Über Alafair Burke

Alafair Burke studierte Psychologie am Reed College in Portland/Oregon und machte einen Abschluss an der Stanford Law School. Danach war sie lange für die Staatsanwaltschaft in Portland tätig. Sie ist die Tochter von James Lee Burke und lebt mit ihrem Ehemann in New York.

Im Aufbau Taschenbuch ist bisher ihr Thriller »The Wife« erschienen.

Kathrin Bielfeldt ist Texterin und Übersetzerin und spricht fünf Sprachen. Sie hat unter anderem Romane von Elisabeth Elo, Pete Dexter und James Sallis ins Deutsche übertragen.

Informationen zum Buch

Hüte dich – besonders vor deiner eigenen Schwester.

Chloe ist scheinbar eine Gewinnerin. Als Verlegerin eines erfolgreichen Magazins hat sie durch ihre Kampagne Themtoo Berühmtheit erlangt. Mit dem Anwalt Adam hat sie einen attraktiven Ehemann und mit Ethan einen vielversprechenden Sohn. Doch als Adam in ihrem Haus ermordet wird, bricht ihre Welt zusammen. Nicht nur, weil herauskommt, dass Ethan in Wahrheit der Sohn ihrer Schwester ist; Nicky taucht auch persönlich auf, um noch mehr Chaos in Chloes Leben zu bringen. Und dann wird zu allem Überfluss Ethan verhaftet: Er soll seinen Vater aus Hass getötet haben.

»Unwiderstehlich! Ein Thriller über Familienbande, die harte Business-Welt und die Wirkung von sozialen Medien.« New York Journal of

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Alafair Burke

Die perfekte Schwester

Thriller

Aus dem Amerikanischen
von Kathrin Bielfeldt

Inhaltsübersicht

Über Alafair Burke

Informationen zum Buch

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Vierzehn Jahre zuvor

Teil I: Adam

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Teil II: Nicky

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Teil III: Das Volk gegen Ethan Macintosh

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Teil IV: Chloe

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Anmerkung der Autorin

Danksagungen

Impressum

Für Jennifer Barth
Lektorin, Schwester im Geiste

Vierzehn Jahre zuvor

Ich stand in einem perlenbesetzten Kleid von Versace (geliehen) und zwölf Zentimeter hohen Stilettos (nie mehr getragen) auf den Stufen des Metropolitan Museum of Art – und fiel damit meiner eigenen Schwester in den Rücken.

Damals hätte ich nie eine persönliche Einladung erhalten oder wäre auch nur in der Lage gewesen, mir eine Eintrittskarte zur Met Gala zu leisten, doch ich war Gast meiner Chefin, Catherine Lancaster, Chefredakteurin der Zeitschrift City Magazin. Sie war noch nicht einmal meine direkte Vorgesetzte. Sie war die Chefin meiner Chefin, doch aus irgendwelchen Gründen hatte sie mich persönlich eingeladen.

Na ja, nicht direkt persönlich. Ihre Assistentin kam bei mir vorbei, bei meiner Bürozelle, um mir die Nachricht zu überbringen, was gut war, denn meine spontane Antwort darauf war Gelächter. Schon damals war die sogenannte Party des Jahres der reinste Paparazzi-Porno, ein promitriefendes Modespektakel. Die Vorstellung, dass ausgerechnet ich – der frisch dazugekommene Bücherwurm der Schreibtruppe – mit Rockstars, Oscar-Preisträgern und Supermodels verkehren sollte, war absurd. Also lachte ich.

Die Assistentin gab sich gar keine Mühe, ihre Missbilligung inklusive der verdrehten Augen zu verbergen, und ich versicherte ihr, es sei eine Ehre für mich, die Einladung anzunehmen. Dann, nachdem ich aus dem Archiv Fotos der letztjährigen Veranstaltung aufgerufen hatte, bettelte ich meine Freundin Kate an, die für Cosmo arbeitete, für mich ein passendes Kleid herauszuschmuggeln, das ich mir ausborgen konnte. Durch Schein zum Sein, so sagt man doch.

Als sie mir den Kleidersack reichte, grinste sie. »Versace. Und es hat Taschen!«

Catherine bot sogar an, mich von ihrem Fahrer abholen zu lassen. Wäre sie ein Mann, hätte ich mir Gedanken gemacht, auf was ich mich da eingelassen hatte. Stattdessen fühlte ich mich wie Cinderella auf dem Weg zum großen Ball. Weil meine Chefin aber eine Frau war, vertraute ich ihr.

Mein Vertrauen wurde nicht enttäuscht. Vor ihrem Stadthaus in der Upper East Side setzte sie sich zu mir in den Fonds und erzählte mir, sie habe mich eingeladen, weil sie von einem Artikel beeindruckt gewesen sei, den ich über Take-Back-the-Night-Events an Colleges geschrieben hatte. Er handelte von zwei Kinderstars – berühmte Zwillinge –, die ihre Karriere an der NYU begonnen hatten. Doch als ich herausfand, dass eine der Schwestern aktiv an der Organisation des jährlichen Events für die Opfer sexuellen Missbrauchs an der NYU beteiligt war, hatte ich die Idee bei City Woman eingebracht.

Catherine sagte, ich hätte ein »gutes Bauchgefühl«, und zu lernen, darauf zu vertrauen, sei der beste Rat, den sie mir geben könne. Die Zeiten würden sich ändern. »Die Leute glauben, wir sehen uns Sex and the City wegen der Klamotten und der Orgasmus-Scherze an, aber tatsächlich ist es Feminismus getarnt als Tragikomödie. Eine neue Welle zeichnet sich ab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor die Dämme brechen und Frauen wie du diejenigen sein werden, die Artikel schreiben.«

Noch viel besser als Cinderella – sie bekam an dem Abend nur einen Prinzen, ich aber eine Karriere.

Bei unserer Ankunft erregte nicht einmal Catherine die Aufmerksamkeit der Presse, die am Eingang Fotos schoss. Doch im Innern rief jemand: »Oh, Catherine, perfektes Timing. Komm mit ins Bild.«

Als sie mich für die offiziellen Veranstaltungsfotos allein zurückließ und vor das Logo-Banner trat, warf sie mir ihre Handtasche zu und sagte: »Danke, besorgen Sie mir was von der Bar?« Die Tasche war eine paillettenbesetzte Clutch auf der ein Venus-Symbol prangte, das auf dem Zeitschriftentitel der City Woman anstelle des O stand. Es war ein cleveres Accessoire für den Anlass, aber ich erlaubte mir einen Anflug von Stolz, dass in den Taschen meines Kleides genug Platz für Lippenstift, Bargeld und das Firmenhandy war. Handtasche überflüssig.

Ich ging also zur Bar, wo mir dann dämmerte, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, was Catherine trinken wollte. Im Nachklang ihrer Erwähnung von Sex and the City vorhin im Wagen bestellte ich zwei Cosmopolitan, klemmte mir ihre Clutch unter die Achsel und kämpfte mich durch die Menge zurück zur Fotowand. Als sie sich schließlich von der Fotosession loseiste, hatte ich meinen Drink bereits getrunken und war kurz davor, mit ihrem weiterzumachen. Als sie zu mir trat, griff sie sich zwar den Drink, jedoch nicht ihre Handtasche.

»Catherine …« Ich hob die paillettenbesetzte Handtasche.

Sie umarmte gerade einen Modedesigner.

»Brauchen Sie nicht Ihre …«

Dann war der Bürgermeister an der Reihe.

Es endete damit, dass ich den gesamten Abend mit der blöden Tasche hinter ihr herdackelte und mich nur entfernte, um weitere Drinks zu holen, die mit fortschreitender Zeit immer exotischer wurden. Falls sie es mitbekam, erwähnte sie es zumindest mit keiner Silbe – und Catherine Lancaster würde garantiert den Mund aufmachen, wenn ihr etwas nicht passte.

Wenn ich heute meine Assistenten so behandeln würde, hätte ich Sorge, dass sie es twittern oder die Story ohne Nennung von Namen auf der Klatschseite der New York Times unterbringen würden. In den frühen Nullerjahren hielt es eine angehende Journalistin wie ich jedoch für ein Privileg, die Drecksarbeit für jene zu erledigen, die sich einen Platz ganz oben im Impressum verdient hatten. Und so war ich also die auserwählte, stille Taschenträgerin.

Das erste Mal klingelte mein Handy in der Tasche des teuren Designerkleides, als das Abendessen serviert wurde. Meine Eltern. Ich ignorierte den Anruf. In meiner Einfältigkeit dachte ich, sie würden aus Stolz anrufen, weil ihre Tochter an einem so noblen Fest teilnahm. Sie hatten natürlich noch nie davon gehört, aber als ich die Einladung erhalten hatte, hatte ich ihnen geschildert, wie ungewöhnlich es für jemanden auf meinem Level war, daran teilnehmen zu dürfen. Als sie fünf Minuten später wieder anriefen und dann eine Stunde später noch einmal, wusste ich, dass es eindeutig nicht um mich ging.

Ich hatte zwei Optionen: Ich konnte aufstehen und gehen, während Catherine am Tisch der City Woman Hof hielt, oder ich ließ alles auf die Mailbox auflaufen. Möglicherweise war irgendwas mit Mom oder Dad, doch mein Bauch sagte mir, dass es wahrscheinlich eher mit Nicky zu tun hatte. Es ging immer um meine Schwester. Ich blieb, wo ich war.

Als während des Nachtischs ein weiterer Anruf einging, warf ich heimlich einen Blick auf meinen kleinen Nokia-Bildschirm. Diesmal kam der Anruf von Nickys Festnetzanschluss. Jepp, wie schon vermutet ging es einmal mehr um Nickys Dramen, perfekt abgepasst auf eine der besten Chancen, meine Karriere als Journalistin anzuschieben, seit ich nach New York City gekommen war. Diesmal schaltete ich das Handy aus, bevor ich es zurück in die Tasche steckte.

Als Catherine sich vom Tisch erhob, warf sie mir einen kurzen Blick zu, den ich als Einladung interpretierte, ihr zu folgen. Als sie, im Anschluss an eine ungewöhnlich lange Rauchpause vor dem Zelt, zur Damentoilette verschwand, schaltete ich schließlich mein Handy wieder ein und hörte die eingegangenen Nachrichten ab. Dreimal Mom: »Ruf mich zurück«, einmal sofort aufgelegt und dann: »Mist, sie geht immer noch nicht ran.«

Blieb nur noch der letzte Anruf – der von Nicky. Das sah ihr ähnlich, ausgerechnet an diesem Abend zusammenzubrechen.

Doch als ich den Anrufbeantworter abhörte, war es nicht Nickys Stimme. Es war ihr Mann Adam.

Nicht zum ersten Mal wandte sich Adam wegen meiner Schwester an mich, doch diesmal war es anders. So emotional hatte ich ihn noch nie gehört: Wut gemischt mit Erschöpfung und Angst. Die eigentliche Nachricht war kurz. »Ruf mich zurück, wenn du kannst, okay? Es ist wichtig.« Er hinterließ die Nummer seines beruflichen Handys. Ich wiederholte sie mehrere Male und wählte sie dann.

Er meldete sich beim zweiten Klingeln und spulte sofort die Fakten herunter wie ein Anwalt, so gar nicht wie ein Ehemann. Nicky war in der Cleveland Clinic. Während er redete – und ich umgeben war von hochkarätigen Stars und Promis –, stellte ich mir meine Schwester vor. Das lange honigbraune Haar, das an ihren Schulterblättern klebte, die vom Poolwasser völlig durchnässte Kleidung, die an ihrem schmalen Körper hing. Und das Baby – ich nannte ihn damals immer noch das Baby –, das Chlorwasser aus seinen winzigen Lungen würgte.

»Ich stehe das nicht mehr mit ihr durch, Chloe. Jetzt nicht mehr, mit dem Baby. Sie hätte ihm wirklich schaden können. Wäre ich nicht zufällig rausgegangen …«

Ich wollte schon protestieren und sagen, dass Nicky ihrem Sohn niemals etwas antun würde, doch im Grunde hatte ich überhaupt keine Ahnung, ob das stimmte. Nicky würde nie vorsätzlich jemandem schaden, doch sie hatte so eine Art, alle in ihrem Orbit zu verletzen. Das war schon immer so.

»Sag’s einfach, Adam. Warum rufst du an?«

»Ich brauche deine Hilfe.«

Wie oft hatte ich schon gedacht, dass Adam erheblich mehr mit mir gemeinsam hatte als mit seiner Frau? Wie oft hatte ich meinen Mund gehalten, weil ich die einzige noch halbwegs funktionierende Beziehung meiner Schwester nicht sabotieren wollte? Hier waren wir also, fünfhundert Meilen voneinander entfernt, nur durch das Telefon verbunden, doch es war völlig klar, auf wessen Seite ich stand. Adam brauchte mich.

Was zwischen uns war, würde sich – unabhängig von Nicky – erst später entwickeln, doch dieser Abend markierte gewissermaßen den Anfang der Geschichte. Es war genau der Moment, an dem ich Ethan dem Rest meiner Familie vorzog, was bedeutete, dass ich mich für Adam entschied.

Zu dem Zeitpunkt ahnte ich weder, dass ich vier Jahre später die zweite Frau von Adam werden sollte, noch, dass ich diejenige sein würde, die weitere zehn Jahre später seine Leiche finden würde.

Teil I

Adam

1

Vierzehn Jahre später

Im hinteren Teil des Café Loup war es dunkel und kühl; ich verrenkte mir jedes Mal den Hals, um nach Adam Ausschau zu halten, wenn die Restauranttür sich öffnete und Sonnenlicht hereinließ. Er hatte nicht versprochen zu kommen, aber ich wusste, dass die Reporterin der Yellow Press, die das Interview führte, »darauf brannte, den Mann hinter der Frau kennenzulernen«.

Leider hatte ich den Fehler begangen, Adam von ihren Erwartungen zu erzählen. Hätte ich das für mich behalten, hätte ich lügen und ihr sagen können, mein Mann habe andere Termine und schaffe es nicht zu kommen. Doch stattdessen hatte ich mich für die Unsicherheit und damit die mögliche Enttäuschung entschieden und wartete nun nervös, ob er aufkreuzen würde.

Ich riss mich zusammen und konzentrierte mich wieder auf das Gespräch.

Die Frau, die mich interviewte, hieß Colby und war schätzungsweise fünfundzwanzig, also ungefähr so alt wie ich, als ich damals meinen ersten Journalistenjob in New York City an Land gezogen hatte. Seitdem hatte sich das berufliche Umfeld dramatisch verändert. Als ich bei City Woman anfing, lag unsere monatliche Auflage bei rund dreihunderttausend, und wir belegten mit unseren Leuten eine komplette Etage in einem repräsentativen Wolkenkratzer in Midtown. Inzwischen war Eve eine der letzten Frauenzeitschriften überhaupt, aber wir hatten Probleme, die Marke von einhunderttausend Leserinnen pro Monat zu knacken.

Heutzutage betonen die meisten Verlage die Silbe »Frei« in »Freiberufler«. Angesichts der Marktchancen vermute ich, dass die junge, eifrige Colby wahrscheinlich eine doppelt so lange Vita aufzuweisen hatte wie ich in ihrem Alter, aber trotzdem froh war, vorübergehend einen Vollzeitjob bei einem Webzine ergattert zu haben, welches sich an weibliche Millennials richtete.

Wir hatten die einleitenden Floskeln hinter uns gebracht, und so, wie sie auf ihre Notizen blickte, vermutete ich, dass wir nun zu ihren vorbereiteten Fragen kamen.

»Als Sie zur Chefredakteurin der Eve ernannt wurden, war die Verlagsbranche gerade dabei, die Printmedien komplett abzuschreiben. Ihnen ist jedoch die Kehrtwende geglückt: Sie haben die Online-Leserschaft massiv ausgebaut, setzen mehr auf Politik und weniger auf Klatsch – und heute ist Eve eines der letzten erfolgreichen, feministisch orientierten Magazine des Landes. Für Ihre viel beachtete Them-Too-Serie werden Sie den begehrten Press for People Award erhalten. Ist das für Sie so etwas wie die Krönung Ihres Lebenswerks?«

Ich wusste, dass sich meine Antwort für Colby und ihresgleichen traurig und müde anhören musste, aber zumindest war sie aufrichtig und echt. »Die Krönung meines Lebenswerkes? Das will ich doch nicht hoffen. Wenn ich so etwas höre, fühle ich mich, als würde ich in Rente geschickt.«

Sie unterbrach die Aufnahme auf ihrem iPhone und begann, sich überschwänglich zu entschuldigen. »Oh, mein Gott, das tut mir leid. Sie sind mein großes Vorbild. So habe ich das überhaupt nicht gemeint.«

Ich aktivierte den roten Aufnahmeknopf auf dem Bildschirm ihres iPhones und sagte, sie solle sich nie für eine Frage entschuldigen, und gab ihr dann einen O-Ton, den sie benutzen konnte.

»Ich fühle mich komisch dabei, dass mir irgendetwas davon als mein persönliches Verdienst angerechnet wird«, sagte ich. »Die wahren Heldinnen sind doch jene Frauen, die damit angefangen haben, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Dank der Me-too-Bewegung haben sich Frauen ausreichend sicher gefühlt, den Mund aufzumachen. Wir wussten alle, dass ein solches Verhalten seitens der Männer abscheulich war und weiter um sich griff, doch uns wurde beigebracht, die Zähne zusammenzubeißen und es durchzustehen. Keine große Welle zu machen. Zu lächeln und sich zum nächsten Tag hinüberzuretten. Dann aber merkten die Frauen, wie stark sie gemeinsam waren, und die Männer merkten, dass ihre Taten Konsequenzen haben könnten – selbst Jahre später, auch ohne Einschaltung der Polizei und außerhalb der Gerichte. So hat alles angefangen, und so gesehen bin ich mit meiner Arbeit im Grunde nur dem Beispiel all dieser Frauen gefolgt und war lediglich die Journalistin, die ihnen geholfen hat, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.«

Sie befragte mich zu einer Artikelserie, die ich bei Eve angestoßen hatte. Im Kielwasser der Me-too-Bewegung hatte ich einen Kommentar geschrieben, in dem ich meiner Sorge Ausdruck verlieh, die enorme, durch die Bewegung ausgelöste kulturelle Veränderung könnte sich auf Arbeitsplätze beschränken, die durch Beteiligung von Prominenz große mediale Beachtung finden. Nachdem die ersten Sexualstraftäter, die mit ihren widerwärtigen Taten über Jahre ungeschoren davongekommen waren, zu Fall gebracht wurden, war der Einfluss der Bewegung zu einer Diskussion über vergleichsweise geringere Übertretungen bei anderen berühmten Männern versickert. Aber würde es auch Konsequenzen auf die Situation an Arbeitsplätzen von Frauen haben, von deren Chefs wir noch nie gehört hatten? Was war mit den Frauen, die in Fabriken arbeiteten oder im Einzelhandel? Was war mit den Kellnerinnen und Barkeeperinnen, die von den Managern in den Schichten eingesetzt wurden, in denen es am meisten zu tun gab, und die von den Trinkgeldern der Männer abhängig waren? Um ihnen zu helfen, auch ihre Geschichten an die Öffentlichkeit zu bringen, brachte ich »ganz normale« Frauen, die unter sexuellem Missbrauch und Belästigungen am Arbeitsplatz litten, mit einer bekannteren Me-too-Aktivistin der ersten Stunden zusammen. Ich persönlich schrieb die Artikel, zeichnete die Gemeinsamkeiten nach und die Auswirkungen der daraus resultierenden Freundschaften. In Anlehnung an den inzwischen berühmten Hashtag nannte ich diese Aktion Them Too.

Was als Experiment begann, entwickelte ein Eigenleben, wie ich es nie erwartet hätte. Eine prominente Schauspielerin, die unter den Ersten gewesen war, die öffentlich über einen Missbrauchs-Regisseur geredet hatten, brachte ihre »Them-Too-Schwester« als ihre Begleitung mit zu den Academy Awards. Eine Moderatorin aus dem Frühstücksfernsehen war inzwischen die Patentante des Neugeborenen ihrer Them-Too-Partnerin. Und mir selbst am wichtigsten: Aufgrund der Artikelserie hatten sieben Fortune-500–Unternehmen hochrangige Manager gefeuert und unternehmensweit Regeln eingeführt – und das alles nur, weil Frauen ihre Popularität und ich meine Zeitschrift genutzt hatten, um das Augenmerk auf die Geschichten jener Frauen zu lenken, die annahmen, nicht gehört zu werden.

Obwohl ich mich auf die Frauen konzentrieren wollte, die Teil der Artikelserie waren, wollte Colby natürlich etwas über all den Müll hören, mit dem ich mich während meiner Karriere hatte herumschlagen müssen.

Wir waren gerade bei dem zweiten Mann, der mir gegen Sex einen Job angeboten hatte, als sich die Restauranttür erneut öffnete. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits angenommen, dass Colby und ich für den Rest unseres Treffens allein sein würden, und steckte mitten in der Geschichte. Adam hatte bereits die Bar passiert und war fast an unserem Tisch, als ich ihn aus dem Augenwinkel bemerkte.

»Ach, wie schön, was für eine Überraschung«, sagte ich und stand auf, um ihn mit einer Umarmung zu begrüßen. »Ich kann mich nicht erinnern, wann wir uns das letzte Mal an einem Wochentag vor siebzehn Uhr getroffen haben.«

Ich bemerkte, wie Colby ihn musterte. Wie so viele, die ihn zum ersten Mal sahen, war auch sie von seinem jugendlichen Aussehen überrascht. Adam war sechs Jahre älter als ich, also siebenundvierzig, doch ich witzelte immer, dass er bereits vor einem Jahrzehnt aufgehört hatte zu altern. Haarausfall oder Gewichtszunahme schienen für ihn nicht zu existieren.

Unser Kellner Philipp tauchte sofort auf. »Oh, da ist er ja. Der hübsche Gatte, auf den ich schon gewartet habe.« Unsere Wohnung lag drei Blocks vom Café Loup entfernt, daher waren wir schon seit Jahren Stammgäste.

Während Adam sich einen halbtrockenen Martini bestellte, fragte Colby, ob ich es gewöhnt sei, dass Adam so begeistert begrüßt wurde. »Das ist so nervig«, erwiderte ich mit gespielter Verärgerung. »Kein Witz: Es gibt nicht einen einzigen Menschen auf der Welt, der ein schlechtes Wort über ihn verlieren würde.«

»Sag das mal Tommy Faber«, meinte Adam und griff sich mein Weinglas. Er nahm einen Schluck von meinem Cabernet, zog die Nase in Falten und gab mir das Glas zurück. »Der Kerl hat mich damals zwei Jahre lang jeden Freitagnachmittag verdroschen. Ich habe immer noch Furchen in der Stirn von der Spindtür.«

»Wie haben Sie beide sich kennengelernt?«, fragte Colby.

Ich hasste diese Frage, hatte jedoch stets eine ausgefeilte Antwort darauf zur Hand. »Wir kannten uns schon aus Cleveland, wo wir beide aufgewachsen sind, und hatten dann später wieder engeren Kontakt, als er aus beruflichen Gründen nach New York gezogen ist.«

Ich war erleichtert, als Colby mit der Antwort zufrieden zu sein schien und von Adam wissen wollte, wie es als erfolgreicher Mann sei, mit einer noch erfolgreicheren Frau verheiratet zu sein. Neidvoll bemerkte ich die völlige Abwesenheit von Unbehagen oder Rechtfertigung in ihrer Frage. Sie hatte zumindest noch nicht die Angewohnheit, das Ego eines Mannes zu schonen.

Während Adam sprach, genoss ich die Rolle, die ich so selten einnehmen konnte. Ich strahlte, als er Colby erzählte, wie stolz er auf all meine Erfolge war: als Assistentin angefangen zu haben, dann Vollzeit-Journalistin bei City Woman zu werden, Chefredakteurin des kleinen City-Blatts gewesen zu sein, mein erster Essay im New Yorker, mein Foto-Shooting vor drei Jahren für Cosmos 40.

In meiner Jugend hatten meine Eltern noch nicht einmal registriert, wenn ich mir eine blaue Schleife verdient hatte … wofür auch immer. Es war so typisch für Adam, dass er meine Erfolge direkt alle auflisten konnte. Wie oft war mir schon gesagt worden, was ich für ein Glück hatte, einen Ehemann zu haben, der so aufrichtig stolz auf seine Frau war?

Wir hielten Händchen während des kurzen Heimwegs zurück zu unserer Wohnung an der Twelfth Street. »Danke, dass du das getan hast, Adam. Ich fürchte, falls Colby einen Freund hat, dann wird er heute Abend ein wenig verwirrt sein, wenn sie wirkt, als sei sie mit ihm unzufrieden. Du warst ausgesprochen charmant.«

Er blickte mich aus dem Augenwinkel an und zwinkerte.

Zuhause ertappte ich mich dabei, wie ich ihn automatisch für seine Unterstützung belohnte und ihm am Barwagen im Wohnzimmer einen Sambuca einschenkte.

Er leerte das Glas in einem Zug und nahm meine Hände, als ich sie ihm um die Taille legte. »Warst du zufrieden mit dem Interview?« Er verschränkte seine Hände mit meinen, bevor er sie hinter seinen Nacken legte, und sah mir in die Augen. Dann küsste er die Stelle hinter meinem Ohr, so wie immer, wenn er andere Pläne für uns hatte. »Diese Reporterin hat dich angesehen, als wärst du Gandhi.«

Adam und ich waren seit Wochen nicht mehr intim gewesen. Wir hatte beide so viel um die Ohren. Ich wollte nur noch mit einem Roman ins Bett kriechen. »Hast du eben wirklich Gandhi gesagt, um mich anzutörnen?«

Er hielt inne. »Was ist los?«, fragte er. Merke: Die Redewendung Was ist los? ist ziemlich abtörnend.

Damals, als ich noch Artikel für notgeile Ehefrauen schrieb, hatte ich sogar behauptet, der Schlüssel zur Rettung der Ehe sei, mindestens zweimal pro Woche Sex zu haben. »Es ist viel einfacher, die Probleme des anderen zu teilen, wenn man auch das Bett mit ihm teilt.« Der Rat war nicht gerade weltbewegend, doch im Kern lag ein guter Schuss Wahrheit darin. Ich schloss die Augen und versuchte, wieder an die vorherige Stimmung anzuknüpfen.

»Nichts ist los. Entschuldige, war nur ein Witz.« Als er wieder begann, mich zu küssen, flüsterte ich: »Bitte, mach weiter.«

Ich spürte, wie mein Atem schneller ging, als sein Mund an meinem Schlüsselbein verharrte und dann weiter Richtung Bauch wanderte. Ich schlüpfte aus meinen Riemchenpumps und war einfach so bereit, zu Ende zu bringen, was wir begonnen hatten. Wie man so schön sagt: durch Schein zum Sein.

Als wir fertig waren, kuschelte ich mich in Adams Armbeuge, so wie wir früher die ganze Nacht durchgeschlafen hatten, bevor wir das Doppelbett angeschafft hatten. »Das war wundervoll. Und, nochmals danke, dass du dieses dumme Interview mitgemacht hast.«

»Warum nennst du es dumm?«

»Du weißt schon. So schmeichelhaft. Ich bin es nicht gewohnt, dermaßen im Mittelpunkt zu stehen.«

Er sah mich volle fünf Sekunden an, musterte mein Gesicht. »Aber davon hast du doch immer geträumt, oder nicht? Und jetzt hast du es geschafft.«

An den Worten selbst war nichts auszusetzen, es lag sogar eine Gratulation darin. Aber aus irgendeinem Grund versetzten sie mir einen Stich. Ich redete mir ein, ich sei paranoid, würde mich schuldig fühlen, weil ich ihn zu diesem Interview geschleift hatte, bei dem es nur um mich ging.

Als er sich umdrehte und mir den Rücken zukehrte, wurden meine Ängste sofort bestätigt. Dann griff er nach meinem oben liegenden Arm, legte ihn um sich und zog mich in eine Löffelchen-Stellung. Er küsste meine Hand und seufzte zufrieden. Aus dem Nichts tauchte unsere Katze Panda auf – übrigens die einzige Art, wie sie auftauchen kann.

»Greedy Guy?« Adams Augen waren geschlossen, doch er hatte das Niedersinken des acht Kilo schweren Fellknäuels gespürt. Kurz nach unserer Hochzeit durfte der damals sechsjährige Ethan unserem neuen Kätzchen einen Namen geben. Aus unerfindlichen Gründen entschied er sich für Greedy Panda, und zehn Jahre später gab es diverse Varianten davon.

»Hmm-hmm.« Ich lächelte, als Panda sich an mein Kreuz schmiegte. Ich fühlte mich glücklich und entspannt.

Als ich hörte, wie sich die Wohnungstür öffnete, war ich nicht sicher, ob ich fest eingeschlafen war oder nur kurz die Augen zugemacht hatte. Ich warf einen Blick auf den Wecker. Noch keine zehn. Ethan war eine Stunde vor der vereinbarten Zeit nach Hause gekommen.

»Ich sollte ihn fragen, ob er etwas gegessen hat«, sagte ich.

»Er ist sechzehn. Wahrscheinlich hat er heute schon dreimal zu Abend gegessen. Du hast dir deinen Schlaf verdient. Und morgen ist dein großer Tag.«

Wir wussten beide, dass ich mich die ganze Nacht im Bett wälzen würde. Beim Schreiben fühlte ich mich immer sicher, aber bei der Preisverleihung würde ich vor Hunderten von Leuten stehen und meine Rede halten müssen. Ich bereitete mich schon die ganze Woche darauf vor.

»Ich glaub’s immer noch nicht, dass das alles wirklich passiert«, flüsterte ich.

Er zog mich dichter an sich und legte eine Hand auf meine nackte Hüfte. Es fühlte sich gut an.

»Hey, wo wir gerade dabei sind … Ich hatte keine Gelegenheit, es dir früher zu sagen. Bei der Arbeit hat sich was ergeben, und es könnte sein, dass ich morgen Abend vielleicht etwas zu spät komme.«

Ich war froh, dass er mein Gesicht nicht sehen konnte. Diese Neuigkeit, die so beiläufig mitgeteilt wurde, fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hielt meine Stimme bewusst neutral, um ihm nicht die erwartete Reaktion zu liefern.

»Worum geht’s denn? Vielleicht kann ich mit Bill reden.« Der Seniorpartner in Adams Kanzlei war der Hausanwalt von Eve und gleichzeitig ein guter Freund.

»Nein, es geht um einen Mandanten. Um Gentry.«

Ich wusste, dass Adam unter dem Druck stand, Aufträge für die Kanzlei an Land zu ziehen, und sein größter Mandant, die Gentry Group, spielte dabei eine wichtige Rolle. »Wie viel … wie viel später würdest du denn dann kommen?«

»Möglicherweise bin ich sogar pünktlich, aber sie fliegen aus London ein, und ich soll mich mit ihnen in einem Konferenzraum in der Nähe des JFK treffen. Ich bin ihnen quasi ausgeliefert.«

»Aber du kommst doch ganz sicher, oder?«

»Ich weiß es einfach nicht, Liebling. Aber ich versuch’s. Du weißt doch, wie stolz ich auf dich bin, oder?« Er küsste meine Hand, griff zum Nachttisch und schaltete das Licht aus. Ich lauschte auf seine ruhigen, entspannten Atemzüge, während ich in der Dunkelheit meine Rede erneut durchging.

2

Mein Leben lang war ich ein Gewohnheitstier. Während die anderen Studenten auf dem College das Kursangebot nach Nachmittagsvorlesungen durchforschten, die zu ihren eigenwilligen Schlafrhythmen passten, stellte ich meinen Wecker immer auf sieben Uhr, damit ich noch vor einer Vorlesung um neun Uhr in den Fitnessraum und die Mensa gehen konnte. Ich beglich meine Rechnungen immer am Sechsten eines jeden Monats, wusch samstags meine Wäsche und kaufte am Sonntag Lebensmittel ein. Noch heute bestellte ich in dem Deli unter meinem Büro fast immer die beiden gleichen Sachen zum Mittag – griechischen Salat mit Lachs oder Roastbeef auf Roggenbrot – und ging nur selten auswärts essen, es sei denn in einem meiner fünf Stamm-Restaurants, wo ich an meinem gewohnten Tisch saß und die gewohnten Mahlzeiten bestellte. Kein Chaos, kein Drama. Langweilig? Für manche ganz bestimmt. Aber ich war fest davon überzeugt, dass Routinen und Rituale der Schlüssel zu meiner Zufriedenheit und zu Produktivität waren.

Daher war es nicht verwunderlich, dass ich auch in meinem Arbeitsalltag Routinen folgte. Es kam nur selten vor, dass ich später als halb neun an meinem Arbeitsplatz saß.

Doch der Tag, an dem ich geehrt wurde, war tatsächlich ein besonderer Tag. An diesem Abend wurde die freie Presse gefeiert. Die Veranstaltung fand im Natural History Museum statt, war weniger modefixiert als die Vogue-Party im Met und wurde auch Geek Gala genannt. Ich wusste, wenn ich ins Büro ginge, kämen den ganzen Tag Mitarbeiter vorbei, um zu gratulieren – von denen es manche ehrlich meinten, aber viele auch nur Speichellecker waren. Außerdem müsste ich sowieso früh gehen, um mich fertig zu machen, also beschloss ich, zu Hause zu bleiben.

Aber mit Leuten, die auf Einhaltung einer Routine schwören, ist das so eine Sache. Wenn sie sich entscheiden, einmal eine Ausnahme zu machen, dann aber so richtig. Der griechische Salat wird durch eine große Peperoni-Pizza ersetzt. Aus dem fitnessfreien Tag wird ein Monat Faulenzen. Und ein halber Tag Homeoffice bedeutete, dass ich mittags um eins immer noch im Pyjama im Bett lag, die Füße unter der Steppdecke neben einer acht Kilo schweren Schnurrmaschine namens Panda.

Doch mein Laptop war angeschaltet, und ich bekam mehr geschafft, als hätte ich mich schick gemacht und wäre ins Büro gefahren. Ich hatte einen Artikel über die Auswirkungen der jüngsten Änderungen der Gesundheitspolitik hinsichtlich des Zugangs zu Empfängnisverhütung redigiert und war dann zu einem Artikel über eine Kandidatin übergegangen, die kürzlich als bisher jüngstes Mitglied in den Kongress gewählt worden war. Sie hatte das politische Establishment gerockt, indem sie bei den Vorwahlen ein alteingesessenes Mitglied der republikanischen Führung vom Thron gestoßen hatte. Ihr Gegner war sich seines erneuten Wahlsieges so sicher gewesen, dass er sich geweigert hatte, mit ihr zu debattieren, und noch nicht einmal ihren Namen in den Mund genommen hatte, bis sie ihn mit einem zweistelligen Vorsprung aus dem Rennen geworfen hatte. Doch am meisten schockierte vermutlich, dass sie einen traditionell republikanischen Bezirk gewonnen hatte, und das mit einem Parteiprogramm, das eine Politik der ökonomischen Mitte, sozial integrative Ansichten und einen lautstarken Angriff auf den Einfluss von Unternehmensgeldern auf den Wahlvorgang miteinander verband. Im Kielwasser ihres unglaublichen Sieges riefen Experten aus beiden politischen Lagern dazu auf, ihre Loyalität zu den parteilichen Dogmen zu hinterfragen. Selbst bei einer Skeptikerin wie mir keimte beim Lesen des Artikels ein Funken Hoffnung auf. Vielleicht würde die nächste Generation einen Weg finden, ein gespaltenes Land wieder zu vereinen.

Meine rosigen Gedanken verloren schnell wieder ihre Farbe, als ich auf den Dropbox-Link der Fotografin klickte, die wir für das Fotoshooting engagiert hatten. Wo war die Kandidatin, die ihre Haare im Nacken zu einem Zopf gebunden hatte? Was war aus den Jeans und den bunten Sweatshirts geworden, in denen sie während der Wahlkampagne von Tür zu Tür gezogen war? Das war doch schließlich eine Frau, die virale Berühmtheit erlangt hatte, weil sie jeden einzelnen sexistischen Beleidigungs-Tweet kommentiert und weitergepostet hatte, den sie erhielt, nachdem sie ohne Make-up auf einer Bürgerveranstaltung erschienen war. Und nun füllte sich mein Bildschirm mit übertrieben glamourösen Aufnahmen. Es waren über hundert, und alle waren gleich: eine rote Mähne, als ginge sie zur Oscar-Verleihung, dunkel geschminkte Augen und glänzende Lippen. Ich wollte noch nicht einmal wissen, woher die Kleidung kam. Einen der Blazer erkannte ich wieder, er stammte aus der aktuellen Prada-Kollektion.

Ich konnte mir bereits die Aufrufe zum Boykott von Eve vorstellen. Abo-Stornierungen. Tweets, die den Niedergang eines der letzten feministischen Print-Magazine beklagten. Jemand mit mehr Humor als ich würde mit einer Persiflage des Magazincovers ein Meme starten.

Jedes weitere Foto war schlimmer als das letzte. Ich unterdrückte einen Aufschrei, als ich eine Aufnahme sah, in dem die Abgeordnete wie eine sexy Bibliothekarin gekleidet war und eine dicke Brille trug. Was zum Teufel hatte die Fotografin sich dabei gedacht, und warum hatte die Kongressabgeordnete überhaupt dabei mitgemacht?

Ich verließ das Fotoprogramm und schrieb eine E-Mail an Maggie Hardt, der Journalistin, die dem Artikel zugeteilt worden war. Hey Maggie. Ich sehe mir gerade die Fotos von Sienna Hartley an. Warst du bei dem Fotoshooting dabei? Sie wirken etwas problematisch, oder? Bitte erkundige dich, ob die Fotografin andere Bilder gemacht hat, die wir verwenden könnten. Danke. CAT

Chloe Anna Taylor. Der Belegschaft unseres Blattes waren die Initialen so vertraut, die unter dem Strom an E-Mails standen, den ich verschickte, dass sie mich in meiner Abwesenheit »Cat« nannten.

Ich wusste, dass ich dem Laptop den Rücken kehren sollte, während ich auf Antwort wartete, doch ich konnte nicht anders. Nach so vielen Jahren, in denen ich hauptsächlich gute Gewohnheiten gepflegt hatte, hatte ich mir in letzter Zeit eine ziemlich schlechte Angewohnheit zugelegt. Wie fast jeden Tag – normalerweise mehrfach am Tag – wechselte ich zu Safari und schaute mir meine Kommentare auf Twitter an. Nur ein kurzes @ vor meinem Benutzernamen, und schon konnten vollkommen Fremde meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Im Prinzip hatte ich mit der Nutzung der Seite begonnen, um direkt mit Eve-Leserinnen kommunizieren zu können. In der heutigen Zeit konnte keine Zeitschrift allein im Print überleben. Über dreißig Prozent unserer Belegschaft arbeitete inzwischen in unserer Abteilung für digitales Marketing, und von jedem einzelnen Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin der Eve wurde erwartet, dass sie eine Online-Präsenz aufbauten und pflegten, die mit der Markenpolitik des Blattes übereinstimmte.

Ich klickte bei allen unterstützenden Beiträgen auf das Herz-Icon, um anzuzeigen, dass ich sie gelesen hatte und sie mir gefielen. Danke @EveEIC. Ihr habt mir geholfen, den Mut aufzubringen, gestern Abend meinen Boss zur Rede zu stellen. Dem ging die Düse!#Themtoo #Metoo

@EveEIC. Hab mich wie eine von den Thems gefühlt, aber jetzt bin ich auch eine Metoo. Bin gestern bei HR gewesen. Aufdringlicher Kollege wurde heute gefeuert! Die Zeit ist um! Gefolgt von drei klatschenden Emoticons.

Ich postete den Tweet weiter, versehen mit einem Kommentar: Wir verändern die Welt mit unseren Geschichten! Macht weiter. Wir sind viele. #Themtoo #Eve

Doch auf fünfmal Lob kam ein Troll.

@EveEIC Du bist nur scheiße drauf, weil deine Möse so vertrocknet is das kein Mann sie mehr will.

Könnt ihr euch vorstellen mit @EveEIC verheiratet zu sein? Was für eine männerhassende Fotze.

Meine Favoriten waren die, die versuchten so zu tun, als wüssten sie etwas Persönliches über mich. @EveEIC Du tust so, als bräuchtest du keinen Mann, aber ich wette, dass du dich durch deinen Fotzenknecht-Mann zuhause wie einen Hund behandeln lässt.

Doch meistens bevorzugten sie, mir mitzuteilen, dass ich nicht so eine Feministin wäre, wenn ich besser aussehen würde. @EveEIC Ein paar Pfund weniger täten dir gut. Kündige deinen Job und geh mal joggen.

Auf den Post antwortete ein anderer. Sie ist etwas zu fett, aber, Mann, der würde ich die Scheiße aus dem Leib ficken.

Dann noch einer, noch einer und noch einer. Kannte ich alles schon. Wenn die üblen Kommentare ihren Scheitelpunkt erreicht hatten, wurde das Ganze zu einem Wettstreit, wer mit hundertvierzig Zeichen der mieseste Mensch sein konnte.

Ich wünschte @EveEIC hätte eine Tochter, damit ich beide vergewaltigen könnte.

Ding, ding, ding. Ich hatte den Gewinner. Ich retweetete den Post und ergänzte: An solchen Kommentaren sehen wir, dass wir den Krieg gewinnen. #Hosenvoll #Sissi

Ich wusste, dass meine ungefähr 320 000 Follower den Typen auseinandernehmen würden (zumindest nahm ich an, dass es ein Typ war), bis er seinen Account löschte, aber ich zog es durch und meldete seinen Tweet dennoch als Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen.

Adam hatte mich vorgewarnt, die drohenden Kommentare zu ignorieren, die fast zwangsläufig kamen, wenn man als Frau im Internet unterwegs war. Ich hätte zum Beispiel die Option, alle Kommentare zu ignorieren oder die Leute herauszufiltern, die ich nicht persönlich kannte. Doch das würde die Absicht unterlaufen, direkt mit den Leserinnen und Lesern der Eve in Kontakt zu treten.

Davon abgesehen ließ ich mich nicht von einer Handvoll Feiglinge zum Schweigen bringen, die sich hinter der Anonymität des Internets versteckten. Wie meine Twitter-Bio schon sagte: »Mein Baby gehört zu mir, ist das klar?«

Nachdem es mich aber erst mal gepackt hatte, musste ich feststellen, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte. Ich schloss Twitter und öffnete Poppit, ein Forum, in dem alles erlaubt war und wo Nutzer, die sich nicht registrieren mussten, anonym posten konnten. Eine kurze Suche nach meinem Namen füllte den Bildschirm mit Hasskommentaren. Wenn sie mich keine ausgetrocknete, verbitterte alte Hexe nannten, beschimpften sie mich als Schlampe und Nutte, die sich in ihrem Job hochgeschlafen hatte – obwohl ich mit einunddreißig geheiratet hatte, als ich bereits Kulturredakteurin bei City Woman war und wenige Monate später Chefredakteurin einer Kulturzeitschrift in Downtown werden sollte. Außerdem war mein Mann Rechtsanwalt und hatte so gar nichts mit der Verlagsindustrie zu tun. Wenn überhaupt irgendwas, dann hatte ich ihm bei seiner Karriere geholfen. Doch davon wusste natürlich keiner dieser Fremden etwas, die mich allein für den Versuch hassten, die Welt für Frauen ein bisschen fairer zu machen.

Ich wollte das Fenster schon schließen, als dem Thread unter dem Usernamen KurtLoMein ein neuer Beitrag hinzugefügt wurde. Sie ist eine Heuchlerin. Quatscht ständig davon, die Welt müsse lernen, Frauen anders zu behandeln, ist aber in ihrem eigenen Leben voll der Feigling. Interessiert sich mehr für ihr Bilderbuch-Image als für die Wirklichkeit.

Meine Finger schwebten über der Tastatur, in dem Wissen, dass ich darauf nicht antworten sollte, und ich wusste nicht, was ich schreiben sollte, wenn ich es doch täte. Das Ping einer eingehenden E-Mail riss mich aus meinen Gedanken. Es war Maggie wegen des Fotoshootings.

Hi, Chloe. Gefallen dir die Fotos nicht? Oh, nein! Es war Siennas Idee, die traditionellen, lächerlichen Glamour-Fotos auf die Spitze zu treiben. Sie war total begeistert davon, aber ich kann sie um ein paar Bilder aus ihrer Wahlkampagne bitten, wenn du die Bilder überhaupt nicht magst. Sag mir Bescheid, ja? Maggie

Direkt im Anschluss kam eine zweite E-Mail.

Ich habe gerade bei dir im Büro angerufen, damit wir direkt darüber reden können, aber Tom sagte, du wärst heute nicht da. Jetzt fühle ich mich schrecklich. Ich hätte die Fotografin auch um ein paar andere Bilder bitten können, aber Siennas Begeisterung über die Ironie hat mich wohl angesteckt. Wie kann ich es wiedergutmachen? Maggie

P. S. Noch mal herzlichen Glückwunsch zum P for P Award. Hoffe, es wird ne tolle Gala!

Ich klickte zurück auf die Fotos und betrachtete sie nun in einem vollkommen anderen Licht. Jetzt fühlte ich mich wie einer dieser Leute, die sich groß über eine E-Mail aufregen, nur um dann gesagt zu bekommen, dass es sich um Sarkasmus handelte. Ich war der Nerd, der den Witz nicht begriff. Ich war erst Anfang vierzig, und doch fühlte ich mich … alt.

Keine Angst, tippte ich. Wollte mich nur vergewissern, dass Sienna mit den Aufnahmen 100% einverstanden ist. CAT

Ich las noch mal meine ursprüngliche E-Mail, um sicherzugehen, dass ich nichts geschrieben hatte, was im Widerspruch zu dieser E-Mail stand. Als ich sie abschickte, kam mir dieser letzte, vernichtende Poppit-Post wieder in den Kopf. War mir mein Image wirklich wichtiger als die Realität?

Ein paar Minuten später klingelte das Telefon. Es war Les, der Nachmittags-Pförtner, der mich wissen ließ, dass Valerie eingetroffen war. Sie war die Frau, die ich angestellt hatte, um mir die Haare und das Make-up für die Gala zu machen. Zwei Stunden und fünfhundert Dollar später würde ich wie eine ältere Version der Frau auf den ironischen Fotos aussehen, die die Zeitschrift nächsten Monat brachte. Ich versuchte, mir nicht vorzustellen, was Maggie Hart dazu sagen würde.

»Und? Wie finden Sie’s?«, fragte Valerie. Ich hatte so lange auf der Bettkante gesessen, dass mir die Füße wehtaten, als ich aufstand.

Beim Blick in den Spiegel erkannte ich mich kaum wieder. Mein normalerweise glattes, schulterlanges, dunkelbraunes Haar war zu einer perfekten Welle an Spiralen gedreht worden, die von einem tiefsitzenden Scheitel herabfielen. Meine Haut wirkte natürlich, aber auch frisch und makellos. Sie hatte mit einem leichten Rouge und farblosem Lipgloss gearbeitet und meine Augen dunkel geschminkt. Mein herzförmiges Gesicht besaß zuvor ungekannte Konturen.

»Sie sind eine Zauberin, Valerie.« Wir hatten uns kennengelernt, als eine unserer regulären Visagistinnen Grippe hatte und uns eine Freundin als Vertretung schickte. Als ich Valeries grellpinken Irokesen und die reichlich vorhandenen Gesichtspiercings sah, war ich mir unsicher, ob sie die Richtige für den Job sei. Doch sie war der lebende Beweis, dass manche Menschen eben ihren eigenen Rhythmus hatten, ohne mit dem Rest der Band aus dem Takt zu geraten.

»Wollen Sie sich umziehen, bevor ich Ihnen einen letzten Stoß Haarspray verpasse?«

»Mein Kleid fühlt sich an wie eine Wurstpelle. Damit warte ich lieber bis zur letzten Minute.«

»Okay. Seien Sie nur vorsichtig. Das Make-up verschmiert sonst. Und Ihre Lippen sind gerade absolut perfekt. Versuchen Sie, sie so zu lassen, aber für den Fall, dass Sie was auffrischen müssen, lasse ich Ihnen den Liner und das Gloss da. Und benutzen Sie diesen Pinsel fürs Gloss, nicht das Ding aus der Tube.«

»Zu Befehl, Michelangelo. Ich werde Ihr Kunstwerk nicht zerstören.«

»Sind Sie sicher, dass Sie keine Hilfe mit dem Reißverschluss brauchen? Ich kann warten, wenn Sie möchten.«

Ich lehnte das Angebot dankend ab und sagte, Adam würde rechtzeitig zurück sein, wenn ich Hilfe bräuchte, obwohl ich seit letztem Abend nichts mehr von ihm gehört hatte. Er war früh morgens gegangen, als ich noch schlief.

Valerie fixierte gerade meine sorgsam arrangierten Wellen mit Haarspray, als ich die Wohnungstür quietschen hörte. An unserer Kühlschranktür klebte ein Post-it, das uns seit mindestens drei Wochen daran erinnerte, entweder einen Handwerker kommen zu lassen oder aber eine Dose WD-40 zu kaufen. Ich sehnte mich nach dem Tag, an dem ein To-do-Sticker maximal achtundvierzig Stunden in unserem Haus verweilte. Wir waren beide immer so beschäftigt.

»Sehen Sie?«, sagte ich und spürte mein eigenes Lächeln. »Da kommt er wahrscheinlich gerade.«

Wir folgten den Geräuschen in die Küche. Statt Adam stand Ethan vor der offenen Kühlschranktür, auf der Suche nach etwas, das offensichtlich nicht da war.

»Oh. Hey, Valerie.« Seine Stimme war wahrscheinlich eine Oktave tiefer geworden, seit er Valerie letzten Winter auf der Weihnachtsfeier gesehen hatte. Er drückte sofort das Kreuz durch und schob die Kühlschranktür hinter sich zu.

Mit großem Unbehagen sah ich zu, wie Valerie ihn innig drückte und ihm einen Kuss auf die Wange gab, ohne zu bemerken, welche Wirkung sie auf meinen Teenager-Sohn hatte. Ethan hatte nie großes Interesse an Mädchen gezeigt, aber mir waren die Veränderungen im vergangenen Jahr aufgefallen, und ich hatte mit einigen der Lehrer seiner Schule gesprochen. Die gute Nachricht war, dass seine Interessen sich von Computerspielen und Aber-bitte-nicht-nachmachen-YouTube-Videos weg und hin zu richtigen Mädchen verlagert hatte. Die schlechte Neuigkeit war, dass er noch nicht so ganz gelernt hatte, sich zwanglos in Gesellschaft des anderen Geschlechts zu bewegen.

»Okay, Valerie«, sagte ich und tippte auf ihre Schulter, um sie von Ethan wegzulotsen. »Danke noch einmal dafür, dass Sie mich herausgeputzt haben. Sie sind wirklich eine Künstlerin.«

Als ich Valerie zur Tür begleitete, konnte ich spüren, wie Ethans Blicke ihr folgten. Es sollten noch Wochen vergehen, bevor ich mich fragte, ob das ein weiteres Zeichen gewesen war, dass mit meinem Sohn etwas nicht stimmte.

3

Trotz des etwas reißerischen Namens war die Press-for-the-People-Gala ein regelrechtes Who’s who derer, die in den Augen des Landes als Medien-Elite galten. Doch typisch für die Gesellschaft New York Citys wurden zwischen den diversen Rängen der Elite Unterschiede gemacht. Selbst bei einem Einstandspreis von fünfhundert Dollar pro Ticket wurde man bereits am Check-in an seine hierarchische Stellung erinnert. Als Empfängerin der wichtigsten Auszeichnung des Abends saßen meine Familie und ich an Tisch 2, wie ich erfuhr. Es war eine kleine und zugegebenermaßen auch kleinkarierte Genugtuung, als ich mitbekam, wie ein früherer Mitarbeiter von mir, der wegen einer unbedeutenden Beförderung zu einem Konkurrenzblatt gewechselt war, darüber informiert wurde, dass er das Programm von Tisch 123, auf dem Balkon oberhalb der Bühne genießen dürfe.

»Und kann ich direkt Sie alle drei auf der Liste abhaken, Ms. Taylor?«, fragte die junge Frau mit einem Lächeln. Sie war nicht viel älter als Ethan, wahrscheinlich die Tochter eines Gremiumsmitglieds, die sich freiwillig gemeldet hatte, um in ihren Collegebewerbungen mit einem weiteren Ehrenamt glänzen zu können.

»Mein Dad kommt nicht«, sagte Ethan. »Also ist bei uns ein Platz frei. Falls du dich mal setzen möchtest.«

Der Stift der Ehrenamtlerin verharrte über ihrem Tablet, ihr Blick wanderte von Ethan zu mir. Ihr Lächeln wirkte ein wenig nervös.

»Mein Mann kommt etwas später«, beruhigte ich sie. »Adam Macintosh.«

»Natürlich. Dann lasse ich seinen Namen noch offen.«