Über das Buch

Die späten Jahre zwischen den Fronten.

Anna Seghers war in ihrem Heimatland eine Außenseiterin, als sie 1947 aus dem Exil in Mexiko zurückkehrte. Sie, die Frau mit den Wurzeln am Rhein, Kindern in Paris, dem Mann in Mexiko, Freunden und Verwandten in aller Welt, stellte ihr Engagement für den neuen gesellschaftlichen Entwurf, den sie von der DDR erwartete, nie zur Debatte. Ihr nüchterner Blick und ihre allgemeine Skepsis ließen sie tiefer sehen, als sie öffentlich sagen konnte und wollte. So blieb sie eine wichtige Stimme der Mäßigung gegen Reglementierung von Literatur und Kunst, aber oft zu leise. Stets hoffte sie, dass ihre literarischen Texte sprechen würden, wo sie schwieg. Ob zu Recht und zu welchem Preis, ist eine der schwierigsten Fragen, der Christiane Zehl Romero, gestützt auf neues, noch nicht ausgewertetes Material, nachgeht.

»Zehl Romeros Biographie ist bestens geeignet, Brücken zu bauen zu einer erneuten, vorurteilslosen Lektüre der Texte Seghers’.« Argonautenschiff

Über Christiane Zehl Romero

Christiane Zehl Romero ist in Wien geboren und studierte an der Universität Wien Germanistik und Anglistik. Weitere Studien in Vergleichender Literaturwissenschaft in Paris (Sorbonne) und in den USA (Yale University). Sie lebt in Winchester in der Nähe von Boston und ist »Professor of German and International Literary and Cultural Studies« und »Goldthwaite Professor of Rhetoric Emerita« der Tufts Universität, Medford, Massachusetts. Zahlreiche Aufsätze zur deutschen und vergleichenden Literatur und zum Film sowie Biographien über Simone de Beauvoir und Anna Seghers, auch als Herausgeberin tätig, u. a. die Briefe von Anna Seghers in 2 Bänden (2008 und 2010) sowie »Anna Seghers. The Challenge of History« (2020).

ABONNIEREN SIE DEN
NEWSLETTER
DER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Christiane Zehl Romero

Anna Seghers

Eine Biographie
1947-1983

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Newsletter

Vorwort

Erstes Kapitel: Rückkehr oder Heimkehr?

Zweites Kapitel: Schwierige Anfänge

Drittes Kapitel: Eine »arrivierte« Schriftstellerin?

Viertes Kapitel: Die Entscheidung

Fünftes Kapitel: Prozesse, Prozesse

Bildteil 1

Sechstes Kapitel: Das Licht auf dem Galgen

Siebentes Kapitel: Kein Frühling

Achtes Kapitel: »Wieviele Augenblicke stehen mir noch bevor?«

Bildteil 2

Neuntes Kapitel: »Ein Leben ist uebergenug«

Anhang

Anmerkungen

Personenregister

Titelverzeichnis

Bibliographie

Bildnachweis

Impressum

»…

Jetzt sind Sie tot, Anna Seghers

Was immer das heißen mag

Ihr Platz; wo Penelope schläft

Im Arm unabweislicher Freier«

Heiner Müller, »Epitaph«

Vorwort

Nachdem im Jahr 2000 zum hundertsten Geburtstag von Anna Seghers der erste Band dieser Biographie erschienen ist, liegt nun auch der zweite vor, der Leben und Arbeit von der Rückkehr aus dem Exil bis zum Tod behandelt: 36 Jahre, viel mehr, als den meisten zeitgenössischen Exilanten vergönnt und auferlegt waren. Die Frage, warum zwei Bände, warum so lang, ist berechtigt. Die Antwort, zumindest meine Antwort: Seghers verdient die genaue Aufmerksamkeit, die sie hier zum ersten Mal erhält. Sie ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen, wenn nicht die bedeutendste. Mit ihrem langen Leben und umfangreichen Werk begleitete sie das nun vergangene, erschütternde Jahrhundert mithandelnd, mitirrend, mitleidend. Schreiben war für sie handeln, in einer Weise und mit einer Selbstverständlichkeit, die heute nicht mehr möglich sind. Aus dieser Überzeugung heraus entstand manches, was, wie ich denke und hoffe, bleiben wird, und manches, was sie selbst schon zu ihren Lebzeiten vergaß und vergessen wollte. Schreiben war aber auch für sie Selbstverständigung und wurde es im Alter über den Enttäuschungen, die die historische Entwicklung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs brachten, immer mehr. Und es war Selbstinszenierung. Seghers schuf sich mit und in ihren literarischen Texten neu und bestand auf deren Priorität gegenüber dem äußeren Leben: »Die Erlebnisse und die Anschauungen eines Schriftstellers, glaube ich, werden am allerklarsten aus seinem Werk, auch ohne spezielle Biographie«, erklärte sie Christa Wolf in einem bekannten, oft wiederholten Zitat. Es ist ernst zu nehmen, besonders weil es aus einer Zeit stammt, in der sie zunehmend durch literarisches Erzählen sagen wollte, was sie im politischen und kulturpolitischen Diskurs der DDR nicht einbringen konnte oder wollte. Und auch das eigene Leben sah Seghers als Text, an dem sie gewissenhaft und hart arbeitete, doch ohne die Kontrolle, die sie über das erzählerische Werk hatte. Sie wurde sich dessen im Laufe der Jahre sehr deutlich bewußt und schrieb schließlich: »Im Leben hat man den Eindruck, es sei manchmal nur ein Entwurf. Allerdings ist es schrecklich schwierig, ihn zu redigieren.« Was hätte sie anders machen wollen, anders machen können? Wie ich in diesem zweiten Band nachzuzeichnen versuche, wurden die Spielräume für sie in der zweiten Hälfte ihres Lebens, wider die Erwartungen, mit denen sie die Rückkehr nach Deutschland antrat, immer enger. Für sie, die ihr Leben mit dem Wunsch nach Aus- und Aufbruch begonnen und »das ganz und gar Neue« gesucht hatte, war das besonders schwer zu bewältigen. Am Ende, in ihren letzten Erzählungen Drei Frauen aus Haiti, versprach nur mehr der Tod den ersehnten Ausbruch.

Für die Zeit zwischen 1947 und 1983 ist die Materiallage eine andere als für die vorhergegangenen Jahre, da viel mehr an Manuskripten, Briefen und anderen Dokumenten erhalten sind und ab 1989 zugänglich wurden, u. a. die Kader- und Stasiakten. Für die Erlaubnis, noch gesperrtes Material einzusehen, danke ich den Kindern von Anna Seghers, Ruth und Pierre Radvanyi. Auch für diese Periode gibt es noch Unveröffentlichtes und Fragmentarisches, doch ist wenig darunter, was von anderem als literaturhistorischem und werkgenetischem Interesse wäre. Wichtig war für mich, daß ich Zugang zu den Kalendern hatte, die Seghers seit den frühen fünfziger Jahren regelmäßig führte und in denen sie einerseits Termine und Reisen, andererseits Arbeitsvorhaben und – sehr selten – Persönliches festhielt. Sie sind oft kryptisch und schwer zu entziffern, erlauben aber einen faszinierenden Blick auf ihr Leben. Der Alltag der Hausfrau und die Belange der liebenden Mutter und Gattin erscheinen neben den Terminen der bekannten Autorin und den Verpflichtungen der prominenten Präsidentin des Schriftstellerverbandes, und die zahllosen Reise- und Arbeitspläne strukturieren Monate und Jahre. Auch die wesentlich reichlicher als früher erhaltenen Briefe erlaubten unerwartete Einblicke in Leben und Arbeit.

Bei der Auswertung des Materials ging es mir darum, der Versuchung einer »Motivation von hinten« zu widerstehen. Ich wollte keinen paradigmatischen, kommunistischen Lebens- oder Irrlauf konstruieren, sondern eine »offene« Biographie schreiben, in der die Spannung zwischen literarischem Text und Leben im Kontext schwieriger und schwer überschaubarer zeitgenössischer Entwicklungen ersteht. Dabei konnte und wollte ich kein ganzheitliches Bild schaffen, sondern ein widersprüchliches, facettenreiches. Es wird, meine ich, dem Menschen und der Autorin gerechter, kann aber kein endgültiges sein. Heiner Müller spricht in seinem »Epitaph« auf Anna Seghers von den »unabweislichen Freiern«. Bei seinen Worten denke ich an uns: Leser, Kritiker und Biographen von Seghers. Trotzdem habe ich versucht, ihr eher wie Odysseus Penelope nach seiner Rückkehr zu begegnen: kritisch, aber mit dem Verständnis dessen, der sie kennt – soweit das möglich war. »Biographie erfordert auch immer das Eingeständnis des Scheiterns, denn kein Mensch kann einen anderen völlig erfassen«, heißt es bei einem Kritiker. Er hat recht. Doch hoffe ich, daß die Biographie vielfältige Anregung gibt, dem Leben und der Arbeit von Anna Seghers nach-zu-denken und dem Menschen hinter der Ikone nach-zu-fragen.

Zuletzt möchte ich noch einmal den vielen danken, die mir im Laufe der Jahre bei der Arbeit geholfen und mir Anregungen gegeben haben: den Mitarbeitern der zahlreichen Archive, die ich benutzt habe; Marianne Berger und Monika Melchert von der Anna-Seghers-Gedenkstätte; Kollegen und Kolleginnen: u. a. Robert Cohen, Susanne Crooker, Helen Fehervary, Sonja Hilzinger, Helga Sekanina-Georg, Klaus Schulte, Christel Berger, Sigrid Bock, Heinz-Uwe Haus, Frank Wagner, Gregory Carleton, Joel Rosenberg, Boris Frezinsky, Marie-Laure Canteloube und Hélène Roussel. Andere, die mir in Gesprächen Auskunft gegeben haben, werden in der Bibliographie genannt, ich danke ihnen aber an dieser Stelle ebenfalls für ihre Zeit und Mühe. Besonderer Dank geht an Ruth und Pierre Radvanyi, an meine Lektorin Almut Giesecke und an meine Universität, Tufts in Medford, Massachusetts, die meine Arbeit förderte und finanziell unterstützte.

Winchester, Oktober 2002

C. Z. R.

Erstes Kapitel
Rückkehr oder Heimkehr?

»Immer noch

Liegt auf dem Schrank mit den

Manuskripten

Mein Koffer.«

Bertolt Brecht

Nach vierzehn Jahren Exil traf Anna Seghers am 22. April 1947 mit dem französischen Militärzug aus Paris kommend in Berlin ein. In Europa war sie schon seit dem 27. Januar – zuerst in Schweden, dann in Frankreich. Sie hatte Mexiko, wo sie die letzten sechs Jahre verbracht hatte und Staatsbürgerin geworden war, am 7. Januar verlassen und war mit der Bahn nach New York und von da mit einem schwedischen Schiff, der Gripsholm, nach Göteborg gefahren. Ihre Rückkehr nach Europa und Deutschland erfolgte unter viel günstigeren Umständen als 1933 bzw. 1941 der Abschied. Damals war sie Flüchtling gewesen, eine Mutter mit kleinen Kindern, die, immer weiter vertrieben, schließlich um ihr Leben fürchten, um Geld betteln und sich freuen mußte, daß ein unbekanntes Land in Übersee ihr Asyl gewährte und ein überfülltes, schmutziges Frachtschiff sie mitnahm. Nun war sie eine international anerkannte Autorin mit amerikanischem Konto, die auf all ihren Stationen Freunde und Verleger hatte und in das Heimatland zurückkehrte, an das zu denken und für das zu schreiben sie nicht aufgehört hatte. Ihr Erfolgsroman, Das Siebte Kreuz, um dessen Manuskript sie einst gebangt hatte, war ihr vorausgegangen und schon 1946 in Deutschland gedruckt und verbreitet worden. Mit seiner heimatverbundenen und letztlich positiven Botschaft über Land und Leute stellte er wiederum, wie schon bei der amerikanischen Erstveröffentlichung mitten im Zweiten Weltkrieg, das richtige Buch zur rechten Zeit dar. Bald nach der Rückkehr – im Juli – erhielt die Autorin von der Stadt Darmstadt den Büchnerpreis, den auch ihre engere Landsmännin, Elisabeth Langgässer, die Deutschland nicht verlassen hatte und zur »Inneren Emigration« zählte, für sich erhofft hatte.1 Doch für kurze Zeit war es die zurückgekehrte Exilantin, der man in ganz Deutschland Achtung entgegenbrachte,2 wenn auch kaum jemand etwas von ihr kannte außer dem Siebten Kreuz. In der sowjetischen Besatzungszone und in Ostberlin gehörten alte Genossen von Seghers zu den neuen Eliten, die hier unter dem Patronat der Sieger die Macht ergriffen hatten. Wilhelm Pieck, später erster Staatspräsident der DDR, kam ins Hotel, um sie und andere Remigranten »daheim« willkommen zu heißen: Die Schriftsteller wurden eingeladen, beim Aufbau mitzuhelfen. Zumindest erzählte Seghers es rückblickend so.3

Und trotzdem reiste sie dieses Mal wieder mit Gefühlen der Angst und alles andere als direkt. Nach der Ankunft in Deutschland wuchs ihr Unbehagen eher noch, aber auch das Bemühen, es zu bewältigen. Vergeblich sucht man jedoch bei Seghers nach enthusiastischen Äußerungen der Freude, wieder in Deutschland zu sein, wie sie bei Johannes R. Becher zu finden sind. In »Der Besuch«, dem kleinen Text von 1956, in dem sie von der Begrüßung durch Pieck erzählt, stellt sie rückblickend dem Heimweh der Emigranten das »Nahweh« der Zurückgekehrten gegenüber: »Die Heimat war in unserer Erinnerung aufgeblüht, und jetzt in der Wirklichkeit war sie rauh und grau«,4 heißt es darin als mögliche Erklärung. Was sie belastete und beschäftigte, war aber nicht wirklich Enttäuschung über die Diskrepanz zwischen dem verklärten Einst und dem verheerten Jetzt. Sie hatte sich von Mexiko aus so gut wie möglich über Nachkriegsdeutschland informiert und von Freunden wie z. B. Jürgen Kuczynski, der mit den englischen Truppen nach Europa gekommen war, schon am 1. Mai 1945 Berichte über die Rheingegend – und etwas später über Berlin – erhalten.5 In Gedanken und Phantasie, in Essays und Erzählungen hatte sie sich bereits mit Deutschland nach Hitler beschäftigt und meinte stets, sich dabei keinen Illusionen hingegeben zu haben. So heißt es denn auch in den Briefen aus der Zeit nach der Rückkehr wiederholt: »Enttäuscht war ich nicht – ich hab mir alles innen und aussen genau so vorgestellt.«6

Seghers’ Unbehagen war anderer Art und viel widersprüchlicher, als sie es selbst später wahrhaben oder zumindest zugeben wollte. Zur Zeit sprach sie, allerdings nur in Privatbriefen,7 relativ offen von ihren zwiespältigen Eindrücken und Reaktionen: Als Künstlerin mit religiösen, existentiellen und expressionistischen Wurzeln war sie zunächst vom Anblick der Zerstörung fasziniert. Gleich im Juni berichtet sie ihrer Freundin und Gastgeberin Erika Friedländer in Schweden: »Nein, das Ganze ist so einschneidend, so voller Widersprüche, so verwildert, dass ich keinen Augenblick Reue habe, dass ich hergekommen bin.«8 Sie fand an der Ruinenlandschaft Berlins Gefallen, »ästhetisch aber nur als Künstlerin«, wie sie diesem Geständnis an eine Freundin in Mexiko, die Kubanerin Clara Porset, schnell in Klammern hinzufügt. Und sie fühlte Genugtuung, in der noch etwas vom Glauben an den gerechten Zorn Gottes, in dem sie aufgewachsen war, und auch ihre Identifikation mit den Vollstreckern nachschwang: »Ich spreche mit niemandem darüber, dass mich diese gespenstischen Strassen jeden Abend bezaubern, erstens, weil die Russen soviel Erfolg hatten, und zweitens, weil diese Trümmer, die wie die Leiter Jakobs aus der Bibel in den Himmel ragen und die völlig leeren, d. h. ausgebrannten Fassaden, hinter denen die Gespenster die einzigen Bewohner sind, einen zutiefst perversen, irrationalen und surrealistischen Eindruck hinterlassen.«9

Menschlich fühlte sie sich aber befremdet und abgestoßen. Ihrer ehemaligen Kinderfrau Gaya schreibt sie: »Das Zurückkommen nach Deutschland (ich weiss nicht, wie lange ich bleibe) ist auch für mich nicht ganz einfach. […] Durch viele Dinge werde ich nicht so leicht durchkommen. Die vielen und schroffen Umstellungen sind auch für mich nicht einfach.«10 Und nach einer Reise zu ihrem Freund, dem Verleger Curt Weller, der in Konstanz Transit herausgab, heißt es an ihre Freundin aus der Studienzeit, Irene With, in Holland: »Jetzt habe ich dieses verhexte Land von einem Ende zum anderen durchreist. Überall dasselbe: Angst vor dem Winter, Angst vor noch grösserem Hunger, den sie ohne Zweifel überall haben. Und dabei in mir selbst, wie wohl in den meisten Menschen mit denselben Gedankengängen: dass sie selbst daran schuld sind und um keinen Preis einen Zusammenhang verstehen wollen. Und die Angst und der Hunger machen sie noch deformierter, noch härter und schlechter, wie man es sich gar nicht vorstellen kann, denn schliesslich ist einem ja Land und Volk nicht fremd.«11 Es sind harte Worte, die in einem anderen Brief in das Bekenntnis münden: »Ich liebe die Menschen dort nicht genug, um sie ganz zu verstehen.«12 Seghers schreibt diesen Brief von Paris nach Schweden und kann sich deshalb, wie sie erklärt, »vernünftig ausdrücken«. Dort, das ist Deutschland, ist Berlin, wo sie schon 1947 meint, es nicht zu können. Sie scheint sich nicht mit dem Land und der Stadt, in die sie zurückgekehrt ist, zu identifizieren und vermeidet in den Briefen und Texten aus dieser Zeit das bei ihr sonst so häufige »Wir«. Selbst wenn sie von deutschen Genossen spricht, redet sie von »Ihr« und »bei Euch«. Sich selbst nennt sie eine »Marsbewohnerin«, die »mit Sehnsucht und Schmerz an den Mars zurückdenkt, wo sie nun mal Kinder geboren hat für den Mars«.13 Mit dem Mars meint sie Paris und die Welt außerhalb Berlins. Es ist ein eigentümliches Bild, das einerseits große Fremdheit und Distanz gegenüber Deutschland suggeriert, aber auch, daß da die Erde und die Wirklichkeit sind, die es zu erkunden gilt.14

Immer wieder klagt Seghers darüber, daß ihr die Menschen in Berlin »so sonderbar kalt vorkommen«: »Ich war jahrelang unter Menschen, vielleicht bösere, dümmere, aber immer so heftig, so leidenschaftlich. Wenn mir hier mal mein Mund überläuft, hab ich bei den guten Menschen das Gefühl, dass sie gutmütig lächeln.«15 Ihre Klagen über Kälte, die sie im folgenden Jahr, 1948, unter dem Druck der Ost-West-Spannungen nur noch schmerzlicher fühlte, fanden in den schon oft zitierten Sätzen an Georg Lukács Ausdruck, die auch eine Art – unerhörter16 – Hilferuf waren: »Obwohl hier viele oder alle Menschen lieb und gut zu mir sind, habe ich doch manchmal das Gefühl, daß ich vereise. Ich habe das Gefühl, ich bin in die Eiszeit geraten, so kalt kommt mir alles vor. Nicht weil ich nicht mehr in den Tropen bin, sondern weil viele Sachen ganz beklemmend und ganz unwahrscheinlich frostig für mich sind, ob es um die Arbeit, um Freundschaften, um politische, um menschliche Sachen geht.«17 Sie bezog sich nicht nur auf die Deutschen, die Hitler mehr oder weniger eifrig unterstützt hatten, sondern auch auf Kommunisten, besonders die aus Moskau zurückgekehrten, die jetzt das Sagen hatten und den Ton bestimmten. Gleich 1947 erfuhr sie, daß man ihr ob ihrer Reisen in den Westen »mit Neugierde, mit Eifersucht«18 begegnete und sie verdächtigte, sie könnte nicht mehr zurückkommen. An Friedländer schreibt sie: »Neulich war ich am Bodensee bei einem Freund [Weller19]. Inzwischen telephonierte es x mal in meiner Wohnung an, wo ich sei, bei wem, ob ich mit Plivier sei. (!)«20 (Theodor Plievier, der Autor von Stalingrad, war 1947 aus der Ostzone nach Konstanz übersiedelt.) Seghers will der Freundin erklären, warum sie jetzt nicht mehr einfach nach Schweden auf Besuch kommen könne, »so schön das wäre«. Ihre Bewegungen wurden aber nicht nur von den eigenen Leuten beobachtet, sondern auch von der anderen Seite, die ihren Umzug positiv verbucht hätte, was sie zu noch größerer Vorsicht zwang.

Sich im Westen Deutschlands, selbst in der französisch besetzten Zone, niederzulassen, wie Gerüchte damals behaupteten, kam Seghers jedoch nicht in den Sinn. Sie war sich zwar zunächst keineswegs sicher, ob sie ab sofort ständig in Berlin leben würde: Ihr Mann war auf für sie schwer absehbare Zeit in Mexiko geblieben, ihre Kinder, die während des Exils in Frankreich und in Mexiko französische Schulen besucht hatten, studierten in Paris, der Sohn Physik, die Tochter Medizin, und auch Seghers fühlte sich nach der Rückkehr da wohler als in Deutschland. Was sie sich wünschte, waren Bewegungsfreiheit und eine gewisse Autonomie bei gleichzeitiger Treue zur »Sache«, die sie an Deutschland und einen Neu-Aufbau band. Schon in Mexiko hatte sie es angestrengt vermieden, mit der ersten Gruppe von Kommunisten und auf demselben Schiff wie Paul Merker nach Europa zurückzukehren, aber gleichzeitig an Pieck und andere nach Moskau geschrieben, um ihre Alleinreise abzusichern.21 Durch Wohlverhalten versuchte sie auch jetzt bei den Genossen Einverständnis und Vertrauen zu erwerben und ihre Sonderstellung als internationale und deutsche Autorin zu behaupten: »Ich möchte nur, wo jetzt so eine Spannung ist, mein Wort halten«, schreibt sie Friedländer. »Dann haben sie verstanden, dass ich gehe, wann ich Lust habe und wiederkomme, wenn ich es sage.«22 So einfach sollten »sie« es ihr aber nicht machen, Vertrauen, das für Seghers bis in die sechziger Jahre zur grundlegenden Voraussetzung für den Neuanfang wurde, kam für die Funktionäre nie in Frage und schon gar nicht, seit es um wirkliche Macht in zumindest einem Teil Deutschlands ging.

Seghers schwebte damals für sich eine bei aller Parteidisziplin eigenbestimmte Vermittler- und Erzieherrolle unter den Deutschen und zwischen den Deutschen und anderen Völkern vor. Wie sie wiederholt erklärte, hatte sie Aufträge von ausländischen Zeitschriften. Sie wollte über die Jugend in Deutschland und Europa schreiben und unternahm auch dementsprechende Versuche, so z. B. zu einem liegengebliebenen Bericht »Boys und Girls in Berlin« über die Nachkriegsjugend in der zerstörten Stadt,23 legte ihn aber unbefriedigt zur Seite und meinte wiederholt, Reportage sei nicht ihre Sache. Es fiel ihr jedoch auch als Erzählerin schwer, die zeitgenössische deutsche Wirklichkeit zu gestalten, obgleich sie sich, wie sie selbst sagte24 und wie verschiedene Versuche und Fragmente zeigen, von Anfang an darum bemühte. Schon aus diesem Grund und weil sie es für sehr wichtig hielt, konzentrierte sie sich in den ersten Jahren auf Themen, durch die die Deutschen von fremden Kulturen erfahren sollten, um so die »Brücken zu anderen Völkern« zu schlagen, wie sie es sich zu Ende des Exils vorgenommen hatte. Außerdem suchte sie sehr gezielt, ihre während des Exils entstandenen Werke und neu Geschriebenes möglichst weit zu verbreiten – in den nord-, mittel- und südamerikanischen Ländern, in Europa, in ganz Deutschland.25 Dazu hatten sich Seghers und ihr Mann ursprünglich ein »bikontinentales« Leben vorgestellt und gehofft, sie würden zwischen Mexiko und Europa hin- und herpendeln können. Was heute möglich wäre, erwies sich jedoch damals im Zusammenhang mit dem besetzten und in vier Zonen geteilten Deutschland, in dem Berlin eine schwierige Sonderstellung einnahm, als unmöglich, zumal der Kalte Krieg schnell frostiger wurde und das Mißtrauen Reisen zwischen den Fronten erschwerte, besonders für Kommunisten. Durch ihre früheren Visa- und Fluchterfahrungen schon einmal traumatisiert, entwickelte Seghers obendrein eine »Nervenangst vor Ämtern«,26 so daß sie den Papier- und Behördenkrieg der Nachkriegszeit noch schwerer nahm, als er war. Sie sah sich wieder in die Welt ihres Romans Transit versetzt und erinnert in den Briefen der Zeit an Kafkas Schloß.

Diese Probleme, die im Laufe der Jahre 1948/49 mit der Verschärfung der internationalen Spannungen nur anwuchsen, vergrößerten Seghers’ Ungewißheit über die Zukunft der für sie so wichtigen Beziehung zu ihrem Mann, den sein Beruf und eine andere Frau an Mexiko banden.27 1947 begann er dort neben seiner Lehrtätigkeit zwei englischsprachige Zeitschriften herauszugeben, The Social Sciences in Mexiko und International Journal of Opinion and Attitude Research, Unternehmen, die nicht auf Pläne zu einer schnellen Rückkehr deuten, und in denen, zunächst in der einen, dann in beiden, der Name der Freundin, Lena Jaeck, im Impressum als Assistant Editor genannt wird. In seinen von Seghers unruhig erwarteten Briefen ist allerdings nur von Sehnsucht nach seiner Frau die Rede und schon 1948 davon, daß er beschlossen habe, »ganz« zu ihr zu kommen. Er erklärt, daß durch diese Entscheidung »der Zeitpunkt unseres Wiedersehens nähergerückt ist. (Denn für ganz hinzukommen, ist es leichter als auf Besuch zu fahren.)«28 Trotzdem ließ er bis Juli 1952 auf sich warten. Immer wieder spricht er von »Problemen und Schwierigkeiten«, die es in der McCarthy-Ära für den Kommunisten sicher gab, die ihn aber zunächst nicht hinderten, zu Konferenzen in die USA zu fahren29 und auch andere nicht von Europa fernhielten. Sogar Seghers, der seine Wünsche und Bedürfnisse sehr wichtig waren, meinte schließlich, daß er selbst nicht wisse, was er wolle. Daraufhin fühlte sich Rodi, wie sie ihn nach wie vor liebevoll nannte, Ende 1950 verpflichtet – mit Unterstreichung – zu versichern, »dass es jetzt wirklich nicht an mir liegt, dass ich noch nicht bei Dir bin«,30 letztlich ein Eingeständnis, daß es nicht immer so gewesen war. Von einer anderen Beziehung ist in seinen zärtlichen Briefen nicht die Rede, und auch aus Seghers’ zugänglicher Korrespondenz läßt sich nicht ersehen, ob sie damals etwas davon wußte oder ahnte.31 Nur ihr Verlangen nach ihm, ihre immer wiederkehrende Hoffnung, daß er endlich »eintrudeln« möge, gehen deutlich daraus hervor, wie auch ihre ängstlichen – und rührenden – Anstrengungen, den Kontakt noch über Freundinnen und Freunde, die sie als postillon d’amour gebrauchte, weil sie dem Briefverkehr aus Berlin nicht traute, aufrechtzuerhalten und ihn nicht zu verlieren. Gleichzeitig respektierte sie seine Arbeit und ließ ihm die Entscheidungsfreiheit, ob und wann er reisen wollte, ohne zu Klagen oder Vorwürfen zu greifen. Im Jahr 1947 hoffte sie noch ständig, daß er bald, zumindest auf Besuch, kommen würde und hatte, wie sie in einem Brief bekennt, »grässliche Angst, mich bei diesem Durcheinander auch nur über Nacht zu entfernen, wenn Du, Rodi in Sicht bist, denn das wäre ja ganz entsetzlich, wenn Du da wärest und ich plötzlich weggefahren.«32 Solche persönlichen Nöte machten die Rückkehr und Eingewöhnung nicht leichter.

Zum ersten Mal in ihrem Leben war Seghers ohne Familie im traditionellen Sinn, die Eltern waren tot, gestorben unter Umständen, die sich ihr nach der Rückkehr in vielfältiger Weise schmerzlich aufdrängten. Und nicht nur ihr Mann, auch die Kinder, die ihr früher gerade in schweren Zeiten einen enormen Rückhalt gegeben hatten, waren fern und gingen ihre eigenen Wege. Die Sorgen um sie aber blieben. Seghers bangte um regelmäßige Besuche bei ihnen und um die finanzielle Unterstützung, die sie als Studierende brauchten und die sie ihnen unter allen Umständen gewährleisten wollte. Und auch die weitere »Familie«, die der Partei, ließ keine Wärme aufkommen. Sie suchte zwar Anschluß an alte Freunde und Bekannte, die aus Mexiko zurückgekehrt waren, so an Magda Stern, mit der sie weiterhin zusammenarbeitete und mit der sie ein bißchen lachen konnte, etwas, was die Deutschen ihrer Meinung nach verständlicher- und doch bedauerlicherweise ganz verlernt hatten. »Wir dürfen nämlich noch so viel Kummer und Ärger haben«, schreibt sie einer anderen Freundin, »sobald sie ins Zimmer hereinkommt, schütteln wir uns beide vor Lachen, so dass sicher alles rechts und links denkt, wunder wie teuflisch gut es uns geht. Wir sind aber nur daran gewöhnt unter allen Umständen lustig zu sein und uns Zigaretten und einen anständigen Kaffee zu verschaffen.«33 Auch Jeanne und Kurt Stern, die es aber selbst schwer hatten, da er ernsthaft erkrankte, waren – und blieben – gute Freunde. Seghers half ihnen finanziell, indem sie Jeanne Übersetzungsaufträge zukommen ließ34 und für einen Sanatoriumsaufenthalt, den er dringend brauchte, zuerst Hilfe zu organisieren suchte und dann selbst Westgeld zuschoß.35

Besonders wichtig für Seghers wurde in diesen ersten Jahren ein anderer Westemigrant, Jürgen Kuczynski, der »linientreue Dissident«, wie sich der Wirtschaftswissenschaftler und Vielschreiber später selbst nannte. Sie wohnte in seiner Nähe im amerikanischen Sektor der Stadt und wandte sich oft um Rat und Hilfe an ihn. 1949 verbrachte sie zusammen mit ihm und seiner französischen Frau Marguerite einen Erholungsaufenthalt in der Sowjetunion, und im Jahre 1950 notierte sie in einem kleinen Taschenkalender, wie sie ihn in diesem Jahr regelmäßig zu führen begann: »Liebe J.«36 Die Zuneigung war gegenseitig; der um wenige Jahre Jüngere verehrte sie als Schriftstellerin und als Frau. In seinen Erinnerungen berichtet er über einen Bekannten, der viel später zu ihm gesagt habe: »›Entweder hattest Du ein Verhältnis mit ihr oder wolltest eines haben.‹« Sein Kommentar: »Natürlich primitiver Unsinn, aber es freut mich, daß er spürte, wie bewundernd ich ihr zugetan bin.«37 Auch an Alfred und Friedel Kantorowicz, die damals ebenfalls nicht weit von ihr wohnten, versuchte Seghers sich anzuschließen. Sie hatten gemeinsam die schlimme Überfahrt nach Amerika gemacht, Kantorowicz war dann in den USA geblieben und im Januar 1947 zurückgekehrt. Er allerdings mochte sie seinen eigenen Erinnerungen nach nicht und ließ es sie wohl spüren. Helene Weigel und Bertolt Brecht waren kongenialere Freunde. Seghers hatte sie herbeigewünscht, u. a. weil sie sich nach Leuten sehnte, mit denen man »über die Arbeit normal sprechen kann«. Als die beiden 1948 endlich nach Berlin kamen, knüpfte sie die nie abgebrochenen Beziehungen enger. »Ich bin oefters einige Tage bei der Familie Brecht, die hier [d. h. in Weißensee im sowjetischen Sektor] Haus und Garten hat«,38 schreibt sie im Sommer 1949 und meldete sich am 22. Mai 1950 offiziell von Zehlendorf dahin um.39 Die Brechts repräsentierten für sie in diesen Jahren, in denen es, wie sie mit Recht meinte, in den Debatten »um erstaunlich schwache, geringfügige Leistungen« ging,40 künstlerischen Anspruch. Außerdem boten sie praktischen, undogmatischen Rat. »Ich orientiere mich immer gern bei Brecht«,41 erklärt Seghers ihrem literarischen Agenten in Paris, denn der sei »recht schlau«42. Bei Helene Weigel wiederum, die sie menschlich und als Schauspielerin gern hatte, holte sie sich praktische Ratschläge, u. a. zu Kleiderfragen.

Wie immer, wenn sie sich allein fühlte, schrieb sie in dieser frühen Zeit in Deutschland sehr viele Briefe und bekam noch mehr. Die Korrespondenz galt Mann und Kindern, alten Freunden und Freundinnen und früheren Bekannten. Auch ganz Fremde – sie spricht einmal von ihren »seltsamen Besucher[n]« – wandten sich persönlich und vor allem brieflich an sie mit Bitten und Geschichten. Von der angesehenen Autorin, über deren Rückkehr Zeitungen und Rundfunk berichteten, wollten viele etwas, vor allem Unterstützung und ein Ohr für eigene Schicksale. Bei all dem fühlte sie sich aber sehr einsam in der Stadt und unter den Menschen, die ihr außer ganz wenigen Remigranten und Remigrantinnen aus den westlichen Ländern erschreckend fremd und vertraut zugleich vorkamen. In dieser Situation traf sie die Nachricht vom Tod ihres Jugendfreundes Philipp Schaeffer schwer. Er war von den Nazis hingerichtet worden. Diesem in Deutschland Gebliebenen hätte sie voll vertrauen können, er hätte ihr wie schon in der Studienzeit Führer und Stütze sein können. Seghers brauchte neben den Freundinnen, mit denen sie »tratschito«, wie sie es gern nannte, austauschen konnte, solche Menschen, gewöhnlich Männer, um sich. In ihren Briefen aus der Zeit kommt sie immer wieder auf Schaeffers Tod zurück,43 der für sie an sich sehr schmerzhaft war und stellvertretend für viele andere Verluste der Nazizeit stand.

Öffentlich sprach Seghers jedoch nicht von ihrem Unbehagen und ihrer Ambivalenz bei der Rückkehr nach Deutschland und schon gar nicht von ihren privaten Nöten und Sorgen. Auch die Mitteilungen über ihre Eindrücke an Freunde und Freundinnen enthalten Sätze wie: »Das ist ein Brief an Dich, verstehst Du?«44 Hatte sie Angst? Als Brecht sie im November 1947 in Paris traf – er war extra länger geblieben, um sie zu sehen und von ihr etwas über die Situation in Berlin zu hören –, erschien sie ihm tatsächlich »verängstigt durch die intrigen, verdächte, bespitzelungen«, wie er in seinem Arbeitsjournal notierte.45 Berlin charakterisierte er nach ihren Erzählungen als einen »hexensabbat, wo es auch noch an besenstielen fehlt«, was ihn aber nicht davon abhielt, ebenfalls dahin zu gehen. Seghers fand sich jedenfalls in einer schwer überschaubaren Situation, deren Weiterentwicklung sie keineswegs vorhersehen konnte, und war allein. Immer mußte sie fürchten, entweder von Mann und Kindern oder von der Arbeit, die sie machen wollte, abgeschnitten zu werden. Sie war stark verunsichert und verhielt sich vorsichtig und abwartend, mag aber auch wirklich Angst gehabt haben – zumindest unterschwellig –, daß noch nicht alles vorbei sein könnte. Sie wäre keineswegs die einzige gewesen.

Seghers’ Zurückhaltung, was öffentliche Äußerungen betraf, hatte jedoch noch andere, für die Schriftstellerin wichtigere Gründe als Ungewißheit über die internationale Situation und Beklemmung gegenüber den meisten Deutschen, die ihr durch das Geschehene auf unterschiedliche Weise unheimlich geworden waren, ob es sich um die Daheimgebliebenen oder die aus Moskau Zurückgekehrten handelte. Gleich nach der Ankunft erklärte sie einer Journalistin gegenüber: »Ich bin zurückgekommen, weil ich für die Menschen, die ich sowohl im Guten als auch im Schlechten am besten kenne, das meiste tun kann. Ich will durch die Bücher, die hier entstehen werden, verhindern helfen, daß die Fehler der Vergangenheit jemals wiederholt werden«46. Diese klaren, entschiedenen Worte entsprachen ebenfalls der Wahrheit, an der die privaten Vorbehalte und Sorgen nichts änderten, im Gegenteil. Letztlich bestimmten Auftragsdenken und pädagogische Impulse Seghers’ Entscheidungen. Briefpartnerinnen gegenüber erklärt sie, sie habe »irgendwie kapiert, dass man durch all den Dreck durchmuss und dass es nicht so wichtig ist, ob die Menschen widerlich und gemein sind«.47 Man könne »diese Sache nicht sich selbst überlassen«, man müsse »etwas tun«.48 Auf das, was sie persönlich empfand, kam es dabei nicht an, nicht einmal auf das, was sie als Künstlerin alles konnte oder wollte. Das Gefühl der Verpflichtung, am Aufbau eines anderen Deutschland mitarbeiten zu müssen, das Seghers schon in Mexiko in Essay und Erzählung ausgesprochen hatte, prägte ihr Verhalten nach der Begegnung mit den konkreten Verhältnissen, die sich in vielem doch ganz anders entwickelten als erwartet, nur noch nachdrücklicher. Sie war jetzt eine Frau in mittleren Jahren, die mehr noch als in ihrer Jugend eine Aufgabe brauchte, für die sie sich ganz einsetzen und die ihrem Leben weiterhin Sinn und Ziel geben konnte. Die vielen Jahre des Wartens, die eigenen Leiden und die vielen Tode durften nicht umsonst gewesen sein. Im sowjetisch besetzten Osten fand Seghers, daß erste Schritte zu Veränderungen in ihrem Sinn gemacht wurden: »von allem Schweren abgesehen, gibt es doch viel, woran man spürt, dass eine neue Welt aufgebaut wird«.49 Dabei blieb sie allerdings nüchtern genug, zuzugeben: »Ich glaube nicht, daß es bei uns rasend rasch vorwärtsgeht«,50 eine Meinung, die sie – viel später – höchstens insofern revidierte, als sie dann auch kein langsames Vorwärtsgehen mehr bemerken konnte. Zunächst aber sah sie wie andere, die sich der sozialistischen Utopie als einziger zukunftsweisender Alternative zur Wiederkehr des Alten – Kapitalismus, Faschismus, Krieg – verschrieben hatten, oder es in der Nachkriegszeit taten, Ansätze, in denen diese Ideen und die Erfahrungen der Exilzeit zum Einsatz kamen und kommen konnten. Denn hier wurden im Geiste eines noch nicht zum Schlagwort verkommenen Antifaschismus soziale und politische Maßnahmen ergriffen, die grundsätzliche Veränderungen in entsprechender Richtung begannen: Bodenreform, Einheit der linken Parteien, Schul- und Industriereform. Und Seghers brachte durch Hintanstellen ihrer privaten Nöte und Wünsche – und bis zu einem gewissen Grad auch ihrer künstlerischen Interessen – jene Opfer- und Verzichtsbereitschaft für einen schweren, aber, wie sie hoffte, echten Neuanfang ein, die sie als positiven und Zukunft versprechenden Wert dem Streben nach Konsum und individueller Befriedigung gegenüberstellte. Letzteres bezog sie, als sie sich schließlich deutschen Stoffen zuwandte, vor allem auf den Westen Deutschlands, den sie nie mehr genauer kennenlernte, in dem sich aber aus ihrer Sicht die gefürchtete Wiederkehr des Alten abzeichnete.51

So verständlich, ja selbstverständlich dieses Gefühl der Verpflichtung für eine Autorin mit Seghers’ menschlicher, politischer und künstlerischer Biographie war, so problematisch sollte es sich in den kommenden Jahren erweisen. Es ließ sie einen sehr hohen, aber in erster Linie pädagogischen Anspruch an ihre eigene Kunst stellen und über vieles, was diesem Anspruch nicht genügte, schweigen oder es nur sehr leise und verschlüsselt einbringen. Dadurch wuchs die ohnehin schon beträchtliche Distanz der Remigrantin zu den meisten Menschen in Deutschland. Seghers war in ihrem Heimatland nach der Rückkehr Außenseiterin und blieb es, denke ich, in mancher Hinsicht bis ans Ende ihres Lebens, nicht nur im Westen, sondern auch im Osten. Das mag zunächst paradox klingen, wenn man das hohe Ansehen bedenkt, das sie in der DDR genoß, sowohl offiziell als auch unter treuen Lesern, und die Mühe, die sie sich schon bald gab, und die Kompromisse, die sie einging, um trotz allem dazuzugehören. Die Spuren ihrer Fremdheit finden sich jedoch im Werk nach 1947. Auch sie selbst thematisierte ihre Erfahrungen von Fremde daheim – allerdings selten und verdeckt –, so nach der Rückkehr in »Das Argonautenschiff« (1949) an einem mythischen Stoff und im Alter, in Überfahrt (1971), an einem deutsch-lateinamerikanischen. Während ihres langen Fernseins hatte Seghers andere Völker und Verhaltensweisen kennen- und schätzengelernt: die Franzosen, denen ihr Herz gehörte – »dem lieben Gott ist entschieden dieses Volk besser geglückt«,52 heißt es nach dem Krieg an ihre Freunde, Gisl und Egon Erwin Kisch –, und die Lateinamerikaner, »so heftig, so leidenschaftlich«,53 die ihr die Deutschen nur noch kälter erscheinen ließen. Sie hatte weder das Mitläufertum noch die Schuld ihrer Landsleute geteilt, aber auch die Leiden der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit waren ihr erspart geblieben. Nach der Rückkehr gehörte sie zu den materiell wie moralisch Privilegierten, eine Situation, die sie isolierte – durch Ablehnung, Bewunderung oder eine Mischung aus beidem. Sie war sich dieser Distanz durchaus bewußt, auch der materiellen Vorteile, die sie genoß: schöne Zimmer im weniger zerstörten Teil der Stadt am Wannsee und in Zehlendorf, Essenspakete und Rauchwaren aus dem Ausland, einen Ofen und jemanden, der ihr Holz auf den Balkon räumte, zusätzliche Stromrationen, kostbares Papier und die Möglichkeit, doch zu reisen. Während sie diese Privilegien – abgesehen von den Reisen – nur relativ bescheiden in Anspruch nahm und nehmen konnte,54 mußte sie auch mit der moralischen Überlegenheit, die sie als Antifaschistin hatte, vorsichtig umgehen, wenn sie eine breite Leserschaft ansprechen wollte.55 Seghers dachte didaktisch und strategisch und verschwieg aus diesen Gründen von Anfang an so manches, was sie berührte und bewegte.

Andererseits sparte sie auch vieles aus, was die Bevölkerung erregte, vor allem die Übergriffe und Vergewaltigungen durch sowjetische Truppen, von denen sie sehr wohl, wenn auch nicht aus eigener Erfahrung, wußte – man schrieb56 und erzählte ihr viel. Für sie war die Sowjetarmee der Befreier, der große Opfer gebracht und im eigenen Land ungeheuer gelitten hatte. Mit den beiden höchsten in der Nachkriegszeit bei der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) für die politische Entwicklung und die Kultur zuständigen Sowjetoffizieren, Sergej I. Tulpanow (Abteilung Information) und Alexander L. Dymschitz (Kulturabteilung), die allerdings bald abberufen wurden,57 freundete sie sich schnell an und blieb bis ins hohe Alter mit ihnen in Verbindung, vor allem mit Tulpanow, den sie besonders gern hatte. Und Ilja Ehrenburg, der wohl erfolgreichste Propagandist gegen die Deutschen während des Krieges, der den Haß seiner Landsleute gegen die Aggressoren aufgeheizt und ständig geschürt hatte, war ein alter und blieb ein lieber Freund. Er hatte ihr in ihrer schlimmsten Zeit in Paris geholfen.58 Nie ließ sie etwas auf ihn kommen, auch wenn man ihn im Auf und Ab sowjetischer Kulturpolitik zuzeiten angriff. In ihren Erzählungen tritt die Besatzungsmacht aber weder negativ in Erscheinung, was allerdings nicht oder nur sehr verschlüsselt möglich gewesen wäre, noch positiv. Nur ein kleiner Text über einen russischen Offizier, von dem ein Deutscher seine Uhr zurückverlangt und der daraufhin seine im Krieg getötete Familie als Gegenrechnung präsentiert, zeigt sehr klar, wo sie stand, und blieb – vielleicht deshalb – Fragment.59 Die Reparationen und Demontagen, die die Gemüter in Deutschland ebenfalls erregten, verteidigte Seghers aber offen.

Sie bemühte sich außerdem – wie schon in der Weimarer Republik, nur unter ganz anderen Bedingungen – um eine Verbesserung des Sowjetunion-Bildes der Deutschen und wurde Vizepräsidentin der am 30. Juni 1947 gegründeten Gesellschaft zum Studium der Sowjetkultur. Präsident war ihr Freund Jürgen Kuczynski, den man allerdings 1950 seines Amtes enthob. Der Grund war seiner eigenen Meinung nach, daß er Jude war und die Sowjets ihn deshalb nicht mehr in dieser Funktion wünschten.60 Schon im April 1948 reiste Seghers mit einer Delegation dieser Gesellschaft in die SU. Als Folge schrieb sie eine Serie von Porträts, Sowjetmenschen. Lebensbeschreibungen nach ihren Berichten, die noch im selben Jahr erschien und den Deutschen die Sieger im Kontext ihres eigenen Landes, ihrer Probleme und Erwartungen, näherbringen sollten. Die Serie sollte aber auch ihr damals wichtige Themen und Erinnerungen darstellen und ihr lebendiges, in kleinen Punkten nicht unkritisches Verhältnis zu dem Land, das sie zum ersten Mal nach vielen Jahren wiedersah, ausdrücken. Ihrerseits war das kein Opportunismus, den es in der Ostzone neben dem weitverbreiteten Haß auf die Besatzer durchaus auch gab, sondern die Fortsetzung eines lebenslangen Interesses an dem Land Dostojewskis, Tolstois und der bolschewistischen Revolution und einer Bewunderung, die der Krieg nur bestätigt und verstärkt hatte. Gegen die Leiden und Opfer des Landes im Kampf und für den Sieg gegen Hitler wogen die Exzesse sowjetischer Soldaten und die zeitgenössischen Härten in der Sowjetunion für sie noch weniger, als es die Prozesse der dreißiger Jahre getan hatten, von denen sie immerhin erschüttert und verunsichert worden war. Auch nach zahlreichen folgenden Besuchen, die natürlich von den Gastgebern sorgfältig orchestriert wurden, blieb ihr Blick ein grundsätzlich freundlicher – und natürlich beschränkter. Von den Erfahrungen ihrer Genossen, die das Exil in der Sowjetunion mehr schlecht als recht, wenn überhaupt, überlebt hatten, wußte sie damals noch kaum Konkretes. Wie sie dann in ihrem Roman Das Vertrauen zeigte, sprachen diese selbst nicht viel davon.61 Noch die wenigen späten Heimkehrer aus dem Gulag, unter ihnen Trude Richter,62 hielten sich zurück. Dazu kam, daß es Seghers, wie wir aus Zeugnissen wissen,63 eher vermied, den Gefängnis- und Gulagerlebnissen ihrer Bekannten nachzuspüren. Mit den Jahren erfuhr sie aber trotzdem genug, denn sie kannte viele, die diese Erfahrungen gemacht hatten. Auch dann änderte sich ihr Bild nicht grundsätzlich.

Was Stalin betraf, dessen siebzigster Geburtstag 1949 den Personenkult um ihn gewaltig anschwellen ließ, so gehörte sie ebenfalls zu denjenigen, die ihn damals ehrten. Sie widmete ihm ihren kleinen, 1950 erschienenen Erzählband Die Linie und schrieb in den frühen fünfziger Jahren kleine Aufsätze wie »Stalin gibt uns Kraft«64 und »Zum Tode J. W. Stalins« (1953)65. Interessanterweise war es Erich Wendt, zu der Zeit Leiter des Aufbau-Verlages und Seghers’ Ratgeber, der auf ihren Wunsch die für die Zeit diskreten Worte »J. S. gewidmet« als Zueignung für Die Linie vorschlug und erklärte: »Vielleicht wünschst Du einige Attribute zu dem Namen, aber das muss ich Dir schon überlassen.«66 Von ihm, der während seines sowjetischen Exils verhaftet und eingesperrt worden war, würden sie nicht kommen, obwohl er trotz seiner Erfahrungen treuer Parteimann blieb. Seghers übernahm seine kargen Worte und war auch in ihren Äußerungen zum Tod Stalins vergleichsweise dezent, aber nicht, weil sie Vorbehalte hatte, sondern weil sie Pathos und »Sonntagsdeutsch«, wie sie es nannte, ablehnte. Stalin war für sie damals der Mann, der Hitler besiegt hatte und den Frieden der Nachkriegszeit garantieren konnte. In der kurzen Geschichte »Die Kastanien« in dem Bändchen verteidigte sie jetzt sogar den Hitler-Stalin-Pakt, der sie einst sehr verstört hatte. Sie vertrat die »Linie«, die zu dieser Zeit von Moskau ausging: Stalin und die Sowjetunion wollten den Frieden der Welt.

Im Hinblick auf Deutschland sah sie, wie zu dieser Zeit auch viele andere, vor allem Intellektuelle, im Osten die Ansätze einer Veränderung, die sie öffentlich und privat die »Richtung auf etwas« nannte, »etwas Dynamisches«. Dementsprechend suchte sie ihre Aufgabe als Schriftstellerin 1947 neu zu artikulieren. In ihrer Rede auf dem I. Deutschen Schriftstellerkongreß im Oktober dieses Jahres67 erklärt sie, daß es darum gehe, »trotz allem, trotz Hunger und trotz Mißtrauen und trotz Korruption und trotz der Fehler, die gemacht worden sind, diese Punkte herauszufinden, so herauszufinden, daß sie bleiben, diese Punkte, die auf die Zukunft gehen, auf die Einheit und auf die Zukunft, die anders gestaltet sein soll und anders werden soll, als das, was war und ist«. Die Rede, deren Wortlaut sich etwas von dem in den Werken gedruckten Text unterscheidet, trägt den Titel »Der Schriftsteller und die geistige Freiheit«68 und scheint auf die zeitgenössischen Kontroversen einzugehen, die auf dieser Tagung vor allem von dem amerikanischen Journalisten Melvin J. Lasky zur Sprache gebracht wurden: die Freiheit der Schriftsteller auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges. Seghers, der es noch um die Einheit Deutschlands geht, bezieht sich jedoch nicht auf Lasky – er sprach erst nach ihr69 –, sondern sie entpolitisiert das Thema und behandelt es von einem persönlichen, künstlerischen Standpunkt. Es war ein Verfahren, das sie in der Vergangenheit erfolgreich angewendet hatte und auf das sie auch in Zukunft – oft weniger erfolgreich – zurückkommen sollte. Nach wie vor sieht sie ihre Aufgabe als Schriftstellerin in der »Bewußtmachung der Wirklichkeit« und lehnt wie schon in ihrer Jugend Beschreibung als Selbstzweck ab. Doch, so fragt sie, was ist die Wirklichkeit oder Wahrheit – die Wörter sind für sie in diesem Zusammenhang synonym – für einen Schriftsteller? Ihre Antwort: Sie ist das »Notwendige«, »das Wichtige«, das nur durch »Geduld« und »Beschränkung« zu erreichen ist. Es ist bezeichnend für ihre Haltung bei der Rückkehr, daß sie – zumindest in der geschriebenen Vorlage – van Gogh, den Vater des Expressionismus, als Beispiel für eine solche Beschränkung auf das Wesentliche gibt. Sie schließt hier an ihre Überlegungen in den Lukács-Briefen aus den dreißiger Jahren an, befindet sich aber damit schon bald wieder auf der falschen Seite, d. h. auf jener, die der im Osten Deutschlands 1948 erneut und diesmal offiziell angesagte und mit Staatsmacht geführte Kampf gegen den sogenannten Formalismus als falsch anprangern würde. Und wieder spricht sie von den Schwierigkeiten, dem Neuen in ihrer Zeit als Künstlerin gerecht zu werden, stellt aber nun neben den ästhetischen inhaltliche und ideologische Kriterien noch mehr in den Vordergrund als bisher: »Wie ich hierherkam, da hätte ich – oder kann ich noch – für verschiedene ausländische Zeitungen Berichte aus Deutschland schreiben können. Ich dachte mir zuerst diese Aufgabe sehr einfach. […] Dann aber, bei jedem Artikel, kaum war er fertig, war er schon wieder durchgerissen.«70

Siebten Kreuzes717273