Über Bérengère Viennot

Bérengère Viennot ist seit vielen Jahren Übersetzerin und arbeitet inzwischen ausschließlich für die Presse. Sie schreibt unter anderem für den »Courrier international«. Darüber hinaus unterrichtet Bérengère Viennot Übersetzen an der Universität Paris VII. Sie lebt mit ihrer Familie in Paris.

Nicola Denis wurde mit einer Arbeit zur Übersetzungsgeschichte promoviert. Sie übersetzte u. a. Werke von Alexandre Dumas, Honoré de Balzac, Éric Vuillard, Olivier Guez und Anne Dufourmantelle. Nicola Denis lebt seit vielen Jahren in Frankreich.

Informationen zum Buch

»Wenn Amerika auf seinen Präsidenten schaut, glaubt es sich in einem Zerrspiegel zu sehen. In Wahrheit reflektiert dieser Spiegel eine Wirklichkeit, die es lange verdrängt hat.« Bérengère Viennot.

Donald Trump ist berühmt für seine vulgäre, sarkastische und konfuse Sprache, die allen Regeln der Grammatik und des Anstands trotzt. Bérengère Viennot übersetzt seine Reden und Beiträge ins Französische und ist dabei mit einem Universum konfrontiert, das sie fassungslos und wütend macht. In ihrem brillanten Essay geht sie dem Phänomen der Trump-Sprache auf den Grund: Wie fließend ist der Übergang von der Brutalität seiner Worte zu seiner Politik? Was sagt die Verrohung seiner Sprache über den Zustand Amerikas aus? Und warum geht uns das alle etwas an?

»Ein bissiges und empörtes Buch.« FRANCE 5

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Bérengère Viennot

Die Sprache des Donald Trump

Aus dem Französischen von Nicola Denis

Inhaltsübersicht

Über Bérengère Viennot

Informationen zum Buch

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Hangover

Sich trauen, Trump zu übersetzen

Das fatale Interview

Die Reichweite der Ohrfeige

Entgleisungen

Lüge und Wahrheit

Melania

Piep-Piep

Dystopie

Godwin’s law

Die Volksfeinde

Eine halbe Seite

Selbstüberschätzung?

Die chinesische Erfindung

Ich – einfach unverbesserlich

Und Gott?

Was er verschweigt

Endlich Schluss mit Donald Trump?

Dank

Anmerkungen

Impressum

Für Bonnie und Joshua

Es ist ein großes Unglück, wenn man weder genug Geist hat, um zu reden, noch genug Urteilskraft, um zu schweigen.

Jean de La Bruyère

I know the best words.

Donald J. Trump

Hangover

Für die Millionen Amerikaner, die bis November 2016 nicht im Entferntesten damit gerechnet hatten, dass ein selbstverliebter, sexistischer, rassistischer und ungebildeter Milliardär Zugang zur höchsten Macht bekommen und die gleiche Position wie George Washington, Abraham Lincoln oder Theodore Roosevelt bekleiden könnte, sollte der längste Hangover der Menschheitsgeschichte folgen.

In den Vereinigten Staaten wie überall auf der Welt traf viele ein unerwarteter Schlag. Als Presse-Übersetzerin machte ich mich am 8. November 2016 darauf gefasst, lange wachzubleiben, falls vor der frühmorgens geplanten Veröffentlichung der Ergebnisse doch noch eine letzte Übersetzung im Vorfeld der Wahlen anfallen sollte. Auch wenn sich in den letzten Wochen vor dem Stichtag Zweifel gemeldet hatten, war ich eher zuversichtlich: Dass Trump gewählt werden würde, blieb unvorstellbar. Nicht etwa, weil ihm das Format dafür fehlte oder ich persönlich dagegen war; nicht, weil ich die Aussicht, direkt nach einem schwarzen Präsidenten eine Frau an der Macht zu sehen, sehr attraktiv fand, sondern, weil die Vorstellung als solche in jeder Hinsicht lächerlich war.

Als ich um 2 Uhr morgens ins Bett ging, hatten zwei Bundesstaaten die ersten Hochrechnungen veröffentlicht: In Kentucky waren 72,7 Prozent der Stimmen für Donald Trump abgegeben worden, in Indiana 69,3 Prozent. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass Indiana von jeher eine Bastion der Republikaner war und Kentucky seit 2000 immer mehr nach rechts rückte. Hillary Clinton würde sich ihren Sieg hart erkämpfen müssen, aber der Ausgang stand zweifellos fest. Gute Nacht.

Das Erwachen war bitter.

Für mich als Übersetzerin bedeutete diese Wahl eine Erschütterung. In persönlicher Hinsicht, weil ich mich mit Trumps Erscheinung partout nicht anfreunden kann und daraus, wie noch zu sehen sein wird, kein Geheimnis mache, aber auch, weil ich mich hinreichend für die internationale Politik interessiere, um das katastrophale Potenzial seines Aufstiegs zur Macht zu erkennen. In beruflicher Hinsicht, weil ich plötzlich gezwungen war, mich in meiner Arbeitsweise radikal umzustellen und rücksichtslos aus der Komfortzone vertrieben wurde, in der ich seit Barack Obamas Wahl im November 2008 schwelgte, ohne dass jene Erschütterung in irgendeiner Weise meine Berufspraxis bereichert hätte. Denn analog zu dieser merkwürdigen Präsidentschaft, die direkt aus der Welt des Reality-TV, der übersteigerten Selbstdarstellung und des fanatischen Egoismus stammt, entpuppte sich die Sprache von Donald Trump, das Rohmaterial meiner Arbeit, als Teil einer eigenständigen Welt – zugleich Ursache und Wirkung eines neuen Amerika.

Sich trauen, Trump zu übersetzen

Als Übersetzerin durchforste ich die Landschaft des aktuellen Tagesgeschehens und übertrage je nach den Aufträgen meiner Kunden alle möglichen Texte zu den politischen Turbulenzen, mit denen die Welt seit Anfang der 2000er Jahre zu kämpfen hat. Eine ebenso spannende wie wenig einträgliche Tätigkeit, die mich der Kategorie von »Menschen mit einer Berufung« zuordnet. Künstler sozusagen. Die so für ihre Arbeit brennen, dass sie sich mit der an ihre Tätigkeit geknüpften Transparenz sowie der gesellschaftlichen und finanziellen Undankbarkeit abfinden.

Die Übersetzerin (ich weiß, es gibt auch Männer, die diesen Beruf ausüben, dann sollen sie aber auch ein Buch schreiben …) ist ihrem Wesen nach unsichtbar. Ihre Aufgabe besteht darin, eine Botschaft aus der einen Sprache (zum Beispiel aus dem Englischen) in eine andere (sagen wir: ins Französische) zu übertragen. An dieser Stelle denke ich ausdrücklich an alle Übersetzer, die dieses Buch ins Usbekische, Serbokroatische oder Nahuatl übersetzen werden müssen. Ich weiß, dass es Euch gibt!

Entgegen mancher Vorurteile, mit denen alle meine Kollegen im Laufe ihres Berufslebens konfrontiert werden, beschränkt sich das Übersetzen nicht darauf, einzelne Wörter zu übertragen, und eignet sich nicht für jeden. Es genügt weder, zwei Sprachen zu sprechen, um übersetzen zu können, noch, ein brauchbares Lexikon zu haben, an der Uni besonders gut im Übersetzen aus einer oder in eine Fremdsprache gewesen zu sein, oder den Sohn der Putzfrau aus dem British Council zu kennen.

Übersetzen bedeutet, eine Botschaft aus der einen in die andere Sprache zu übertragen. Das erfordert mehrere, gleichermaßen unverzichtbare Schritte. Zunächst einmal muss man den Ausgangstext verstehen. Eine Selbstverständlichkeit? Nur bedingt, denn um einen Text oder eine Rede zu verstehen, muss man nicht nur jedes einzelne Wort kennen. Ein Text ist sehr viel mehr als die Summe seiner semantischen Bestandteile. (Übrigens: Der Toaster, der die aufreizende Venusmuschel trommelt, wird die Knochen des Fahrrads meiner Tante nicht schmälern. In diesem Satz kennen Sie alle Wörter, und trotzdem entzieht sich Ihnen sein Sinn. Nur zu Ihrer Beruhigung: mir auch. Wörter, nichts als Wörter …)

Damit ein Text existiert, muss er in erster Linie einen Sinn haben, einen Bezug, eine Botschaft. Sonst handelt es sich um eine bloße Liste von Wörtern, die durchaus übersetzbar, deren semantisches Interesse (mit einer Sondergenehmigung für Jacques Prévert) allerdings fragwürdig ist. Listen zu übersetzen kann sich auf dem Gebiet der Technik als nützlich erweisen, für die Beschreibung der Einzelelemente einer Werkzeugmaschine oder bei Bestandsaufnahmen. Im Kontext der politischen Übersetzung, die hier im Mittelpunkt steht, geht es jedoch darum, eine zusammenhängende menschliche Rede mit einer konkreten Botschaft wiederzugeben.

Eine weitere notwendige Bedingung, um einen Text oder eine Rede zu übersetzen: die Sprache des Urhebers, seinen kulturellen Hintergrund und seinen Werdegang hinreichend zu kennen, kurz, zu wissen, wer er ist und möglichst umfassend über den Sprecher informiert zu sein. Dieser Anspruch erfolgt im Namen eines Konzepts, das die Übersetzergemeinde zu einem unabdingbaren Zauberwort erhoben hat: Kontext. So wie eine Person von ihrem spezifischen Rahmen beeinflusst und geprägt wird, erschließt sich der Sinn eines Wortes, eines Satzes, einer ganzen Rede nur in Bezug auf den jeweiligen Kontext. Ein und derselbe Satz bedeutet etwas völlig anderes, wenn er von einem in das höchste politische Amt gewählten amerikanischen Milliardär ausgesprochen wird oder von einem Fitnesstrainer oder Physiotherapeuten.

Übersetzen bedeutet, in seiner eigenen Sprache (denn der gute Übersetzer übersetzt in die Muttersprache) die intellektuellen und emotionalen Empfindungen des Ursprungslesers heraufzubeschwören. Die beiden Kulturen, die der Ausgangs- und die der Zielsprache, unterscheiden sich zwangsläufig. Das gleiche Wort bezieht sich in verschiedenen Sprachen nicht immer auf die gleichen Sachverhalte, auch wenn es sonnenklar und absolut unzweideutig zu sein scheint. Ein Franzose zum Beispiel assoziiert mit dem Wort »Käse« einen Camembert, vielleicht einen Comté. Dieses Konzept verweist auf eine alltägliche, tief in der Landesgeschichte verwurzelte Vertrautheit. Ein Amerikaner hingegen sieht bei dem Wort cheese ein in Plastik eingeschweißtes industrielles Nahrungsmittel vor sich, das weder die gleichen Empfindungen noch das gleiche Bild (geschweige denn den gleichen Geruch) auslöst. Ähnlich funktioniert die Kombination pomodoro/tomato zwischen Italien und England, oder, wenn wir den Bereich des Essbaren verlassen, das leicht zu übersetzende Wort université, das in Großbritannien zu university und in den Vereinigten Staaten zu college wird, aber völlig unterschiedlichen Gegebenheiten entspricht. Meistens ist es möglich, Sinnentsprechungen jenseits von Form und Erscheinungsbild der Wörter zu finden. Ein solches Umformulieren zielt darauf ab, die Botschaft möglichst getreu wiederzugeben und dabei die soeben erwähnten Parameter zu berücksichtigen. Genau darin besteht die Arbeit der Übersetzerin.

Nehmen wir ein Beispiel. Donald Trump, der am 14. Juli 2017 anlässlich des französischen Nationalfeiertags in Paris zu Gast war, begrüßte die dortige First Lady mit dem Ausruf: »You’re in such good shape!« Dann wandte er sich dem französischen Präsidenten zu und wiederholte: »She’s in such good physical shape!« Schließlich adressierte er ein gönnerhaftes »Beautiful« an Brigitte Macron.

»You’re in such good shape!« kann, so wie es in vielen französischen Medien übersetzt wurde, tatsächlich bedeuten: »Sie sind aber in guter körperlicher Verfassung!« Wörtlich stimmt das in etwa. Und man könnte es auch so übersetzen, wenn der Satz von jemand anders und aus einem anderen Kontext stammen würde: von einem Physiotherapeuten, einem anerkennenden Fitnesstrainer oder einem Schwiegersohn.

Doch in diesem spezifischen Fall darf man »You’re in such good shape!« nicht mit »Sie sind aber in guter körperlicher Verfassung!« übersetzen. Denn wenn man den Kontext, den Zeitpunkt und die Persönlichkeit des Sprechers berücksichtigt, nämlich die Tatsache, dass es sich um einen unverhohlen sexistischen Mann handelt, der damit prahlt, die Frauen »einfach an der Muschi zu packen«, einer Journalistin unterstellt, sie sei ihm gegenüber besonders aggressiv, weil sie gerade ihre Periode habe, der eine republikanische Konkurrentin um die Präsidentschaftskandidatur als hässlich verunglimpft1, vor der Zeugung eines Kindes von seiner Frau verlangt, dass ihr Körper nach der Geburt wieder genauso auszusehen habe wie vor der Schwangerschaft, kurz, wenn man Donald Trump und seinen hartgesottenen Männlichkeitswahn kennt, muss man darauf Rücksicht nehmen – und eine wörtliche Übersetzung wird unmöglich.

Ein anderer entscheidender Faktor: die Person, die der amerikanische Präsident anspricht. Bekanntlich macht er keinen Hehl aus seiner Vorliebe für schöne junge Frauen, was ihn sogar zu der Aussage verleitet hat, wenn Ivanka Trump nicht seine Tochter wäre, würde er sie vielleicht daten. Er gehört zu jenen Männern (und Frauen), die der Meinung sind, dass eine Frau nur in jungen Jahren schön sein kann. Jenseits einer gewissen Grenze ist ihr Verfallsdatum überschritten und sie gehört, durch Unsichtbarkeit gestraft, nicht mehr in die Kategorie »fuckable«.

Brigitte Macron war bereits jenseits der Sechzig, als Donald Trump sich vor Bewunderung kaum einkriegen konnte. Eine alte Dame, die trotzdem noch wie eine Frau aussieht, unglaublich! Damit geriet im Kopf des amerikanischen Präsidenten, der sich so leicht nicht verunsichern lässt, offensichtlich eine fest verankerte Gewissheit ins Wanken.

Wenn man also gleichzeitig den Sprecher und den Gegenstand seiner Äußerung berücksichtigt, lässt sich dieses »You’re in such good shape!« nur durch etwas wiedergeben wie »Sie haben sich aber gut gehalten!« oder »Sie sehen ja immer noch richtig gut aus!«. Nur so kann man der expliziten Botschaft und gleichzeitig den impliziten Konnotationen eines Ausspruchs treu bleiben, der in Trumps Augen vielleicht als Kompliment gedacht, in Wirklichkeit aber eine Taktlosigkeit war.

Dementsprechend braucht es zum Übersetzen im Allgemeinen und zum richtigen Übersetzen der Äußerungen von Donald Trump im Besonderen ein gutes Verständnis des Kontextes. Aber das reicht nicht. Man muss sich auch trauen, ihn zu übersetzen. Keine leichte Aufgabe für Menschen, die nicht von Berufs wegen übersetzen (wie zum Beispiel Journalisten) und oft zwar kompetent genug sind, um in ihrer Sprache einfache Texte, Auszüge oder Erklärungen wiederzugeben, aber leicht ins Schleudern geraten, sobald sich die Schwierigkeit etwas verschärft wie in diesem Beispiel. Noch einmal: nicht wegen des Vokabulars oder der Syntax, sondern weil die Übersetzung eine sogenannte »Deverbalisierung« erfordert, eine Entkörperung der Botschaft sowie die kulturell angepasste Wiedergabe in einer anderen Sprache.2

Nehmen wir einen weiteren Beitrag Donald Trumps, der diese Schwierigkeit illustriert: In einem seiner berüchtigten ausländerfeindlichen Ausfälle äußerte er bei einer Besprechung im Oval Office seinen Unmut gegenüber Migranten aus »shithole countries«, womit er afrikanische Staaten, Haiti und El Salvador meinte. »Why are we having all these people from shithole countries come here?«, fragte er, bevor er hinzufügte, für die Vereinigten Staaten Migranten aus Ländern wie Norwegen zu bevorzugen.

Während niemandem der Sinn dieser Äußerung entging, variierte die Übersetzung des Wortes »shithole« in den Medien verhältnismäßig stark. Die Tageszeitung Libération entschied sich am 12. Januar 2018 zum Beispiel für »Rattenloch«3, was neben den »pays de merde« (Le Monde), den »paises de mierda« der spanischen Presse oder den »Drecksloch-Staaten« der deutschen Medien etwas abfällt. Sich zu trauen, Donald Trump zu übersetzen, ist lange nicht so einfach wie sein dürftiger und manchmal primitiver Wortschatz vermuten lassen könnte.

Die Übersetzer, die an die flüssigen und syntaktisch einwandfreien Äußerungen seines Vorgängers gewohnt waren, standen bei Donald Trump sofort auf abschüssigem Terrain. Ein Paradox, denn wenn man Trumps Aussagen liest oder hört, hat man selbst mit nur rudimentären Englischkenntnissen das Gefühl, alles zu verstehen. Sein Wortschatz ist unfassbar schlicht, die Sätze sind kurz, wenn nicht abgehackt, und die Syntax ist, je nach Tagesform, ein Kapitel für sich. In einem herkömmlichen Kontext wie bei Wahlkampfreden oder Interviews variiert Trumps Satzbau zwischen äußerster Schlichtheit und völliger Absurdität.

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