Über das Buch

Eine Frau zwischen altem Handwerk und neuem Glück.

1968 – die junge Hannah Brook steht vor den Trümmern ihrer Träume: Carl, die große Liebe ihres Lebens, heiratet ausgerechnet ihre Ziehschwester Rosie. Und obwohl Hannah im geteilten Berlin gerade ihre ersten Schritte als Journalistin gemacht hat, muss sie – als einzige Unverheiratete der Familie – in der alten Heimat im Emsland ihren erkrankten Vater pflegen. Gegen große Widerstände übernimmt sie die Leitung der Feinbrennerei Brook und arbeitet sich in Destillierkunst und Getreideanbau ein. Es gelingt ihr, das das Familienunternehmen zu retten, indem sie die traditionelle Handwerkskunst neu belebt und den Alten Korn, hochwertigen Schnaps, der in Holzfässern reift, produzieren lässt. Doch dann begegnet sie Carl wieder, den sie nie vergessen hat …

Die Geschichte eines spannenden alten Handwerks – der Schnapsbrennerei auf den alteingesessenen Familienbauernhöfen auf dem Land.

Über Jan Steinbach

Jan Steinbach, geboren 1973, ist das Pseudonym eines erfolgreichen deutschen Schriftstellers, der bei einer Reise an die Ostsee seine Leidenschaft für Lübeck und Travemünde entdeckte. Inspiriert von Marzipan und Weihnachtszauber entstand die Idee für diese weihnachtliche Liebesgeschichte.

Bei Rütten & Loening erschienen zuletzt »Willems letzte Reise« und »Das Café der kleinen Kostbarkeiten«.

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Jan Steinbach

Die Schwestern von Marienfehn

Roman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Impressum

Prolog

September 1985

Alles war vorbereitet. Der hölzerne Tisch in die Brennerei getragen, die Stühle aufgestellt und Schnapsgläser auf einem kleinen goldenen Tablett verteilt. Das beschlagene Eichenfässchen ruhte eingekeilt zwischen zwei Scheiten, und in Glasflaschen funkelte golden der erlesene Tropfen.

Die Männer hatten sich um Punkt fünf in der Brennerei versammelt, kamen aus dem Stall und vom Feld, überblickten ernst und abwartend den Tisch. Sonst rissen sie gern derbe Witze und schlugen sich lachend auf die Schultern, jedoch niemals, wenn Hanna Brook im Raum war, ihre Eiserne Lady, wie sie sie bisweilen scherzhaft nannten.

Hanna konnte die Anspielung auf Margaret Thatcher schwer nachvollziehen. Sie hatte über die Jahre nur getan, was getan werden musste, um Hof und Brennerei am Leben zu erhalten. Um die Tradition fortzuführen, die das Schicksal launenhaft in ihre Hände gelegt hatte. Eisern hatte sie sich dabei nie gefühlt.

Sie stellte sich vor die Rohbrandkolonne, jenes gewaltige Monstrum aus Kupfer und Zinn, das schon einige Generationen von Schnapsbrennern überdauert hatte.

»Danke, dass ihr alle gekommen seid«, begann sie. »Ihr wisst, es steht nicht gut um uns. Wir können nicht mehr mit den großen Brennereien mithalten. Der Industriealkohol nimmt uns die Existenzgrundlage. Inzwischen wäre es sogar billiger, Rohalkohol einzukaufen, statt ihn selber zu produzieren.«

Die Männer blickten zu Boden, murmelten, spuckten aus. Als wären sie verantwortlich für den Niedergang. Dabei waren sie Hannas letzte Hoffnung.

»Der Hof wirtschaftet schon lange nicht mehr gut«, fuhr sie fort. »Wir bewegen uns in den roten Zahlen, das wisst ihr alle. Mit unserem Gebrannten ist kein Geld mehr zu verdienen, und Vieh und Ländereien werfen nicht genug ab, um die Kosten zu decken.«

Sie mussten dringend modernisieren. Sich spezialisieren. Die Frage war eben nur, worauf. Sie mussten entscheiden, was mit der Brennerei passieren würde.

»Wir sollten die Brennrechte verkaufen, Chefin«, sagte Bernhard Aaldering, der sich um die Schweine und die Bullen kümmerte. »Uns auf den Hof und die Ländereien konzentrieren. Wir könnten auf Schweinemast umstellen. In einen Maststall investieren. Das ist die Zukunft.«

Ja, das war die Zukunft, dachte Hanna, da waren sich alle einig. Alle rieten ihr, die Brennrechte an eine große Brennerei zu verkaufen und ihre Landwirtschaft zu modernisieren. Sich auf Kühe oder auf Schweine zu konzentrieren.

Doch sie hasste diese Vorstellung – die Brennerei war das Herz des Betriebs. Ihr wertvollster Besitz. Seit Jahrhunderten wurde auf dem Hof Brook Korn gebrannt. Sie war verantwortlich dafür, diese Tradition weiterzuführen. Sie durfte nicht mit ihr verschwinden. Das würde Hanna nicht zulassen.

»Du hast vollkommen recht, Bernhard, das wäre eine Möglichkeit. Und du kannst mir glauben, ich habe lange darüber nachgedacht. Allerdings … gibt es vielleicht noch eine andere Lösung.«

Verstohlene Blicke, Stirnrunzeln. Die Skepsis unter den Männern war spürbar.

»Setzt euch«, sagte Hanna. Endlich wurden Stühle gerückt, und die Männer nahmen Platz.

»Wir können Alkohol nicht so billig produzieren wie die Großen, das ist klar. Also müssen wir uns auf das besinnen, was uns ausmacht. Was wir besser können als die Großen.«

»Und das wäre?«

»Ganz einfach: Qualität.«

An den Gesichtern der Männer erkannte Hanna, dass sie kein bisschen überzeugt waren. Es war ein Risiko, die Brennerei am Leben zu erhalten. Das könnte den gesamten Hof in den Abgrund reißen. Ihre Arbeitsplätze standen auf dem Spiel.

»Seht ihr das Fass? So hat mein Großvater noch produziert. Er hat den Brand in Eichenfässern gelagert. Ihn reifen lassen. Bis zu zehn Jahre lang.«

»Korn, der in Fässern reift? Ich weiß nicht. Kann man da nicht gleich importierten Whiskey kaufen?«

»Wir brennen einfachen Korn. Ehrlich und unkompliziert. Wie teuer soll diese Art Korn denn sein? So was kauft doch keiner.«

Hanna atmete durch. Sie versuchte, sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen. Zwar waren es nur die Mitarbeiter vom Brennereihof, denen sie ihren neuen Brand vorstellte. Keine Branchenkenner oder Gourmets. Trotzdem wusste sie, wenn sie diese Männer nicht überzeugen konnte, würde es ihr auch woanders nicht gelingen. Hier entschied sich, ob das jahrelange Experimentieren umsonst gewesen wäre.

Sie nahm eine Flasche ihres vor drei Jahren in französischen Eichenfässern eingelagerten Korns und schenkte ein, damit jeder probieren konnte. Das letzte Glas war für sie.

Sie ließ die goldene Flüssigkeit ihr Bouquet im Glas entfalten und hielt es sich unter die Nase. Es roch fruchtig und frisch, ein wenig nach Malz. Nach Sommer und reifen Weizenfeldern, nach dem Aufstellen von Getreidegarben, nach surrenden Insekten, die in der Herbstsonne tanzten. Nach all den vielfältigen Aromen eines Erntetags. Kurzum, einfach perfekt.

Die Männer schnupperten ebenfalls. Sie reagierten, wie es Menschen immer taten, wenn etwas Unvorhergesehenes eintrat: überrascht, verunsichert und irritiert.

»Und das soll die Brennerei retten?«, fragte Bernhard mürrisch. »Was soll das überhaupt sein?«

»Probiert einfach«, schlug sie vor.

Und das taten sie. Stille breitete sich aus in der Brennerei. Hanna hielt den Atem an. Nun würde sich alles entscheiden.

Plötzlich wünschte sie sich sehnlichst, nicht allein vor diesen Männern zu stehen. Jemanden an ihrer Seite zu haben, der ihr beistand. Der diesen Moment mit ihr teilte, egal, ob er sich zum Guten oder zum Schlechten wenden würde.

Doch da war niemand. Sie war allein. Carl wusste nicht einmal, wie schlecht es um die Brennerei stand. Carl, der irgendwo in der weiten Welt unterwegs war und wahrscheinlich keinen Gedanken mehr an Hanna verschwendete.

Wie so oft nahm sie sich zusammen. Streckte den Rücken durch, unterdrückte ihre Wünsche und Sehnsüchte. Sie nahm das Glas und nippte. Ein weiches und wärmendes Aroma breitete sich auf ihrem Gaumen aus, ein satter, sanfter und gleichzeitig feuriger Geschmack. Der Brand war voller Trost und Schönheit, war Balsam für Körper und Seele.

Sie sah auf und erkannte es in den Gesichtern ihrer Männer. Ihnen erging es ebenso. Sie waren ganz eingenommen von dem Brand. Blickten verwundert und berührt. Hanna spürte, etwas Großes lag in der Luft. Sie hatte die Männer überzeugt.

Plötzlich schien alles ganz einfach. Es würde ihr gelingen. Es gab einen Weg, die Brennerei zu retten. Sie würde es schaffen. Ganz allein. Eine neue Gewissheit durchflutete sie. Wenn diese Männer an dem Korn Geschmack fanden, dann würden es auch andere tun. Dann wäre die Brennerei noch nicht verloren.

»Und?«, fragte sie und lächelte triumphierend in die Runde. »Was sagt ihr zu meinem Korn?«

Kapitel 1

Heute

Mit den warmen Strahlen der Septembersonne im Gesicht und dem einsamen Schrei eines Moorvogels in der Ferne betrachtete sie lange und nachdenklich den Ort, an dem sie sterben würde.

Das alte Sandsteinhaus lag umgeben von uralten Eichen am Rande des Moors. Ein protziger Kasten mit rußigen Zinnen und einer Marienstatue, die starr und abweisend von der Fassade auf das Kommen und Gehen der Menschen herabsah. In den hohen Sprossenfenstern spiegelte sich der Herbsthimmel, Mücken tanzten in der warmen Luft, und ein weiches Licht gab allem einen unwirklichen Schimmer.

Seltsam, dass es ausgerechnet hier geschehen würde, dachte sie. In diesem Haus am Moor, vor dem sie sich als Kind ein wenig gefürchtet hatte. Es war im Laufe der Zeit vieles gewesen: Krankenhaus, Soldatenlazarett, Teil der Gemeindeverwaltung, Lagergebäude und schließlich ein verbarrikadiertes Geisterhaus. Bis es von Grund auf saniert und erweitert worden war, um das katholische Seniorenheim von Marienfehn zu beherbergen. Ihr neues Zuhause, in das sie heute einziehen würde.

»Ich verstehe dich nicht, Tante Hanna«, sagte Benedikt mit bitterem Unterton. »Wirklich nicht.«

»Ich weiß nicht, was du meinst. Komm, hilf mir mal. Ich bin nicht gut zu Fuß heute. Mein Bein will nicht so recht.«

»Du weißt genau, was ich meine.« Er reichte ihr den Gehstock, auf den sie sich stützte. »Deinen Umzug. Dass du wirklich hier leben willst. Das ist kein Ort, an den du gehörst. Doch nicht du.«

»Ach, Benedikt. Lass uns nicht wieder von vorn anfangen. Das bringt doch nichts.«

»Ich meine nur. Das soll ja nicht heißen, dass ich dir nicht gern beim Umzug helfe. Ich finde einfach … Das ist nicht in Ordnung, Tante Hanna. Auch wenn alle so tun, als wäre es das.«

Sie schenkte ihm ein schiefes Lächeln. Zu sagen, er sei zu jung, um das zu verstehen, hatte sicherlich wenig Sinn. Er war nicht mehr der kleine Junge von einst. Inzwischen war er zu einem gut aussehenden Mann gereift, der anpacken konnte und handwerklich geschickt war. Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit verging. Doch ihr Großneffe, das Nesthäkchen ihrer Familie, würde in ein paar Monaten achtundzwanzig werden.

»Ich weiß auch gar nicht, wie du so ruhig bleiben kannst«, insistierte er. »Es ist falsch, dass du im Heim leben sollst. Mich macht das total wütend.«

»Jetzt lass doch, Benedikt. Bitte.«

Sie wollte diesen Umzug ebenso wenig wie er, doch diesen Kampf hatte sie längst verloren. Es hatte keinen Sinn, sich gegen die Niederlage zu wehren. Hanna fühlte sich alt und zerbrechlich, wenn sie nur daran dachte.

»Dein Altenteil auf dem Hof steht dir zu. Man kann dich doch nicht einfach abschieben. Das darfst du dir nicht gefallen lassen.«

»Benedikt. Wir werden nicht wieder von vorn anfangen.«

»Ich finde nur, du hast etwas Besseres verdient. Du solltest …«

»Es ist meine Entscheidung«, sagte sie im Tonfall ihrer lang erprobten Autorität. »Ich habe entschieden, hierherzuziehen. Keiner sonst. Hörst du? Es ist meine eigene Entscheidung.«

Das brachte ihn zum Schweigen. Mürrisch nahm er einen der Umzugskartons und stapfte entschlossen auf das Gebäude zu. Sie schüttelte den Kopf. Was sollte sie denn machen? Als hätte sie eine Wahl gehabt. Er hatte recht mit dem, was er sagte. So traditionsbewusst waren die Menschen in Marienfehn noch, um zu wissen, dass es ein absolutes Unding war, wenn die ehemalige Besitzerin der Brennerei sich in einem Apartment im Seniorenheim wiederfand. Aber das half keinem weiter.

Sie stützte sich auf ihren Gehstock und blickte zum Sandsteingebäude. Alles war liebevoll restauriert worden, doch ein Hauch der Düsternis von einst umgab es noch, trotz der modernen Anbauten und der hübschen Parkanlagen.

Als ihr Großneffe zurückkehrte, um den letzten Karton zu holen, schien sein Ärger bereits verflogen. Er trat neben Hanna.

»Es ist ja ganz hübsch hier«, räumte er ein. »Trotzdem ist es nicht der Brennereihof.«

»Als Kind habe ich immer gedacht, das Moor würde sich das Haus eines Tages zurückholen«, erzählte Hanna. »Es würde einfach im Nebel verschwinden. Vom Morast verschluckt werden und nie wieder auftauchen.«

»So wie das Haus Usher, meinst du. In der Geschichte von Edgar Allan Poe.«

»Ja, so ungefähr. Aber sieh nur, es steht immer noch. Früher war es mitten im Moor, und jetzt ist es ganz an den Rand gerutscht.«

Das Gegenteil war nämlich passiert. Moor und Feuchtwiesen waren dabei, zu verschwinden. Nicht im Nebel zwar, jedoch wurden sie Stück für Stück trockengelegt und für die Landwirtschaft nutzbar gemacht, wodurch wiederum das restliche Moor durch Dünger und Nährstoffe verlandete und die Tier- und Pflanzenwelt nach und nach verloren ging.

»Es wird doch eine Menge unternommen, um das Moor zu erhalten«, wandte Benedikt ein. »Wir haben die biologische Station, die kümmert sich um den Lebensraum Moor. Schon allein wegen der Touristen.«

Das war richtig. Es gab ein ganzes Heer von Menschen, die das Moor für die Nachwelt erhalten wollten. Wissenschaftler, Schäfermeister, Ehrenamtliche, Austauschstudenten, sogar Pädagogen waren vertreten, die Schulklassen und Touristen herumführten und über Nachhaltigkeit und Biodiversität sprachen.

»Ja, wir haben die biologische Station«, stimmte sie nachdenklich zu. »Noch so was, was damals undenkbar gewesen wäre.«

Benedikt nahm den letzten Karton und brachte ihn zum Haus. Hanna stützte sich auf den Stock und wartete auf seine Rückkehr. Den Sandsteinkasten ließ sie dabei nicht aus den Augen. Hubert Espelkamp kam ihr in den Sinn. Ein Milchbauer aus der Nachbarschaft, einer der ersten Bewohner, die hier im Seniorenheim gelebt hatten. Ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht.

Er war ein bisschen in Hanna verschossen gewesen, Hubert Espelkamp. Ein stämmiger Landwirt, der meist ziemlich wortkarg war. Keine Ahnung, was ihm an ihr gefallen hatte. Doch beim Schützenfest zweiundsiebzig, das würde sie nie vergessen, auf dem Höhepunkt der Feier, da war Hanna für eine Nacht schwach geworden.

Hubert hatte sich als Gentleman erwiesen und sein Lebtag Stillschweigen bewahrt über diese Nacht. Hanna kannte genügend Männer, die in der Dorfkneipe damit geprahlt hätten. Bier und Schnaps trinkend am Tresen, mit aggressivem Lachen und derben Witzen auf ihre Kosten. Nicht so Hubert. Kein Sterbenswort war über seine Lippen gekommen. Und das Einzige, was an ihr Abenteuer erinnerte, war sein seltsames Lächeln, immer sonntags nach dem Gottesdienst, wenn sie mit den anderen Kirchgängern ins Freie strömten und einen heimlichen Blick wechselten. Die Wärme, die dann in seinen Augen aufblitzte, gefolgt von einem Hauch von Sehnsucht und Traurigkeit.

Huberts spätere Frau war sehr empfindlich, was den Namen Hanna Brook anging. Sie achtete peinlichst darauf, dass die beiden nicht aufeinandertrafen. Doch diese Blicke, sonntags nach dem Kirchgang, die konnte auch sie nicht unterbinden.

Als es Hubert zuletzt immer schlechter ging, da hatte Hanna ihn im Seniorenheim besucht. Da waren sie wieder allein miteinander in einem Zimmer gewesen, zum ersten Mal seit zweiundsiebzig.

»Sie haben Besuch, Herr Espelkamp«, rief die junge Pflegerin, die Hanna in den Raum führte.

Sie versuchte, mit ihrer Stimme den plärrenden Fernseher zu übertönen. Es lief eine Kochsendung mit angestrengt gut gelaunten Männern, die über Töpfe und Pfannen gebeugt standen und sich gegenseitig ins Wort fielen. Hubert, oder vielmehr jenes Wesen mit fahler Haut und totenkopfartigem Schädel, das Hubert entfernt ähnelte, mit den weißen Fusseln auf dem Kopf und ausgemergeltem Oberkörper, lag in einem Bett mit hochgestelltem Kopfteil, das direkt auf den Fernseher ausgerichtet war. Er blickte nicht einmal auf, als sie eintraten. Der Lärm des Fernsehers bereitete Hanna augenblicklich Kopfschmerzen.

»Eine Dame für Sie, Herr Espelkamp«, rief die Pflegerin.

Sie nahm die Fernbedienung und stellte den Fernseher leiser. Erst jetzt schien Hubert zu bemerken, dass etwas vor sich ging.

»Er mag diese Kochsendungen, wissen Sie. Sie beruhigen ihn. Wir lassen das für ihn laufen. Auch wenn er nicht mehr gut hören kann. Sein Hörgerät zieht er sich immer aus dem Ohr, er kann es nicht leiden.«

Sie legte die Fernbedienung beiseite, zwinkerte Hanna zu und ließ die beiden allein. Hanna trat etwas unbeholfen an sein Bett. Sie lächelte.

Von seinem stattlichen Aussehen war nicht viel geblieben. Von dem dunklen Haar und seinen sinnlich geschwungenen Lippen.

Doch wenn sie genau hinsah, erkannte sie ihn trotzdem, den Hubert von damals, egal, wie sehr er sich verändert hatte. Und sie hatte sich ja ebenfalls verändert, auch sie war grau und faltig geworden.

»Ich bin’s, Hubert. Hanna.«

Er blickte verständnislos.

»Hanna«, wiederholte sie laut.

Doch nichts. Sein Blick huschte über sie hinweg, als suchte er irgendwo Halt. Den fand er schließlich auf der Mattscheibe. Hanna zögerte, nahm auf seiner Bettkante Platz.

»Es ist lange her, Hubert. Wir sind alt geworden, was?« Sie lachte nervös. »So viele Jahre. Sieh uns nur an.«

Doch er hatte nur Augen für seine Kochsendung.

»Erkennst du mich denn nicht? Ich bin es, Hubert: Hanna Brook.«

Vergebens. Sie drang nicht zu ihm durch. Vielleicht war es dumm gewesen, herzukommen. Was hätte sie ihm auch sagen sollen? Fast fünfzig Jahre nach ihrem Abend auf dem Schützenfest?

»Hubert, ich bin hier wegen des Schützenfests zweiundsiebzig. Erinnerst du dich?« Das klang doch ziemlich absurd, oder? Trotzdem war es die Wahrheit. »Vielleicht hätte aus uns etwas werden können, Hubert.« Denn das war es, was ihr eigentlich auf dem Herzen lag. »Vielleicht, wenn mein Herz nicht einem anderen gehört hätte. Wenn es nicht immer einem anderen gehört hätte, mein Leben lang. Carl. Im Grunde wusstest du das, oder? Du bist ein guter Mann, Hubert. Einen besseren kann sich eine Frau nicht wünschen. Es tut mir leid, dass ich nicht frei war für dich.« Warum hatte sie ihm das nicht damals schon gesagt? Es war so dumm, seine Gefühle vor dem anderen zu verheimlichen.

Sie nahm seine Hand. Sie war warm und trocken. Knochig zwar und dünn und zerbrechlich, trotzdem fühlte sie sich gut an. Ohne darüber nachzudenken, legte Hanna seine Hand an ihre Wange. Nun löste sich Huberts Blick vom Fernseher. Er wirkte erstaunt über die Berührung, über die Intimität des Moments. Ein weiches Lächeln tauchte in seinem Gesicht auf. Doch erkannte er sie immer noch nicht. Sein Blick war wie der eines Säuglings. Nichts ahnend und offen für die Wunder der Welt genoss er die unerwartete Zärtlichkeit.

Hanna bemerkte, wie Tränen über ihre Wangen liefen. Sie hatte gehofft, noch einmal diesen anderen Blick zu sehen, so wie früher nach dem Kirchgang, diese plötzlich auftauchende Wärme in seinen Augen, gefolgt von einem Hauch von Sehnsucht und Begehren.

Sie hatte gehofft, sich verabschieden zu können.

»Er ist heute nicht gut drauf«, sagte eine Stimme hinter ihr. Es war die Pflegerin, die zurückgekehrt war. »Manchmal hat er Momente, da erkennt er jemanden. Doch meistens ist es wie jetzt. Versuchen Sie es ein andermal wieder.«

Hanna wischte sich unauffällig die Tränen ab, dann bedankte sie sich lächelnd und ging hinaus. In der Tür sah sie noch einmal zurück, in der Hoffnung, vielleicht doch einen Funken des Erkennens in seinen Augen zu sehen. Aber er sah wieder zum Fernseher und schien sie längst vergessen zu haben.

Mach’s gut, Hubert, dachte sie, bevor sie für immer aus seinem Leben trat.

* * *

Sie hatte Hubert damals einen Korb gegeben, trotz der Nacht während des Schützenfestes. Er hatte das respektiert. Er wusste, wie es in ihrem Herzen aussah.

Carl. Wieder stahl er sich in ihre Gedanken. Das hörte sicher niemals auf. Denn an dieser einen Sache hatte sich in all der Zeit nichts geändert. In ihrem Herzen war nur Platz für ihn.

Sie wünschte, er wäre hier. Dann würde sie den Brennereihof leichter hinter sich lassen. Wenn Carl bei ihr wäre, würde sie freudig ein neues Leben beginnen. Auch heute noch. Doch er war fort, und sie würde auch diesen Weg allein gehen.

»Wo bleibst du denn, Tante Hanna?« Benedikt stand im Eingang und sah zu ihr herüber. »Die warten auf uns wegen der Schlüsselübergabe. Du musst noch unterschreiben.«

»Ich komme schon.«

»Danach muss ich noch einmal zum Brennereihof fahren, um die letzten Kisten zu holen. Wir sollten uns beeilen.«

»Ich sage doch, ich komme. Eine alte Frau ist kein D-Zug.«

Sie umfasste ihren Gehstock und schritt durch das goldene Sonnenlicht. Libellen umschwirrten sie, als wollten sie eine sterbende Fee auf ihrem letzten Weg begleiten. Der Kies knirschte unter ihrem Schritt, ein sanfter Wind raschelte in den Birken, leuchtend gelbe Blätter segelten durch die Luft.

Sie war am Ziel ihrer Reise angekommen. Hier würde das letzte Kapitel ihres Lebens geschrieben werden. Ein merkwürdiges Gefühl. Doch einen weiteren Umzug würde es sicher nicht mehr geben. Sie war in ihrem letzten Zuhause angelangt.

Da war eine unbestimmte Müdigkeit, eine Vorbotin des Kommenden. Wer konnte schon sagen, wie viele Jahre ihr noch bevorstanden. Oder wie es mit ihrer Gesundheit bestellt sein würde. Sie würde alles auf sich zukommen lassen müssen. Doch einer Sache war sie sich gewiss. Die letzte Reise ihres Lebens, die würde sie eines Tages von hier aus antreten, vom Seniorenheim Mariahilf. Dieser Umzug brachte sie diesem Tag ein kleines bisschen näher.

Benedikt stand mit dem Karton im Eingang.

»Ich hoffe, dir gefällt, wie ich deine Wände gestrichen habe. Bist du bereit, dein neues Apartment zu sehen?«

»Ob ich bereit bin?« Sie lächelte. Atmete durch. Ließ den Blick über die bunte, leuchtende Herbstlandschaft wandern. »Lass uns reingehen.«

Kapitel 2

Die winzige Wohnung, die sie bezog, befand sich in einem der modernen Seitenflügel des Seniorenheims, die hufeisenförmig vom Haupthaus abgingen. Dazwischen lag eine Parkanlage mit einem Teich und der alten Sandsteinkapelle, die bereits an dieser Stelle im Moor gestanden hatte, bevor das Haupthaus gebaut worden war.

Der linke Flügel beherbergte die Apartments des betreuten Wohnens, während der rechte für die Pflegefälle vorgesehen war. In jenem Flügel hatte auch Hubert Espelkamp gelegen. Sie blickte mit gemischten Gefühlen hinüber. Wer wusste schon, ob sie nicht auch eines Tages dort liegen würde?

»Hier ist es«, sagte Benedikt. »Wir sind da.«

Der Umzugskarton, auf dem mit schwungvoller Handschrift Küche geschrieben stand, schwebte schwerelos vor seiner Brust. Hanna wusste, Benedikt trainierte wie besessen im Fitnessstudio. Kaum einer würde vermuten, wie stark er war, denn er trug stets weite und unförmige Kleidung. Sie konnte nur ahnen, weshalb er so sehr darauf achtete, seinen beeindruckenden Körper zu verstecken.

Vorsichtig und mit kerzengeradem Rücken stellte er den Karton ab. Ihr gutes Service klirrte sacht darin. Er zückte den Schlüssel.

»Ich bin gespannt, wie es dir gefällt, jetzt, wo alles fertig ist«, sagte er etwas nervös.

Er hatte eine Menge Arbeit in die Wohnung gesteckt, hatte tapeziert, gestrichen, alles hergerichtet. Dass er nun regelrecht aufgeregt war, ihr das Ergebnis seiner Arbeit zu präsentieren, rührte Hanna. Sie hatte doch gar keine Wahl und musste sich mit dem zufriedengeben, was sie vorfand. Dennoch war ihm ihr Urteil wichtig. Er hatte tatsächlich Angst davor, nicht das Beste für sie herausgeholt zu haben.

»Ich habe die Möbel erst mal so aufgestellt, wie ich es sinnvoll fand. Wir können aber alles noch umstellen. Es soll so werden, wie es dir am besten gefällt. Sieh es dir einfach an.«

Die Tür sprang auf. Er trat zur Seite und ließ Hanna den Vortritt. Also gut, nun war es so weit. Etwas scheu ging sie hinein. Das Apartment umfasste knapp vierzig Quadratmeter, inklusive Kochzeile und Badezimmer. Eine ziemliche Umstellung, dachte man an den alten Brennereihof mit den umliegenden Ländereien, auf dem sie gelebt hatte.

Zu ihrer Überraschung empfing sie ein sehr behagliches und gemütliches Zimmer. Bei der Besichtigung war der Raum kahl gewesen, mit weißen Wänden und einer eher abweisenden Atmosphäre. Doch jetzt wirkte alles einladend und wohlig, warme Pastelltöne überwogen.

Benedikt hatte dem Raum nach Kräften Hannas Stempel aufgedrückt. Ihr gemütlicher Sessel stand vor dem Panoramafenster, das zum Moor hinausging. Daneben das kleine französische Beistelltischchen, das sie so liebte. Ihr flauschiger Teppichläufer, den sie selbst geknüpft hatte, in den Achtzigern, als das große Mode gewesen war. All ihre Lieblingsstücke waren hier versammelt. Und das, obwohl sie die meisten Möbel hatte zurücklassen müssen. Es fiel gar nicht auf, was fehlte, und obwohl der Raum klein war, war es Benedikt gelungen, ihn geräumig wirken zu lassen.

Sie staunte. Es war ein Zuhause.

»Wann hast du das denn alles gemacht?«, fragte sie voller Bewunderung. »Etwa abends nach der Arbeit? Ich habe ein schlechtes Gewissen. Aber die Wände sehen wunderschön aus. Und sind das da meine Vorhänge aus dem Büro? Sie passen hervorragend zu der Einrichtung. Ich bin sprachlos.«

An der Rückwand stand ein schmales Bett, das sie und Benedikt eigens in einem Sanitätshaus gekauft hatten. Dieses Bett war der einzige Störfaktor im Raum. Ein Kompromiss, den sie hatte eingehen müssen. Ein Pflegebett, das aussah wie das von Hubert Espelkamp. Eine Mahnung daran, was ihr bevorstehen könnte.

»Wenn es dir nicht gefällt, ändern wir alles«, beeilte sich Benedikt zu sagen. »Das ist nur ein Vorschlag. Ich will, dass du dich wohlfühlst.«

»Nein, nein. Es ist perfekt. Ich wüsste nicht, wie man es besser machen sollte.«

»Der Clou ist das hier.« Er deutete auf ihr altes Kirschbaumschränkchen, das er auf eine Weise öffnete, als wäre er ein Zauberer, der einen Trick vorführte. Eine stolze Reihe edler Flaschen erschien, allesamt mit dem Emblem der Feinbrennerei Brook und dem Schattenschnitt des Brennereihofs. Die zeitlose Flasche mit dem Alten Korn, Verkaufsschlager und Aushängeschild der Brennerei, daneben die schlanke und hochwertige Flasche des Single Malt, mit dem sie einen wichtigen internationalen Preis gewonnen hatte, die hohen und schmalen Flaschen der Kornvariationen, die bauchige des Kräuterwacholders und die vielen Likörflaschen, die es in den unterschiedlichsten Formen und Farben gab. Der ganze Stolz der Feinbrennerei.

Benedikt strahlte. »Eine Hausbar mit den besten Produkten von Brook. Ich dachte, die darf hier nicht fehlen.«

Das Bild versetzte ihr einen Stich. Der Verlust der Brennerei schmerzte sie. Doch das wollte sie Benedikt nicht spüren lassen.

»Habe ich gerade schon gesagt, es wäre perfekt?«, sagte sie leichthin. »Das ist es natürlich erst jetzt, mit der Hausbar. Danke, Benedikt. Das ist wirklich eine schöne Idee.«

»Sieh dich ruhig in Ruhe um. Wenn du was ändern möchtest, sag es einfach. Es soll alles so sein, wie du es haben möchtest.«

Hanna blickte sich unentschlossen um, dann trat sie ans Fenster, legte den Griff um und öffnete es. Warme und würzige Luft zog vom Moor herauf. Es roch nach trockenem Laub und überreifen Früchten, nach fauligem Moos und morschem Holz. Die Herbstsonne stand tief und wärmte ihr Gesicht. Sie hob die Hand schützend über die Augen und blickte hinaus.

Ein sandiger, von Kopfeichen gesäumter Weg führte hinter dem Gelände des Seniorenheims in den Bruchwald hinaus. Es folgte ein schmaler Waldstreifen mit dürren Birken und Erlen, deren morsche Stämme bereits im schwarzen Sumpfwasser standen, dahinter begann die weite Ebene des Moors. Von ihrem Fenster aus hatte Hanna einen perfekten Ausblick auf das offene Moor mit seinen Bülten und Wasserflächen, mit dem Wollgras und den Binsen, dem Farn und Heidekraut.

Es lag ihr direkt zu Füßen. Hohe Wolken zogen über das Moor hinweg, und eine einsame, verkrüppelte Schwarzerle streckte ihre Zweige in den Himmel. Hanna atmete die Herbstluft ein.

»Die Aussicht ist großartig, nicht wahr?«, meinte Benedikt. »Du kannst die Jahreszeiten im Moor verfolgen. Da gibt es eine Menge zu sehen. Ich könnte dir ein Fernrohr besorgen, zum Vögelbeobachten.«

Sie lächelte. »Ja. Es ist wirklich großartig.«

Die Aussicht würde ihr Trost schenken, wenn das Heimweh sie überkam. Sie liebte das Moor, besonders zu dieser Jahreszeit. Sie streckte das Gesicht hinaus in die Sonne und schloss die Augen. Genoss den Moment.

Wie hatte sie sich das Sterben vorgestellt?

Ein konkretes Bild war da natürlich nicht gewesen. Früher waren die Menschen zu Hause auf den Bauernhöfen gestorben, in ihren Betten und umgeben von der Familie. Ihre Mutter war noch auf diese Weise gestorben. Alle waren da gewesen, hatten geweint, gebetet, sich bekreuzigt. Und am Ende war Oma Butthus, ihre Nachbarin, aufgestanden und hatte das Fenster geöffnet, damit die Seele der Mutter in den Himmel steigen konnte.

Natürlich gab es das schon lange nicht mehr. Der Tod war kaum mehr Teil des Lebens. Er wurde abgeschoben und entsorgt, damit ihn keiner erblicken musste. Heute starb man für gewöhnlich allein im Krankenhaus, an Schläuche gehängt und von Maschinen umgeben. Weit weg von dem Ort, an dem man sein Leben zugebracht hatte.

Dennoch hatte Hanna ein vages Bild vom Sterben gehabt. Oder eher so was wie eine Idee. Es sollte auf dem Brennereihof enden, nirgendwo anders. In ihrer Vorstellung wäre sie einfach umgekippt und von sanftem Dunkel empfangen worden. Irgendwann, bei der Arbeit in der Schnapsbrennerei, während sich der Duft des frisch geernteten Weizens im Lager ausbreitete, während die Maische im Kessel gor und der Brand hinter den Fensterchen der Brennkolonne blubberte. Sie hätte einfach aufgehört zu existieren, wäre eins geworden mit dem Universum.

Stattdessen war sie jetzt hier, im Mariahilf.

Aber wenigstens hatte sie ein gemütliches Zimmer und einen wunderschönen Ausblick aufs Moor. Sie wollte endlich loslassen, aufhören zu kämpfen. Es hatte keinen Sinn, dem Hof hinterherzutrauern.

Sie wandte sich vom Fenster ab. Lächelte.

»Ich werde mich wohlfühlen. Ganz bestimmt.«

Benedikt antwortete nicht. Er blickte zu Boden. Es war, als schämte er sich dafür, seine Großtante zurücklassen zu müssen.

»So schlimm ist es doch gar nicht«, meinte sie. »Sieh dich um. Es ist wirklich schön geworden.«

»Das schon. Trotzdem. Bist du dir sicher, dass du dich hier wohlfühlen wirst?«

»Natürlich. Ich habe alles, was ich brauche. Und sieh dir den Ausblick an. Es gefällt mir sehr, wie du alles eingerichtet hast.«

Nun sah er auf. Lächelte sogar. Er steckte sich verlegen die Hände in die Hosentaschen.

»Ich meine es so, Benedikt: Ich werde mich wohlfühlen. Und das habe ich dir zu verdanken. Ohne dich hätte ich das alles nicht geschafft.«

Gern hätte sie ihn umarmt, doch stattdessen tätschelte sie ihm nur etwas ungelenk die Schulter. Benedikt mochte keine Berührungen, das war schon immer so gewesen. Obwohl er ihr als Kind oft wie ein Hund hinterhergelaufen war, versteifte er sich, sobald sie ihn in den Arm nehmen wollte. Sogar diese kleine und ungelenke Geste ließ ihn mit Unbehagen reagieren.

»Ich hole mal die anderen Kisten«, sagte er eilig. »Ich muss noch eine Tour fahren, um die letzten Sachen zu holen. Danach haben wir alles hier.«

»Soll ich dir nicht schnell einen Kaffee kochen? Du musst doch mal eine Pause machen.«

»Ach was, das geht ganz schnell.« Er schnappte seinen Autoschlüssel und ging zur Tür. »Ich bin gleich wieder da, Tante Hanna. Dann können wir Kaffee trinken.«

Es sah aus, als würde sie im nächsten Moment allein in ihrem Apartment stehen. Auch wenn es gemütlich und einladend geworden war, überforderte sie diese Aussicht. Sie bekam es plötzlich mit der Angst. Noch war sie nicht bereit, einsam zurückzubleiben. Sie wollte diesen Moment des Endgültigen noch hinauszögern.

»Ich begleite dich«, sagte sie schnell. »Dann kann ich mich gleich ein bisschen im Haus umsehen. Vielleicht kann ich uns ja irgendwo ein Stück Kuchen besorgen, für später, wenn du wieder hier bist.«

Gemeinsam gingen sie zurück ins Hauptgebäude. Benedikt studierte dabei eine Broschüre vom Mariahilf, die in einer Sitzecke auslag. Hanna warf währenddessen einen Blick in den Innenhof, in dem die Parkanlagen und die alte Kapelle zu sehen waren. Die verwunschene Sandsteinkapelle hatte sie nur als Ruine im Moor in Erinnerung. Irgendwie freute es sie, dass die alten Gebäude nun doch erhalten geblieben waren. Dass sie renoviert und geehrt wurden und nicht, wie damals von ihr befürchtet, im Moor versunken waren.

»Du kannst hier Seniorengymnastik machen, jeden Mittwoch«, stellte Benedikt mit Blick auf die Broschüre fest. »Ist doch toll, oder? Und freitags ist Bingo.«

Hanna sparte sich einen Kommentar. Sie wusste noch nicht, was sie von diesen Gruppenangeboten halten sollte. Sie gaben ihr das Gefühl, als wären sie auf einer Kinderfreizeit und müssten bespaßt werden.

»Jetzt gerade läuft ein Malkurs. Intuitives Malen und Selbsterfahrung.« Er las vor: »Finden Sie Zugang zu Ihrer Intuition und schöpferischen Kraft. Entdecken Sie Ihr Potenzial und stärken Sie Ihr Selbstvertrauen.«

Er wusste natürlich, was seine hartgesottene Großtante von solchen Veranstaltungen hielt. Mit einem schelmischen Seitenblick fragte er: »Wäre das nicht was für dich, Tante Hanna?«

Sie warf ihm einen strengen Blick zu, woraufhin er kicherte.

»Der Malkurs ist wohl für die fitteren Senioren«, sagte er. »Für die anderen gibt es Gedächtnistraining und gemeinsames Singen von Volksliedern. Gibt es hier eigentlich irgendwelche Bewohner, die du von früher kennst?«

»Ich weiß nicht. Das werden wir sehen.«

Hanna hatte natürlich bereits Informationen darüber eingezogen und zu ihrer Erleichterung erfahren, dass derzeit niemand aus ihrem näheren Umfeld im Seniorenheim untergebracht war. Keine Nachbarn oder fernen Verwandten. Keiner, der sie auf die jüngsten Ereignisse auf dem Brennereihof ansprechen würde.

Natürlich würden einige Bewohner sie kennen, das blieb nicht aus, wenn man so lange in Marienfehn gelebt hatte. Jedoch würden sie Hanna nicht offen auf den Brennereihof ansprechen, sondern nur hinter ihrem Rücken spekulieren. Sollten sie ruhig, es störte sie nicht.

Denn alles, was Hanna nun wollte, war Ruhe. Dafür war ein Seniorenheim doch wie gemacht, oder? Sie wollte sich von den letzten Monaten erholen, vom Umzug und dem ganzen Durcheinander. Spaziergänge unternehmen, harmlos mit anderen Senioren plaudern, den Blick über das Moor genießen. Mehr nicht. Sie wollte sich nur noch treiben, alles hinter sich lassen.

Ein lautes, durchdringendes Lachen erklang. Schrill, irritierend krächzend und trotzdem irgendwie ansteckend. Ein Lachen, das in Hannas Ohren beunruhigend vertraut klang.

Sie hielt verwundert inne. Es klang beinahe, als gehörte es … Aber nein, das war unmöglich.

Wieder wurde schrill und krächzend gelacht. Benedikt runzelte fragend die Stirn, ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er deutete auf einen Gruppenraum. Der Malkurs fand dort statt. Die Tür stand offen, und er trat neugierig näher.

»Nein, das haben Sie toll gemacht«, erklang die Stimme der blutjungen Kursleiterin. »Es sieht aus wie eine Narzisse.«

»Eher wie eine krepierte Sau auf einer grünen Forke«, konterte eine Reibeisenstimme fröhlich. Dann wieder dieses einzigartige Lachen.

Hanna spähte in den Gruppenraum. Eine Handvoll Senioren hockte da und malte Aquarellbilder. Sie blickten auf und ließen sich von dem Lachen anstecken. Eine blonde Frau, beinahe noch ein Mädchen, huschte zwischen ihnen umher und wandte sich nun an die lustige Seniorin mit der markanten Stimme.

»Soll ich Ihnen neues Papier bringen, Frau Brewster?«

Frau Brewster. Also doch. Hanna blieb endgültig das Herz stehen. Wie war das möglich?

»Ach, nicht nötig, Liebes. Ich steh schon selber auf. Ich bin glücklich, dass ich meinen Hintern noch allein in die Luft bekomme. Das sollte man ausnutzen, solange man kann, finden Sie nicht?«

Eine dürre, zerbrechliche Frau mit struppigen blonden Haaren stemmte sich an ihrem Rollator hoch. Sie hatte große Kinderaugen, eine Stupsnase, trug zahllose bunte Schals und Ketten. Alles an ihr wirkte leicht und heiter, man wollte unwillkürlich lächeln, wenn man sie sah. Jeder Zweifel war ausgeschlossen: Es war Rosie.

Hanna hätte sich wegducken können, zur Seite treten, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Doch stattdessen stand sie einfach da und starrte. Als wäre sie zur Salzsäule erstarrt.

Die dürre Frau hievte sich an den Handgriffen des Rollators aus dem Stuhl, schwang den Oberkörper herum – und sah Hanna direkt in die Augen.

Sie schien ebenfalls völlig aus der Bahn zu geraten. Das Heitere und Schelmische war wie auf Knopfdruck verschwunden. Stattdessen wurde ihr Blick ernst, geradezu finster. Dann schwang sie ihren Rollator herum wie ein Artilleriegeschütz, das sie gegen Hanna in Stellung bringen wollte.

Bevor Hanna sich klar werden konnte, ob sie überhaupt mit ihr reden wollte, rutschte es schon heraus: »Rosie! Was machst du denn hier?«

Rosie Brewster. Sie sollte irgendwo in den Vereinigten Staaten sein, wo sie für immer hatte bleiben wollen. Sie hatte doch damals diesen Amerikaner geheiratet, Brewster.

»Hanna. Das Gleiche könnte ich dich fragen.«

»Bist du nicht auf der anderen Seite des Atlantiks?«

»Nicht mehr.« Rosie fixierte sie. »Und du? Bist du nicht auf dem Brennereihof?«

Hanna nahm Haltung an. »Nicht mehr.«

Alle im Raum starrten sie an. Die Kursleiterin, die anderen Senioren, auch Benedikt fragte sich offensichtlich, was hier vorging. Die beiden alten Damen standen auf einer Theaterbühne im Scheinwerferlicht.

Ein Wiedersehen nach über vierzig Jahren, dachte Hanna, auch noch im Seniorenheim. Es war ein schlechter Witz.

Rosie, ihre älteste Freundin. Ihre Schwester, ihre Weggefährtin. Wir schwören, für immer Freundinnen zu sein, ja, Hanna? Wir wollen unser Leben lang zusammenhalten, auf ewig. Schwörst du das? Sie hatte es geschworen, auf ewig. Natürlich hatte sie das.

Hanna hatte ihre Fassung nun einigermaßen wiedererlangt. Sie wollte sich in ihr Apartment verkriechen und die Situation in Ruhe überdenken. Auf jeden Fall musste sie raus hier, runter von der Theaterbühne.

Sie räusperte sich. Alle sahen sie an.

»Nun gut. Einen schönen Tag noch.«

Die Situation war ohnehin nicht mehr zu retten. Also konnte sie es dabei belassen, sich ein höfliches Lächeln abzuringen, in die Runde zu grüßen, sich mit den Worten »Komm, Benedikt, wir gehen« bei ihrem Großneffen einzuhaken und aufrecht den Ausgang anzusteuern.

Kapitel 3

Tante Hanna …?«

Sie hatte sich bereits umgedreht und nahm Kurs auf ihr Apartment. Als wäre gar nichts passiert. Benedikt sah ihr verblüfft nach. Er holte mit großen Schritten auf, suchte in ihrem Gesicht nach einer Erklärung. Doch nichts. Ihre Miene war unergründlich.

»Wer war das?«

»Niemand Besonderes.«

Sein demonstratives Schweigen provozierte eine Antwort.

»Jemand, den ich von früher kenne.«

»Aber …«

»Es spielt keine Rolle, Benedikt.«

Sie warf ihm einen Blick zu, der weniger bestimmt als flehend war. »Bitte. Lass gut sein.«

Das brachte ihn zum Schweigen. Irritiert wandte er sich zur offenen Tür des Gruppenraums, doch niemand folgte ihnen. Der Kurs schien nach der Störung einfach weiterzugehen. Also bemühte er sich, mit Hanna Schritt zu halten, die trotz ihres Stocks und der schmerzenden Hüfte ein ziemliches Tempo vorlegte. Er überlegte, wie er mehr über diese fremde Frau in Erfahrung bringen konnte, als sie die Apartmenttür erreichten.

Tante Hanna, die den Schlüssel gezogen hatte, fummelte umständlich am Schloss herum. Ihre Hände zitterten, und der Schlüssel wollte einfach nicht ins Schloss gleiten.

Benedikt nahm ihr behutsam das Schlüsselbund ab.

»Lass mich mal probieren«, sagte er. »Ich glaub, das Schloss klemmt.«

»Ja, ich glaub auch.«

»Ich werde das später ölen. Dann geht es besser.«

»Das ist lieb von dir.«

Er öffnete die Tür, und Hanna trat würdevoll hinein, versuchte weiterhin, sich nichts anmerken zu lassen.

»Jetzt haben wir gar nicht nach Kuchen gefragt. Zu dumm.«

Sie steuerte ihren Sessel an und ließ sich, auf ihren Stock gestützt, langsam hineinsinken. Sie wirkte völlig geschafft. Um dies zu überspielen, scheuchte sie Benedikt mit der freien Hand zur Kochnische.

»Ich habe noch ein paar Kekse in dem Karton mit den Lebensmitteln, Benedikt. Schokokekse, glaube ich. Sieh doch mal nach. Nein, in dem anderen Karton. Die Kekse hast du früher immer so gern gegessen. Das ist zwar kein Kuchen, aber sonst habe ich leider nichts.«

»Kekse reichen völlig, Tante Hanna.«

Er zögerte. Eigentlich wollte er zum Brennereihof fahren, um die letzten Kartons zu holen. Doch er wusste nicht, ob er seine Großtante in diesem Zustand allein lassen konnte.

»Soll ich nicht vielleicht doch Wasser für Kaffee aufsetzen, Tante Hanna? Wir machen es uns gemütlich. Die Kartons kann ich später noch holen.«

Tante Hanna sah auf. Sie wirkte ein wenig verloren in dem großen Sessel. »Du wolltest doch keine Pause machen.«

»Vielleicht wäre es doch ganz schön«, sagte er leichthin.

Es war nicht ihre Art, von bereits getroffenen Entscheidungen abzuweichen, schon gar nicht, wenn ihr das als Schwäche ausgelegt werden konnte. Doch nun wirkte es beinahe, als würde sie heute eine Ausnahme machen.

Doch ehe sie etwas erwidern konnte, ertönte ein lautes Quietschen, gefolgt von sphärischem Rauschen. Es kam aus dem Lautsprecher, der neben der Tür in die Wand eingelassen war. Eine leicht knarzige Frauenstimme meldete sich zu Wort.

»Der heutige Gottesdienst beginnt in einer halben Stunde in der Kapelle von Mariahilf«, teilte sie geschäftsmäßig mit. »Für Bewohner, die unsere Kapelle nicht persönlich aufsuchen können, wird die Messe per Lautsprecher übertragen. Wenn Sie an der heiligen Kommunion teilnehmen möchten, geben Sie bitte Bescheid. Ein Kommunionshelfer wird im Anschluss an den Gottesdienst Bewohner in ihren Zimmern aufsuchen.«

Ein erneutes Fiepen, das abrupt abbrach, dann herrschte Stille. Tante Hanna hatte ihre Fassung wiedererlangt. Der Moment der Schwäche war vorüber. Sie wirkte unerschütterlich wie eh und je.

»Ich würde eigentlich ganz gern in die Messe gehen«, sagte sie. »Schön, dass die Traditionen hier erhalten werden. Du wolltest doch die letzten Kartons holen, ja? Dann kann ich mir solange die Kapelle ansehen.«

»Also trinken wir später Kaffee?«

»Das würde ich meinen. Ich muss ja auch noch ausräumen.«

Da war sie wieder, seine alte Tante Hanna. Solange noch keine Ordnung herrschte, wäre auch keine Zeit, sich auszuruhen. Er hätte die Einladung zu einer Pause annehmen sollen, als noch Zeit dazu gewesen war.

»Das heißt … vielleicht höre ich der Messe diesmal lieber über Lautsprecher zu«, sagte sie nachdenklich, während sie sich in ihrem Raum umsah und mit dem Aufräumen begann. »Dann könnte ich dabei ein paar Schränke auswischen und einräumen. Die Kapelle kann ich noch oft genug besuchen.«

»Also gut. Ich hole die letzten Kartons. Unterwegs kann ich sicher Kuchen besorgen.«

»Du bist ein Schatz. Lass dir ruhig Zeit.«

Sie erhob sich mithilfe des Stocks, drückte lächelnd seinen Arm, dann öffnete sie einen Karton und verschaffte sich einen Überblick über den Inhalt. Ihren Neffen schien sie bereits vergessen zu haben.

Benedikt machte sich auf den Weg und kehrte nochmals in das Hauptgebäude zurück. Vor dem Gruppenraum im Erdgeschoss blieb er stehen. Doch der Malkurs war beendet. Es war niemand mehr da. Suchend blickte er sich nach der Frau mit dem Rollator um. Sie war nirgends zu sehen. Wer immer diese kleine Person mit den bunten Schals und dem eigentümlichen Lachen gewesen war, heute würde er wohl nichts mehr über sie erfahren. Also ging er zurück zum Wagen und startete den Motor.

Es fiel ihm nicht leicht, zum Brennereihof zu fahren. Zu viel war passiert in den letzten Monaten. Außerdem war er dort nicht mehr willkommen, das war ihm durchaus bewusst. Hanna Brook war es gewesen, die ihn in die Firma geholt hatte, und gemeinsam hatten er und Hanna die Produktpalette geprägt. Das machte ihn nicht unbedingt beliebt bei der neuen Leitung. Es war sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis er seine Anstellung in der Feinbrennerei verlieren würde.

Er nahm die schmale Landstraße, die am Moor entlangführte, vorbei an Marienfehn mit dem weithin sichtbaren spätgotischen Kirchturm und hinaus in das Land seiner Kindheit, mit den Kiefernwäldern, den sandigen Böden und weitläufigen Wiesen und Feldern.

Nach drei Kilometern erreichte er das Anwesen. Er fuhr durch eine Kurve, und vor ihm an der Straße tauchte der Brennereihof auf. Er lag versteckt hinter einem Erlenwäldchen, so dass er jedes Mal wie aus dem Nichts zwischen dem Blätterwerk der Bäume erschien, wenn Benedikt sich mit dem Auto näherte.

Wie üblich spürte er bei diesem Anblick Trost und Frieden. Für ihn würde es immer Tante Hannas Feinbrennerei sein. Ein Ort der Zuflucht und des Geliebtwerdens. Der Schauplatz des glücklichen Teils seiner Kindheit. Dort, wo er nach dem Tod seiner Mutter Geborgenheit gefunden hatte.

Zwar hatte der Hof einiges von dem Zauber verloren, den er in Benedikts Kindheit besessen hatte. So waren ein paar der prächtigen Eichen gefällt worden, in deren Schatten das Haupthaus stand. Und dort, wo früher ein Bauerngarten mit von Buchsbaum umsäumten Beeten und Gartenwicken und Sommerblumen geleuchtet hatte, war heute eine sterile grüne Rasenfläche, ordentlich gedüngt und vertikutiert, so dass nicht einmal mehr Klee und Gänseblümchen darauf blühten.

Die Obstwiese mit den knorrigen Apfelbäumen und dem wild wuchernden Wiesenschaumkraut, die hinter der Scheune gelegen hatte, war längst gerodet und wurde nun mit Mais bestellt. Und auch die moosbewachsenen Zaunpfähle, die am Wiesenrand aufgereiht standen, und die Hecke am Feldweg, die aus Nuss- und Holundersträuchern bestanden und in der es immer gesurrt und gesummt und geraschelt hatte, waren fort.

Alles war kühler und eintöniger geworden. Dennoch war es weiterhin ein großartiger Anblick, das Anwesen der Hofbrennerei. Besonders an so einem goldenen Herbsttag, an dem alles leuchtete und strahlte.