Über das Buch

Das Buch eines Transmannes über die Geschlechterverhältnisse in unserer Gesellschaft, das die Debatte unbedingt braucht – und »ein wunderschönes Buch, das einfach jeden berühren wird, der ein besserer Mensch werden möchte.« Elif Shafak

Thomas Page McBee ist 31 Jahre alt, als er eine Geburtsurkunde erhält, die endlich bestätigt, was er schon lange weiß: er ist keine Frau, er ist ein Mann. Dafür hat er viel Geld ausgegeben und sich operieren lassen, ist vor Gericht gezogen und hat sich wöchentlich Hormone gespritzt. Doch der Tag seiner zweiten Geburt ist nicht das Ende dieser Geschichte. Im Grunde ist es erst der Anfang. Denn er ist zwar jetzt ein Mann, aber er will mehr: er will ein guter Mann sein, ein guter Mensch.

Warum er deshalb beschließt, Amateurboxer zu werden, und warum er in Ring und Umkleidekabine ebenso viel lernt wie in Gesprächen mit seinem Bruder, mit Psychologen oder Neurowissenschaftlern, davon erzählt »Amateur«: eine berührende und hellwache Erkundung von Männlichkeit und den ungeschriebenen Gesetzen unserer Gesellschaft.

»Ein ungewöhnlich weises, ein wunderschönes Buch.« A.L. Kennedy

Über Thomas Page McBee

Thomas Page McBee war »Maskulinitätsexperte« für das Vice Magazin und der erste Transmann, der im Madison Square Garden boxte. Seine Essays und Reportagen erschienen in der New York Times, im Playboy, bei Glamour und Salon.

@ThomasPageMcBee

thomaspagemcbee.com

Stefanie Frida Lemke, Jahrgang 1977, studierte Anglistik und Germanistik und lebt nach verschiedenen Stationen in der Buchbranche seit 2010 als Literaturübersetzerin in Berlin.

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Thomas Page McBee

Amateur

Mein neues Leben
als Mann

Aus dem amerikanischen Englisch
von Stefanie Frida Lemke

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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November 2015

Warum tue ich das?

1. Teil: Sommer

Bin ich ein echter Mann?

Bin ich ein Sexist?

Werde ich als Mann erkannt?

2. Teil: Herbst

Bin ich hierfür gemacht?

Was, wenn ich versage?

Warum berührt mich niemand?

Was ist so schlimm daran, zu verlieren?

Warum kämpfen Männer?

Eine Woche später

Epilog 2017

Danksagung

Impressum

Für meine Mom,
Carol Lee McBee,
die mir das Kämpfen beigebracht hat

»Im Anfänger-Geist gibt es viele Möglichkeiten,
im Geist des Experten nur wenige.«

SHUNRYU SUZUKI, Zen-Geist, Anfänger-Geist

Ich: »Ich wünschte, du könntest erleben,
wie anders die Leute auf mich reagieren,
jetzt, wo ich ein Mann bin.«

Mein Bruder: »Ich habe keine Vorstellung,
aber ich kann es mir vorstellen.«

November 2015

Nach den Regeln der Physik und des Amateurboxverbands USA Boxing war es kein fairer Kampf. Doch hier, im Madison Square Garden, dem Tempel des amerikanischen Boxsports, standen wir, zwei nicht mehr ganz junge Männer, uns gegenüber und umkreisten einander vor tausendsiebenhundert betrunkenen Zuschauer*innen.

Seit Juli hatte ich immer wieder blutendes Zahnfleisch gehabt, in mein Kissen geschrien und beinah aufgegeben. Ich hatte versagt. Ich hatte zeitweise, mal mehr, mal weniger, den Verstand, mein Hörvermögen und meine Freund*innen verloren. Alles nur, damit ein Typ, der acht Kilo schwerer war als ich, mir das Gesicht grün und blau schlagen konnte – in einem Wirbel aus verschwommenen Bildern, feuchten Achseln, heißen Scheinwerfern, trockener Kehle, Zahnschutz-Abdrücken, quietschenden Sohlen, Sternchen vor den Augen.

Nur, damit meine Fäuste auf seinen Bauch treffen konnten, und seine auf meinen. Es war der schmerzvolle Preis dafür, die äußersten Grenzen meines Körpers kennenzulernen. Doch für den Moment führten meine Muskeln perfekte Kombinationen aus, während eine meditative Stille die Beifallsrufe aus der Halle sog. Wir beide waren nichts weiter als Sehnen und Blut und Knochen und Verfall.

In Wahrheit liebte ich ihn, selbst als ich mit erhobenen Fäusten um ihn herumtänzelte. Ich war ein neuer Mann, der erste trans Mann, der in der legendärsten Box-Arena der Welt kämpfte, um den Unterschied zwischen ihm und mir für nichtig und zu einer reinen Fiktion zu erklären.

Warum tue ich das?

Warum kämpfen Männer? Warum wollen man che von uns sich ins Gesicht schlagen lassen? Warum wollen andere uns dabei zusehen?

Was macht einen Mann zum Mann?

Als ich mit Testosteron-Spritzen anfing, war ich dreißig und wollte mich endlich schön finden. Mein Werden maß ich in erster Linie in ästhetischer Hinsicht: das T-Shirt, das mir jetzt passte, die Wölbung meines Bizepses, das Sprießen der Bartstoppeln. Ich liebte das Aussehen von Männern, ihren Geruch, die Körperhaltung. Ich liebte ihre Größe und Masse, ihre im Barbershop gestylten Bärte, den breitschultrigen Gang. Ich liebte die stille Effizienz der Herrentoiletten, die unsagbare körperliche Freude, neben meinem Bruder herzulaufen und unsere Schatten auf den Gebäuden zu sehen.

Ich liebte es, ein Mann zu sein, insofern ich es liebte, einen Körper zu haben. Ich hatte mir die Brüste entfernen lassen, ich stach mir jede Woche eine lange Nadel in den Oberschenkel, ich änderte meinen Namen und damit meinen Platz in der Welt – das alles, damit ich mich nicht mehr unter tief in die Stirn gezogenen Baseball-Caps und Kompressionsshirts verstecken musste, sondern einfach mein T-Shirt ausziehen und mich in die Fluten stürzen konnte.

Meine ersten Freuden waren einfach, alltäglich – mich nach dem Duschen abzutrocknen und im beschlagenen Spiegel meine flache Brust zu sehen; wie mir meine Sachen mit den breiteren Schultern und schmaleren Hüften auf einmal passten; die neuen Muskeln, durch die mein Gang breiter, meine Hände, Waden, mein Hals kräftiger wurden. Halbnackt im Badezimmer stehend berührte ich die Vertiefung zwischen meinen Bauchmuskeln und sah, dass der Typ im Spiegel dasselbe machte. Ich drehte mich und er drehte sich. Ich lächelte und er lächelte. Ich straffte die Schultern und er genauso.

Geschichten über trans Menschen, wenn wir sie überhaupt zu hören bekommen, enden oft mit einem solchen glänzenden Symbolismus, der zeigen soll, dass der betreffende Mann oder die Frau die Verwandlung geschafft, die große Aufgabe, endlich er oder sie selbst zu sein, bewältigt hat. Selbst wenn das ein schöner Gedanke und auch etwas Wahres dran ist, genau wie eine Schwangerschaft oder eine Nahtoderfahrung krasse Veränderungen mit sich bringen und unsere Tage und Erinnerungen und sogar die Zeit um das Ereignis herum neu sortieren können, endet meine Geschichte damit nicht. Nicht einmal annähernd.

Ich bin Anfänger, ein mit dreißig Jahren geborener Mann, in einem Körper, der etwas übers Menschsein zeigt, worüber selten nachgedacht wird. Laut Untersuchungen erfahren wir bereits in der frühesten Kindheit Geschlechterkonditionierung, so dass wir das Verhältnis von Angeborenem und Anerzogenem, von Biologie und Kultur, Anpassung und Selbstbehauptung nicht verstehen.

Dieses Buch ist ein Versuch, diese Verwicklungen zu entwirren. Beim Schreiben ist es außerdem eine Art persönliche Rückversicherung geworden, ein Verfolgen und Gestalten meiner eigenen Entwicklung in einer Kultur, in der es so viele toxische Männer gibt.

Auch in meiner Familie gibt es eine Tradition toxischer Männlichkeit.

* * *

Die Wirkung meines durch das Testosteron neugeformten Körpers überraschte mich immer wieder: Ich musste keine Angst mehr haben, nachts allein eine dunkle Straße entlangzugehen, stattdessen war ich jetzt derjenige, der diese Angst bei Frauen hervorrief; der Effekt meiner Stimme, andere in einem Meeting zum Schweigen zu bringen; die ungerechtfertigte Annahme meiner Kompetenz, meiner Macht, meines Potenzials.

Die Wirkung zeigte sich bei Telefonkonferenzen, an Supermarktkassen, bei ersten Dates, und in Reaktion darauf veränderte ich mich. Wie eine sich nach der Sonne drehende Pflanze richtete ich mich nach allem, was an mir belohnt wurde: Aggression, Ehrgeiz, Furchtlosigkeit.

Ich überging das Gefühl, festzuhängen wie zwischen zwei Radiosendern. Und allmählich, je mehr Ratschläge ich zwischendurch aufschnappte, verschwanden die Störgeräusche, bis ich die zunehmende Unstimmigkeit zwischen meinem vorherigen Leben und meinem neuen Körper an einem ansonsten ganz gewöhnlichen Frühlingstag nicht länger ignorieren konnte.

* * *

Auf die anderen Leute auf der Orchard Street musste die Szene ziemlich harmlos gewirkt haben. Ich sah aus wie ein ganz normaler weißer Lower-East-Side-Typ Mitte dreißig: tätowiert, dünn, Sneakers, Sonnenbrille. Aber ich war erst seit vier Jahren auf Testosteron. Mein Bart, von einzelnen grauen Haaren durchsetzt, vermittelte das Bild eines Lebens, das ich noch nicht richtig gelebt hatte.

Außerdem war ich nicht besonders wachsam. Jess, meine neue Freundin, war oben in meiner Wohnung, vor uns lag ein unverplanter Abend, und ich wollte uns gerade ein Eis kaufen, als ich sah, dass das Restaurant mit der schönen Fassade nebenan endlich eröffnet hatte. Ich machte – aus Versehen mit Blitz – ein Foto von dem »modern British«-Spot mit seinen in romantisches Licht getauchten, unglaublich coolen Gästen, schickte es Jess und schrieb ihr mit neuer Selbstverständlichkeit: »Hier gehen wir heute Abend essen.«

»Hey!«

Ich hob den Kopf und blickte in das durch die Bäume fallende sanfte Frühlingslicht, es war wie ein Luftholen vor dem Untertauchen, denn instinktiv wusste ich, dass der Abend verloren war. Ein muskelbepackter Typ im weißen T-Shirt kam auf mich zu. »Fotografierst du etwa mein Auto, du Wichser?«, rief er mit heiserer Stimme.

Ich beobachtete ihn, wie er sich näherte, und der Augenblick dehnte sich zu etwas jetzt schon Größerem aus, die Leute starrten uns an und wichen uns aus, sagten aber nichts. Es war das dritte Mal innerhalb von drei Monaten, dass ich mich kurz vor einer Schlägerei wiederfand. Wie konnte ein eben noch idyllischer Moment so plötzlich in Gewalt umschlagen? Voller Furcht blickte ich ihn an.

Eine Übelkeit erregende Angst stieg in mir auf.

Mein Vorher-Ich wollte wegrennen, so wie ich als Kind vor meinem Stiefvater weggelaufen war, denn dieser Fremde wirkte in seiner direkten, bedrohlichen Art genauso erschreckend wie der Mann, der mich großgezogen hatte.

»Hey!«, sagte er wieder. Er hatte dunkle, wellige Haare, den Unterarm voller Tattoos und das ungepflegte Aussehen eines frisch Geschiedenen. Er wirkte betrunken.

Wahrscheinlich wollte er Aufmerksamkeit, hoffte, nicht nur einen Streit zu provozieren, sondern zum Beweis ein blaues Auge davonzutragen.

Durch das Rauschen in meinem Kopf machte sich ungefragt ein Gedanke breit: Männer laufen nicht weg.

Und so seufzte ich schwer und stellte mich ihm, weil Männer das eben so machen. Mit dem tiefsten Knurren, das ich zustande bekam, fragte ich, »was zum Teufel« er wolle. Er zeigte auf einen leuchtend roten Mercedes vor dem Restaurant – eins dieser Autos, die als Schwanzverlängerung fungieren. Das Gesicht des Mannes war schweißnass, trotz des kühlen Nachmittags. Sein wilder Blick erzeugte zugleich Angst und Mitleid in mir. Was würde Mom jetzt sagen? Nur die Ruhe bewahren. Das war genau ihre Stimme, als ob sie wirklich neben mir stände. Thomas, warnte sie mich, als ich die Hände zu Fäusten ballte.

Er wirkte, als wäre er auf der Flucht vor irgendetwas, fand ich und entspannte die Hände wieder.

»Ich habe nur ein Foto vom Restaurant gemacht«, erklärte ich mit sanfterer Stimme, ein klarer Regelbruch. »Ich will mit meiner Freundin dahin.« Zum Glück dachte ich im letzten Moment noch daran, am Ende des Satzes nicht die Stimme zu heben.

»Ich hab den Blitz gesehen!«, knurrte er, jenseits aller Logik, ein Mann, der auf seinem Standpunkt beharrte.

Das war das Schlimmste daran, wurde mir bewusst. Er konnte mich noch nicht mal sehen.

Ich hätte jeder sein können.

* * *

»Männer umarmen sich nicht«, hatte mein Onkel an einem warmen Tag ein paar Jahre zuvor mal zu mir gesagt und mir die Hand entgegengestreckt. Es war nett gemeint, mein neues Leben bestand aus einer ganzen Reihe solcher ungebetenen Ratschläge für das richtige Verhalten, um als Mann durchzugehen.

Er hatte damals nicht Unrecht gehabt. Jess war oft die Einzige, die mich berührte. Jetzt wurde mir klar, dass dieser unfreundliche, unrasierte Mann, der gerade vor mir stand, einfach nur menschlichen Kontakt brauchte.

Auch ich kannte das Gefühl, vor Verlangen danach beinah verrückt zu werden. Durch stumpfe Wiederholung hatte ich zwar gelernt, mit rausgestreckter Brust zu laufen – genauso wie ich mir abgewöhnt hatte, in Schriftwechseln zu viele Ausrufungszeichen zu verwenden –, doch ich bekam schnell die negativen Reaktionen auf meinen männlichen Körper zu spüren, die kühle Distanz von Freund*innen in schwierigen Momenten, die teilweise auch an meiner befangenen Art besonders Frauen gegenüber lag, weil ich derart fürchtete, als Bedrohung wahrgenommen zu werden, dass ich zum Geist geworden war. Anfangs nahm ich diesen Preis für meinen Eintritt in die Welt der Männer noch hin, doch in letzter Zeit fühlte sich jeder Tag an wie ein Kampf gegen eine falsche Interpretation. Was war mit mir passiert?

Von dem Affentheater gelangweilt wollte ich den Fremden einfach stehenlassen, aber er streckte den fleischigen Arm aus, quer über meine Brust, genau über den Narben, der Erinnerung an die OP, die mir diesen Augenblick erlaubte, diese reiche Belohnung dafür, endlich »im richtigen Körper« zu stecken.

Sein Atem roch nach Pfefferminzbonbons und darunter wie vermutet nach Alkohol. Es war später Nachmittag. Traurig sah ich ihn an.

»Gib. Mir. Dein. Handy«, sagte er und betonte jedes Wort, als ob er meine Empathie spürte und vernichten wollte.

Wir warteten beide darauf, dass ich etwas tat. Aber was? Er war zehn Zentimeter größer als ich und bestimmt vierzig Kilo schwerer. Würde ich ihn schlagen? Könnte ich es? Ich beobachtete seinen fahrigen Blick. Ich könnte, wenn ich müsste.

Ein niederer und ursprünglicher Instinkt wurde in mir wach. Es fühlte sich zugleich schrecklich und gut an. Ich starrte den Typen an, schätze die Distanz zwischen uns. Er schwankte, und als ich zusammenzuckte, grinste er. Er strahlte die Art von Männlichkeit aus, die ich kannte, die ich riechen konnte, die Kompensation einer tiefsitzenden Unsicherheit. Wie immer war schwer zu sagen, ob er in seiner Kindheit selbst hatte leiden müssen oder er die anderen hatte leiden lassen. Trotzdem wollte ein Teil von mir die überholte Vorstellung vom Mann, der seinen Körper aufs Spiel setzt, ausleben, und so mein Recht, darin zu existieren, beweisen.

Du bist ein Kind des Universums, hieß es in einem Gedicht, das meine Mutter mir vor langer Zeit auf eine Geburtstagskarte geschrieben hatte, du hast ein Anrecht darauf, hier zu sein. Trauer erfüllte mich. Da vibrierte mein Handy und unterbrach meine dunklen Gedanken. Es war garantiert Jess, die wissen wollte, wo ich blieb. Eigentlich sollte ich jetzt oben bei ihr sein und in frischverliebter Glückseligkeit mit ihr zusammen Eis essen. Warum war ich stattdessen hier unten und machte meinen Körper zur Waffe?

Ich war ein Mann, so viel war klar. Doch Jahre nachdem ich einer geworden war, fragte ich mich noch immer, was genau das eigentlich hieß.

* * *

Und ich war nicht der Einzige, der sich das fragte.

Die ersten Jahre, während der ich mir Testosteron spritzte, fielen in eine Zeit alarmierter Schlagzeilen über Männer in Schwierigkeiten. Es war die Zeit nach der Rezession, die Zeit, als Bärte wieder in Mode kamen und steigende Selbstmordzahlen und Drogenabhängigkeit auf die massiven Arbeitsplatzverluste und die damit einhergehenden drastischen Veränderungen in Haushalten mit männlichem Versorger zurückgeführt wurden. Es war von einer globalen »Krise der Männlichkeit« die Rede. (In akademischen Kreisen nicht neu, verbreitete sich der Begriff in der Populärkultur jetzt wie ein Lauffeuer.) In den USA, hieß es, wurden Männer (manchmal widerstrebend) zu Hausmännern oder lernten einen traditionellen Frauen-Beruf wie Krankenpflege oder – um das zu vermeiden – zogen wieder zu ihren Eltern und spielten den ganzen Tag lang Videospiele. Laut einer Titelgeschichte von 2010 in The Atlantic erlebten wir »das Ende der Männer«.

Es hatte den Anschein, bestimmte Männer – weiß, schlicht, älter – verschwanden, sie starben, brachten sich um, nahmen eine Überdosis. Diese Männer schienen tatsächlich im weitesten Sinne des Wortes in einer Krise zu stecken. Trotzdem war es nicht das Ende der Männlichkeit, jedenfalls nicht für mich. Von dem Moment an, als das Testosteron seine Wirkung zeigte, fingen fast alle um mich herum an, mir Ratschläge zu geben, wie ich das Stereotyp des starken und stillen Mannes, dessen Zeit »vorbei« war, nachahmen sollte. Ich fühlte mich unter ständiger Beobachtung, durch Fremde und Freund*innen gleichermaßen, egal welchen Geschlechts, welcher geografischen und sozioökonomischen Herkunft. Was auch immer diese Ratschläge hervorrief, sie schienen von zentraler Bedeutung fürs Mannsein zu sein, und vielleicht wurde es mir deswegen so wichtig, die »Krise der Männlichkeit« zu dokumentieren. Sowohl ihre sich offenbarenden ökonomischen Folgen, die aus der fundamentalistischen Geschlechtervorstellung hervorgingen, dass Männlichkeit und Arbeit zusammenhingen, als auch meine persönliche Erfahrung, mich in meinen Körper nicht zu Hause zu fühlen. Ich hatte verinnerlicht, dass die Dinge, dass also auch diese »Krise« sehr viel komplexer sein müsse, als allgemein gedacht, dass ihre eigentliche Ursache weit über Gesellschaftsschichten, Hautfarbe, und »Tradition« hinausging, dass die Grundlage der Krise in der Männlichkeit selbst wurzelte und daher alle Männer betraf, selbst diejenigen, die meinten, sich erfolgreich über veraltete Konventionen hinwegzusetzen. Schließlich waren es diejenigen Männer, die Bücher über emotionale Intelligenz lasen und maßgeschneiderte Hemden trugen, die mir oft, mit dem gelassenen, getarnten Sexismus der Weltoffenheit, rieten, Dating als eine Form der Kriegsführung zu begreifen oder Meetings mit der Körpersprache von Affen zu dominieren.

Ich hatte den Eindruck, in der Krise zu stecken war eine ganz natürliche Reaktion darauf, ein Mann zu sein, egal was für ein Mann, auch wenn das nicht gerade das war, was alle anderen meinten.

2011, in dem Jahr, als ich mir zum ersten Mal Testosteron spritzte, fing ich an, über all das nachzudenken. Ich hatte gerade meinen ersten Job als Redakteur bei einer Zeitung in Boston angetreten und verfolgte die Schlagzeilen aus den USA, Großbritannien und selbst China mit Neugierde. In den USA verwandelte sich das Ganze schnell in die inzwischen allbekannte Mär von Gesellschaftsschichten und Generationenverschiebung: Ärmere Männer würden durch den Anstieg von Bildungsraten bei Frauen und den rückläufigen Trend der Eheschließungen in der unteren Einkommensgruppe abgehängt.

Unterdessen versuchten sich in den Großstädten gut verdienende, wie Holzfäller gekleidete Männer in Kunsthandwerk, um sich wieder mit altmodischer, praktischer Arbeit vertraut zu machen, behaupteten aber, ihr Verständnis von Männlichkeit unterscheide sich radikal von dem der Generationen vor ihnen. Laut Soziologie hatten die Männer der Millennial-Generation Frauen gegenüber eine neue, gleichberechtigtere Einstellung – besonders in der Arbeitswelt. Doch in Wirklichkeit war es viel komplizierter. Spätere Umfragen legten nahe, dass die Millennial-Männer in Genderfragen genauso »traditionell« waren wie ihre Väter und sogar weniger egalitär als diese. Das Aufwachsen bei Vätern, die von der Krise der Männlichkeit betroffen waren, schien zu einer stärkeren Ablehnung der Gleichberechtigung geführt zu haben.

Doch das kam später. 2013, ein Jahr bevor diese Erkenntnisse sich verbreiteten, verlor ich in einer massiven Kündigungswelle meinen Job in Boston. Ich wohnte günstig genug, um von freiberuflichen Aufträgen leben zu können, und so entschied ich mich, optimistisch zu bleiben, und recherchierte Ideen für Geschichten über Männer, die die Krise als Chance sahen, den negativen Aspekten von Männlichkeit den Kampf anzusagen. Und es gab sie: Männer waren jetzt engagiertere Väter, sagte die Forschung. Rapper und Profisportler outeten sich. An den Kinokassen schlugen Filme über platonische Männerfreundschaften die sexistischen Buddy-Komödien. Ich brauchte diese Geschichten, brauchte diese Männer, fand Trost in der Vorstellung, dass ich nicht der Einzige war, der nach einer anderen Antwort suchte als der, die ich in den Rollenbildern gefunden hatte, die mich in meiner Kindheit und Jugend in einer Kleinstadt bei Pittsburgh geprägt hatten.

Doch je mehr ich mich in meinem Körper zuhause fühlte, desto größer wurde mein Unbehagen den Erwartungen gegenüber, die an ihn gestellt wurden. Später in dem Jahr zog ich nach New York und verbrachte viel Zeit mit schrecklichen Dates, die ich mir finanziell nicht leisten konnte, mit Frauen, die ich nicht verstand. Ich wusste nicht, wie ich ihnen sagen sollte, dass ich trans war, oder ob ich es überhaupt sagen sollte, aber ich wusste genauso wenig, wie ich die schrecklichen stereotypen Verhaltensweisen überwinden sollte, die jede unserer Interaktionen bestimmten.

Während ich versuchte, meinen Platz in der Welt zu finden, erholte sich die Wirtschaft, und einige neue Ansichten, insbesondere, was Vaterschaft anging, schienen sich durchzusetzen, doch die Krise der Männlichkeit war noch lange nicht ausgestanden. Männer, mit denen ich aufgewachsen war, brachten sich um. Als eine Opioid-Epidemie um sich griff, spalteten die sozialen Medien das Land. Ich sah es in meinen Social-Media-Feeds, meine Storys wurden viel gelesen, aber Trolle kommentierten fast alles, was ich schrieb. »Du bist kein Mann«, schrieben sie immer wieder. »Und du wirst nie einer sein.«

Es war 2015. Mir wurde geraten, die Kommentare nicht zu lesen, doch in meinen Augen stand alles miteinander in Verbindung – die ständigen Zurechtweisungen, das Dating, der Sexismus, die Trolle, die Millennials, die Opioide, die Hobby-Kunsthandwerker. Ich konnte die Vorstellung nicht abschütteln, dass die Krise der Männlichkeit in ihrem bitteren Kern eine Wahrheit enthielt, die etwas Wichtiges und Erschreckendes über das zeigte, wovon wir reden, wenn wir über Männer reden. Alle Männer. Etwas Größeres als eine Generation, einen politischen Moment oder einen Wirtschaftscrash – eine Geschichte über Männlichkeit, die uns allen weisgemacht wurde.

* * *

»Vielleicht solltest du nicht nach männlichen Vorbildern suchen, sondern dich deiner schlimmsten Angst davor stellen, wer du eigentlich bist«, sagte Jess am Anfang unserer Beziehung. Sie hielt meine Vorstellung von Männlichkeit für hoffnungslos »romantisch«. Ich wusste nicht, ob sie recht hatte, aber im Nachhinein offenbarte meine Begegnung mit dem Mann auf der Orchard Street ihre Weisheit, nachdem ich es vor lauter Schreck zuerst völlig vermieden hatte, über meine Ängste nachzudenken. Da war es schließlich, mein entsetzliches Spiegelbild: Als er die Fäuste ballte, ballte ich meine. Jemand Außenstehendem wäre es wohl schwergefallen, einen Unterschied zu erkennen.

»Hey!«, rief der Mann wieder, und erneut wurde ich von Wut erfasst. Trotzdem schaffte ich es, mich umzudrehen und weiterzugehen. Ich hörte seine Schritte lauter als meine eigenen, während er mir zum Seward Park folgte, wo wenigstens Eltern mit ihren Kindern auf dem Spielplatz wären, Leute, die, wie ich hoffte, sich um mich kümmern würden, sollte ich vor ihren Augen niedergeschlagen werden.

Mütter, meine ich.

»Hey!«, rief er wieder, als wir die Ecke erreichten, und dann noch bedrohlicher, »du Arsch!«

Eine Gruppe sich eben noch raufender Jungen drehte sich nach uns um. Hier gab es in echt zu sehen, was sie gerade nur gespielt hatten.

Ich war peinlich berührt. Ich wollte gehalten werden. Ich wollte in einem von warmem Sonnenlicht durchströmten Wohnzimmer, in einer Welt, die ich verstand, Tee trinken. Ich wollte ein Leben, das ich nie mehr haben würde. Ich sah dem Mann mit der verschwitzen Stirn und dem ungepflegten Bart ins Gesicht, und anstelle all dessen, was ich verloren hatte, entbrannte in mir eine Wut, die meine Stimme so rau machte, dass ich sie selbst nicht erkannte: »Ich. Habe. Dein. Beschissenes. Auto. Nicht. Fotografiert

Mit erhobenen Händen wich er zurück. »Okay, okay«, murmelte er. »Reg dich ab.«

Ich lehnte mich an eine Hauswand. Es musste sich etwas ändern.

* * *

In meinem Winkel von New York wurde die Krise der Männlichkeit zunehmend einfach so hingenommen – als etwas, was anderen Männern weit weg passierte.

»Ständig wollen sich Männer mit mir prügeln«, erzählte ich meinen Freund*innen, meinem Bruder, meinen Kolleg*innen nach dem Tag auf der Orchard Street. Die meisten Leute zuckten bloß mit den Schultern. Komisch, sagten sie. Was sollte ich machen?

2015, als ich anfing, dieses Buch zu schreiben und zu erzählen, ich schreibe über Männlichkeit, reagierten die Leute nicht mehr so, wie sie es am Anfang der Krise getan hätten – immer öfter lächelten sie bloß höflich und wechselten das Thema. Ich verstand das. Viele fanden, wir hatten lange genug über einen bestimmten Typ Mann geredet. Es war einfacher zu glauben, dass wir im Zeitalter des Fortschritts lebten und dieser Fortschritt uns alle mit sich riss. Schließlich hatte Barack Obama das Weiße Haus in Regenbogenfarben anstrahlen lassen, und Beyoncé war auf dem Cover der September-Ausgabe der Vogue. Transparent war eine von der Kritik gefeierte Amazon-Serie über eine trans Frau, und Hillary Clinton hatte gerade offiziell bekanntgegeben, erste Präsidentin der Vereinigten Staaten werden zu wollen. Doch unterhalb dieser schönen neuen Bewegung fühlte ich ein Rumpeln wie von sich verschiebenden Erdplatten.

Vielleicht erkannte ich nicht bloß, weil ich trans war, was andere Leute nicht sahen, sondern es lag auch an dem genauen Zeitpunkt meiner Transition. Die Regeln, die mein Leben jetzt bestimmen sollten, waren nicht gerade fortschrittlich: Lass dich nicht dominieren. Entschuldige dich nicht, wenn dich etwas stört. Mach dich nicht kleiner. Lächle keine Fremden an. Zeig keine Schwäche. Das Narrativ einer grenzenlosen Welt, die sich in Veränderung befand, war nicht die ganze Wahrheit. Ich sah es jeden Tag daran, wie ich als Mann geformt wurde, las es in den Schlagzeilen, spürte es in den gereizten Auseinandersetzungen mit anderen Männern: Irgendwo passierte immer gerade etwas Schlimmes.