Über Natalie Grams

Natalie Grams, geboren 1978, ist Ärztin, Autorin und bekannte Aufklärerin auf vielen Plattformen und in den Sozialen Medien. 2019 gewann sie den Goldener Blogger Award für den besten Twitter-Account Deutschlands. Im gleichen Jahr schlug der Versuch einer Abmahnung des Homöopathie-Konzerns Hevert gegen sie hohe Wellen.
https://twitter.com/NatalieGrams

Informationen zum Buch

Endlich Orientierung im Dschungel medizinischer Halbwahrheiten.

Zu wenig Zeit für die Patienten und immer gleich Antibiotika? »Schulmedizin« hat keinen guten Ruf. Akupunktur, Osteopathie & Co. hingegen sind angesagt. Sie gelten als sanft und natürlich. Doch weder ist die Natur immer gut, noch jede alternative Heilmethode wirksam. Die Ärztin Dr. Natalie Grams hat den ultimativen Kompass durch die Welt der Medizin geschrieben. Sie klärt auf, welche Verfahren wirken, was die Gründe dafür sind – und wie eine ganzheitliche Heilkunst auf wissenschaftlicher Basis das Vertrauen der Patienten zurückgewinnen kann. Ein Buch, das endlich Orientierung im Dschungel medizinischer Mythen verschafft.

»Wer an der Schulmedizin zweifelt, muss unbedingt dieses Buch lesen!« Mai Thi Nguyen-Kim, Moderatorin und Bestsellerautorin

»Natalie Grams gelingt es, Orientierung und Wissen zu vermitteln, damit jeder bessere Entscheidungen für eine wirksame Behandlung treffen kann. Mein Lieblingssatz: Auf dem Boden der Tatsachen liegt zwar viel zu wenig Glitzer, aber immerhin bietet er einen festen Stand. Das ist Humanmedizin mit Humor.« Dr. Eckart von Hirschhausen

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Dr. med. Natalie Grams

Was wirklich wirkt

Kompass durch die Welt der sanften Medizin

Inhaltsübersicht

Über Natalie Grams

Informationen zum Buch

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Prolog
Auf der Suche nach einer echten Alternative

1. »Wer heilt, hat recht«
Gefühlte Wahrheit ist noch lange kein Beweis

2. »Sanfte Medizin geht sanft mit mir um«
Von Wirkungen, Nebenwirkungen und falschen Versprechen

3. »Aber mir hat es doch geholfen!«
Warum persönliche Erfahrungen gegen Studien den Kürzeren ziehen

4. »Homöopathie ist viel mehr als nur Placebo«
Was man von Zuwendung und Zucker erwarten kann und was nicht

5. »Das Immunsystem muss aktiviert werden«
Wenn sich pauschale Antworten gegen einen wenden

6. »Das Wunder der Natur«
Selbstheilung, Ganzheitlichkeit und der gute Ruf von Mutter Natur

7. »Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde …«
Die Grenzen der Medizin und wie wir sie nicht überwinden

8. »Ungeimpfte Kinder sind gesünder als geimpfte«
Was Impfungen wirklich machen und wo dabei Gefahren für uns und unsere Kinder lauern

9. »Die Pharmaindustrie will uns vergiften«
Wieso Verschwörungstheorien noch schwerer auszurotten sind als die Masern

10. »Ich darf selbst entscheiden, ob ich oder meine Kinder geimpft werden«
Zwischen Autonomie und gesellschaftlicher Verantwortung

11. »Ärzte sind immer nur in Eile«
Wenn das Arzt-Patienten-Verhältnis auf der Strecke bleibt

12. »Das Gesundheitswesen will unser Bestes
das Geld«
Was passiert, wenn Gesundheit zum reinen Geschäftsmodell wird

Epilog
Eine sanfte Medizin, die wirklich wirkt

Was wirklich wirkt
Die einzelnen Verfahren und ihre Versprechen

Alarmzeichen, an denen Sie Scharlatane erkennen können

Weiterführende Literatur und wichtige Links

Danksagung

Impressum

Prolog

Auf der Suche nach einer echten Alternative

Vielleicht geht es Ihnen wie vielen anderen Menschen auch, die enttäuscht sind von der modernen Medizin: Sie fühlen sich nicht gut behandelt. Nicht unbedingt weil die verschriebenen Medikamente nicht wirken, sondern vor allem weil es uns Ärzten an Zeit fehlt, wir Ihnen nicht gut genug zuhören. Viele haben den Eindruck, für den Arzt oder die Ärztin nur noch ein »Fall« zu sein. Andere befürchten schädliche Nebenwirkungen, unnötige Operationen oder zu viele Antibiotika. Und wieder andere bemängeln, dass sich Medizin nur um Symptome kümmere, nicht um die »wahren« Ursachen der Beschwerden. Insbesondere die Hochleistungs- und Apparatemedizin wirkt auf viele Patienten und Patientinnen kühl, distanziert und unverständlich; man fühlt sich ihr regelrecht ausgeliefert. Diese Enttäuschungen führen mitunter zu einer generellen Skepsis gegenüber der »Schulmedizin« und zu einer anhaltenden Suche nach sanften Alternativen. Verständlich – eine sanfte, behutsame Medizin, die uns ganzheitlich behandelt und vielleicht auch noch ohne Nebenwirkungen auskommt: Wer wünschte sich das nicht?

Als Ärztin und Mutter begegne ich täglich einer großen Verunsicherung bei Gesundheitsfragen. In Klinik und Praxis habe ich die oft harte Realität der Medizin erlebt. Diese weiß in vielen Fällen zwar Antwort auf Fragen nach körperlichen Beschwerden – im Umgang mit Patienten als Menschen hinterlässt sie jedoch oft Fragezeichen und Ohnmachtsgefühle. In Kindergarten und Schule wiederum treffe ich auf besorgte Eltern auf der Suche nach möglichst einfachen Antworten, die niemandem wehtun, vor allem nicht den eigenen Kindern. Auch Freunde und Bekannte wenden sich mit Sorgen und Fragen an mich, die man noch vor wenigen Jahren mit dem gesunden Menschenverstand beantwortet hätte. Das Erstaunliche: Insbesondere gut gebildete Menschen, die mitten im Leben stehen, die Beruf, Haushalt und Familie meistern, finden sich im Dickicht aus medizinischem Halb-, Schein- und Unwissen oft nicht mehr zurecht. Die ständig verfügbare Flut aus Informationen, Ratschlägen, Gesundheits- und Ernährungstipps führt nicht etwa zu mündigen Patienten, wie man meinen könnte, sondern im Gegenteil zu einer zunehmenden Überforderung oder gar Misstrauen gegenüber Ärzten und der Medizin im Allgemeinen. Dabei spielen Google, YouTube, Soziale Medien oder Messenger-Elterngruppen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Nicht zuletzt, weil neben wertvollen Informationen auch Lügen und Mythen kursieren, die Verwirrung stiften und Ängste schüren.

Diese Mythen und Halbwahrheiten möchte ich benennen – genau so, wie sie uns allen im Alltag begegnen – und unter die Lupe nehmen. Die Kapitelüberschriften sind deshalb so formuliert, wie wir sie oft hören – von Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit, von Eltern im Kindergarten, im Familien- und Freundeskreis, gerne als persönliche Anekdoten oder spektakuläre Geschichten, die sich auf Facebook in Windeseile verbreiten. Dabei wird es immer schwerer, einen klaren Blick zu bewahren: was stimmt, was stimmt nicht, was ist harmlos, wo lauern Gefahren? Wem kann ich überhaupt noch vertrauen? Und woher soll ich bitte schön die Zeit nehmen, das alles selbst zu überprüfen?

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, alles zu wissen. Und das ist auch gar nicht nötig. Es genügt vollkommen, mitzudenken und die richtigen Fragen zu stellen, zum Beispiel: Gibt es nachprüfbare Beweise für die Aussage, oder ist es nur eine Behauptung? Oder: Von wem kommt die Information, und welche Interessen könnten dahinterstehen? Nach der Lektüre der einzelnen Kapitel, so hoffe ich, haben Sie neue Perspektiven und nützliche Gegenfragen an der Hand, die Ihnen helfen, sich besser orientieren zu können. Dieses Buch soll Ihnen ein Kompass sein: durch den Dschungel der Halbwahrheiten der sogenannten Alternativmedizin. Und gleichzeitig ein kleiner Leitfaden für grundsätzliche Gesundheitsfragen.

Denn wenn uns eine Krankheit ans Bett fesselt, uns Schmerzen plagen oder wir Mitmenschen krank und leidend sehen, bleibt manchmal erschreckend wenig Raum für sachliche Argumente und einen kühlen Kopf, gerade auch, wenn in Extrem- und Akutsituationen Eile geboten ist. Wenn etwa das eigene Kind hohes Fieber entwickelt, eine Krebsdiagnose gestellt wurde oder ein akuter Zusammenbruch erfolgt ist, ist einfach jeder Strohhalm der Hoffnung recht.

Ich weiß, wovon ich rede. Als Medizinstudentin hatte ich bei einem Autounfall großes Glück, nicht ums Leben gekommen zu sein. Auf einer Landstraße war mir plötzlich ein Auto entgegengekommen, der Fahrer hatte die Kurve geschnitten und steuerte auf meiner Fahrbahnseite direkt auf mich zu. Um einen frontalen Crash zu vermeiden, wich ich aus, doch direkt neben der Fahrbahn befand sich eine Böschung, und ich verlor sofort die Kontrolle über meinen Wagen. Während der Unfallverursacher weiterfuhr, überschlug ich mich mehrfach und krachte in die Bäume. Das Auto erlitt einen Totalschaden, doch ich selbst blieb durch unglaubliches Glück bis auf ein leichtes Schleudertrauma und ein paar Schrammen unverletzt. Zumindest dachte ich das und widmete mich schon kurz nach dem Unfall wieder meinem Studium.

Als ich ein paar Wochen später immer wieder ohnmächtig wurde und unter Herzrasen litt, konnte ich mir das nicht erklären. Ich ging zu Fachärzten, doch auch die konnten keine körperlichen Ursachen finden, weder am Herzen noch in der Schilddrüse noch sonst irgendwo. Auf die Idee, einen Zusammenhang mit dem Autounfall herzustellen, kam niemand, auch ich nicht, und mit jedem ergebnislosen Arztbesuch nahm meine Ratlosigkeit zu. Eine Kommilitonin überredete mich schließlich, eine Heilpraktikerin und Homöopathin aufzusuchen. Ich überlegte ein paar Tage – und ging dann hin. Was hatte ich schon zu verlieren?

Im Gegensatz zu vielen Ärzten nahm sich die Heilpraktikerin Zeit, um über mich und meine Krankengeschichte zu reden. Sie war es auch, die mir half, meine aktuellen Probleme als verspätete Reaktion auf den Verkehrsunfall zu erkennen. Zur Behandlung verschrieb sie mir Globuli und riet mir zu einer Psychotherapie, um die Folgen des Unfalls aufzuarbeiten. Ganz ehrlich, vorher wäre ich nicht auf die Idee gekommen, die Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen. Ich litt unter der leider weit verbreiteten Auffassung, dass man da nur hinging, wenn man ernsthaft verrückt war. Doch nach dem ausgiebigen Gespräch mit der Heilpraktikerin, die mir das Gefühl gab, mich selbst wieder besser zu verstehen, ließ ich mich sowohl auf die Globuli als auch die Psychotherapie ein. Und tatsächlich verschwanden die Ohnmachtsanfälle und das Herzrasen. Ich war unglaublich erleichtert, und im Überschwang der Gefühle hegte ich keinerlei Zweifel daran, was mich gerettet hatte. Es war meine homöopathische Erweckung. Die Heilpraktikerin behandelte mich zwar auch noch mit traditioneller chinesischer Heilmassage, Akupunktur und Schröpfköpfen sowie einem Gerät, das positive Schwingungen in meinen Körper bringen sollte, aber in mir stand ganz klar fest: Es war die Homöopathie, die mich geheilt hatte.

Anstatt zu fragen, ob und, wenn ja, was da auf welche Art tatsächlich gewirkt hatte, entschloss ich mich, parallel zu meinem Medizinstudium eine Ausbildung zur Homöopathin und TCM-Ärztin (Traditionelle Chinesische Medizin) anzufangen. Wie viele meiner Kommilitonen stand ich den angeblichen Alternativen – von denen die Homöopathie nur die bekannteste und beliebteste war und bis heute ist – einigermaßen aufgeschlossen gegenüber, immerhin gab es zu der Zeit in Deutschland neben Tausenden von Heilpraktikern und Laien-Homöopathen auch gut 7000 (aktuell etwa 5400) Ärzte mit einer Zusatzausbildung. Und nach meiner positiven persönlichen Erfahrung mit der Homöopathie stellte ich im Grunde keine kritischen Fragen mehr. Es fühlte sich gut an, mir ging es besser, fertig. Wie im Medizinstudium gab es auch hier massig Stoff auswendig zu lernen – viel Zeit für kritisches Hinterfragen war also eh nicht –, und so kam mir die Homöopathie eher wie ein Parallelwissen vor, das sich den gängigen wissenschaftlichen Methoden entzog. Nicht etwa, weil eine Wirkung wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden konnte, sondern weil die wissenschaftlichen Methoden einfach noch nicht gut genug waren, um die Wirkweise zu erklären. Diese vollkommene Umkehr der Beweislast ist mir heute peinlich, obwohl ich weiß, dass es sich dabei um einen der typischen Denkfehler handelt, dem Anhänger vermeintlicher Alternativen aufsitzen. Damals aber ließ ich Zweifel nicht aufkommen, zu überzeugt war ich von Samuel Hahnemanns über zweihundert Jahre alter Lehre und dem 2000 Jahre alten chinesischen Heilwissen – und der Vorstellung, in Zukunft als Homöopathin und TCMlerin anderen Menschen helfen zu können.

Ich promovierte über die Sicherheit von Traditionellen Chinesischen Heilkräutern, besuchte Studentenkurse zu Homöopathie und TCM und machte Praktika in Naturheilkunde-Kliniken. Neben meiner Ausbildung als »ganz normale« Ärztin im Krankenhaus und auch in Praxen niedergelassener Ärzte sammelte ich am Wochenende weiter Erfahrungen als »Alternativheilerin«. Dabei wurde mir insbesondere die Bedeutung des Faktors Zeit bewusst. Während wir bei der Visite in der Klinik selten eine volle Minute am Bett der Patienten verbrachten und es auch in der Praxis immer möglichst schnell gehen musste, um überhaupt das Pensum bewältigen zu können, erschien mir die Arbeit als Homöopathin im Vergleich dazu wie ein Meer aus Zeit. Erstgespräche von ein bis drei Stunden waren hier normal (so sieht es die Homöopathie als Lehre vor, und man kann sie als Homöopath auch gut abrechnen), im Klinik- und Praxisalltag waren und sind solche Dimensionen unvorstellbar (mit Ausnahme vielleicht der Psychologie), Akupunktursitzungen dauerten eine halbe Stunde. Und die Behandlungserfolge schienen den »sanften Alternativen« recht zu geben; die Patienten waren ganz überwiegend dankbar und glaubten fest an die Heilkraft. So wie ich selbst ja auch. Als sich mir die Möglichkeit bot, eine Praxis für Homöopathie zu übernehmen, brach ich meine Facharztausbildung zur Allgemeinmedizinerin ab und konzentrierte mich mit Leib und Seele auf die Homöopathie. Ohne es zu merken, bewegte ich mich über etliche Jahre in einer Blase: Die Praxis lief gut, ich hatte viele zufriedene Patienten, die mir jahrelang die Treue hielten und teilweise extra aus dem Ausland anreisten. Kritik von außen ignorierte ich oder wehrte sie mit eingeübten Reflexen ab. Auch darin hatte man als Homöopath schließlich die Erfahrung von mehr als zweihundert Jahren.

Doch um es an dieser Stelle kurz zu machen: Die Fassade der schönen, sanften Medizin bekam mit der Zeit Risse. Die unbeantworteten Fragen, vor allem zur Wirkweise und zu grundlegenden Dingen wie der von Hahnemann behaupteten »Lebenskraft«, ließen mich irgendwann nicht mehr so weitermachen wie bisher. Ich brauchte ehrliche Antworten. Sonst konnte ich meine Patientinnen und Patienten nicht länger guten Gewissens behandeln, ganz zu schweigen von meinen eigenen Kindern. Ich ging daher vielen Studien und Quellen auf den Grund – wohlgemerkt in der Hoffnung, die Homöopathie besser verstehen und verteidigen zu können. Doch meine zweite homöopathische Erweckung ließ die Blase, in der ich lebte, platzen.

Viele Versprechen der Homöopathie und anderer angeblicher Alternativen sind nicht aufrechtzuerhalten, wenn man sich um Ehrlichkeit und Transparenz bemüht. Einzelne Ansätze, Herangehensweisen und Methoden »alternativer Medizin« können Menschen jedoch tatsächlich helfen. Wichtig für das ganze Buch wird sein, dass ich generell über Mittel und Methoden urteile, nicht über einzelne Anwender oder Therapeutinnen. Auf zwischenmenschliche Weise können viele Alternativtherapeuten unzweifelhaft Hilfe anbieten, Trost spenden und Hoffnung schenken, doch ihre Mittel und Methoden macht dies nicht automatisch besser oder wirklich wirksam. Als Laie, zumal als Betroffener und auf die Schnelle, ist es kaum möglich, hier echte Hilfe, die auf überprüfbaren Fakten basiert, von leeren Versprechen zu unterscheiden. Dabei möchte dieses Buch helfen.

Diese Verwirrung wird nicht von der wissenschaftlichen Medizin gestiftet (das Gegenteil ist ja gerade ihr Ziel), sondern von den angeblichen Alternativen, die sich gegen die nötige Aufrichtigkeit wehren. Wollen sie als Medizin gelten, müssen sie sich mit deren Methoden messen lassen und die Ergebnisse wissenschaftlicher Überprüfung anerkennen. Für große Teile der »sanften Medizin« wäre das nicht weniger als eine Revolution!

Wieso denn gleich eine Revolution? Gilt denn nicht einfach »Wer heilt, hat recht«? Nein, so einfach ist es nicht. Wie wir gleich sehen werden, steckt hinter diesem Satz mehr als nur eine Aussage über den Einzelfall. Und sie führt schlimmstenfalls dazu, dass Scharlatanen und Trittbrettfahrern Tür und Tor geöffnet werden. Das kann weder im Sinne der Politik sein, noch der Kammern, Krankenkassen und Verbände und besonders nicht der Patienten. Vor allem nicht im Sinne derjenigen, die sich auf der Suche nach einer echten Alternative von der modernen Medizin abwenden.

Die wieder vermehrt aufflammenden Masernherde der letzten Jahre sind genauso ein Anzeichen dafür wie die immer wieder schockierenden Fälle von Wunderheilern. Anfang 2019 geriet etwa der Heilpraktiker Klaus R. in die Schlagzeilen, der im nordrhein-westfälischen Brüggen-Bracht verzweifelte Krebspatienten in seinem »Biologischen Krebszentrum« mit einem nicht zugelassenen Mittel behandelt hatte, woraufhin drei Menschen starben. Ebenfalls im Frühjahr 2019 stand ein Unternehmer aus Altdorf bei Nürnberg vor Gericht, der ein angebliches Krebsmedikament (aus Fischöl und Vitamin D) vertrieb und damit für viel Geld nichts als falsche Hoffnungen weckte. Er wurde zu vier Jahren Haft verurteilt; außerdem wurde angeordnet, den erzielten Gewinn von 4,5 Millionen Euro einzuziehen. Der Heilpraktiker Klaus R. bekam dagegen nur zwei Jahre auf Bewährung, was nicht nur für die Angehörigen der drei Verstorbenen kaum zu fassen war. Er erfuhr deshalb so viel Milde, weil allein der Einsatz einer ungeeigneten Waage für die Dosierung überhaupt justiziabel war – nicht jedoch, dass er außerhalb von Qualifikation und Einsichtsfähigkeit mit hochgefährlichen Substanzen an Krebspatienten herumhantiert hatte.

Das mögen Extremfälle sein, doch sie zeigen überdeutlich, wie wichtig es ist, die größtmögliche Sicherheit bei der Behandlung von Erkrankungen zu gewährleisten. Nicht einzelne Medikamente, Operations- oder Behandlungsmethoden, sondern der Patientenschutz ist die wahrscheinlich größte Errungenschaft der wissenschaftlichen Medizin. Den können Angebote außerhalb der Medizin nicht annähernd bieten.

Im Überangebot der »Alternativen« das zu erkennen, was wirklich wirksam ist, wird auf mehrere Weisen erschwert. In erster Linie durch die aktuelle Gesetzeslage, die viele dieser Angebote erst möglich und Deutschland zu einem »Mekka der Alternativmedizin« macht. Nicht zuletzt aber dadurch, dass es auch an Ehrlichkeit, Transparenz und Aufklärung, an wirklichem Patientenschutz, mangelt.

Blindes Vertrauen ist genauso fehl am Platz wie falsche Toleranz. Sie werden also auch in Zukunft selbst mitdenken müssen. Gerade wenn Gesundheitsdebatten hochemotional geführt werden, ist es ratsam, Fakten von Fake News zu trennen, eindeutige Wirkungen von gefühlten Wahrheiten zu unterscheiden und Mythen als solche zu entlarven. Nur das bringt uns weiter, als individuelle Patientin und als solidarische Gesellschaft insgesamt. Wenn wir diese Debatten dagegen weiterhin moralisch aufladen, verschwenden wir Zeit und Geld.

Als Homöopathin musste ich mir irgendwann eingestehen, viele dieser haltlosen, aber teilweise verlockend und plausibel klingenden Mythen an meine Patienten weitergetragen zu haben. Aber es müssen nicht gleich Gedankengebäude einstürzen wie damals bei mir. Es können beim kritischen Hinterfragen auch neue Alternativen entstehen, die diesen Namen wirklich verdienen, weil sie auf einem soliden Fundament stehen. So kann schon die Unterscheidung von Homöopathie und Naturheilkunde, mit einigen wirklich wirksamen pflanzlichen Mitteln, einen ganz neuen Blick ermöglichen. Wir kommen noch darauf zurück.

In meiner Patientenkarriere, aber auch als Ärztin habe ich so einiges ausprobiert und kennengelernt: von Dorn-Therapie über Reiki bis hin zu Geistigem Heilen. Ich habe Schüßler-Salze (»die heiße Sieben«), Bach-Blüten und Spagyrika (mit alchemistischen Methoden hergestellte Mittel) eingenommen und in bestem Glauben bis zum Erbrechen chinesische Heiltees getrunken. Ich habe mich durchakupunktieren und schröpfen lassen, habe Yoga, Tai Chi und Qigong gemacht, Meditationskurse absolviert und Progressive Muskelrelaxation, Biofeedback sowie Feldenkrais ausprobiert. Ich war in früheren Zeiten deutlich impfkritischer eingestellt und besaß keine Mikrowelle aus Angst vor Strahlung. Manches hat mir gutgetan, wirklich geholfen, anderes geschadet, aber allem ist gemein, dass ich eine neue Haltung dazu entwickelt habe, als ich den Hintergründen der Methoden, Mittel und Einstellungen nachgegangen bin. Heute finde ich, dass auf dem Boden der Tatsachen zwar viel zu wenig Glitzer liegt, er aber immerhin einen festen Stand bietet – und ehrliche Antworten auf viele Fragen und Sorgen, die uns alle bewegen.

Fangen wir also mit dem Entlarven der Mythen an, indem wir ehrliche Antworten einfordern. Ich bin davon überzeugt, dass die allermeisten Patientinnen und Patienten nämlich vor allem das suchen und wollen: eine ehrliche Medizin, der sie (wieder) ihr ganzes Vertrauen schenken können.

1. »Wer heilt, hat recht«

Gefühlte Wahrheit ist noch lange kein Beweis

Ich bin mir sicher, Sie kennen den Satz aus der Überschrift und haben ihn vielleicht sogar selbst schon das eine oder andere Mal gesagt: »Wer heilt, hat recht.« Und ja, der Satz stimmt auch – zumindest wenn man den Ansatz ehrlich, transparent und konsequent verfolgt. Die entscheidende Frage lautet nämlich: Wer oder was heilte in meinem Fall denn wirklich? Stellen wir diese Frage nicht oder beantworten sie nicht konsequent, begeben wir uns ins Reich der Mythen und tun unserer Gesundheit keinen Gefallen.

Oft wird mit »Wer heilt, hat recht« die notwendige Suche nach den Ursachen nicht eröffnet, sondern für beendet erklärt. Denn es erscheint allzu offensichtlich: Wir waren krank, dann erfolgte eine Behandlung – und wir wurden gesund. Sieht nach einem eindeutigen Zusammenhang aus, nach Ursache und Wirkung. Doch dieser kausale Zusammenhang muss gar nicht gegeben sein, um die Illusion einer Wirkung entstehen zu lassen. Es braucht dafür nicht einmal faulen Zauber oder böse Machenschaften. Viel häufiger spielt uns unsere Wahrnehmung einen Streich, denn unser Gehirn arbeitet am liebsten pragmatisch und geht den kürzesten Weg. Das hat mit Logik aber leider nichts zu tun, auch wenn es uns so vorkommt, sondern eher mit gefühlter Wahrheit. Suchen wir also nach einer richtigen Antwort auf diesen Satz – und dafür muss ich etwas ausholen. Wie eingangs bereits angedeutet, spielen beim Thema Gesundheit Emotionen eine große Rolle. Sie überlagern mitunter rationale Argumente und nachweisbare Tatsachen, also genau das, was uns als Errungenschaften der wissenschaftlichen Methode all die wunderbaren Erfolge in Mathematik, Physik und eben Medizin beschert hat. Erfolge, von denen wir alle tagtäglich profitieren, sei es, wenn wir zum Telefon greifen, die Waschmaschine anschalten, von A nach B fahren oder eben eine Krankheit mit einer Therapie oder einem Medikament behandeln. Mit einer Liste der Errungenschaften der Wissenschaft, die unser Leben heute leichter und manchmal erst lebenswert machen, ließen sich problemlos die restlichen Seiten dieses Buches füllen.

Die Wissenschaft genießt jedoch schon lange keinen ungeteilt guten Ruf mehr, auch nicht in der Medizin. Und das, obwohl unsere Lebenserwartung steigt und steigt und wir heute Menschen helfen können, die vor zwanzig Jahren noch verloren gewesen wären. Wie passt das zusammen?

Die Antwort darauf ist wie so oft vielschichtig. Zunächst einmal kann man sagen, dass die Wissenschaft Opfer ihres eigenen Erfolges geworden ist. Es ist gewissermaßen die Kehrseite des Fortschritts: Je mehr wir wissen, desto klarer wird, dass einfache Antworten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch sind. Denn das Leben mit all seinen Facetten ist komplex, insbesondere unsere Gesundheit. Trotzdem – oder gerade deshalb – strahlen einfache Antworten eine große Verlockung aus, vor allem dann, wenn unsere Gesundheit massiv in Gefahr geraten ist. Das macht die wunderbar klingenden Versprechen selbst ernannter Heiler so verführerisch, ganz gleich, wie schleierhaft, dubios oder offen betrügerisch sie uns eigentlich sofort vorkommen müssten. Unser Gehirn liebt einfache Antworten, und wir können deshalb gleich in mehrere Denkfallen tappen.

Hinzu kommt, dass einige spektakuläre Fälle von Lug und Betrug ausgerechnet von Wissenschaftlern selbst verübt worden sind. Diese schändlichen Beispiele haben dem Ruf der Wissenschaft einen Bärendienst erwiesen. Spätestens beim Thema Impfen und Nebenwirkungen (ab Seite 119 ff.) werden wir einem solchen Betrugsfall begegnen und sehen, wie mühsam es ist, den dadurch entstandenen Schaden wieder zu beheben. Allein der Hinweis darauf, dass Wissenschaftler eben auch nur Menschen sind mit allen möglichen Schwächen und Fehlern, reicht leider nicht aus. Zumal sich in unseren digitalisierten Zeiten vor allem das Spektakuläre und Negative besonders schnell verbreitet und dann hartnäckig hält.

Enttäuschung und Unzufriedenheit machen empfänglich für Populismus, für vermeintlich einfache Antworten auf komplexe Fragen und Problemstellungen. Es geht in diesem Buch um Gesundheitsfragen, ich möchte darüber hinaus keine politische Analyse unternehmen, und doch scheinen mir Parallelen zur weltpolitischen Lage zu bestehen. Um das Ansehen der Medizin könnte es jedenfalls besser bestellt sein, und daran ist sie selbst nicht ganz unschuldig.

Die Gründe, weshalb die Wissenschaftlichkeit von einem Teil der Bevölkerung angezweifelt oder schlichtweg ignoriert wird, sind also vielfältig. Komplexität ist für viele Menschen erst einmal abschreckend. Wissenschaft widerspricht oft dem sogenannten gesunden Menschenverstand, dem Augenschein und der Alltagserfahrung. Sonst wäre sie aber auch überflüssig. Klar, wir alle hätten es gerne leichter, simpler. Was sollen wir also tun, um nicht auf verführerische Einfachheit hereinzufallen? Welche Denkfehler lauern? Und wie können wir sie aufdecken und vermeiden? Ich werde beim Beantworten dieser Fragen immer wieder exemplarisch auf die Homöopathie zurückkommen. Zum einen, weil sie das beliebteste und verbreitetste alternative Heilverfahren ist, zum anderen, weil sie ein sehr gutes Beispiel ist, um Denk- und Wahrnehmungsfehler im Bereich Gesundheit zu veranschaulichen.

»Gleich nach der Einnahme ging es mir besser«

Sehen wir uns zunächst einmal drei fast schon klassische Denkfehler an, die wir alle wahrscheinlich schon einmal begangen haben. Ein paar Beispiele, wie ich sie in meiner homöopathischen Praxis immer wieder erlebt habe, machen deutlich, wie schnell man knapp, aber eben doch danebenliegen kann mit der eigenen Wahrnehmung. Da waren zum Beispiel gleich mehrere Patienten, die über häufig auftretende Erkältungen klagten. Jedes Jahr, wenn nach dem Sommer mit den ersten kühlen Tagen auch die Erkältungssaison begann, erwischte es sie und dann auch gleich wochenlang und über den Winter hinweg drei-, viermal oder noch häufiger. Handelte es sich bei den Patienten um Eltern, waren die Kinder oft in gleicher Weise betroffen, sodass die ganze Familie den Eindruck hatte, ständig wäre jemand erkältet. Nach der Gabe von Globuli traten die Erkältungen viel seltener auf und klangen auch deutlich schneller ab, bei einigen Patienten halbierte sich die Zahl der Krankheitstage.

Ähnliches ließ sich auch bei Kindern mit häufig auftretenden schwereren Infekten wie Mittelohrentzündung beobachten. Ganz begeistert berichteten mir Eltern von der wundersamen Wirkung der Globuli. Eben noch schienen ihre Kleinen förmlich zu glühen, wenig später schon fiel die Temperatur von über vierzig Grad bis nur noch knapp über normal.

Eine Mutter war vor lauter Sorge um ihre Tochter der Verzweiflung nahe. Wegen der starken Neurodermitis, unter der die Kleine seit dem dritten Lebensmonat litt, war sie schon bei mehreren Ärzten in Behandlung gewesen. Die hatten mehrfach dazu geraten, es mit Cortison zu probieren, doch die Mutter wollte das nicht, weil sie schon zu viel Negatives darüber gehört hatte, insbesondere über schlimme Nebenwirkungen. Doch all die Cremes und Salben, zu denen sie stattdessen griff, verschafften nur wenig Linderung. Die Mutter folgte gewissenhaft den ärztlichen Empfehlungen für Baden und Kleidung und hielt sich auch an sämtliche Ernährungshinweise, insbesondere solange sie stillte. Mal erholte sich die Haut der Tochter für ein paar Tage, dann kam aber schon wieder ein neuer Schub. So ging das über Jahre, nichts half dauerhaft, ständig hatte sie wunde Stellen im Gesicht und hässliche Schrunden an den Armen, andere Kinder gingen auf Abstand zu ihr. Nachdem sie – mittlerweile im Grundschulalter – nach einer langen, ausführlichen Anamnese und zwei homöopathischen Mitteln, die keine Wirkung zeigten, Wochen später schließlich ein drittes verabreicht bekam, besserten sich die Ekzeme und verschwanden schließlich ganz.

Es gibt zahllose Geschichten wie diese – von akuten Erkrankungen wie Schnupfen oder chronischen wie Neurodermitis –, bei denen erst nach der Gabe der vermeintlich richtigen Globuli eine Besserung oder gar Heilung eintrat. Ich habe sogar Krebspatienten erlebt, die darauf schworen, dass sich ihre Symptome erst durch Globuli besserten oder gar ein Heilungsprozess durch sie in Gang gesetzt wurde. Wer hat nun also recht?

Der Irrtum, dem die Patienten beziehungsweise die Eltern in all diesen Beispielen genauso aufsaßen wie ich als Homöopathin, nennt sich »post hoc ergo propter hoc«, was so viel bedeutet wie »danach, also deswegen«. Er bezeichnet eine Scheinkausalität: Ein Ereignis tritt ein (die Besserung oder Heilung), nachdem ich etwas getan habe (die homöopathische Behandlung). Für einen ursächlichen Zusammenhang gibt es keinerlei Beweis. Man kann also nicht sagen, das Ereignis tritt ein, weil ich etwas getan habe. Einzig das zeitliche Zusammentreffen lässt es so erscheinen. Eine derartige Koinzidenz erklärt rein gar nichts, könnte Zufall sein. Heute Morgen hat es geregnet, nachdem ich mit dem linken Fuß aufgestanden bin, nicht weil ich mit dem linken Fuß aufgestanden bin. Nur weil Behandlung und Besserung in dieser Reihenfolge auftreten, ergibt sich noch kein kausaler Zusammenhang – so offensichtlich er uns auch vorkommen mag.

Für die Beantwortung der entscheidenden Frage, wer oder was tatsächlich gewirkt hat, ist es zum einen hilfreich, sich den typischen Verlauf der jeweiligen Erkrankung anzusehen. Zum anderen ist es aufschlussreich, die individuelle Vorgeschichte der Patienten zu betrachten. Bei den häufig auftretenden Infekten bei Kleinkindern entwickelt der Körper hohes Fieber, was zeigt, dass unser Immunsystem auf Hochtouren gegen die krank machenden Viren oder Bakterien kämpft (siehe dazu auch Seite 79 ff.). Fieber ist zunächst einmal ein gutes Zeichen dafür, dass unser Immunsystem funktioniert: Ein Krankheitserreger wurde identifiziert, und jetzt werden alle verfügbaren Abwehrkräfte mobilisiert. Erst wenn Fieber sehr hoch ist oder länger sehr hoch bleibt, wird der Zustand problematisch, denn unser Körper hält extreme Krankheitszustände nicht unbegrenzt aus. Also versucht er, die Temperatur wieder auf ein erträgliches Niveau herunterzuregulieren, sobald die Krankheitserreger bekämpft sind – dieses Phänomen der Selbstregulation, das typisch für viele Krankheitsverläufe ist, kann als Regression zur Mitte verstanden werden und lässt sich je nach Erkrankung auch an anderen Parametern beobachten, etwa beim Blutdruck. Gerade bei Kleinkindern, deren Immunsystem noch sehr dynamisch ist und viel dazulernt, ist es jedenfalls alles andere als ungewöhnlich, dass es zu einer schlagartigen Normalisierung der Körpertemperatur kommen kann. Das hat dann aber nichts mit den Globuli zu tun, sondern ist ein natürlicher Verlauf. Was bei Fieber in den meisten Fällen hilft, ist, viel zu trinken, zu beobachten und abzuwarten. Den schnellen Griff zu fiebersenkenden Mitteln braucht es meist nicht.

Der Faktor Zeit ist auch bei Neurodermitis ausschlaggebend, wenn man sich den natürlichen Krankheitsverlauf ansieht. Das heißt, den typischen Krankheitsverlauf gibt es gar nicht, denn Neurodermitis zählt zu den Krankheiten mit individuell sehr unterschiedlichen Verläufen. Meist treten Schübe auf, die hinsichtlich Dauer und Stärke sehr variieren können und oft keinen erkennbaren Grund haben. Die Krankheitsursachen sind komplex und noch nicht vollständig geklärt, fest steht aber, dass psychische Aspekte mit ausschlaggebend sein können. Neurodermitis ist von daher auch ein gutes Beispiel dafür, dass man mit einfachen Antworten oft nicht weit kommt. Etwa 90 Prozent der Betroffenen sind jünger als fünf Jahre, bei rund 60 Prozent tritt die Erkrankung sogar schon im ersten Lebensjahr auf. Auch wenn die einzelnen Verläufe sehr unterschiedlich aussehen, vermindern sich in den meisten Fällen die Symptome im Laufe der Jahre. Häufig verschwinden sie mit der Pubertät. Heilbar ist Neurodermitis nicht – das heißt, die Krankheit könnte zu einem späteren Zeitpunkt wieder ausbrechen –, aber 70 Prozent der Betroffenen gelten im Erwachsenenalter als beschwerdefrei. Dass sich bei dem erwähnten Mädchen die Symptome, insbesondere die Ekzeme und der Juckreiz, schließlich – nach Jahren! – besserten, ist nicht mit der Gabe des dritten homöopathischen Mittels zu erklären, sondern vielmehr mit der Zeit, die verging und eine natürliche Besserung ermöglichte.

Wie erklärt es sich nun aber, dass sich nach der Gabe von Globuli bei manchen Patienten mit hartnäckigen grippalen Infekten nicht nur deren Krankheitstage reduzieren, sondern auch die Häufigkeit der Erkrankungen? Hierbei ist oft ein Blick auf die individuelle Vorgeschichte erhellend. Die allermeisten Patienten kommen zum Homöopathen, nachdem sie es mehr oder weniger erfolglos mit der normalen Medizin versucht haben. Immer wieder hatte ich Patienten in meiner Praxis, bei denen zuvor viel zu häufig Antibiotika verschrieben wurden, was bei grippalen Infekten aus mehreren Gründen alles andere als sinnvoll sein kann. Ein grippaler Infekt kann durch Bakterien oder Viren ausgelöst werden. Im zweiten Fall sind Antibiotika wirkungslos. Nun könnte man sagen: Entweder es klappt oder es klappt eben nicht, wo ist das Problem? Das Dumme ist, dass nicht alle Bakterien in unserem Körper auch Krankheitserreger sind, viele sind sogar äußerst nützlich, für unser Immunsystem, für Verdauungsprozesse und vieles mehr. Einige Antibiotika machen aber leider keinen Unterschied zwischen nützlichen und gefährlichen Bakterien. Deshalb hat die allzu sorglose Gabe von Antibiotika einen gegenteiligen Effekt, wenn der grippale Infekt von Viren verursacht wurde. Bei falscher Einnahme können sie die bakterielle Abwehr schwächen, was die längere Krankheitsdauer und auch die erhöhte Anfälligkeit für Viren erklären könnte – darüber hinaus treibt es die zunehmenden Antibiotikaresistenzen voran, die bereits zu einem ernsthaften Gesundheitsrisiko geworden sind. Die Lösung könnte also wieder einmal – wie bei gut 80 Prozent aller Beschwerden, sofern sie nicht chronisch sind wie Bluthochdruck, Diabetes, Rheuma etc. – im Abwarten des natürlichen Krankheitsverlaufs liegen, in diesem Fall begünstigt keinesfalls durch wirkstofffreie Globuli, sondern durch das Weglassen von unsinnigen Medikamenten. (Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Bei einem durch Bakterien ausgelösten Infekt können gezielt eingesetzte und, am besten nach Erregerbestimmung, konsequent angewandte Antibiotika das Mittel der Wahl sein.)

Hinzu kommt, dass unser Immunsystem dazulernt und man nach einigen Infekten besser gewappnet ist für zukünftige ähnliche Erreger – dann werden wir weniger oft und schlimm krank, ganz ohne Homöopathie. Wer Kinder im Kindergarten- oder Kita-Alter hat, kennt diese Phase des »Dazulernens« nur zu gut – aber auch ihr natürliches Ende, wenn die Infektanfälligkeit sich bessert. Lebensverändernde Maßnahmen wie eine bessere Ernährung, mehr sportliche Aktivität oder eine andere Lebensgestaltung mögen ergänzend hinzukommen. Ein ganzheitlicher Blick wäre hier hilfreich, um festzustellen, was wirklich gewirkt hat.

Damit sind selbstverständlich längst nicht alle Spielarten des »Danach, aber nicht deswegen«-Irrtums aufgeführt, aber es dürfte klar geworden sein, dass es viele Faktoren gibt, die eine Behandlung wirksam erscheinen lassen, ohne dass ein kausaler Zusammenhang gegeben ist. Eine besondere Rolle hierbei spielt nicht zuletzt auch der berühmte Placeboeffekt, dem wir uns noch gesondert widmen (Seite 64 ff.). Um uns gedanklich auf die falsche Fährte zu begeben, reicht manchmal auch schon die simple Tatsache aus, dass wir eine Behandlung genau dann beginnen, wenn wir uns besonders elend fühlen. Tritt nun auch nur eine leichte Besserung ein, schreiben wir diese automatisch der letzten Behandlung zu, auch wenn wir gar nicht sagen können, wie es weitergegangen wäre, hätten wir nichts oder etwas anderes, womöglich etwas wesentlich Wirksameres unternommen.

»Ich bin mir sicher, es waren die Globuli«

Oft greifen bei der Gesundung auch mehrere ganz banale Maßnahmen ineinander, etwa mehr Bewegung, eine ausgewogenere Ernährung und ausreichend Schlaf. Jeder einzelne Faktor könnte eine Rolle spielen, und dennoch denken wir, einzig und allein die Globuli oder die Akupunktur seien verantwortlich gewesen. Wir müssen genauer hinsehen, um Zusammenhänge zu entdecken und Scheinkausalitäten zu entlarven. Sind wir aber erst einmal von einer Behandlung überzeugt, finden wir auf einmal überall die Bestätigung für deren Wirksamkeit. Und damit sind wir auch schon beim Bestätigungsfehler, dem sogenannten Confirmation bias. Der englische Begriff bias (Neigung, Vorliebe, Verzerrung) beschreibt das Phänomen in meinen Augen treffender als der leicht missverständliche Begriff Fehler. Bei all den hier erwähnten Denkfehlern – das möchte ich ausdrücklich betonen – geht es nicht um bewusstes Fehlverhalten oder gar persönliche Schuldfragen. Niemand soll hier an den Pranger gestellt werden. Nichtsdestotrotz hat es Konsequenzen, wenn wir diese Denkfehler begehen.