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Informationen zum Buch

Eine Frau jagt ihren Vater. Ein junges Mädchen beobachtet den brutalen Mord an einem Politiker und erkennt in dem Täter ihre Jugendliebe Carl. Kurze Zeit später findet sich Vanessa Kohler in einer psychiatrischen Anstalt wieder und glaubt zu wissen, dass der grausame Mord ausgerechnet von ihrem Vater beauftragt wurde. 20 Jahre später hat sich das Leben von Vanessa völlig verändert. Bis sie eines Tages vermutet, Carl auf der Straße wieder erkannt zu haben. Getrieben von der Hoffnung auf Beweise für die undurchsichtigen Machenschaften ihres Vaters General Morris Wingate, beginnt für Vanessa ein nervenaufreibender Wettlauf gegen die Zeit. Denn ihr Vater ist ein aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Präsidenten der USA …

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Phillip Margolin

Die Schuld
wird nie vergehen

Thriller

Aus dem Amerikanischen
von Wolfgang Thon

Inhaltsübersicht

Über Phillip Margolin

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Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

Danksagungen

Impressum

PROLOG

Lost Lake, Kalifornien – 1985

Deputy Sheriff Aaron Harney parkte seinen Wagen auf dem Seitenstreifen neben der Straße und rollte das Fenster der Fahrerseite herunter. Nach der drückenden Hitze des Tages tat die saubere, kühle Bergluft gut. Er zündete sich eine Zigarette an und sah dem Rauch nach, der sich zu den diamantenen Sternen empor kräuselte, die über dem Lost Lake glitzerten. Was wollte man mehr vom Leben erwarten?

Harney war ein Junge aus dem Dorf, der während seines Militärdienstes ein wenig von der Welt gesehen hatte. Dabei war ihm klargeworden, dass er nirgendwo anders als in Lost Lake leben wollte. Hier konnte er fischen und jagen, und außerdem lebte Sally Ann Ryder hier, sein Schwärm aus Highschool-Tagen. Was konnte einem das Leben mehr bieten als einen Job an der frischen Luft, einen Feierabend mit einem kühlen Bier und dazu die Gesellschaft der Frau seiner Träume?

Dabei hatte Harney seine Karriere keineswegs genau geplant. In der Armee hatte er als Militärpolizist gedient, und der Sheriff hatte ihn auf der Stelle eingestellt. Harney hegte keinerlei politischen Ehrgeiz, sondern tat, ohne zu murren, was man ihm befahl. In den exklusiven Sommerhäusern, die das Ufer des Sees säumten, war immer wieder eingebrochen worden. Deshalb hatte Sheriff Basehart ihn zur Patrouille dort eingeteilt. Alle waren sich einig, dass hinter diesen Akten von Vandalismus Einheimische steckten, die wütend auf die fetten Bonzen waren, die es sich den Sommer über am See gut gehen ließen und beim ersten Anzeichen von schlechtem Wetter zurück nach San Francisco flüchteten. Harney hatte sogar einen Verdacht, welche Jugendlichen die Panoramafenster in den Häusern von Fremont und McHenry eingeschlagen hatten. Allerdings bezweifelte er stark, dass diese Halbstarken sich heute Nacht wieder blicken lassen würden. Der Sheriff wollte es sich jedoch auf keinen Fall mit seinen einflussreichsten Gönnern verderben. Und Harney hatte nicht das Geringste dagegen, an einem so wunderschönen Sommerabend am See herumzuhängen.

Von seinem Standort aus konnte der Deputy den schwarzen, flachen Umriss des modernen Blockhauses am anderen Ufer sehen, das dem Kongressabgeordneten Eric Glass gehörte. Harney war dem Abgeordneten bei dessen Wahlkampftour als Sicherheitsbeamter zugeteilt gewesen. Das war vielleicht ein Haus! Auf der Rückseite fiel der Rasen sanft zum Steg ab, wo das Rennboot des Politikers lag. Im Dunkeln sah man es zwar nicht, aber Harney erinnerte sich sehr gut an das Boot und auch an den schmalen Pfad, der durch ein Wäldchen zum Tennisplatz führte. Das musste man sich vorstellen: ein eigener Tennisplatz! Harney fragte sich, wie viel das Haus wohl gekostet haben mochte. Bestimmt einen Haufen mehr, als er sich mit dem Gehalt eines Polizisten leisten konnte.

Ein Schrei gellte durch die Nacht. Harney fuhr wie elektrisiert hoch und drückte seine Zigarette aus. Die klare Bergluft verzerrte zwar die Geräusche, aber er war sicher, dass der Schrei aus dem Haus des Abgeordneten gekommen war. Er wendete und gab Vollgas.

Er brauchte fünf Minuten, um den See zu umrunden, und auf dieser kurzen Fahrt lief Harneys Phantasie auf Hochtouren. Die übliche Polizeiarbeit in Lost Lake bestand vor allem darin, Betrunkene im Timber Topper zur Räson zu bringen, gelegentlich einen Fall von Hausfriedensbruch zu regeln und jugendlichen Rasern Strafzettel zu verpassen. Mit einem derartig markerschütternden Schrei mitten in der Nacht hatte Harney es noch nie zu tun bekommen.

Von der Straße führte ein Feldweg zum Haus. Harney schaltete seine Scheinwerfer aus, als er darauf einbog. Er hatte es nun nicht mehr eilig, die Quelle dieses Schreis aufzuspüren. Schließlich konnte er den Moment nicht länger hinauszögern. Der Deputy zog seine Waffe aus dem Futteral, stieg aus und blieb lauschend im Dunkeln stehen. Eine Eule schrie, und eine Windbö vom See ließ die Blätter rascheln. Irgendwo in der Ferne hörte er den Außenbordmotor eines Bootes.

Langsam schlich Harney zwischen den Bäumen hindurch, welche die Zufahrt säumten, und erreichte schließlich den Rasen vor dem Haus. Nervös sah er sich um. Er erwartete, dass jeden Augenblick jemand aus dem dunklen Wald sprang. Zwar hatte er über Funk Verstärkung angefordert, doch Lost Lake war klein, deshalb würde er eine Weile auf sich allein gestellt bleiben. Der Deputy holte tief Luft und rannte geduckt über den Rasen. Er presste sich dicht an die Hauswand und schob sich langsam weiter, bis er durch ein Fenster spähen konnte. Hinten im Haus brannte Licht, aber es war kein Laut zu hören.

Harney schlich an dem Fenster vorbei zur Haustür. Sie war verschlossen. Ihm fiel ein, dass es auf der Rückseite eine Terrassentür gab. Der Deputy eilte um die Ecke. Nichts. Er visierte mit dem Lauf seiner Waffe den Rasen an, während er zur Rückseite des Hauses schlich. Die Angst drückte ihm wie eine eiserne Klammer die Brust zusammen. Seine Erinnerung hatte ihn nicht im Stich gelassen. Er fand die Terrasse. An ihrem Ende stand ein Grill, und Harney erkannte in der Dunkelheit die Umrisse des Rennbootes, das am Steg schaukelte.

Ein Geräusch auf dem Pfad zum Tennisplatz ließ ihn herumfahren. Ein Gespenst taumelte aus dem Wald. Harney richtete die Mündung seiner Waffe auf die Erscheinung.

»Stehenbleiben!« rief er. Es war eine Frau, die nun wie angewurzelt stehen blieb, die Augen vor Angst weit aufgerissen. Sie trug ein langes, weißes T-Shirt und schwankte unsicher.

»Er ist tot.« Sie klang benommen.

»Wer ist tot?« Harney suchte den Rasen und den Wald nach einer verdächtigen Bewegung ab.

»Carl hat ihn umgebracht.«

Die Terrassentür stand offen. Zuerst hatte Harney das nicht bemerkt, doch allmählich gewöhnten seine Augen sich an die Dunkelheit.

»Ist jemand im Haus?«

»Er ist tot«, wiederholte die Frau, während sie blicklos in die Finsternis starrte. Harney war sich nicht sicher, ob sie seine Frage gehört hatte und sich überhaupt seiner Anwesenheit bewusst war.

»Gehen wir hinein«, forderte er sie sanft auf und ging rückwärts zum Haus. Während er den Rasen im Auge behielt, beobachtete er die Frau aus dem Augenwinkel. Schließlich streckte er die Hand aus und legte sie auf ihre Schulter. Unter seiner Berührung zuckte sie zusammen und wich hastig einen Schritt zurück. Immerhin schien sie Harney nun endlich wahrzunehmen.

»Alles okay. Ich bin der Deputy. Gleich kommt noch mehr Polizei.«

Sie traten durch die Terrassentür und standen in der Küche. Harney tastete nach einem Lichtschalter. Als das Licht aufflammte, sah er, dass die Frau wunderschön war. Er schätzte sie auf etwa Mitte Zwanzig. Sie hatte kurzes, blondes Haar und himmelblaue Augen.

»Sie sagten, jemand sei tot? Ist er drinnen?«

Sie nickte.

»Können Sie mir zeigen, wo?«

Die Frau deutete auf den Flur, der von der Küche ins Haus führte. Harney erinnerte sich daran, dass von dem Flur ein kleines Arbeitszimmer abging und an seinem Ende ein großes Wohnzimmer lag. Das Licht, das er von draußen gesehen hatte, brannte im Arbeitszimmer. Er zog die Terrassentür zu und schloss sie ab. Dann dirigierte er die Frau zu einem Stuhl an dem kleinen Tisch in einem Erker, von dem aus man auf den See hinausblickte.

»Sie sagten, ein Mann namens Carl habe jemanden getötet. Ist dieser Carl noch hier?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Er ist weg?« fragte Harney, um sicherzugehen.

Die Frau nickte.

»Gut. Sie bleiben hier. Ich bin sofort wieder da. Okay?«

Sie nickte wieder, aber ihr Körper versteifte sich. Offenbar flößte ihr die Vorstellung, allein zu bleiben, Angst ein.

»Es ist alles in Ordnung. Meine Kollegen sind gleich hier.«

Harney wartete einen Moment auf ihre Antwort. Als die Frau nicht reagierte, schlich er mit vorgehaltener Waffe durch den Flur. Schon nach wenigen Schritten stieg ihm ein Geruch in die Nase, der Erinnerungen an einen Tag vor etwa einem Jahr heraufbeschwor. Damals war er einer Anzeige wegen eines häuslichen Streits nachgegangen und in ein blutbespritztes Schlafzimmer geraten, in dem sich gerade ein Selbstmord ereignet hatte. Der Deputy schluckte schwer und musste sich zwingen weiterzugehen. Als er die Tür des Arbeitszimmers erreichte, wirbelte er um die Ecke … Bei dem Anblick, der ihn erwartete, drehte sich ihm der Magen um, und er konnte nur mit Mühe den Impuls unterdrücken, sich zu übergeben. Aus der Ferne hörte er das Heulen von Sirenen. Unmittelbar vor ihm befand sich Eric Glass.

Der Kongressabgeordnete saß auf seinem schwarzen, ledernen Schreibtischstuhl. Man hatte ihm Arme und Beine nach hinten gebogen und mit Klebeband hinter dem Stuhl gefesselt. Damit war er jeder Misshandlung schutzlos ausgeliefert. Glass trug nur eine Pyjamahose aus Baumwolle. Sie war von dem Blut durchtränkt, das aus den tiefen Wunden gesickert war, die seinen Oberkörper übersäten. Sein Kopf hing schlaff nach vorn, das Kinn ruhte auf seiner Brust. Harney hockte sich hin und warf einen Blick in Glass’ malträtiertes, blutüberströmtes Gesicht.

Rotblaues Licht zuckte durch das Wohnzimmer, und Harney hörte, wie Wagentüren zugeschlagen wurden. Über Funk dirigierte er seine Kollegen zur Terrassentür, während er selbst in die Küche zurückkehrte. Die Frau saß noch da, wo er sie verlassen hatte. Sie hatte sich vorgebeugt und den Kopf in den Armen vergraben. Harney schloss die Terrassentür auf und setzte sich dann neben sie.

»Wer hat das getan?« fragte er leise.

Die Frau hob den Kopf. Ihre Augen waren gerötet, und die Tränen strömten ihr über die Wangen.

»Carl hat ihn getötet«, antwortete sie. »Carl Rice.«

 

Aaron Harney hörte den Hubschrauber lange, bevor er ihn sah. Er beschattete seine Augen mit der Hand und suchte den Himmel ab, bis er die Quelle des dumpfen Geräuschs ausfindig machte, die aus einigen Wolken auftauchte und sich dem Hubschrauberlandeplatz auf dem Krankenhausdach näherte. Earl Basehart stand neben seinem Deputy. Der Sheriff war nach einem kurzen Zwischenspiel als Officer in San Francisco nach Lost Lake zurückgekehrt. Dort hatte er einige Jahre als Deputy gearbeitet, bis er sich zur Wahl zum Sheriff aufstellen ließ, nachdem sein Vorgänger in Pension gegangen war. Es hatte keinen Gegenkandidaten gegeben. Mittlerweile hatte Basehart das Amt seit elf Jahren inne.

Der Hubschrauber landete auf dem Dach. Der heftige Wind, den die Rotorblätter erzeugten, riss Basehart fast den Stetson vom Kopf. Er hielt mit einer Hand die Krempe fest, die sein bärbeißiges Gesicht beschattete. Die Tür des Helikopters schwang auf, und ein untersetzter, muskulöser Weißer in Jeans und hellbraunem Jackett sprang heraus. Ihm folgte ein großer, drahtiger, kahlköpfiger Schwarzer, der eine Khakihose und ein Jeanssakko trug. Sie suchten mit scharfen Blicken das Dach ab, bevor der Kleinere der beiden einer Person in dem Hubschrauber zunickte. Sekunden später stieg ein großer, breitschultriger Mann in der Uniform eines Generals aus, dem ein weiterer Passagier in einem anthrazitfarbenen Anzug folgte.

General Morris Wingate sah den Sheriff und setzte sich in Bewegung. Unwillkürlich stand Harney stramm. Hätte der General ihm einen Befehl gegeben, hätte der Deputy ihn ohne das kleinste Zögern befolgt. Doch General Wingate ignorierte Harney. Er achtete nur auf den Sheriff. Die Leibwächter des Generals folgten ihm und dem anderen Mann in einigem Abstand. Ihre Blicke streiften dabei unaufhörlich über das Krankenhausdach, als tasteten sie sich durch eine Kampfzone. Harney sah den Griff einer Pistole, der unter der Jacke des Schwarzen hervorlugte.

»General Wingate?« fragte Basehart.

Der General nickte. »Dieser Mann hier ist Dr. Ernest Post, ein Psychiater. Ich möchte, dass er meine Tochter untersucht.«

»Ich bin Earl Basehart, der Sheriff hier in Lost Lake. Ich helfe Ihnen, so gut ich kann.«

»Danke, Sheriff. Wie geht es meiner Tochter?«

»Genauere Informationen kann Ihnen Dr. Stewart geben. Mir hat er nur gesagt, dass sie unter Schock steht. Was mich, ehrlich gesagt, auch nicht wundert.« Er schüttelte den Kopf. »Nach einem solchen Erlebnis. Der Anblick hat sogar meine abgehärteten Beamten aufgewühlt.«

»Hat sie Ihnen geschildert, was passiert ist?«

Basehart deutete mit einem Rucken seines Kinns auf Harney. »Mein Deputy hat sie gefunden. Wie ich Ihnen schon am Telefon sagte, hat sie ihm erzählt, ein Mann namens Carl Rice hätte den Kongressabgeordneten umgebracht. Viel mehr konnten wir allerdings nicht aus ihr herausbringen. Sie war hysterisch, und wir mussten sie sofort ins Krankenhaus schaffen. Jetzt steht sie unter Beruhigungsmitteln.«

»Haben Sie Rice schon gefunden?«

»Noch nicht. Wir setzen bei der Fahndung Hubschrauber ein und haben auch die Behörden in den umliegenden Bezirken alarmiert. Bedauerlicherweise hat Rice einen beträchtlichen Vorsprung.«

»Verfügen Sie über irgendwelche Informationen, aus denen sich schließen lässt, dass Rice sich vielleicht noch in der Gegend aufhält? Die Sicherheit meiner Tochter liegt mir sehr am Herzen, verstehen Sie?«

»Wir wissen nicht, wo er ist, aber vor dem Krankenzimmer Ihrer Tochter hält ein Deputy Wache. Wir wollten kein Risiko eingehen.«

»Danke, Sheriff«, meinte Wingate. »Meine Tochter ist mein Ein und Alles. Ich weiß die Gründlichkeit zu schätzen, mit der Sie Ihre Ermittlungen durchführen und mit der Sie sich um meine Tochter gekümmert haben.«

»Sir, wissen Sie vielleicht etwas über diesen Rice, dass uns helfen könnte, ihn zu erwischen?«

»Er ist mit meiner Tochter zur Schule gegangen und war häufig Gast in meinem Haus.« Der General schien mitgenommen. »Carl ist ein schwer gestörter junger Mann. Wegen seiner mentalen Probleme wurde er erst kürzlich aus dem Militärdienst entlassen. Er neigt zu Gewalttätigkeiten. Als er erfuhr, dass meine Tochter nach Washington gezogen ist, hat er wieder Kontakt zu ihr aufgenommen. Angesichts seines Geisteszustandes kann ich nicht sagen, was er über den Stand ihrer Beziehung dachte. Vielleicht hat er sich eingebildet, meine Tochter und der Kongressabgeordnete seien ein Liebespaar, und ist vor Eifersucht übergeschnappt. So wie Sie mir den Zustand der Leiche beschrieben haben, deutet alles auf ein Verbrechen aus Leidenschaft hin.«

»Sir, welche Beziehung hatte ihre Tochter denn zu dem Kongressabgeordneten?«

»Sie hat für Eric gearbeitet. Mehr weiß ich nicht.«

»Danke, Sir«, antwortete Basehart.

»Ich würde Vanessa gern sehen.«

»Sofort.« Basehart drehte sich auf dem Absatz herum und ging zu der Stahltür, die vom Dach ins Innere des Krankenhauses führte. Harney hastete voraus und riß sie auf. Dann folgte er Wingate, dem Arzt, den beiden Leibwächtern und dem Sheriff hinein.

Das Krankenhaus von Lost Lake hatte drei Stockwerke. Die Tochter des Generals war in einem Einzelzimmer im ersten Stock untergebracht. Der Sheriff ging voran. Vor dem Krankenzimmer hielt ein Deputy Wache. Er stand auf, als die Männer näher kamen.

»Irgendwelche Probleme, Dave?« erkundigte sich Basehart.

»Alles ruhig, Sheriff.«

»Gut. Wir gehen kurz hinein. Du bleibst mit Aaron hier draußen.«

Der General, seine Wächter, Dr. Post und der Sheriff betraten den Raum. Harney wollte gerade etwas zu dem anderen Deputy sagen, als er einen Schrei hörte. Er klang genauso wie der, der ihn am Ufer des Lost Lake aufgeschreckt gestört hatte. Er zog die Waffe, während er die Tür aufriss. Als er in den Raum stürmte, sah er, wie die Tochter des Generals mit aufgerissenen Augen ihren Vater anstarrte.

Als sähe sie den Satan persönlich.

1. KAPITEL

Portland, Oregon – Gegenwart

Die Veranstalter der Messe hatten Glück gehabt. Der März in Oregon war ziemlich verregnet gewesen, und die Wetterfrösche hatten auch für den April jede Menge Niederschlag vorausgesagt. Mutter Natur hatte es sich jedoch im letzten Moment anders überlegt und die finsteren, schwarzen Regenwolken für einen Tag verscheucht. Stattdessen schickte sie während des Wochenendes die Sonne über einen wolkenlosen blauen Himmel.

Ami Vergano hatte einen bunten Rock und eine weiße Bluse angezogen. Sie war knapp ein Meter fünfundsechzig groß und durchtrainiert wie zu ihren besten Zeiten als Turnerin an der Highschool. Ihr braunes Haar trug sie kurz. Große, braune Augen dominierten ihr Gesicht. Die Schläge des Schicksals hatten aus Ami eine ernsthafte junge Frau gemacht, aber ihr Lächeln konnte immer noch einen Raum erhellen.

Ami freute sich über die vielen Menschen, welche die ersten sonnigen Frühlingstage nutzten und auf der Suche nach Kunstwerken umherliefen. Seit die Messe geöffnet hatte, zog ihr Stand die Leute an. Sie hatte schon drei Ölgemälde verkauft und steckte das Geld von ihrem letzten Verkauf in ihre Geldbörse, als jemand sie ansprach.

»Das hier gefällt mir. Haben Sie sich das ausgedacht, oder haben Sie eine echte Landschaft abgemalt?«

Ami drehte sich herum und sah sich einem breitschultrigen Mann gegenüber, der eines ihrer Landschaftsbilder bewunderte. Sein gebräuntes Gesicht war wettergegerbt, als würde er viel Zeit im Freien verbringen. Ami schätzte ihn auf etwa Mitte bis Ende Vierzig. Bekleidet war er mit Jeans, Mokassins und einem karierten, langärmeligem Flanellhemd. Sein langes Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trug einen struppigen Bart. Irgendwie erinnerte er Ami an die Hippies der Love-and-Peace-Generation der sechziger Jahre.

»Das da ist ein Wäldchen in der Nähe meines Hauses«, erwiderte Ami.

»Mir gefällt, wie Sie das Licht eingefangen haben.«

Ami lächelte. »Danke. Sie können sich nicht vorstellen, wie lange ich gebraucht habe, das richtig hinzukriegen.«

»Dan Morelli«, stellte er sich vor und streckte seine Hand aus. »Ich bin im Stand nebenan. Als ich die Menschenmassen gesehen habe, die bei Ihnen ein- und ausgingen, musste ich einfach mal nachsehen, was all diese Aufregung auslöst.«

»Ami Vergano.« Sie schüttelte Morellis Hand, die groß und warm war und irgendwie beruhigend, genau wie sein Lächeln. »Was stellen Sie denn aus? Ich hatte soviel zu tun, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, mich umzusehen.«

»Ich baue Möbel nach Maß. Schauen Sie doch bei Gelegenheit mal vorbei.«

»Das mache ich. Kommen Sie von hier? Ich habe Sie bisher noch nie auf unserer Messe gesehen.«

»Ich bin zum ersten Mal in Oregon«, erwiderte Morelli.

»Und wo ist Ihr Heimathafen?«

»Ich habe eigentlich keinen. Mein Vater war beim Militär. Wir sind ständig umgezogen. Eine Weile habe ich in Arizona gelebt, aber da ist es mir zu trocken. Ich mag Wälder und den Ozean.«

»Davon gibt es in Arizona wirklich nicht viel.«

»Nein. Jedenfalls hörte ich von der Messe und dachte, ich könnte vielleicht ein paar Aufträge an Land ziehen.«

»Und wie läuft’s?«

»Ganz gut. Ein Besucher hat gerade ein Steuerberatungsbüro aufgemacht und einen Schreibtisch, Regale und andere Kleinigkeiten in Auftrag gegeben. Das dürfte mich eine Weile beschäftigen. Jetzt muss ich nur noch einen Ort finden, wo ich wohnen und arbeiten kann.«

Ami zögerte. Sie wusste so gut wie nichts über Morelli, aber er wirkte sympathisch. Impulsiv traf sie eine Entscheidung.

»Ich vermiete eine kleine Wohnung über meiner Garage, und mein Atelier habe ich in einer Scheune hinter dem Haus. Für einen Schreiner ist da noch mehr als genug Platz. Es gibt sogar eine Werkbank und ein paar Werkzeuge. Bis vor kurzem hat dort ein Student gewohnt, aber er musste wegen eines Krankheitsfalles das College früher verlassen. Deshalb steht die Wohnung jetzt leer.«

»Ich habe zwar mein eigenes Werkzeug, aber sonst hört sich das ganz gut an. Kann ich nach der Messe zu Ihnen herauskommen und mir alles ansehen?«

»Gern.«

»Wie hoch ist die Miete?«

Ami sagte es ihm, und Morelli lächelte schüchtern. »Das kann ich mir leisten.« Er trat aus Amis Stand und schaute zu seinem eigenen hinüber. »Sieht aus, als hätte ich Kunden. Ich sollte wohl schnell dafür sorgen, etwas zu verkaufen, wenn ich demnächst Miete zahlen muss.«

Ami lachte und winkte ihm zu. »Wir sehen uns gegen fünf.«

Seit ihr letzter Mieter gekündigt hatte, war ihre finanzielle Lage recht angespannt. Ein kleines Zusatzeinkommen konnte sie gut gebrauchen. Außerdem wäre es schön, einen anderen Künstler um sich zu haben. Morelli wirkte ganz nett, und sie hoffte, dass es funktionierte.

 

Ami Vergano schloss die Fliegentür so leise wie möglich und trat auf die Veranda hinaus. Von dort beobachtete sie, wie Daniel Morelli ihrem zehnjährigen Sohn beibrachte, einen Curveball richtig zu werfen. Sie spielten im Vorgarten unter einer uralten Eiche, die Ami Methusalem getauft hatte. Morelli hockte neben Ryan und korrigierte geduldig die Stellung der Finger des Jungen um die Nähte des Baseballs, der zusammen mit dem Handschuh der ganze Stolz ihres Sohnes war. Ryan runzelte vor Konzentration die Stirn, während er versuchte, den Ball richtig zu fassen. Er bemerkte nicht einmal, dass sich dieser perfekte Frühlingstag dem Ende neigte und es langsam dunkel wurde.

Morelli trug Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Wenn er seinen Arm ausstreckte, spannten sich sein Bizeps und sein Unterarm wie ein Drahtseil. Für einen fast Fünfzigjährigen war Morelli in prächtiger Verfassung. Ami wusste, dass er morgens lange joggte, denn sie hatte ihn durchgeschwitzt in seine Wohnung gehen sehen, als sie zur Arbeit gefahren war. Einmal hatte sie auch einen Blick auf seinen nackten Oberkörper werfen können. Sein durchtrainierter Körper beeindruckte sie. Die langen Narben auf seinem Rücken und seinem Bauch allerdings hatten sie überrascht.

»Genau so«, sagte Morelli, und Ryan grinste vor Freude. Ihr Sohn liebte alles, was mit Baseball zu tun hatte. Seine ganze Leidenschaft galt den Spielen der Little League. Morelli war vor drei Wochen in die Wohnung über ihrer Garage gezogen, blieb jedoch ziemlich zurückgezogen. Ryan und er hatten aber sofort Freundschaft geschlossen, nachdem Ihr Sohn erfahren hatte, dass ihr neuer Untermieter früher auch Baseball gespielt hatte. Es gab keinen Mann in Amis Leben, und folglich stürzte sich Ryan auf jeden Erwachsenen, der sich für ihn interessierte. Ryan folgte ihrem Untermieter wie ein Hündchen, was Morelli offensichtlich nicht störte.

Ryan wirkte so ernsthaft, dass Ami unwillkürlich lächeln musste. Sie wünschte sich, sie könnte diese Szene festhalten, aber ihre Pflicht als Mutter zwang sie dazu, den Spielverderber zu spielen.

»Zeit fürs Bett!« rief Ami, als die Sonne schließlich unterging.

»Kann ich nicht noch ein bisschen aufbleiben?« bettelte Ryan.

Morelli richtete sich auf und fuhr dem Jungen durchs Haar. »Wir arbeiten morgen an dem Curveball weiter. Versprochen.«

»Aber ich hätte es fast geschafft.«

»Stimmt, aber es ist jetzt schon zu dunkel, und der alte Mann hier wird müde. Also hör auf deine Mutter.«

»Okay.« Zögernd schlurfte Ryan die Treppe zur Veranda hoch und verschwand im Haus.

»Danke, dass Sie mit Ryan spielen«, sagte Ami. »Wenn er Ihnen zur Last fällt, sagen Sie es mir.«

»Er ist keine Last. Er passt gut auf und gibt sich große Mühe.«

»Aber er kann sehr anstrengend sein. Ich weiß, wovon ich rede. Es ist schön, dass Sie soviel Zeit mit ihm verbringen, doch genieren Sie sich nicht, ihn ab und zu auch wegzuschicken.«

»Keine Sorge. Er ist ein guter Junge, und es macht Spaß, sich mit ihm zu beschäftigen.«

»Möchten Sie einen Kaffee?« erkundigte sich Ami. »Ich setze einen auf, sobald ich Ryan ins Bett gebracht habe.«

»Das klingt gut.«

»Ich hätte auch ein Stück Kuchen, wenn Sie mögen.«

»Danke, Kaffee genügt.«

»Dann setzen Sie sich. Ich komme raus, sobald Ryan schläft.«

Auf der Veranda standen mehrere Korbsessel. Morelli ließ sich in einen fallen und streckte die Beine aus. Es war ein milder Frühlingsabend, und er schloss die Augen. Er war fast eingeschlafen, als die Fliegentür aufklappte und Ami ihm einen Becher Kaffee reichte.

»Habe ich Sie geweckt?« scherzte sie.

»Ich wäre tatsächlich beinahe eingedöst. Es ist ein so schöner Abend.«

»Wie läuft die Arbeit?«

»Vor zwei Tagen habe ich den Schreibtisch geliefert. Mr. DeWitt war sehr zufrieden.«

»Gut. Vielleicht vermittelt er Ihnen ja noch mehr Aufträge.«

»Hat er schon. Der Immobilienmakler im Büro nebenan will, dass ich ihm auch so einen Schreibtisch für sein Arbeitszimmer baue.«

»Großartig.«

Sie saßen eine Weile schweigend da und nippten an ihrem Kaffee.

»Das Wetter ist perfekt«, meinte Ami schließlich.

»Den Frühling und Sommer in Oregon kann nichts und niemand toppen«, antwortete Morelli.

»Es ist auch eher der Winter, der mir zu schaffen macht. Aber hat man erst einmal Dezember, Januar und Februar überstanden, ist das Wetter erträglich.«

Ami hatte sich zu Morelli umgedreht, als sie sprach, und sah, wie ihm erneut die Augen zufielen. Sie lachte.

»Sieht aus, als hätte Ryan Sie geschafft.«

Morelli grinste. »Ich bin wirklich erledigt. Ich habe den ganzen Tag geschuftet.«

»Wenn Sie schlafen wollen, lassen Sie sich von mir davon abhalten.«

»Nein. Ich würde gern noch einen Moment hier sitzen bleiben. Ich bin meistens allein und genieße ein bisschen Gesellschaft.«

»Haben Sie jemals überlegt, sich irgendwo niederzulassen und ein Geschäft zu eröffnen? Ihre Möbel sind gut. Sie könnten sich sicher rasch einen festen Kundenstamm aufbauen.«

»Ich bin ein Herumtreiber, Ami. Ich werde schnell rastlos.«

Ami glaubte, einen Hauch von Traurigkeit in Morellis Stimme wahrzunehmen, als er ihr seine Wanderlust gestand. Sie stellte sich vor, wie einsam jemand sein musste, der immerzu von Ort zu Ort zog. Dann erinnerte sie sich an die einsamen Männer, die den Westen erschlossen hatten, gerade weil sie die Weite und Einsamkeit liebten. Morelli war eine moderne Ausgabe von Waldläufern wie Jim Bridger und Joe Meek. Mit seinem langen Haar und seinem markanten, scharfen Gesicht sah er sogar so aus, wie sich Ami diese Pioniere des Westens vorstellte.

Morelli bedankte sich für den Kaffee und ging über den Rasen zu seiner Wohnung. Als Ami ihm nachsah, fiel ihr eine Bemerkung ein, die er gemacht hatte, als sie über das Wetter sprachen. Er hatte gesagt, der Frühling und Sommer in Oregon wären nicht zu toppen. Sie war sich ziemlich sicher, dass er bei ihrer ersten Begegnung auf der Kunsthandwerksmesse behauptet hatte, er wäre noch nie in diesem Staat gewesen.

2. KAPITEL

Washington, D. C. – Zwei Monate später

Vanessa Kohler hatte vor, das Interview mit Terri Warmouth in der Cruise On Inn zu führen, aber nicht, weil die sechsunddreißigjährige Speditionsangestellte behauptete, auf dem Parkplatz vor dem Restaurant entführt worden zu sein. Vanessa hatte sich für diese Kneipe entschieden, weil der Scotch hier billig war und sie rauchen konnte, ohne missbilligende Blicke ihrer Kollegen zu riskieren.

Vanessa war eine trinkfeste, spindeldürre Kettenraucherin mit verfilztem blondem Haar und blassblauen Augen. Die neunundvierzigjährige Reporterin pfiff auf ihr Aussehen und hüllte sich mit Vorliebe in ausgebeulte Jeans und weite Pullover, es sei denn, sie war beruflich unterwegs. Für diesen Termin hatte sie sich etwas zurechtgemacht. Über einem T-Shirt und einer engen Jeans trug sie eine schwarze Lederjacke.

Die Reporterin schaute auf ihre Armbanduhr. Es war fast neun, und Warmouth hatte versprochen, gegen halb neun in der Kneipe aufzutauchen. Vanessa beschloss, ihr noch einen Scotch Zeit zu geben, bevor sie nach Hause fuhr. Ihr Freund Sam Cutler war sowieso unterwegs, um über irgendein Rockkonzert zu berichten. Und in der Glotze lief auch nichts. Sie konnte sich Schlimmeres vorstellen, als in einer Umgebung zu trinken, die vorwiegend aus Rauch, lauter Countrymusic und grölenden Billardspielern bestand.

Ein kühler Luftzug verriet Vanessa, dass jemand die Tür der Kneipe geöffnet hatte. Sie blickte zum Eingang. Eine große Frau mit zu viel Make-up tauchte in das rotgrüne Licht der Jukebox. Sie sah sich nervös um, bis Vanessa die Hand hob. Die Frau schob sich eilig zu ihrem Tisch durch.

»Vanessa Kohler vom Exposed«, stellte sich Vanessa vor und reichte Warmouth ihre Karte.

»Entschuldigen Sie die Verspätung«, bat Warmouth. Sie setzte sich und legte Vanessas Visitenkarte neben eine Bierlache. »Heute ist Larrys Bowlingabend, und seine Mitfahrgelegenheit hat sich verspätet.«

»Kein Problem«, erwiderte Vanessa.

»Er darf nicht wissen, dass ich ausgehe. Dann hätte er mich ausgefragt, wohin ich will und mit wem ich mich treffe. Ich hoffe nicht, dass er aus dem Bowlingcenter anruft. Wenn ich nicht zu Hause bin, wird er mich die ganze Nacht ausfragen.«

Vanessa schenkte der anderen Frau ein Lächeln, von dem sie hoffte, dass es weibliche Solidarität signalisierte. »Darf ich Ihnen ein Bier spendieren?«

»Klingt gut.«

Vanessa winkte der Kellnerin und bestellte. Sie wartete, bis die Frau wieder gegangen war. »Also, Terri, wollen Sie mir jetzt Ihre Geschichte erzählen?«

»Ja, klar«, antwortete die Frau, aber sie klang alles andere als zuversichtlich.

Vanessa legte ein Diktiergerät auf den Tisch. »Stört es Sie, wenn ich es aufnehme? Dann kann ich das, was Sie mir erzählen, genau berichten.« Sie verschwieg der Frau absichtlich, dass eine Tonbandaufnahme als stichhaltiger Beweis vor Gericht galt, falls einer dieser vielen Idioten auf die Idee kam, das Magazin zu verklagen.

Warmouth zögerte kurz. »Ja, klar.«

Vanessa drückte die Aufnahmetaste.

»Das kommt doch in Ihr Magazin, stimmt’s? Mit meinem richtigen Namen und alles?« wollte Warmouth wissen.

»Worauf Sie sich verlassen können.«

»Das ist nämlich der einzige Weg, damit Larry es glaubt. Wenn es im Exposed steht. Er liest das Magazin jede Woche wie die Bibel. Er sagt immer, Exposed wäre die einzige Zeitung, der er vertrauen kann.«

»Wie schön, dass wir so treue Leser haben.«

»Deshalb habe ich Sie ja angerufen. Weil Larry so ein treuer Leser ist.«

»Klar. Also, wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie schwanger?«

Warmouth starrte auf die Tischplatte und nickte.

»Sie müssen etwas sagen, für die Aufnahme, Terri«, erinnerte Vanessa sie.

»Ach ja. Ja, ich … ich bin … schwanger.«

»Und das war eine … Überraschung?«

Warmouth wurde rot. »Allerdings.« Sie sah hoch, ihr Blick bettelte um Verständnis. »Larry wird sofort wissen, dass es nicht von ihm ist. Wir haben es nach der Hochzeit wie verrückt probiert.« Warmouth zögerte. »Davon schreiben Sie doch nichts in dem Magazin?«

»Nicht, wenn Sie es nicht wollen.«

»Nein. Es würde ihn irgendwie schrecklich in Verlegenheit bringen.«

»Was?«

»Der Arzt hat uns gesagt, dass ich okay bin, aber Larrys Spermien schwimmen irgendwie nicht schnell genug. Ich hab nicht alles verstanden, aber er fühlte sich damals schrecklich, irgendwie unmännlich, verstehen Sie? Deshalb weiß er sofort, dass es nicht sein Kind ist.«

»Und wessen Kind ist es dann?«

»Eben das der Aliens.«

»Derjenigen, die Sie vom Parkplatz der Cruise On Inn entführt haben?«

»Ja.« Warmouths Stimme klang so kläglich, dass Vanessa sie in dem Lärm der Kneipe kaum verstehen konnte.

»Erzählen Sie mir, wie es passiert ist.«

»Ich war hier…«

»Wann war das?«

»Auch an einem Abend, als Larry Bowling spielte.«

»Also wusste Larry nicht, dass sie ausgegangen sind?«

»Nein.«

»Waren Sie allein?« Vanessa beobachtete Warmouth bei dieser Frage scharf. Ihre Interviewpartnerin senkte den Kopf und lief dunkelrot an.

»Ja, ich war allein«, behauptete sie schließlich.

»Wieso waren Sie hier? Die Cruise On Inn ist ziemlich weit von ihrem Haus entfernt.«

»Es ist nicht weit von meiner Arbeit entfernt.«

»Sie waren also schon mal mit Kollegen von der Arbeit hier, stimmt’s?«

»Mit einigen meiner Freundinnen«, antwortete sie etwas zu schnell.

»Aber an diesem Abend waren Sie allein hier?«

»Ja. Und es wurde spät. Deshalb musste ich mich beeilen, damit ich zu Hause war, bevor Larry kam. Er mag nicht, wenn ich alleine ausgehe.«

»Ist Larry eifersüchtig?«

»Allerdings. Er behauptet immer, dass die Männer mich anstarren und ich sie ermutige, obwohl ich das gar nicht tue. Das ist zwar irgendwie schmeichelhaft, aber es kann einem auch ganz schön auf die Nerven gehen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Vanessa nickte. »Gut, erzählen Sie mir jetzt von den Aliens.«

»Also, ich bin zu meinem Auto gegangen, das am Ende des Parkplatzes abgestellt war. Ich wollte gerade die Tür aufschließen, als ich dieses komische Summen hörte. Ich drehte mich um, und da war es.«

»Da war was?«

»Das Raumschiff. Es war sehr groß und rotierte und sah aus wie eine fliegende Untertasse, aber mit Lichtern.«

»Irgendwelche besonderen Lichter?«

»Grüne, glaube ich. Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, weil ich ziemlich erschüttert war. Es sah jedenfalls ganz so aus wie die Raumschiffe, über die Sie in Ihrem Magazin immer berichten. Also kam es vermutlich von demselben Planeten.«

»Was für ein Planet?«

»Das verraten Sie ja nie, aber einer der anderen Entführten aus Ihrem Magazin kannte den Namen des Planeten. Ich wette, mein Schiff kam auch daher, weil er ein ganz ähnliches Raumschiff beschrieben hat.«

»Was ist passiert, nachdem Sie das Raumschiff gesehen haben?«

»Von da an wird alles irgendwie undeutlich. Ich erinnere mich an einen Lichtstrahl, der vom Himmel gekommen ist, aber verschwimmt alles wie vor einer Operation, wenn man Ihnen diese Medikamente gibt.«

»Einige unserer Entführten haben gesagt, es ähnelte einem guten Drogenrausch.«

»Ja, so ähnlich war es. Sie wissen schon, als wenn man irgendwie schwebt. Genau so ging mir das. Ich erinnere mich aber noch daran, dass ich auf einer Art von Tisch festgeschnallt wurde und keine Kleider mehr anhatte. Und dann lag dieser … Große auf mir.«

»Sie hatten Sex?«

»Ich weiß nicht, wie die das machen. Gespürt habe ich eigentlich nichts. Und dann bin ich auf dem Parkplatz wieder zu mir gekommen.«

»Nackt?«

»Nein. Diese Aliens müssen mir meine Kleider wieder angezogen haben.«

»Und das Schiff war nicht mehr da?«

»Sie müssen verschwunden sein, nachdem sie mich zur Erde zurück gebeamt haben.«

»Sie meinen, sie sind geflüchtet, bevor jemand sie sehen konnte?«

»Ja, sie sind geflüchtet«, wiederholte Terri leise und fing an zu weinen.

Vanessa schaltete das Diktiergerät aus, beugte sich über den Tisch und ergriff Warmouths Hand. »Larry wird Ihnen diese Story nicht abkaufen, Terri. Mir ist klar, dass Sie hoffen, er würde es glauben, weil er mein Magazin so schätzt, aber er wird es rauskriegen.«

Terris Schultern zuckten, und ihr liefen die Tränen über die Wangen.

»Wer ist der Vater? Ein Arbeitskollege?«

Warmouth nickte kurz. Sie hob ihr tränenüberströmtes Gesicht, und Vanessa fragte sich, ob sie jemals zuvor einen so kläglichen Ausdruck gesehen hatte.

»Aber er streitet ab, dass er der Vater ist«, stieß Warmouth zwischen heftigen Schluchzern hervor. »Er sagt, ich hätte herumgevögelt, oder es müsste von Larry sein.«

»Das klingt, als wäre er ein richtig nettes Herzchen«, bemerkte Vanessa.

Warmouth rieb sich die Augen. »Ich habe wirklich geglaubt, er wäre nett.«

»Also, Sie können nicht auf den Kerl zählen, und Ihrem Mann können Sie es auch nicht sagen.«

Warmouth nickte wieder.

»Und wenn Sie abtreiben?«

»Wie soll ich das bezahlen? Larry verwaltet unsere Konten. Wenn ich Geld von ihm haben wollte, müsste ich ihm erklären, wofür ich es brauche. Er würde sich Quittungen zeigen lassen, wenn ich einfach behauptete, ich hätte etwas gekauft.«

Vanessa nahm die Visitenkarte vom Tisch, die sie Terri Warmouth gegeben hatte, und schrieb einen Namen und eine Telefonnummer auf die Rückseite.

»Rufen Sie diese Ärztin an, Terri. Sagen Sie ihr, dass Sie ihren Namen von mir haben. Ich benachrichtige sie gleich als erstes morgen früh. Also rufen Sie bei ihr gegen zehn von Ihrer Arbeitsstelle aus an. Die Ärztin wird sich um Sie kümmern.«

»Aber das Geld …?«

Vanessa drückte Terris Hand. »Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Nehmen Sie diese Angelegenheit erst einmal in Angriff.«

»Ich möchte so gern ein Baby«, schluchzte Warmouth. »Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.«

»Das liegt bei Ihnen. Niemand zwingt Sie dazu. Denken Sie darüber nach. Ich weiß, dass es eine schwere Entscheidung ist.« Vanessa machte eine Pause. »Sie könnten Larry auch verlassen. Sie trennen sich von ihm und bekommen Ihr Baby.«

Warmouth sah sie bestürzt an. »Ich könnte Larry niemals verlassen. Ich liebe ihn.«

»Würde er denn ein Kind akzeptieren, das nicht von ihm ist?«

»Nein, niemals! Er würde mich umbringen! Für ihn als Mann ist das sehr wichtig. Wenn er herauskriegt, dass ich ihn betrogen habe … und dabei liebe ich ihn doch! Ich will ihn nicht verlassen.« Sie wirkte sichtlich gequält.

Vanessa stand auf. »Ich rufe meine Freundin morgen früh an. Alles weitere liegt dann bei Ihnen.« Sie legte das Geld für ihre Getränke auf den Tisch und steckte das Diktiergerät wieder in die Tasche. »Kommen Sie, verschwinden wir hier.« Vanessa lächelte. »Ich begleite Sie zu Ihrem Wagen. Damit die Aliens Sie nicht holen.«

Terri Warmouth war nicht nach Lächeln zumute. »Ich wünschte, sie würden es tun«, sagte sie.

 

Vanessa fuhr von der Kneipe in die Büros vom Exposed, um die Geschichte über eine gigantische Ratte zu Ende zu schreiben, die in Slums Babys stahl. Angeblich war die Ratte so groß wie ein deutscher Schäferhund. Patrick Gorman, der Boss der Zeitung, hatte sich diese Story bei der wöchentlichen Redaktionskonferenz ausgedacht und Vanessa dazu verdonnert, sie zu schreiben. Sie fand diese Idee geschmacklos und hatte vehement protestiert. Schließlich hatte sie Gorman die Zusage abgerungen, sie gegen Terri Warmouths Entführungsmärchen durch Aliens ersetzen zu dürfen. Daraus würde ja nun leider nichts werden.

Das Magazin residierte in zwei Stockwerken eines ausgebauten Lagerhauses mit Blick auf die Kuppel des Kapitols. Dieses Viertel von Washington schwankte zwischen Verfall und Vornehmheit. In denselben Blöcken lagen verlassene Gebäude und Lofts, Behausungen von Junkies und Obdachlosen und renovierte Reihenhäuser, die jungen, aufstrebenden Arbeitnehmern gehörten. Vanessa schloss die Haustür auf, sperrte sie hinter sich zu und ging an der Leserbriefredaktion vorbei. Als sie bei der Zeitung anfing, hatten deren Obszönitäten sie noch amüsiert. In den letzten Jahren waren die Beiträge jedoch so bizarr geworden, dass sie Vanessa schon fast pervers vorkamen.

Sie ging die Treppe zum ersten Stock hinauf und meldete sich beim Sicherheitsbeamten, der ihr sagte, dass niemand sonst in der Redaktion war. Das war Vanessa nur recht. Nach ihrem Treffen mit Terri Warmouth sehnte sie sich nach Ruhe. Die Frau hatte sie erschöpft. Bedürftige Menschen flößten Vanessa immer Unbehagen ein, eigentlich merkwürdig, angesichts ihres Berufs. Die Regenbogenpresse lebte von den exotischen und psychotischen Geschichten, die ihnen Leute erzählten, die Schwierigkeiten hatten, sich in der realen Welt zurechtzufinden. Die Menschen, die Vanessa interviewte, glaubten für gewöhnlich fest an eine andere Welt, in der so viel Merkwürdiges und Wundervolles passierte, dass sie in ihr den Ansprüchen ihrer realen und meist trostlosen Existenzen entfliehen konnten.

Vanessa tippte ihren Sicherheitscode ein und schloss mit ihrem Schlüssel die Tür zum zweiten Stock auf. Dort wurde gewöhnlich fleißig an der nächsten Ausgabe gearbeitet. Das Büro wirkte durch seine gewölbte Decke größer als es in Wirklichkeit war. Die Decke war in demselben Grau gestrichen wie die dicken Dachbalken. Vanessa brühte sich eine Tasse Instantkaffee auf, bevor sie die Neonbeleuchtung anschaltete. Sie beleuchtete die Verschlage, in denen die Reporter arbeiteten. Ihre Kabine lag auf der anderen Seite des Ganges neben einem deckenhohen Bücherregal, in dem Ausgaben des Exposed und anderer Exemplare der Boulevardpresse lagen. Daneben zwängten sich zwei schwarze Aktenschränke aus Metall und ein Schreibtisch, auf dem ihr Karteikasten und ihr Computerbildschirm standen.

Vanessa gehörte zu den wenigen Auserwählten, die an einem Fenster saßen, aber es war zu dunkel, als dass sie draußen etwas hätte erkennen können. Sie nippte an ihrem Kaffee und plagte sich mit der Geschichte ab. Gesellschaft leisteten ihr die nächtlichen Geräusche, die bis hinauf in die heiligen Hallen drangen, wo die Büttel des Exposed für wenig Lohn und keinerlei Prestige Frondienste leisteten. Das Gehalt, das die Zeitung Vanessa zahlte, war lächerlich, aber sie war auf das Geld nicht angewiesen. Was sie benötigte, war der Presseausweis und damit der Zugang zu Datenbanken, damit sie ihre eigentliche Recherche fortsetzen konnte.

 

Vanessa wohnte in einem Backsteinhaus im Nordwesten Washingtons. Die Gegend war schwer angesagt und voller Restaurants, Jazzclubs und Bars. Nachts machte eine lautstarke Meute von Collegestudenten die Gegend unsicher. Vanessa genoss diese chaotische Szenerie, und ihre Wohnung lag so weit von der Achtzehnten entfernt, dass der Lärm nicht zu aufdringlich wurde. Weit nach ein Uhr nachts öffnete sie die Tür ihrer Wohnung im vierten Stock des Hauses. Sie hätte sich zwar etwas Besseres leisten können, aber sie lebte schon seit Jahren hier. Ihre Nachbarn ließen sie in Ruhe, und sie hatte genug Platz für ihr Recherchematerial, das sie zum größten Teil im Gästezimmer untergebracht hatte. Allmählich jedoch nahmen die Unterlagen auch Teile des Wohnzimmers in Beschlag. Es handelte sich dabei um den Bericht der Warren-Kommission, Bücher, die ihn kritisierten, um Schriften über die Vertuschung der Rosewell-Geschichte und Magazine über verdeckte Operationen der CIA und dergleichen. Versprach ein Buch oder ein Artikel eine angebliche Verschwörung der Regierung aufzudecken besaß Vanessa es oder hatte es zumindest gelesen.

Sie schaltete das Licht an. Beim Anblick des Pakets mit einem Absender aus New York sank ihr der Mut. Das Paket lag auf dem kleinen Tisch im Flur, auf dem Sam die Post deponierte. Vanessa nahm es mit ins Wohnzimmer. Sie knipste die Lampe neben dem Sofa an und setzte sich. Sie stellte das Paket auf die Magazine und alten Zeitungen, die sich auf dem Couchtisch stapelten. Eine Minute lang starrte sie das Paket an, bevor sie das braune Packpapier abriss. Zuoberst auf ihrem Manuskript lag ein Brief, der den Titel und die Versicherung verdeckte, dass sie die alleinige Autorin war. Vanessa zögerte, bevor sie den Brief nahm. Er war von dem Verleger des Parthenon-Verlages unterschrieben, der angeblich neuen Ideen offen gegenüberstand und keine Angst hatte, das Establishment zu provozieren. Der Verlag hatte bereits einige sehr umstrittene Enthüllungsgeschichten über Verschleierungsmanöver der Regierung veröffentlicht sowie ein Buch über einen Marinesoldaten, der Interna über ein Übungsmanöver verraten hatte, bei dem zwei Rekruten ums Leben gekommen waren.

 

Verehrte Miss Kohler,

ich habe Phantoms mit großem Interesse gelesen.

Leider habe ich mich entschieden, dass Ihr Buch nicht für Parthenon Press geeignet ist. Ich wünsche Ihnen alles Gute dabei, Ihr Manuskript woanders unterbringen.

 

Hochachtungsvoll

Walter Randolph

 

Vanessa kniff die Augen zusammen. Am liebsten hätte sie das Manuskript durchs Zimmer geworfen oder etwas zertrümmert. Sie hielt ihre Wut mühsam im Zaum und versuchte, sich abzuregen. Irgendwas stimmte hier nicht. Es konnte natürlich daran liegen, dass sie beim Exposed arbeitete und nicht bei der New York Times. Doch keine seriöse Zeitung würde jemanden mit ihrer Geschichte einstellen, also blieb ihr diese Seriosität verschlossen. Dennoch war Vanessa davon überzeugt, dass hier weit finsterere Mächte am Werke waren.

Außerdem verstand sie etwas von Recherche und hatte Walter Randolphs geheime Privatnummer herausgefunden. Sie hatte den Verleger überprüft, als sie überlegt hatte, wem sie ihr Manuskript schicken sollte. Vanessa wählte die Nummer in Connecticut und wartete, während das Telefon mehrmals läutete.

»Hallo?« Die Stimme klang verschlafen.

»Walter Randolph?«

»Wer ist da?«

»Vanessa Kohler.«

»Wer?«

»Phantoms. Sie haben das Manuskript gerade abgelehnt.«

»Es ist halb zwei Uhr morgens, Miss Kohler«, erwiderte Randolph, der sich deutlich bemühen musste, höflich zu bleiben. »Würden Sie mich bitte im Büro anrufen?«

»Wer hat Sie unter Druck gesetzt?«

»Um diese Uhrzeit diskutiere ich so etwas nicht.«

»War es mein Vater? Hat Sie jemand von der Regierung aufgesucht? Wurden Sie bedroht oder vielleicht bestochen?«

»Ich habe Ihr Manuskript abgelehnt, weil Ihre Behauptungen nicht ausreichend belegt sind, Miss Kohler. Hinter meiner Entscheidung steckt keine Verschwörung.«

»Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich Ihnen das glaube?«

Vanessa hörte einen Seufzer am anderen Ende. »Ich weiß nicht, wie Sie an diese Nummer gekommen sind, aber ein Anruf um diese Uhrzeit ist eine Verletzung meiner Privatsphäre. Ich werde das Gespräch gleich beenden, aber da Sie ja unbedingt die Gründe wissen wollen, werde ich sie Ihnen nennen. Sie haben nicht nur versäumt, Ihre dramatischen Behauptungen zu verifizieren. Darüber hinaus dürfte vor allem Ihre Vergangenheit verhindern, dass irgendein Verleger Ihnen auch nur die geringste Glaubwürdigkeit einräumt.«

»Meine Vergangenheit?«