Über das Buch

»Genauso entzückend und schwer aus der Hand zu legen wie der erste Band.« The Herald.

»Man möchte diese Geschichten, wenn sie so packend und mitreißend erzählt werden, unbedingt immer weiter hören. Suchtstoff.« NDR zu »Mythos«.

Nie sind monströsere Gefahren überwunden und rachsüchtigere Götter überlistet worden als in der griechischen Antike. Stephen Fry haucht den Sagen um Perseus, Herakles & Ödipus neues Leben ein. Ob Jason mithilfe von Medeas Zauber das Goldene Vlies stiehlt oder Theseus durch Ariadnes List den Minotaurus überwindet – mit seinem unnachahmlichen Humor holt Fry die klassischen Stoffe in unsere Zeit. Er zeigt, dass hinter jedem Helden eine Heldin steht und dass es der Auflehnung der Helden gegen Zeus & Co. bedurfte, um der Welt von uns Menschen den Weg zu bereiten. »Das Tempo ist lebhaft, die Witze sind urkomisch.« The Guardian

Über Stephen Fry

Stephen Fry ist Schriftsteller, Schauspieler, Moderator, Kolumnist und Regisseur. Sein exzentrischer Charakter erklärt sich durch seine krumme Nase und den halben Zentimeter, den er kleiner ist als Monty-Python-Legende John Cleese. Sein letztes Buch »Mythos« wurde zum SPIEGEL-Bestseller.

Bei Aufbau und im Aufbau Taschenbuch sind lieferbar: »Der Lügner«, »Das Nilpferd«, »Geschichte machen«, »Paperweight«, »Columbus war ein Engländer«, » Der Sterne Tennisbälle«, »Feigen, die fusseln«, »Ich bin so Fry. Meine goldenen Jahre« und »Mythos«.

Matthias Frings, 1953 in Aachen geboren, war Journalist und Fernsehmoderator und lebt als Schriftsteller in Berlin. Er studierte Anglistik, Germanistik und Linguistik. In den 80er Jahren veröffentlichte er mehrere erfolgreiche Sachbücher, darunter »Liebesdinge. Bemerkungen zur Sexualität des Mannes.« Ab 1986 arbeitete er als Radiomoderator beim SFB. Von 1993 an war er Redaktionsleiter und Fernsehproduzent. Bekannt wurde er als Moderator der Sendung »Liebe Sünde«.

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Stephen Fry

Helden

Die klassischen Sagen der Antike
neu erzählt

Aus dem Englischen
von Matthias Frings

Für alle namenlosen Helden.

Vielleicht sind Sie einer von ihnen.

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Vorwort

Die Olympier

Einführung

Heras Traum

Perseus

Der Goldregen

Die hölzerne Truhe

Die beiden Fremden im Eichenhain

Die Graien

Die Gorgoneninsel

Andromeda und Kassiopeia

Die Rückkehr nach Serifos

Herakles

Die Nachkommenschaft von Perseus

Lebendige Schlangen

Kindheit und Jugend eines Helden

Krieg und Frieden

Die Taten des Herakles

1. Der Nemeische Löwe

2. Die Lernäische Hydra

3. Die Kerynitische Hirschkuh

4. Der Erymanthische Eber

5. Der Augiasstall

6. Die Stymphalischen Vögel

7. Der Kretische Stier

8. Die Rosse des Diomedes (einschließlich der Geschichte von Alkestis und Admetos)

9. Der Gürtel der Hippolyte

10. Die Rinder des Geryon

11. Die goldenen Äpfel der Hesperiden

12. Kerberos

Nach den Taten: Streit und Missgunst

Die Giganten: Eine Prophezeiung erfüllt sich

Das Nessoshemd

Apotheose

Bellerophon

Der Geflügelte

Falsches Zeugnis ablegen

In Lykien

Die Chimäre

Zu hoch geflogen

Orpheus

Die Macht, die wilde Bestie zu besänftigen

Orpheus und Eurydike

Orpheus in der Unterwelt

Orpheus’ Tod

Jason

Der Widder

Rückkehr nach Iolkos

Die Argo

Die Insel Lemnos

Die Dolionier

Hylas verschwindet

Harpyien

Die Symplegaden

Tod, rasiermesserscharfe Federn und die Phrixiden

Der Adlerkönig

Drei Göttinnen

Medea

Die Khalkotauroi

Der Hain des Ares

Flucht von Kolchis

Die Heimreise

Der schaurige Tod von Pelias

Medea erhebt sich

Atalante

Born to be wild

Der Kalydonische Eber

Die Kalydonische Jagd

Der Wettlauf

Ödipus

Das Orakel spricht

Wo drei Straßen aufeinandertreffen

Das Rätsel der Sphinx

Lang lebe der König

Das Nachspiel

Theseus

Der Auserwählte

Unter dem Felsen

Die Taten des Theseus

1. Periphetes

2. Sinis

3. Die Krommyonische Sau

4. Skiron

5. Kerkyon und der Ursprung des Ringens

6. Prokrustes, der (Voll)Strecker

Die böse Stiefmutter

Der Marathonische Stier

Die Königin des Giftes

Die Geschichte von den Tributen

Der Stier aus dem Meer

Nach Kreta

Die Kerker von Knossos

Der Stiermann

Verzicht und Flucht

Vater und Sohn

Theseus, der König

Schlussstrophe

Die Nachkommen von Echidna und Typhon

Die Wut des Herakles

Nachwort

Verzeichnis der mythologischen Gestalten

Olympische Götter

Kinder von Kronos und Rhea

Kinder von Zeus

Primordiale Wesen

Götter

Titanen (Kinder von Gaia und Uranos)

Titanen (spätere Generationen)

Giganten (Nachkommen von Gaia und Uranos)

Weitere Kinder von Gaia

Nachkommen von Erebos und Nyx

Andere Unsterbliche

Ungeheuer

Primordiale Ungeheuer

Nachkommen von Typhon und Echidna

Andere Ungeheuer und Kreaturen

Sterbliche

Männer

Frauen

Dank

Anmerkungen

Bildteil

Bildnachweis

Impressum

Vorwort

Helden ist gewissermaßen die Fortsetzung meines Buches Mythos, das vom Anfang von allem erzählte, von der Geburt der Titanen und Götter und der Erschaffung des Menschengeschlechts. Sie müssen Mythos nicht gelesen haben, um mir zu folgen und – wie ich hoffe – Freude an diesem Buch zu haben. Zahlreiche Fußnoten verweisen mit Seitenzahlen auf Geschichten, Figuren und mythische Ereignisse, die ich in Mythos behandelt habe. Dort können Sie sie in aller Ausführlichkeit nachlesen. Manche empfinden Fußnoten als störend, aber wie ich hörte, haben viele Leser von Mythos sie geschätzt. Also hoffe ich, dass Sie mit Vergnügen und nach Lust und Laune darin herumstöbern.

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© Peter Palm, Berlin

Die Olympier

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* Streng genommen ist Hades kein Olympier, weil er sich die ganze Zeit in der Unterwelt befindet.

Einführung

ZEUS sitzt auf seinem Thron. Er herrscht über Himmel und Erde. Seine Schwester-Frau HERA herrscht über ihn. Pflichten und Hoheitsgebiete sind unter den Familienmitgliedern, den anderen zehn olympischen Göttern, aufgeteilt. In den frühen Tagen der Götter und Menschen bestückten die Göttlichen die Erde mit Sterblichen, freundeten sich mit ihnen an, missbrauchten sie, paarten sich mit ihnen, bestraften sie, quälten sie, verwandelten sie in Blumen, Vögel und Käfer und verkehrten und verbanden sich mit ihnen auf jede erdenkliche Weise. Doch im Lauf der Zeit, während Zeitalter auf Zeitalter folgte und die Menschheit wuchs und gedieh, schwächte sich die Intensität dieser Verflechtungen ab.

In dem Zeitalter, in das wir nun eintreten, sind die Götter immer noch sehr anwesend, wohlwollend und missbilligend, lenkend und störend, aber das Geschenk des PROMETHEUS, das Feuer, hat den Menschen die Fähigkeit verliehen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, eigenständige Stadtstaaten zu errichten, Königreiche und Dynastien. Das Feuer ist wahrhaftig und heiß in der Welt, die Menschen sind nun imstande zu schmelzen, zu schmieden und zu erschaffen. Aber es ist auch ein inneres Feuer. Dank Prometheus sind wir mit dem göttlichen Funken ausgestattet, dem kreativen Feuer, dem Bewusstsein, das einst nur den Göttern eigen war.

Das Goldene Zeitalter ist zum Zeitalter der Helden geworden – Männer und Frauen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und ihre menschlichen Fähigkeiten einsetzen, Mut, Ehrgeiz, Gerissenheit, Schnelligkeit und Kraft, um erstaunliche Taten zu vollbringen, schreckliche Monster zu besiegen und große Kulturen und Dynastien zu erschaffen, die die Welt verändern. Das vom großen Prometheus gestohlene göttliche Feuer brennt in ihnen. Sie fürchten, respektieren und verehren ihre Göttereltern, aber irgendwo tief im Innern wissen sie, dass sie ihnen ebenbürtig sind. Die Menschheit befindet sich im Teenageralter.

Prometheus selbst – der Titan, der uns schuf, der sich mit uns befreundete und für uns eintrat – muss immer noch seine schreckliche Strafe ertragen. Angekettet an einen Bergfels, besucht ihn täglich ein Raubvogel, der aus der Sonne hinabstößt, um seine Seite aufzureißen, ein Stück der Leber herauszurupfen und dies vor seinen Augen zu fressen. Da Prometheus unsterblich ist, erneuert sich die Leber jedes Mal über Nacht, sodass die Qual sich am nächsten Tag wiederholt. Und am nächsten ebenso.

Prometheus, dessen Name der Voraussehende bedeutet, hat prophezeit, dass die Tage der Götter nun, da das Feuer sich in der Welt der Menschen befindet, gezählt sind. Zeus’ Wut auf den ungehorsamen Freund entspringt seiner tiefsitzenden, beständigen Angst, die Menschen könnten den Göttern über den Kopf wachsen, aber auch der schmerzlichen Überzeugung, verletzt und betrogen worden zu sein.

Prometheus hat auch vorhergesehen, dass die Zeit der Freiheit kommen wird. Ein sterblicher menschlicher Held wird zum Berg kommen, seine Fesseln zerschlagen und den Titanen befreien. Gemeinsam werden sie die Olympier retten.

Aber warum sollten die Olympier gerettet werden müssen?

Seit Hunderten von Generationen schwelt eine gewaltige Feindseligkeit unter der Erdoberfläche. Als der Titan KRONOS seinen Vater, den primordialen Gott Uranos, kastrierte und dessen Genitalien quer über Griechenland schleuderte, war den dort vergossenen Blutstropfen und dem Samen eine Rasse von Giganten entsprungen. Diese »chthonischen« Wesen, diese Kreaturen, entsprangen der Erde im Glauben, sie würden den arroganten, neureichen Kindern von Kronos, den Olympischen Göttern, einst die Macht entreißen. Die Riesen warten auf den Tag, an dem sie sich erheben können, um den Olymp zu erobern und ihre eigene Herrschaft zu beginnen.

Prometheus blinzelt in die Sonne und erwartet diesen Moment ebenfalls.

In der Zwischenzeit geht die Menschheit ihrem alltäglichen Geschäft des Strebens, Schuftens, Lebens, Liebens und Sterbens nach in einer Welt, die immer noch von mehr oder weniger gutwilligen Nymphen, Faunen, Satyrn und anderen Geistern der Meere, Flüsse, Berge, Wiesen, Wälder und Felder bewohnt ist. Es findet sich dort aber auch eine gewisse Anzahl an Schlangen und Drachen – viele von ihnen Nachkommen der primordialen GAIA, der Erdgöttin, und von TARTAROS, dem Gott der Tiefen der Erde. Ihre Nachkommen, die monströsen ECHIDNA und TYPHON, haben eine Vielzahl bösartiger Mutanten hervorgebracht, die das Land und die Ozeane verheeren, welche die Menschen zu zähmen versuchen.

Um in so einer Welt zu überleben, halten die Sterblichen es für erforderlich, Demut an den Tag zu legen und sich den Göttern zu ergeben, ihnen zu opfern und mit Lobpreisungen und Gebeten zu schmeicheln. Doch einige Männer und Frauen beginnen, auf ihre eigene innere Stärke und ihren Verstand zu bauen. Das sind die Männer und Frauen, die es – entweder mit oder ohne Hilfe der Götter – wagen werden, die Welt sicherer zu machen, damit die Menschen wachsen und gedeihen können. Das sind die Helden.

Heras Traum

Frühstück auf dem Olymp. Zeus sitzt am Kopfende des langen Steintisches, nippt am Nektar und sinniert über den Tag, der vor ihm liegt. Nach und nach kommen die anderen olympischen Götter und Göttinnen angeschneit und nehmen Platz. Schließlich tritt Hera ein und setzt sich ihrem Mann gegenüber ans andere Ende der Tafel. Ihr Gesicht ist gerötet, ihre Frisur zerzaust. Verwundert schaut Zeus auf.

»In all den Jahren, die ich dich kenne, bist du noch nie zu spät zum Frühstück erschienen. Nicht ein einziges Mal.«

»In der Tat«, sagt Hera. »Bitte entschuldige, aber ich habe schlecht geschlafen. Ich hatte letzte Nacht einen verstörenden Traum. Äußerst verstörend. Möchtest du wissen, worum es ging?«

»Selbstverständlich«, lügt Zeus, der es, wie wir alle, schrecklich findet, die Träume eines anderen in allen Einzelheiten erzählt zu bekommen.

»Ich träumte, wir würden angegriffen«, berichtet Hera. »Hier auf dem Olymp. Die Giganten erhoben sich, erklommen den Berg und überfielen uns.«

»Oje …«

»Aber es war ernst, Zeus. Die Gesamtheit ihrer Art strömte hinauf und griff uns an. Und deine Blitze perlten von ihnen ab, als wären es Piniennadeln. Der Anführer der Giganten, der größte und stärkste von ihnen, stellte mir nach und versuchte … mich zu … sich mir aufzudrängen.«

»Meine Liebe, wie außerordentlich ärgerlich«, erwidert Zeus. »Aber es war schließlich nur ein Traum.«

»Stimmt das? War es nur ein Traum? Alles war so klar. Ich hatte eher den Eindruck einer Vision. Einer Prophezeiung vielleicht. Ich hatte so etwas früher schon, wie du weißt.«

Das stimmte. Heras Rolle als Göttin der Ehe und Familie, der Sitte und Ordnung ließ einen leicht vergessen, dass sie in hohem Maße auch mit der Gabe der Erkenntnis ausgestattet war.

»Und wie endete das Ganze?«

»Eigenartig. Wir wurden von unserem Freund Prometheus gerettet und …«

»Er ist nicht mein Freund«, blafft Zeus. Jede Erwähnung von Prometheus ist im Olymp untersagt. In den Ohren von Zeus brennt die Nennung seines Namens wie Zitronensaft in einer Wunde.

»Wie du willst, mein Lieber. Ich erzähle einfach nur, was ich geträumt habe, was ich gesehen habe. Weißt du, merkwürdig daran ist, dass Prometheus einen Sterblichen bei sich hatte. Und dieser Mann hat den Giganten von mir heruntergezogen, ihn vom Olymp gestoßen und uns alle gerettet.«

»Ein Mann, sagst du?«

»Ja. Ein Mensch. Ein sterblicher Held. Und in meinem Traum sah ich ganz deutlich, ich bin nicht sicher wie oder warum, aber ich sah ganz deutlich, dass dieser Mann der Ahnenreihe des Perseus entstammte.«

»Perseus, sagst du?«

»Perseus, ohne Zweifel. Der Nektar steht neben dir, mein Lieber …«

Zeus reicht ihr den Krug mit Nektar.

Perseus.

Das ist ein Name, den er eine ganze Weile nicht gehört hat.

Perseus …

Perseus

Der Goldregen

Da AKRISIOS, der Herrscher von Argos,1 keinen männlichen Erben für sein Königreich gezeugt hatte, suchte er beim Orakel von Delphi Rat, wann und wie er auf einen solchen hoffen könne. Die Antwort der Priesterin war verstörend.

König Akrisios wird keine Söhne haben, aber sein Enkel wird ihn töten.

Akrisios liebte sein einziges Kind, seine Tochter DANAË, doch sein eigenes Leben liebte er mehr. Nach dem Orakelspruch war ihm klar, dass er alles in seiner Macht Stehende tun musste, um jedweden zeugungsfähigen Mann von ihr fernzuhalten. Also befahl er den Bau einer Kammer aus Bronze unterhalb des Palasts. Eingeschlossen in dieses glänzende, unbezwingbare Gefängnis, stellte man Danaë so viel Luxus und weibliche Gesellschaft zur Verfügung, wie sie nur wollte. Schließlich war er, so redete Akrisios sich ein, keinesfalls hartherzig.2

Er hatte die bronzene Kammer gegen jeden Eindringling versiegelt, aber nicht mit den Lüsten und Listen des Zeus gerechnet, dessen Blick auf Danaë gefallen war und der nun darüber nachdachte, wie er in die versiegelte Kammer eindringen und sich ein wenig Vergnügen verschaffen konnte. Ihm gefiel die Herausforderung. Im Zuge seiner amourösen Karriere hatte der König der Götter sich auf der Jagd nach begehrenswerten Frauen und manchmal auch Männern schon in alle möglichen exotischen Wesen verwandelt. Um Danaë zu erobern, das war ihm klar, musste er sich etwas Besseres einfallen lassen als die üblichen Stiere, Eber, Hengste, Adler, Hirsche und Löwen. Irgendetwas Überkandideltes war vonnöten …

Durch die schmalen Lichtschlitze im Dach der Kammer strömte eines Nachts ein Goldregen herein, ergoss sich in Danaës Schoß und penetrierte sie.3 Es mag eine unorthodoxe Form der geschlechtlichen Vereinigung gewesen sein, aber Danaë wurde schwanger und brachte mithilfe ihrer ergebenen Dienerinnen einen gesunden Jungen zur Welt, den sie PERSEUS nannte.

Die sterbliche Robustheit von Perseus wurde von äußerst tauglichen Lungen begleitet, und sosehr sie es auch versuchten, schafften es weder Danaë noch ihre Dienerinnen, die Schreie des Babys zu dämpfen. Diese bahnten sich ihren Weg durch die Bronzemauern des Gefängnisses und über zwei Stockwerke hinweg nach oben bis in die Ohren ihres Vaters.

Seine Wut, als er des Enkelsohns ansichtig wurde, war schrecklich.

»Wer hat es gewagt, in dein Verlies einzubrechen? Nenn mir den Namen und ich werde ihn kastrieren lassen, foltern und mit seinen eigenen Innereien erwürgen.«

»Vater, ich glaube es war der Himmelskönig selbst, der zu mir kam.«

»Du willst mir sagen – könnte jemand bitte dieses Baby zur Ruhe bringen! –, dass es Zeus war?«

»Vater, ich kann nicht lügen, er war es.«

»Ganz bestimmt. Es war der Bruder von einer deiner verdammten Dienerinnen, nicht wahr?«

»Nein Vater, es war, wie ich gesagt habe. Zeus.«

»Wenn dieser Balg nicht aufhört zu brüllen, ersticke ich ihn mit diesem Kissen.«

»Er hat einfach nur Hunger«, sagte Danaë und legte Perseus an ihre Brust.

Akrisios dachte scharf nach. Ungeachtet seiner Drohung mit dem Kissen wusste er, dass es kein schlimmeres Verbrechen gab. Die Ermordung eines Angehörigen würde die Furien veranlassen, aus der Unterwelt aufzusteigen und ihn bis ans Ende der Welt zu verfolgen, ihn mit eisernen Peitschen zu geißeln, bis sich die Haut von seinem Körper löste. Sie würden nicht eher Ruhe geben, bis er dem Wahnsinn verfallen war. Und doch bedeutete die Prophezeiung des Orakels, dass er seinen Enkelsohn nicht am Leben lassen konnte. Vielleicht …

In der folgenden Nacht ließ Akrisios Danaë und das Baby Perseus heimlich in eine hölzerne Truhe stecken. Seine Soldaten vernagelten den Deckel und schleuderten sie über die Klippen ins Meer.

»Erledigt«, sagte Akrisios und wusch sich die Hände, als wolle er sich von jeglicher Verantwortung freisprechen. »Wenn sie umkommen, was ihnen gewiss widerfahren wird, kann niemand behaupten, ich wäre der unmittelbare Grund dafür gewesen. Die See wird schuld sein, die Felsen und die Haie. Und die Götter werden schuld sein. Mit mir hat das alles nichts zu tun.«

Mit dieser heuchlerischen Entschuldigung auf den Lippen beobachtete König Akrisios, wie die Truhe außer Sichtweite trieb.

Die hölzerne Truhe

In den wilden Wellen des Meeres schwankte und schlingerte der hölzerne Kasten von Insel zu Insel und von Küste zu Küste. Er zerschellte nicht an den Felsen und strandete auch nicht wohlbehalten auf weichem Sand.

In der dunklen Truhe stillte Danaë ihr Kind und wartete auf das sichere Ende. Am zweiten Tag ihrer schwankenden, wogenden Reise wurden sie mächtig umhergewirbelt und ein schrecklicher Knall ertönte. Nach ein paar Augenblicken der Stille hörte sie, wie der Deckel ruckelte und knarzte. Schlagartig drang Tageslicht ein, begleitet von starkem Fischgeruch und Möwenschreien.

»Schau an«, rief eine freundliche Stimme. »Was für ein Fang!«

Sie waren in einem Fischernetz gefangen. Der Besitzer der Stimme streckte eine starke Hand aus, um Danaë aus der Kiste zu helfen.

»Hab keine Angst«, sagte er, obwohl in Wahrheit er es war, der Furcht verspürte. Was hatte das alles zu bedeuten? »Mein Name ist Diktys4 und das ist meine Besatzung. Wir wollen dir nichts Böses.«

Die anderen Fischer umdrängten sie mit schüchternem Lächeln, aber Diktys schob sie beiseite. »Lasst die Dame atmen. Seht ihr nicht, dass sie erschöpft ist? Etwas Brot und Wein.«

Zwei Tage später legten sie auf Diktys’ Heimatinsel Serifos an. Er brachte Danaë und Perseus zu seiner kleinen Hütte hinter den Dünen.

»Meine Frau starb bei der Geburt unseres Sohnes, also hat Poseidon dich vielleicht geschickt, um ihren Platz einzunehmen. Nicht, dass ich damit meine …«, fügte er hastig hinzu, »… ich würde nie, natürlich nicht, verlangen … dass du …?«

Danaë lachte. Die Atmosphäre unverstellter Liebenswürdigkeit und Einfachheit war genau das, was sie sich wünschte, um ihr Kind großzuziehen. An aufrichtiger Freundlichkeit hatte es ihr bisher gemangelt. »Du bist zu nett«, entgegnete sie. »Wir nehmen dein Angebot an, nicht wahr, Perseus?«

»Ja, Mutter, wie du willst.«

Nein, es handelt sich nicht um das Wunder des sprechenden Neugeborenen. Siebzehn Jahre sind auf Serifos nun vergangen. Perseus ist zu einem schönen, starken jungen Mann herangewachsen. Dank seines Adoptivvaters Diktys ist aus ihm ein selbstsicherer, erfahrener Fischer geworden. Bei aufgewühlter See in seinem Boot stehend, vermag er einen vorbeihuschenden Schwertfisch aufzuspießen, und im reißenden Flusslauf gelingt es ihm, mit der Hand eine Forelle zu fangen. Er rennt schneller, wirft weiter und springt höher als jeder andere junge Mann auf Serifos. Er ringt, er reitet wilde Esel, er kann eine Kuh melken und einen Stier zähmen. Er ist impulsiv und manchmal vielleicht ein wenig angeberisch, aber seine Mutter Danaë ist zu Recht stolz auf ihn und glaubt, er sei der beste und mutigste Junge der ganzen Insel.

Die Schlichtheit von Diktys’ Heim schien Danaë umso bemerkenswerter, als sie herausfand, dass dieser bescheidene Fischer der Bruder von Polydektes, dem König von Serifos, war. Der Herrscher der Insel war all das, was Diktys nicht war: stolz, grausam, unehrlich, gierig, lüstern, extravagant und fordernd. Zunächst hatte er sich nicht sonderlich um Diktys’ Gäste gekümmert. In jüngerer Zeit wurde sein düsteres Herz jedoch mehr und mehr von gewissen Gefühlen für die Mutter dieses Jungen erfüllt, dieses impertinenten Jungen.

Perseus hatte eine Art, sich instinktiv zwischen seine Mutter und den König zu stellen, die höchst ärgerlich war. Polydektes schaute gewöhnlich vorbei, wenn er wusste, dass sein Bruder unterwegs war, aber jedes Mal störte der nervige Perseus:

»Mutter, Mutter, hast du meine Laufsandalen gesehen?«

»Mutter, Mutter! Komm zum Felsschwimmbecken und nimm die Zeit, wie lange ich unter Wasser die Luft anhalten kann.«

Es war zu lästig.

Zu guter Letzt fand Polydektes einen Weg, Perseus fortzuschicken. Er würde sich die Eitelkeit, den Stolz und das Temperament des Jungen zunutze machen.

Einladungen wurden an alle jungen Männer auf der Insel verteilt, zum Palast zu kommen und an einem Fest teilzunehmen. Polydektes’ Entschluss sollte gefeiert werden, um die Hand von HIPPODAMIA anzuhalten, die Tochter von König Oinomaos von Pisa.5 Das war eine kühne und überraschende Wendung. Als das Orakel prophezeit hatte, König Akrisios von Argos würde von seinem Enkel getötet werden, teilte es Oinomaos wiederum mit, sein Schwiegersohn würde ihn ermorden. Um seine Tochter davon abzuhalten, jemals zu heiraten, forderte der König jeden Bewerber zum Wagenrennen heraus, wobei der Verlierer sein Leben verwirkte. Oinomaos war der beste Wagenlenker im Land: Bereits mehr als ein Dutzend Köpfe von hoffnungsfrohen jungen Männern zierten die hölzernen Pfähle, die neben der Rennbahn aufgestellt waren. Hippodamia war sehr schön, Pisa sehr reich, und die Verehrer ließen sich nicht abschrecken.

Danaë war entzückt zu hören, dass Polydektes seinen Hut in den Ring geworfen hatte. Schon lange hatte sie sich in seiner Gesellschaft unwohl gefühlt, und die überraschende Neuigkeit, dass er sein Herz an eine andere verloren hatte, war ihr eine große Erleichterung. Wie großzügig von ihm, ihren Sohn zu einem Fest einzuladen und damit zu zeigen, dass er nicht nachtragend war.

»Es ist eine Ehre, eingeladen zu sein«, sagte sie zu Perseus. »Vergiss nicht, dich höflich zu bedanken. Trink nicht so viel und rede nicht mit vollem Mund.«

Polydektes wies Perseus den Ehrenplatz zu seiner Rechten zu und füllte seinen Becher stets auf Neue mit starkem Wein. Er spielte mit Perseus so, wie der mit einem Fisch gespielt hätte.

»Ja, dieses Wagenrennen wird sicher eine Herausforderung«, sagte er. »Aber die besten Familien von Serifos haben mir alle ein Pferd für mein Team versprochen. Darf ich darauf hoffen, dass du und deine Mutter …?«

Perseus wurde rot. Für seine Armut hatte er sich schon immer geschämt. Die jungen Männer, mit denen er Sport trieb, rang, auf die Jagd ging und Mädchen hinterherjagte, besaßen jeder Diener und Stallungen. Er lebte immer noch hinter den Dünen in einer Fischerhütte aus Stein. Sein Freund Pyrrhon hatte einen Sklaven, der ihm in heißen Nächten im Bett Luft zufächelte. Perseus schlief draußen im Sand und wurde eher von einem zwickenden Krebs geweckt als von einer Dienerin mit einem Becher frischer Milch in der Hand.

»Ich habe im eigentlichen Sinn gar kein Pferd«, sagte Perseus.

»Im eigentlichen Sinn kein Pferd? Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiß, was ›im eigentlichen Sinn kein Pferd‹ bedeuten soll.«

»Mir gehört eigentlich nicht viel mehr als die Kleidung auf meinem Körper. Oh, ich besitze noch eine Muschelsammlung, die, wie man mir gesagt hat, eines Tages ziemlich wertvoll sein könnte.«

»Oje, oje. Ich verstehe. Natürlich.« Polydektes’ mitleidiges Lächeln schnitt Perseus tiefer ins Herz als jeder Hohn. »Wie dumm zu erwarten, dass du mir helfen könntest.«

»Aber ich will dir helfen!«, protestierte Perseus ein wenig zu laut. »Was immer ich tun kann, werde ich tun. Du musst es nur sagen.«

»Wirklich? Nun ja, es gibt da eine Sache, aber …«

»Worum handelt es sich?«

»Nein, nein, das ist zu viel des Guten.«

»Sag mir, was es ist …«

»Ich habe immer gehofft, dass man mir eines Tages etwas bringt … aber das kann ich nicht verlangen, du bist ja noch ein Junge.«

Perseus haute auf den Tisch. »Dir was bringen? Sag es. Ich bin stark. Ich bin mutig. Ich bin findig. Ich bin …«

»… ein bisschen betrunken.«

»Ich weiß, was ich sage …« Perseus erhob sich schwankend und rief mit lauter Stimme, damit jeder es hören konnte: »Sag mir, was ich meinem König bringen soll, und ich werde es tun.«

»Nun«, erwiderte Polydektes mit dem kläglichen Schulterzucken eines Besiegten, den man in die Ecke getrieben hatte, »da unser junger Held darauf besteht. Folgendes wollte ich immer schon haben: Ich frage mich, ob du mir das Haupt der Medusa bringen könntest.«

»Kein Problem«, sagte Perseus. »Das Haupt der Medusa. Es ist dein.«

»Wirklich? Meinst du das ernst?«

»Ich schwöre es beim Bart des Zeus.«

Kurz darauf stolperte Perseus über den Strand zu seiner Mutter, die auf ihn wartete.

»Du bist spät, Liebling.«

»Mama, was ist eine ›Medusa‹?«

»Perseus, hast du getrunken?«

»Vielleicht. Nur einen Becher oder zwei.«

»Mindestens zwei, wie es sich anhört.«

»Nein, aber im Ernst. Was ist eine Medusa?«

»Warum willst du das wissen?«

»Ich habe den Namen gehört und mich nur gewundert, das ist alles.«

»Wenn du aufhörst, wie ein verwundeter Löwe herumzulaufen, und dich hinsetzt, erzähle ich es dir«, sagte Danaë. »Man sagt, Medusa sei eine schöne junge Frau gewesen, die vom Meeresgott Poseidon geschändet wurde.«

»Geschändet?«

»Unglücklicherweise geschah dies auf dem heiligen Boden des Tempels der Göttin Athene. Sie war über die Entweihung so erzürnt, dass sie Medusa bestrafte.«

»Sie bestrafte nicht Poseidon?«6

»Die Götter bestrafen einander nicht, jedenfalls nicht sehr oft. Sie bestrafen uns.«

»Und wie hat Athene Medusa bestraft?«

»Sie verwandelte sie in eine Gorgone.«

»Ich werd verrückt! Und was ist eine Gorgone?«

»Eine Gorgone ist … Nun ja, eine Gorgone ist eine schreckliche Kreatur mit Wildschweinhauern statt Zähnen, rasiermesserscharfen Klauen aus Bronze und giftigen Schlangen statt Haaren.«

»Niemals!«

»So geht die Geschichte.«

»Und was genau heißt ›geschändet‹?«

»Benimm dich«, sagte Danaë und gab ihm einen Klaps. »Außer ihr gibt es nur zwei weitere Gorgonen auf der Welt, Stheno und Euryale, aber die wurden als solche geboren. Sie sind unsterbliche Töchter der antiken Gottheiten des Meeres, Phorkys und Keto.«

»Ist diese Medusa auch unsterblich?«

»Das glaube ich nicht. Sie war einmal ein Mensch, weißt du …«

»Klar … und wenn … sagen wir mal … jemand nach ihr suchen würde?

Danaë lachte. »Dann wäre er ein Narr. Die drei leben zusammen irgendwo auf einer Insel. Medusa besitzt eine besondere Waffe, die noch schlimmer ist als ihr Schlangenhaar, ihre Hauer und ihre Krallen zusammen.«

»Und was soll das sein?«

»Ein Blick von ihr, und du wirst zu Stein.«

»Wie meinst du das?«

»Ich meine, dass du, solltest du ihr auch nur eine Sekunde lang in die Augen schauen, versteinerst.«

»Man erstarrt?«

»Nein, mit versteinert meine ich, dass du buchstäblich zu Stein wirst, unbeweglich für alle Zeiten. Wie eine Statue.«

Perseus kratzte sich am Kinn. »Oh, das ist also Medusa? Ich hatte gehofft, sie wäre so etwas wie ein riesiges Huhn oder ein Schwein vielleicht.«

»Warum willst du das wissen?«

»Na ja, ich habe Polydektes irgendwie versprochen, ihm ihren Kopf zu bringen.«

»Du hast was?«

»Er wollte ein Pferd, weißt du, und dann kam er auf diese Medusa und ich hörte mich sagen, dass ich ihm ihr Haupt bringen würde …«

»Morgen früh gehst du als Erstes zum Palast und sagst ihm, dass du so etwas keinesfalls machen wirst.«

»Aber …«

»Kein aber. Ich verbiete es. Und du schläfst jetzt deinen Rausch aus. In Zukunft gibt es nicht mehr als zwei Becher am Abend, hast du verstanden?«

»Ja, Mutter.«

Perseus wankte wie befohlen ins Bett, wachte aber in rebellischer Laune auf.

»Ich werde die Insel verlassen und ich werde diese Medusa suchen«‚ erklärte er beim Frühstück, und keines von Danaës Worten konnte ihn umstimmen. »Ich habe vor allen anderen ein Versprechen gegeben. Es ist eine Frage der Ehre. Ich bin alt genug, um auf Reisen zu gehen, Abenteuer zu erleben. Du weißt, wie flink und stark ich bin. Wie einfallsreich und listig. Es gibt nichts, wovor ich Angst haben müsste.«

»Rede du mit ihm, Diktys«, bat Danaë verzweifelt.

Fast den ganzen Morgen über liefen Diktys und Perseus am Strand entlang. Danaë war wenig erfreut, als sie zurückkehrten.

»Es stimmt, was er sagt, Danaë. Er ist alt genug, um seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Er wird Medusa selbstredend nicht finden. Falls sie überhaupt existiert. Lass ihn aufs Festland gehen und sich ein wenig erproben. Früher oder später kommt er zurück. Er kann gut auf sich selbst aufpassen.«

Als Mutter und Sohn Abschied voneinander nahmen, gab es viel Kummer und reichlich Tränen, aber auch Schulterklopfen und Aufmunterung.

»Alles wird gut, Mutter. Kennst du jemanden, der schneller rennen kann als ich? Was soll mir schon passieren?«

»Das werde ich Polydektes nie verzeihen, niemals.«

Das, fand Diktys, war doch schon mal was.

Mit seinem Boot setzte er Perseus zum Festland über. »Traue niemandem, der dir was auch immer umsonst anbietet«, warnte er ihn. »Es wird viele geben, die sich mit dir anfreunden wollen. Vielleicht sind sie vertrauenswürdig, vielleicht auch nicht. Sieh dich nicht um, als hättest du noch nie einen geschäftigen Hafen oder eine Stadt gesehen. Gib dich ungerührt und selbstsicher. Und habe keine Scheu, Rat von den Orakeln anzunehmen.«

Wie viele dieser hervorragenden Ratschläge Perseus beherzigen würde, wusste Diktys nicht. Er mochte den Jungen, seine Mutter noch etwas mehr, und es machte ihm das Herz schwer, zum Zeugen eines so törichten Abenteuers zu werden. Aber wie er schon zu Danaë gesagt hatte, war Perseus zu allem entschlossen, und sollten sie mit Vorwürfen auseinandergehen, würde seine Abwesenheit nur umso unerträglicher sein.

Als sie am Festland anlegten, fand Perseus, dass das Fischerboot von Diktys sich winzig ausnahm neben den großen Schiffen, die im Hafen vertäut waren. Der Mann, den er Vater genannt hatte, seit er sprechen konnte, sah plötzlich ebenfalls sehr klein und schäbig aus. Perseus umarmte ihn ungestüm und nahm die Silbermünzen an, die Diktys in seine Hand gleiten ließ. Er versprach, sich sofort zu melden, wenn es erwähnenswerte Neuigkeiten gäbe, und war so geduldig, an der Kaianlage zu warten und zum Abschied zu winken, obwohl er endlich loslegen und die fremde neue Welt des griechischen Festlands erkunden wollte.

Die beiden Fremden im Eichenhain

Perseus war vom kosmopolitischen Treiben auf dem Festland verstört, es machte ihn verlegen. Niemand schien sich darum zu kümmern, wer er war, außer wenn es darum ging, ihm seine paar Silbermünzen abzuluchsen. Er brauchte nicht lange, bis er merkte, dass Diktys recht hatte: Wenn er mit dem Haupt der Medusa heimkehren wollte, brauchte er Hilfe. Bis zum Apollon-Orakel in Delphi war es ein weiter Weg, aber wenigstens war es kostenlos.7

Er stellte sich in der Schlange der Ratsuchenden an und stand nach zwei Tagen schließlich vor der Priesterin.8

»Was will Perseus wissen?«

Perseus schnappte nach Luft. Sie wusste, wer er war!

»Ich, also, ich … ich möchte wissen, wie ich Medusa, die Gorgone, finden und töten kann.«

»Perseus muss in ein Land reisen, wo die Menschen nicht von Demeters goldenem Getreide, sondern von der Frucht des Eichenbaumes leben.«

Er blieb noch eine Weile in der Hoffnung, weitere Informationen zu erhalten, aber es gab kein weiteres Wort. Eine Priesterin scheuchte ihn fort.

»Komm schon, komm schon, Pythia hat gesprochen. Du hältst die anderen auf.«

»Sie wissen nicht zufällig, was damit gemeint war?«

»Ich habe Besseres zu tun, als auf alles zu hören, was aus ihrem Mund kommt. Du kannst sicher sein, dass es weise und wahrhaftig war.«

»Aber wo leben die Leute von der Frucht des Eichenbaumes?«

»Frucht der Eiche? So etwas gibt es nicht. Also bitte, beweg dich.«

»Ich weiß, was sie meint«, sagte eine alte Frau unter den Stammgästen, die täglich kamen, um auf dem Gras zu sitzen und die langsam voranschlurfende Reihe der Bittsteller zu beobachten, die alle etwas über ihre Zukunft erfahren wollten. »Das war ihre Art, dir zu sagen, du solltest das Orakel von Dodona aufsuchen.«

»Noch ein Orakel?« Perseus sank das Herz in die Hose.

»Die Leute dort stellen Mehl aus Eicheln her. Die Früchte fallen von den Eichenbäumen, die Zeus geweiht sind. Ich habe gehört, sie könnten sprechen. Dodona ist weit im Norden, mein Lieber«, keuchte sie. »Sehr weit im Norden!«

Und weit war es in der Tat. Die wenigen Silbermünzen, die er hatte, waren aufgebraucht, und Perseus schlief unter Hecken und lebte von wenig mehr als wilden Feigen und Nüssen, während er Richtung Norden reiste. Bei seiner Ankunft muss er ziemlich abgerissen ausgesehen haben, denn die Frauen von Dodona waren sehr nett zu ihm. Sie wuschelten seine Haare und servierten ihm köstliches Brot aus Eichenmehl, dick bestrichen mit aromatischem Ziegenkäse, der mit Honig gesüßt wurde.

»Geh früh am Morgen«, rieten sie ihm. »Die Eichen reden in den kühlen Morgenstunden mehr als in der Mittagshitze.«

Dunst hing über dem Land wie ein Schleier, als Perseus sich am nächsten Tag auf den Weg zum Eichenhain machte.

»Äh, hallo?«, rief er in die Bäume und kam sich dabei ausgesprochen albern vor. Die Eichen waren groß, stattlich und eindrucksvoll, aber sie wiesen keine Gesichter oder erkennbaren Münder auf.

»Wer ruft?«

Perseus zuckte zusammen.

Zweifelsohne eine Stimme. Ruhig, sanft, weiblich, aber stark und mit großer Autorität.

»Kann ich behilflich sein?«

Noch eine Stimme! Bei dieser schien ein klein wenig Sarkasmus mitzuschwingen.

»Mein Name ist Perseus. Ich bin gekommen …«

»Oh, wir wissen, wer du bist«, sprach ein Mann und trat aus dem Schatten.

Er war jung, erschreckend gut aussehend und etwas ungewöhnlich gekleidet. Außer dem Lendentuch um seine Hüften trug er nur einen runden Hut mit schmaler Krempe und geflügelte Sandalen. Davon abgesehen war er ziemlich nackt.9 Perseus fiel auf, dass sich um den Stab in seiner Hand zwei Schlangen wanden.

Hinter ihm erschien eine Frau mit einem Schild. Sie war groß, würdig und wunderschön. Als sie ihre strahlend grauen Augen hob, um Perseus anzublicken, berührte ihn etwas, das er nicht genau einordnen konnte. Er beschloss, dass es ihre majestätische Ausstrahlung war, und senkte seinen Kopf dementsprechend.

»Hab keine Angst, Perseus«, sagte sie. »Dein Vater hat uns gesandt, um dir zu helfen.«

»Mein Vater

»Er ist auch unser Vater«, erwiderte der junge Mann. »Der Wolkensammler und Sturmbringer.«

»Der Himmelsvater und König des Himmelreichs«, fügte die strahlende Frau hinzu.

»Z-Z-Zeus?«

»Genau der.«

»Du meinst, es ist wirklich wahr? Zeus ist mein Vater?«

Perseus hatte dieser verrückten Geschichte seiner Mutter nie Glauben geschenkt. Zeus sei zu ihr als Goldregen gekommen? Für ihn war klar gewesen, dass sein richtiger Vater irgendein umherziehender Barde oder Kesselflicker war, dessen Namen sie nicht einmal kannte.

»So ist es, Bruder Perseus«, versicherte die große Frau.

»Bruder?«

»Ich bin Athene, Tochter von Zeus und Metis.«

»Hermes, Sohn von Zeus und Maia«, sagte der junge Mann mit einer Verbeugung.

Ziemlich viel auf einmal, was dieser so behütet aufgewachsene Jugendliche zu verdauen hatte. Die beiden Olympier erzählten ihm, wie Zeus ihn seit seiner Geburt im Auge behalten hatte. Er hatte die hölzerne Truhe in das Fischernetz von Diktys geführt. Er hatte beobachtet, wie Perseus zu einem jungen Mann heranwuchs. Er hatte gesehen, wie er Polydektes’ Herausforderung angenommen hatte. Er bewunderte seinen Mut und hatte seine beiden Lieblingskinder geschickt, um ihrem Halbbruder bei seiner Suche nach dem Haupt der Medusa beizustehen.

»Ihr wollt mir helfen?«, fragte Perseus erstaunt. Das war mehr als erhofft.

»Wir können die Gorgone nicht für dich erschlagen«, entgegnete Hermes, »aber wir können dem Schicksal ein wenig nachhelfen. Vielleicht findest du das hier hilfreich.« Er blickte nach unten auf seine Sandalen. »Für meinen Bruder Perseus«, befahl er. Die Sandalen wickelten sich eigenständig von den Waden des Gottes ab und flogen zu Perseus. »Ziehe deine zuerst aus.«

Perseus gehorchte und schon saßen die Sandalen an seinen Füßen.

»Du hast genügend Zeit, dich an sie zu gewöhnen«, sagte Athene und beobachtete amüsiert, wie Perseus tänzelnd in die Luft hüpfte.

»Du verwirrst sie«, meinte Hermes. »Du brauchst nicht mit deinen Füßen herumzuwedeln. Denken genügt.«

Perseus schloss angestrengt die Augen.

»Nicht so, als würdest du scheißen. Stell dir einfach vor, du wärst in der Luft. Ja, genau so.«

Perseus öffnete die Augen und stellte fest, dass er über dem Boden schwebte. Mit einem Plumps landete er wieder unten.

»Üben, nur so geht es. Und hier ist die Kappe von unserem Onkel HADES. Trage sie, und du bist unsichtbar.«

Perseus ergriff die Kappe.

»Ich habe auch etwas für dich«, sagte Athene.

»Oh«, rief Perseus, legte die Kappe nieder und nahm das Objekt entgegen, das sie ihm hinhielt. »Eine Tasche?«

»Könnte sinnvoll sein.«

Nach den fliegenden Sandalen und der Tarnkappe schien sie eine Enttäuschung zu sein, aber Perseus versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. »Das ist sehr freundlich von dir. Sie ist bestimmt sehr nützlich.«

»Bestimmt«, erwiderte Athene. »Aber ich habe noch etwas für dich. Nimm dies …«

Sie gab ihm eine Waffe mit kurzer Klinge, die wie eine Sichel geformt war.

»Sei vorsichtig damit, die Klinge ist sehr scharf.«

»Stimmt allerdings«, sagte Perseus und leckte etwas Blut von seinem Finger.

»Das ist eine Harpe, sie durchschneidet alles.«

»Sie ist aus Adamant geschmiedet«, fügte Hermes hinzu. »Eine perfekte Kopie der großen Sichel, die Gaia für Kronos gefertigt hat.«

»Und dieser Schild ist wie kein anderer«, sprach Athene. »Sein Name ist AIGIS. Du musst darauf achten, dass seine Oberfläche immer glänzt, so wie jetzt.«

Perseus schützte seine Augen vor dem gleißenden Sonnenlicht, das die polierte Bronze reflektierte.

»Ist das der Plan, Medea mit diesem grellen Licht zu blenden?«

»Du musst selbst herausfinden, wie du ihn am besten einsetzt, aber glaube mir, ohne diesen Schild wirst du scheitern.«

»Und sterben«, sagte Hermes. »Was schade wäre.«

Perseus konnte seine Aufregung kaum verbergen. Die Flügel an seinen Fersen flatterten und er stellte fest, dass er schwebte. Ein paar Mal ließ er die Harpe durch die Luft sausen.

»Das ist alles sehr unerwartet. Und was mache ich als Nächstes?«

»Unsere Hilfe hat Grenzen. Wenn du ein Held werden willst, musst du dir selbst etwas einfallen lassen und dein eigenes …«

»Ich, ein Held?«

»Das kannst du werden.«

Hermes und Athene waren so besonders. Sie leuchteten. Alles, was sie taten, sah so mühelos aus. Dagegen fühlte Perseus sich ungestüm und ungelenk.

Als könne sie seine Gedanken lesen, sagte Athene: »Du wirst dich an Aigis gewöhnen, an die Sichel, die Sandalen, die Kappe und die Tasche. Das sind nur Äußerlichkeiten. Wenn du Geist und Seele ganz auf deine Aufgabe konzentrierst, geschieht alles andere wie von selbst. Entspanne dich.«

»Aber fokussiert«, wandte Hermes ein. »Entspannung ohne Konzentration führt zum Scheitern.«

»Konzentration ohne Entspannung führt genauso zum Scheitern«, entgegnete Athene.

»Also Konzentration …«, sagte Perseus.

»Genau.«

»… aber gelassen?«

»Gelassene Konzentration. Du hast es.« Perseus atmete ein paar Mal auf eine Weise aus, von der er hoffte, dass sie entspannt, aber fokussiert wirkte, konzentriert, aber gelassen.

Hermes nickte. »Ich glaube, dieser junge Mann hat die besten Chancen, erfolgreich zu sein.«

»Aber was alle diese wunderbaren Dinge nicht können, ist, mir beim Aufspüren der Gorgonen zu helfen. Ich habe überall gefragt, doch niemand weiß, wo sie leben. Irgendwo auf einer Insel weit draußen in der See, das hat man mir jedenfalls erzählt. Welche Insel? Welche See?«

»Das können wir dir nicht sagen«, meinte Hermes, »aber hast du schon von den PHORKIDEN gehört?«

»Noch nie.«

»Manchmal werden sie auch die GRAIEN genannt, oder die Grauen«, sagte Athene. »Wie ihre Schwestern, die Gorgonen Stheno und Euryale, sind sie Töchter von Phorkys und Keto.«

»Sie sind alt«, erläuterte Hermes. »So alt, dass sie sich ein einziges Auge teilen und einen Zahn.«

»Mach sie ausfindig«, fuhr Athene fort, »sie wissen alles, sagen aber nichts.«

»Wenn sie nichts sagen«, meinte Perseus, »wozu sind sie dann nütze? Soll ich sie mit der Sichel bedrohen?«

»Oh nein, etwas Raffinierteres als das musst du dir schon einfallen lassen.«

»Etwas weit Ausgekochteres«, fügte Hermes hinzu.

»Aber was?«

»Ich bin sicher, dir wird schon etwas einfallen. Man kann sie in einer Höhle an den wilden Ufern von Kisthene finden, das ist allgemein bekannt.«

»Wir wünschen dir viel Glück, Bruder Perseus«, sagte Athene.

»Entspannt, aber fokussiert, das ist entscheidend«, sagte Hermes.

»Auf Wiedersehen …«

»Viel Glück …«

»Wartet, wartet!«, rief Perseus, aber die Umrisse der Götter lösten sich bereits im hellen Morgenlicht auf und waren bald vollkommen entschwunden. Perseus stand allein im Hain der heiligen Eichen.

»Die Sichel ist immerhin real«, meinte Perseus mit Blick auf den Schnitt in seinem Daumen. »Diese Tasche ist real, diese Sandalen sind real. Aigis ist real …«

»Willst du, dass ich erblinde?«

Perseus fuhr herum.

»Pass einfach auf, dein Schild blendet«, sagte eine vergrätzt klingende Stimme.

Sie schien aus dem tiefen Herzen der Eiche gleich neben ihm zu kommen.

»Dann könnt ihr Eichen also doch sprechen«, entgegnete Perseus.

»Natürlich können wir sprechen.«

»Meistens wollen wir aber nicht.«

»Lohnt sich nicht.«

Stimmen kamen von überallher aus dem Wald.

»Ich verstehe«, sagte Perseus. »Aber vielleicht macht es euch nichts aus, mir den Weg nach Kisthene zu weisen?«

»Kisthene? Das ist in Äolien.«

»Eher Phrygien, eigentlich«, warf eine andere Stimme ein.

»Ich würde sagen, Lydien.«

»Jedenfalls Richtung Osten.«

»Nördlich von Ionien, aber südlich der Propontis.«

»Kümmere dich nicht um sie, junger Mann«, dröhnte eine ältere Eiche und raschelte mit ihren Blättern. »Die haben keine Ahnung, wovon sie reden. Flieg über die Insel Lesbos und dann entlang der Küste von Mysien. Du kannst die Höhle der grauen Geschwister nicht verpassen. Sie befindet sich unterhalb eines Felsens, der wie ein Wiesel geformt ist.«

»Du meinst, wie ein Hermelin«, krähte ein Setzling.

»Nicht ein Otter?«

»Ich sage Baummarder.«

»Der Felsen ähnelt einer Polarkatze und sonst niemandem.«

»Ich habe gesagt Wiesel und ich meine Wiesel«, fauchte die Alte und zitterte so sehr, dass ihre Krone erbebte.

»Danke«, sagte Perseus. »Jetzt muss ich aber los.«

Er warf sich die Tasche über die Schulter, befestigte die Sichel an seinem Gürtel und hielt den Schild fest in der Hand. Perseus legte die Stirn in Falten, um die Sandalen in Gang zu setzen, und mit einem Triumphschrei schoss er hoch in den blauen Himmel.

»Viel Glück«, riefen die Eichen.

»Schau dich nach einem Felsen in der Form eines Seidenaffen um …«

Die Graien

Der Tag war fast herum, als Perseus elegant, mit den Füßen zuerst, an der Küste Mysiens landete. Er befand sich vor einer Höhle, deren Form – in seinen Augen jedenfalls – einer zerquetschten Ratte glich. Mit Blick Richtung Westen stellte er fest, dass der Sonnenwagen des HELIOS sich von kupferfarben zu rot verfärbt hatte, als er sich dem Land der HESPERIDEN näherte und damit dem Ende seiner täglichen Runde.

Während Perseus auf den Höhleneingang zuschritt, stülpte er sich rasch die Kappe über, die Tarnkappe von Hades. In der Sekunde, in der sie auf seinem Kopf saß, verschwand der lange Schatten, der ihn im Sand begleitet hatte. Mit der Kappe über den Augen war alles dunkler und ein wenig verschwommen, aber er konnte dennoch einigermaßen sehen.

»Die werde ich nicht brauchen«, sagte er sich und ließ die Sichel, die Tasche und den Schild im Sand vor der Höhle liegen.

Er hörte Gemurmel, sah einen Lichtschimmer und lief durch einen langen kurvenreichen Gang darauf zu. Das Licht wurde heller und die Stimmen lauter.

»Ich bin dran mit dem Zahn!«

»Ich habe ihn gerade erst eingesetzt.«

»Dann sollte PEMPHREDO mir wenigstens das Auge lassen.«