Über das Buch

»Die Entschiedenheit, Klarheit, Härte und Sicherheit im Ton von Cemile Sahin ist eine Wucht.« Julia Encke, FAS

In neun Episoden erzählt Cemile Sahin von neun Menschen, die ihr Exil in einem Hochhaus im Westen der Türkei finden. Sie alle haben Folter, Gewalt und Verschleppung durch Einheiten der türkischen Armee und der Polizei erlebt. Darunter: Eine Mutter, die ihren toten Sohn auf einen Pick-up lädt. Ein Mann, der seine schlafende Tochter draußen ins Gebüsch legt, bevor er sein Haus anzündet. Eine Frau, die angekettet in einer Hundehütte gehalten wird. Während sie von ihrer Flucht berichten, holt sie der systematische Terror des türkischen Militärs wieder ein. ALLE HUNDE STERBEN ist eine Chronik über ein Land, geprägt von Militarismus und Nationalismus – entschieden, klar, furios erzählt.

»Verbrechen, Gewalt, Folter brauchen eine Sprache. Und hier sprechen sie.« Mely Kiyak

»Realität funktioniert in diesem Land nur über Gewalt, sagt Cemile Sahin. Hilft es, die Gewalt darstellbar zu machen? Nein, sagt sie; sie versucht es trotzdem. Und genauer hat es noch kaum jemand geschafft.« Klaus Theweleit

Über Cemile Sahin

Cemile Sahin ist Künstlerin und Autorin und wurde 1990 in Wiesbaden geboren. Sie hat in London und Berlin studiert und ist ars viva-Preisträgerin für Bildende Kunst. TAXI (Korbinian Verlag) war ihr Debütroman, ALLE HUNDE STERBEN ist ihr zweites Buch. Für ihr Schreiben wurde sie mit der Alfred Döblin-Medaille ausgezeichnet.

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Cemile Sahin

Alle Hunde sterben

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Episode Eins: Necla

Episode Zwei: Murat

Episode Drei: Nurten

Episode Vier: Birgül

Episode Fünf: Sara

Episode Sechs: Umut

Episode Sieben: Haydar

Episode Acht: Metin

Episode Neun: Devrim

Impressum

Kapitelstartbild

Wir sehen ein Hochhaus im Westen der Türkei. Das Hochhaus hat 17 Stockwerke. Auf jeder Etage sind sechs Wohnungen. Es gibt einen Aufzug. Keinen Dachboden, aber einen Keller. Wir stehen im Treppenhaus. Es ist dunkel. Über den linken Bildrand betreten Uniformierte das Hochhaus. Sie stürmen die Treppen hinauf.

3:44 PM

Kapitelstartbild

EPISODE EINS:
NECLA

Necla wohnt im Erdgeschoss. Necla hat pechschwarzes Haar. Necla hat einen Hund. Necla möchte hier nicht bleiben.

Ich habe immer alles erzählt. Ich berichte jeden Tag vom Alltag. Ich habe von den Dingen gesprochen, die ich kenne. Vielleicht nicht ganz genau von denen, die ich gesehen habe, aber dennoch habe ich immer die Wahrheit gesagt. Ich stehe oft in meiner Küche, hinter dem Tisch, hinter dem Vorhang. Die Dinge, die ich sehe, passieren meist ausschließlich vor meiner Tür, auf der Straße. Es ist fast wie ein Film. Aber ich kann weder vor- noch zurückspulen oder auf Pause drücken. Ich wohne im Erdgeschoss und lebe allein. Ich heiße Necla und ich trage über meinen Socken, die sind sehr warm, noch ein zweites Paar Socken, die sind aus Wolle und besonders dick. Die trage ich, damit ich mich wie ein Spitzel in meiner Wohnung bewegen kann. Ich lebe allein und halte beim Laufen die Luft an. Wer könnte mich hören? Die Nachbarn könnten mich hören. Wer von ihnen hat mich bereits gehört? Alle von ihnen. Wenn sie mich hören, dann passiert immer dasselbe: Sie denken an mich, das erinnert sie an alles, was ich bisher getan habe, und dann hassen sie mich. Sie hassen mich, denn ich füge ihnen Schaden zu. Was habe ich getan? Ich tue etwas, das ich schon seit einigen Jahren tue. Ich verrate meine eigenen Leute.

Was bedeutet Verrat? Verrat ist das Gegenteil von Tod. Es ist eine Versicherung für das Leben. Ich möchte weiter leben, nicht sterben. Wirklich.

Ich wohne seit elf Jahren in diesem Hochhaus. Als ich hierherkam, hatte ich einen Hund. Mein Hund hieß Bero. Ich sagte immer: Bero, es gibt Essen. Dann stellte ich eine Schüssel mit Fleisch auf den Steinboden, und Bero fraß, bis die Schüssel leer war. Als Bero fertig gegessen hatte, starrte er die Schüssel weiter an, und ich sagte: Bero, du hast schon gegessen. Bero jaulte einmal auf, und ich lachte und ich nahm die Schüssel vom Boden und stellte sie in die Spüle. Das ist alles, was wir haben, sagte ich: eine leere Schüssel mit Fleisch. Wissen Sie, ich denke viel an Bero und diese Schüssel. Eine leere Schüssel in der Spüle beschreibt mein Leben sehr treffend. Ich kam zu Fuß hierher.

Es ist auch egal, wie es passiert ist. Was spielt das noch für eine Rolle? Ich hatte diesen Hund an der Leine. Jetzt wohnen wir im Erdgeschoss. Ich weiß nicht, wo meine Kinder sind. Ich weiß aber, wo mein Hund war. Mein Hund lag auf einer Decke, die ich vor dem Ofen strickte, bevor ich mein Haus verlassen habe. Bero war ein Hirtenhund. Die Schnauze und die Ohren waren dunkelbraun. Der restliche Körper war beige. Wenn Bero neben mir stand, dann ging er mir bis zur Hüfte. Um den Hals trug er ein von mir gestricktes Halsband, das war rot.

Eines Tages kam ein Wachmann zu meinem Haus. Als es an der Tür klopfte, dachte ich, es sei die Nachbarin. In der linken Hand hatte ich mein Teeglas und mit der rechten Hand öffnete ich die Tür und sagte fröhlich: Fatma, du bist zu früh. Ich öffnete die Tür, aber da stand nicht Fatma, sondern ein Mann. Er trug eine Uniform. Die Mütze passte nicht. Der Gürtel auch nicht. Erst lächelte er mich an, dann schlug er mir das Teeglas aus der Hand.

Wo ist er?, schrie er.

Ich fragte: Wer?

Er zog mir das Kleid und die Schuhe aus, auch die Socken, bis ich barfuß war, daran erinnere ich mich noch gut. Er zog einen Stab aus seinem Gürtel, zuallererst dachte ich, es sei eine Gabel. Er schlug mir ins Gesicht. Und dann auf meine Fußsohlen. Das machte er solange, bis meine Füße brannten. Da schrie ich zum ersten Mal auf. Mein Hund kam aus dem anderen Zimmer angerannt. Da schlug der Wachmann auch meinen Hund. Ich lag auf dem Boden und fragte mich, ob er ein Polizist ist oder ein Soldat. Mein Hund jaulte, denn auch ihn traf der Metallstab. Bero versuchte, nach dem Wachmann zu schnappen, er hielt meinen Hund am Halsband fest, dabei liefen mir die Tränen über die Wange. Der Wachmann war stärker, obwohl mein Hund mehr als 50 Kilo wog. Ich wog 70 Kilo, mehr als mein Hund, weniger als der Wachmann, aber wir waren schon in der Falle.

Der Wachmann packte mich an den Haaren und schleifte mich aus der Wohnung hinaus. Er schleppte mich über die Treppen, durch das Tor, in den Hof. Es war ein kleiner Hof, auf dem drei Autos standen. Der Haushaltsmüll war aufgestapelt zu einem Müllberg, dort gibt es keine Müllabfuhr. Neben dem Müllberg stand Beros Hundehütte. Mein Mann hatte sie vor Jahren gebaut, aber Bero hat sie nie benutzt. Wir hatten ihn immer drinnen in der Wohnung. Aber ich mochte seine Hütte. Sie war rot, wie Beros Halsband.

Der Wachmann schleifte mich weiter. Der Bauch tat mir weh, auch die Beine, der Boden war schlecht betoniert, und mit jedem Schleifen weiter in Richtung Hundehütte bohrte sich die schlecht asphaltierte Straße in meine Haut. Vor der Hundehütte angekommen drehte der Wachmann meinen Kopf erst zurück Richtung Haus, dann zur Hundehütte. Und erst danach knallte er meinen Kopf zu Boden. Davon wurde ich benommen.

Er sagte: Du wartest hier.

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie er zu einem der Autos ging und die Tür öffnete, er kam mit einer Plastiktüte wieder. In der Plastiktüte war ein Halsband. Er legte mir ein Hundehalsband um. Das Ende der Kette wickelte er zweimal um ein Stück Holz und hämmerte es in die Erde neben der Hütte. Dann quetschte er mich in die Hundehütte. Ich bin eine erwachsene Frau, und die Hundehütte, die war nicht klein, aber auch nicht groß. Ich musste die Beine anziehen, bis ich hineinpasste.

Er sagte: Was machen wir mit euch Hunden?

Ich sah zu Bero und fing an zu weinen.

Nein, nein, sagte er. Nicht er – und er deutete auf Bero – sondern du.

Er hielt Bero immer noch am Halsband fest, das wurde immer dünner mit der Zeit, ich dachte, es reißt wie ein Strick mit seiner Last in zwei Teile. Aber ich dachte auch, das ist etwas Gutes. Dann kann Bero wenigstens wegrennen und wäre dadurch gerettet. Jede Person, die gerettet werden kann, ist eine Person mehr. Selbst wenn mein Bero nur ein Hund ist.

Dann schoss er auf mich. Erst nach der neunten Kugel begriff ich, dass er schoss, um mir Angst einzujagen. Er wollte mich gar nicht treffen. Ich schrie: BERO, denn mir fielen die Namen meiner Kinder nicht mehr ein. Der Hals von meinem Hund lag immer noch umschlungen in der Hand des Wachmanns. Und ich wusste: Das macht er mit Absicht. Auch in der Hundehütte lag Müll. Es roch wie draußen. Aber ich habe es erst gerochen, als die Kugeln an mir vorbeiflogen. Erst im Kugelhagel dachte ich an den Gestank.

Ich hatte zwei Kinder, zwei. Manchmal vergesse ich das. Bitte lachen Sie mich nicht aus. Ich vergesse es, weil sie nicht hier sind, und ich vergesse, wie lange es her ist. Ein Leben kann sehr lang sein. Ich war in dieser Hundehütte. Erst kam der Winter. Dann der Frühling. Ich kann nur noch eine Sache aus diesem Leben in der Hütte erzählen: Immer wenn der Wachmann kam, musste ich aus meiner Hütte kriechen, erst vor ihm auf den Knien warten, bis er sagte: Steh auf. Am Anfang habe ich mich noch gewehrt, aber irgendwann habe ich damit aufgehört. Nicht wegen meines Willens, sondern wegen einer einfachen Sache: Wenn ich tat, was er sagte, bekam ich weniger Schläge. Das half beim Überleben. Niemand möchte so sterben.

Ich wusste nicht, wo die anderen sind. Ich war ganz allein mit einem Halsband, in einer Hundehütte, an den Boden gekettet. Warum? Dann musste ich aufstehen und vor ihm salutieren, mit der rechten Hand an der Schläfe, und er brüllte: HAND STRAFF HALTEN, bis er lachte, STRAFF STRAFF, und mich wieder auf die Knie zwang. So ging das stundenlang. Damit ich dabei nicht den Verstand verlor, zählte ich im Kopf laut mit. Eins. Zwei. Drei. Selbst wenn er mich schlug. Ich versuchte mich an die Zahlen zu klammern. Vier. Fünf. Sechs. So verging eine Geschichte. Sieben. Acht. Neun. Ich bekam Krämpfe in den Beinen und Armen. Zehn. Elf. Zwölf. Das muss er niemandem erklären. Ich dachte daran, dass er mich töten will.

Er sagte: Du Hure, friss.

Er warf mir eine Plastiktüte hin, und ich sah die Plastiktüte an, als würde sie mir etwas bedeuten. Dann holte der Wachmann aus der Plastiktüte eine Ratte, die war tot, und ein Stück Fleisch, das war gegrillt. Ich konnte nicht erkennen, was für Fleisch es war. Es war hell, vielleicht war es Hühnchen. Meinem Hund warf er das helle Fleisch hin. Der Wachmann und ich, wir sahen Bero beim Fressen zu. Dabei hielt er Bero mit der Hand am Hals fest. Sein gestricktes Halsband war immer noch nicht zerrissen. Darüber war ich sehr froh. Es war die einzige friedliche Sache in diesem Moment. Dann packte er die Ratte am Schwanz und warf sie mir vor die Füße: Friss, sagte er. Ich wandte den Blick nicht ab von ihm, aber dann kam er einen Schritt auf mich zu, und erst dann sah ich auf den Boden zur Ratte. Das war im Winter.

Im Schnee lag die Ratte, ich kniete vor ihm. Der Wachmann lies Beros Hals los und packte stattdessen meinen. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht, denn sonst hätte ich meinen Mund geöffnet. Er drückte meinen Hals nach hinten und öffnete mit der anderen Hand meinen Mund. Ich schrie erst, als die Ratte näherkam. Dann war die Ratte in meinem Mund, und ich wollte erbrechen. Es war eine Ratte, die war tot, ich war angekettet, und mein Mund ging nicht zu, ich war voller Ekel, für mich und für Bero, aber dieser Ekel hat nichts an der Situation geändert. Ich bekam keine Luft, röchelte, dachte an etwas anderes und versuchte, nicht zu schlucken und rang weiter nach Luft, aber ich dachte, ich ersticke. Dasselbe ist meinem Mann passiert. Er war in den achtziger Jahren im Gefängnis. Nur einmal erzählte er mir davon. Jetzt ist es zu spät, um an seine Geschichte zu denken. Der Wachmann platzierte eine Hand auf meinen Kopf und die andere auf meinem Kinn. Dann drückte er beide Hände aufeinander zu, bis ich auf die Ratte biss und schlucken musste. Mehr fällt mir dazu nicht mehr ein. Ich bin zu Boden gefallen, vielleicht in Ohnmacht, aber er wollte, dass ich weiter salutiere, meine Knie waren blau vor Kälte, dann bin ich eingeschlafen.

Dann passierte eine Sachen nach der anderen. Ich hörte Maschinengewehre, ich sah den Wachmann, der auch nicht wusste, was los ist. Er kam auf mich zu, trat mir in den Bauch, ins Gesicht, band den Hals meines Hundes an meinem Hals fest und lief weg. Der Lärm wurde lauter, und ich fing an, in der Erde zu buddeln, um meine Kette vom Holzstück zu lösen. Warum war ich nicht vorher auf die Idee gekommen? Warum habe ich nachts, als ich in der Hundehütte gefroren habe, nicht angefangen zu graben? Ich buddelte und weinte. Ich dachte an die Ratte und weinte. Ich sah eine Frau, die mit blutunterlaufenen Fingern wie ein Hund grub, an einen anderen Hund angekettet, und gar nicht mehr aufhörte. Ich sah eine Frau und dachte an die Haare auf ihrem Kopf, die ihr ausgefallen waren. Ich grub weiter, bis ich anfing, Rauch zu riechen. Ich grub schneller und war immer noch angekettet. Das haben wir beide erlebt, sagte ich zu Bero.

Ich griff nach einem großen Plastiksack und warf ihn mir als Jacke über. Bero, flüsterte ich, Bero, komm. Dann sind wir einfach losgelaufen. Wir waren beide abgemagert. Ich legte meine Hand, wie es der Wachmann immer getan hatte, um den Hals meines Hundes und streifte sein gestricktes Halsband von seinem Hundekörper. Auf dem Weg hierher zerteilte ich sein Halsband in viele kleine Stücke. Ich ließ die Stücke auf dem Weg fallen, damit meine Kinder uns finden konnten, falls sie es schaffen und nach uns suchen sollten.

An dem Tag, als der Wachmann kam, waren sie nicht in der Schule. Ich wusste schon länger, dass jemand kommt, um uns zu holen. Eines Abends packte ich ihre Sachen. Mein älterer Sohn war damals elf Jahre alt. Ich kann seinen Namen nicht sagen, denn draußen auf der Straße hatte ich ihn vergessen. Und dieser Teil der Geschichte ist schlimmer als die Ratte, die ich essen musste. Ich packte seine Tasche: ein paar Unterhosen, ein Paar Socken, zwei Hosen. Ich rollte die Sachen wie ein Baguette, damit genügend Platz im Rucksack blieb. Dann rollte ich die zwei selbst gestrickten Pullover zusammen, ein Bild von unserer Familie und einen Kamm, und legte sie ganz oben auf die anderen Kleidungsstücke. Langsam wanderte der Reißverschluss am Rucksack entlang. Ich tat dasselbe für mein zweites Kind, das war acht Jahre alt.

Es war noch dunkel draußen, aber ich weckte meine Kinder und zerrte sie aus dem Bett. Ich zog ihnen ihre Socken, die Hose, ein Unterhemd, ein Hemd und einen Pullover an. Dann eine Jacke. Ich packte ihnen so viel Brot und Käse ein, wie sie tragen konnten. Dann gab ich ihnen alles Geld, das ich noch hatte, brachte sie zur Tür und umarmte sie sehr, sehr lange. Damit sie nicht weinten, lachte ich. Ich versuchte so zu tun, als sei es nicht schlimm, aber natürlich war es schlimm. Jetzt fragen Sie sich, wie ich das tun konnte, ja, ich weiß, dass Sie sich das fragen. Aber dafür gibt es keine einfache Lösung. Schreiben Sie das auf. Ich weiß nicht, ob es überhaupt eine Erklärung dafür gibt.

Unser Haus stand dort, wo wir zu Hause waren, und ich stand mit meinen beiden Kindern mitten in der Nacht vor der Tür, da kreischten die Grillen, und ich schickte sie los in eine andere Stadt zu meinem Bruder. Meine Kinder fingen an zu laufen, weil ich sagte: Ihr müsst gehen. Nur so überlebt man Gewalt, ist stärker als sie: indem man seine Kinder beschützt. Ja, nur so.

Ich wusste, dass der Wachmann kommt. Als er kam, tat ich bloß überrascht. Aber mir war klar, dass sie meinen Mann suchten. Mein Mann heißt Ferhat. Ferhat ist ein lieber Mensch. Sie haben meinen Mann gesucht, und mich dabei mit einer Kette an den Boden gehängt. Wir werden aus unseren Häusern geholt, und dann verschwinden wir. Jetzt sind wir hier, sagte der Wachmann zu mir. Das versuchte ich zu überhören, stattdessen habe ich versucht, mir sein Gesicht einzuprägen. Keine Falte und kein Haar zu vergessen.

Ich dachte: Eines Tages werde ich zurückkehren.

Ich war mir sicher: Eines Tages zahle ich ihm das heim.

Und das tue ich noch nicht einmal nachts, sondern am helllichten Tag, so dass es alle sehen.

Ich bin aber nicht zurückgekehrt, stattdessen sitze ich hier im Erdgeschoss und warte seit elf Jahren auf die Ankunft meiner Kinder. Ich wohne im Erdgeschoss, damit meine Kinder keine Treppen laufen müssen. Ich wohne im Erdgeschoss, damit ich einfach die Tür öffnen und rennen kann, falls meine Kinder kommen und ich meine Kinder sehe. Ich bin nicht einmal gerannt, als ich aus der Hundehütte entkam. Aber für meine Kinder würde ich rennen. Auch für meinen Mann. Ich wohne im Erdgeschoss, damit ich jeden Tag mit meinem Stuhl am Fenster sitzen kann, um auf die Straße zu blicken. Wenn meine Kinder tot wären, würde ich das wissen. Für mich bedeuten die elf Jahre, in denen ich auf meine Kinder warte, auch etwas Gutes: Ich weiß, dass sie in Sicherheit sind. Jeder Tag, der vergeht, versichert mir, dass sie am Leben sind. Wenn sie tot wären, hätte mich mein Bruder angerufen, aber auch von ihm habe ich seit elf Jahren nichts gehört. Und nichts zu hören ist ein gutes Zeichen. Denn das bedeutet: Sie haben ein Versteck gefunden. Ich stelle mir einfache Dinge vor: Sie sind in Sicherheit und müssen nicht auf dem Boden schlafen, sondern haben ein richtiges Bett. Ich wünsche meinen Söhnen ein langes und gesundes Leben.

Hier spreche ich mit niemanden. Ich gehe nicht gerne hinaus. Ich habe niemanden, dem ich erzählen kann, was passiert ist. Ferhat hat gesagt, im Gefängnis wollen sie einen brechen. Sie wollen, dass man sich umbringt, damit sie es nicht machen müssen. Ich würde gerne mit meinem Mann Ferhat reden, aber ich möchte ihm nicht erzählen, was passiert ist. Ich möchte mit ihm einen Film gucken und ihm erzählen, was ich darüber denke.

Natürlich konnte ich nicht mehr dort bleiben. Überall hat es gebrannt. Ich hatte einen dreckigen Plastiksack an, und mein Bero, der abgemagert war, war das einzige, das ich retten konnte. Der Wachmann hat ihm ein Bein abgehackt, aber zum Glück ist die Wunde verheilt. Bero hat sich an die drei Beine gewöhnt, wie ich mich an die Hundehütte. Man gewöhnt sich an alles. Auch Tiere passen sich dem Unglück an.

Auf dem Weg hierher traf ich niemanden. Ich war verlaust. Ich dachte: Das geschieht dir recht. Die Cousine meines Mannes, Ayten, sie wohnte hier bereits und nahm mich auf. Ich klopfte nachts gegen das Fenster, ich versuchte Ayten zu sagen. Aber ich hatte so lange nicht gesprochen, aus meinem Hals kam ein Fiepen, ich habe mich selbst kaum verstanden. Ayten, Ayten, ich kratzte mit den Fingern an der Scheibe. Erst dachte sie, ich sei ein Einbrecher, sie erschrak, als sie mich draußen am Fenster sah, und ich brachte ihren Namen immer noch nicht über die Lippen. Erst als sie Bero sah, wusste sie, dass ich es bin. Sie schrie: SEIN BEIN. Ich hielt Bero am Hals fest wie der Wachmann.

Sie steckte mich in die Badewanne, ich glaube, ich saß zwei Tage in dieser Wanne, der Dreck hing fest an mir. Meine Haut war grün und blau, die Adern an meinen Beinen waren geplatzt. Die Läuse sprangen von meinem Kopf ins Wasser, dann auf den Rücken und stachen mich. Ayten musste meine langen schwarzen Haare, die ich immer so geliebt habe, abrasieren. Erst als das passierte, habe ich sehr laut geweint und endlich die Namen meiner Kinder gerufen.

Ayten machte mir ein Bett zurecht. Es war das erste Mal seit acht Monaten, dass ich wieder ein normales Bett sah. Bero legte sich an das Fußende. Das war die schlimmste Nacht meines Lebens. Denn ich war nicht mehr mit dem Draußensein bestraft, ich war für den Moment sicher in einem warmen Haus unter einer warmen Bettdecke bei einer Verwandten.

Eines Tages kam ein Mann zu Ayten. Da wohnte ich schon nicht mehr bei ihr in der Wohnung, sondern war ins Erdgeschoss gezogen. Wissen Sie, es ist natürlich sehr praktisch, dass wir alle auf einem Fleck sind. In jeder Etage gibt es mindestens sechs Wohnungen. Und wenn wir hier alle auf einem Fleck sind, hat man die Kontrolle darüber, was wir machen. Und eben auch, was wir nicht machen. Polizisten kommen hierher und sagen: Ihr könnt nicht alle das Land verlassen. Aber ich möchte sowieso nicht das Land verlassen, ich muss in diesem Land auf meine Kinder warten.

Wenn meine Kinder wiederkommen, dann warten wir auf meinen Mann. Und wenn mein Mann wieder da ist, dann verlassen wir dieses Hochhaus. Ich weiß, dass viele weggegangen sind. Ich weiß nicht, wie sie das angestellt haben. Manche sind einzeln losgezogen und manche als Gruppe. Auf dem Weg mussten sie sich manchmal wieder voneinander trennen. Bero und ich, wir können das nicht. Bero und ich, wir warten in einem Zimmer in der Wohnung.

Ein Mann, er hieß Murat, kam nachts. Er war ein hochgewachsener, karger Mann mit einem schwarzen Schnauzer. Sein Gesicht war blutunterlaufen. Er trug eine Plastiktüte mit Reißverschluss auf seiner Schulter, die war unversehrt. Ayten hatte Angst, dass uns jemand sieht. Sie zog Murat in ihre Wohnung und löschte die Lichter. Dann mussten wir uns auf den Boden setzen. Hast du sie gesehen? fragte ich so leise wie möglich, aber Ayten schlug mir gegen die Schulter, packte mich am Hals und sagte: Necla, schrei nicht.

Als sie mich am Hals packte, wollte ich wieder auf den Wachmann einprügeln. Murat sagte, mein Mann Ferhat sei eingekesselt oben auf einem Berg. Dieser Berg ist schön und hat vier Gipfel. Jeder dieser Gipfel ist über 2000 Meter hoch. Mein Mann sei nicht bei meinen Kindern, aber mein Bruder. Mein Mann sei auf einem Berg, aber eingekesselt von Soldaten. Eine Kugel habe seinen Arm getroffen. Murat erzählte, mein Mann Ferhat sei daraufhin kurz umgefallen. Die anderen Männer dachten, er sei in Ohnmacht gefallen, aber dann haben sie bemerkt, dass sein rechtes Bein weggesackt ist, weil ihn auch dort eine Kugel getroffen hat. Er schleppte sich mit drei anderen Männern in eine Höhle, und dort versteckten sie sich. Das war vor ein paar Monaten. Ist er tot? fragte ich. Murat verneinte und sagte: Er ist losgegangen. Mein Mann Ferhat hat sich auf den Weg gemacht, um zu meinem Bruder zu gelangen, um bei unseren Kindern zu sein. An diesem Abend lag ich im Bett und dachte darüber nach, wie die Luft in 2000 Meter Höhe ist.

Ich fragte mich, ob Ferhat dort oben wegen der Schussverletzungen besser oder schlechter atmen konnte. Ich stand auf und wollte Murat fragen. Ich schlich mich im Dunkeln in sein Zimmer, aber sein Zimmer war leer. Dann bin ich rüber in Aytens Zimmer, habe sie wachgerüttelt, erst hat sie sich erschreckt, dann wieder beruhigt.

Wo ist er?

Weg.

Ich ließ Aytens Hals los. Ich setzte mich an ihre Bettkante und seufzte. Wo ist er hin? fragte ich. Ayten richtete sich auf und zuckte bloß mit den Schultern. Dann sagte sie: Wir beide sind hier. Und als sie das sagte, wurde mir klar, dass Murat, der Mann mit dem blutunterlaufenen Gesicht und der Plastiktüte mit Reißverschluss auf seiner Schulter, vielleicht aus Mitleid oder Güte in die Wohnung von Ayten gekommen war, es aber nicht über das Herz gebracht hatte, mir die Wahrheit zu sagen. Als Ayten anfing zu weinen, habe ich es endlich verstanden. Und Ayten fing an zu weinen, weil sie es in dem Moment, ebenso wie ich, begriffen hatte. Mein Mann Ferhat ist nicht zu unseren Kindern gefahren. Mein Mann Ferhat wurde von zwei Kugeln getroffen: einmal in den Arm und einmal in sein Bein. Mein Mann Ferhat ist gestorben auf einem Gipfel in 2000 Meter Höhe. Das kann man sich nicht vorstellen. Das kann man sich nicht ausdenken.

Ich sackte zu Boden, quetschte mich unter Aytens Bett, bis ich reinpasste. Da war ich gefangen wie in der Hundehütte. Dann endlich flüsterte ich leise: Mein Mann. Ayten versuchte, mich herauszuzerren, aber ich bohrte die Finger in das Bettgestell. Ayten zieht an meinem Kleid, ich schreie: Ferhat, sie zieht weiter und immer fester, und mein Kleid reißt in zwei Teile, weil Ayten mich zieht, und ich am Bett ziehe, und wir beide nicht loslassen. Als mein Kleid reißt, höre ich genau hin. Es ist das Geräusch, vor dem ich mich gefürchtet habe. Ich dachte, es passiert mit Beros Halsband in den Händen des Wachmanns. Ich höre das Geräusch, und dann schreie ich die Namen meiner Kinder. Ich möchte meinen Mann Ferhat beerdigen, aber ich weiß nicht, auf welchem Gipfel er liegt.

Irgendwann kommt Bero in Aytens Zimmer, legt sich neben Ayten auf den Boden und sieht mich an. Ich sage: Ich werde ihn finden, das sage ich zu Ayten.

Aber wissen Sie, und das sage ich zu Ihnen, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu suchen. Ayten hat dann eine Kerze angezündet. Ich habe angefangen zu stricken. Ich will erst eine Decke für meinen Mann stricken, in der er beerdigt werden kann. Danach stricke ich ein Halsband für Bero. Und zum Schluss stricke ich mir eine Decke. Falls ich bald sterbe, möchte ich neben meinem Mann beerdigt werden. Ebenfalls in eine Decke gehüllt. Dann habe ich Ayten von der Ratte erzählt. Sie hat sich übergeben, und ich habe weitergestrickt. Dann ist mir aufgefallen, wie grau ihre Haare geworden sind, ich strickte weiter und wusste nicht mehr, wie lang meine Haare inzwischen sind. Aber ich habe die Stricknadel nicht abgesetzt, um mir mit der Hand über den Kopf zu fahren. Ich war mir nicht mehr sicher, wie lange ich schon hier bin. Ich strickte also weiter, weil das meine Antwort für dieses Leben ist.

Am nächsten Tag habe ich beschlossen, zu meinem Bruder zu fahren. Ich wollte meine Kinder holen. Und woanders hingehen. Ich sagte: Ayten, wir müssen hier weg. Ich ging hinunter in meine Wohnung. Wir müssen alle hier weg, wir müssen zurück nach Hause,