Über Lene Albrecht

Lene Albrecht, geboren 1986 in Berlin, studierte Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder), Literarisches Schreiben in Leipzig sowie als Gast im Studiengang Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. Sie war Stipendiatin der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen 2014 und 2015, des 20. Klagenfurter Literaturkurses und der Jürgen Ponto-Schreibwerkstatt 2017, wo sie Auszüge aus ihrem Debütroman vorstellte. Längere Aufenthalte in Neuseeland, Frankreich und Togo. Sie lebt in Berlin und arbeitet u.a. für Deutschlandfunk Kultur / Hörspiel. Neben Veröffentlichungen auch Ausstellung multimedialer Arbeiten und Kollaborationen wie für die Soundinstallation CALL HOME und die Video-Serie GIRLS GIRLS GIRLS.

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»Heute weiß ich, dass ein Fenster nur einen Ausschnitt von etwas bildet. Vielleicht geht es nicht darum, etwas Bestimmtes zu zeigen, sondern darum, alles andere zu verbergen; eine dieser Wahrheiten, die man im Nachhinein zu verstehen glaubt, und ich gehe nicht so weit, mir einzubilden, es sei die einzig mögliche.«

»Wir, im Fenster« erzählt in eindringlichen Bildern von einer rauen Kindheit im Berlin der Nachwendezeit, von zwei einst unzertrennlichen Freundinnen – und von dem Sommer, in dem ein unverzeihlicher Verrat einfach alles verändert.

Linn beobachtet zwei Mädchen in der U-Bahn, und auf einmal ist sie wieder da: Laila, ihre Kindheitsfreundin, und pocht immer lauter auf ihren Platz in Linns Leben. Wie damals, als die beiden Mädchen noch unzertrennlich einem widersprüchlichen Ort mitten in Berlin trotzen, wo das Schöne und das Grausame nah beieinander liegen. Als Laila für eine Weile zu Linns Familie zieht, geht die Freundschaft – geprägt von kindlicher Liebe, Eifersucht und erwachender Sexualität – schleichend in die Brüche, bis etwas Unverzeihliches geschieht und Laila in den heißesten Tagen des Sommers schließlich ganz verschwindet, ohne sich zu verabschieden. Während sich der Ort von damals auflöst, tastet Linn sich zurück, zweifelnd, ob sie sich selbst trauen kann, und fragt nach dem warum.

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Lene Albrecht

Wir, im Fenster

Roman

Inhaltsübersicht

Über Lene Albrecht

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Prolog

Wir

Im Fenster

Impressum

Für S.

Es ist nicht so, als hätte ich vorher nie an diesen Ort gedacht. Manchmal kehre ich zurück in unser Gebiet, kurz bevor ich ganz wach bin. Dann steht die Tür für einen winzigen Moment offen. Licht fällt dünn darüber, es kommt oder es geht gerade, ich kann nichts dagegen tun; da stehen die Mülltonnen wie kleine Bunkeranlagen. Sekunden verstreichen, nichts passiert. Keine Taube fliegt, kein Kind spielt. Und ich frage mich so allmählich, was bloß mit diesem verdammten Ort los ist, bis es mir wieder einfällt. Dann beginne ich panisch das Bild mit Menschen und Dingen aufzufüllen. Mit den Familien, die jetzt dort leben müssen, dem Zeug, das sie gestern im Sandkasten haben liegen lassen. Mit einem halb verschütteten Eimer, dessen Öffnung schief aus dem Sand ragt, so dass sich darin über Nacht etwas schmutziges Regenwasser gesammelt hat. Mit Kindern, die aus der noch feuchten Erde die Regenwürmer pflücken. Barfuß laufen sie über die warmen Steine, auf denen das Regenwasser verdampft, und sie sperren die nass glänzenden Würmer in mitgebrachte Marmeladengläser, wo sie sich blitzschnell umeinanderknoten und so zu einem einzigen Klumpen schmelzen. Mit Kindern, die in die wilden Büsche hinter dem Zaun starren und ho-ho-ho schreien, während sich Junkies dort einen Schuss vorbereiten. Oder Steinchen werfen, dann springen sie auf, laufen weg. Kinder, die wütend an den Ästen der alten Kirsche zerren, als schulde sie ihnen was. Irgendwas, sie wissen es selbst nicht genau. Mindestens aber die schweren Tropfen, die sie aufgefangen hat und nun verschenkt, bis alle klatschnass sind. Und obwohl alles anders ist, wird hier in Wirklichkeit nichts Neues passieren. Auch wenn ich mich anstrenge, ich weiß das.

Wir

Zuerst sah ich nur ihre Beine, die tief gebräunt aus kurzen Shorts ragten und an Waden und Knöcheln mit aufgekratzten Mückenstichen übersät waren. Dicke rote Quaddeln saßen zwischen leuchtend feinen Härchen wie Unruhestifter. Sie mussten die letzten schwülen Tage und vielleicht sogar Nächte im Freien verbracht haben, diese vier Beine, im Park oder nah am Wasser, und sie verschwanden in mit Dreck verkrusteten Turnschuhen, die ich selbst einmal getragen hatte, das fiel mir plötzlich wieder ein; dieses eine Modell. Wir trugen alle Superstars an den Füßen.

Wann genau hatte ich sie gegen Lederschuhe eingetauscht, warum. Ich hob nur kurz den Blick, sah über den Rand meiner Kopien. Sie stiegen Prinzenstraße ein und blieben dicht bei der Tür stehen.

Ich versuchte mich zu konzentrieren.

Ich hatte neuerdings angefangen, auch die Wege für meine Doktorarbeit zu nutzen, seit die Abgabe immer näher rückte. Es blieb nicht viel Zeit, es war eigentlich keine große Sache, denn ich war fast fertig. In diesem Moment verengte sich etwas, ich legte zwei Finger an den Hals, wanderte tiefer, legte sie in die Mulde unter dem Kehlkopf. Die Türen schlossen sich, ein Muskel zuckte. Obwohl es noch nicht spät sein konnte, war ich erschöpft. In der gegenüberliegenden Scheibe versuchte ich mich zu erkennen. Mein Gesicht sehen, entweder das, oder von jemandem laut bei meinem eigenen Namen gerufen werden. Nichts von beidem schien möglich. Es war zu hell, ich war allein, und als ich das nächste Mal aufsah, saßen da die Mädchen.

Es war etwas an der Art, wie die eine die andere berührte. Im Sprechen nahm sie eine Haarsträhne der anderen, tiefschwarz und kinnlang, in ihre beiden Hände, wendete sie so selbstvergessen, als wäre es ihre eigene. Sie strich sich damit über die geöffnete Handinnenfläche, als hielte sie einen Pinsel, und die andere störte sich nicht daran, im Gegenteil.

Wie sie da saßen, die Gesichter einander zugewandt, machte es den Eindruck, als wären sie nur ein einziger Körper. Jung und kräftig, bereit, sich allem zu widersetzen. Da war ein jugendlicher Trotz in ihren Augen, obwohl ihre Körper noch Kinderkörper waren. Sie teilten sich eine hellrote Flüssigkeit aus einer bauchigen Glasflasche, die schnell von einem Mund zum anderen wanderte, Schluck um Schluck. Dieser Geschmack, süß und sauer, vielleicht war es Blutorange. Das Etikett hatten sie weggerubbelt, aber man sah noch die weißen Krümel, Rückstände des Klebers. Schwerfällig fuhr der Zug an. In den Fenstern wuchs ein Klinkerbau schräg in den ruhigen Himmel, seine Kante saß schief, es war ein schöner Morgen. Im Waggon staute sich die Hitze des angebrochenen Tages, es roch nach vielen verschiedenen Deos und klebrigen Körpern, die ihre Abdrücke in den Bänken zurückgelassen hatten.

Ich hatte lange nicht an sie gedacht, aber da war sie. Da war Laila, und sie ging nicht mehr weg.

Nur ein Bild. Sie steht in unserem Hauseingang, lehnt mit dem Rücken zur Wand, an den Klingelschildern, um sich vor dem Regen zu schützen. Sie macht sich klein, obwohl das schwierig ist. Sie ist von Natur aus eher robust, in dieser Hinsicht ähneln wir uns. Wir haben beide große Knochen. Damals sind wir dreizehn Jahre alt, und ich komme von der Schule und sehe sie dort stehen. Es ist der Beginn des Winters, die Luft unerwartet kalt und dicht. Man sieht ihren Atem schon von Weitem aus dem Mund fliehen. Vorm Haus die Linde. Im Frühjahr begräbt sie alles unter Honigtau, die Straße, die Autodächer, den Bürgersteig, und macht so unsere Schuhsohlen klebrig. Jetzt ist sie beinahe kahl. Laila trägt eine violette Mütze, die ich an ihr nicht kenne. Vorne drauf ist ein Pandabär gestickt. Später wird sie mir erzählen, dass sie die Mütze auf der Straße gefunden hat, auf dem Weg von der Schule zu uns. Wie sie in einem der Knallerbsen-Sträucher am Eingang zum Park hing. Eine Einladung, wird sie sagen, ein Geschenk, weißt du. Ein kleines Kind musste sie verloren haben, denn sie ist viel zu klein für ihren Kopf, rutscht hoch, Laila zieht sie herunter, über die Ohren, den Knorpel der Muschel, sie rutscht wieder hoch. Eine richtige Kleinkindmütze. Dann lässt Laila resigniert die Arme fallen und sieht in Richtung der Kirchturmspitze, hebt das Kinn, sieht daran vorbei, streift unbestimmt in eine Ferne, während der Regen ihre Schuhspitzen trifft. Und obwohl ich mich ihr damals näherte und die Haustür aufschloss, wir gemeinsam in unseren klammen Jacken hochstiegen, ist sie dort stehen geblieben. Wartend steht sie da, auch heute noch. Ein Gespenst, knapp zwanzig Jahre später. Sie war nie wirklich verschwunden. Eine Idee, die ich irgendwo geparkt hatte, um später darauf zurückzukommen, und dann einfach vergaß.

Habe ich sie nicht oft genug gebeten? Sie solle schon hochgehen, auch ohne mich. Feierlich überreichte ich ihr einen Ersatzschlüssel, der auf eine dicke Kordel aus Nylon aufgezogen war, dick wie ein Regenwurm, und an den Enden steckten Plastikröhrchen, um alles zusammenzuhalten.

Und jetzt, sagte sie.

Jetzt kannst du damit machen, was du willst.

Sie klappte den Kiefer auf, ganz kurz nur, und streckte mir ihre rosa Zunge entgegen, die dick und samtig in ihrer Mundhöhle lag.

Dann klappte sie den Kiefer wieder zu: Sowieso.

Klipp. Klapp.

So war sie.

Laila, die Türen öffnen kann.

Trotzdem legte sie die Kordel um den Hals, trug den Schlüssel von nun an als Kette, aber unter dem T-Shirt, nah am Herzen, als wäre sie zu kostbar, um sie jedem x-Beliebigen unter die Nase zu reiben. Sie benutzte den Schlüssel nicht. Und als sie es endlich doch tat, wollte ich sie um jeden Preis davon abhalten.

Unter uns schoss die Landschaft des neu angelegten Parks vorbei, wo früher die Brache mit ihren paar Lauben gelegen hatte. Die Mädchen mir gegenüber verdrehten sich ihre Hälse, um hinaussehen zu können, in eine Art grüne Schlucht. Wie ich als Kind hier mit Götz und anderen Aktivisten demonstriert hatte. Menschen aus der Nachbarschaft in grob gewebten Strickjacken und mit schweren gelben Gummistiefeln, die mir irgendwie suspekt gewesen waren, sie nannten ihre Gruppe Initiative und schrieben sich die Rettung von Eichhörnchen und Fröschen auf die Fahne, wo es gar keine gab, zumindest konnte ich sie nirgends entdecken. Sie waren für den Schutz der Umwelt, vor allem anderen gegen die Inbetriebnahme der Bahn. Sie wollten ihre Ruhe, das verstand ich wiederum. Seit die Mauer gefallen war, waren sie von der städtischen Peripherie mitten ins Zentrum gerückt, und was hätten sie dagegen schon tun können. Es war nasskalt, der Boden sumpfig aufgequollen. Niemand außer uns, die wir dort standen, schien davon Notiz zu nehmen, dass wir dort standen und uns für die Umwelt den Arsch abfroren. Weit und breit keine Presse in Sicht, nur ein selbst ernannter Fotograf, der die Aktion mit seiner kleinen Kodak dokumentierte, sich bückte, ohne ersichtliche Not. Vielleicht weil er das Bild von jemandem imitierte, der sich zum Fotografieren bückt. Heute sah ich einen dichten Nieselregen, wie plötzlich vor die Linse geweht. Etwas verstummt augenblicklich, die rostigen Gleisbetten werden mit einer Art Rindenmulch aufgefüllt, die Müllkippe entsorgt. Jetzt gibt es Abfalleimer. Vor einer verfallenen Hütte, die notdürftig mit Decken zugehangen ist, gleich neben den Gleisen, steht ein einzelner kaputter Plastikstuhl. Den Besitzer zerrt man aus seinem Unterschlupf, er muss sich eine neue Bleibe suchen, und zwar schnell. Hier wird schon bald die legale Wand stehen, die man den Sprühern verspricht. Das Hellgrün der Rasenfläche leuchtete jetzt, unter der Augustsonne, kräftig und künstlich gegen alles an, was vormals gewesen war. Das Brache, das Kaputte, der Gestank des Mülls. Menschen joggten unter den Schienen der Hochbahn hindurch. Rechts ragte der Potsdamer Platz auf, in etwas Entfernung, links leuchteten Lastenkräne in Gelb und Orange. Sie fassten nach den Rohbauten, die ganz plötzlich überall wie Pilze aus dem Boden schossen. Sie reihten sich um den Park wie die Jahresringe in Baumstämmen, nur dass sie von außen nach innen wuchsen, nicht umgekehrt, die Wohnungen schlossen immer weiter auf, und ich war zuerst dagegen gewesen, hierherzuziehen, in eine dieser Neubauten, als Georg mit dem Vorschlag kam. Es fühlte sich wie ein Betrug an, nur konnte ich ihm nicht erklären, wer wen um was betrügen sollte, vielleicht weil ich wusste, dass wir keine echte Wahl hatten. Der Wohnungsmarkt ist nicht gerade jener Lebensbereich, an den man viele Forderungen stellen kann, versuchte Georg mich zu überzeugen. Wir hatten Glück gehabt mit der Genossenschaft, wir brauchten mehr Platz, wir fanden ihn nirgends sonst, also gab ich nach.

Kurz nach dem Gleisdreieck verschwanden wir im Tunnel, die Deckenlichter gingen flackernd an, wir durchquerten das frei stehende Haus, sanken immer weiter in die Erde, einen weichen Kern. Meine Eltern waren vor fast einem Jahrzehnt weggezogen, zuerst Götz, später Ingrid. Georg hatte mich einmal vor vielen Jahren gebeten, ihm zu zeigen, wo genau ich aufgewachsen war. Na hier, hatte ich gesagt. Ja, schon, aber deine Schule, deine Spielplätze, Bäume, Sträucher, Boden, was weiß ich.

Er wollte die alten Geschichten hören, das ganze Programm, er fragte: Wo hast du zum Beispiel Cowboy und Indianer gespielt?

Vielleicht, sagte ich, habe ich so etwas gar nicht gespielt. Aber das war gelogen.

Er kam aus einer kleinen Stadt bei Münster, wo es im Frühjahr unverschämt grün war, es roch nach dem Mist der Schweinemastanlagen, und es gab jede Menge Kreisverkehre und summende Windkrafträder. Außerdem führte eine der Hauptdrogenkurierlinien von der niederländischen Grenze mitten durch den Ort hindurch, in ein altes verfallenes Bauernhaus am Rande, hinaus durchs westdeutsche Hinterland gen Osten und dann schnurstracks in die Hauptstadt, Richtung Kundschaft. Es war nicht schön, es war überschaubar.

Wir hielten Kurfürstenstraße, und sofort waren da diese Klohausfarben, wie Götz sie früher genannt hatte, Kacheln in Gelb und Blau, Rosa und Violett, alles in Pastell, durchzogen von merkwürdigen grünen Fäden, die wie Gräser aus den Schienen stachen. Die anderen Farben formierten sich zu Rauten, Quadraten und Dreiecken, bildeten ein Muster im Raum, und ich kam mir vor wie ein Fisch im Aquarium, der unaufhörlich an den Grenzen seiner eigenen Welt scheitert.

Bevor Lailas Großmutter sie zurückließ, waren wir zu gleichen Teilen bei ihr und bei mir, wenn wir nicht gerade im Hof spielten. Bei Laila saßen wir am Fenster, lugten unter den Häkelgardinen hindurch und warteten auf die U-Bahn, die entgegen ihrem Namen über der Erde fuhr, hier in die Kurve ging, sich ungeschickt um die Kirchturmspitze wickelte, so dass es gefährlich quietschte. Die Strecke war noch neu. Sie wurde vor drei Jahren wieder in Betrieb genommen, aber die Gesichter der Passagiere im Inneren hingen dort gleichgültig wie Monde. Es war Laila gewesen, die mir von dem Unglück erzählt hatte. Keine Ahnung, woher sie das wusste, vielleicht hatte jemand es ihr in der Schule erzählt. Sie ging auf eine andere als ich, nur wenige Straßen entfernt. Meine Eltern hatten mich vorm Eintritt in die erste Klasse aufwendig umgemeldet, offiziell wohnte ich in einem anderen Teil der Stadt, bei einer Frau, die Schulterpolster in ihrer rosa Bluse trug. Eine höfliche Dame, die ich nur einmal sah und die mir zu diesem Anlass einen Kirschlutscher mit grünem Stiel geschenkt hatte, der aus Pappe war und sich in meinem Mund schon langsam begonnen hatte aufzulösen, als wir die Wohnung verließen. Wahrscheinlich wurde sie im Gegenzug bezahlt.

Damit du nicht mit den ganzen Assis wie mir in einer Klasse festsitzt, sagte Laila einmal, sie lachte darüber, wir beide, und obwohl Laila kein Assi war, hatte sie natürlich recht. Es hieß, dass in den Grundschulen dieser Gegend kaum Deutsch gesprochen wurde.

Immer wenn sie sich also langweilte, weil es sehr still war, schloss sie ihre Augen, hob leicht das Kinn an und fragte theatralisch: Hörst du sie? Und sie meinte damit die Toten vom Gleisdreieck, zwanzig Stück waren es gewesen. Vor fast hundert Jahren waren hier zwei Züge ineinandergekracht, noch bevor man die Station zum Umsteigebahnhof mit zwei Linien auf getrennten Ebenen ausgebaut hatte, aber nur einer von ihnen war abgestürzt. Es hatte nicht an der Technik gelegen, was nahelag. Es war menschliches Versagen gewesen. Laila schob diesen Nachsatz immer ungerührt hinterher, er fiel wie ein Schatten auf die Geschichte. Irgendetwas freute sie diebisch daran. Ich konnte sie hören, die Toten und ihre heiseren Rufe, obwohl ich wusste, dass das unmöglich war.

An einem Nachmittag zog Laila die golden glänzende Hülle eines Lippenstifts aus ihrer Rocktasche. Sie legte einen Finger an den Mund, um mich zum Schweigen zu bringen, dann malte sie einen Bogen an die Scheibe.

Was machst du, flüsterte ich, wir würden dafür Ärger bekommen. Laila mehr als ich, denn ich war ihr Gast.

So waren die Regeln. Aber für Regeln interessierte sich Laila nicht besonders.

Sie antwortete nicht auf meine Frage, zog stattdessen einen zweiten Bogen. Das S hatte die Farbe von Pflaumen.

Jetzt du.

Ich malte das O. Es war schief und gefiel mir nicht besonders, kippte leicht zur Seite weg. Die untere Linie verschmierte, als ich versuchte, es zu korrigieren.

Aus der Küche hörte man, wie die Großmutter mit einem Rührbesen Eier schlug. Ich dachte nach, zu lange. Laila nahm mir den Lippenstift ab, sie war immer eine Sekunde schneller, mir einen Schritt voraus, drückte jetzt zu stark auf, die Spitze brach ab, plumpste auf das Fensterbrett.

Siehst du, sagte ich, und sie lachte darüber.

Was soll's. Behutsam führte sie die Spitze ohne Fassung über die rutschige Oberfläche, ihre Finger färbten sich violett.

Ich las laut: S O S.

Laila hatte diese merkwürdigen Ideen, und wenn sie sprach, klang ihre Stimme wie eine, die tief in mir selbst verschüttet war.

Und jetzt warten wir, sagte sie mit Bestimmtheit.

Auf dem Flur waren leise, kurze Schritte zu hören.

Ob jemand kommt und uns mitnimmt, führte sie ihren Gedanken fort.

Manchmal fürchtete ich mich vor dieser Stimme. Eine Tür ging knarzend auf und gleich darauf wieder zu, es war nicht unsere.

Wohin denn, fragte ich, erleichtert darüber, nicht aufgeflogen zu sein. Zwischen den Fensterscheiben lagen lauter tote Fliegen. Sie hatten die Beinchen nach oben gereckt, lagen verteilt auf dem weißen Lack, auf der Seite oder dem Rücken, ganze fünf Stück, und glänzten im Licht um die Wette. Wie waren sie dort hineingeraten? Wer hatte sie in Gefangenschaft genommen? Was war mit ihren winzigen Seelen passiert?

Laila schüttelte den Kopf, als hätte ich nichts verstanden.

Ich weiß nicht, irgendwohin, sagte sie, oder ist das vielleicht wichtig.

Ich schwieg und dachte nach, über diesen Ort, wie er zu sein hätte, aber es gelang mir nicht. Und so landete ich immer wieder bei den Fliegen, den zarten Linien in ihren Flügeln, die zusammengenommen ein Muster ergaben, ihren grünlich und golden schimmernden Körpern, die vom Tod in die Krümmung gezwungen worden waren. Es war furchtbar anzusehen, und es war köstlich. Durch einen der Körper zuckte es, aber ich verstand sofort, dass es nur mein Lidschlag gewesen sein konnte. Die Dinge waren nicht das, was sie vorgaben zu sein. Ich musste die Augen schließen und heimlich bis fünf zählen, ehe ich Laila ansehen konnte. Ihr schönes Laila-Gesicht. Durch ihre spiegelnden Pupillen geisterte etwas Suchendes: Und wer bist du nun eigentlich?

Vielleicht war es das, was sie wirklich wissen wollte.

Und so schaute ich zurück, durch die Spiegelung, in das Schwarze hinein, sagte mir: Da steckt also eine Laila drin.

Versuchte ich wirklich, in sie hineinzugucken? Damals glaubten wir noch an Dinge wie Telepathie. Das funktionierte so: Laila stand von ihrem Stuhl auf, also stand auch ich von meinem Stuhl auf. Laila war im Begriff, ihren Teller abzuschlecken, also fuhr auch ich blitzschnell mit meiner Zunge über die glatte Oberfläche des Porzellans. Laila lachte, ich fiel in das Gelächter mit ein.

Laila nickte, und ich nickte und nickte und nickte, während Laila schon darüber nachdachte, was sie als Nächstes tun würde. Manchmal versuchte ich mit aller Kraft, meine eigenen kruden Gedanken zu unterdrücken, nur damit Laila mich nicht dabei ertappte, wie ich an etwas anderes dachte. Und jetzt? Egal, wie konzentriert ich überlegte, mir fiel kein Ort ein, an dem ich hätte lieber sein wollen. Und vielleicht war genau das ein Problem. Eine Welt außerhalb dieser schien mir unerhört, auch wenn es mir heute seltsam vorkommt, von damals als der einzig möglichen auszugehen.

Laila rollte genervt die Augen.

Was?, fragte ich.

Das wäre doch gut zu wissen, findest du nicht, sagte sie, nur um sicher zu sein, meine ich.

Sicher?

Dass man sich auf die anderen Menschen verlassen kann natürlich, und ich antwortete ihr, aber du kannst dich ja auf mich verlassen, und sie lachte darüber so laut, als hätte ich einen Witz erzählt, den sie nicht verstanden hatte, etwas verlegen, aber ich meinte es ernst und sah sie auf diese Weise fest und durchdringend an.

Du Idiotin, sagte ich.

Da hörte sie auf.

Ich weiß, Linn, na klar, das weiß ich doch.

Was wusste sie? Nicht mal ein Jahr verging, und wir würden nicht mehr wir selbst sein. Laila würde ihre dämliche Mütze tragen, ich meine Scham.

Wir wären immer noch Kinder.

Was ich weiß, ist das hier: An eine Zeit vor Laila kann ich mich nicht erinnern. Sie war immer da, wie meine Arme, meine Beine, mein Kopf, der auf meinem Rumpf saß und eben auf keinem anderen. Wir waren Kinder genug, um wie selbstverständlich ein Bett zu teilen, obwohl es zwei davon gab. Eines oben, das andere unten, aber das obere brauchten wir nicht. Nur, um heimlich von dort nach unten zu springen, wenn wir vom Zaubertrank gekostet hatten. Wir rannten durch den Hinterhof, den sich mehrere Häuser teilten, unser Gebiet. Wir hielten uns aneinander fest. Wir zogen uns abwechselnd und ließen uns von der anderen ziehen. Wir liefen barfuß, obwohl das verboten war, so dass unsere kleinen Sohlen auf den bloßen Boden klatschten und wir schwielige Stellen bekamen. Nie traten wir dabei in eine Glasscherbe, wie die Erwachsenen es uns prophezeiten. Wir hatten Glück und fanden nichts seltsam daran. Wir warfen Kusshände in die Luft, wo die Tauben um den Kirchturm segelten und von dort oben bewegliche Punkte auf den Asphalt malten. Wir jagten ihre Schatten. Wir spielten Ich sehe was, was du nicht siehst, und ich gewann jedes Mal. Wir sprangen ins Gebüsch und schreckten die Amseln auf, fanden kleine tote Tiere und bauten ihnen Gräber im Unterholz, auf die angedrückte Erde stellten wir winzige krumme Kreuze, die aus zusammengebundenen Ästen bestanden. Obwohl wir keinen bestimmten Glauben hatten; keinen, der auf jemanden oder etwas gerichtet war. Ich nehme an, wir brauchten keinen. Wenn es geregnet hatte, suchten wir nach Schnecken und Regenwürmern. Überall roch es nach Erde. Mit den Schnecken veranstalteten wir ein Rennen, die Regenwürmer zerteilten wir mit einem Stöckchen in zwei gleiche Teile. Woher eigentlich dieser wahnhafte Glaube kommt, man könne aus einem Körper zwei machen. Natürlich, die Rippe.

Erst später las ich, dass immer nur das Ende mit dem Kopf überlebt, mit den ganzen Organen dran, und das abgetrennte Hinterteil des Wurms zwangsläufig abstirbt. Ein Wurm hat schließlich nur zwei Augen, nicht vier. Damals fragten wir nicht danach. Wir hatten keinen Grund, alles schien möglich. Wir sammelten in unseren Handtellern auch giftige blaue Beeren und drückten so fest zu, bis der dunkelrote Saft als Blut an unseren Ellenbogen hinabrann.

Schau, ich blute, riefen wir Ingrid zu und lachten, weil sie sich jedes Mal aufs Neue täuschen ließ. Oder tat sie bloß so? Sie, die weiter hinten bei den Beeten saß, mit Susanne auf der Bank, sie tranken schwarzen Kaffee und rauchten und schienen manchmal zu vergessen, dass wir auch da waren. Das war uns recht. Wir stiegen auf den schiefen Turm aus morschem Holz neben dem Sandkasten, um dort von niemandem gefunden zu werden, fegten den Boden, streuten Köpfe von Löwenzahn darauf, bis uns langweilig wurde. Es schien alles so einfach. Gab es damals so etwas wie Langeweile? Über uns schlug die Kirchenuhr. Ich war geduldiger als heute. Der Hof genügte uns. Wir genügten einander. Wir warteten auf die Dämmerung und stiegen dann in unser Bett. Mit unseren schwarzen Fußsohlen hinterließen wir unheimliche Muster auf den Laken. Ganz selbstverständlich landete meine Hand zwischen Lailas Schenkeln, immer aufs Neue, dazu mein Kopf auf ihrem Bauch, so lagen wir im Bett, die Körperteile verstreut. Und bis heute kann ich nicht den Geruch an meinen Fingern beschreiben, wenn ich sie dort unten berührt hatte. Jede von uns hatte ihre stinkende Lust.

Damals hatten wir keine Scham, wir hatten Muschis, Mösen oder Scheiden, und unsere Körper gehörten uns. Bis Laila es irgendwann ihrer Großmutter erzählte, die sagte:

Ihr müsst damit aufhören.

Wir müssen damit aufhören, sagte Laila.

Und womit, fragte ich, obwohl ich die Antwort längst kannte, es vielleicht schon immer gewusst hatte, aber nun, da es ausgesprochen war, fühlte ich mich betrogen, als hätte mir jemand etwas Wesentliches verschwiegen.

Also hörten wir damit auf.

Dunkel, fast schwarz. Das Licht ging aus, für zehn Sekunden nur, und die Helligkeit, die darauf folgte, war von der Sorte, die einen kurzzeitig blind werden lässt. Das Plastik der Sitze klebte an der nackten Unterseite meiner Schenkel fest. Wenn ich mich auch nur einen Zentimeter bewegte, schmatzte es komisch, und die Haut löste sich mit einem Ziepen von dem Material, als wäre es eine zweite, andere Haut. Ich schlug meinen Rock über die Knie, deckte sie entschieden zu. Eines der Mädchen hatte seine braunen Beine lang ausgestreckt, nahm sich den Raum, den es brauchte, und berührte mit ihnen fast meine Füße. Wenn es lachte, bebten sie. Du bist neben der Spur, hatte Georg gesagt, am Morgen erst, es roch nach Wandfarbe in der neuen Wohnung, überall im Flur standen Eimer mit eingetrockneten Farbresten, und ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Eine Spur haben. Ob jeder Mensch seine eigene Spur braucht. Eine lange, klar definierte Strecke, die sich verfolgen lässt. Eine Geschichte mit Anfang und Ende, die man einmal erzählt bekommen hat und von der man nicht mehr abweichen darf.

Welche dann meine war und ob Laila wohl die Einzige wäre, die das beantworten könnte.

Das andere Mädchen lachte nun ebenfalls. Es war ein kindliches Lachen, das es versuchte zu unterdrücken. Beide hatten bemerkt, dass sie von mir beobachtet wurden. Die Schwarzhaarige hielt sich eine Hand vor den Mund, mit der anderen das Handgelenk der Freundin fest und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dann prustete sie einen Schluck der Flüssigkeit in die Handfläche, Teile davon rannen ihr Kinn hinab, sie stürzte mit dem Oberkörper nach vorn. An meinen nackten Beinen spürte ich die Limonade, ihre Spucke in feinen Tröpfchen auf meiner Haut. Die andere hatte den Kopf ruckartig nach hinten geworfen, ihre rotblonden, langen Haare, die zu einem lockeren Zopf geflochten waren, lagen jetzt über der schmalen Schulter. Überall hatte sie Sommersprossen, im Ausschnitt, selbst auf den Augenlidern. Wenn sie lachte, zogen sie sich in eine Falte zurück. An ihren Ohren schwangen faustgroße Kreolen, sie sahen sehr schwer aus. Nur für einen Moment kreuzten sich unsere Blicke. Ihrer kroch streunend an mir hinauf, hielt an. Über meinem Bauch spannte der Stoff, ein schmaler Streifen blasse Haut lag frei. Ich zog mein Shirt entschlossen mit beiden Händen runter. Sie sah nicht weg. Die Haut am Bauch juckte, ich hielt mich zurück. Ihr Gelächter. Ich wandte mich ab, und jetzt ging ein sonderbarer Ruck durch den Zug, wir kamen zum Stehen. Nollendorfplatz. Im letzten Moment riss die eine die andere mit, wir müssen raus, Natascha, komm! Sie drückten die Türen an den Metallgriffen auf und sprangen aus dem Abteil, die Flügel schnappten zu, und ich sah gerade noch so, wie Natascha die Treppe zur U2 hochgezogen wurde. Wie sie immer zwei Stufen auf einmal nahmen, als hätten sie keine Zeit. Als läge da vor ihnen ein bestimmtes Ziel, über das keine ein Wort verlieren musste. Es war da, einfach so.

Seitdem warte ich. Darauf, dass Laila mir noch mal begegnet. Ihr Blick klebt an mir wie der Honigtau damals an unseren Schuhsohlen. Ich spüre ihn bei jedem Schritt. Sie wird irgendwo auftauchen. In einem fremden Gesicht. Einer Geste. Jemand erzählt in der Schlange vorm Kaffeeautomaten in der Bibliothek eine Geschichte, und ich warte darauf, dass ihr Name fällt.

Ich warte.

Er fällt nicht. Stattdessen spüre ich eine fundamentale Abwesenheit, die beinahe körperlich ist, mich infrage stellt. Und wer bist du nun eigentlich? Ich suche ihren Blick, weil er mich von allen am meisten trifft.

Laila versteckte sich immer auf der Treppe, unten vor der schweren, nachtblauen und von Tritten leicht verbeulten Tür aus Metall, die unvorhergesehen zuschnappen konnte. Neben dem Griff glänzten silberne Kratzer, Spuren der vielen Versuche, dort einzubrechen. Laila würde unten sitzen, wusste ich, die Knie an die Brust gezogen. Sie würde amüsiert die Kellerasseln mit einem Stöckchen stoßen, so dass sie sich in sich selbst zurückzogen, und warten.

Mäuschen, piep einmal.

Feixen.

Bis ich zehn war, wollte ich nicht allein in den Keller gehen, auch nicht auf die Treppe, die unter freiem Himmel in die Tiefe führte, zur Tür. Laila wusste das. Welche Überwindung es mich kostete, dort hinabzusteigen. In dieses Loch, von dem ich nicht wusste, ob es mich wieder hergab. Wie hätte ich es wissen sollen. Diese wahnsinnige Furcht. Heute kann ich mich nicht erinnern, wovor.

Du weißt doch, dass ich hier bin, rief Lailas ungeduldige Stimme aus der Tiefe.

Woher, sagte ich mir und schwieg.

Jetzt mach dir nicht in die Hose, Linn.

Ich konnte nichts erkennen. Sie saß eingehüllt in die Dunkelheit. Das Schaben des Stöckchens auf dem Steinboden. Ihr musste kalt geworden sein.

Gefunden, rief ich.

Du musst mich antippen, sonst gilt es nicht.

Keine Lust mehr.

Muss ich jetzt für immer hier sitzen bleiben?

Du musst gar nichts.

Komm schon. Du musst mich retten.

Ich setzte mich auf die oberste Stufe, meinte ihren Kopf zu sehen, eine Lichtinsel auf schwarzem Haar. Der Geruch nach feuchtem Keller stieg in gleichmäßigen Abständen auf, ich atmete durch den Mund und dachte an Brombeeren. Reife schwarze Brombeeren, wie wir sie gleich essen würden, vom Strauch in den Mund.

Ich muss hierbleiben, wenn du mich nicht findest.

Du bist ein Idiot, rief ich, lachend, trotz allem. Ich hatte jetzt wirklich keine Lust mehr, rutschte mit dem Hintern eine Stufe tiefer.

Nichts. Kein Schaben. Entfernt eine Stimme, meine Stimme, die rief:

Laila.

Dieser Zustand, den ich fürchtete, mehr noch als den Keller. Nach dem Kribbeln in den Gliedmaßen passierte nichts mehr, alles setzte aus: die Radiostimmen, die von einem der blauen Balkone in den Garten herunterwehten, das Rascheln der geschäftigen Amseln im Unterholz, Timo, der bei den Schaukeln mit einem Stock auf einen Busch eindrosch, das Grölen der Betrunkenen im Park, ihr Lachen, um froh zu werden. Der Geruch nach nassen Kleidern, Wäsche. Vogelzwitschern. Herz, meines. Das alles war da, wusste ich, aber wo?

Laila.

Ich richtete mich auf und stieg, Stufe für Stufe, hinunter, klammerte mich an das rostige Gitter. Lacksplitter lösten sich dabei und blieben an meiner feuchten Handinnenfläche kleben. Nur nicht loslassen. Wie in einem Wasserbecken nach unten sinken. Tun, als ob, damit die Angst vergeht.