Über Hauke Friederichs

Hauke Friederichs, geboren 1980 in Hamburg, hat in Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Hamburg promoviert und arbeitet als Journalist und Autor. Er schreibt u. a. für die ZEIT und SPIEGEL Geschichte. Zuletzt erschien von ihm »Die Totengräber: Der letzte Winter der Weimarer Republik«.

Informationen zum Buch

Weltgeschichte erzählt am Schicksal ihrer Protagonisten.

August 1939. Flirrende Hitze in Mitteleuropa. Das Korn wird gemäht. Ferienzeit. Es könnten unbeschwerte Tage sein, aber etwas Verstörendes liegt in der Luft. Die einen sagen, ein neuer Krieg stehe bevor. Die anderen schwören, der Frieden sei sicher. In diesem unruhigen August schaut die Welt auf den Obersalzberg. Hier verbringt Adolf Hitler seinen Sommer. Von hier aus wagt er ein riskantes Spiel. Hauke Friederichs erzählt die Geschichte jenes Sommers, in dem die Welt am 1. September 1939 um 4:45 Uhr ins Chaos gestoßen wurde. Aus dem Funkenflug entstand ein Weltenbrand, und nichts war mehr wie zuvor.

Mit: Carl Jacob Burckhardt Wilhelm Canaris Winston Churchill Birger Dahlerus John Fitzgerald Kennedy Gustav Kleikamp Reinhard Heydrich Iwan Maiski Katia Mann Unity Mitford Sophie Scholl William Shirer Swetlana Iossifowna Stalina Ernst von Weizsäcker

»Ein Geschehen, das wir bisher nur aus Schul- und Geschichtsbüchern kannten, [bekommt] auf einmal glühende Farben.« Andreas Kilb, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, über »Die Totengräber«

»Ein spannendes Stück Geschichte, das oft bedrohlich aktuell wirkt und selten so nah an der Lebenswirklichkeit erzählt wurde.« Stefan Schmitz, Stern, über »Die Totengräber«

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Hauke Friederichs

Funkenflug

August 1939:
Der Sommer, bevor der Krieg begann

Inhaltsübersicht

Über Hauke Friederichs

Informationen zum Buch

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I. Vorgeschichte: Funkenflug

II. Sommerruhe: 1. August – 5. August

III. Feuerteufel: 6. August – 10. August

IV. Va Banque: 11. August – 15. August

V. Aufmarsch: 16. August – 20. August

VI. Sensation: 21. August – 24. August

VII. Kehrtwende: 25. August – 27. August

VIII. Am Abgrund: 28. August – 30. August

IX. Weltenbrand: 31. August – 1. September

X. Epilog

Danksagung

Bildteil

Abkürzungen

Literatur

Personenregister

Bildnachweis

Impressum

I. Vorgeschichte: Funkenflug

In Europa kennen die Zeitungen und Rundfunksendungen in den Sommertagen 1939 vor allem ein Thema, den Streit zwischen Deutschland und Polen um Danzig. Journalisten aus den zerstrittenen Ländern überbieten sich mit atemlosen Schilderungen von Provokationen der jeweils anderen Seite. Sie berichten von Misshandlungen, Überfällen und Grenzverletzungen. Sie bauschen Nebensächlichkeiten zu ernsten Konflikten auf, streuen Halbwahrheiten oder produzieren gleich Falschmeldungen. Dieses Gift wirkt bereits. Die Regierungen in Berlin und Warschau drohen sich gegenseitig mit Konsequenzen, stellen Truppen in den Grenzgebieten auf, sammeln Verbündete.

Danzig, die Stadt, um die Deutsche und Polen streiten, hatte im Lauf ihrer Geschichte viele Herrscher. Zuletzt war sie von 1815 bis 1919 preußisch und gehörte seit 1871 zum deutschen Kaiserreich. Mehr als neunzig Prozent der gut 400 000 Einwohner im Danziger Staatsgebiet sprechen vor allem Deutsch und fühlen sich als Deutsche. Im Versailler Vertrag, der den Ersten Weltkrieg beendete, wurde die alte Handelsstadt 1919 für »frei« erklärt und unter den Schutz des Völkerbundes gestellt – einer Staatengemeinschaft, aus der Italien, Deutschland und Japan jedoch in den vergangenen Jahren ausgetreten sind.

Zum Freistaat gehört die Hansestadt samt Umgebung, einschließlich des Deltas und der Mündung der Weichsel. Mit dem Versailler Vertrag erhielt Polen freien Zugang zum Hafen Danzig und eine Passage zur Ostsee. Dieser »polnische Korridor« trennt bis zum August 1939 Ost- und Westpreußen voneinander und zerteilt das deutsche Staatsgebiet.

Die Regierenden in Warschau sehen in der Danzig-Frage einen »Gradmesser für die Stabilität der deutsch-polnischen Beziehungen«. Marschall Edward Rydz-Smigly, der Befehlshaber über die Truppen und starker Mann in Polen, als auch Außenminister Józef Beck wollen auf keinen Fall auf die Stadt verzichten. Ihnen geht es um das nationale Prestige. Und sie sind sich sicher, am Verhalten der Nationalsozialisten sehen zu können, was die Freundschaftsbekundungen aus Deutschland der vergangenen Jahre wirklich wert sind: Polen und Deutsche als Verbündete, als Partner? Diese Äußerungen aus Berlin gehören der Vergangenheit an.

Denn Adolf Hitler, Reichskanzler und »Führer«, fordert seit dem Frühjahr vehement, dass Danzig wieder deutsch wird. Er will die Stadt mit seinem »Großdeutschland« vereinigen. So hat er es bereits im vergangenen Jahr mit dem Sudetenland und mit Österreich gemacht, außerdem gliederte er im März »Böhmen und Mähren« und das litauische Memelland an sein Reich an.

Sorgenvoll schauen Briten und Franzosen nach Mitteleuropa. Dort werden Politiker und Publizisten zunehmend nervös. Winston Churchill, zu dem Zeitpunkt einflussreicher Konservativer im britischen Unterhaus, warnt seit Monaten vor der deutschen Aggression gegen Polen. Andere Briten wollen wegen einer fremden Stadt irgendwo im Osten keinen Krieg riskieren: »Why die for Danzig?«, lautet ihr Motto. Und auch in Frankreich gibt es viele Friedensbefürworter, die wahrlich keine Pazifisten sind, aber ihre Soldaten nicht für andere Nationen verheizen wollen. »Sterben für Danzig?«, hat Marcel Déat, ein rechter französischer Politiker, schon im Mai 1939 eine bekannte und viel diskutierte Streitschrift überschrieben. Seine klare Antwort: »Nein!«

Eine Krise zwischen Deutschland und Polen? Manche Kenner der Außenpolitik sind davon überrascht. Vor einem Jahr noch bemühte sich das NS-Regime um gute Beziehungen zum Nachbarland. Hitler hatte Polen als Verbündeten für den Krieg gegen die Sowjetunion vorgesehen. 1934 hatten beide Länder einen Nichtangriffspakt unterzeichnet. Hermann Göring warb danach bei polnischen Gesprächspartnern für ein Bündnis gegen Moskau. Gemeinsam mit den Polen wollten die Deutschen die Sowjetunion angreifen. Wie sie die Beute aufteilen, hatten sich Hitler und Göring auch schon überlegt: Die Ukraine sollte an Polen gehen. Der restliche »Lebensraum« im Osten war für die Nationalsozialisten vorgesehen, die dort ein Kolonialreich errichten wollen. Mehrfach forderten sie die Polen dazu auf, dem Antikominternpakt beizutreten. Diese Allianz hatte Deutschland mit Japan gegen die Sowjets geschlossen. Polen lehnte ab. Im Sommer 1938 lockte Göring die Polen erneut mit den fruchtbaren Böden der Ukraine. Doch die Regierung in Warschau wollte keinen Krieg gegen die UdSSR riskieren, und sie misstraute dem Angebot des Nachbarn im Westen.

Im Oktober schlug der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop dann dem polnischen Botschafter eine »Generalbereinigung aller bestehenden Reibungsmöglichkeiten zwischen Deutschland und Polen« vor. Die »Freie Stadt Danzig« sollte zu Deutschland kommen. Durch den polnischen Korridor, der Ost- und Westpreußen trennt, dürfte die Regierung in Berlin eine exterritoriale Autobahn- und Eisenbahnverbindung bauen. Als Gegenleistung bot Ribbentrop an, die polnischen Grenzen zu garantieren und den Nichtangriffspakt von 1934 um bis zu fünfundzwanzig Jahre zu verlängern.

Das Werben war vergeblich. Polens Außenminister Józef Beck besuchte im Januar Hitler auf seinem Berghof am Obersalzberg, änderte seine Haltung aber nicht.

Daraufhin beschloss Hitler, mit Polen genauso zu verfahren wie mit Österreich und der Tschechoslowakei: zerschlagen und angliedern. Am 25. März 1939 befahl er den Streitkräften, einen Angriff auf Polen zu planen. Noch habe er nicht vor, die »polnische Frage« zu lösen. Sie solle aber durch die Militärs bearbeitet werden. Wenn es zum Konflikt käme, müsse Polen »so niedergeschlagen werden, dass es in den nächsten Jahren als politischer Faktor nicht mehr in Rechnung gestellt« zu werden brauche.

Nur einen Tag nach dieser Weisung erklärte der polnische Außenminister, sein Land lehne eine Klärung der Danzig-Frage nach den deutschen Vorschlägen ab. Und kurz darauf wurde er gegenüber dem deutschen Gesandten in Warschau deutlich. Beck drohte, ein Versuch von deutscher Seite, den Status von Danzig zu ändern, würde den »Casus Belli« bedeuten. Zu diesem Zeitpunkt wusste er bereits, dass sein Land im Kriegsfall nicht allein würde kämpfen müssen. Die Regierungen in London und Frankreich waren bereit, eine Sicherheitsgarantie für Polen abzugeben. Am 31. März verkündete Großbritanniens Premierminister Arthur Neville Chamberlain in einer Rede im Parlament, dass England bei einer Bedrohung die Existenz Polens bewahren und dessen Souveränität verteidigen werde. Das Land war damit endgültig zur Konfliktzone geworden.

Am 3. April ordnete Hitler schließlich an, den Krieg mit Polen konkret vorzubereiten. Kurz darauf gab er drei Szenarien für den möglichen Angriff vor. Erstens: Die »Sicherung der Grenzen des Deutschen Reichs und Schutz gegen überraschende Luftangriffe«, für den Fall, dass die Streitkräfte des Nachbarlandes zuerst angreifen würden. Zweitens: Die »Inbesitznahme von Danzig«, als kleine Lösung des Konflikts. Und drittens: Der »Fall Weiß«, die große Attacke auf Polen. Letztere Option könne nötig werden, wenn Polen eine »bedrohende Haltung« einnehme, dann würde eine »endgültige Abrechnung« erforderlich sein. Am 28. April kündigte Hitler den Nichtangriffspakt mit Polen auf. Seitdem verschärft sich der Ton zwischen den Regierungen immer weiter.

In Danzig liege »heute der Gefahrenpunkt Europas«, sagt der britische Premierminister Chamberlain. Die Stadt könne ein zweites Sarajevo werden. Fünfundzwanzig Jahre, nachdem dort ein Attentat den Ersten Weltkrieg auslöste, steht nun Danzig im weltweiten Fokus. Chamberlain ist ein Mann des Friedens. Er glaubt, dass kein vernunftbegabter Mensch mit Absicht einen weiteren Weltenbrand auslösen würde, auch Adolf Hitler nicht. Andererseits wirkt das nationalsozialistische Deutschland unberechenbar. Und es wächst immer weiter, besetzt fremde Länder und Regionen, vergrößert seine Armee, rüstet auf.

II. Sommerruhe

1. August 1939, Dienstag

Es ist ein großes Marschieren in diesen Tagen in Deutschland. Dieses Land übt wieder für einen neuen Krieg.

Der Aufbau, Exilzeitung aus New York

1. August 1914  1. August 1939

Die Welt spricht wieder vom Krieg – Gibt es Krieg?

Der Angriff, Zeitung der Deutschen Arbeitsfront, Berlin

Überall in Europa freuen sich die Menschen in diesen Tagen über einen prächtigen Sommer – die niederländische Küstenstadt Noordwijk ist leider eine Ausnahme. Katia und Thomas Mann können sich hier für ihr Urlaubswetter nicht begeistern. Der Wind pustet oft so stark, dass geplante Spaziergänge am Strand ausfallen müssen. Seit dem 16. Juni sind beide in dem bekannten Seebad zu Gast. Katia Mann hat hier am 24. Juli ihren 56. Geburtstag gefeiert. Auch an diesem Tag, vor einer Woche, war es dunkel, kalt und regnerisch.

Ihr Mann fühlt sich in den Niederlanden nicht wohl. Die Tage sind kühl und verregnet – und die Nächte erst! Eiskalt. Mit drei Wolldecken hüllt der Literat sich ein. Noordwijk ist für sein Reizklima bekannt. Und Thomas Mann leidet schon unter dem politischen Reizklima dieser Tage: Er schläft schlecht, ist von chronischer Müdigkeit geplagt. Und dann sind da auch noch die laute Musik und die lärmenden Gäste, die seinen Mittagsschlaf auf der Terrasse stören. Was für eine Tristesse.

Endlich aber hat sich der Südweststurm etwas abgeschwächt. Die Sonne lässt sich blicken. Katia und ihr Mann, der weltberühmte Schriftsteller, können wieder einmal am Ufer flanieren. Kein Regen, kein Sturm halten sie auf. Der Anblick des rollenden Meeres beeindruckt beide nachhaltig.

Thomas Mann arbeitet viel in diesen Tagen, er bringt seinen Roman »Lotte in Weimar« voran, liest, diktiert. Katia Mann schreibt Briefe, korrespondiert mit ihren sechs Kindern, die über die halbe Welt verteilt sind. Mit ihren drei Söhnen und drei Töchtern kommuniziert sie in einer Sprache, die für Außenstehende kaum zu verstehen ist. Sie denken sich Kosenamen füreinander und die restlichen Familienmitglieder aus. Ironie, Spott und liebevolle Ermahnungen wechseln sich ab. Ihren Mann nennt Katia Mann manchmal ein »rehartiges Gebilde von großer Sänfte«.

Thomas Mann mag der intellektuelle Kopf der Familie sein, der entrückte Zauberer, aber Katia Mann hält alles zusammen. Sie hat für ihre Familie ihr Studium der Mathematik und Physik aufgeben, ordnet sich der Karriere des Ehemannes immer wieder unter, unterstützt ihn, so gut sie kann, sorgt dafür, dass er sich wohlfühlt und schreiben kann. Nun plant sie die Abreise. Bevor sie wieder zurück in die Vereinigten Staaten fahren, wohin sie vor den Nationalsozialisten geflohen sind, wollen sie noch die Schweiz und Schweden besuchen. Vor Sonnabend, so erfährt Katia Mann, sind aber keine Schlafwagenplätze mehr frei. Die Manns bleiben also noch ein paar Tage in Noordwijk und hoffen auf milde, sonnige Stunden.

Nachmittags trinken sie Tee im Café Seinpost und spazieren am Strand zurück zu ihrem Hotel. Ihre Gedanken kreisen immer wieder um Deutschland, die alte Heimat, die sie ausbürgerte, wo sie als Staatsfeinde gelten. Ihren gesamten Besitz haben die Behörden konfisziert, die Villa in München, zwei Automobile und Bankkonten. Zum Glück hatte Thomas Mann die Hälfte des Nobelpreisgeldes in der Schweiz deponiert. Und Sohn Golo konnte noch 60 000 Mark in Deutschland vor der Beschlagnahmung retten, ein Drittel dessen, was die Eltern in der Schweiz besaßen. Als kritischer Konservativer, der die Nationalsozialisten nicht mochte, war Thomas Mann zum Regimegegner worden. Katia Mann aber gilt laut NS-Rassenideologie als »Halbjüdin«. Die Ereignisse in Deutschland verursachen ihr schieren Ekel. Ihre jüdischen Eltern leben noch in München. Sie fürchten, von der Geheimen Staatspolizei abgeholt zu werden. Doch auch die internationalen Nachrichten bringen Katia um den Schlaf: In China führen die Japaner ein brutales Besatzungsregiment, in Europa bedrohen Deutsche und Italiener fremde Staaten. Vor allem aber Danzig macht Schlagzeilen, die Stadt, um die sich Deutschland und Polen so vehement streiten. Erst gerade hat Thomas Mann in einem Blatt gelesen, dass der »Anschluss« Danzigs ans Reich friedlich vor sich gehen werde. Den Literaturnobelpreisträger überzeugt das nicht: »Der Glaube an den Krieg wieder im Wachsen.«

Auch die Gedanken eines 22-jährigen Politikstudenten der Eliteuniversität Harvard kreisen am 1. August 1939 um Danzig. Gerade erst war er in der Freien Stadt zu Besuch gewesen, hat dort Eindrücke und Material für seine Abschlussarbeit gesammelt, in der er sich mit der Politik der westlichen Demokratien gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland beschäftigt. Danzig, so schreibt er besorgt an einen Freund, könnte der Auslöser für den nächsten Weltkrieg sein. John Fitzgerald Kennedy heißt der junge Mann. Sein Vater Joseph gilt als ein Freund des amerikanischen Präsidenten. Kennedy senior vertritt sein Land als Botschafter in London. Er ist sehr vermögend, einflussreich, hat zahlreiche Kontakte in die Spitzenpolitik und zu Wirtschaftsführern. Am liebsten würde er die Vereinigten Staaten aus allen europäischen Krisen heraushalten. Sein zweitältester Sohn sieht das anders. Und fühlt sich durch die zahlreichen Gespräche, die er in diesen Tagen führt, bestätigt.

John F. Kennedy reist in diesem unruhigen Sommer durch Europa. Er nutzt die Kontakte seines Vaters, den bekannten Namen seiner Familie. Manchmal lebt er mehrere Wochen in den Residenzen von US-Botschaftern. Kennedy erfährt dabei weit mehr über die politische Lage als viele seiner Landsleute – und er weiß auch mehr als die meisten Deutschen.

Die Schlagzeilen der gleichgeschalteten Zeitungen in Berlin, Hamburg, München oder Wien klingen ganz anders als die der freien Presse in London, Paris und Washington. Die deutschen Journalisten berichten von Angriffen auf die deutsche Minderheit in Polen, von Aggressionen aus dem Nachbarland. Ihre Kollegen in Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten schreiben über Hitlers Griff nach dem nächsten freien Land, über deutsche Provokationen und Einschüchterungsversuche.

Kennedy gewinnt seine Informationen lieber aus erster Hand. Seine Abschlussarbeit soll nicht nur auf Sekundärquellen beruhen. Sondern eindrücklich belegen, wie die Aufrüstung überall auf Hochtouren läuft und in diesem Sommer noch mal verschärft wird – genau wie der Tonfall zwischen den Regierungen.

Die Bürger Europas hingegen hoffen auf einen Sommer ohne weitere Eskalationen, in dem sie mit Familie und Freunden das gute Wetter genießen können. In Danzig messen die Meteorologen am 1. August den heißesten Tag des Jahres. An den Ostseestränden drängeln sich Tagesausflügler. In diesem Sommer läuft der Tourismus ausgezeichnet. Allein 5538 Badegäste zählt die Seebadanstalt Heubude an einem einzigen Tag. Manche Strände sind so voll, man könnte meinen, die ganze Stadt sucht Erholung von der angespannten Lage.

Keine Zeit für ein Sonnenbad oder gar einen ausgedehnten Urlaub hat hingegen Sir Neville Henderson. Der britische Botschafter in Berlin versucht, den Frieden zu erhalten. Und trotz der martialischen Sprüche manches Politikers bleibt er optimistisch. Er ist ein hagerer Mann, mit Schnauzbart und akkurat gescheiteltem Haar, mit der Haltung eines Aristokraten. An seinem Schreibtisch in der britischen Vertretung verfasst er Berichte an den Außenminister in London. Er rät zu weiteren Verhandlungen mit Hitler. Während viele Journalisten den Krieg herbeischreiben, versucht Henderson die Gemüter in der Heimat zu beruhigen. Die Lage scheint ihm zwar durchaus ernst zu sein, aber noch nicht unmittelbar gefährlich. »Wenn wir ihn richtig behandeln, so glaube ich, dass er allmählich friedlicher wird«, hatte er über Hitler noch im Februar an das Auswärtige Amt in London geschrieben. Aber was heißt »richtig behandeln« in diesen Sommertagen? Die europaweiten Gespräche, die den Frieden erhalten sollen, schleppen sich endlos dahin. Aber noch hat niemand den Krieg erklärt. Immerhin! Und so könnte es doch auch bleiben.

Die britische Botschaft befindet sich im alten Regierungszentrum der Deutschen Reichshauptstadt. Henderson residiert im Palais Strousberg, einem zweistöckigen, palastähnlichen Gebäude, mit vier korinthischen Säulen aus Sandstein vor dem eindrucksvollen Portal. Die Adresse lautet Wilhelmstraße 70–71. Der Reichstag, die Reichskanzlei und viele Ministerien liegen nur wenige Schritte entfernt. Doch Nähe zur Macht bedeutet das für den britischen Botschafter nicht zwangsläufig. Denn in den vergangenen Jahren hat Adolf Hitler in Deutschland neue Herrschaftsformen eingeführt. Wie ein mittelalterlicher Fürst reist er durchs Land, hält sich gern fern der Hauptstadt auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden auf oder in München, seiner selbstgewählten Heimatstadt. Wer etwas von ihm will, muss zum »Führer« kommen.

Henderson hat versucht, Hitler in dieser Krise hinterherzureisen. Vor wenigen Tagen machte er sich nach Bayreuth auf. Er hoffte, Hitler dort bei den Wagner-Festspielen zu treffen. Bei wuchtigen Opernklängen die Spannungen abzubauen, lautete sein Plan, den auch Winifred Wagner unterstützte, die Leiterin der Festspiele. Schließlich heißt es, dass die Musik Wagners den »Führer« geradezu verwandle, ihn ruhig, ausgeglichen, zufrieden mache. Genau die richtige Stimmung, um ihn von Aggressionen gegen Polen abzuhalten.

Hitler jedoch entzog sich dem Diplomaten einfach. Ausgeglichen zeigte er sich ebenfalls nicht. Schroff wies er den Vorschlag Winifred Wagners ab, sich mit Henderson zu treffen. Der Botschafter sah Hitler im Festspielhaus nur aus großer Entfernung. Immerhin verlief die Reise nach Bayern für ihn nicht nur enttäuschend: Die Vorstellung der »Walküre« gefiel Henderson sehr.

In der zweiten Oper des Rings der Nibelungen klagt Wotan, Hauptgott der germanischen Mythologie, über eine misslungene Intrige: »In eigner Fessel fing ich mich, ich Unfreiester aller!« Würde es Hitler bei seinem riskanten Spiel um Danzig ähnlich ergehen? Henderson wird es gehofft haben.

Von der Kriegstreiberei und dem verbalen Aufrüsten dieser Tage hält auch Birger Dahlerus nichts. Der Industrielle aus Schweden greift wie so oft in den vergangenen Wochen zum Telefon und ruft alte Freunde in London an. Zu seinen Geschäften, er vertreibt Motoren, kommt er gerade kaum. Er bereitet von Stockholm aus eine Mission vor, von der die Öffentlichkeit nichts erfahren darf. Strengste Geheimhaltung wurde ihm auferlegt. Schließlich soll er einflussreiche Engländer mit einer deutschen NS-Größe zusammenbringen.

Eigentlich qualifiziert Dahlerus nichts für diese heikle Aufgabe, außer dass er viele bedeutende Menschen kennt und selber keine Interessen in dieser Sache verfolgt. Und er ist mit beiden Ländern vertraut. Genügend Geld, sich als Privatdiplomat zu betätigen, hat Dahlerus auch. So reist er durch Europa, telefoniert, telegrafiert und trifft sich mit Bekannten, um dem Frieden eine Chance zu geben. Hermann Göring hat Dahlerus’ Plan zugestimmt. Er will sich mit einigen Briten austauschen, die sein schwedischer Vertrauter ausgewählt hat. Dahlerus möge die Zusammenkunft möglichst bald organisieren.

Göring macht Außenpolitik – an Außenminister Ribbentrop vorbei. Nicht zum ersten Mal, beide sind Kontrahenten um die Gunst ihrer »Führers« und bekämpfen sich ständig. Bislang liefen die Verhandlungen mit Polen vor allem über Göring. Und nach Großbritannien streckt er schon länger seine Fühler aus. In diesem Sommer hat er bereits einen Ministerialdirektor aus seiner Vierjahresplanbehörde, die an der »Kriegsfähigkeit« der deutschen Wirtschaft arbeitet, nach London zu hochrangigen Gesprächspartnern geschickt. Trotz der offiziellen Ziele seiner Behörde will er den Frieden erhalten. Ganz genau weiß er, dass Militär und Diplomaten auch keinen großen Konflikt wollen. Bei Hitler hat er schon versucht, den Kriegskurs zu bremsen, ganz vorsichtig. Denn sich dem Reichskanzler und Oberbefehlshaber offen in den Weg zu stellen, das wagt auch Hermann Göring nicht.

Deswegen setzt er auf die Geheimdiplomatie von Vertrauten wie Dahlerus. Lange hat der Unternehmer nach einem geeigneten Ort für das Treffen zwischen Deutschen und Briten gesucht. In Schweden fand er eine abgelegene Burg, die einem verschwiegenen Freund gehört. Görings Wunsch nach einer Garantie, dass sein Treffen mit den Briten auch geheim bleibe, konnte Dahlerus aber nicht erfüllen. Zu viele Menschen würden davon erfahren, Diener, Chauffeure und unzählige weitere Personen. Aufgeben will der schwedische Geschäftsmann aber nicht so einfach. Eine Alternative könnte ein Treffen ganz im Norden des »Großdeutschen Reiches« sein. In der Nähe der dänischen Grenze besitzt Dahlerus’ Frau ein Anwesen, ganz abgelegen am Meer. Sollte er die kleine Konferenz dorthin verlegen, wäre es Sache der deutschen Regierung, für die nötige Diskretion zu sorgen. Göring stimmt zu: In Nordfriesland stehen die Medien wie überall im Reich unter strikter Kontrolle, ein Gespräch mit einigen Gästen aus London könnte geheim gehalten werden. Aber ob die Briten da mitmachen?

Dahlerus weiß, wie empört die Engländer über Adolf Hitlers ständige Drohgebärden sind. Die wiederholten Vertragsbrüche, vor allem aber die Übergriffe auf Nachbarstaaten will eine Mehrzahl der Briten nicht mehr dulden. Diese Meinung vertritt der »man on the street« ebenso wie mehrere Minister. Im Frühjahr haben die Engländer wegen der deutschen Aggression die Wehrpflicht eingeführt. Um seine Freunde trotz der aufgeheizten Stimmung nach Deutschland zu locken, schlägt Dahlerus ihnen vor, einen schwedischen Hof mit schwedischen Wirten zu besuchen, der auf deutschem Boden liegt.

Auch unter deutschen Diplomaten gibt es viele, die für den Frieden kämpfen. Ernst von Weizsäcker, der zweitmächtigste Mann im Außenministerium, ist einer von ihnen. Er hält einen großen Krieg gegen die Westmächte für eine Katastrophe. Deutschland könne der Konflikt nur fatal schaden. Seit März 1938 dient er als Staatssekretär im Auswärtigen Amt, vorher hatte er zahlreiche Spitzenämter inne, war Referats- sowie Abteilungsleiter und Gesandter.

Den neuen Posten wollte er zunächst gar nicht antreten. Ihm sei eigentlich nicht mehr nach Karriere, hatte er damals seiner Mutter geschrieben. Da er Außenminister Joachim von Ribbentrop für steuerbar hielt, sagte er schließlich zu, obwohl er in die NSDAP und die SS eintreten musste, um Staatssekretär werden zu können. Vermutlich hat das Angebot aber auch seine Eitelkeit befriedigt – zugetraut hat er sich den Posten sofort.

»Kann man da eigentlich mitmachen?«, hatte er 1933 an einen Freund geschrieben, nachdem Hitler zum Kanzler ernannt worden war. Dessen aggressive Außenpolitik schreckt Weizsäcker nicht generell ab. Den Versailler Friedensvertrag von 1919 lehnt er ab, und er hoffte durchaus, dass Adolf Hitler dessen Revision bewirken würde. So dachten viele Konservative im Reich – auch im Auswärtigen Amt. Krieg jedoch will Weizsäcker dafür aber nicht riskieren.

Er fürchtet, dass ein weiterer großer Konflikt, den Deutschland verlöre, den Bestand des Reiches gefährden könnte. Um das zu verhindern, hat Weizsäcker vorsichtig einen Kreis Gleichgesinnter um sich gebildet, die heimlich einen Anti-Kriegskurs verfolgen. Er und seine Mitstreiter entwerfen einen ausgeklügelten Plan. Ihr Minister darf davon nichts mitbekommen. Sie setzen auf eine alternative Außenpolitik, die den offiziellen Plänen des Regimes entgegenläuft.

Der Weizsäcker-Kreis will Briten und Franzosen dazu bringen, Hitler unmissverständlich klarzumachen, dass ein Übergriff auf Polen den Weltkrieg bedeutet. Beim Einmarsch in Österreich und bei der Annexion des Sudetenlands im vergangenen Jahr hatte internationale Gegenwehr gefehlt, um die Nationalsozialisten zu beeindrucken. Bei der Besetzung von »Böhmen und Mähren« hatte Hitler die Warnungen aus London und Paris nicht ernst genommen. Diesmal muss das anders laufen, findet der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, und er will konkret darauf hinwirken.

Weizsäcker gehört nicht direkt zur Opposition gegen Hitler, die sich im Militär, im Auswärtigen Amt und anderen Ministerien gebildet hat. Aber er ist mit vielen Gegnern des Regimes vernetzt. Und er hatte einen großen Anteil daran, dass im Vorjahr die Krise um die Tschechoslowakei nicht in einen Krieg mündete. Schon damals arbeitete er gegen Hitlers riskante Außenpolitik. Und er steht in Kontakt mit einflussreichen Offizieren wie Franz Halder, Generalsstabchef des Heeres. »Man muss dem Mann mit einer Axt auf den Kopf hauen«, hatte Halder im Frühjahr noch über Adolf Hitler im Gespräch mit Neville Henderson gesagt. Halder und andere Offiziere unterstützen Weizsäcker dabei, Briten und Franzosen dazu zu bringen, den Nationalsozialisten unmissverständlich klar zu machen, dass der Angriff auf Polen zum Krieg führt.

Einige von Weizsäckers Mitstreitern im Auswärtigen Amt halten Kontakt zu Männern, die Hitler am liebsten mit Gewalt stürzen wollen. Einer von ihnen tauscht sich etwa regelmäßig mit Hans Oster von der Abwehr der Wehrmacht aus. Er hatte im vergangenen Jahr bereits mit einigen Vertrauten einen Umsturz geplant. Weil sie einen Krieg verhindern wollten und Hitlers Griff nach dem Sudetenland für Wahnsinn hielten. Doch die Westmächte gaben damals den Nationalsozialisten nach. Hitlers radikal riskante Außenpolitik hatte funktioniert. Die Verschwörer sagten den Staatsstreich ab.

Weizsäcker arbeitet im Stillen darauf hin, Hitlers Perspektive auf die polnische Frage zu verändern. Dieser meint noch immer, Briten und Franzosen seien nicht bereit, für Danzig zu sterben. Und sein Außenminister bestärkt ihn in diesem Glauben. Daher versorgen Vertraute Weizsäckers in England die Vertreter des britischen Außenministeriums mit Informationen. Der Weizsäcker-Kreis versucht, die Briten dazu zu bringen, eine eindeutige, klare Warnung an Hitler auszusprechen, um diesen von einem Angriff auf Polen abzuhalten.

Auch diese Initiative geht an Ribbentrop vorbei. Der Außenminister hofft immer noch, England dazu zu bringen, sich nicht in den Polen-Konflikt einzumischen. Er hat mit den Briten ein Flottenabkommen ausgehandelt und so diplomatische Spannungen abgebaut. Damals, im Sommer 1935, gewann er das Vertrauen Hitlers. Ribbentrop ist seit Mai 1932 Mitglied in der NSDAP. Ein Jahr später trat er in die SS ein. Mittlerweile ist er Obergruppenführer der Schutzstaffel und ein Duzfreund von SS-Chef Heinrich Himmler. In der NSDAP verfügt Ribbentrop über keine Machtbasis, die Zahl seiner Gegner und Neider ist deutlich höher als die seiner Freunde. Daher Ribbentrops enge Bindung an Himmler, einen der mächtigsten Männer im »Dritten Reich«. Zahlreiche SS-Männer sind in das Auswärtige Amt eingezogen.

Ribbentrops Außenpolitik wirkt oft dilettantisch. Er hat keinerlei diplomatische Ausbildung genossen. Er und seine Frau Anneliese sind reich, waren vor Hitlers Einzug ins Kanzleramt politisch extrem konservativ. Gäste ihrer Cocktailpartys warnten sie vor der »Bolschewistenpest«, der Ausbreitung des Kommunismus. Als die Weltwirtschaftskrise immer schlimmer wurde, wandten sie sich dem Nationalsozialismus zu. In ihrer Villa planten Hitler und Konservative im Januar 1933 die Machtübernahme. Ribbentrop half seinem »Führer« dabei, Kanzler zu werden. Aus Dankbarkeit setzte Hitler den Sekthändler für diplomatische Missionen ein.

Als Sondergesandter in London hat er einst beißenden Spott auf sich gezogen. Er begrüßte König Eduard VII. mit dem ausgestreckten rechten Arm, dem »deutschen Gruß«. Ein echter Fauxpas in der Welt der Diplomatie, in der ein festgeschriebenes Protokoll den Umgang auf dem diplomatischen Parkett regelt. Nicht nur wegen des Verstoßes gegen die Etikette scheiterte Ribbentrop auf ganzer Linie dabei, einen Sonderauftrag seines »Führers« umzusetzen: die Annäherung an die Briten. Hitler strebte lange ein Bündnis mit England an. Dafür war er bereit, auf vieles zu verzichten: auf Seemacht und Kolonien; er verbot sogar der Abwehr jahrelang, in Großbritannien zu spionieren.

Ein Militärbündnis mit Großbritannien schloss Deutschland nicht. Das Gehabe Ribbentrops, von 1936 bis 1938 Botschafter in London, beunruhigte die Briten. Die britische Regierung war dennoch bemüht, es nicht zum Krieg mit Hitler kommen zu lassen. Sie betrieb eine Politik des Appeasements, der Beschwichtigung, gegenüber dem NS-Regime. Seit dem März 1936 brachten die Briten viel Geduld mit dem deutschen Machthaber auf. Damals ließ Hitler das neutrale Rheinland besetzen – ein klarer Verstoß gegen den Versailler Vertrag. Er fürchtete ein Eingreifen der Westmächte. Aber England und Frankreich beließen es bei diplomatischem Protest. Daraufhin griff Hitler nach Österreich und nach dem Sudetenland und löste fast einen Krieg in Europa aus.

Auf der Münchner Konferenz, mit der die Sudetenkrise beigelegt wurde, gewann Hitler das Sudetenland und damit drei Millionen Bürger, die Verteidigungsanlagen der tschechoslowakischen Armee und die besten Rüstungsbetriebe dazu. Vor allem die Skoda-Werke gehören zu den modernsten Waffenschmieden Europas und produzieren nun für die Wehrmacht.

In der Sudetenkrise hatte Hitler gezeigt, worum es ihm eigentlich ging. In den Jahren davor hatte er in öffentlichen Reden stets den deutschen Willen beteuert, den Frieden zu erhalten. Im Laufe des Jahres 1939 allerdings drohte er mehrfach mit Krieg. Noch schlechter kam im Ausland allerdings an, dass er wichtige Versprechen nicht einhielt. Nach der Besetzung des Sudetenlandes annektierte er auch die Tschechoslowakei, obwohl es dort keine nennenswerte deutsche Minderheit gab. Damit zerstörte Hitler sämtliche Illusionen, dass er lediglich die Auslandsdeutschen in den Nachbarländern zurück in sein Reich holen wollte. Das Versprechen an Chamberlain im vergangenen Sommer, das Sudetenland sei seine letzte territoriale Forderung, entpuppte sich endgültig als Lüge.

Das Verhältnis zu Großbritannien verschlechtert sich seit diesem März immer weiter. Das Flottenabkommen hat Hitler im April gekündigt. England scheint nun nicht mehr bereit zu sein, weitere Zugeständnisse an Deutschland zu machen. Auch nicht im Konflikt mit Polen.

Hitler überlegt, wie er die Westmächte aus einem Konflikt heraushalten kann. Einen Mehrfrontenkrieg will er unbedingt verhindern. Er war als Soldat im Ersten Weltkrieg, hat die Grabenkämpfe mitgemacht, erlebt, wie Kameraden starben, wie sich die deutschen Truppen an zu vielen Kriegsschauplätzen aufrieben. Er selbst wurde verwundet, erhielt einen Schuss in den Oberschenkel und war nach Kontakt mit Giftgas vorübergehend blind. Ein kleiner Krieg gegen Polen, das wäre keine allzu schwere Aufgabe für seine hochgerüstete Wehrmacht. Aber gleichzeitig gegen Frankreich und Großbritannien samt Commonwealth zu kämpfen, das kommt zu früh. Wenn Hitler eines nicht will, dann ist es der Ausbruch eines neuen Weltkriegs. Zumindest nicht in diesem Sommer. Sein Zeitplan sieht einen Krieg mit England und Frankreich erst in vier, fünf Jahren vor.

Ein militärischer Erfolg gegenüber Polen sei nur zu erwarten, wenn die Westmächte aus dem Spiel blieben, sagte Hitler im Mai vor den Spitzen der Wehrmacht. Er erklärte seinen Generälen auch, dass Danzig in diesem schwelenden Konflikt nicht das Objekt sei, um das es gehe. Polen ist dazu nur der erste Schritt, danach will Adolf Hitler die Ukraine, das Baltikum und auch Russland ins Visier nehmen. Seine Regierung muss die Engländer davon überzeugen, ihm Polen zu überlassen. Wenigstens das sollte Ribbentrop doch gelingen.

Zu den dramatischen Tagen passt die Musik, die Adolf Hitler am liebsten hört, etwa »Der Ritt der Walküren«:

»Fort denn eile, nach Osten gewandt!

Mutigen Trotzes ertrag alle Müh’n,

Hunger und Durst, Dorn und Gestein;

lache, ob Not, ob Leiden dich nagt!«

Hitler besucht seit Ende Juli die Wagner-Festspiele. Bayreuth! An diesem Ort fühlt Adolf Hitler sich stets wohl. Acht Tage im Jahr verbringt er hier. Gestern hat er den »Siegfried« im Festspielhaus genossen, die dritte Oper des vierteiligen »Rings der Nibelungen«, dessen Abschluss die »Götterdämmerung« bildet. Ein passender Titel für eine Zeit, in der Adolf Hitler ein Vabanquespiel betreibt.

Er scheint in diesen Tagen selbst für Vertraute wie Hermann Göring, den Chef der Luftwaffe und Generalfeldmarschall, damit einen der höchsten Militärs im Lande, schwer berechenbar zu sein. Göring, der auch Ministerpräsident von Preußen, Parlamentspräsident des Reichstags und Beauftragter für den Vierjahresplan ist, gehört zu den wenigen, die Hitlers geheime Denkschrift über Deutschlands politische und wirtschaftliche Situation und die Unvermeidlichkeit des Krieges lesen durften, die er im August 1936 fertiggestellt hat. »Wenn es uns nicht gelingt, in kürzester Frist die deutsche Wehrmacht in der Ausbildung, in der Aufstellung der Formationen, in der Ausrüstung und vor allem auch in der geistigen Erziehung zur ersten Armee der Welt zu machen, wird Deutschland verloren sein«, schrieb Hitler vor drei Jahren. Er forderte: »Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein.« Und im November 1937 erklärte Hitler vor den Befehlshabern der Wehrmacht, dass er spätestens 1943 bis 1945 die deutsche Raumfrage lösen wolle. Demnach blieben den Generälen wie Göring noch ein paar Jahre Zeit, die Truppe einsatzfähig zu machen.

Heute, am 1. August, steht eintönige Regierungsarbeit für den »Führer« von fast 80 Millionen Reichsdeutschen an. In Bayreuth unterschreibt er einen Erlass für die Versorgung von ehemaligen SS-Angehörigen und von Hinterbliebenen verstorbener Mitglieder der Schutzstaffel.

Längst kämpft die SS, Hitlers Elitetruppe, nicht mehr nur in Deutschland – die Feinde von früher sind besiegt. Die Anführer der Sozialdemokraten sind ins Ausland geflohen, ebenso die der Kommunisten und der Gewerkschaften, viele Konservative haben sich in eine innere Emigration zurückgezogen, linke Schriftsteller und Journalisten sind verstummt oder leben im Exil weit weg von ihren früheren Lesern. Wer es nicht rechtzeitig aus Deutschland herausgeschafft hat, den sperrten die Nationalsozialisten in die Konzentrationslager oder stellten sie unter Aufsicht der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo. Längst bereitet sich die SS auf neue Aufgaben vor, auf Sondermissionen im Ausland. Für Operationen in Osteuropa plant die Schutzstaffel bereits besondere Einsatzgruppen.

Adolf Hitler will die deutsche Minderheit in Polen in sein Reich eingliedern und Danzig zurückholen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt im Februar 1933 hatte er vor Generälen von der »Eroberung des Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtsloser Germanisierung« gesprochen. Hitler träumt von deutschen Kolonien im Osten. Dafür braucht er die SS.

Wenigstens steht heute noch ein angenehmer Termin in Hitlers Kalender: Künstlerempfang in der Villa Wahnfried, dem Haus des mit Hitler eng befreundeten Wagner-Clans.

In Moskau denkt Stalin, der mächtigste Mann der Sowjetunion, in diesen Tagen häufig darüber nach, was dieser Hitler wohl vorhat. Stalin ist sein Kampfname, den er sich während der Revolution zugelegt hat. Im Russischen bedeutet er »der Stählerne«. Für seine Familie hat Stalin noch weniger Zeit als sonst. Seine Tochter, Swetlana Iossifowna Stalina, leidet. Sie verbringt in diesem Jahr keinen unbeschwerten Sommer wie so viele ihrer Schulkameraden. Die Fünfzehnjährige verliert einen der letzten Menschen in ihrem Umfeld, dem sie wirklich vertraut: ihr Kindermädchen Alexandra Andreevna. Diese war zur Zarenzeit mit einem Mitarbeiter der Polizei verheiratet, einem Diener des Unterdrückungssystems, wie die Bolschewiken es sehen. Das hat der Geheimdienst NKWD herausgefunden. Er bezeichnet die Frau als nicht vertrauenswürdig. Vergeblich hat Swetlana, die schon vor fast sieben Jahren ihre Mutter Nadja durch Selbstmord und mehrere geliebte Verwandte durch den von Stalin entfesselten Staatsterror verlor, ihren Vater gedrängt, ihr das Kindermädchen zu lassen. Doch der kann keine Tränen leiden, erst recht nicht bei seiner Tochter. Er zeigt keine Gnade, kein Entgegenkommen. Die Kinderfrau verschwindet aus Swetlanas Leben.

Von seinen Kindern verlangt Stalin, der allmächtige Generalsekretär der Kommunistischen Partei, viel. Den Lehrern der Schule 25 in Moskau teilte er mit, sie sollen vergessen, wer der Vater seines Sohnes Wasili sei, und ihn genauso behandeln wie die anderen Jungen. Vor allem aber sollen sie nicht mit Prügel sparen. Auch Swetlana darf von niemandem eine Sonderbehandlung erwarten.

Im Gegensatz zu ihrem Bruder ist sie allerdings gut und fleißig in der Schule. Im Klassenzimmer fühlt sich Swetlana oft wohler als hinter den dicken Mauern des Kremls. Stalins Tochter wächst in einer Welt voller Intrigen, Denunziationen und Spionage auf. Ihren Leibwächter, der sie überallhin begleitet, zur Schule, zu Freunden, in den Sommerurlaub, erwischt sie einmal dabei, wie er ihr Tagebuch durchblättert und den Ranzen durchsucht. Niemand im Umfeld von Stalin soll Geheimnisse haben. Auch seine Tochter nicht.

Zurück in der Villa Wahnfried. Hitler spricht im Großen Saal mit Sängern, Musikern und den Männern aus seinem Gefolge. Er liebt lange Gespräche bis tief in die Nacht. Die Zeit nach dem Abendessen, da lebt Hitler auf. Auch in großen Gesellschaften kann er charmant die Unterhaltung an sich reißen, Anekdoten erzählen, Leute imitieren.

Der Konflikt mit Polen beschäftigt auf dem Empfang viele Gäste. Ein Gerücht verbreitet sich im Saal. Die Autobahntankstellen dürfen nur noch fünf Liter Benzin an Privatpersonen ausgeben. Wird der Rest etwa für die Wehrmacht gebraucht? Irgendwann fragt jemand Hitler danach: Wird das Benzin rationiert? Hitler beschwichtigt, die Treibstofftanks würden gerade auf synthetisches Benzin umgestellt, in einigen Wochen sei die Beschränkung wieder vorbei.

Die Sängerin Marta Fuchs traut sich und spricht Hitler in einer großen Runde direkt auf die Krise mit Polen an. In ihrem breiten schwäbischen Dialekt sagt sie: »Gell, mein Führer, Sie machen keinen Krieg?« Fuchs kann sich solche Dreistigkeit herausnehmen. Sie ist seit Jahren der Star der Bayreuther Spiele. Sie hat als Isolde, Kundry und vor allem als Brünnhilde das Publikum und die Kritiker begeistert. Hitler lächelt sie milde an und beteuert: »Verlassen Sie sich darauf, Frau Fuchs, es gibt keinen Krieg.«

2. August 1939, Mittwoch

Das verdanken wir dem Führer: 142 Geköpfte. 14 000 sonstige Ermordete. Über 1 Million Kerkerjahre, verhängt über 340 000 Verurteilte. Fast ½ Million lernten die KZ kennen.

Das andere Deutschland, Exilzeitung aus Argentinien

Gefängnis statt Brot

Schwere Misshandlungen Deutscher in Polen.

Baruther Anzeiger, Heimatanzeiger aus Brandenburg

Albert Einstein greift in seinem Ferienhaus in Nassau Point auf Long Island, Bundesstaat New York, zu einem Stift. Er unterzeichnet einen Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Das Schreiben haben namhafte amerikanische Physiker verfasst und Einstein, den berühmtesten Naturwissenschaftler seiner Zeit, als Unterstützer für ihre politische Kampagne gewonnen.

Einer der Initiatoren, Leo Szilárd, Professor an der Columbia-Universität, kennt Einstein seit Langem, in den zwanziger Jahren habe beide zusammen einen Kühlschrank entwickelt. Seit Jahren hat sich Szilárd der Kernforschung verschrieben, mit Uranoxid experimentiert. Er entdeckte 1933 die nukleare Kettenreaktion und weiß, dass deutsche Physiker ebenfalls zu radioaktiven Elementen forschen. Vor einem halben Jahr, Ende 1938, haben Otto Hahn und Fritz Strassmann in Berlin das Verfahren der Kernspaltung entdeckt. In ihrem Brief warnen Einstein und seine Mitstreiter vor einer möglichen Aufrüstung Deutschlands mit einer mörderischen neuen Massenvernichtungswaffe.

Einstein traut den Deutschen fast alles zu. Sie haben ihn ausgebürgert, seine Bücher öffentlich verbrannt, ihn verfolgt. Er verließ noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten das geliebte Berlin.

Und die Deutschen beobachten seitdem, was Albert Einstein so treibt. Alle Auslandsmissionen behalten rund um den Globus im Blick, was die Gegner der nationalsozialistischen Regierung unternehmen. Die Diplomaten sammeln Äußerungen und melden alles an die Zentrale in Berlin. Ihr Auftrag lautet: »sämtliche Tätigkeit der sozialdemokratischen und kommunistischen Flüchtlinge zu beobachten und umgehend zu berichten«. Es geht um die »wirksame Bekämpfung aller gegen den Bestand und die Sicherheit des Staates gerichteten Angriffe«. Einstein war in Berlin Anhänger der SPD. Und er ist Jude, allein das macht ihn zum Gegner der Nationalsozialisten.

Die Angst Einsteins und einiger seiner Kollegen in den Vereinigten Staaten vor der Aufrüstung in Deutschland ist nicht unbegründet. Ihr österreichischer Kollege Paul Harteck, der in Hamburg forscht und lehrt, hat bereits im Frühjahr 1939 die Wehrmacht auf die »neuste Entwicklung in der Nuklearphysik« aufmerksam gemacht. Mit der Kernspaltung sei es wahrscheinlich möglich, »Waffen von viel größerer Stärke hervorzubringen als die konventionellen«. Und Harteck ist sich sicher: »Das Land, das zuerst Gebrauch davon macht, ist den anderen Ländern gegenüber unübertrefflich im Vorteil.«

In Einsteins alter Heimat gedenkt man heute des Ausbruchs des Großen Krieges. Generaloberst Walther von Brauchitsch, Oberbefehlshaber des Heeres, wendet sich in einem Tagesbefehl an seine Männer. »Soldaten! Heute vor 25 Jahren zog das deutsche Heer in den Krieg. Niemals hat ein Heer tapferer gekämpft, mehr Opfer gebracht und größere Siege errungen als die deutsche Armee von 1914 bis 1918. Wieder versuchen die gleichen Kräfte, die uns damals zum Verteidigungskampf gezwungen haben, Deutschland einzukreisen. Wir wollen Frieden!« Zumindest wollen die Generäle nicht gegen England, Frankreich und Polen gleichzeitig ins Gefecht ziehen. Sie fürchten einen Kampf an zwei Fronten.

Über den Krieg, den alten, der so viel Leid bewirkte, und einen möglicherweise künftigen Konflikt, der erneut Hunger, Tod und Elend bringen könnte, denken an diesem Tag viele Deutsche nach. Überall im Land finden Gedenkfeiern zum Beginn des Ersten Weltkriegs statt. Die Nationalsozialisten haben den 2. August zum »Tag der Wehrmacht« erklärt. Deren Verklärung ist staatlich organisiert: Aufmärsche, Militärmusik, Ansprachen im Fackelschein.

Aber selbst mancher Veteran in der Armee fürchtet den nächsten Waffengang. Gerade die älteren Jahrgänge, die zwischen 1914 und 1918 an der Westfront oder im Osten das Massensterben überlebt haben, schätzen den Frieden sehr. Bislang hat es der »Führer« geschafft, ohne Blut zu vergießen, das Reich zu vergrößern. Wird es dabei bleiben?

In Bayreuth gönnt Adolf Hitler sich noch immer eine Auszeit von der außenpolitischen Krise und nimmt sich Zeit für private Treffen. Auf einen Termin mit ihm haben sich besonders zwei britische Ladys schon lange gefreut. Unity und Diana Mitford besuchen die Wagner-Festspiele in Bayreuth als persönliche Gäste des »Führers«. Und sie speisen mehrfach mit ihm. Endlich haben sie Hitler, den beide sehr verehren, einmal länger für sich.

Die Mitford-Schwestern sehen gut aus, gelten bei den Nationalsozialisten als nordische Schönheiten. Unity, gut 1,80 Meter groß, hat leuchtend blaue Augen und glatte Haut, ihr Haar leuchtet golden. Allerdings neigt sie dazu, sich stark zu schminken, was im nationalsozialistischen Deutschland nicht dem Frauenideal entspricht. Hitler sieht über den knallroten Lippenstift und das Rouge hinweg. Sein Auslandspressechef aber hat die Mitfords einmal gezwungen, sich mit seinem Taschentuch die Farbe aus dem Gesicht zu wischen. Sie hatten einfach zu viel Unmut bei Hitlers ungeschminkten Anhängerinnen erregt.

Diana ist die Frau von Sir Oswald Mosley, dem Anführer der britischen Faschisten. Sie haben in Berlin geheiratet, in den Privaträumen des Propagandaministers. Ihre Schwester Unity, Hitler und Joseph Goebbels waren bei der Zeremonie dabei. Und Unity gehört seit Jahren zu Hitlers engerem Zirkel. Beide haben sich mehr als hundertmal getroffen, er lädt sie zu den Parteitagen nach Nürnberg ein oder zum Teetrinken in seine Münchner Privatwohnung. Die SS-Leibstandarte des »Führers« nennt sie heimlich »Lady Mitfahrt«, weil sie ständig in einem Wagen mit Hitler sitzt – oder hineinwill.

Manch ein Mitglied von Hitlers Entourage wundert sich darüber, dass eine Britin so einen engen Zugang zur Staatsspitze erhält. Einer von seinen Adjutanten notiert sogar in seinem Tagebuch: »Uns Soldaten ist nicht klar, welche Rolle die Lady M. spielt. Ist sie eine Spionin, eine Angeberin oder wirklich die fanatische Führeranhängerin, als welche sie sich immer ausgibt? Eins ist klar, sie verfügt über ein ausgezeichnetes Nachrichtennetz. Sie weiß immer, wo F. ist.« F. steht für »Führer«.

Neue Basler Zeitung