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Die Menschen, die sein Lächeln sahen, lebten nur selten noch lange genug, um es zu beschreiben.

Die junge Polizistin Louise Nightingale spielt den Lockvogel für einen Vergewaltiger. Die Aktion gelingt in letzter Sekunde; der Täter kommt hinter Gitter. Doch dann wird in ihre Wohnung eingebrochen, und sie erhält bedrohliche Mails von "Pandora"--Mit einem Bild ihrer eigenen, grausam zugerichteten Leiche ...

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Elizabeth Corley

CRESCENDO

Roman

Aus dem Englischen
von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Inhaltsübersicht

Über Elizabeth Corley

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PROLOG

Februar

Ein Jahr später

ERSTER TEIL

   Kapitel eins

   Kapitel zwei

   Kapitel drei

   Kapitel vier

   Kapitel fünf

   Kapitel sechs

   Kapitel sieben

   Kapitel acht

   Kapitel neun

   Kapitel zehn

   Kapitel elf

   Kapitel zwölf

TEIL ZWEI

   Kapitel dreizehn

   Kapitel vierzehn

   Kapitel fünfzehn

   Kapitel sechzehn

   Kapitel siebzehn

   Kapitel achtzehn

   Kapitel neunzehn

   Kapitel zwanzig

TEIL DREI

   Kapitel einundzwanzig

   Kapitel zweiundzwanzig

   Kapitel dreiundzwanzig

   Kapitel vierundzwanzig

   Kapitel fünfundzwanzig

   Kapitel sechsundzwanzig

   Kapitel siebenundzwanzig

   Kapitel achtundzwanzig

TEIL VIER

   Kapitel neunundzwanzig

   Kapitel dreißig

   Kapitel einunddreißig

   Kapitel zweiunddreißig

   Kapitel dreiunddreißig

   Kapitel vierunddreißig

Impressum

 

 

 

TEIL EINS

 

 

Ein Mann schämt sich nur selten dafür, dass er eine Frau nicht so recht lieben kann, wenn er eine gewisse Größe in ihr sieht: Die Natur hat Größe für die Männer vorgesehen.

George Eliot

 

 

Man kann mit dieser neuen Erfahrung sowohl im Weine als auch in der Frau eine Versuchung sehen. Man muss beiden Versuchungen widerstehen, und wenngleich man alle Frauen mit größter Höflichkeit behandeln sollte, ist doch jede Form von Vertraulichkeit zu meiden.

Horatio Herbert Earl Kitchener of Khartoum and Broome

 

 

 

TEIL ZWEI

 

 

Das Schicksal schrieb ihr eine erschütternde Tragödie, und sie spielte sie in Strumpfhosen.

Sir Max Beerbohm

 

 

Sanftheit, Fügsamkeit und eine schoßhundhafte Zuneigung werden unentwegt als die Kardinaltugenden der Frau empfohlen ... Sie wurde geschaffen, um dem Manne ein Spielzeug zu sein.

Mary Wollstonecraft

 

 

 

TEIL DREI

 

 

Warum nur musste auf dieses schöne Gewebe eines Frauenlebens, empfindlich wie Gaze und bislang nahezu weiß wie Schnee, solch ein grobes Muster gezeichnet werden wie jenes, das das Schicksal ihm zugemessen hatte ...

Thomas Hardy

 

 

Ein Mann hütet das Geheimnis eines anderen besser als sein eigenes, eine Frau dagegen hütet ihre eigenen Geheimnisse besser als die der anderen.

Jean de La Bruyère

 

 

 

TEIL VIER

 

 

Wenn eine Frau nicht fähig ist, zum Schutze des Mannes, den sie liebt, eine gute Lüge zu erfinden, hat sie die Bezeichnung Ehefrau nicht verdient.

Elbert Hubbard

 

 

Rachsucht erfüllt mein Herz, Tod meine Faust,
Blut und Verderben toben mir im Haupt.

William Shakespeare

Kapitel eins

»Und?«

Der Verteidiger beugte sich vor, die Nase ebenso spitz wie sein Tonfall, die Perücke in der Hitze seiner Attacke verrutscht. Nightingale bemühte sich um eine vernünftige Antwort, aber ihre Gedanken waren erstarrt. Das Einzige, woran sie sich erinnern konnte, war eine Bemerkung ihrer Mutter, als sie mal mit einer schlechten Note aus der Schule gekommen war: »Den Text vergessen, nicht zu fassen. Dein Bruder hätte uns nicht so blamiert.«

Die Erinnerung raubte ihr jedes Selbstvertrauen, und sie spürte, wie ihre Bluse unter dem Kostüm schweißnass wurde. Sie holte tief Luft und presste die Finger fest gegen das Holz des Zeugenstandes. Seit vierzig langen Minuten wurde sie ins Verhör genommen. Ihre Aussage war entscheidend, da die Staatsanwaltschaft ansonsten nur Indizienbeweise hatte. Sie sagte sich, dass sie sich einfach nur an die Wahrheit zu halten brauchte, ohne sich von dem rüden Ton des Mannes einschüchtern zu lassen.

»Wir warten, Sergeant.«

»Ja.« Sie hustete, als würde sie sich räuspern, und fixierte einen Punkt direkt über seiner rechten Schulter.

»Ja. Was?«

Nightingale straffte die Schultern, hoffte, dass es nicht aggressiv wirkte, sondern höflich, wie aus Respekt vor seiner Rolle. Sie wusste, wie sich erfolgreiche Zeugen verhielten: entschlossen, selbstsicher, aber nicht anmaßend. Sie war Polizeibeamtin, und die Geschworenen würden zuerst ihren Beruf und dann den Menschen sehen. Sämtliche Vorurteile, die sie mit in den Gerichtssaal gebracht hatten, würden sich auf die Interpretation von allem, was sie sagte, auswirken. Wenn sie als Kinder dazu erzogen worden waren, Vertrauen zur Polizei zu haben, dann würden sie ihr glauben wollen. Wenn sie Polizisten für korrupt und voreingenommen hielten, würde alles, was sie sagte, auf Skepsis stoßen. Für sie alle musste sie Louise Nightingale sein, die Opfer eines Vergewaltigungsversuchs geworden war.

»Könnten Sie Ihre Frage bitte wiederholen?« Ihre Stimme war wieder ruhig.

»Meine Frage lautete, wie Sie mit dem Angeklagten in Kontakt gekommen sind, und bisher haben Sie trotz der wiederholten Bitte um Präzisierung lediglich gesagt, Sie hätten auf eine E-Mail geantwortet, die dazu geführt habe, dass Sie Nachrichten in einem Chat-Room austauschten.«

»Das ist richtig. Wir haben uns im Internet über das Computerspiel THE GAME ausgetauscht.«

»Und wie ist es zu dem Kontakt gekommen?«

»Das habe ich schon mehrmals beantwortet, Sir.«

»Dann erzählen Sie es uns noch einmal.« Die Strategie des Verteidigers war es, der Polizei Anstiftung zu einer Straftat nachzuweisen, und wenn es ihm gelang, Nightingale bei ihrer Aussage aus dem Konzept zu bringen, könnte sie aufgehen.

Über THE GAME und dessen Spielregeln hatten bereits Experten von der Firma ausgesagt, die es erfunden hatte. Sie hatten es als harmlosen Spaß dargestellt, eine Herausforderung für Geschicklichkeit und schnelles Denken. Aber jedes der Vergewaltigungsopfer hatte es gespielt. Als andere Spuren kein Ergebnis gebracht hatten, hatte die Polizei schließlich THE GAME als mögliche Verbindung zu dem Täter genauer unter die Lupe genommen.

»Der Leiter der Ermittlungen hatte Grund zu der Annahme, dass alle Opfer einer Vergewaltigungsserie an einem Online-Spiel namens THE GAME teilgenommen hatten. Es gibt etliche Websites und Chat-Rooms, die sich mit dem Spiel befassen.«

»Und Sie haben einen dieser Chat-Rooms in der erklärten Absicht betreten, den Angeklagten zu einem Nachrichtenaustausch zu ködern, den Sie, Sergeant, zunehmend belastender und zügelloser gestalteten!« Spucketröpfchen flogen von seiner Zunge, und er betupfte sich den Mund.

»Einspruch!« Der Staatsanwalt war aufgesprungen. Reginald Stringer war ein unnachgiebiger Verteidiger, dem eine ausgeprägte Abneigung gegen Polizeizeugen nachgesagt wurde. Der Richter gab dem Einspruch statt, und Nightingale beantwortete eine neu formulierte Frage.

»Um in gewisse Chat-Rooms zu gelangen, benötigt man die vollständige Webadresse und ein Passwort. Ich wurde von dem Angeklagten in diesen speziellen Chat-Room eingeladen.«

Nightingale fühlte sich jetzt sicherer. Die Polizei hatte drei Computerexperten, die alle die E-Mail-Korrespondenz zwischen ihr, dem Angeklagten und dem Chat-Room bestätigt hatten.

»Erzählen Sie uns von den Figuren, die in THE GAME vorkommen.«

Nightingale zeigte auf die Brettversion des Spiels auf dem Tisch mit den Beweismitteln. Es war eins von etlichen Nebenprodukten des Originalcomputerspiels, das die noch jugendlichen Erfinder zu Multimillionären gemacht hatte. Der Film dazu sollte in einem Jahr herauskommen.

»Es gibt sechs Hauptfiguren und zahllose Nebenfiguren. Einige Kombattanten …«

»Kombattanten?«

»Spieler – sie nennen sich Kombattanten.«

»Und welche ›Kombattantin‹ waren Sie, Sergeant?«

»Artemesia 30055.«

»Artemesia geht auf die griechische Göttin Artemis zurück – die Jägerin – nicht wahr? Sehr passend, wenn man bedenkt, was Sie vorhatten.«

»Einspruch.«

»Stattgegeben.«

»Und die Zahl, was hat es damit auf sich?«

»Ich war die dreißigtausendfünfundfünfzigste Person, die bei THE GAME mitmachte, als Artemesia. Das wurde mein Codename. Sie gehört zu den weniger beliebten Figuren, da sie nicht so viel offensichtliche Kraft hat.«

»Also, Artemesia 30055, wie haben Sie den Angeklagten kennen gelernt?« Stringer lächelte über seinen Scherzversuch, aber Nightingale ließ sich nicht täuschen.

Es wäre ihr lieber gewesen, mit Sergeant angesprochen zu werden. Wenn er sich auf die Spielfigur konzentrierte, würde er unweigerlich die dunkle Seite der Jägerin hervorheben. Sie war eine Spielerin, die Stärke und neue Kräfte erlangte, wenn sie Dämonen und Trolle aufspürte und tötete. Die beiden anderen weiblichen Figuren – eine Heilerin und eine Hexe – hatten mit weniger aggressiven Taktiken Erfolg. Nightingale war eine außergewöhnliche Artemesia gewesen, die rasch durch die Ranglisten aufstieg. Genau deshalb war der Angeklagte auf sie aufmerksam geworden. Er hatte den Dämonenkönig gespielt, die schwierigste und gefährlichste Rolle, aber die mit den besten Möglichkeiten, Punkte zu sammeln. Sie blickte jetzt zu ihm hinüber, ein straßenköterblonder Mann in den Zwanzigern. Kaum jemand, der einem in einer Menschenmenge auffallen würde.

»Sergeant, wir warten.«

»Ich lernte den Angeklagten in dem Chat-Room kennen. Er nannte sich Dämonenkönig 666. Er hatte es irgendwie geschafft, die automatische Nummerierung zu umgehen, und sich eine Wunschnummer gegeben – die Zahl des Teufels. Er galt als Experte für THE GAME. Nicht nur für seine eigene Rolle, sondern auch für andere. Der Dämonenkönig ist das Ziel für alle anderen. Wer ihn fängt oder tötet, ist automatisch Sieger mit der höchsten Punktzahl. Dämonenkönig 666 hatte noch nie verloren. Er galt als unbesiegbar.«

Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie der Angeklagte sich bewegte. Er starrte sie an und lächelte. Nightingale fröstelte. Trotz seiner Lage genoss er den Dialog über THE GAME und seine Überlegenheit darin. Das war einer der Gründe, warum sie im Chat-Room so leicht mit ihm ins Plaudern gekommen war. Je erfolgreicher sie in dem Spiel wurde, desto mehr Aufmerksamkeit schenkte er ihr.

»Dämonenkönig 666 war sehr clever. Die meiste Zeit gab er irreführende Informationen heraus. Schließlich hatten viele von den Leuten, die Tipps von ihm erhielten, den Wunsch, ihn in einer zukünftigen Partie zu töten. Aber er wollte auch, dass andere Dämonenkönige getötet wurden, um seine Führungsposition zu sichern, deshalb lieferte er auch echte Hinweise, damit die Leute ihn um weitere baten.«

»Sie eingeschlossen?«

»Nein, ich habe ihn nie direkt um Rat gebeten. Dadurch hätte ich zu viel über meine eigene Taktik verraten können. Ich habe die öffentlichen Dialoge verfolgt, hier und da einen Kommentar beigesteuert. Er hat zuerst eine persönliche Nachricht an mich geschickt, nicht umgekehrt.«

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie sich darauf verlassen haben, dass er den Anfang macht.«

»Aber so war es. Das beweisen sämtliche Aufzeichnungen.« Sie unterdrückte ein abschätziges Lächeln. Natürlich war er auf sie zugekommen, sie hatte sich unwiderstehlich gemacht, indem sie gewann und sich still und leise verhielt. Reine Geduldssache.

Nightingale warf einen Blick zur Uhr auf der gegenüberliegenden Wand. Sie war jetzt seit fast einer Stunde im Zeugenstand und bereute es, dass sie die ganze Nacht kein Auge zugetan und auch nicht gefrühstückt hatte. Die Verteidigung hätte keinen besseren Zeitpunkt finden können. Draußen war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich sonniger Tag. Die Fenster gingen nach Osten und wurden von Säulen aus geschnitztem Eichenholz umrahmt, die zu den schweren Möbeln im Saal passten. Die englische Klimaanlage, die es nicht gewohnt war, mit richtiger Hitze fertig zu werden, zeigte erste Anzeichen von Schwäche. London im April war nun mal normalerweise nicht warm. Erste gelbe Lichtstrahlen wanderten jetzt allmählich über den blauen Teppichboden zum Zeugenstand. Die Tische von Verteidigung und Anklagevertretung standen ein Stück weiter hinten, in der relativen Behaglichkeit des Schattens, aber Nightingale würde bald voll von der Sonne beschienen werden.

»Könnte ich bitte etwas Wasser haben?«

Der Richter hatte Mitleid, und man brachte ihr einen Plastikbecher mit lauwarmem Leitungswasser. Sie nippte daran und fuhr mit ihrer Aussage fort. Das meiste wusste sie auswendig, aber sie schaute trotzdem in ihren Notizen nach, um die Geschworenen daran zu erinnern, dass sie eine Polizistin war, die Ermittlungsarbeit geleistet hatte, keine passionierte Computerspielerin.

Die Sonne erreichte sie. Es gab eine kurze Unterbrechung, als der Richter um einen erneuten Versuch bat, die Jalousien herunterzulassen, aber sie blieben weiter störrisch auf Halbmast.

»Sie dürfen Ihren Blazer ausziehen, wenn Sie möchten, Sergeant«, sagte er rücksichtsvoll.

Selbst ohne Blazer wurden ihr die Haare im Nacken zuerst klamm, dann nass. Von Zeit zu Zeit dröhnte die Klimaanlage los und schien sich doppelt anzustrengen, um den Saal zu kühlen, erreichte aber lediglich, dass Verteidiger und Zeugin bei dem Lärm lauter sprechen mussten. Nightingale verlor allmählich die Stimme.

Stringer dagegen blühte in der Hitze förmlich auf. Sein Gesicht war rosa und glänzend, aber seine Sprachgewalt nahm stetig zu. Es war, als könnte er ihre wachsende Schwäche spüren. Über den Boden krochen Schattenstreifen von der Kolonnade pseudogriechischer Säulen, die draußen dem Sonnenlicht trotzten, und lenkten Nightingale ab. Sie hatte Halsschmerzen und der Kopf tat ihr weh. Stringer versuchte erneut, sie als skrupellose Jägerin einer unschuldigen Beute darzustellen. Sie bekämpfte ihn mit jedem ruhigen, überlegten Satz oder mit leichtem Kopfschütteln, ihr Temperament fest im Zaum haltend. Die ganze Zeit hoffte sie, dass der Richter und die Geschworenen die Wahrheit erkannten, dass nämlich sie die Gejagte gewesen war. Ein Schweißtropfen lief ihr von der Stirn und brannte ihr im linken Auge.

»Kommen Sie, Sergeant. Wir können nicht den ganzen Tag auf Ihre Antwort warten.«

»Es … Es tut mir Leid. Könnten Sie die Frage wiederholen?«

»Was?« Seine Stimme hallte in ihrem Kopf wider, lauter als die Klimaanlage.

»Ich sagte«, sie schluckte trocken, ihr Mund wie ausgedörrt, »könnten Sie die Frage bitte wiederholen?«

Sie legte die Finger an die Wange, überrascht, wie heiß sie sich anfühlte. Es beunruhigte sie, und sie legte ihre freie Hand auf das heiße Holz des Zeugenstandes. Schwarze Punkte erschienen vor ihren Augen.

»… gesagt, dass Sie … was schwer zu glauben ist, wenn man bedenkt …« Seine Stimme wurde immer wieder lauter und leiser. Sie blinzelte erneut und versuchte sich zu konzentrieren, aber die schwarzen Punkte wurden größer. Irgendwo sprach der Richter.

»… den Eindruck, Sergeant Nightingale fühlt sich ein wenig matt.«

»Nein, mir geht’s gut«, sagte sie und kippte prompt nach vorn, um von zwei Händen aufgefangen zu werden.

Als das Blut ihr in den Kopf strömte, wurde ihre Sicht klar, und sie konnte wieder hören. Sie trank das Wasser, das ihr gereicht wurde, und stand langsam auf, stützte sich schwer auf den Zeugenstand.

»Ist alles in Ordnung, Sergeant?«

»Ja, das kommt bloß von der Hitze. Es tut mir Leid. Könnte ich mich wohl ein paar Minuten irgendwo hinsetzen, wo es kühler ist?«

Draußen im Korridor umarmte der Staatsanwalt sie kurz.

»Das ist mir so peinlich, ich …«

»Das war genial. Die Verletzlichkeitsnummer, das hat die Geschworenen dran erinnert, dass Sie eine Frau sind. Phantastisch! Hervorragender Schachzug.«

Nightingale setzte sich völlig verdattert hin. Wofür hielt er sie? Glaubte er, sie sei imstande, sich in Ausübung ihrer Pflicht wie eine Maschine zu verhalten, egal um welchen persönlichen Preis? Ihre Therapeutin hatte ihr geraten, sich nicht zwingen zu lassen, als Zeugin auszusagen. Die Frau hatte Recht mit der Annahme, dass der Vergewaltigungsversuch bei ihr ein schweres Trauma ausgelöst hatte, das nur wenig mit den körperlichen Verletzungen selbst zu tun hatte. Traumatisch war die Erinnerung an ihre Hilflosigkeit, an seine Kraft und das Gewicht seines Körpers auf ihrem, seine grapschenden Finger, die sie berührten. Das bereitete ihr das größte Entsetzen. Sie fühlte sich besudelt und wertlos, aber sie hatte sich dazu bewegen lassen auszusagen, das Ganze noch einmal zu durchleben, und das Vertrauen, das in sie gesetzt worden war, hatte sich bislang als berechtigt erwiesen.

»Können wir weitermachen?«

»Ich glaube nicht. Ich bin sehr zittrig. Können wir das nicht auf morgen vertagen?«

Sie fühlte sich in der Falle. Der Korridor war so stickig wie der Gerichtssaal. Die Sonne brannte durch die schmutzigen Fenster, grell zwischen den dunklen Schattenstreifen. Sie rutschte ein Stück zur Seite ins Dunkle und lehnte den Kopf gegen die Wand, die Augen geschlossen. Um sie herum und über ihr wurden Stimmen laut, die sie überreden wollten weiterzumachen. Wenn die Verteidigung Zeit hatte, ihre Taktik neu zu überdenken, könnte die Anklage ihren Vorteil einbüßen. Sie kapitulierte und hievte sich hoch. Als sie den Gerichtssaal betrat, fingen ihre Knie an zu zittern, und ihr wurde schwindelig. Das waren nur die Nerven, beruhigte sie sich, keine Vorwarnung.

Sie riskierte einen Blick zu den Zuschauerbänken. Ihr Bruder saß dort neben einem sonnengebräunten Fremden mit seltsam strahlenden Augen. Die beiden lächelten sie an, und sie atmete tief durch.

»Sergeant?«

Stringer hatte ihren abschweifenden Blick bemerkt und hob ungeduldig eine Augenbraue, tat alles, um ihr Selbstvertrauen zu untergraben. Wenn er nur wüsste, wie wenig ihr davon noch geblieben war! Aber ihr Kostüm und das sorgfältige Make-up boten ein vollendetes, professionelles Bild. Undurchlässige Tarnung.

»Kommen wir auf den Abend des zwölften Februar letzten Jahres zu sprechen. Der Abend, an dem der Angeklagte Sie angegriffen hat, wie die Anklage behauptet.«

»Der Abend, an dem er versucht hat, mich zu vergewaltigen.« Stringer schnaubte. »Ja, Sir, daran erinnere ich mich gut.«

»Dann schildern Sie uns doch bitte Ihre Version der Ereignisse.«

Nightingale holte tief Luft. Ihr Mund war trocken. Die gesamte Feuchtigkeit ihres Körper schien sich in kühlen Lachen um den Rockbund und unter ihren Armen gesammelt zu haben.

»Es war das zweite Mal, dass der Angeklagte sich mit mir treffen wollte. Bei der ersten Verabredung war er nicht gekommen, doch seit jenem Abend hatte ich das Gefühl, dass mich jemand verfolgt.«

»Ein ›Gefühl‹, Sergeant, ist kein Beweis, wie Sie wohl wissen, und die Fakten sind nun mal die, dass der Angeklagte trotz eines beachtlichen Polizeiaufgebots nicht dabei gesehen wurde, Sie verfolgt zu haben. Ist das richtig?«

»Ja, Sir.« Sie widerstand dem Wunsch, den Geschworenen zu erzählen, dass ihr Auto beschädigt und ihr Müll durchwühlt worden war. Das alles war in den fünf Tagen zwischen der ersten und zweiten Verabredung passiert, aber da keine Spuren von dem Angeklagten gefunden worden waren, handelte es sich um reine Spekulation.

»Am zwölften Februar machte ich mich auf den Weg zu dem Treffpunkt, den der Angeklagte mit mir vereinbart hatte, am Musikpavillon im Harlden Park, wo ich mit drei Minuten Verspätung um siebzehn Uhr dreiunddreißig eintraf. Ich wartete bis achtzehn Uhr fünfzehn und wollte dann zurück zu meinem Wagen. Ich musste durch den Rosengarten und über einen Weg, der zwischen Rhododendronbüschen hindurchführte.«

»Wieso sind Sie nicht einen besser beleuchteten Weg gegangen? Es war schließlich dunkel.«

»Dann hätte ich fünfzehn statt fünf Minuten gebraucht, und der Weg ist normalerweise gut beleuchtet.«

»Fahren Sie fort.«

»Als ich an dem Gebüsch vorbeikam, hörte ich ein Geräusch irgendwo aus den Sträuchern und sah mich deshalb nach einem anderen Weg um. Da es keinen gab, ging ich weiter.«

»Sie stellen es so dar, als wären Sie allein gewesen, doch in Wahrheit wimmelte es überall von Polizei, und Sie trugen ein Mikro, nicht wahr?«

»Ich trug ein Mikro. Doch der Treffpunkt am Musikpavillon war insofern problematisch, als die mich beschattenden Beamten am Rand des Parks bleiben mussten. Zwei posierten als Liebespärchen, und drei weitere spielten Fußball auf der Wiese, aber als es dämmerte, mussten sie gehen. Vier weitere Kollegen waren auf dem Parkplatz, zwei auf Bänken im Rosengarten – sie waren am nächsten – und alle übrigen hielten sich in einem mehr oder weniger weiten Umkreis auf.«

Sie spürte ein ganz leichtes Zittern in der Kehle. Trotz ihrer Therapie kam jetzt der schwierigste Teil der Aussage. Erinnerungen an den Angriff holten sie im Schlaf ein, lösten lebhafte Albträume aus, in die sich Bilder von seinen anderen Opfern mischten. Sie verlor den roten Faden und wartete auf die nächste Frage.

»Sie haben eine auffällige Ähnlichkeit mit den Opfern der Angriffe, die Sie als Polizistin untersuchten. Hat Sie das besonders beunruhigt?«

»Nein.«

Nightingale spürte, dass er seine Taktik änderte. Vielleicht war Stringer nicht sicher, ob er die Geschworenen davon überzeugen konnte, dass die Polizei seinen Mandanten mit THE GAME zu einer Straftat anstiften wollte, deshalb würde er jetzt ihre Darstellung der versuchten Vergewaltigung in Zweifel ziehen. Vor diesem Augenblick graute ihr. Abgesehen von dem Polizeibericht über den Überfall auf sie und den Spuren, die unter ihren Fingernägeln gefunden worden waren, gab es keinerlei Sachbeweise. Der Vergewaltiger hatte an seinen Opfern niemals Sperma, Speichel oder auch nur ein Haar hinterlassen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung, die wie geleckt gewesen war, hatte die Spurensicherung weder Fingerabdrücke noch irgendetwas gefunden, das ihn mit den Straftaten in Verbindung gebracht hätte. Angesichts der schlechten Beweislage hatte die Staatsanwaltschaft beschlossen, die Anklage auf drei Vergewaltigungen zu konzentrieren, die nach der gleichen Methode abgelaufen waren wie der Angriff auf Nightingale. Vier weitere, einschließlich einer, bei der das Opfer zu Tode gekommen war, waren vorläufig auf Eis gelegt worden. In diesen Fällen waren die Frauen bei sich zu Hause, nicht im Freien, überfallen worden, und keine von ihnen hatte den Angeklagten bei einer polizeilichen Gegenüberstellung wiedererkannt.

»Kommen wir auf den ›Angriff‹ zu sprechen, bei dem der Angeklagte übrigens nicht unerhebliche Verletzungen davongetragen hat. Ist es richtig, dass Sie auf den Angeklagten zugegangen sind und ihn zu einer Umarmung ermuntert haben, um ihn dann mit körperlicher Gewalt zurückzuweisen?«

»Nein, das ist nicht richtig.«

»Treiben Sie regelmäßig Sport?«

»Wie bitte?« Sie war perplex über die Frage. Er wiederholte sie knapp.

»Ich jogge.«

»Haben Sie Selbstverteidigungskurse besucht?«

»Nur im Rahmen der Polizeiausbildung.«

»Aber Sie sind fit und kräftig, nicht wahr? Durchaus imstande, es mit einem Mann im Kampf aufzunehmen.«

Er versuchte, sie zu provozieren, und wenn sie emotional reagierte, würde er das zu seinem Vorteil ausnutzen. Der Gedanke machte sie wütend, aber dadurch wurde ihr Verstand geschärft und jedes aufwallende Gefühl unter die Oberfläche gedrängt.

»Ich habe den Angeklagten nicht angegriffen. Er hat mich angesprungen und zu Boden gerissen. Es gibt Beweise dafür, dass er mir in den Büschen aufgelauert hat.«

»Wie groß sind Sie?«

»Einen Meter achtundsiebzig.«

»Wie viel wiegen Sie?«

»Das weiß ich wirklich nicht.«

»Ach, kommen Sie, Sergeant, alle Frauen kennen ihr Gewicht bis aufs Gramm genau.«

»Ich nicht.«

»Verstehe.« In seinem Tonfall schwang mit, dass sie der Frage ausweichen wollte.

»Würden Sie den Angeklagten bitte anschauen.«

Nightingale leckte sich die trockenen Lippen. Sie hatte seinen Blick die ganze Zeit gemieden. Mit einer leichten Drehung des Kopfes richtete sie die Augen auf die Brust des Angeklagten. Sein Kinn und sein Mund waren genau am oberen Rand ihres Gesichtsfeldes, und sie senkte den Blick noch ein wenig.

»Wie groß würden Sie ihn schätzen?«

Riesengroß, dachte sie. »Ich weiß nicht.«

Wieder ein ungehaltenes Seufzen.

»Er ist einen Meter fünfundsiebzig, kleiner als Sie.« Er machte eine bedeutungsschwangere Pause. »Wohl kaum ein unbezwingbarer Gegner für eine durchtrainierte, groß gewachsene Frau wie Sie.«

»Wenn man auf dem Boden liegt, mit einem Messer an der Kehle, sehen alle Männer groß aus … Sir.« Einige Frauen auf der Geschworenenbank nickten verständnisvoll, und Nightingale nutzte ihren Vorteil weiter aus. »Und ich befand mich nicht gerade in einem geeigneten Zustand, um ihn anzugreifen. Ich hatte eine Gehirnerschütterung – die Röntgenbilder zeigen eine schwere Prellung an meinem Hinterkopf«, sie spürte wieder das Knacken im Kopf, als sie auf die Steine aufgeschlagen war, »ein verstauchtes Handgelenk und eine ausgekugelte Schulter, Blutergüsse im Gesicht und an den Oberschenkeln«, er war beängstigend stark gewesen, »und ich musste mir zwei Zähne überkronen lassen.«

»Das sagen Sie, Sergeant, aber woher sollen die Geschworenen wissen, dass Sie sich die Verletzungen nicht selbst zugezogen haben oder dass sie Ihnen nicht von Ihren Kollegen zugefügt wurden, um Beweise gegen meinen Mandanten zu fingieren?«

Seine Gefühllosigkeit ließ sie nach Luft schnappen, und entsetzt merkte sie, dass ihr Tränen in die Augen schössen, doch als sie einen Blick zum Tisch der Anklagevertretung riskierte, sah sie verstohlen lächelnde Münder. Verwirrt schaute sie zu den Geschworenen hinüber. Fünf Frauen, sieben Männer; alle blickten schockiert, eine unverhohlen wütend. Stringer hatte sich verrechnet.

»Entschuldigen Sie«, flüsterte sie und nahm zittrig einen Schluck Wasser.

»Geht es Ihnen gut?« Der Richter beugte sich besorgt vor. »Ich bin sicher«, sagte er mit einem viel sagenden Blick zu Stringer, »dass die Befragung sich dem Ende zuneigt.«

Und tatsächlich. Der Verteidiger stellte noch ein paar Fragen, aber seine Attacken waren nicht mehr ganz so vehement. Nach zehn Minuten verließ Nightingale den Zeugenstand, und der Richter unterbrach die Sitzung für die Mittagspause.

Auf der Fahrt nach Hause fielen ihr die Lobesworte des Staatsanwalts wieder ein, aber sie bedeuteten ihr nichts. Sie war bedrückt, weil sie ab und zu gezögert oder eine schwache Antwort gegeben hatte, und war der festen Überzeugung, dass sie die Befragung besser hätte bewältigen müssen.

In der obersten Etage, mit Blick über die Bäume, steckte Nightingale den Schlüssel in das solide Sicherheitsschloss und war endlich zu Hause. In ihren eigenen vier Wänden. Der einzige kleine Segen, den ihr der Tod ihrer Eltern beschert hatte, war finanzielle Unabhängigkeit. Sie hatten ihr keine Reichtümer hinterlassen, aber wegen Geld musste sie sich keine Sorgen mehr machen. Sie hob eine Hand, um eine Fliege zu verscheuchen, und wischte die unerfreuliche Realität beiseite, dass sie aus dem Verlust ihrer Eltern einen Vorteil zog. Der Gedanke machte ihr ein schlechtes Gewissen, und sie bekam Magenschmerzen.

Ein Lämpchen blinkte an ihrem Anrufbeantworter: drei Nachrichten. Eine von ihrem Bruder, der sich genauso anhörte wie ihr Vater.

»Komm uns doch am Wochenende besuchen. Ich habe zur Abwechslung mal Sonntag und Montag frei.« Mit seinen siebenundzwanzig Jahren war er jetzt Assistenzarzt und wollte sich später auf Orthopädie spezialisieren.

Sie schüttelte den Kopf. Er war jetzt alles, was von ihrer Familie noch übrig war, aber es deprimierte sie immer, wenn sie bei Simon und seiner Frau Naomi war. Sie lebten in einer Welt voller häuslicher Glückseligkeit, und Nightingale kam sich vor wie von einem anderen Stern, wenn sie die beiden besuchte. Außerdem sagten sie hartnäckig Diane zu ihr, der Name, den ihre Mutter für sie ausgesucht hatte, obwohl sie sich schon seit Anfang der höheren Schule nur noch mit ihrem zweiten Vornamen anreden ließ.

Das Lämpchen für neue Nachrichten blinkte noch immer. Sie riss sich aus den Erinnerungen an Streitereien in ihrer Kindheit und drückte die Taste erneut, um die nächste Nachricht abzuhören. Nur Schweigen und schweres Atmen. Bei der dritten Nachricht genauso. Sie löschte beide und verfluchte den Perversling, der sich ausgerechnet ihre Nummer herausgepickt hatte.

Kapitel zwei

Der Häftling strich die drei Tage alte Zeitung glatt und faltete scharfe Knicke um den gewünschten Artikel herum, ehe er mit einem Ruck an der Seite riss. Das billige Papier teilte sich fügsam, und er wiederholte die Bewegung, bis er den Text komplett herausgelöst hatte, was ihm einen zufriedenen Seufzer entlockte. Scheren waren nicht erlaubt. Er galt aufgrund seiner langen Gefängnisstrafe und wegen der Ergebnisse eines psychiatrischen Gutachtens als potenzieller Selbstmörder.

Sein Psychiater hatte ihm, als er auch nur andeutungsweise Interesse an der Presseberichterstattung über seine Taten bekundete, gleich vorgeschlagen, sich ein Album mit Zeitungsausschnitten anzulegen. Manche der lächerlichen Theorien hinsichtlich seines Tatmotivs fand er äußerst amüsant. Er wurde als gefährlich und unberechenbar dargestellt, als ein Mann, von dem man sich tunlichst fernhielt. Das hatte ihm unter seinen Mitgefangenen einen gewissen Ruf eingebracht, obwohl es für einen Vergewaltiger im Knast nicht ungefährlich war. Er wurde zwar gehasst, wie alle Sexualtäter, aber es griff ihn niemand mehr an. Der Letzte, der es getan hatte, lag noch immer auf der Krankenstation, was den anderen als Warnung diente. Dafür schikanierten ihn jedoch die Aufseher, und die Mithäftlinge schauten absichtlich weg.

Er hatte alles gesammelt, was über den Prozess in der Zeitung stand, doch die Berichterstattung war inzwischen fast völlig versiegt, und die Erkenntnis, Schnee von gestern zu sein, deprimierte ihn fast genauso wie seine Haft. Wie konnte er seinen Anspruch auf Berufung begründen? Er legte den ausgerissenen Zeitungsartikel auf eine Seite des Albums, neben etwas, das er selbst geschrieben hatte. Seine Kommentare und Bemerkungen über das Leben halfen ihm, die dunkle Seite fern zu halten. Während er die Ränder des neuesten Zeitungsausschnitts mit ungiftigem Kleber betupfte, überlegte er, was er als Nächstes tun würde. Er hatte erst wenige Wochen seiner Haftstrafe abgesessen und machte schon Pläne. Nicht so wie die anderen hier im Knast. Vielleicht würde es ihm schneller zu einer Berufung verhelfen, wenn er in die Kirche eintrat? Ein bekehrter Christ kam immer gut an.

Er probte ganze Gespräche im Kopf. Einmal war er fast zu Tränen gerührt. Er war unglaublich geschickt darin, in andere Rollen zu schlüpfen, deshalb war er bei THE GAME auch unschlagbar gewesen, aber hier durfte er nicht mal in die Nähe eines Computers. Einer von den Aufsehern hatte ihm versichert, dass er sich das für alle Zeit abschminken könne. Er wusste aus der Zeitung, dass es Websites über ihn gab. Manche waren übel, diffamierend, stammten von rachsüchtigen Angehörigen und Freunden der Opfer. Das ließ ihn kalt. Die Website, die ihn interessierte, war die, die seine »Verbrechen« kritisch betrachtete und seine Unschuld beteuerte. Er erkannte den Stil.

Plötzlich ging seine Zellentür auf, und er blickte verwirrt auf die Uhr. Das war ungewöhnlich. Als er Saunders’ grinsendes Gesicht sah, bekam er Angst und hoffte, dass sie ihm nicht anzumerken war.

»Besuch. Los, beweg deinen Arsch.« Der Aufseher trat ihm fest ins Gesäß, weckte alte Prellungen zu neuem Leben. Er war einer der schlimmsten Schläger, und seine Kollegen blickten weg, wenn Saunders dem Häftling 35602K seine besondere Aufmerksamkeit widmete.

Er ging in den Besucherraum und blickte sich um, musterte die Anwesenden fragend, bis Saunders ihn von hinten anschubste. Die Tische standen so, dass die Aufseher zwischen ihnen hindurchschlendern konnten, und die wackeligen orangeroten Plastikstühle waren am Boden verschraubt.

Die Anwesenheit anderer Insassen und die neugierigen Blicke ihrer Gäste beunruhigten ihn. Saunders bugsierte ihn zu dem leeren Stuhl am Ende der Reihe, gegenüber von einem großen Mann in einem schicken Jackett, der sich gerade bückte, als würde er sich einen Schuh zubinden. Er bemühte sich, sein rasches Blinzeln zu kontrollieren, und straffte die Schultern, obwohl er sich seines ungeschützten Rückens durchaus bewusst war. Sein geheimnisvoller Besucher richtete sich auf. Die Form des Kopfes und die Linie des Kinns waren ihm so vertraut wie seine eigenen. Sein Herz machte einen Sprung, und vor Aufregung hatte er plötzlich einen Kloß im Hals. Seit kurz vor seiner Verhaftung hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen. Er war so nervös, dass er über die eigenen Füße stolperte, als er auf den leeren Stuhl zueilte.

»Du hättest nicht kommen sollen! Ausgerechnet … hierher.« Der Mann, der ihm gegenübersaß, betrachtete ihn schweigend mit Augen, die die Farbe von arktischem Eis hatten. »Du passt nicht hierhin. Das ist unter deiner Würde.«

»Unter deiner auch, trotzdem bist du hier.« Die unausgesprochene Kritik war klar, trotz des sorgsam beherrschten Tons.

»Ich hab dich enttäuscht. Ich hatte keine Ahnung, dass sie der letzte Dreck ist.«

»Du hast die Regeln gebrochen.«

»Ich … ich wollte mich richtig mit ihr treffen.«

»Blödsinn.« Sein Besucher blickte angewidert weg. »Du warst faul, gib’s zu.«

»Ich war faul.«

»Sag es noch einmal.«

»Ich war faul.«

»Ich war blöd, sag es.«

»Ich war blöd. Hör mal, D …«

»Keine Namen. Bist du ein Vollidiot?«

»Tschuldigung.« Griffiths ließ den Kopf hängen, wagte nicht, noch etwas zu sagen, ehe er nicht dazu aufgefordert wurde.

»Ich war im Gerichtssaal, jeden Tag.«

»Ich hab dich gesehen. Danke, dass du wegen mir gekommen bist.«

Der Mann erwiderte nichts darauf, sondern setzte ein Lächeln auf, das Griffiths zusammenzucken ließ.

»Bis zum Schluss habe ich gedacht, du gewinnst. Die Aussage der Polizistin war eine Farce. Sie hätte gar nicht zugelassen werden dürfen.«

»Ohne die wäre ich jetzt nicht hier. Ich habe keine Fehler gemacht.« Sein Ton klang flehentlich. »Ich hab mich doch bloß ein zweites Mal mit ihr verabredet.«

»Aber das war gegen die Regeln. Du weißt, was passiert, wenn du dich zu sehr auf jemanden einlässt. Du hast das schon mal gemacht, aber da konnte ich dir aus dem Schlamassel raushelfen, den du dir eingebrockt hattest. Weißt du noch?«

»Es war unfair. Sie hat mich in eine Falle gelockt.«

»Ich weiß, sehr unangenehm. Nach der ganzen Mühe, die ich mir mit dir gemacht habe, wäre es ein Jammer, wenn das alles … für die Katz gewesen wäre.«

»Was willst du mit ihr machen?«

»Keine Sorge. Ich erledige das auf meine Art.«

»Sobald ich wieder draußen bin, tue ich alles, was du willst, und ich schwöre, ab jetzt halte ich mich an die Regeln.«

»Wir werden sehen.«

Griffiths spürte sein Ego förmlich schrumpfen. Ein einziger Blick aus diesen Augen konnte ihn vernichten. Wenn der Mann ihm gegenüber ihn befreien wollte, dann bestand Hoffnung, aber er musste ihn überzeugen, dass er die Mühe wert war. Ein Aufseher kam zu ihnen, starrte sie eindringlich an und ging langsam weiter.

»Wer war das?«

»Saunders, ein sadistisches Schwein. Einer von den Schlimmsten. Er ist brutal, und auf mich hat er es besonders abgesehen.«

Mit einem unergründlichen Ausdruck folgten die Augen des Besuchers dem Aufseher durch den Raum.

»Macht er dir das Leben schwer?«

»Ständig.«

»Er kann mit dir nicht umspringen, wie er will. Ich mag es nicht, wenn Leute mit schwacher Persönlichkeit sich Jobs suchen, über die sie ihre Autorität beziehen. Saunders heißt er? Ich nehme an, er wohnt hier in der Gegend.« Der Besucher musterte den Wärter.

Griffiths umklammerte den Tisch.

»Ich halt das hier nicht aus. Ich muss raus.« In seiner Stimme schwang ein panischer Unterton mit.

»Vorsicht. Du darfst keine Schwäche zeigen. Ich arbeite dran, keine Sorge.«

»Du denkst an Aus–?« Der Besucher hob eine Hand, und Griffiths verstummte.

»Unmöglich, aber eine Berufung … das ist wesentlich viel versprechender.»

»Aber das dauert Jahre, und mein Anwalt sagt, die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig … höchstens.«

»Hab Vertrauen. Mal angenommen, es gäbe neue Entwicklungen, dann könnten sich deine Chancen beträchtlich erhöhen. Überlass das nur mir, ich werde die Öffentlichkeit bald davon überzeugen, dass die Polizei den Falschen erwischt hat.«

»Und wie erfahre ich, was läuft?«

»Weißt du noch, wie wir in der Schule unsere Nachrichten verschlüsselt haben? Ich werde dir Bücher schicken, aber du musst Geduld haben. Es kann dauern.« Er blickte zu Saunders hinüber und lächelte. »Ich werd sehen, was ich tun kann, um dir die Zeit hier ein bisschen erträglicher zu machen.«

Der Besucher erhob sich und ging ohne ein weiteres Wort.

Als Griffiths zurück in seine Zelle gebracht wurde, befand er sich in einem Wechselbad der Gefühle. Extreme Hochstimmung wechselte sich ab mit dem betäubenden Gefühl von Unzulänglichkeit. Wenn er es positiv sah, war er sicher, dass etwas passieren würde, schließlich bewies der Besuch, dass er zu wichtig war, um im Knast zu verrotten. Dann wieder fielen ihm die Augen ein, der Blick, der sich in seine Seele gebohrt und sein schmähliches Versagen offenbart hatte. Er tigerte in seiner Zelle auf und ab, fluchte laut über die Treuebrüche und Verletzungen, die er seit der Kindheit erleben musste. Aus Selbstmitleid wurde Zorn, vertraut und wärmend, dann unbändige Wut, als er an all die Menschen dachte, die Strafe verdient hatten, und an die Rechnungen, die er begleichen würde, sobald er auf freiem Fuß war.

Kapitel drei

Detective Chief Inspector Fenwicks Sekretärin blickte von ihrer Tastatur auf und begrüßte ihn mit einem breiten Lächeln.

»Da sind Sie ja wieder. Ist der Fall in London abgeschlossen?«

Fenwick schüttelte den Kopf, und das Licht fiel auf neue Spuren von Grau an seinen Schläfen, Auswirkung seiner zeitweiligen Versetzung zur Londoner Polizei.

»Für mich ist der Fall abgeschlossen, Anne, aber für Commander Cator noch lange nicht. Als Geldwäscheexperte muss er noch die Beweiskette schließen. Und es kann dauern, bis er alle Fäden zusammen hat. Kann sein, dass wir das ganze Ausmaß nie erfahren. Aber der Assistant Chief Constable hat meine Rückkehr trotzdem endlich bewilligt.«

»Der Superintendent möchte Sie sprechen.«

Superintendent Quinlan telefonierte gerade, winkte ihn aber in sein Büro. Er beendete das Gespräch abrupt und streckte die Hand aus.

»Andrew, schön Sie zu sehen. Ohne Sie hat hier wirklich was gefehlt.«

»Das höre ich gern. Ehrlich gesagt, freu ich mich schon wieder auf richtige Polizeiarbeit.«

Quinlans Miene verfinsterte sich.

»Schließen Sie doch bitte die Tür, ja. Hören Sie, ich wollte schon seit einer Weile mit Ihnen reden. Haben Sie wirklich vor, die Versetzung abzulehnen? Das könnte ihrer Karriere gut tun …«

»Und Sie meinen, die hat Pflege nötig, nicht wahr?«

Quinlan sprach hastig weiter, als hätte Fenwick nichts gesagt.

»Commander Cator bringt es bis ganz nach oben, davon bin ich überzeugt, und er hat ausdrücklich um Sie gebeten. Das ist ein Kompliment und eine Chance, die Sie nicht noch einmal kriegen.« Fenwick öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Quinlan war noch nicht fertig. »Es gibt keine Garantie für eine Beförderung, natürlich nicht, aber als Mitarbeiter in seinem Team und bei Ihrer Aufklärungsquote könnten Sie es schnell zum Superintendent bringen.«

»Schneller als hier, meinen Sie?« Die Frage wurde von Fenwicks typischem gequälten Lächeln begleitet, aber Quinlan verzog trotzdem das Gesicht.

»Da halte ich mich raus«, entgegnete er barsch, und Fenwick bereute seinen Sarkasmus. Die spitze Bemerkung zielte nicht gegen den Superintendent. Er wusste, dass sein Boss sein größter Förderer war, aber dessen Boss wiederum, der Assistant Chief Constable von West-Sussex, Harper-Brown, konnte ihn nicht ausstehen. Er war einfach nicht unterwürfig genug.

»Tut mir Leid, das war eine dumme Bemerkung. Aber London ist wirklich nichts für mich.«

»Wegen der, äh, Pendelei und wegen …«

»Nein, mit den Kindern hat das nichts zu tun.« Fenwick sprach den eigentlichen Punkt ohne Umschweife an. Alle Welt glaubte, es sei ein Hindernis für seinen Beruf, dass er allein erziehender Vater von zwei Kindern im Alter von neun und sieben Jahren war, aber er hatte eine Haushälterin, die bei ihnen wohnte und alles wunderbar im Griff hatte. Die Kinder schienen sich endlich an die Situation gewöhnt zu haben, und dank einer Versicherung seiner Frau hatte er die Hypothek auf das Haus abbezahlen können. Selbst die Besuche bei Monique im Krankenhaus waren zur Routine geworden, traurig, das noch immer, aber nicht länger traumatisch.

»Dann also wegen der Cliquenwirtschaft. Habe ich mir schon gedacht. Sie werden sich nie so weit verbiegen, dass Sie es zum Diplomaten bringen.«

Fenwick lachte laut, und sein Vorgesetzter sah ihn verblüfft an. In den Monaten vor seinem Einsatz in London hatte er ihn selten auch nur lächeln sehen. Während seiner Abwesenheit hatte er sich verändert, und etwas von dem alten Fenwick, der seit der Erkrankung seiner Frau verschwunden gewesen war, kam allmählich wieder zum Vorschein.

»Ich fand diese Cliquenwirtschaft entsetzlich, und auch diese Leisetreterei, mit der man seine Arbeit machen muss, aber ich hab mich so durchgewurstelt, weil mir keine andere Wahl blieb. Commander Cator hat mir sogar zu meiner guten Arbeit gratuliert. Er hatte wesentlich Schlechteres erwartet.«

»Was ist dann der Grund? Warum lassen Sie sich die Chance auf eine fast sichere Beförderung entgehen?«

Quinlan blickte ihn gequält an. Er war ein alter Freund und Verbündeter, und Fenwick fand, dass er eine ehrliche Antwort verdiente.

»Das ist mir alles zu indirekt. Die Ermittlungen ziehen sich über Jahre hin, und die Kriminellen gehen so trickreich vor, dass die Beweislage oft völlig undurchschaubar ist, so als würde man mit verbundenen Augen einen Zauberwürfel drehen. Die Syndikate haben mehr Geldmittel zur Verfügung als wir! Und überhaupt bin ich nicht besonders gut darin, Verbrechen am Schreibtisch aufzuklären.«

Den größten Minuspunkt verkniff er sich. Die Straftaten waren häufig so kompliziert, dass Geschworene sie nicht durchschauten, was eine deprimierend niedrige Verurteilungsrate zur Folge hatte. Er war ein Mann, der gewinnen musste.

»Cator bezeichnet Sie aber in seinem Bericht an mich als Naturtalent. Er hat Sie ›entschlossen und durchsetzungsfähig‹ genannt, wenn ich mich recht erinnere.«

»Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte nichts lieber, als dass Wainwright-Smith arm wie eine Kirchenmaus hinter Gittern landet. Das hat dieser Mistkerl verdient.« Die Gehässigkeit in Fenwicks Stimme verblüffte sie beide. Nach kurzer Stille nickte Quinlan bedächtig. Er verstand.

»Natürlich. Für Sie war es keine gesichtslose Straftat, das hatte ich vergessen. Nun gut«, er holte tief Luft, »ich habe Ihnen gesagt, was ich denke, und ich werde nicht wieder damit anfangen. Hier wartet genug Arbeit auf Sie, in die Sie sich richtig reinknien können.«

»Der Fall Griffiths muss für das Team hart gewesen sein.« Die neuen Spuren der Anspannung in Quinlans Gesicht waren Fenwick nicht entgangen. »Wie ich höre, haben Sie das Heft selbst in die Hand genommen, gegen Ende.«

»Harper-Brown wollte es so. Derek Blite hat die Ermittlungen nach der ersten Vergewaltigung geleitet, aber dann wurde diese arme Frau umgebracht, bei sich zu Hause und nur wenige Tage nach der vorausgegangenen Vergewaltigung. Ich musste die Sache in die Hand nehmen. Aber trotz all unserer Arbeit haben wir die Staatsanwaltschaft nur zur Anklage in drei der sieben Fälle überzeugen können, die unserer Meinung nach auf Griffiths’ Konto gehen. Es ist verdammt ärgerlich, dass die anderen Fälle noch ungelöst sind.«

»Aber Sie haben es geschafft. Er hat schließlich lebenslänglich bekommen.«

»Dank Nightingale. Sie hat ihre Sache großartig gemacht. Ich glaube, ohne ihre Aussage wäre er vielleicht freigesprochen worden. Sie hätten das Schlussplädoyer des Verteidigers hören sollen. Er hat die Geschworenen daran erinnert, dass sie nur dann zu einem Schuldspruch gelangen könnten, wenn sie zweifelsfrei von der Schuld des Angeklagten überzeugt seien, und dass die Aussage von Nightingale seiner Meinung nach ernste Zweifel aufwerfen würde.«

»Er hat verloren, wir haben gewonnen. Nightingale hat allen Grund, mit sich zufrieden zu sein.«

»Mag sein.« Quinlan blickte skeptisch. »Wissen Sie, dass sie vor zwei Monaten beide Eltern durch einen Autounfall verloren hat? Traurige Geschichte.«

»Ich hatte keine Ahnung. Wie verkraftet sie es?«

»Anscheinend ganz gut. Ich hab ihr angeboten, Urlaub zu nehmen, aber sie ist nach der Beisetzung gleich wieder zum Dienst erschienen. Manchmal denke ich, sie mutet sich zu viel zu.«

 

Am folgenden Tag sah sich das Objekt des gemeinsamen Interesses von Quinlan und Fenwick vor eine weitere, völlig unerwartete Probe gestellt. Als sie ihren Wagen vor dem Präsidium parkte, wurde Nightingale von einer Horde verschwitzter Männer mit Notizblöcken, Mikrofonen und Fotoapparaten umringt. Die Presse hatte sie aufgespürt, was sie mehr verstörte als jede lebensbedrohliche Situation im Dienst. Sie erstarrte.

»Sergeant Nightingale, ein paar Worte zu dem Griffiths-Urteil bitte, wie fühlen Sie sich?«

»Bitte hierher sehen. Wunderbar! Und noch mal, danke.«

»Was war das für ein Gefühl, einem Serienvergewaltiger in die Augen zu schauen?«

»Stimmt es, dass sie ihm zwischen die Beine getreten haben? Das würde unseren Leserinnen gefallen. Schade, dass sie ihm keinen Dauerschaden zugefügt haben.«

»Na, kommen Sie, nur ein paar Worte, mehr wollen wir nicht.«

Nightingale blinzelte rasch, als würde sie aus einer Trance erwachen. Mit gesenktem Kopf strebte sie ohne ein Wort zum Eingang. Zwei von den Männern versuchten, sie aufzuhalten, liefen rückwärts vor ihr her, aber sie ging unbeirrt weiter. Sie wurde mit Fragen bombardiert, und Kameras klickten ohne Unterlass. Als sie die Treppe erreichte, entstand ein Gedränge, jemand fiel gegen sie und sie stürzte nach vorn. Im selben Moment rief eine Stimme über ihrem Kopf.

»Was zum Teufel ist da unten los?«

Sie blickte hoch und sah Inspector Blite aus einem Fenster im zweiten Stock spähen, das Gesicht rot angelaufen.