso wenig gespart Christina