Über Katharina Peters

Katharina Peters, Jahrgang 1960, schloss ein Studium in Germanistik und Kunstgeschichte ab. Sie ist passionierte Marathonläuferin, begeistert sich für japanische Kampfkunst und lebt am Rande von Berlin. An die Ostsee fährt sie, um zu recherchieren, zu schreiben – und gelegentlich auch zu entspannen.

Aus der Rügen-Serie mit Romy Beccare sind »Hafenmord«, »Dünenmord«, »Klippenmord«, »Bernsteinmord«, »Leuchtturmmord«, »Deichmord«, »Strandmord« und »Fischermord« lieferbar.
Mit der Kriminalpsychologin Hannah Jakob als Hauptfigur sind »Herztod«, »Wachkoma«, »Vergeltung«, »Abrechnung«, »Toteneis« und »Abgrund« lieferbar.
Aus der Ostsee-Serie sind »Todesstrand«, »Todeshaff«, »Todeswoge« und »Todesklippe« lieferbar.

Informationen zum Buch

Der Tote von Sassnitz.

Im Hafen von Sassnitz wird auf einer Yacht eine Leiche gefunden: Florian Gerber, ein Finanzbeamter aus Stralsund, ist offenbar bereits tot auf das Schiff gebracht worden. Romy Beccare kann zunächst nichts Auffälliges in der Biografie des Toten entdecken – außer, dass ihm die Yacht offensichtlich gehört hat. Wie kann ein Finanzbeamter zu soviel Geld kommen? Dann erfährt sie, dass Gerber sich seit dem Tod seiner kleinen Nichte sehr verändert hat. Das Mädchen starb bei einem Verkehrsunfall, weil Gaffer den Rettungskräften den Weg versperrten. Gerber hat sich intensiv auf die Suche nach den Schuldigen gemacht. Musste er deshalb sterben?

Der neue Roman um die Ermittlerin Romy Beccare – von der Bestsellerautorin Katharina Peters.

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Katharina Peters

Schiffsmord

Ein Rügen-Krimi

Inhaltsübersicht

Über Katharina Peters

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Impressum

Für Jonas

Prolog

Die Feier hatte im Schipperhus stattgefunden, in Rufweite zum Ozeaneum. Der Kollege hatte bereits seinen dreißigsten Geburtstag dort gefeiert, und der fünfunddreißigste sollte erneut mit einem rauschenden Fest begangen werden. Franziska war vor fünf Jahren noch nicht dabei gewesen, doch die aktuelle Feier konnte ihrer Ansicht nach nur in einer Hinsicht als rauschend bezeichnet werden – die meisten Gäste waren nach kurzer Zeit deutlich alkoholisiert. Sie konnte Betrunkene nicht ausstehen, schon gar nicht solche, die nach vier Schnäpsen mit selbstgefälligem Grinsen sämtliche Hemmungen fallen ließen und zudringlich wurden. Als ihr direkter Vorgesetzter mit zwei Sektgläsern in den Händen nach ihr Ausschau zu halten begann, entwischte sie eilig in die Garderobe und schlüpfte von dort wenig später durch die Hintertür.

Es war eine warme Sommernacht, und sie entschloss sich, zu Fuß nach Hause zu gehen. Sie lief über Kniepertor und Ferdinand-von-Schill-Denkmal Richtung Knieperdamm und Friedrich-Engels-Straße und schließlich weiter am Moorteich entlang. Die Bewegung tat ihr gut, und sie machte den Kopf frei. In Höhe des Tennisplatzes hielt sie kurz inne. Es war still bis auf ein paar Nachtgeräusche. Grillenzirpen, das Summen ferner Autos, der Wind, der in den Bäumen raschelte und mit leisem Flüstern über den Teich strich. Sie ging langsam weiter. Für einen Moment hatte sie das seltsame Gefühl, nicht alleine zu sein. Ein Tier, dachte sie, auf dem Weg zum Wasser – ein Biber oder Marder oder … Es knirschte hinter ihr; ein Arm legte sich um ihren Hals. Bevor sie entsetzt aufschreien konnte, spürte sie eine Hand auf ihrem Mund und zugleich einen Einstich. Sie sackte zusammen, Dunkelheit umfing sie, bevor die Angst sie umklammern konnte.

Das Erste, was sie registrierte, als sie wieder zu sich kam, war der vertraute Geruch ihrer Wohnung. Ein Alptraum, dachte sie erleichtert und öffnete die Augen. Sie lag im Wohnzimmer auf dem Teppich – nackt, mit weit auseinandergespreizten Armen und Beinen. Sie war gefesselt, und ein Knebel steckte in ihrem Mund. Zwei schwarzgekleidete maskierte Männer saßen auf der Couch. Sie wollte schreien, aber kein Geräusch drang nach außen. Sie zitterte und atmete hektisch.

Einer der beiden stand auf und trat zu ihr. In der Hand hielt er ein Messer. Er kniete sich neben sie, starrte sie einen Moment an, dann setzte er die Spitze an ihrem Fuß an und führte das Messer mit gleichbleibendem Druck nach oben – als würde er mit einem Stift einen Strich ziehen. Er wird mich töten, dachte sie, und vorher werden sie mich quälen und vergewaltigen. Panik flutete ihr Herz. Sie war davon überzeugt, dass das Messer jeden Augenblick tief in sie eindringen würde. Erneut wollte sie schreien, sich losreißen, und wieder hörte man nichts außer ihrem atemlosen, verzweifelten Würgen, während die Fesseln in die Haut drangen. Der Mann deutete ein Kopfschütteln an, als wunderte er sich über die Dummheit ihrer vergeblichen Bemühungen. Die Messerspitze setzte ihren Weg über die Wade und den Oberschenkel nach oben fort. Der Schmerz war auszuhalten – die Bilder, die er auslöste und zu einer grausamen Abfolge schlimmster Befürchtungen zusammensetzte, jedoch nicht. Dann berührte die Spitze ihren Schoß, hielt unerträgliche Augenblicke inne und setzte die Prozedur dann quälend langsam fort – über den Bauch hoch zu den Brüsten. Sie schwitzte und bebte. Was wollt ihr? Was wollt ihr? Was …

Als sie an ihrem Hals angelangt war, deutete der Maskierte fast behutsam einen Schnitt quer über ihre Kehle an. Dunkle Augen aus schmalen Schlitzen hielten ihren Blick fest. Er erhöhte den Druck und beugte sich plötzlich über sie.

»Wir werden all das mit dir tun, wovor du dich gerade fürchtest«, flüsterte er kaum hörbar. Eine raue, scharfe Stimme. »Das ist unsere einzige Warnung. Du weißt, worum es geht.«

Er setzte sich zwischen ihre Beine und umfasste den Griff des Messers. Sie war davon überzeugt, dass er zustechen würde, und drohte für Momente, an einem lautlosen Schrei zu ersticken. Dann stand er auf, durchschnitt die Fesseln an ihren Händen. Sekunden später klappte die Haustür.

Franziska setzte sich auf, befreite sich von dem Knebel und schrie. Minuten später stand sie vor dem Wandspiegel im Schlafzimmer. Ein langer roter Striemen zog sich vom Fuß bis hoch zum Hals, aber kein einziger Blutstropfen war zu sehen. In ein, zwei, vielleicht auch erst in vier Stunden würde die rote Linie komplett verblasst sein, und schon am nächsten Tag dürfte ein Nachweis kaum noch möglich sein. Sie überlegte nur kurz, dann holte sie ihr Smartphone und fotografierte die Linie.

Sie wusste, worum es ging? Natürlich wusste sie das.

1

Kommissarin Romy Beccare war auf der Rückfahrt von einer höchst langatmigen und ermüdenden Sitzung im Stralsunder Kommissariat – daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass ihr Mann die Dienststelle leitete –, als Max Breder anrief. Im Stadthafen von Sassnitz war auf einer Motoryacht eine männliche Leiche entdeckt worden. Nähere Einzelheiten waren bisher noch nicht bekannt. Der Kollege hatte angestrengt und unkonzentriert geklungen. Fine war im Urlaub, und so musste er den kompletten Innendienst alleine regeln, statt wie geplant in aller Ruhe Sicherheitsupdates vorzunehmen und sich mit einem neuen Auswertungsprogramm beschäftigen zu können. Aber nun war offensichtlich etwas dazwischengekommen, was seine normale Routine empfindlich störte.

Auch Romys Stimmung war nicht die beste, und daran war keineswegs die langweilige Sitzung schuld. Ihre Eltern waren für einige Tage zu Besuch auf der Insel gewesen, und wenn sie nicht alles täuschte, wurde ihr Vater inzwischen von Quartal zu Quartal nerviger, während ihre Mutter nicht mit spitzen Nachfragen zur Familienplanung von Tochter und Schwiegersohn geizte. Romy und Jan waren seit einigen Monaten verheiratet, und offensichtlich erwarteten ihre Eltern, dass sie endlich anfingen, für Nachwuchs zu sorgen. Romy hatte sich zunächst schlicht taub gestellt – die Methode war schon vor zwanzig Jahren selten erfolgreich gewesen – und hatte ihrer Mutter schließlich unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass Jan und sie sich entschlossen hätten, keine Kinder in diese Welt zu setzen, und diese Entscheidung ganz sicher nicht mit den jeweiligen Eltern diskutieren würden. Das hätte man auch im Ton durchaus behutsamer und freundlicher ausdrücken können, aber Romy hatte die Nase voll gehabt von den Sticheleien und war heilfroh gewesen, als ihre Eltern sich schließlich wieder auf den Weg nach München gemacht hatten. Der Norden war ohnehin nichts für die beiden.

Sie schob die Gedanken beiseite und fuhr mit ihrer Vespa direkt zum Stadthafen. Auf Höhe des Museums erwartete sie ein Kollege von der Hafenpolizei, nach Romys Einschätzung war der Beamte höchstens Mitte zwanzig und stand ganz am Beginn seiner Laufbahn. Er trat auf Romy zu, als sie ihren Roller abgestellt hatte.

»Kommissarin Beccare?«, fragte er. Sein Gesicht war gerötet und verschwitzt.

Romy setzte ihren Helm ab. »So ist es.« Sie warf einen Blick zum Anlegesteg, wo zwei Polizisten standen und den Zugang zur Yacht absperrten. »Können Sie mir schon Näheres sagen, Kollege …?«

»Rico Hausmann«, fügte der junge Beamte rasch hinzu und lächelte verlegen. »Ein Bootsbesitzer hat uns informiert. Er hat die Leiche entdeckt. Sie lag auf dem Deck und weist Verletzungen auf. Der Mann ist Arzt und vermutete zunächst Kreislaufprobleme oder Ähnliches und hat Erste Hilfe leisten wollen. Er hat uns angerufen, sobald er festgestellt hatte, dass der Mann tot war.«

»Ist der Arzt noch da?«

»Ja.« Der Polizeibeamte zeigte Richtung Bootssteg. »Doktor Martin, ein Internist aus Greifswald, der hier gerade Ferien macht. Er wartet nebenan auf seinem Boot. Sie wollen sicherlich mit ihm reden.«

»Natürlich. Weiß man schon, um wen es sich bei dem Opfer handelt?«

»Noch nicht. Unser Dienststellenleiter meinte, dass wir nichts durchwühlen sollen, bevor nicht klar ist, um was es hier geht.«

»Kluge Entscheidung. Die Kollegen von der Technik und Spurensicherung werden sich freuen, falls wir sie brauchen.« Genauer gesagt, würde Marco Buhl, der Leiter der KTU, jeden in der Luft zerreißen, der es wagte, einen etwaigen Tatort zu verunreinigen.

»Aber mit der Bootsnummer könnten Sie schon mal den Eigentümer ermitteln, oder?«

Hausmann nickte. »Ist in Arbeit.«

»Gut.« Romy bedankte sich und wandte sich um.

Die ersten Schaulustigen hatten sich eingefunden, Handys wurden gezückt. Ein knallblauer Himmel strahlte über Sassnitz. Es war heiß – ein perfekter Urlaubstag. Tausende von Feriengästen lagen bereits am Strand, schipperten um die Insel oder waren im Jasmunder Nationalpark unterwegs und verschafften sich in den kühlen Hallenwäldern etwas Abkühlung. Sie hoffte inständig, dass die erwähnten Verletzungen nichts mit einer Straftat zu tun hatten, der Mann auf der Motoryacht eines natürlichen Todes oder bei einem Sturz ohne Fremdeinwirkung gestorben war und keine weiteren Ermittlungen nötig waren, schon gar nicht mitten in der Hochsaison auf Rügen, wo man bereits in den frühen Morgenstunden auf der B 96 nur noch schleppend vorankam.

Romy ging näher, nickte den beiden Polizisten zu, zog sich Handschuhe an und betrat die kleine Motoryacht. Die Leiche lag auf dem Rücken ausgestreckt auf dem Deck. Romy schätzte, dass der Mann um die dreißig Jahre alt geworden war. Sie hockte sich neben ihn und sah ihn an. Ein ebenmäßiges Gesicht, das auf den ersten Blick keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung oder Verletzungen aufwies. Es wirkte nahezu friedlich. Romy spürte zu ihrer eigenen Verwunderung, dass sie plötzlich von tiefer Traurigkeit erfasst wurde. Sie reagierte normalerweise bei aller Emotionalität relativ beherrscht, wenn es darum ging, eine Leiche in Augenschein zu nehmen; darüber hinaus war noch in keiner Weise klar, was hier geschehen war – abgesehen davon, dass dieser junge Mann tot war. Viel zu jung. Wahrscheinlich war es genau das. Eine Möwe schrie über ihr.

»Frau Kommissarin?«

Romy wischte eine Haarsträhne zur Seite und erhob sich wieder. An der Reling des benachbarten Bootes stand ein Mann – groß, grauhaarig, breite Schultern, blaue Segelklamotten und ein freundliches Lächeln auf den Lippen. »Ich bin Doktor Martin.«

Sie nickte ihm zu. »Das habe ich mir fast gedacht. Ich komme gleich zu Ihnen, möchte mir jedoch vorher selbst einen ersten Eindruck verschaffen und …«

»Sie sollten lieber sofort die Rechtsmedizin verständigen.«

»Tatsächlich?« Romy hob eine Braue.

»Er hat keine Verletzungen im Gesicht …«

»Das ist mir auch schon aufgefallen.«

»Aber der Oberkörper ist übersät mit Blutergüssen.«

Romy runzelte die Stirn.

»Ich bin Arzt«, schob Martin rasch nach. »Natürlich wollte ich mich vergewissern, was ihm fehlt.«

»Sie haben ihn ausgezogen?«

»Nein, ich habe lediglich sein T-Shirt hochgekrempelt und sofort die Polizei benachrichtigt, als mir klar wurde, dass hier nichts mehr zu machen ist. Der Mann ist an inneren Verletzungen gestorben, wenn Sie mich fragen, und die hat er sich garantiert nicht bei einem Sturz zugezogen.«

Romy verzichtete auf eine Entgegnung, beugte sich erneut zu der Leiche hinunter und hob das Shirt an. An der Einschätzung des Arztes bestand kein Zweifel. Der Oberkörper war übersät mit Blutergüssen. Der Mann war übel zugerichtet worden – Faustschläge und Fußtritte, soweit sie es beurteilen konnte. Der Widerspruch zu seinem Gesichtsausdruck war frappierend. Romy atmete tief durch, sie rief Max an und bat ihn, umgehend alle erforderlichen Maßnahmen einzuleiten, dann schoss sie einige Fotos.

Als sie sich umwandte, stand der Arzt immer noch an der Reling. »Könnte hinkommen, oder?«

»Durchaus. Kannten Sie den Mann?«

»Noch nie gesehen. Ich bin seit ein paar Tagen hier und habe ihn zum ersten Mal gesehen – und wohl auch zum letzten Mal.«

»Wohl wahr. Kennen Sie die Yacht?«

Der Arzt schüttelte den Kopf.

»Wir brauchen Ihre Fingerabdrücke und eine DNA-Probe – zum Abgleich. Reine Routine, falls sich herausstellt, dass hier eine Straftat vorliegt.«

»Verstehe. Kein Problem.«

»Danke. Die Kollegen von der Technik sind gleich hier und werden sich darum kümmern. Noch etwas – haben Sie die Leiche bewegt?«

Doktor Martin schüttelte den Kopf. »Wie gesagt – ich habe das Shirt angehoben, Puls und Atmung kontrolliert beziehungsweise festgestellt, dass der Mann nicht mehr lebt, und dann gleich telefoniert.«

»Sehr umsichtig, vielen Dank.«

»Ich habe ein Praktikum in der Rechtsmedizin absolviert«, erklärte Martin. »Das liegt zwar schon ewig zurück, aber mir war klar, dass ich nichts verändern darf.«

Romy nickte ihm zu. Ihre Hoffnung hatte sich nicht erfüllt. In Kürze würde Marco Buhl mit seinen Leuten hier das Kommando übernehmen. Sie ließ den Blick über die Yacht schweifen. Keine Blutspuren, keine Hinweise auf gewaltsames Eindringen – zumindest nicht auf den ersten Blick. Es sah ganz danach aus, als wäre die kleine Yacht nicht der Tatort gewesen. Das Opfer war zusammengeschlagen und dann auf seinem Boot abgelegt worden, wo er seinen Verletzungen erlegen war. Es war auch nicht auszuschließen, dass er bereits tot auf die Yacht gebracht worden war. Diese Details würde die rechtsmedizinische Untersuchung klären – hoffentlich.

Romy instruierte die Kollegen von der Hafenpolizei. Sie brauchten so schnell wie möglich die Aufnahmen der Überwachungskameras im Hafengelände, mussten nach Zeugen suchen und – nicht zuletzt – das Opfer identifizieren. Anschließend fuhr sie ins Kommissariat nach Bergen zurück, wo sie mit Ruth Kranold telefonierte.

Die Kommissarin aus Greifswald stand bei aktuellen Ermittlungen als Springerin zur Verfügung, seitdem Kasper Schneider in Pension gegangen war. Darüber hinaus kümmerte sie sich um einen kleinen Hof und eine Pflegetochter. Vor einigen Monaten hatten sie ihren ersten gemeinsamen Fall gelöst. Romy und Ruth waren mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen ohne Zweifel ein gutes Team, und doch vermisste Romy manchmal Kaspers umsichtige Art, seine Ruhe, seinen Weitblick, seine Wortkargheit. Niemand kannte die Insel und ihre Menschen so gut wie er. Als Romy vor ungefähr fünf Jahren ihre Stelle in Bergen angetreten hatte, hatten sie Seite an Seite ihre ersten Fälle gelöst und sich auf Anhieb verstanden. Als Ruth das erste Mal im Kommissariat aufgetaucht war – seinerzeit noch nicht als Kommissarin, sondern als eigenwillige Zeugin –, waren sie gehörig zusammengerasselt. Aber die Geschichte war längst zu den Akten gelegt.

Buhl bestätigte Romys Einschätzung knapp zwei Stunden später. »Die Leiche wurde dort abgelegt, dafür würde ich glatt meine Hand ins Feuer legen. Wann das gewesen sein könnte, wissen wir natürlich noch nicht. Außerdem gibt es so gut wie keine Fremd-DNA«, fügte er hinzu. »Der oder die Täter haben gründlich saubergemacht. Ordentliche Leute, da kann man nicht meckern.«

»Gibt es einen Namen?«

»Florian Gerber, ein Stralsunder.« Er räusperte sich. »Fotos von den Unterlagen, die das Boot betreffen, einschließlich Bootsführerschein und anderen Kram haben wir bereits an Max weitergeleitet.«

»Wo genau habt ihr die gefunden?«

»Unter Deck in einem Wandschrank – auch sehr akkurat in einer Mappe abgeheftet, wie es sich gehört.«

»Okay. Hat der Doc sich schon zu einer ersten erweiterten Stellungnahme hinreißen lassen?«

»Noch nicht persönlich. Aber sein Assistent hat ein paar Andeutungen gemacht, als ich ihm sagte, dass du ihm ohnehin Löcher in den Bauch fragen und keine Ruhe geben würdest.«

Romy lächelte.

»Er geht davon aus, dass Milz und Leber gerissen sind, und die Nieren haben auch ordentlich was abbekommen. Blutergüsse am ganzen Körper. Der Mann ist innerlich verblutet. Todeszeitpunkt ist noch völlig unklar …«

»Also nicht in der letzten Nacht?«

»Wie ich schon sagte: völlig unklar. Dazu müsstest du den Doc dann noch mal persönlich befragen und dich ein bisschen gedulden. Ist bekanntermaßen nicht deine Stärke, kann ich aber auch nicht ändern. Was sonst noch so festzustellen sein wird, braucht auch noch seine Zeit, wie ich kaum zu betonen brauche.«

»Natürlich nicht.«

»Habt ihr Wohnungs- und Autoschlüssel gefunden?«

»Auf dem Weg zu euch, aber kein Handy, keine Papiere – den Namen haben wir nur den Bootsunterlagen entnommen, aber womöglich ist es ja auch jemand anders. Im Moment ist ja alles denkbar. Eure Recherchen werden sicher bald Licht ins Dunkel bringen. Noch weitere Fragen?« Das klang spröde und kurzangebunden und war auch manchmal so gemeint. Aber Romy wusste seit vielen gemeinsamen Ermittlungen, dass Buhl sie genauso schätzte wie sie ihn. Sein heutiger Bericht war darüber hinaus geradezu im ausschweifenden Plauderton vorgetragen.

»Der Mann ist quasi totgeprügelt worden«, sagte sie nach kurzem Überlegen.

»Jo. Das ist wohl so gewesen.«

»Aber sein Gesicht wurde verschont.«

»Stimmt.«

»Warum?«

»Spannende Frage, gehört aber zu deinem Job.«

»Stimmt auch.«

Sie beendete das Gespräch und legte das Telefon beiseite. Der Mann sollte auf seinem Boot entdeckt werden, wo sich ansonsten kaum Spuren oder Fremd-DNA fanden, überlegte sie. Ansonsten wäre es ein Leichtes gewesen, ihn auf See zu entsorgen. Jeder sollte mitkriegen, was ihm passiert ist. Das beantwortete nicht die Frage, warum sein Gesicht keinen einzigen Schlag abbekommen hatte, grübelte sie weiter. Womöglich sollte er gar nicht sterben, sondern – auf den ersten Blick – unauffällig Prügel beziehen. Aber warum? Sie schüttelte den Kopf. An der Stelle kamen sie ohne Hintergrundinformationen nicht weiter.

Romy ging zu Max hinüber. Eine junge Kollegin von der Schutzpolizei war eingesprungen und hatte den Telefondienst übernommen, so dass er sich in gewohnter Weise ganz auf die Recherchen konzentrieren konnte.

»Gibt es schon was Neues?«

Max drehte seinen Schreibtischstuhl zu ihr herum. »Ja. Es handelt sich bei dem Opfer tatsächlich um Florian Gerber, dreißig Jahre alt, alleinstehend, stammt aus Oranienburg, lebte in Stralsund und ist Betriebsprüfer beim Finanzamt gewesen«, referierte er in sachlichem Ton. »Er hatte seit Anfang der Woche Urlaub, wie ich gerade erfahren habe. Daher hat ihn niemand vermisst.« Max runzelte die Stirn und hob den Kopf. »Das Boot hat er erst vor einigen Monaten gebraucht gekauft.«

»Und?« Romy musterte das Gesicht des Kollegen.

»Er hat es bar bezahlt. Knapp sechzigtausend Euro.«

»Bist du sicher?«

»So steht es im Kaufvertrag, und ich habe gerade mit dem Verkäufer telefoniert, der in der Hafenmeisterei in Altefähr arbeitet. Er sagt, dass Gerber es so wollte, und ihm sei es auch recht gewesen. Er klang überzeugend.«

Romy hob beide Brauen. »Das ist ziemlich ungewöhnlich, würde ich mal behaupten.«

»Dem schließe ich mich an, erst recht für einen Betriebsprüfer beim Finanzamt. Und bevor du nachfragst – es gibt keinerlei Auffälligkeiten, sowohl was den Gerber als auch den Verkäufer betrifft, zumindest nicht nach einem ersten Check. Der Typ meinte, dass der erzielte Preis sehr gut war und Gerber auf einer Barabwicklung bestanden hatte. Solange wir keine weiteren Anhaltspunkte haben …« Er hob die Hände.

»Na schön. Aber nachhaken sollten wir da unbedingt noch mal. Was ist mit Gerbers Angehörigen?«

»Die Eltern und zwei Schwestern leben in Oranienburg. Die Kollegen vor Ort sprechen mit der Familie. Um weitergehende Informationen kümmere ich mich gleich und leite dir alles weiter – wie immer.«

Romy überlegte einen Moment. Dann stand sie abrupt auf. »Ich fahre nach Stralsund – ins Finanzamt –, und weil es quasi auf dem Weg liegt, mache ich gleich noch einen Abstecher nach Altefähr. Von da aus kann man ja fast nach Stralsund spucken.«

Max musterte sie abwartend.

»Ja, ich weiß – das könnte auch Jan übernehmen, aber …«

»Dir fehlt die nötige Ruhe?«

»Und Geduld. So könnte man sagen. Ich kümmere mich selbst. Kannst du mich im Finanzamt anmelden?«

»Mach ich, klar. Aber wie wäre es, wenn du zumindest auf das Eintreffen von Gerbers Schlüssel wartest? Dann kannst du dir mit den Stralsundern zusammen gleich auch noch die Wohnung ansehen.«

»Keine schlechte Idee«, stimmte Romy zu.

»Wenn Ruth kommt …«

»Wird sie dich in allen Belangen unterstützen, und dann sehen wir weiter.«

Max nickte.

Keine halbe Stunde später fuhr Romy zum zweiten Mal an diesem Tag über die Rügenbrücke, und in diesem Augenblick war alles anders als Stunden zuvor. Ein junger Mann war ermordet worden – daran gab es kaum noch einen berechtigten Zweifel, auch wenn der Rechtsmediziner noch keine Stellungnahme zur Todesursache abgegeben hatte –, und es fanden sich jede Menge Ungereimtheiten, noch bevor der Fall überhaupt ins Rollen gekommen war. Ein Finanzbeamter, der sechzigtausend Euro in bar für ein Boot ausgab, auf dem er Monate später tot aufgefunden wurde – das klang zumindest dezent auffällig. Als Romy ihre Vespa abstellte, traf eine Kurznachricht von Max ein. Ruth spricht mit der Schwester des Opfers. Sie hat ein Ferienhaus auf Rügen. Und Dich erwartet eine Kollegin in der Cafeteria des Finanzamtes – Maritta Baum.

2

Ruth hatte eigentlich vorgehabt, ein oder zwei Wochen auf Usedom zu verbringen, gemeinsam mit Ina. Die junge Frau befand sich seit Anfang des Jahres in ihrer Obhut – seit Ruth sie an einem eisigen Wintertag zufällig schwerverletzt im Gebüsch an einer Landstraße entdeckt hatte. Ina – Opfer eines grausamen Überfalls und wohl schon viele Jahre auf der Straße unterwegs – war zutiefst traumatisiert gewesen, und sie hatte nicht gesprochen. Das tat sie immer noch nicht, obwohl sie längst Vertrauen zu Ruth gefasst hatte, sich auf dem Hof wohlfühlte und ihr Zusammenleben eine gegenseitige Bereicherung war. Dafür zeichnete sie und hatte das Schnitzen von Spielzeug gelernt. Sie war begabter als Ruth, die sich seit Jahren damit befasste.

Doch den Hof hatte Ina nicht verlassen wollen. Die Aussicht, am Strand zu liegen oder in der Ostsee baden zu gehen, hatte sie in keiner Weise gereizt, obwohl Ruth sie mit Engelszungen von der Idee zu überzeugen versucht hatte. Ganz im Gegenteil. Keine Chance. Ina hatte ein ums andere Mal mit dem Kopf geschüttelt und war schließlich in ihrem Zimmer verschwunden. Ruth hatte einen Moment überlegt, ohne sie zu fahren – zumindest für ein paar Tage. Ina würde alleine zurechtkommen, und sie hatte Lust auf Strand und salzige Luft. Ein ehemaliger Kollege aus Greifswalder Polizeitagen führte mit seiner Lebensgefährtin eine Pension auf Usedom und hatte ihr ein Zimmer reserviert. Doch dann hatte Max angerufen, und nun war sie auf dem Weg nach Rügen, um das Bergener Team zu unterstützen. Ostsee und Strand, so viel man wollte. Davon würde sie aber sehr wahrscheinlich nicht allzu viel mitbekommen oder nur im Vorbeifahren. Eine Weile grübelte Ruth noch über Inas Verhalten nach, das zig Ursachen haben konnte, von denen sie möglicherweise nie etwas erfahren würde, dann verbannte sie das Thema aus ihren Gedanken und konzentrierte sich auf den neuen Fall.

Sofia Gerber war die knapp zwei Jahre ältere Schwester von Florian. Sie verbrachte ein paar Tage in der Nähe von Putbus – der weißen oder auch Rosenstadt –, wo sie ein Ferienhaus besaß. Ruth umrundete den Circus und fuhr über die Lauterbacher Straße Richtung Neuendorf. Gerbers Häuschen lag am Bodden – ein kleines unauffälliges Holzhaus, kaum größer als eine geräumige Datscha. Ruth umrundete das Grundstück, das einen eher verwilderten Eindruck machte. Auf der winzigen überdachten Terrasse saß eine Frau und telefonierte. Als sie Ruth bemerkte, ließ sie das Handy sinken und starrte ihr entgegen.

»Frau Gerber?«, fragte Ruth. »Sofia Gerber?«

»Ja.« Die Frau stand auf und trat näher. Ihre Augen waren gerötet, sie wirkte verstört.

»Kann ich Sie sprechen?« Ruth stellte sich vor und zückte ihren Ausweis.

»Kommen Sie rein. Ich weiß, was passiert ist …« Sie bedeutete Ruth, näher zu kommen, und setzte sich wieder. Einen Moment blickte sie ins Leere.

Ruth nahm auf einer Holzbank Platz. Der Blick über den Bodden war wunderschön. Ruhig und friedlich, selbst an schrecklichen Tagen wie diesen. Sie ließ den Blick schweifen, dann sah sie Sofia Gerber an. Die junge Frau war groß, blass, sehr schmal, fast mager; sie war Anfang dreißig, wirkte aber deutlich älter.

»Ich habe gerade mit meinen Eltern telefoniert«, sagte sie leise und erwiderte plötzlich Ruths Blick. »Was genau ist passiert? Die Polizei spricht von ungeklärten Todesumständen, womöglich Gewalt durch Fremdeinwirkung. Aber was muss ich mir darunter vorstellen?«

Beamtendeutsch, dachte Ruth. Die Kollegen in Oranienburg hatten sich zurückhaltend geäußert, was aus ihrer Sicht verständlich war, solange nichts Offizielles vorlag und sie nichts mit den Ermittlungen zu tun hatten. Für Angehörige klang diese verschwommene Erklärung zusätzlich verstörend, eine unheilvolle Andeutung, die viel Raum für Mutmaßungen ließ und nichts wirklich beim Namen nannte.

»Wir wissen noch nicht genau, was passiert ist«, antwortete Ruth. »Das macht es schwer, eine Einordnung des Geschehens vorzunehmen, und wir sind natürlich bemüht, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, die zusätzlich für Unruhe sorgen könnten. Nach den bisherigen Erkenntnissen gehen wir allerdings davon aus, dass eine schwere Straftat verübt wurde, an deren Folgen Ihr Bruder verstarb.«

»Er ist ermordet worden?« Gerbers Stimme schwankte zwischen Entsetzen, Ungläubigkeit und schriller Empörung.

»Das ist gut möglich, aber wir haben noch keine endgültige Sicherheit. Wissen Sie, vielleicht stellt sich heraus, dass …«

Gerber winkte ab. »Schon gut, ich weiß, was Sie meinen.« Sie legte ihre Hände in den Schoß. »Das ist unvorstellbar. Das kann doch gar nicht sein«, stieß sie einen Moment später hervor. »Wer soll denn einen Grund gehabt haben, meinen Bruder zu ermorden?« Einen Moment lang verzerrte sich ihr Gesicht zu einer Art hilflosem Lachen, das dann erstarrte.

Nach Ruths Erfahrung brachte es in den meisten Fällen herzlich wenig, Angehörigen auf diese Frage mit Floskeln, umständlichen Erklärungen oder gar tröstenden Worten zu antworten. Manchmal musste man ihre Wut, Schmerz, Fassungslosigkeit und Panik, auch die Verweigerung einfach aushalten; hin und wieder reagierten Menschen mit verblüffender Ruhe und Beherrschtheit, ihr Schock stellte sich in dem Fall erst später und dafür oftmals umso heftiger ein.

Die Minuten tropften dahin. Irgendwo erklang ein fröhliches Kinderlachen. Sofia Gerber sah Ruth plötzlich an. »Ich muss ihn identifizieren, nicht wahr?«

Ruth nickte. »Es wäre gut, wenn Sie dazu bereit wären. Aber alles zu seiner Zeit.«

Die Frau blinzelte und atmete tief durch. Sie senkte den Kopf und blickte auf ihre Hände.

»Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt zu Ihrem Bruder?«, fragte Ruth.

Gerber hob den Kopf. »Am letzten Wochenende, bevor ich nach Rügen aufgebrochen bin. Das war am … ja, Samstag. Ich habe ihm erzählt, dass ich auf die Insel fahre. Er wollte sich melden und mich besuchen. Von Stralsund ist es ja nicht weit.«

»Er hatte auch Urlaub.«

»Ja?« Sofia Gerber runzelte die Stirn. »Davon hat er nichts erzählt, aber vielleicht habe ich das auch nur nicht richtig mitbekommen. Ist ja auch egal.«

»Wie ging es ihm in letzter Zeit?«

»Alles okay, glaube ich, allerdings …«

»Ja?«

»Nun, wir haben uns gut verstanden und hin und wieder telefoniert, aber uns nicht unbedingt ständig ausgetauscht. So eng war das nicht bei uns.«

»Ist Ihnen vielleicht doch etwas an ihm aufgefallen? Hatte er Ärger – im Job oder auch privat.«

Kopfschütteln. »Davon weiß ich nichts. Er war aber nicht der Typ, der irgendwelchen Stress mit sich herumschleppte und zum Thema machte.«

»Wissen Sie von einer Beziehung?«

»Vor einigen Monaten war er mit einer Anwältin zusammen. Aber das passte wohl nicht so gut.«

»Kennen Sie die Frau?«

»Nein. Mehr weiß ich auch nicht, tut mir leid.«

Einen Moment blieb es still. Ruth wollte gerade auf die Motoryacht zu sprechen kommen, als Sofia Gerber wieder das Wort ergriff. »Ich möchte es hinter mich bringen«, sagte sie. »So schnell wie möglich.« Sie schluckte und stand abrupt auf. »Und ich mag jetzt nicht mehr reden und Fragen beantworten. Ein anderes Mal, falls es nötig sein sollte, okay?«

»Natürlich«, sagte Ruth.

»Begleiten Sie mich?«

»Ja.«

Wenige Minuten später befand sich Ruth mit Sofia Gerber auf dem Weg in die Rechtsmedizin nach Greifswald. Die Schwester des Opfers sprach weder während der Hin- noch auf der Rückfahrt auch nur ein einziges Wort. Sie bestätigte die Identität ihres Bruders nach einem langen Blick auf sein Gesicht mit einem knappen Nicken und verließ den Raum mit steifen Schritten.

Als Ruth schließlich nach Bergen ins Kommissariat fuhr, hatte die Augusthitze ihren Zenit erreicht.

Den Abstecher nach Altefähr hätte Romy sich sparen können. Stefan Olber war zunächst nicht zu sprechen gewesen und hatte schließlich nach zwanzigminütiger Wartezeit so ziemlich exakt die Worte wiederholt, die er bereits Max gegenüber benutzt hatte, soweit Romy sich erinnerte. »Der Typ wollte das so, und mir war es recht.«

»Warum?«

»Ich hatte einige private Schulden. Da passte das ganz gut.« Er deutete ein beiläufiges Lächeln an.

Das stinkt doch zum Himmel, dachte Romy, aber Olber reagierte in keiner Weise auf ihren scharfen Blick, sondern ließ ihn bemerkenswert gelassen abperlen. »Sie sagten zu meinem Kollegen, dass der Kaufpreis sehr gut war«, schob sie schließlich hinterher.

Olber wischte sich die öligen Hände mit einem Putzlappen ab und nickte. »Ja. Ich hatte das Boot ersteigert und dann auf Vordermann gebracht. Es war völlig hin, ich hab da einiges reingesteckt, und der Gerber war ganz wild auf das Ding. War wohl so eine Art Jugendtraum, den er sich damit erfüllen wollte.«

»Verstehe. Aber noch einmal: Es kam Ihnen nicht komisch vor, so ein Geschäft bar abzuwickeln?«

»Wieso denn? Kann man doch mal machen. Verboten ist es auch nicht. Also, ich sehe da kein Problem.«

Das glaube ich dir aufs Wort, dachte Romy. Wenig später fuhr sie Richtung Stralsund weiter. Sie hatte sich um etliche Minuten verspätet, aber Maritta Baum erwartete sie wie besprochen in der Cafeteria. Die Finanzbeamtin – eine höchstens mittelgroße, kräftige Frau mit rundem Gesicht und rotblondem Haar – war ungefähr in Gerbers Alter und wirkte sichtlich betroffen. Romy setzte sie oberflächlich ins Bild. »Wir gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass Florian Gerber Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Solange wir jedoch nicht hundertprozentig sicher sind, was geschehen ist, darf ich nicht deutlicher werden«, erklärte sie abschließend.

»Das verstehe ich«, entgegnete Baum. »Aber wo das Ganze passiert ist, dürfen Sie mir doch sagen, oder nicht?«

Romy nickte. »Das steht ohnehin morgen in der Zeitung und dürfte längst im Netz nachzulesen sein. Wir haben Ihren Kollegen auf seinem Boot im Sassnitzer Stadthafen gefunden.«

Die Finanzbeamtin runzelte die Stirn. »Auf seinem Boot?« Sie klang verwundert.

»Ja.«

»Sind Sie sicher?«

Romy stutzte und zögerte einen Moment. »Ja, es war sein Boot«, erklärte sie schließlich. »Das haben wir bereits überprüft. Ist das neu für Sie?«

»Könnte man so sagen.«

Romy lehnte sich zurück. »Wie gut kannten Sie Gerber?«

»Nun, einigermaßen gut, würde ich behaupten. Wir sind seit ungefähr zwei Jahren Kollegen und sitzen in einer Abteilung … wir saßen in einer Abteilung, meine ich natürlich. Man lernt sich ganz gut kennen, aber privat hatten wir so gut wie keinen Kontakt, sieht man einmal von gelegentlichen Kollegentreffen ab – ein Drink zum Geburtstag, alle paar Monate mal Bowlen oder ein Essen mit der Abteilung und dergleichen …« Sie brach ab.

Romy behielt sie im Blick. »Sie wirken irritiert.«

»Bin ich auch. Das passt nicht zu ihm …«

»Was genau meinen Sie?«

»Die Sache mit dem Boot ist merkwürdig. Als er sich im letzten Jahr ein neues Rad gekauft hat, hat er es ganz stolz hier präsentiert und auch Fotos herumgeschickt. Ich hätte jede Wette gehalten, dass er die Anschaffung eines Bootes nicht verschweigen würde.«

Interessant, dachte Romy. »Haben Sie eine Erklärung für sein Verhalten?«

»Nein.«

»Hat er je davon erzählt, dass er sich für Yachten interessiert?«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

Vielleicht hatte er vor, es für einen Sommer zu behalten und dann wieder zu verkaufen, überlegte Romy. Ein sehr bemühter Erklärungsversuch, der darüber hinaus noch lange nicht erhellte, wieso Gerber den Kauf als Bargeschäft abgewickelt hatte.

Maritta Baum behielt Romy im Blick. »Vermuten Sie ein krummes Geschäft?«, fragte sie in energischem Ton und hob das Kinn.

Das tue ich in der Tat, dachte Romy. »Eigentlich möchte ich im Moment lediglich so viele Fakten und Informationen wie möglich sammeln und keine voreiligen Schlussfolgerungen ziehen.«

»Das ist keine Antwort.«

»Nein? Ich denke schon.« Romy hob eine Braue. »Ich bin darüber hinaus auch nicht hier, um Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen«, erwiderte sie bestimmt.

»Ja, natürlich, entschuldigen Sie, ich bin manchmal etwas forsch«, wiegelte Baum rasch ab.

Das würde ich glatt unterschreiben. Romy entschloss sich, die Barabwicklung zunächst nicht zu erwähnen, und lenkte das Gespräch auf Gerbers Arbeit.

»Er war sehr vielseitig. Es gab keine Abteilung, die ihn nicht wollte. Seit einiger Zeit hat er Betriebsprüfungen geleitet«, erläuterte Baum. »Mit allem, was dazu gehört.«

»Das heißt, er war einer von denen, die sehr genau hingeschaut haben?«

»Ja. Er hat alles dreimal durchrechnen lassen, überprüft, nachgehakt, neu gerechnet und nicht lockergelassen. Wenn es Fehler oder Abweichungen gab – ob irrtümlich, durch Schlamperei oder um etwas zu verbergen –, hat er sie gefunden. Er war richtig gut.«

»Ein einflussreicher Job.«

»O ja.«

»In der Beliebtheitsskala stehen Finanzbeamte nicht gerade ganz oben«, meinte Romy. »Und wer mag schon Steuerprüfungen, geschweige denn Betriebsprüfungen?«

Baum zuckte mit den Achseln. »Die wenigsten. Ein Besuch beim Proktologen zählt auch nicht zu den Highlights im Leben, aber hin und wieder muss es sein, und hinterher ist man sagenhaft erleichtert.«

Romy lächelte, obwohl der Vergleich etwas hinkte. Wer zum Proktologen ging, hatte eindeutige und sehr unangenehme Beschwerden, die er loszuwerden hoffte. Wem eine Betriebsprüfung drohte, spürte häufig erst in diesem Moment ein Problem. »Hatte Gerber eine Beziehung?«

»Aktuell wohl nicht, vermute ich. Vor einiger Zeit gab es mal jemanden, aber einen Namen kann ich Ihnen nicht nennen.«

Romy beendete die Unterredung wenig später und sprach anschließend noch mit einigen anderen Kollegen und Gerbers Vorgesetztem. Alle zeichneten ein ähnliches Bild – Florian Gerber hatte als integer und hochkompetent gegolten. Er wurde als netter Typ, gradlinig, freundlich, aber eher zurückhaltend beschrieben. Und auch von den anderen Befragten wusste niemand etwas von einem Boot. Sein Schreibtisch war ein Musterbeispiel an Ordnung – so, wie man sich den Arbeitsplatz eines Finanzbeamten vorstellte. Es gab keinerlei Auffälligkeiten bei seinen letzten Betriebsprüfungen, und zum jetzigen Zeitpunkt bestand nicht der geringste Anlass, von einem Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit auszugehen. Romy war klar, dass man ihr detaillierte Unterlagen zu den Interna erst zur Verfügung stellen würde, wenn sie einen richterlichen Beschluss vorlegte.

Als sie das Finanzamt eine gute Stunde später verließ, war sie genauso schlau wie zuvor. Sie verabredete sich mit Jan und einem kleinen Spurensicherungsteam vor Gerbers Wohnung, bevor sie Max über ihre Gespräche in Kenntnis setzte und sich kurz mit Ruth austauschte. Auch deren Erkenntnisstand hielt sich in überschaubaren Grenzen. Gerbers Schwester war offenbar noch nicht in der Lage gewesen, sich detaillierten Fragen zu stellen.

Gerbers Wohnung wirkte genauso unspektakulär wie sein Schreibtisch im Finanzamt, war aber immerhin nicht ganz so akkurat aufgeräumt – zwei Zimmer, Küche, Bad, mittlerer Standard, eine hochwertige TV-Anlage, ein Laptop, auf dem die Kollegen später Kontaktdaten sichern konnten, eine Spielkonsole. Hinweise auf Bargeld fanden sich nicht, die Nachbarn hatten nichts Ungewöhnliches bemerkt, und sein Wagen stand im Innenhof, wie ihnen der Hausmeister mitteilte. Gerber war das letzte Mal gesehen worden, als er am Samstagvormittag den Briefkasten leerte.

»Und wie ist er nach Sassnitz gekommen?«, überlegte Romy halblaut, als sie gemeinsam mit Jan vom Küchenfenster in den Hof blickte, wo Gerbers Wagen vorschriftsmäßig auf dem gemieteten Stellplatz parkte.

»Gute Frage.« Jan kratzte sich am Hinterkopf und forderte einen Kollegen auf, sich das Auto anzusehen – die Schlüssel lagen auf der Kommode im Flur.

Romy öffnete den Kühlschrank. Er war gut gefüllt. »Er hatte wohl nicht vor, für längere Zeit wegzufahren. Hier ist lauter Frischkram.«

»Den hätte er mitnehmen können«, wandte Jan ein.

»Okay, aber die Wohnung sieht nicht danach aus, als hätte er vorgehabt zu verreisen«, entgegnete Romy. »Keine Tasche, kein bereitgestellter Rucksack, der Müll ist nicht entsorgt …«

»Vielleicht wollte er noch packen oder nur kurz für einen Tag nach Rügen fahren, um seine Schwester zu besuchen.«

»Möglich.« Romy schüttelte nachdenklich den Kopf. »Und nach Samstagvormittag hat ihn niemand mehr gesehen oder gesprochen, bis er fünf Tage später tot auf seinem Boot entdeckt wird? Wo war er in der Zwischenzeit?«

»Das ist die Frage. Festnetztelefon hat er nicht, die Daten vom Mobilfunkprovider lassen noch auf sich warten, und darüber hinaus müssen wir alle Kontakte abtelefonieren – und uns in Geduld üben.« Er warf Romy einen schrägen Blick zu. »Max hat auch noch nichts entdeckt?«

Romy schüttelte den Kopf. »Nichts Besonderes. Er prüft gerade die Überwachungsvideos vom Hafen.«

Jan verschränkte die Arme. »Gerber muss sein Boot für den Liegeplatz angemeldet haben …«

»Hat er – online, das ist seit einiger Zeit auch in Sassnitz möglich – und die Liegegebühr vorab für eine Woche bezahlt, auch am Samstag.«

»Okay.«

»Demnach hatte er vor, am Samstag nach Rügen zu fahren, aber seine Spur verliert sich auf dem Weg dahin«, grübelte Romy. »Wir haben keine Ahnung, wie er nach Sassnitz gekommen ist, wo das Boot vorher war, wann genau es den Hafen anlief oder auch zwischendurch wieder verließ. Ist er in den Tagen zuvor herumgeschippert, oder lag es nur im Hafen, weil er bis zu seinem Tod gar nicht dort war?« Sie seufzte. »Viele Fragen. Fest steht, dass er Tage später tot auf seinem sechzigtausend Euro teuren Boot liegt, das er bar bezahlt hat, und seine Verletzungen weisen auf ein schweres Gewaltverbrechen hin.« Sie sah Jan an. »Klingt irgendwie ziemlich schräg, oder?«

»Ich würde eher sagen, dass das Bild unvollständig ist.«

Romy spitzte die Lippen. »Unvollständig? Wir haben nicht einmal den äußeren Rahmen.«

»Na schön. Lassen wir deine Beschreibung mal so stehen. Ich schlage vor …«

»Ich fahre schon mal nach Bergen zurück, wir telefonieren die Kontakte ab, die uns die Kollegen hoffentlich in Kürze zur Verfügung stellen können, und dann sehen wir weiter«, warf Romy ein. »Ihr habt hier ja noch genug zu tun. Ich melde mich, okay?«

Jan räusperte sich. »So etwas Ähnliches wollte ich gerade sagen. Aber du warst ein bisschen schneller.«

Romy lächelte. Jan zog sie kurz in seine Arme. »Sag mal … Hat deine Mutter sich noch mal gemeldet?«

Romy hob den Kopf. »Nein. Und das ist gut so.«

»Du bist …«

»Ja?«

»Ein wenig streng mit ihr. Sie wünscht sich ein ganz normales Leben für uns.«

»Du meinst: verliebt, verlobt, verheiratet, Kinder gekriegt und so weiter?«

»Genau.«

»Das ist seit zwanzig Jahren nicht mein Ding, und das weiß sie. Ich bin nicht der Mami-Typ, das war ich noch nie und werde ich nie sein. Es gibt andere Prioritäten in meinem, in unserem Leben.«

Jan blickte sie ruhig an.

»Oder habe ich da etwas falsch verstanden?«

»Nein, hast du nicht. Aber ich kann trotzdem verstehen, dass deine Eltern, meine übrigens auch, sich manchmal wünschen, wir hätten einen anderen Beruf ergriffen oder würden ihn weniger engagiert ausüben.«

»Haben wir aber nicht.« Romy kniff die Lippen zusammen. Sie war plötzlich aufgewühlt.

Jan strich ihr eine Locke zurück. »Kein Grund zur Aufregung. Es ist unser Leben. Sollten wir je eine andere Entscheidung treffen, ist auch das unsere Sache.«

»So ist es.«

Er gab ihr einen Kuss, und Minuten später fuhr Romy Richtung Insel. Die Gedanken schlugen einige Kapriolen in ihrem Kopf, sie schob sie energisch beiseite, aber ihr Herz war plötzlich schwer.

Florian Gerber war ein begeisterter Radfahrer gewesen und hatte Dart gespielt. Sein Freundeskreis war nicht besonders groß gewesen. Niemand, mit dem das Team in den nächsten beiden Tagen Kontakt aufnahm, konnte sich auch nur ansatzweise erklären, was geschehen war, und keiner hatte gewusst, dass er Bootsbesitzer gewesen war. Das galt auch für seine Exfreundin, eine Stralsunder Anwältin. Sie gab an, dass sie sich nach wenigen Monaten Beziehung vor einiger Zeit von Gerber getrennt habe – weil es einfach nicht gepasst hatte. Romy räumte der Tatsache, dass Gerbers Freunde durchweg erklärt hatten, die Trennung wäre von Florian ausgegangen, nicht allzu viel Bedeutung ein. Es gab Leute, die ausgesprochenen Wert darauf legten, beim Bruch einer Beziehung als aktiver Part und nicht als der oder die Verlassene dazustehen. Und zurzeit war dieser Aspekt belanglos.

Das Ergebnis der ausgewerteten Mobilfunkdaten passte zu Gerbers plötzlichem Verschwinden. Er hatte sein Smartphone nach dem Telefonat mit seiner Schwester nicht mehr benutzt, und es war zum letzten Mal in Stralsund eingeloggt gewesen. Demnach verlor sich seine Spur tatsächlich fünf Tage vor seinem Tod, und die Vermutung, dass dem Tötungsdelikt eine gut organisierte Entführung vorausgegangen war, verdichtete sich zunehmend, doch handfeste Beweise fehlten.

Der Rechtsmediziner ging inzwischen davon aus, dass Gerber in der Nacht zum Donnerstag beziehungsweise in den frühen Morgenstunden gestorben und anschließend auf die Yacht gebracht worden war – was bislang nicht belegt werden konnte, denn Zeugen hatten sich nicht gemeldet, und die Überwachungsvideos vom Hafen hatten keine Ergebnisse gebracht. Am Wochenende waren zeitweise mehrere Kameras ausgefallen – nichts Ungewöhnliches, wie Max eilig versicherte, als sowohl Romy als auch Ruth ihn mit skeptischen Mienen ansahen.

Romy glaubte keineswegs an einen Zufall, aber das allein genügte natürlich nicht. Der Staatsanwalt hatte weitergehenden Ermittlungen längst zugestimmt, die Ergebnisse verdienten jedoch nicht einmal diese Bezeichnung. Sie hatten: nichts. Ein toter Stralsunder, der auf der Insel gelandet war, nachdem er Tage zuvor auf unbekanntem Weg seine Wohnung und die Hansestadt verlassen hatte. Ein Finanzbeamter mit tadellosem Ruf und besten Aussichten, große Karriere zu machen, der sich klammheimlich eine teure Motoryacht gekauft und den Preis bar entrichtet hatte. Niemand wusste von dieser Anschaffung, und es fehlten jegliche Hinweise darauf, wo Gerber die Yacht unterstellte. Und dieser Aspekt war bislang der einzige, der aus dem Gesamtzusammenhang herausstach und womöglich zu einem Motiv führen könnte.

Romy und Ruth verließen das Kommissariat am Samstagabend gemeinsam und standen auf dem Parkplatz vor ihren Fahrzeugen.

»Was steckt deiner Ansicht nach dahinter?«, fragte Ruth, während sie ihren Autoschlüssel aus der Tasche nestelte.

»Wir sind seit zweieinhalb Tagen mit allen möglichen Recherchen beschäftigt, ohne dass sich ein einziger wirklich brauchbarer Hinweis findet, mit dem wir weiterarbeiten können – bis auf die Sache mit dem Boot, das verschiedene Fragen aufwirft«, erklärte Romy. »Das stellen wir nicht zum ersten Mal fest. Es gibt keine Spuren, keine Namen, keine DNA. Aber wir wissen, dass Gerber viel Geld hatte – Bargeld.«

»Sein Bankkonto weist keine Besonderheiten auf«, ergänzte Ruth. »Nach dem, was Max bislang herausgefunden hat.«