Über das Buch

Eine Liebe in unruhiger Zeit.

Deutschland, 1925: Die mittellose Sekretärin Anna rettet einen Mann, der nachts in Berlin angeschossen wird. Maxim Rose, der, obwohl Sohn eines Reeders, in den Matrosenaufstand von 1918 verwickelt war, lädt sie als Dank zu seiner Familie nach Kiel ein. Anna nimmt das Angebot gerne an – doch bald steckt Maxim erneut in Schwierigkeiten. Es wird ihm ein politischer Mord vorgeworfen. Anna steht ihm weiter bei – auch weil sie sich in dessen Freund, den eigenwilligen Kapitän Brandis, verliebt hat. Doch das Glück der beiden ist von Anfang an bedroht. Auch Brandis hat mächtige Feinde.

Ein packendes Frauenschicksal vor dem Hintergrund der Weimarer Republik

Über Claudia Gross

Claudia Gross studierte Germanistik und Philosophie, bevor sie eine eigene Buchhandlung eröffnete. Im Jahr 1999 erschien ihr erster Roman »Die Runenmeisterin«. Sie lebt in Nettetal am Niederrhein. Ihre Faszination für Segelschiffe, deren Tage Anfang des 20. Jahrhunderts schon gezählt waren, führte sie an die Ostsee nach Kiel und zu der Geschichte des Matrosenaufstands, der sie zu diesem Roman inspirierte.

Im Aufbau Taschenbuch ist ihr Roman »Deutschland 1925. Annas Reise« lieferbar.

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Claudia Gross

Deutschland 1925

Annas Reise

Roman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Epilog

Impressum

Berlin, September 1925

1

Sie trafen sich in den verräucherten Hinterzimmern der Berliner Kneipen. Ihre Treffen waren konspirativ, aber vorne an der Theke wusste so mancher, wer sie waren. Er ließ sie gewähren, denn auch Verschwörer hatten trockene Kehlen. Sie wechselten die Kneipen wie ihre Hemden, nur ihre Ziele blieben die immer gleichen. Bürgerkrieg, Umsturz, Putsch. Sie trugen Decknamen wie Thor, Hansen, Störtebecker und suchten nach Wegen, die ihnen verhassten Demokraten samt ihrer Weimarer Verfassung aus dem Reichstag zu jagen. Bereits nach dem Krieg hatten sie ihre Fühler ausgestreckt und sich in einem feinmaschigen Netz übers ganze Land verbreitet, bis ihre Organisation durch einen Beschluss der Nationalversammlung verboten worden war.

Vor vier Jahren hatten zwei von ihnen Reichsfinanzminister Matthias Erzberger erschossen und waren seitdem auf der Flucht. Sie lebten mittlerweile irgendwo in der ungarischen Puszta, aber Paul, ein Dritter, der ihnen bei dem Mord an Erzberger geholfen hatte, irrte, von der Polizei gesucht, immer noch herum. Er hatte den Kontakt zu seinen beiden Kameraden verloren und sich seit einem Monat in einem Berliner Keller verkrochen, wo er auf eine günstige Gelegenheit wartete, endlich über die Grenze zu kommen. Zwei Fluchtversuche waren schon gescheitert, und langsam wandelte ihn die Angst an, in diesem dunklen, kalten Kellerloch verschimmeln zu müssen. Hier gab es nichts außer einer alten Matratze, einer Decke, einer Kanne mit Wasser und einer umgestülpten Obstkiste, auf der einige Kerzen standen, dazu noch ein Teller und ein Messer. Auf der Matratze lagen seine Bücher und ein paar Flugblätter, und sein einziges Vergnügen bestand im Lesen eines Buches, das ein unbekannter Kamerad ihm vor einer Woche heimlich durch das Fenster geworfen hatte. Es war der frisch erschienene Titel eines Gesinnungsgenossen mit Namen Adolf Hitler.

Jeden Abend, wenn es dunkel geworden war, kam Pauls Kamerad Hansen vorbei und brachte ihm etwas zu essen. Ein Stück Brot, ein Stück Käse oder Wurst, alles eingewickelt in ein Halstuch. Manchmal auch ein Bier oder eine Flasche Schnaps. Dann saßen sie ein paar Minuten zusammen, diskutierten über die Möglichkeiten, das Volk gegen die Demokraten aufzuwiegeln und die Macht in Deutschland zu übernehmen, und wenn Hansen gegangen war, blieb Paul wieder allein. Besonders die Nächte machten ihm zu schaffen, denn außer einer Kerze gab es kein Licht, und wenn die Sonne vor dem winzigen Fenster unterging, stand ihm eine endlos scheinende Nacht bevor.

Bis Hansen eines Abends ohne Halstuch und ohne Schnaps die Kellertür aufriss und der Strahl seiner Taschenlampe Paul direkt ins Gesicht traf.

»Du musst hier raus«, sagte Hansen entschieden und leuchtete im Raum umher.

»Warum?«

»Gestern war die Polizei im ersten Stock. Keine Ahnung, was die wollten, aber heute Morgen war schon wieder einer da. Du bist hier nicht mehr sicher. Viel hast du ja nicht. Pack alles zusammen und dann komm.«

Paul sprang auf und stopfte das Wenige, das er noch bei sich hatte, in einen alten Kartoffelsack. Hemd, Hose, Unterwäsche, Socken, die Bücher und die Flugblätter.

»Und wo soll ich bleiben?«

»Erst mal bei Ulla und bei mir. Das Risiko müssen wir eingehen. Außerdem gibt es einen neuen Plan, wie du über die Grenze kommst.«

»Ein neuer Plan? Was habt ihr vor?«

»Ich nenne keine Namen und sage dir auch nicht, was wir vorhaben. Je weniger du weißt, desto besser. Den Plan und alles, was dazugehört, wirst du erst in allerletzter Minute erfahren. Aber diesmal wird es bestimmt klappen. Und jetzt komm.«

Paul blieb stehen und sah sich ein letztes Mal um, ob er nicht etwas vergessen hatte.«Eine Schande ist das«, knurrte er.

»Was meinst du?«

»Dass sich unsereins bei Nacht und Nebel heimlich durch die Stadt schleichen muss. Von Rechts wegen müsste sie uns gehören, uns und nicht diesem Demokratenpack.«

»Eines Tages wird sie uns gehören. Das ganze deutsche Reich wird uns gehören, Paul, das ist mal so sicher, wie Erzberger in seinem Grab verrottet. Und jetzt komm endlich.«

Oktober 1925

2

Ein blauer Schimmer der letzten Leuchtreklame glänzte noch auf dem regennassen Asphalt, als Maxim auf einer menschenleeren Straße heimwärts ging. Es war spät, zu spät, um noch einen Happen zu essen, und so würde er hungrig und müde von einer durchzechten Nacht ins Bett fallen und schlafen wie ein Stein. In seinem Kopf steckte die Melodie dieses Liedes, die er nicht mehr loswurde und vor sich hin summte. On Ilkley moor bath’at …

Seinen letzten Absacker hatte er mit Freund Georg im »Gestreiften Krokodil«, einer Kneipe am Potsdamer Platz, getrunken. Mit ihnen war ein halbes Dutzend Engländer in der Pinte gelandet, die sofort diesen Ohrwurm zum Besten gegeben hatten. Ein altes Lied mit unzähligen Strophen aus ihrer Heimat Yorkshire, das Geschichten aus dem unheimlichen, kalten Ilkley-Moor erzählte, in dem man ohne Hut glatt erfrieren würde.

Als sie endlich aufgebrochen waren und vor der Kneipe standen, hatte Georg noch scherzhaft bemerkt, sie trügen ja gar keine Hüte, aber sie seien ja auch nur in Berlin und nicht im Ilkley-Moor. Dann hatten sie sich lachend voneinander verabschiedet und waren auseinandergegangen.

Vor Maxim tauchte die Silhouette der Parochialkirche auf, und der Regen wurde stärker. Im diffusen Schein einer Laterne tanzten die Tropfen vor seinen Augen, und er schlug den Mantelkragen höher. Er hörte nichts als seine immer noch summende Stimme, seine Schritte und das sanfte Rauschen des Regens, als sich ihm plötzlich etwas in den Rücken bohrte und ihn gegen die Wand des nächsten Hauses schleuderte. Er rutschte ein Stück an der Wand hinunter, dann fiel er wie ein Senkblei auf das Pflaster und fasste sich unwillkürlich an die Schulter, in der ein rasender Schmerz steckte. Er fing an zu zittern, das Zittern erfasste seinen ganzen Körper, seine Beine, seine Hände, und dann wollte er schreien, aber der Schrei blieb in seiner Kehle stecken.

Er wusste nicht, wie lange er hier schon gelegen hatte, unfähig, sich zu bewegen, als er ein verschwommenes Gesicht wahrnahm, das sich über ihn beugte.

»Können Sie mich verstehen?«, fragte eine weibliche Stimme, und er schaffte es, ein Nicken zustande zu bringen.

»Können Sie sich bewegen?«

Er versuchte die Beine zu bewegen und zog sie leicht an, aber der Schmerz in seiner Schulter, der sich immer tiefer in den Rücken bohrte, machte jede Bewegung zu einer Höllenqual, so dass er sich zusammenkauerte. Irgendetwas schien in seinem Rücken zu stecken, ein Messer, eine Kugel, aber seine tastende Hand griff ins Leere.

»Ich heiße Anna«, erklärte die Stimme »Sagen Sie mir Ihren Namen?«

»Maxim«, krächzte er.

»Bleiben Sie ganz ruhig, Maxim. Ich bin gleich wieder da.«

Sein Blick wurde etwas klarer, und er sah die Frau, die sich Anna genannt hatte, wie sie sich umdrehte, zum nächsten Haus lief, dort an sämtlichen Klingeln läutete, bis ein alter Mann schlaftrunken die Tür aufmachte. Wenig später kam sie mit dem Alten wieder, der eine Pferdedecke in den Händen hielt. Er spürte ihre Hände, wie sie ihn vorsichtig auf die unversehrte Seite legten und dann die Decke über ihm ausbreiteten.

»Den hat eine verdammte Kugel getroffen«, hörte er den Alten noch sagen, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Am nächsten Morgen kam Anna die nächtliche Szene wie ein Traum vor. Als hätte sie nur geträumt, dieses zusammengekauerte, zitternde Bündel Mensch auf der Straße liegen gesehen zu haben. Aber sie hatte das nicht geträumt. Sie war auf dem Nachhauseweg von Ella, einer Freundin, gewesen, als sie diesen Mann auf der Straße entdeckt hatte. Sie war mit dem Fahrrad des Alten zum Krankenhaus der Grauen Schwestern gefahren, um Hilfe zu holen, und wäre mit dem klapprigen Ding fast selbst noch auf dem nassen Asphalt ausgerutscht und verunglückt. Ein Telefon wäre gut gewesen, aber wer hatte schon ein Telefon in dieser Straße? Es hätte um diese Zeit viel zu lange gedauert, dies herauszufinden.

Sie saß am Tisch und frühstückte. Zum Fenster schien die Sonne herein, blendete ihre Augen, und sie stand auf und zog die Gardine vor. Sie hatte heute frei. Sie teilte sich die Stelle in einem Fuhrbetrieb auf der Stettiner Straße mit Frau Winter, der alten Sekretärin. Vormittags sie, nachmittags Frau Winter. So kam sie einigermaßen über die Runden, aber reich werden würde sie davon nicht. Aber wer wurde schon reich in dieser Stadt? Nur die, die ohnehin schon genug Vermögen besaßen.

Anna warf sich den Mantel über, zog sich die Schuhe an und ging aus dem Haus. Sie lief die Strecke von ihrer Wohnung zum Krankenhaus zu Fuß, und dort angekommen, fragte sie nach Maxim, dem Mann, der gestern Nacht eingeliefert worden war.

»Der Mann mit der Schussverletzung?«, fragte die Schwester zurück.

Anna nickte.

»Sind Sie mit ihm verwandt?«

»Nein, aber ich habe ihn gefunden.«

»Ach, Sie sind das. Sie wollen sicher wissen, wie es ihm geht? Es geht ihm den Umständen entsprechend. Kommen Sie in ein paar Tagen noch mal wieder.«

Anna verbummelte den Vormittag in der Stadt. Sie schlenderte an den Geschäften vorbei und landete in einem Café, wo sie ihre beste Freundin traf. Natürlich erzählte sie sofort von ihrer nächtlichen Begegnung. Sabine hatte auch sofort ihre eigene Meinung dazu.

»Das ist bestimmt ein Politischer«, bemerkte sie etwas despektierlich, während sie mit dem Löffel eine Handvoll Sahne in ihren Kaffee tunkte. »Vielleicht ein Deutschnationaler oder einer dieser schrecklichen Spartakisten. Ich sage dir, Anna, das geht nicht gut, wenn sie sich jetzt schon wieder auf der Straße umbringen wollen. Manchmal denke ich, dass es besser gewesen wäre, sie hätten den Kaiser nicht gezwungen, abzudanken. Demokratie ist doch nur was für alte Griechen. Gehen wir heute Abend aus? Im Roten Kakadu tritt ein Magier auf, der soll falsche Jungfrauen zersägen …«

Sie zahlten, und Anna ging direkt nach Hause. Als sie vor ihrer Wohnung ankam, stand ein Mann vor der Tür, der ganz offensichtlich auf sie gewartet hatte. Als er ihre Schritte hörte, drehte er sich um, und sie dachte verblüfft, da stünde Karl Marx vor ihrer Tür. Er hatte wirklich eine frappierende Ähnlichkeit mit dem alten Philosophen. Der Mann war etwa vierzig bis fünfzig Jahre alt und trug einen üppigen Vollbart, der ihm bis auf die Brust reichte, dazu volles dunkles Haar. Er war in einen mausgrauen Anzug mit ausgebeulten Taschen gekleidet und wirkte auf Anna wenig vertrauenerweckend. Dann zog er auch noch einen Ausweis aus der Anzugjacke und hielt ihn ihr vor die Nase. Sie war erstaunt. Der Mann war ein Polizist: Kommissar Moritz Sand. Er war gekommen, um mit ihr über den Anschlag von gestern Nacht zu sprechen.

Sie bat ihn ins Wohnzimmer hinein, wo er sich geflissentlich umsah. Sie bot ihm einen Platz an, aber er lehnte dankend ab. Sein Blick schweifte zum Bücherregal. Schiller, Büchner, Nostradamus, Madame Blavatsky und Madame Lenormand. Dann drehte er sich um und geruhte nun doch, auf der weinroten Couch Platz zu nehmen. Sie überlegte, ob sie ihm etwas zu trinken anbieten sollte, aber sie ließ es bleiben. Sie mochte den Kerl nicht.

»Sie waren also gestern Nacht um halb drei auf der Parochialstraße?«, fragte er, und sie fand, dass er wenigstens eine sonore, angenehme Stimme hatte.

»Ja. Ich hatte eine Freundin besucht. Als ich nach Hause ging, sah ich den Mann auf der Straße liegen.«

»Kennen Sie ihn?«

»Nein. Ich habe ihn gestern zum ersten Mal gesehen. Ich bin mit dem Fahrrad zum Krankenhaus der Grauen Schwestern gefahren. Die haben sofort einen Krankenwagen losgeschickt und gesagt, ich könne nach Hause gehen, nachdem ich meine Adresse angegeben habe.«

»Sie wissen, was passiert ist?«

»Er hat eine Schussverletzung, sagte mir die Schwester. Das habe ich gestern Nacht auch schon vermutet, da war so ein komisches, blutiges Loch in seinem Mantel.«

»Ja, auf das Opfer wurde geschossen. Haben Sie jemanden auf der Straße gesehen? Haben Sie irgendetwas beobachtet oder gehört?«

Anna versuchte sich zu erinnern. Hatte sie etwas anderes gesehen als den Verletzten auf dem Pflaster? Es war so still gewesen, nur der Regen, der gefallen war. Kein Schuss, nichts.

»Ich habe keinen Schuss gehört«, sagte sie.

»Der Täter wird einen Schalldämpfer benutzt haben. Sonst hätte der Schuss die Leute aus den Betten geworfen, und Sie hätten ihn auch hören müssen. Das führt mich zu der Annahme, dass die Tat geplant gewesen ist. Bei manchen Zeitgenossen sitzt die Waffe schon mal locker, aber die tragen kein Gewehr mit einem Schalldämpfer mit sich herum, Sie verstehen?«

Sie verstand nur zu gut. »Da wollte einer ganz sichergehen?«

»Genau. Er wollte, dass das Opfer möglichst spät gefunden wird. Ein glücklicher Zufall, dass Sie relativ schnell da waren und Hilfe holen konnten.«

»War es ein Raubmord?«

»Nein. Er hatte Geld bei sich und eine teure Taschenuhr. Wir wissen ja auch nicht, wie lange er schon auf der Straße lag, bevor Sie ihn überhaupt entdeckten.«

Kommissar Sand schien langsam aufzutauen. Ein vages Lächeln huschte über seine hageren Züge. Er stand auf. »Haben Sie Interesse an Okkultismus?«

Obwohl seine Frage völlig überraschend kam und nichts mit dem Grund seines Hierseins zu tun hatte, wusste sie sofort, was er meinte: die Bücher in ihrem Regal.

»Ist das verboten?«

»Nicht alles ist verboten, nur weil ein Polizist in der Nähe ist«, schmunzelte er.

»Ich war letzten Monat auf einer spiritistischen Sitzung bei Madame Blanche in der Lindenstraße. Kennen Sie Madame Blanche?«

»Nicht persönlich. Soviel ich aber weiß, soll sie Kontakt mit ihrem toten Bruder aufgenommen haben. Und Sie waren wirklich dabei?«

»Soll ich Ihnen erzählen, wie es gewesen ist?«

»Danke, nein. Es wäre nett, wenn Sie ins Präsidium kommen und Ihre Aussage zu Protokoll geben würden.«

Anna brachte den Kommissar zur Tür, wo er noch höflich seinen Hut zog, und kehrte etwas irritiert ins Wohnzimmer zurück.

Der Schmerz war erträglich und sein Körper entspannt. Seine Schulter war straff verbunden, aber es ging ihm einigermaßen gut. Maxim durfte sogar wieder aufstehen und herumlaufen. Er war satt und starrte aus dem Fenster auf einen herbstlich gefärbten Baum. Sein Geist war klar und die unterschwellige Angst sein ständiger Begleiter. Sein linker Bettgenosse schlief, der rechte hatte eben das Zimmer verlassen. Seit sechs Tagen zermarterte er sich das Gehirn, wer auf ihn geschossen hatte. Hätte ihn die Kugel nur ein paar Zentimeter weiter links getroffen, hätte sie den oberen Teil seines Lungenflügels durchbohrt.

In Maxims Kopf drehten sich die Gedanken im Kreis. Es ergab alles überhaupt keinen Sinn. Er hatte keine Feinde, nicht einmal politische. Seit dem Matrosenaufstand vor sieben Jahren, an dem er auch beteiligt gewesen war, hielt er sich aus allem Politischen raus. Und selbst da hatte er das sinkende Schiff verlassen, bevor es endgültig auf Grund gelaufen war. Er war Teil jenes Feuers gewesen, das sich selbst entzündet hatte, wie sich Getreide im Frachtraum eines Schiffes selbst entzündet, bis er begriffen hatte, dass die Revolution im wahrsten Sinne des Wortes ihre Kinder fressen würde. Wenn er aber keine politischen Feinde hatte, wer brachte ihm dann einen solchen Hass entgegen, dass er ihn auf offener Straße abknallen wollte?

Die Tür ging auf, und Maxim dachte, dass es die Schwester sein würde, aber es war eine ihm völlig fremde Frau, die ihren Mantel über dem Arm trug. Etwa Mitte zwanzig, schlichtes, grünes Kleid, rotbraune, schulterlange Haare, die unter einem breitkrempigen grünen Hut mit weißen Streifen hervorlugten. Sie zögerte.

»Wollen Sie zu mir?«, fragte er und richtete sich auf.

»Maximilian Rose?«

Die Stimme! Er konnte sich an diese Stimme erinnern. Weich und sanft und trotzdem bestimmt genug, um ihn aus diesem dunklen Schmerz ein Stück in die Wirklichkeit zurückzuholen. Er nickte und deutete auf einen Stuhl, den sie zu seinem Bett hinüberzog, aber sie setzte sich nicht. Er griff nach der Brille, die neben dem Bett auf einem Tisch lag, und setzte sie auf.

»Ich wollte mich nur erkundigen, wie es Ihnen geht. Ich bin Anna …«

Gemeinsam machten sie einen Spaziergang durch den kleinen Rosengarten. Hier blühten die letzten Rosen, bevor der Schnee sie bedecken würde, hier schienen die letzten warmen Sonnenstrahlen, bevor der Frost einsetzen würde. Ein viel zu schöner Herbsttag, um über den Tod zu sprechen. Maxim, nur ein Jahr älter als Anna, erzählte ihr hoffnungsvoll von seinen gesundheitlichen Fortschritten. Dann setzten sie sich auf eine Bank in den Schatten einer Ulme, und ganz plötzlich war er da, der Gedanke an den Tod. Sie schwiegen und hörten den Lärm der Pferdewagen, der Autos und der Straßenbahn, die vor der Spitalmauer über die Straße fuhren.

Anna musterte Maxim verstohlen. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich in seinen Brillengläsern, das lockige, dunkelblonde Haar kräuselte sich über seinen Ohren. Sie wusste nicht, ob sie es ansprechen sollte, und zögerte.

»Haben Sie eine Ahnung, wer auf Sie geschossen hat?«, fragte sie nach einer Weile vorsichtig.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, wirklich nicht. Vielleicht hat er mich verwechselt, er kann nur jemand anderen gemeint haben.«

»War außer Ihnen noch jemand auf der Straße?«

»Ich habe niemanden gesehen. Er hat von hinten geschossen. Er hat mein Gesicht gar nicht sehen können.«

»Trotzdem …«

»Dieser Kommissar Sand war hier. Er sucht nach einem Mordmotiv, aber ich finde keins. Ich bin nicht politisch aktiv, ich habe ein paar Freunde, die mir ganz sicher nicht den Tod wünschen, ich habe noch nicht mal eine eifersüchtige Freundin.«

Anna lachte und stand auf. Vielleicht hatte diese Bank ein schlechtes Karma. Sie traten in den Schein der Sonne zurück.

»Ich habe gestern mit meinem Vater telefoniert«, sagte Maxim unvermittelt. »Mein Bruder Franz wird kommen, und dann fahre ich mit ihm nach Kiel zurück.«

»Sie leben in Kiel?«

»Ich lebe in Berlin, aber einmal muss ich ja zurück in die Firma. Unsere Familie besitzt eine Reederei.«

Kommissar Sand stand vor seinem Schreibtisch und sah wieder hinunter auf die Akte. Es gab nicht allzu viel zu lesen in diesen Papieren, außer dem Namen des Opfers, Maximilian Rose, dem Tatort, einer geschätzten Tatzeit und dem Wenigen, das sie bisher ermittelt hatten. Die Kugel, die im Krankenhaus entfernt worden war, lag noch bei einem Kollegen, dessen Bericht auf sich warten ließ.

Dies könnte einer jener Fälle sein, die als unerledigt in seinem Schrank landen würden. Es war nicht der einzige Fall, dessen Aufklärung ziemlich aussichtslos war. Diese Stadt war ein Moloch. Mord, Totschlag, Entführung, Erpressung, Raub und Diebstahl, Hehlerei und Prostitution waren ihre alltägliche Arbeit in diesem Präsidium.

Sand hatte sich auf der Parochialstraße mit den Bewohnern unterhalten und sich im Umfeld dieses Maximilian Rose umgesehen, der mit kriminellen Machenschaften nichts zu tun zu haben schien. Der Kommissar hatte sich auch lange mit Rose selbst unterhalten, hatte einige seiner Leute zu dessen Freunden geschickt, zu allen, mit denen er näher bekannt war, aber nichts war dabei herausgekommen. Rose war ganz offenbar ein harmloser Bürger, der noch nicht mal beim Schwarzfahren erwischt worden war. Er war neunundzwanzig Jahre alt, in keiner Partei, hielt sich nach eigenen Angaben überhaupt von jeglicher politischen Arbeit fern und hatte eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Er wohnte in einem möblierten Zimmer in der Waisenstraße, bekam einmal monatlich einen Wechsel von seinem Vater, einem Kieler Reeder, und ging ab und zu in den einschlägig bekannten Lokalitäten feiern. Er schien kein Freund von Traurigkeit zu sein, hatte die eine oder andere weibliche Bekanntschaft gemacht, aber inniger verbandelt war er mit keiner. Wer hatte Interesse daran, in ein solch unbeschriebenes Blatt ein Loch hineinzuschießen? Wo war hier ein Mordmotiv zu finden?

Die Tür ging auf, und Marlene, die Sekretärin, trat ein. »Haben Sie noch etwas für mich zu schreiben?«, fragte sie. Sand zögerte. Es juckte ihn in den Fingern, diese Akte in den Schrank der unerledigten Fälle zu verbannen, weil er einfach keinen Ansatzpunkt fand, um weiter zu ermitteln.

»Kennen Sie den Fall Rose?«, fragte er.

»Ja. Ich habe die Akte schließlich angelegt.«

»Was halten Sie davon?«

Marlene schmunzelte. Es geschah nur selten, dass er sie zu einem Fall befragte. Sie legte Akten an, aber sie hatte keine Meinung dazu zu haben. »Soweit mir bekannt ist, wird Herr Rose Berlin verlassen. Sollte der Täter es wirklich auf ihn abgesehen haben und er hat sein Ziel verfehlt, dann muss er ihn demnächst in Kiel aufsuchen. Dann haben wir damit nichts mehr zu tun.«

»Glauben Sie, dass der Täter nur nicht richtig getroffen hat? Es wäre denkbar, oder? Es war diesig in jener Nacht, es hat geregnet, da ist die Sicht wenig klar, da verfehlt man schon mal sein Ziel …«

»Oder man hat den falschen erwischt. Das glauben Sie doch, Herr Kommissar.«

»Wenn der Täter ihn ausgeraubt hätte, würde das Ganze vielleicht noch einen Sinn ergeben, aber auch das ist schwer vorstellbar. Der Anschlag war eindeutig geplant, das sagt mir dieser Schalldämpfer, und es muss einen gegeben haben, sonst wären die Leute in der Straße von dem Schuss wach geworden. Erinnern Sie sich an den Fall Sartorius, der im letzten Jahr brutal niedergestochen wurde? Nach drei Monaten stellte sich heraus, dass der Täter ihn für einen Sozialdemokraten, ein Mitglied der Nationalversammlung, gehalten hatte. Eine gewisse Ähnlichkeit war durchaus vorhanden, aber auch da war es mitten in der Nacht und hat geregnet. Ja, ich schließe nicht aus, dass hier eine Verwechslung vorliegen könnte. Der Täter hat den Falschen erwischt und dann auch noch danebengetroffen. Das muss ein Dilettant gewesen sein.«

»Irgendwann wird er wissen, dass er den Falschen angeschossen hat, dann wird er alles daransetzen, den Richtigen zu erwischen.«

»Genau das ist das Problem«, murmelte Sand.

Maxim war wieder zu Hause oder besser dort, wo er wohnte. Ein kleines möbliertes Zimmer im Dachgeschoss, zwei Stockwerke über einer Kohlenhandlung. Ein erbärmliches Domizil für den Sohn eines vermögenden Reeders. Aber damit würde jetzt Schluss sein. Er hatte lange gebraucht, um zu wissen, was er überhaupt wollte. Nach dem Krieg war er wie ein Blatt im Wind hin und her getrieben und hatte nur gewusst, dass er die Marine verlassen und auch nie wieder dorthin zurückkehren würde. Er hatte auch nie vorgehabt, in die Reederei seines Vaters einzutreten, aber jetzt sah er die Dinge anders.

Er hatte wie viele, die mit achtzehn in den Krieg gezogen waren, nach dem Frieden keinen blassen Schimmer gehabt, was er nun tun sollte. Der Feind war weg, und mit diesem Feind war ihm gewissermaßen sein Lebensziel abhandengekommen, auch wenn er nur selten mit ihm zu tun gehabt hatte. Meistens hatten sie irgendwo gelegen und stupide Exerzitien durchgeführt. Die deutsche Marine war zu schwach gewesen, um sich in heroischen Schlachten beweisen zu können. Und die letzte Schlacht, die offiziell angeordnet worden war, hatten die meisten von ihnen kategorisch abgelehnt, weil sie keine Lust hatten, einen sinnlosen Tod zu sterben.

Er fing an, sein Zimmer aufzuräumen, seine Koffer zu packen. Aber es gab nicht viel zu packen, und während er seine Hemden aus dem Schrank holte, ergriffen ihn plötzlich wieder diese nagenden Zweifel. Und wenn er doch hierblieb? Wenn er nicht mit nach Kiel fuhr? Als der Krieg ausgebrochen war, hatte ihn sein Vater überredet, als Matrose zur Marine zu gehen, und Maxim hatte gehorcht, obwohl er da schon gewusst hatte, dass das nasse Element nicht seines war. Es war ihm einfach zu unbeständig, zu abgründig, auch wenn er hundertmal der Sohn eines Reeders war. Als er acht Jahre alt gewesen war, hatte ihn sein Vater auf einem Schoner mit nach Boston genommen, und sein einziger Wunsch auf dieser elenden Reise war es gewesen, endlich wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Es machte ihm keinen Spaß, in den Wanten herumzuklettern oder nass bis auf die Knochen bei schwerem Wetter stundenlang am Steuer stehen zu müssen. Er brauchte Bodenhaftung. Eines Tages würde er mit seinem Bruder die Leitung der Reederei übernehmen, aber er würde im Kontor arbeiten und niemals mehr einen Fuß auf eines der Schiffe setzen. Das war auch gar nicht nötig, die segelten oder dampften auch ohne ihn.

Maxim trat ans Fenster, aber da gab es nichts zu sehen außer einem Schwarm Vögel. Er konnte von hier aus die Straße nicht sehen. Seit er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, begleitete ihn ständig ein mulmiges Gefühl. Kommissar Sand hatte ihm zwar gesagt, dass er nicht ganz ausschließe, der Anschlag könne eine Verwechslung gewesen sein, doch er traute dieser Version nicht. Was, wenn es wirklich jemanden gab, der ihm nach dem Leben trachtete? Dann würde er in Kiel sicherer sein, so viel war klar.

Anna hatte ihm die Telefonnummer ihres Chefs gegeben, über die sie sich miteinander am Brandenburger Tor verabredet hatten. Sie waren in einem Café gewesen, aber was für sie ein vergnüglicher Nachmittag werden sollte, wurde für ihn ein Kampf gegen die Gespenster, die ihn heimsuchten. Maxim sah sich ständig um. Er suchte nach bekannten Gesichtern oder Leuten, die ihn beobachteten. Der Kerl da an der Ecke, der eine Zigarette rauchte, eine Gruppe junger Männer, die um einen nagelneuen geparkten Ford herumstand, die Frau, die ihm beim Vorbeigehen einen verstohlenen Blick zuwarf. Alles potentielle Mörder. Er hatte Angst, allmählich von einer Art Verfolgungswahn befallen zu werden. Nirgendwo fühlte er sich sicher, nicht einmal in seinem Zimmer. Es hätte klopfen können, und er hätte die Tür aufgemacht …

Anna hatte schon im Café gemerkt, dass er nervös und fahrig war. Sie wusste, was in ihm vorging, ohne es ansprechen zu müssen. Also suchte sie nach einem Ort, der ihn ablenken und auf andere Gedanken bringen könnte. Sie schleppte ihn ins Kino, aber das entpuppte sich als die schlechteste aller Möglichkeiten, denn im Dunkel des Raumes krochen die Gespenster wieder aus ihren Höhlen. In der Pause knöpfte er sich den Mantel zu, den er nie ausgezogen hatte, und floh nach draußen. Seine Angst wehte sie förmlich an, und Anna wusste nicht mehr, wie sie sich verhalten sollte. Sie verließen das Kino und gingen ein Stück die Straße entlang, bis er stehen blieb. »Mein Bruder Franz kommt heute Abend mit dem Zug. Er will dich bestimmt kennenlernen, schließlich hast du mir vielleicht das Leben gerettet. Wollen wir uns morgen treffen?«

»Du kannst mich bei Pohlmann anrufen«, erwiderte Anna.

»Ja, natürlich.«

»Erzähl mir von deinem Bruder«, bat sie.

»Er wird dir gefallen. Er ist gutaussehend, charmant, intelligent. Ein prima Geschäftsmann und ledig …«

Er grinste und warf ihr einen langen Blick zu.

»Ich suche keinen Ehemann«, bemerkte sie etwas sauertöpfisch, und er lachte. »Er war nie im Krieg. Angeblich ein attestiertes Herzleiden, an das ich aber nicht glaube. Er hatte nie Probleme mit dem Herzen. Ich glaube eher an gute Beziehungen.«

»Nimmst du ihm das übel?«

»Nein. Jeder muss selber wissen, was er will oder auch nicht, und ehrlich, ich dachte, es ist meine verdammte Pflicht, das Vaterland zu verteidigen, ich hatte nie einen Zweifel daran. Bis sie uns in den sicheren Tod schicken wollten.«

»Willst du allein nach Hause gehen, oder soll ich dich begleiten, Maxim?«

»Ich nehme die Straßenbahn. Alles gut, Anna.«

Sie sah ihm nach, wie er zwischen den Menschen verschwand, und hatte kein gutes Gefühl. Noch einmal würde sie nicht da sein, um ihm helfen zu können. Sie mochte ihn, sie fand ihn einfach nett, freundlich, entgegenkommend, trotz oder gerade wegen der Angst, die ihn gepackt hatte. Er kam ihr vor wie ein angeschossenes Tier, das sich noch einmal aufgerappelt hat und nun versucht, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Sie spähte zur nächsten Straßenbahnhaltestelle, aber sie sah ihn nicht. Zu viele Menschen, die auf die Bahn warteten. In der Menge war er sicher. Oder nicht?

Sie waren fast überall gewesen, im Schwarzen Kater, der Blauen Maus, dem Roten Kakadu und wie sie alle hießen. Sie hatten getrunken und gefeiert und sich im Nachtleben der Stadt verloren. Nach fünf Stunden waren sie in einem Tanzlokal gestrandet wie vier Wale an einer Küste, müde, trunken und angeschlagen. Die Combo spielte »Es leuchten die Sterne«, und zwei Pärchen schoben sich lasziv über die Tanzfläche.

Maxim fielen die Augen zu. Er sehnte sich nach seinem Bett, aber sein Bruder hatte immer noch nicht genug. Sonst distinguiert mit einem Scheitel wie geleckt, immer korrekt und nie über die Stränge schlagend, hatte er sich in dieser Nacht gehäutet wie ein Schmetterling. Franz war nicht wiederzuerkennen. Seine Augen leuchteten, und sein Knie wippte im Rhythmus der Musik.

Anna, die neben ihm saß, trug einen roten Hut mit grünen Federn, ansonsten sah sie aus wie eine schwarze Witwe, was selbst in dieser Stadt auffiel. Rotbraunes, gewelltes Haar stahl sich unter dem Hut hervor, und ihr einziger Schmuck war eine Perlenkette über dem schwarzen Kleid. Sie hatte Augen wie eine Katze, schräg, dunkel und lauernd; Franz hing an ihren üppig bemalten Lippen.

Maxim fing an sich zu langweilen. Er wollte zahlen und gehen, als er Chris Brandis’ Hand auf seinem Arm spürte. Christian Brandis war der Vierte im Bunde. Er war der Älteste von allen, einer von Roses Kapitänen, die über die Meere segelten.

Maxim warf einen Blick auf seine Taschenuhr. Halb fünf. Zeit fürs Frühstück. Franz gab das Zeichen zum Aufbruch und winkte dem Kellner. Er gab ein großzügiges Trinkgeld, was für den Sohn eines Kieler Reeders ungewöhnlich war. Ein Hanseat war immer korrekt, ganz besonders in Finanzdingen, aber ein Hanseat war auch nur ein Mensch. Anna lachte, ihre Finger streiften flüchtig die Oberfläche seiner Hand, bevor sie aufstand.

Die kühle Luft machte sie wieder nüchtern. Es regnete leicht, und kein Taxi in Sicht. Also mussten sie laufen und begaben sich in Richtung Cranachstraße, wo Annas Wohnung lag. Der Regen wurde stärker, und sie flüchteten in einen Hauseingang. Franz zog seinen Mantel aus und legte ihn Anna über die Schultern.

»Da kommt ein Taxi«, rief sie und deutete auf die Straße. Brandis spurtete los und hielt den Wagen an.

Sie fuhren schweigend. Anna lehnte an Franz’ Schulter und hatte die Augen geschlossen. Brandis saß vorne und wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer. Die grellen, bunten Lichter der Stadt verschwanden, ein rosenroter Flaum erschien am Himmel, und allmählich brach der Morgen an.

Anna erwachte. Ein Sonnenstrahl streifte ihre Lider, sie schlug die Augen auf. Das Erste, was ihr eigenartigerweise einfiel, war eine Szene aus dem Theater. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.

Sie kannte die Worte auswendig. Es war wie eine Beschreibung der letzten Nacht.

Genauso ist es, dachte sie, stand auf und setzte sich vor den Spiegel. Ein Leben wie im Rausch, heute, morgen, dann erkaltet die Asche und erstarrt zu Stein. Ihre Augen hatten noch den Nachglanz von gestern; eine Ahnung dessen, was gewesen war, spiegelte sich darin. Abende und Nächte wie gestern hätten sie komplett ruiniert. Das, was da an einem solchen Abend an Geld floss, war für sie der Lohn eines ganzen Monats. Tanztee im Adlon, Abendessen in einem der besten Lokale und dann der Zug durch die Bars und Varietés, ein Leben bis zum Umfallen. Drei Männer und eine Frau, in dieser Stadt, zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Aber es wurde Zeit, dass sie aus diesem Traum erwachte.

Während sie sich die Haare kämmte, dachte sie an gestern. Franz, der unterkühlte Gletscher, hatte zu tauen angefangen, langsam floss ein kleines, dünnes Rinnsal zu Tale. Maxim tat es ganz offensichtlich gut, dass sein Bruder gekommen war, denn er schien zumindest nach außen seine Angst verloren zu haben.

Sie waren schon ein seltsames vierblättriges Kleeblatt. Franz, der Geschäftsmann mit einer prall gefüllten Börse, Maxim mit seinem immer etwas glasigen, verschleierten Blick und Brandis von einer Art direkter Zurückhaltung oder zurückhaltender Direktheit. Er war höflich zu Frauen und barsch zu Männern, was wohl daran lag, dass auf seinem Schiff keine Frauen waren und ein rauer Umgangston herrschte.

Es klingelte. Sie warf sich den Morgenmantel über und öffnete die Tür. Es war Maxim, der sie etwas verlegen angrinste.

»Störe ich?«

»Nein. Setz dich. Kaffee?«

»Gerne. Franz fühlt sich nicht wohl. Er wird heute im Hotelzimmer bleiben, das soll ich dir ausrichten.«

»Der Arme. Was hat er?«

»Was wohl? Einen schrecklich dicken Kopf.«

»Wann fahrt ihr wieder zurück?«

Maxim zog sich den Mantel aus und setzte sich auf die Couch. »Ich weiß nicht. Brandis muss auf jeden Fall zurück. Die Reederei wird eine Viermastbark kaufen, und dann wird Brandis wieder nach Südamerika segeln wie vor dem Krieg.«

Anna musterte ihn, während sie das heiße Wasser in die Tassen füllte. Seit Franz gekommen war, hatte er sich merklich verändert. Er trank mehr, als ihm guttat, vielleicht hielt er das für ein probates Mittel gegen seine Angst. Er hatte wieder diesen glasigen Blick, als würde er schon zum Frühstück eine Flasche Absinth seine Kehle hinunterfließen lassen. Eines Tages würde er so enden, wie sie ihn kennengelernt hatte. Sturzbetrunken und klatschnass vom Regen auf der Straße liegend, ein Loch im Rücken, halb besinnungslos, der erbärmliche Rest eines Menschen, der eigentlich keiner mehr ist. Ein Wunder, dass er noch am Leben war. Und wenn sie nicht gewesen wäre, wäre er jetzt vielleicht wirklich nicht mehr am Leben.

»Was macht ihr heute?«, wollte sie wissen. Er müsse zu einer letzten Untersuchung ins Krankenhaus, erklärte er, sein Bruder kurierte sich aus, also blieb nur noch Brandis übrig. »Er würde gerne die Museen besuchen.«

»Das hätte ich nicht gedacht. Er sieht gar nicht so aus.«

»Ja«, erklärte Maxim lächelnd. »Chris Brandis ist ein tiefes Wasser.«

Maxim kannte die Stadt wie seine Westentasche, jede Straße, jeden Winkel, jedes Wirtshaus, aber er war froh, ihr endlich den Rücken zu kehren. Jeder Tag, an dem sein Bruder nun hier war, bestärkte ihn in dem Entschluss, die Hauptstadt zu verlassen. Berlin war passé, ein neuer Abschnitt in seinem Leben musste beginnen.

Er war auf dem Weg nach Hause, schlug den Mantelkragen hoch und steckte die Hände in die Taschen. Seine Schritte hallten auf dem Pflaster wider, und ein Blick von der Straße aus in die Innenhöfe war wie der Blick in einen dunklen Schlund. Schatten huschten über die gegenüberliegende Straßenseite, hastig und verstohlen, und verschwanden irgendwo im Nichts. Maxim hörte Schritte und drehte sich um. Noch so ein Schatten, der sich plötzlich verflüchtigte, und er ging weiter Richtung Kirche. Sein Herz fing an zu klopfen. Dieselbe Strecke wie vor Wochen. Franz hatte darauf bestanden, egal, wohin er ging oder woher er kam, immer ein Taxi zu nehmen. Heute Abend hatte Maxim jedoch kein Taxi gefunden, also war er zu Fuß gegangen. Nur noch ein paar Tage und das Phantom, das auf ihn geschossen hatte, würde ihn vergeblich suchen. Er würde nicht mehr hier sein. Er wusste, dass er zumindest diesen einen Feind hatte, aber in dieser Stadt hatte jeder Feinde. Hier herrschte die brutale Schlacht der Worte. Eine gnadenlose Propaganda von allen möglichen Seiten. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Jeder gegen jeden, und wer nicht das Geld hatte, sich in den Bars zu betrinken, war der grauen Realität ausgeliefert.

Das Haus, in dem sein Zimmer lag, kam in Sicht, und er atmete erleichtert auf. Noch ein paar Schritte, er tauchte ein in den Schatten der Kirche. Er holte den Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss und spürte plötzlich einen heftigen Schwindel. Alles um ihn herum begann sich zu drehen, seine Knie gaben nach, und er stolperte in den Hausflur hinein. Er klammerte sich an das Treppengeländer und zog sich die Stufen hinauf, bis er ganz oben angekommen war. Er taumelte in sein Zimmer und fiel wie ein Klotz auf das Bett.

Anna, Franz und Brandis waren am Nachmittag des nächsten Tages im Foyer des Hotels verabredet gewesen, aber Maxim war nicht gekommen. Sie warteten über zwei Stunden, aber auch nach zwei Stunden war er immer noch nicht erschienen. Sie fingen an, sich Sorgen zu machen. Das Schreckgespenst eines neuerlichen Anschlags tauchte vor Annas geistigem Auge auf, und sie wollte nicht weiter hier sitzen und warten.

»Vielleicht hat er die Verabredung einfach vergessen oder verschlafen«, gab Brandis zu bedenken. »Es wäre doch möglich, dass er noch zu Hause ist.«

Keiner von ihnen wusste, wo Maxim wohnte. Wenn sie sich verabredet hatten, war er immer ins Hotel gekommen, und wenn sie sich verabschiedet hatten, war er mit einem Taxi nach Hause gefahren. Aber wo das war, wusste keiner. Anna wusste immerhin, dass er in der Nähe der Parochialstraße wohnte, wo sie ihn gefunden hatte, doch wie sollten sie in diesem verschachtelten Gewirr von Straßen ein möbliertes Zimmer finden?

Sie nahmen ein Taxi bis zur Parochialkirche und stiegen dort aus. Sie teilten sich auf, Parochialstraße, Klosterstraße, Stralauer Straße, Waisenstraße. Sie klingelten an den Türen und fragten Passanten nach Maximilian Rose, einem neunundzwanzigjährigen Mann mit Brille, dunklem, lockigem Haar. Sie brauchten über eine Stunde, bis Franz endlich auf der Waisenstraße fündig wurde. Ein dreistöckiges Haus, im Erdgeschoss eine Kohlenhandlung. Der Besitzer hatte vor einem Jahr ein möbliertes Zimmer vermietet, und zwar an genau jenen Maximilian Rose, den er aber seit gestern nicht mehr gesehen hatte. Franz bedankte sich und stieg eine alte, zertretene Treppe hinauf, bis er im Dachgeschoss angekommen war. Ein schmaler Flur, zwei Türen. Er klopfte an beide, aber niemand öffnete. Schließlich drückte er die Klinke der einen Tür herunter. Die Tür war nicht verschlossen, und Franz trat zögernd ein. Es war dämmrig, die Vorhänge waren zugezogen. Ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle, ein Regal voller Bücher. An der Wand ein Bett. Franz kam näher und sah seinen schlafenden Bruder im Bett liegen. Neben dem Bett stand ein kleiner Hocker, darauf ein Stapel Bücher, und obenauf lag Maxims zerbrochene Brille. Franz rüttelte ihn sanft an der Schulter, doch Maxim reagierte nicht. Franz legte seinen Finger an die Halsschlagader und spürte einen schwachen Puls. Sein Bruder drehte sich schlaftrunken im Bett herum und merkte gar nicht, dass er nicht mehr allein war.

Franz setzte sich auf einen wackeligen Stuhl und sah sich um. So also hauste sein Bruder! Erbärmlicher konnte man gar nicht wohnen, es sei denn, man lebte gleich auf der Straße.

»Was soll ich bloß mit dir machen?«, murmelte er und stand wieder auf.

Der nächste Tag war ein Sonntag und strahlend schön. Anna hatte Brandis angeboten, mit ihr die Museen der Stadt zu besuchen, während Franz sich um seinen Bruder kümmerte. Er hatte einen Arzt kommen lassen, der meinte, dass der Schwindel eine Spätfolge der Schussverletzung sein könne. Seitdem ließ Franz seinen Bruder nicht mehr aus den Augen.

Derweil gingen Anna und Brandis zu Fuß und genossen die Sonne, die letzten Blumen dieses Jahres und die eleganten Spaziergänger, die ihnen begegneten. Sie besuchten das Pergamonmuseum, die Nationalgalerie, und Anna fing an, diesen Mann mit Interesse zu betrachten. Er erinnerte sie an die Erzählungen ihres Großvaters, der Maat auf einem Zweimastschoner gewesen war. Er erinnerte sie an Abenteuer, an fremde Völker und rätselhafte Geheimnisse, aber sie wusste auch, dass all dies nur in ihrer Phantasie bestand. In Brandis’ Anwesenheit träumte sie sich die Welt aufregend und geheimnisvoll, was nicht zuletzt an seinem Äußeren lag. Er war ein raubeiniger Mann mit rauchiger Stimme, scharf geschnittenem Gesicht, dunkelblauen Augen unter kräftigen Brauen, blondem Haar, in das sich bereits ein paar graue Strähnen geschlichen hatten, und breiten Schultern. Statt eines Anzugs trug er eine blaue Jacke mit goldenen Knöpfen, die hinten und an den Seiten länger und vorne kürzer war und den Blick auf einen schwarzen Gürtel über einer weißen Hose freigab. Dass dieser Mann zur See fuhr, war unverkennbar.

Er war ganz anders als die dekadenten Dandys, die von der Erhabenheit der Kunst schwadronierten. Er war wissbegierig ohne jedes Pathos. Er wollte einfach etwas lernen, was Anne verblüffte. Sie hatte in ihrer Kindheit auch nicht von goldenen Tellern gegessen, ihr Vater war Angestellter bei der Post, aber Brandis hatte eine so unschuldige Wissbegier, dass sie sich insgeheim darüber lustig machte. Sie waren immer noch beim Sie, das er auch nicht aufgeben wollte. Immerhin schaffte sie es, dass er Anna zu ihr sagte statt Fräulein Herzog. Als sie später in einem Café saßen, konnte sie ihre Neugierde nicht mehr bändigen und fragte ihn, was er im Krieg gemacht habe.

»Ich war die meiste Zeit in China«, erklärte er. »Als der Krieg begann, war ich unterwegs nach Südafrika. Kurz vor Madagaskar habe ich mein Schiff verloren.«

Er zog Tabakbeutel, Pfeife und Streichhölzer aus der Jackentasche und begann seine Pfeife zu stopfen. Dann zündete er sie an, und sofort zog der Duft des scharfen Tabaks durch den Raum.

»Wir sind auf Grund gelaufen und konnten uns ans Ufer einer vorgelagerten Insel von Madagaskar retten. Das nächste Schiff, das uns nach Monaten endlich mitnahm, war auf dem Weg nach China, und von dort kamen wir nicht wieder weg. Wir lebten in einem kleinen chinesischen Dorf und halfen den Bauern beim Reisanbau. Wir hatten ja kein Geld, also haben wir für das, was man uns gab, gearbeitet. Ich habe jahrelang keine einzige Zeitung gelesen.«

»Mein Großvater war Erster Offizier auf einem Zweimastschoner«, erzählte Anna. »Er fuhr nach Russland und Norwegen. Ich hätte eine Menge dafür gegeben, einmal mitfahren zu dürfen.«

Er musterte sie, und Anna spürte sein Erstaunen. Das hatte er wohl am wenigsten erwartet. Er sah in ihr eine kleine Sekretärin, die, wenn die Nacht hereinbrach, sich in eine Femme fatale verwandelte, sich ein schwarzes Spitzenkleid anzog, sich die Augen anmalte und durch Bars und Varietés zog.

»Wie sind Sie nach Berlin gekommen?«, wollte er wissen.

»Eine Freundin von mir hatte eines Tages genug von der Provinz und fuhr nach Berlin. Sie arbeitete hier als Bürofräulein. Sie schrieb mir Briefe, und eines Tages habe ich es in dem kleinen Dorf nicht mehr ausgehalten. Also fuhr ich ebenfalls mit dem Zug nach Berlin. Ich wohnte bei der Freundin und lernte Schreibmaschine schreiben. Und dann bekam ich die Stelle als Sekretärin in einem Fuhrbetrieb in der Stettiner Straße. Da arbeite ich heute noch.«

Brandis paffte vor sich hin und starrte gedankenverloren aus dem Fenster.

»Morgen fahren wir nach Kiel zurück«, erklärte er plötzlich etwas brüsk. »Hat Franz Ihnen das gesagt?«

Anna hatte es nicht gewusst, und sie war enttäuscht. Sie hatte drei neue Freunde gewonnen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, und sie mochte jeden von ihnen.

»Kein Wort«, murmelte sie und versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen.

Am Nachmittag würde der Zug nach Kiel gehen. Vorher hatte Franz noch einen Termin in der Reichskanzlei. Sein Gesprächspartner war einer aus dem Wirtschaftsministerium und hieß Heller. Ein kleiner Mann mit dunkler Brille und schlecht sitzendem Anzug, der Franz einen Stuhl und eine Zigarre anbot. Franz schlug beides nicht ab. Sie saßen Zigarre rauchend in einem kleinen Büro und hörten von nebenan das Klappern einer Schreibmaschine. Franz versuchte, dem anderen sein Problem zu erklären, doch nach nur zwei Sätzen wurde er sanft unterbrochen.

»Ich kenne Ihre Schwierigkeiten, Herr Rose. Sie sind nicht der einzige Reeder, dem das Geschäft durch den Krieg verhagelt wurde. Ich habe gelesen, dass Sie …«

Heller warf einen Blick auf das Papier, das vor ihm auf dem Tisch lag. »… dass Sie außer Dampfschiffen zwei Schoner in Betrieb haben. Segelschiffe. Ist das überhaupt noch rentabel?«

»Die Schiffe sind für überseeische Frachten gedacht. Sie fuhren vor dem Krieg nach Baltimore, New York, nach Brasilien und Chile. Da sind sie rentabel. Aber sie sind es nicht, wenn sie nach England segeln sollen. Wir bringen Kohle aus der Lausitz nach England, Liverpool, Belfast, und wir verdienen so gut wie nichts daran. Wenn uns der Staat nicht unterstützen würde, wäre die Reederei längst pleite. Dazu kommt, dass die Irische See ein Witwenmacher ist, wie die Seeleute sagen.«

»Ein Witwenmacher?«

»Dort herrscht oft schweres Wetter. Vor dem Krieg haben wir einen Schoner im Sturm verloren. Die halbe Mannschaft ist ertrunken. Wir gehen ein hohes Risiko ein und verdienen kaum etwas dabei. Allein die Versicherung für Schiffe und Fracht kostet uns ein Vermögen. Wir können noch froh sein, dass die Alliierten uns bis auf zwei Schiffe, die wir aufgrund der Höhe der Bruttoregistertonnen abgeben mussten, den Rest der Flotte überhaupt gelassen haben. Vielen Reedereien haben sie die Hälfte ihrer Flotte konfisziert.«

»Ja, ich weiß, und es ist absurd. Um die nötigen Ausgaben zu finanzieren, muss der Staat Kredite aufnehmen, aber dieses Wirtschaften auf Pump kann und wird sich nicht rechnen, doch was soll ich machen? Ins Horn der Extremisten stoßen, die lieber heute als morgen die Verträge mit den Alliierten kündigen wollen? Wissen Sie, was das bedeuten würde?«

»Sagen Sie es mir.«