Über das Buch

Der Tote aus dem Fluss.

Frankfurt im Mai 1967. Im Main wird die Leiche eines ermordeten amerikanischen Reporters angespült, der über die Prozesse gegen die Täter von Auschwitz berichtete. Da der Tote selbst Jude war, gewinnt der Fall enorme politische Sprengkraft. Kommissar Preusser übernimmt die heiklen Ermittlungen und befindet sich bald darauf in einem Geflecht aus Schuld und Vertuschung der dunklen deutschen Vergangenheit. Sind die Mörder von damals die Täter von heute?

Ein packender Kriminalroman vor dem Hintergrund der sechziger Jahre in Deutschland

Über Maximilian Rosar

Maximilian Rosar ist Professor für Betriebswirtschaft und lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Trier. »Die Stille der Toten« ist sein erster Roman in der Reihe um Kommissar Preusser. Zuvor hat er unter dem Pseudonym Paul Walz vier Kriminalromane und mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht.

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Maximilian Rosar

Die Stille der Toten

Kriminalroman

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Nachwort und Dank

Impressum

»Der Mensch vergisst zu leicht und vergisst zu schnell, und er hat gewöhnlich noch die besondere Gabe, das zu vergessen, woran er nicht denken will.«

Konrad Adenauer

»But life is never easy. There is work to be done and obligations to be met – obligations to truth, to justice, and to liberty.«

John F. Kennedy

Prolog

Mutter stand am Strand. Die Wellen spülten weiß schäumend um ihre Füße.

Sie trug den sonnengelben Badeanzug, den er so sehr mochte, und ein Sonnenbrand hatte sich rot auf ihre Schultern gelegt. Gerne hätte er gelächelt und mit ihr gescherzt, von dem erzählt, was er erlebt hatte, doch er starb.

Kaum noch Luft gelangte in seine Lungen. Sie sah ihm dabei zu, mit tiefer Trauer und Vorwürfen im Gesicht, die ihre Falten deutlicher zutage treten ließen, als er sie je wahrgenommen hatte. Dann wandte sie sich ab und lief über den Strand, weg von ihm. Er wunderte sich, warum er sie nicht rief, nicht zu winken versuchte.

Mutter ging davon, über die Dünen zu dem Haus auf Long Island, in dem er in seiner Kindheit die Ferien verbracht hatte. Er glaubte sogar, das Holz der Wände riechen zu können.

Etwas lief in seinen Mund, schmeckte metallisch und verstopfte die kleine Öffnung, die ihn pfeifend am Leben hielt.

Mühsam hustete er, wobei sein Kopf unter Wasser geriet und das Traumbild in Stücke zerriss, die davontrieben und verblassten. Mit größter Anstrengung fand er an die Oberfläche zurück und würgte, bis irgendwann wieder Sauerstoff in seine Lunge gelangte.

Es war dunkel, und da war Wasser. Schwarz strömte es um seinen Körper und trug ihn träge dümpelnd davon. Kalt.

Über ihm hing ein wolkenverhangener Himmel. Wie gerne hätte er die Sterne gesehen, den Mond, den Mutter auch würde beobachten können. Doch Regen fiel ihm aus den Wolken in die Augen und prallte von seinen Augäpfeln ab. Er schloss sie nicht.

Irgendwo rief eine Sirene, und etwas schlug metallisch aufeinander. So weit entfernt, wie es das Leben schon zu sein schien. Ein paar Erinnerungen zogen vorbei. Ihr Gesicht. Seins. Ein Messer. Das Gefühl, zerschnitten zu werden. Er in einem Kofferraum, davor fröhliches Gelächter, welche Ironie! Mutter.

Komm gut zurück, hatte sie zum Abschied gesagt, Tränen auf den Wangen. Niemals wieder darf einer von uns dort sterben, waren ihre Worte.

Ein Leben gewonnen geglaubt, nun eins verloren.

Er trieb davon.

Eins

Dienstag, 23. Mai 1967

In die Schlange kam Bewegung, und die Herren in ihren Abendanzügen zuckelten wie die Königspinguine geduldig dem Getränkestand entgegen.

Er würde eine ganze Weile brauchen, um an die Theke zu gelangen, doch das war Preusser völlig gleichgültig.

Er zog eine Schachtel Ernte 23 aus der Innentasche seiner Jacke und zündete sich eine Zigarette an. Seine Hände zitterten stärker als sonst, und er genoss, als er tief inhalierte, den befriedigenden Augenblick des ersten Zugs, bevor er mit geschlossenen Augen den Qualm in die blauen Schwaden blies, die sich im Foyer der Oper ausgebreitet hatten.

Der Abend hatte wundervoll begonnen. Puccinis Musik hatte ihn verzaubert, und er wusste Helga gutgelaunt an seiner Seite.

Es war dann die Arie des Rudolfos, die es auslöste. Während der Strophe, in der es hieß: Denn an ihrer Stelle ist nun süße Hoffnung, war nicht mehr die Stimme des Tenors, sondern waren Ottos Entsetzensschreie in seinen Ohren, gegen die kein Ohrstöpsel half. Die immerwährend gleichen Bilder zogen auf wie ein Gewitter, und vor ihm lag wieder die staubige Straße in die Kriegsgefangenschaft, irgendwo in der Ukraine, irgendwo im Nichts, zwischen abgeernteten Feldern und Büschen. Otto, sein engster Kamerad, der ihm das Leben gerettet hatte, kroch vor dem Panzer davon, die Augen ohne Hoffnung auf ihn, auf seinen Kameraden Joachim Preusser, gerichtet. Dann kamen wie gewohnt die Gesichter der Frauen, die nicht dort hingehörten. Ihre vorwurfsvollen Blicke.

Er hatte sich in seinem Sessel verkrampft und die Lehnen umklammert, hatte versucht, nicht aufzufallen, nicht zu stöhnen, doch erst als Helga seine Hand nahm und sie sanft drückte, hatte er sich beruhigt und verschwitzt den Rest des Akts von Liebe und Glück über sich ergehen lassen.

»Brauchen Sie eine Extraeinladung oder was?«

Preusser schrak zusammen und registrierte verwirrt den abschätzigen Blick des Kellners in seinem weißen Jackett hinter der Theke, dessen glasige Augen verrieten, dass er selbst einer seiner besten Kunden war.

Er nahm zwei Sekt und legte ein Fünfmarkstück auf den Tresen.

Gerade als er sich umwandte, sah er, wie ein hochgewachsener Mann im Smoking zu Helga an den Tisch trat und etwas zu ihr sagte. Sie stimmte das Lachen an, dem er nie hatte widerstehen können, und schüttelte den Kopf, woraufhin sich der Mann formvollendet verbeugte und abzog.

»Was wollte der Kerl denn?«

»Mir einen Sekt ausgeben.« Sie lächelte und strich sich eine dunkle Strähne aus der Stirn. Die neue Kurzhaarfrisur ließ sie jünger erscheinen als die fünfundvierzig Jahre, die sie alt war.

»Danke wegen eben.« Preusser reichte seiner Frau ein Glas und rang sich ein Lächeln ab.

Sie erwiderte es und trank, sah ihn dabei aber forschend an. »Wieder der Panzer?«

Auf dem Rand ihres Glases zeichnete sich ein Abdruck ihres Lippenstifts ab. Er nickte. »Komm, lassen wir das. Es ist ja jetzt vorbei.«

Sie zog die Augenbrauen nach oben. »Bis wann? Nächsten Montag, morgen? Kaum eine Nacht, in der du nicht hochfährst und so wie vorhin abdrehst. Sieh dir bloß an, wie deine Hände zittern.«

Preusser griff seine rechte Hand mit der linken. »Hör bitte auf. Ich weiß ja, deiner Meinung nach sollte ich zum Klapsdoktor.« Er sah sich um, ob jemand ihr Gespräch belauschte, doch die Umstehenden diskutierten über Kiesingers Wirtschaftspolitik und den Bau des ersten Hochhauses in Frankfurt.

Helga ignorierte seinen schroffen Ton. »Sei nicht gleich wieder so abfällig. Lass dir helfen.«

Er zischte. »Ich gehe zu keinem Seelenklempner. Dann kann ich die Leitung der Mordkommission sofort abgeben. Die Stelle ist nichts für einen Mann, der plemplem ist.« Er tippte sich gegen die Stirn. »Die sägen mich ab.«

Sie legte ihm genauso die Hand auf den Arm, wie sie es während der Vorstellung getan hatte. »Es wird nicht aufhören. Du musst dir Hilfe suchen, wenn du schon nicht mit mir redest.«

Er zog seinen Arm zurück. »Ich habe dir erzählt, was damals passiert ist.«

»Das ja, aber was dich dabei so mitnimmt, behältst du für dich.«

»Wie oft soll ich dir das noch erklären! Es geht nicht, ich kann nicht darüber sprechen.«

»Vielleicht klappt es bei einem Psychiater.«

»Nein. Kommt nicht in Frage. Ende der Diskussion.«

Preusser wandte sich ab.

»Natürlich. Du machst das mit dir aus. Wie immer.« Helga sprach leise, doch der Ärger in ihrer Stimme war unüberhörbar. »Hauptsache, nichts dringt nach außen, und niemand könnte denken, der Herr Hauptkommissar hätte eine Schwäche. Wie ich diesen verfluchten Stolz hasse!« Ihre Stimme nahm einen zynischen Tonfall an. »Es ist ja alles in bester Ordnung.«

Er erwiderte nichts und sah an ihr vorbei den gutgelaunten Menschen in ihrer Abendgarderobe zu. Es summte wie in einem Bienenstock. Seine Blicke wanderten zur blauen Decke, von der metallene Skulpturen herabhingen und Wolken stilisiert darstellten.

Lange zähe Sekunden vergingen, dann kam Helga um den Tisch herum und stellte sich neben ihn. Er sah weiter geradeaus, bis sie schließlich seufzte und sich bei ihm unterhakte. Preusser konnte die Überwindung spüren, die sie das kostete. »Komm, lass uns aufhören. Kannst du die zweite Halbzeit anhören?«

Er nickte und schluckte auch seinen Ärger herunter. »Tut mir leid.«

Sie ging auf die Zehenspitzen und küsste ihn sanft auf die Wange. Dann wischte sie den Lippenstift weg.

Preusser ergriff ihre Hand. »Wollen wir nachher beim dicken Klaus noch einen Gummiadler essen?« Der Wirt in ihrer Stammkneipe machte in einer winzigen Küche die besten Hähnchen Frankfurts.

Helga nahm das Friedensangebot an und lächelte. »Können wir in diesem Aufzug da hin?« Sie schaute auf seinen Anzug.

Er hob die Schultern. »Passt schon.«

»Warum sind Hilmar und Christa eigentlich nicht da?«

»Ich weiß es nicht, bei mir hat sich niemand abgemeldet.« Er zündete sich eine neue Zigarette an und hielt ihr die Schachtel hin, aber Helga schüttelte den Kopf. »Christa hätte wenigstens kommen können, auch wenn er verhindert ist.«

Helga lachte. »Ohne ihn geht die doch nicht vor die Tür.«

Es gongte zum ersten Mal, und sie tranken gerade ihre Gläser aus, als Helga aufstöhnte. »O nein. Ich hätte den Sekt nehmen sollen.«

Preusser blickte sich um und sah Hermann Wiedemann auf sie zukommen. Auch er stöhnte. »Verdammt.«

Sein Kollege aus der Mordkommission trug neumodische Jeans, eine Lederjacke, darunter ein offenes Hemd und hätte an keinem Ort der Welt unpassender wirken können als im Foyer der Städtischen Bühnen. Er hielt noch die Polizeimarke in der Hand, als er an ihren Tisch trat. »Guten Abend, Frau Preusser. Herr Kommissar …« Er nickte ihnen grinsend zu. »So kommt man billig in die Oper.«

Helga lächelte nicht.

Preusser registrierte die neugierigen Blicke der Umstehenden. »Lass die Sprüche! Was ist los? Ich hoffe, es ist wichtig.«

Wiedemann sah aus annähernd zwei Metern auf seine Umwelt hinab, doch der Ton seines Chefs ließ ihn die Schultern straffen. »Es wurde um zweiundzwanzig Uhr ein Toter im Main gemeldet. Die Streife hat den Leichnam herausgezogen.«

»Etwas für uns?«

Der Gong ertönte wieder.

»Sieht ganz danach aus. Der Tote ist unbekleidet und weist eine Stichverletzung auf.«

»Wer ist vor Ort?«

»Gesshoff, Bär, ich denke, die Technik und Dr. Thömmes.«

Preusser atmete schwer aus und sah zu Helga. »Tut mir leid. Ich muss los, du hörst es ja.«

Ihr Gesicht versteinerte förmlich.

»Einmal gehen wir in die Oper und dann das. Sind deine Männer nicht in der Lage, so etwas alleine zu regeln?«

»Ich bin der Vorgesetzte. Hier sind fünf Mark, nimm dir ein Taxi.«

»Wenn du mir endlich erlauben würdest, den Führerschein zu machen, könnte ich das Auto selbst nach Hause fahren.« Ihr Tonfall wurde trotzig.

Preusser sah kurz zu Wiedemann, der Helga zunickte und schnell verschwand. »Wie kannst du das vor dem Kollegen sagen? Was soll der denn jetzt denken?«

»Na was wohl? Du lässt mich nicht den Führerschein machen.«

»Du weißt, was ich meine.«

Sie winkte ab. »Klar, nie in der Öffentlichkeit. Eine Frau soll ihrem Mann nicht in den Rücken fallen, aber sein Zeug waschen und putzen, ach ja, kochen darf sie auch.«

»Helga, bitte.« Sie erwiderte nichts. »Es wird wahrscheinlich spät werden.«

Seine Frau sah Preusser resigniert an. »Es sollte ein schöner Opernabend werden.«

»Dienst ist Dienst.«

Sie lachte schnaubend, griff den Geldschein und wandte sich ohne Gruß von ihm ab.

Preusser sah ihr nach, wie sie zierlich und schlank in ihrem kurzen Etuikleid in Richtung der Türen des Auditoriums ging, während ihr die Blicke nicht weniger Männer folgten.

* * *

Wiedemann wartete unmittelbar vor dem Haupteingang des neuen Theaterbaus in einem zivilen Fahrzeug. Laute Beatmusik quoll aus dem Inneren nach draußen.

Preusser klappte den Kragen seines Mantels gegen den Regen hoch und lief die Treppe hinunter. Eilig riss er die Beifahrertür auf und ließ sich auf den Sitz fallen.

Die Musik im Innenraum war ohrenbetäubend. »Mach den Krach aus.«

»Das ist ›My Generation‹ von ›The Who‹.«

Preusser drehte genervt am Knopf und die Musik erstarb. »Das ist Lärm. Fahr endlich los.«

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Wiedemann eine Grimasse schnitt.

»Was ist das für ein Auto?«

»Neu in Dienst gestellt. Opel Rekord. Fährt sich gut.«

Preusser nickte und blickte nach draußen, wo sich nur wenige Menschen unter Schirmen an den Schaufenstern vorbeidrängten. Bademode wurde angepriesen. Bei dem Wetter. Hinter der Schaufensterpuppe mimte ein Foto der Rialtobrücke den italienischen Sommer. Er schnaubte und sah vor sich hin.

Kaum drei Minuten später erreichten sie den Schaumainkai.

Der Fundort war nicht schwierig auszumachen. Die Kriminaltechniker hatten unmittelbar am Fluss ein Zelt aufgebaut, um den Regen abzuhalten. Ein Generator dröhnte, flackernde Scheinwerfer erleuchteten die Szenerie.

Ein Blitzlicht flammte auf.

»Bär ist schon dran.«

Kein Mensch war auf der Straße zu sehen. Nur ein Moped fuhr Richtung Städelmuseum. Ein Mann der Wach- und Schließgesellschaft hatte sich einen Regenumhang übergeworfen, der sich im Fahrtwind blähte wie ein Segel.

Wiedemann öffnete einen Schirm und hielt ihn über ihre Köpfe, während sie zwischen den Bäumen zur Treppe eilten und auf die Uferpromenade hinabstiegen.

Auf der Wiese stand Wasser, und nach wenigen Schritten waren Preussers Schuhe und Strümpfe völlig durchnässt. Er fluchte leise und lachte dann resigniert auf, als er auf der anderen Seite des Mains das Dach der Städtischen Bühnen erkannte.

Ein schöner Opernabend!

Sie erreichten den Fundort und flüchteten sich unter die Zeltbahnen, wo drangvolle Enge herrschte.

Techniker in weißen Anzügen krochen mit Handlampen über den Boden, während andere auf einem kleinen Klapptisch Material in Tütchen verpackten.

Inmitten dieser Aktivitäten lag der Tote im Gras. Ihr Fotograf lief um den Körper und schoss eine Aufnahme nach der anderen. Gisbert Bär war klein, höchstens einen Meter sechzig, und so ziemlich der unhöflichste Mensch, dem Preusser je begegnet war.

»Guten Abend, die Herren, wer setzt mich in Kenntnis?«

Gesshoffs massige Gestalt tauchte auf. Er winkte. »Hierher, dann stehen wir nicht im Weg.« Er blickte grinsend zu Bär hinüber.

Sie drückten sich an zwei uniformierten Polizisten vorbei, die eine losgerissene Zeltplane wieder verzurrten. Wasser tropfte von ihren Tschakos auf den Boden.

Der Tote war bis zum Bauchnabel mit einem Tuch abgedeckt.

Ein junger Mann. Irgendwer hatte ihm die Augen geschlossen. Nass klebten dunkelblonde oder rötliche Haare am Kopf und umrahmten ein fahlweißes Gesicht. Zwischen den leicht aufstehenden Lippen war eine Reihe ebenmäßiger Zähne zu erahnen. Die im Tod entspannten Züge wirkten gleichmäßig, fast symmetrisch. Im Leben musste er ein attraktiver Mann gewesen sein. Ein Hämatom auf dem Wangenknochen war das einzige Zeichen äußerer Verletzungen, sah man von der Einstichstelle in der linken Brust einmal ab.

»Der Täter ist Rechtshänder.«

Gesshoff nickte. »Leider.« Auf dem Revers seiner Windjacke schimmerte ein Fettfleck.

»Gibt es schon etwas Brauchbares?«

»Nein. Wir haben Fingerspuren genommen. Ich rechne auch nicht mit allzu viel, schließlich haben sie ihn hier ja nur herausgezogen.«

Bär trat zu ihnen, während er seine Nikon F wegpackte. »So, jetzt könnt ihr ran.«

Er wandte sich ab, doch Preusser hielt ihn auf.

»Wann haben wir die Bilder?«

Der Fotograf fixierte ihn mit seinen kleinen blauen Augen. »Na wann wohl, Herr Hauptkommissar? Wenn Sie morgen aus den Federn steigen, liegt das Zeug schon auf Ihrem Schreibtisch. So wie immer.« Er entwickelte die Fotos persönlich und machte auch alle Abzüge. Vom Gesicht einer Leiche lieferte er regelmäßig mehrere Aufnahmen, von denen eine meistens so belichtet war, dass eine gewisse Achtung vor dem Verstorbenen deutlich wurde, was Preusser stets dazu veranlasste, das Bild länger zu betrachten. Er hatte irgendwann begonnen, genau dieses Exemplar zu archivieren.

Bär ging grußlos.

Vor einem Jahr hatte Bär seine privaten Aufnahmen in einer Ausstellung gezeigt, die er mit einem Kollegen gemeinsam im Treppenhaus des alten Rathauses von Hofheim organisiert hatte. Preusser war mit Helga zufällig hineingestolpert und verblüfft wieder herausgekommen. Die Landschaftsaufnahmen, allesamt aus dem Taunus, wirkten komponiert wie Gemälde und verrieten einen Gisbert Bär, der voller Emotionen steckte. Ein Foto zeigte ihn selbst neben seinem VW-Käfer. Preusser war sekundenlang stehen geblieben. Bär lächelte in die Kamera.

Vor dem Zelt flog eine Kippe wie ein kleiner Komet durch die Dunkelheit. Einen Moment später trat der Gerichtsmediziner Dr. Thömmes in langem Regenmantel und breitkrempigem Hut ins Licht.

»Ist der Giftzwerg endlich weg?«

Um die dicken Gummistiefel, die der Arzt trug und die vor Feuchtigkeit glänzten, beneidete Preusser ihn augenblicklich. Thömmes zog den Hut ab und zeigte seine vollen eisengrauen Haare, die wild in alle Richtungen standen. Ächzend ging er in die Hocke und inspizierte als Erstes die Wunde.

Preusser trat neben ihn. »Was können Sie sagen?«

Thömmes wandte den Blick und ließ ihn an Preussers schwarzem Anzug herabgleiten. »Passende Kleidung für heute Abend, was?«

»Oper.« Er mochte den nüchternen Mediziner, der ihn nun mit süffisantem Lächeln betrachtete.

»›La Bohème‹, nicht wahr? Gute Aufführung?«

»Ich fand den Teil, den ich hören durfte, gelungen.« Bis zur Arie des Rudolfos jedenfalls. »Was ist mit dem Mann?«

Thömmes wandte sich der Leiche zu und rieb sich seine große Nase. »Ich bin zwar erst am Anfang, doch man braucht kein Hellseher zu sein. Die weiße Haut, die Stichverletzung. Ich gehe davon aus, dass ein Messer in die Lunge eingedrungen ist und eine wichtige Ader erwischt hat. Innere Blutungen. Ob er daran gestorben oder im Fluss ertrunken ist, werde ich nach der Obduktion wissen.«

»Haben Sie einen Zeitpunkt?«

»Jetzt ist es«, er spähte auf seine Timex, »dreiundzwanzig Uhr dreißig.« Thömmes legte beide Hände an den Kiefer des Toten und bewegte den Kopf leicht hin und her, dann berührte er mit den Kuppen der Zeigefinger die Augenlider. »Die Kaumuskulatur ist flexibel, die Lider beginnen gerade mit der Totenstarre. Das Wasser des Mains hat maximal fünfzehn Grad. Zwei Stunden vielleicht.«

Preusser richtete sich auf. »Eugen, wann genau kam der Anruf?«

Gesshoff kam herüber und drückte mit seinem mächtigen Bauch einen der Techniker beiseite. »Um zweiundzwanzig Uhr sieben. Die Kollegen waren fünf Minuten später hier, den neuen Streifenwagen sei Dank. Um zweiundzwanzig Uhr achtzehn ging die Meldung an uns raus.«

»Es war also noch hell, als man ihn in den Fluss geworfen hat. Wer hat ihn gefunden?«

»Ein Hund.« Wiedemann sah auf seinen Block. Schlank und groß, wie er war, wirkte er neben Gesshoff wie ein Leuchtturm. »Die Schupos der Streife haben den Besitzer befragt. Der Pudel ist weggelaufen und stand bellend auf dem Kai. Der Mann hat nachgesehen und dann die Leiche entdeckt, die sich an einer Kette verfangen hatte, die warum auch immer dort hängt.«

»Wisst ihr schon, wo man den Mann reingeworfen hat?«

»Nein.«

Preusser trat an die Plane und sah auf den dunkel dahinfließenden Fluss. Ein Lastschiff fuhr tuckernd vorbei. Weiter flussaufwärts sah er Autos auf der Brücke, dahinter die wenigen Lampen auf der Uferstraße.

»Ein paar Beamte müssen schleunigst auf die Suche gehen. Der Regen verwäscht alle Spuren. Sie sollen sich auf Stellen konzentrieren, die man anfahren kann und nur schwer einsehbar sind. Weit geschleppt haben werden sie den Mann nicht, wenn es hell war.«

»Die Kollegen werden sich freuen.« Wiedemann grinste.

Preusser sah ihn gleichgültig an. »Das ist mir vollkommen egal. So ist der Beruf eben. Sieh zu, dass die Sache in Gang kommt.« Er musterte den Kollegen. »Und morgen wieder im Anzug.«

Thömmes trat neben Preusser. »An den Füßen gibt es Spuren, die darauf hindeuten, dass man ihn über einen rauen Untergrund geschleift hat. Da lebte er noch. Bis auf die Stichwunde und das Hämatom auf der Wange ist äußerlich nichts zu sehen. Wir müssen die Obduktion abwarten. Die Leiche wird gleich in die Gerichtsmedizin gebracht.«

»Wann kann ich mit dem Bericht rechnen?«

Der Arzt war groß und hager. Er hatte mit Gesshoff nicht nur das Alter gemein. Beide standen wenige Jahre vor dem Ruhestand, und kaum etwas vermochte noch, sie aus der Ruhe zu bringen. »Morgen im Laufe des Vormittags wahrscheinlich. Ich melde mich. Kommen Sie rüber in die Kennedyallee. Ich gebe Ihnen vorab eine kleine Zusammenfassung.«

Er tippte sich an den Hut und verschwand in der Dunkelheit. Preusser sah nachdenklich zu dem abgedeckten Körper. Der Tote war nackt. Keine Kleidung, keine Papiere, jemand versuchte, es ihnen schwerzumachen, den Mann zu identifizieren. Er deckte die Leiche wieder auf und betrachtete die Hände, deren Fingerkuppen von der Abnahme der Fingerspuren blau verfärbt waren. Nirgends Schwielen oder Schrunden. Die weichen Hände eines Menschen, der selten körperlich arbeitete.

»Eugen.« Gesshoff verließ erneut die Gruppe der Kriminaltechniker und sah Preusser fragend an. »Was denkst du?«

Der Kollege nahm die Mütze vom Kopf, strich sich langsam über die glänzende Glatze und sah in die Nacht. »Vorweggenommene Schafskälte, was?« Er ließ sich mit der Antwort Zeit. Gesshoff war schon vor dem Krieg bei der Kripo gewesen. Es gab wenige Formen von Gewalt, Totschlag und Mord, die er bislang noch nicht gesehen hatte. »Er sieht nicht nach einem Kriminellen aus, und wenn er doch einer gewesen sein sollte, dann ist er jemand aus der oberen Etage, einer von denen, die sich die Hände nicht schmutzig machen.«

»Ein Überfall?«

»Weiß nicht. Wieso sollte ein gewöhnlicher Räuber ihn ausziehen und in den Main werfen? Es besteht in so einem Fall ohnehin keine Verbindung zwischen Täter und Opfer, die wir ausgraben könnten.«

Preusser nickte. »Die Kleidung war eventuell teuer.«

»Möglich, aber auch die Unterwäsche? Außerdem wird zumindest das Hemd voller Blut gewesen sein.«

»Er hat keine Abwehrverletzungen.«

»Der Täter muss dicht an ihm dran gewesen sein und dann … zack.« Gesshoff stach ein Loch in die Luft.

»Der Täter war ein Mann?«

»Wahrscheinlich. Der Tote ist zwar schlank, aber relativ groß. Es gibt nur wenige Frauen, die über so viel Kraft verfügen, einen Körper zu entkleiden und zum Fluss zu schleppen.«

»Ziemlich kaltblütig, am helllichten Abend auf diese Art eine Leiche verschwinden zu lassen.«

Gesshoff winkte ab. »Denk an den Kerl, der vor drei Jahren seine Ehefrau erwürgt, zersägt und die Teile in den Ascheneimern überall in der Stadt entsorgt hat. Was hat er gemeint: Einer alten Frontsau macht so was nichts.«

Preusser nickte. »Wir sollten nicht spekulieren. Für heute sind wir hier durch. Vielleicht findet der Suchtrupp die Kleider. Mach den Technikern noch Druck mit den Berichten. Vor allem die Fingerspuren eilen. Geh danach auch nach Hause.«

Gesshoff sah Preusser kritisch an. »Das wird nicht leicht.«

* * *

In der Wohnung brannte kein Licht mehr, als er den Ford Taunus vor dem Haus abstellte. Seine Uhr zeigte bereits nach Mitternacht.

Der Mai tat sich mit seiner Bestimmung als Wonnemonat derzeit schwer und ließ den Regen weiterhin kalt in so feinen Tropfen vom Himmel fallen, dass die Scheibenwischer sich nur quietschend über die Scheibe bewegten. Zu seinem Bedauern hatte der kurze Weg von den städtischen Bühnen hierher ins Westend nicht ausgereicht, um die Heizung in Gang zu bringen, daher fror er in seiner feuchten Kleidung wie im Winter.

Er lief zum Haus, in dem sie mit ihrer Tochter Elke in der ersten Etage eine weitläufige Wohnung mit Balkon hatten, die für sein Beamtengehalt recht teuer gewesen wäre, doch das Haus gehörte Helga, der es von ihrem Vater geschenkt worden war. Helmut Prinz hatte ein Dachdeckerunternehmen und von dem Wiederaufbau profitiert.

Nebenan in Brickmanns Milchladen brannte noch Licht. Wahrscheinlich reinigte er mit seiner Frau die Tanks. Das Geschäft lief anscheinend schlecht, denn sie hatten die Hilfe entlassen und putzten nun wieder selbst die Anlage. Wundern konnte es nicht. In den wie aus dem Boden sprießenden Selbstbedienungsläden gab es neben all dem anderen Zeug auch Milchprodukte, schön verpackt und länger haltbar.

Preusser öffnete die Haustür und ging leise nach oben. Drinnen war es angenehm warm, und er genoss die Ruhe.

Wenig später schlüpfte er zu Helga ins Bett.

»Schlimm?«

Sie wartete oft, bis er zurück war. Ihr Ärger war verflogen. Wie meistens, wenn sie sich stritten, gelang es ihr schnell zu vergessen. Anders als er war sie nie nachtragend.

»Nein.« Sanft nahm Preusser sie in den Arm.

»Geh weg! Du bist kalt.« Sie versuchte, ihn abzuschütteln.

»Eben.« Er schlang seinen Arm enger um ihren Körper und genoss die Wärme, die von ihr ausging. »Wo ist Elke?«

Helga gab ihren Widerstand auf. »Schläft bei Marianne. Sie müssen noch ein Referat vorbereiten und wussten nicht, wie lange es dauert.«

Preusser küsste sie auf den Nacken. »Ganz ungestört.«

Er ließ seine Finger an ihrem Körper nach oben wandern, doch Helga legte den Arm unter die Brust. »Kommt nicht in Frage. So wie du dich heute Abend aufgeführt hast.«

»Ich musste an den Tatort.« Er gab ihr einen zärtlichen Kuss.

Sie drehte den Kopf weg. »Hör auf! Darum geht es überhaupt nicht. Das weißt du ganz genau.«

Er schwieg. Sie rollte herum und sah ihn im schwachen Licht der Straßenlaternen an.

»Seitdem du aus der Gefangenschaft zurück bist, seit zwanzig Jahren schon, hast du die Alpträume, und deine Hände zittern manchmal wie bei einem Alkoholiker. Es spielt keine Rolle, wie oft du auch behauptest, es würde besser, es bleibt ein Problem.«

Er sprach leise. »Ich komm damit klar, es funktioniert. Außerdem …«

Sie unterbrach ihn. »Das stimmt nicht. Du kapselst dich jetzt, wo du älter wirst, mehr und mehr ab. Ich merke seit langem, dass du mich davon fernhältst, doch eines ist klar: In dir ist nichts in Ordnung.« Preusser schwieg. »Ich sag es dir nochmal: Es ist mir gleichgültig, was damals passiert ist oder wo der Grund für die Träume liegt. Aber es steht irgendwie zwischen uns. Ich will nicht so weitermachen. Bitte sei bereit, dir helfen zu lassen.«

»Es ging all die Jahre so und hat dich nicht gestört.«

»Natürlich hat es mich gestört. Ich habe nur den Mund gehalten. Die Zeiten ändern sich aber. Du änderst dich, und ich habe mich auch verändert. Denk also drüber nach.« Sie sah ihn auffordernd an.

Preusser zögerte. Aus ihrer Sicht der Dinge hatte Helga recht, doch was war er für ein Mann, wenn er zu einem Klapsdoktor ging? Wer das machte, den bezeichneten die Kollegen und Freunde als Weichei oder als Schlappschwanz, wie er es im umgekehrten Fall ebenso tun würde. Er konnte sich an niemanden erinnern, der je die Hilfe eines Psychologen in Anspruch genommen hatte, gleichgültig, wie schlimm es in ihm aussehen mochte. »Ich werde darüber nachdenken.«

Helga schien seine Gedanken zu kennen.

»Es sollte dir ganz gleich sein, was die anderen denken, es geht um dich.« Sie streichelte sanft seine Wange und gab ihm einen Kuss, dann noch einen, intensiver. »Ich will dich glücklich sehen.«

Er nickte. Sie hatte ihm deutlich gemacht, was sie dachte und von ihm verlangte. Das Thema war für diesen Abend erledigt – bis zum nächsten Mal. Er atmete auf und küsste sie nun auch. Vorsichtig brachte er seine Hand wieder in Bewegung.

»Stopp!« Sie presste wieder ihren Arm unter die Brust.

Er sah überrascht auf. »Was denn jetzt?«

Nun lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »Ich will den Führerschein machen.«

»Das ist Erpressung.« Helga wusste, wann er nicht nein sagte.

»Es geht ja nicht anders.«

Preusser sah sie im schwachen Licht an. »Deine Frisur gefällt mir.«

»Lügner«, sie äffte ihn nach, »Frauen haben noch immer lange Haare getragen.«

»Kann ich nicht mal meine Meinung ändern.«

Sie stupste mit dem Finger seine Nase. »Du? Niemals.« Ihre Stimme klang warm. »Lenk außerdem nicht vom Thema ab. Was ist mit dem Führerschein?«

Er seufzte. »Na gut, wir melden dich an. Aber dann fährst du in diesem Sommer bis nach Spanien.«

»Geht in Ordnung.« Helga lockerte den Arm.

Zwei

Mittwoch, 24. Mai 1967

Auf der Friedrich-Ebert-Anlage rollte der Verkehr stockend Richtung Innenstadt. Weil immer mehr Menschen aus der Stadt ins Umland zogen, wuchs die morgendliche Blechlawine und verpestete die Luft. Immerhin baute die Stadt an einer U-Bahn.

Missmutig sah Preusser dem Regen zu, der langsam am Fenster herablief. Er hasste das Wetter, weil es ihnen die Arbeit noch schwerer machte.

Die Zeitung hatte die Nachricht von dem Toten aus dem Main noch aufgenommen, allerdings nur wenige nichtssagende Zeilen gebracht.

Auf seiner Schreibtischunterlage lag der Bericht der Spurensicherung und gab rein gar nichts her. Über Seiten hatten die Techniker dargelegt, was sie alles versucht hatten, um ein verwertbares Detail herauszubekommen, doch der Fundort war eindeutig nicht der Tatort, und der Fluss hatte obendrein alle messbaren Spuren davongeschwemmt. Preusser warf die Mappe auf den Aktenbock, der neben seinem Schreibtisch stand, und hoffte auf den Suchtrupp, der den Platz suchte, an dem der Verletzte in den Main geworfen worden war.

Wieder wanderte sein Blick zum Fenster.

Helga und er hatten eine schöne Nacht verbracht. Es war fast wie damals, als sie während des Krieges auf einem seiner Fronturlaube ihren Sohn Wolfgang gezeugt und danach beschlossen hatten, schleunigst zu heiraten. Sein Jurastudium war damit beendet, was ihm in der Rückschau wenig ausmachte. Er liebte sein Leben mit Helga und den Kindern, und in seinem Beruf war er erfolgreich.

Er hätte zufrieden sein können, doch seine Frau hatte sich in der letzten Zeit sehr verändert. Sie war mit ihrem Alltag als Hausfrau nicht mehr zufrieden und wollte irgendetwas Neues machen, vielleicht sogar arbeiten gehen. Er schüttelte ungläubig den Kopf.

Nun, dazu würde sie sein Einverständnis brauchen.

Ihr Drängen auf den Führerschein war auch so eine plötzliche Marotte. Praktisch keine Frau fuhr Auto, warum also Helga? Er verstand es nicht. Was war denn so schlecht an ihrem Leben? Es war nun mal so: Der Mann ging zur Arbeit, und die Ehefrau blieb zu Hause. Sie waren seit 1942 verheiratet, und auf einmal stellte sie vieles in Frage, nicht zuletzt seine Entscheidungen. Helga diskutierte neuerdings mit ihm jede Investition ins Haus oder die Wohnung, Dinge, die er früher allein entschieden hatte. Zudem bedrängte sie ihn damit, zum Irrenarzt zu gehen. Zwanzig Jahre nach dem Krieg!

Ob es an ihm lag? Preusser schüttelte den Kopf. Nein, er war der Alte geblieben, die Welt jedoch änderte sich und mit ihr seine Frau.

Er schrak zusammen, als es klopfte und Hilmar Backhaus seine massige Gestalt ins Büro schob.

»Morgen.« Ohne zu fragen, ließ der Kollege sich auf dem abgewetzten Stuhl vor dem Schreibtisch nieder und zündete sich eine Zigarette an. »Auch eine?«

»Nein, danke.«

»Wie war es in der Oper?«

»Schön. Wo seid ihr gestern gewesen? Ist doch schade um die teuren Karten.«

Backhaus spielte mit seinem goldenen Feuerzeug zwischen den Fingern und winkte ab. »Ich musste einen Informanten treffen. Es ging nicht anders. Tut mir leid, ich wäre auch lieber in die Oper gegangen. Hattet ihr wenigstens Spaß?«

»In der Pause hat mich Wiedemann rausgeholt.«

Backhaus sah ihn aus stechend blauen Augen an. »Dienst?«

»Ein Toter, erstochen. Trieb unbekleidet im Main. Du kannst dir vorstellen, wie dürftig die Spurenlage ist.«

»Wird er gesucht?«

»Die Vermisstendatei hat noch niemanden ausgespuckt. Wir sind allerdings früh dran, da kann in den kommenden Tagen etwas nachkommen.«

Asche rieselte auf Backhaus’ Krawatte. Er schnippte sie auf den grauen Linoleumboden. »Raubmord? Dann wäre es auch was für mich?«

»Weiß nicht. Wieso sollte ein Räuber sein Opfer ausziehen?«

»Teure Kleidung, oder er braucht eine Uniform, um irgendwo reinzukommen. Hatten wir doch schon. Ein Wachmann oder Polizist.«

»Der Gedanke ist nicht schlecht. Könnte durchaus sein. Wiedemann hat mit dem Wasserschifffahrtsamt telefoniert. Der Main fließt in der Mitte etwa einen Meter pro Sekunde. Rechnet man das runter und bezieht mit ein, dass der Körper am Ufer ins Wasser gelangte, kann er maximal zwei Kilometer abgetrieben worden sein. Aufgrund des Strömungsverlaufs geht der Experte davon aus, dass er auf Höhe des Hafens auf der Stadtseite hineingeworfen wurde.«

»Siehst du!« Backhaus schloss für eine Sekunde müde die Augen hinter fleischigen Lidern. »Vielleicht also ein Wachmann, und sie brauchten seine Uniform, um in ein Lagerhaus einzudringen. Wenn du Unterstützung brauchst, werde ich meine Leute darauf ansetzen.«

»Mach das! Wir können jeden Hinweis brauchen.«

Backhaus nickte und sah dann schweigend zum regennassen Fenster. Sein Blick verlor sich in der Ferne.

»Was ist los, Hilmar? Müde?« Tagträumen passte nicht zu dem Kollegen.

»Was?« Backhaus sah Preusser überrascht an.

»Du siehst richtig angeschlagen aus. Ist etwas nicht in Ordnung?«

Backhaus winkte schwach ab. »Das ist es eigentlich immer, nicht wahr? Ist Zeit, dass wir mit unseren Familien in Urlaub kommen. Spanien ist doch gebucht, oder?«

»Klar. Ist etwas vorgefallen?«

Hilmar wusste, was er andeutete. »Ich habe dir gesagt, dass das damals ein Versehen war. Nein, es hat nichts mit dem Laden hier zu tun.«

»Wenn du Hilfe brauchst, bin ich für dich da.«

Sie sahen sich schweigend an, und Preusser glaubte, einen unbestimmten Druck zu spüren, der in Backhaus war, aber gerade als er davon überzeugt war, sein Freund würde zu sprechen beginnen, klopfte es, und Annemarie Josten steckte ihren Kopf durch die Tür.

Ihr mausgraues Kleid gab ihr das Aussehen eines Schulfräuleins. »Ach, Herr Hauptkommissar, heute Mord und kein Raub?«

Backhaus zeigte sein schönstes Lächeln und breitete die Arme aus. »Ich wollte doch nur in Ihrer Nähe sein.« Seine Fassade stand wieder.

Preussers Sekretärin lachte verschämt auf und strich sich mit einer unbewussten Bewegung kokett über die grauen Haare, die sie in einem Dutt zusammengebunden hatte. Sie sah zu Preusser. »Kriminaldirektor Deckers wünscht, Sie zu sprechen.«

»Ich gehe gleich zu ihm.«

»Nein, nein, er wartet vor der Tür.«

Backhaus sprang auf und drückte seine Zigarette aus. »Oh, Zeus steigt vom Olymp herab. Am Freitag auf ein Bier in der ›Letzten Instanz‹ oder erst beim Kegeln?«

»Ich melde mich. Denk dran, deine Leute auf den Fall anzusetzen. Wenn ihr was habt, sag mir Bescheid.«

Backhaus verschwand, und Preusser sah ihm einen Augenblick hinterher. Sie kannten sich, seitdem er bei der Polizei begonnen hatte. Noch vor der Währungsreform waren sie miteinander Streife gelaufen und waren gegen die Schwarzhändler vorgegangen. Beide hatten ihre Karriere gemacht, ihre damals entstandene Freundschaft war geblieben. Sie fuhren öfter mit den Familien zusammen in Urlaub, gingen kegeln und unternahmen viel gemeinsam. Es funktionierte, auch wenn sich zwischen Helga und Christa nicht das gleiche innige Verhältnis entwickelt hatte.

* * *

Kriminaldirektor Deckers trug immer schwarz. Sein Anzug mitsamt der Weste saß, wie nur ein Maßanzug sitzen konnte. Er stolzierte herein und blieb mitten im Raum stehen.

»Wo bleibt Ihr Bericht? Ich musste mich von Kriminaldirektor Werner in Kenntnis setzen lassen, dass in meiner Abteilung der Mord an einer Wasserleiche untersucht wird.« Er hob die Stimme. »Wissen Sie, wie peinlich das war? Man könnte glauben, ich hätte den Laden nicht im Griff.« Er nahm die Hornbrille ab und polierte mit seinem Taschentuch übertrieben die Gläser.

»Wir tragen die Ergebnisse gerade zusammen. Danach wäre ich zu Ihnen gekommen.«

Deckers setzte sich Preusser gegenüber auf den Besucherstuhl. »Der Informationsfluss muss schneller gehen. Ich verlange, in allen neuen Fällen gleich morgens in Kenntnis gesetzt zu werden.«

Preusser hasste den nörgeligen Befehlston und den hierbei leicht angehobenen Kopf seines Vorgesetzten mit den dünnen Haaren.

»Wir sind bisher immer so vorgegangen, dass ich den Bericht erst vorgelegt habe, wenn die bekannten Fakten auch auf dem Tisch liegen.«

»Mag sein. In Zukunft jedenfalls kommen Sie sofort am Morgen. Was war los?«

Preusser fasste in unwilligem Ton die wenigen Fakten zusammen.

Deckers stand auf. »Da haben sich wohl Verbrecher gegenseitig abgemurkst. Sobald es etwas Neues gibt, informieren Sie mich umgehend.«

»Erklären Sie mir bitte, warum das plötzlich so wichtig ist?«

»Lesen Sie gelegentlich die Zeitung? Es brodelt überall. Jugendliche zünden eine Rauchbombe auf der deutsch-amerikanischen Freundschaftswoche, Demonstrationen der Griechen und Portugiesen gegen die Militärdiktatur in ihren Heimatländern vor dem Römer. Die Studenten bereiten Proteste anlässlich des Besuchs des Schahs vor, und der SDS fabuliert von Marcuses Eindimensionalität der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, die er verändern will. Die sägen alle am System. Wir sollten wachsam bleiben! Unsere Verbündeten sehen die Entwicklung sehr kritisch. Verstehen Sie? Wir müssen aufpassen, dass nicht irgendein Funke das Ganze zum Explodieren bringt.«

Preusser sah seinen Chef zweifelnd an. »Bei denen ist es doch genau das Gleiche, oder demonstrieren die Menschen drüben nicht gegen den Vietnamkrieg? Außerdem ist lediglich ein Toter gefunden worden, und meine Aufgabe ist es, den Mörder zu fassen. Die Politik ist mir da völlig egal.«

»So einfach ist das nicht.«

»Für mich schon. Die Zeiten, in denen nur der schuldig war, der es laut der Politik sein musste, sind zum Glück seit zwanzig Jahren vorbei. Meine Pflicht ist es heute, Täter zu überführen, unabhängig davon, wer es ist und was daraus für irgendwelche Parteien und Politiker folgt. Über die Schuld urteilen die Gerichte, und Justitia ist ja bekanntlich blind.«

Deckers richtete die gestreifte Krawatte und sah Preusser an, als wollte er einen scharfen Kommentar geben, doch dann winkte er ab. »Ich hätte Sie für weniger naiv gehalten, Herr Hauptkommissar. Nun gut, tun Sie Ihre Arbeit, den Rest überlassen Sie mir.«

* * *

Dr. Thömmes wartete schon, als sie in den weiß gekachelten Sektionssaal kamen. Der hagere Mann schlüpfte aus seinem Kittel und hängte ihn an einen Ständer.

Er nickte ihnen nur zu, dann kramte er in Papieren mit handschriftlichen Notizen, die auf einem Tisch verstreut lagen. Die Gerätschaften und der Seziertisch waren bereits gereinigt worden. Der Geruch von Desinfektionsmitteln lag schwer in der Luft und überdeckte zum Glück die üblen Ausdünstungen der Leichen. Preusser war viele Male in der alten Villa gewesen, die die Gerichtsmedizin auf dem Gelände der Universität beherbergte. Im Gegensatz zu manchen jungen Kollegen waren Obduktionen für ihn kein Problem. Möglich, dass er schon zu viel gesehen hatte, um sich noch beeindrucken zu lassen. Jedenfalls mochte er den wissenschaftlichen Umgang mit dem Tod, der hier herrschte, frei von Emotionen, die den Blick verstellten. Er sah zu Wiedemann, dessen Blick verriet, dass er anders dachte.

Thömmes trat neben eine Bahre aus Edelstahl und schlug das Tuch über dem Körper zurück. »Eine kurze Vorabinformation, den Bericht bekommen Sie möglichst schnell.«

Er deutete auf die Brust des Toten, der sauber gewaschen und mit gekämmten Haaren dalag, als schliefe er, wäre nicht der große Y-Schnitt gewesen, mit dem ihm der Gerichtsmediziner und seine Assistenten den Brustraum geöffnet hatten. »Ein Meter vierundachtzig groß, neunundsiebzig Kilo, Schuhgröße einundvierzig. Guter Gesamtzustand. Keine Operationsnarben oder Knochenbrüche. Gut genährt. Er war kein Arbeiter oder ein Kleinkrimineller, der sich oft schlägt. Die Hände sind schlank und unversehrt. Auf mich wirkt er wie ein Student oder ein junger Akademiker.« Thömmes wies auf die Brustwunde. »Der Messerstich hat einen Mantelpneumothorax verursacht. Luft ist in den Pleuraraum, also den Bereich zwischen Brustwand und Lunge, gelangt und um den Lungenflügel geflossen. Dieser gerät in einem solchen Fall unter Druck und bereitet Atembeschwerden. Die Brust hat sich nach dem Stich äußerlich wieder verschlossen. Das Blut aus einer verletzten Schlagader konnte so nach und nach in die Lunge sickern, was den Druck wiederum erhöht hat. Wir haben auch Wasser gefunden. Kurz gesagt: Der Mann ist langsam und qualvoll gestorben und erst im Main ertrunken. Die Menge des ausgetretenen Bluts lässt auf einen Todeszeitpunkt von circa zwanzig Minuten nach der Messerattacke schließen.«

»Was für eine Art Messer?«

»Spitze Klinge. Zweiseitig geschliffen.« Der Gerichtsmediziner zeigte auf die Einstichstelle. »Sehen Sie: Die Klinge eines Bajonettes zum Beispiel läuft nach unten schmal zu. Die Wunde ist dann an einer Seite breiter.« Er sah Preusser an. »Das kennen wir ja noch aus dem Krieg. Diese hier verjüngt sich aber zu beiden Seiten, also symmetrisch. Wie von einem Paradedolch der Luftwaffe, nur kürzer.«

»Länge?«

»Zwölf bis fünfzehn Zentimeter.«

Preusser dachte nach. »Da der Tote eine Weile im Fluss getrieben ist, bis er starb, muss der Angriff relativ nahe zum Ufer geschehen sein, sonst hätte die Zeit nicht ausgereicht.«

»Nicht unbedingt.« Thömmes deutete auf eine Rötung, die quer über den Bauch verlief. »Er könnte in einem Hänger oder Kofferraum transportiert worden sein.«

»Wie ein Stück Vieh.« Wiedemann schien es sich gerade bildlich vorzustellen.

Der Mediziner achtete nicht auf ihn. »Es gibt Kratzspuren auf dem Rücken, die eingeblutet sind.« Thömmes trat beiseite und beugte sich nach unten. »Jemand hat ihn so gepackt und herausgezogen.« Der Arzt richtete sich auf. »Aber der Körper ist ihm aus der Hand gerutscht. Daher die Spuren. Der Verletzte hing kopfüber nach unten. Die Rötung stammt von einer Kante. Das Blut aus der Lunge floss hierbei in den Mundraum.«

»Ein Täter?«

»Vermutlich.« Er trat ans Ende der Trage und hob einen Fuß an. »Ich habe es Ihnen ja gestern schon gezeigt. Hier an den Fersen sind Schleifspuren entstanden, als man ihn über einen rauen Boden gezogen hat.«

»Nackt?«

»Da ja, bei der Messerattacke war er jedoch bekleidet. Wir konnten Faserspuren in der Wunde sichern. Weiße Baumwolle von einem Hemd oder Unterhemd.«

Wiedemann resümierte. »Er wird niedergestochen, wahrscheinlich in einen Kofferraum gesteckt, mühsam rausgezogen, entkleidet, zum Main geschleppt und in den Fluss geworfen.«

Der Gerichtsmediziner trat zum Schädel des Toten und öffnete den Mund. »Interessant sind die Zähne. Sehen Sie hier! Er hat irgendwann die Schneidezähne verloren. Da die anderen Zähne intakt sind, könnte das Folge eines Unfalls gewesen sein. Die Kronen sind etwas abgenutzt, also bereits ein paar Jahre im Einsatz. Bei uns in Europa gibt es diese Dinger jedoch erst seit kurzer Zeit.«

»Also?«

»Amerika. Ich habe mit den Kollegen der Zahnmedizin telefoniert.«

Preusser dachte an Deckers Mahnung und stöhnte leise. »Ein Amerikaner.«

»Jedenfalls wurde die Arbeit dort drüben gemacht. Es wird aber noch besser.« Nun grinste Thömmes, was er nur tat, wenn seine Ausführungen auf den Höhepunkt zusteuerten. »Der Tote ist beschnitten.«

Die Augen der Polizisten wanderten unisono am Leib des Opfers nach unten.

»Verdammt!« Preusser verzog das Gesicht.

»Ein solches Wort aus Ihrem Mund, Herr Kommissar?«

Preusser machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sie wissen doch, was das bedeutet. Er hat aber rotblonde Haare.«

»Die uns anerzogene nationalsozialistische Rassentheorie lag da völlig daneben, wie immer eigentlich. Es gibt nicht wenige Juden mit roten oder blonden Haaren.«

»Vielleicht haben wir ja Glück. Ich habe gehört, in Amerika werden viele Jungen beschnitten«, warf Wiedemann ein.

Preusser lächelte ihm gequält zu. »Dein Wort in Gottes Ohr. Die Presse wird einiges veranstalten, wenn das herauskommt, gerade jetzt, wo die Prozesse hier laufen.« Preusser wandte sich an Thömmes. »Halten Sie den Bericht ein oder zwei Tage zurück. Ich hoffe, es gelingt uns, den Mann bis dahin zu identifizieren.«

»Viel Glück.«

* * *

Gesshoff streifte die Asche seines Zigarillos aus dem Fenster ab und achtete nicht auf den Regen, der auf den Ärmel seines Jacketts fiel, als Preusser durch die Tür trat, die sein Büro mit dem der anderen Kollegen verband. Er legte einen Aktenordner zu denen, die sich schon auf dem Tisch stapelten.

»Der Suchtrupp hat an einem Pier am Hafen diesen Lederschuh gefunden. Schuhgröße einundvierzig, passt zu unserer Leiche.« Er hielt einen braunen Budapester in die Höhe. »Der Schuh ist in Amerika handgearbeitet worden. Steht jedenfalls drin. Scheint teuer zu sein und ist nicht abgetragen. Den wirft niemand einfach so weg.«

Gesshoff trat an den Stadtplan und deutete auf eine Stelle. »Hier zwischen den Lagergebäuden wurde er entdeckt. Eine praktisch uneinsehbare Stelle. Könnte mit den Strömungsberechnungen übereinstimmen.« Er sah die Kollegen an.

Wiedemanns Schreibtisch stand Kopf an Kopf mit dem von Gesshoff. Er drehte an seinem Stempelkarussell. »Die Idee mit der Uniform können wir dann vergessen.«

»Ja, das ist kein Uniformschuh. Da wir aber bis auf Weiteres davon ausgehen müssen, dass unser Toter ein Amerikaner ist – die Zahnkronen und jetzt der Schuh lassen jedenfalls darauf schließen –, kann es immer noch sein, dass es um den Ausweis eines zivilen Mitarbeiters und dessen amerikanische Kleidung ging«, meinte Preusser.