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Mark Twain, Tuxedo Park, New York, 1907

MARK TWAIN

ICH BIN DER
ESELHAFTESTE MENSCH,
DEN ICH JE GEKANNT HABE

NEUE GEHEIMNISSE MEINER
AUTOBIOGRAPHIE

Textedition

Herausgegeben von
Benjamin Griffin und Harriet Elinor Smith

unter Mitarbeit von
Victor Fischer, Michael B. Frank, Sharon K. Goetz und Leslie Diane Myrick

Aus dem amerikanischen Englisch
von Hans-Christian Oeser

Impressum

Mark Twain, Ich bin der eselhafteste Mensch – Textedition

Die Originalausgabe unter dem Titel

Autobiography of Mark Twain. The Complete and Authoritative Edition, Volume 2

erschien 2013 bei University of California Press, USA.

Die amerikanische Ausgabe entstand als Veröffentlichung des Mark Twain Project der Bancroft Library.

Mark Twain Project® ist eine eingetragene Marke.

Mit 46 Abbildungen und einem Frontispiz

Die Arbeit des Übersetzers am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

ISBN 978-3-8412-0847-7

Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2014 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2013 The Regents of the University of California

Published by arrangement with University of California Press

Lektorat Nele Holdack

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung hißmann, heilmann, Hamburg unter Verwendung eines Motivs von unbekannt
der Abdruck erfolgt freundlicher Genehmigung von Mark Twain Project, The Bancroft Library

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Vorbemerkung

Zu Mark Twains Bewunderern gehören so unterschiedliche Literaten wie Ernest Hemingway und Stephen King, Jonathan Franzen und J. K. Rowling – durchaus bemerkenswert für einen Autor, dessen erste Erfolge bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Twain ist nicht »nur« ein Schriftsteller für bürgerlich-bildungsbeflissene Klassikfreunde, sondern der bis heute populäre Urheber oft leicht daherkommender, immer gewichtig nachwirkender Texte, der scheinbar mühe- wie endlos neue Leser aller Altersgruppen für sich einnehmen kann.

Dank Tom Sawyer und vor allem Huckleberry Finn gilt Mark Twain schlicht als Begründer der amerikanischen Literatur. Er war der Erste, der über die einfachen Leute schrieb und den Südstaatensound in der (Hoch-)Literatur erklingen ließ. Seine Figuren sprachen auf einmal wie die buntgemischten echten Menschen Amerikas. Und heute, fast ebenso erstaunlich, unerhört und ungekannt, spricht dieser Mark Twain plötzlich direkt zu uns: modern, persönlich und ganz so, wie man sich sonst nur im engsten Kreis seiner Freunde äußern mag. Der Leser, der sich nach der Lektüre des vorliegenden Bandes nicht zu diesen engen Freunden zählt, muss erst noch gefunden werden.

Denn pünktlich zu seinem hundertsten Todestag liefert uns Mark Twain auch im 21. Jahrhundert, dem 3. Jahrhundert in Folge, ein in die Zeit passendes neues Hauptwerk, einen neuen Bestseller. Wie das? Er hatte verfügt, dass seine Autobiographie hundert Jahre unter Verschluss gehalten werde (nur für wenige, von ihm eigens dafür zensierte Textpassagen ließ er eine Ausnahme gelten), damit er sich »so frank und frei und schamlos wie ein Liebesbrief« äußern könne. Der Plan, auf den er damals verfiel, diese geheime Autobiographie nämlich zu diktieren, statt sie mit der Feder zu schreiben, und sie nicht chronologisch zu erzählen, sondern einzig dem aktuellen Erzählinteresse folgend, geht in grandioser Weise auf. Ganz nebenbei nimmt Twain damit auch noch Textformen vorweg, die erst im Internet allgemein üblich werden sollten und die moderne Kommunikation revolutionierten.

Beeindruckend modern also spricht er zu uns, dieser Mark Twain, äußert Gedanken, über die wir mit ihm in einen aktiven Dialog treten, ja, über die er uns zum Freund wird. Diese unglaubliche Erfahrung durften wir erstmals machen, als wir vor zwei Jahren den ersten Teil dieses Mammutwerks lasen, Meine geheime Autobiographie. Damals öffnete Mark Twain dem erstaunten Leser seine Haustür und gewährte ihm Einlass in seine privatesten (Gedanken-)Räume.

Jetzt, mit dem vorliegenden neuen Band, zeigt sich dieser uns liebgewordene Freund noch empfindsamer und unverstellter. Längst sitzen wir in trauter Einigkeit bei ihm auf der herrlichen Terrasse von Upton House in New Hampshire (vgl. Abb. S. 329–335), und noch immer hat er uns Neues und Gewichtiges zu erzählen, überrascht uns, erstaunt uns, bringt uns zum Lachen und zum Nachdenken mit Texten, die hier zu mehr als zwei Dritteln erstmals zugänglich gemacht werden können (in der von ihm für seine Autobiographie intendierten, genau festgelegten Weise gilt das sogar für das gesamte Konvolut). Inzwischen hat der autobiographisch anfangs noch tastende Autor die letzten Unsicherheiten bezüglich seines Diktier- und Erzählprinzips abgelegt, denn davon, dass seine Methode funktioniert, nach der er über 30 Jahre suchen musste, hatte er sich längst überzeugt.

Als engagierter Zeitgenosse spricht er auf seine unvergleichliche Art schonungslos wie weitgefächert über gesellschaftliche Themen, die uns heute noch genauso bewegen wie ihn damals: über Steuerhinterzieher und korrupte Politiker; über die Frage nach dem Wert geistigen Eigentums im Zeitalter neuer Technologien; über die Einsamkeit, das Erinnern, das Altern. Aber er zeigt sich auch verspielt, privat und gefühlvoll wie nie zuvor – etwa wenn er hinreißend vom Leben mit seinen Kindern erzählt (was war er nur für ein fortschrittlicher Vater), berührend vom Tod seiner Frau (eine große, lebenslange Liebe), selbstkritisch und erheiternd von seinem unfehlbaren Talent, die falschen Investitionen zu tätigen und die wirklich guten Chancen ungenutzt zu lassen (nicht ohne Grund sagt er von sich, er sei der eselhafteste Mensch, den er je gekannt habe, und er weiß, »immer wenn ein Esel Gelegenheit hat, sein Talent zu erproben, ist er zur Stelle«). Er verrät uns, was er von Mesmerismus und Hypnose, von Phrenologen, Handlesern oder Selbstmördern hält, und vergleicht die Wirkung von Literatur, Wagner-Opern und »Nigger-Shows« – und zeichnet damit ganz nebenbei eine Kulturgeschichte, ein Psychogramm seines Amerikas. Zunehmend nimmt er Alltägliches wie seine drei Babykatzen, seine Meinung über Männermode und das Billardspiel in den Erzählstrom auf: Sujets, die eine Lebensgeschichte bunt und vergnüglich machen und uns diesen Ausnahmemenschen besonders nahebringen – und die ihm stets Anlass bieten für weitere kleine oder auch größere Wahrheiten und Lebensgeständnisse.

Nicht nur können wir hier einem bezaubernd eselhaften Menschen zuhören, beipflichten und widersprechen, mit ihm lachen, unserem eigenen Ärger über die Ungerechtigkeiten des Lebens und unserer Mitmenschen Luft machen, sondern vor allem mit einem der klügsten, hellsichtigsten, warmherzigsten Zeitgenossen (ja, zum Zeitgenossen wird er durch seine Art des Dialogs mit uns) echte, tiefe Gedanken austauschen, unsere eigenen Überlegungen in den seinen spiegeln oder sie, von ihm angeregt, weiterspinnen. Kaum einer hat das Herz so deutlich am rechten Fleck wie dieser große Freund und Kenner der Menschen. Dank dieses späten Hauptwerks trifft hier und jetzt immer noch zu, was der damals 61-jährige Twain bereits 1896 hinsichtlich einer Falschmeldung in der Presse über seinen angeblich kritischen Gesundheitszustand verlauten ließ: »Die Nachricht von meinem Tod ist stark übertrieben.« Wie recht er bis heute damit hat.

Nele Holdack

Inhaltsübersicht

Impressum

Mark Twains Autobiographie

[Autobiographische Diktate April 1906 – Februar 1907]

Bildteil

Anhang

Verzeichnis der behandelten Gegenstände

Personenregister

Register der Länder und Orte

Werkregister

Bildnachweis

Informationen zum Buch

Über Mark Twain

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Mark Twains
Autobiographie

Montag, 2. April 1906

Regierung des neuen Territoriums Nevada – Gouverneur Nye und die Witzbolde  Mr. Clemens beginnt Leben als Journalist beim Virginia City Enterprise  Berichtet über Sitzungsperiode der Legislative – Er und Orion leben im Wohlstand – Orion baut Zwölftausend-Dollar-Haus – Gouverneur Nye verwandelt das Territorium Nevada in einen Staat

BEFÖRDERUNG FÜR BARNES,
DER VON TILLMAN SCHELTE EINGESTECKT HATTE


Ließ Frau aus Weißem Haus hinauswerfen; soll Postmeister werden


MERRITT ERHÄLT NEUE POSITION


Jetziger Postmeister von Washington wird Zolleinnehmer in Niagara – Platt nicht zu Rate gezogen

Sonderbericht der NEW YORK TIMES

WASHINGTON, 31. März – Präsident Roosevelt überraschte die Hauptstadt heute Nachmittag mit der Bekanntgabe, er werde Benjamin F. Barnes zum Postmeister von Washington ernennen, in der Nachfolge des New Yorkers John A. Merritt. Mr. Merritt, der hier mehrere Jahre als Postmeister gedient hat, ist als Zolleinnehmer für den Hafen von Niagara vorgesehen, wo er dem verstorbenen Major James Low nachfolgt.

Mr. Barnes ist derzeit stellvertretender Sekretär des Präsidenten. Erst kürzlich hatten die Zeitungen ausführlich über ihn berichtet, weil er die gewaltsame Entfernung von Mrs. Minor Morris aus dem Weißen Haus angeordnet hatte, einer Frau aus Washington, die ihre Aufwartung machte, um den Präsidenten zu sprechen. Was an dem Fall für Aufmerksamkeit sorgte, war nicht so sehr der Hinauswurf an sich als vielmehr die Gewaltsamkeit, mit der er ausgeführt wurde.

Mrs. Morris, die sich, soweit Zeugen beobachten konnten, mit Barnes in gewöhnlichem Plauderton und ohne Anzeichen von Erregung unterhalten hatte, wurde von zwei Polizisten gepackt und an den Armen aus dem Gebäude und über den Asphaltweg vor dem Weißen Haus geschleift, eine Entfernung, die zwei gewöhnlichen Häuserblocks entspricht. Einen Teil der Strecke trug ein Neger sie an den Füßen. Ihr Kleid wurde zerrissen und zertrampelt.

Wegen ordnungswidrigen Verhaltens sperrte man sie ein, und als verlautbarte, dass sie bei solcherart Anschuldigung wieder auf freien Fuß gesetzt würde, wurde ein Polizeibeamter, ein Verwandter von Barnes, ins Untersuchungsgefängnis geschickt, der den Vorwurf geistiger Unzurechnungsfähigkeit gegen sie erhob, damit sie weiter festgehalten werden könne. Folglich wurde sie weiter festgehalten, bis zwei Ärzte sie untersucht und für zurechnungsfähig erklärt hatten. Barnes wurde dafür von Mrs. Morris, von verschiedenen Zeitungen und im Senat von Mr. Tillman angeprangert.

Die Ernennung von Barnes zum Postmeister so bald nach diesem Zwischenfall hat hier für endlosen Geprächsstoff gesorgt. Sie wird dem Präsidenten als Geste ausgelegt, mit der er Barnes sein Vertrauen ausspricht und ihn für die Unbill entschädigt, die er im Zuge der öffentlichen Kritik an seinem Vorgehen zu erdulden hatte.

Wieder Orion Clemens. Um fortzufahren.

Die Regierung des neuen Territoriums Nevada stellte eine interessante Menagerie dar. Gouverneur Nye war ein alter und erfahrener Politiker aus New York – ein Politiker, kein Staatsmann. Er hatte weißes Haar; er war in guter körperlicher Verfassung; er hatte ein einnehmend freundliches Gesicht und tiefglänzende braune Augen, die den Ausdruck jeder Empfindung, jeder Erregung, jeder Gefühlsbewegung wie eine Muttersprache beherrschten. Seine Augen konnten seine Zunge in Grund und Boden reden, und das will was heißen, denn er war ein äußerst bemerkenswerter Redner, sowohl im Privatleben als auch beim öffentlichen Werben um Unterstützer. Er war ein scharfsinniger Mann; für gewöhnlich schaute er hinter die Dinge und nahm wahr, was unter der Oberfläche vor sich ging, ohne sich anmerken zu lassen, dass er diese Vorgänge auch nur ins Auge gefasst hatte.

Wenn Erwachsene Schabernack treiben, sagt dieser Umstand einiges über sie aus. Sie haben ein beschränktes, unbedeutendes und ignorantes Leben geführt, und noch im besten Mannesalter halten sie an einem Restposten übriggebliebener Normen und Ideale fest, die sie, wären sie in die Welt und in ein erfüllteres Leben hinausgezogen, bereits in der Jugend aufgegeben hätten. In dem neuen Territorium gab es viele derartige Witzbolde. Ich finde kein Vergnügen daran, diesen Umstand aufzudecken, denn ich konnte diese Leute gut leiden; aber was ich sage, ist wahr. Ich wünschte, ich könnte stattdessen etwas Freundlicheres über sie sagen – dass sie Einbrecher waren oder Garderobendiebe oder etwas, was nicht völlig unschmeichelhaft wäre. Ich würde es vorziehen, kann diese Dinge aber nicht sagen, sie wären nicht wahr. Diese Leute waren Witzbolde, und ich werde nicht versuchen, das zu maskieren. In anderer Hinsicht waren sie reichlich anständige Leute; ehrliche Leute; achtbar und liebenswert. Erfolgreich spielten sie einander Streiche und zogen die Bewunderung, den Beifall und auch den Neid der übrigen Gemeinschaft auf sich. Natürlich waren sie begierig, ihre Kniffe auch an Großwild auszuprobieren, und genau das war der Gouverneur für sie. Aber sie konnten keinen Erfolg für sich verbuchen. Sie unternahmen wiederholt Anstrengungen, doch der Gouverneur machte diese mühelos zunichte und fuhr fort, sein freundliches Lächeln zu lächeln, so als wäre nichts geschehen. Schließlich taten sich die obersten Witzbolde von Carson City und Virginia City zusammen, um herauszufinden, ob sie nicht mit vereintem Talent einen Sieg erringen könnten, denn allmählich gerieten die Witzbolde in eine höchst unangenehme Lage. Statt über das vorgesehene Opfer zu lachen, lachten die Leute über sie. Zu zehnt rotteten sie sich zusammen und luden den Gouverneur zu etwas ein, was damals einer ganz besonderen Aufmerksamkeit gleichkam – zu Champagner und eingelegten Austern, Luxusartikeln, die man in dieser Gegend nur sehr selten zu Gesicht bekam und die eher als Phantasmen denn als Tatsachen existierten.

Der Gouverneur nahm mich mit. Abschätzig sagte er:

»Das ist ein armseliger Versuch. Ich lasse mich nicht täuschen. Ihre Absicht ist es, mich unter den Tisch zu trinken und dort liegen zu lassen, und von ihrem Standpunkt aus wird es sehr lustig sein. Aber sie haben die Rechnung ohne mich gemacht. Ich bin mit Champagner vertraut und hege gegen ihn keinerlei Vorurteile.«

Das Schicksal des Streichs entschied sich erst um zwei Uhr morgens. Zu dieser Stunde war der Gouverneur gelassen, freundlich, sorgenfrei, zufrieden, glücklich – und nüchtern, obwohl er so abgefüllt war, dass er nicht lachen konnte, ohne Champagnertränen zu vergießen. In ebendieser Stunde gesellte sich der letzte, in höchster Vollkommenheit berauschte Witzbold zu seinen Kameraden unter den Tisch. Der Gouverneur äußerte:

»Hier sitzen wir auf dem Trockenen, Sam, gehen wir uns was zu trinken besorgen und dann ins Bett.«

Die offizielle Menagerie des Gouverneurs hatte sich aus den niedrigsten Rängen seiner heimischen Anhängerschaft zusammengesetzt – harmlosen, guten Kerlen, die ihn bei seinen Wahlkampagnen unterstützt hatten, und nun bezogen sie ihren Lohn in Form von schmalen Gehältern, die ihnen in nahezu wertlosen Dollar-Scheinen ausgezahlt wurden. Diesen Jungs fiel es schwer, mit ihren Einkünften auszukommen. Orions Gehalt betrug achtzehnhundert Dollar im Jahr, und damit konnte er nicht einmal sein Wörterbuch unterhalten. Doch die Irin, die im Mitarbeiterstab des Gouverneurs hierhergekommen war, berechnete der Menagerie nur zehn Dollar pro Kopf und Woche für Kost und Logis. Orion und ich gehörten zu ihren Kostgängern; und zu diesen günstigen Bedingungen hielt das Silber, das ich von zu Hause mitgebracht hatte, sehr lange vor.

Zunächst streifte ich auf der Suche nach Silber durchs Land, doch Ende 62 oder Anfang 63, als ich aus Aurora heraufkam, um ein Leben als Journalist beim Virginia City Enterprise zu beginnen, wurde ich unverzüglich nach Carson City geschickt, um über die Sitzungsperiode der Legislative zu berichten. Schon bald war Orion bei den Mitgliedern der gesetzgebenden Körperschaft ausgesprochen beliebt, denn sie stellten fest, dass sie, während sie normalerweise weder einander noch sonst jemandem trauten, ihm trauen konnten. In diesem Landstrich war er unstrittiger Träger des Ehrlichkeitsgürtels, doch in pekuniärer Hinsicht nützte ihm das herzlich wenig, denn dafür, Gesetzgeber umzustimmen oder einzuschüchtern, besaß er kein Talent. Ich hingegen befand mich in einer anderen Lage. Ich saß jeden Tag in der Legislative, um mit ausgewogener Gerechtigkeit Lob und Tadel zu verteilen und selbige jeden Morgen auf einer halben Seite des Enterprise auszubreiten, folglich war ich ein Mann von Einfluss. Ich brachte die Legislative dazu, ein kluges und absolut notwendiges Gesetz zu verabschieden, dem zufolge jedes Unternehmen, das im Territorium Geschäfte machte, seine Satzung vollständig, ohne auch nur ein Wort auszulassen, in ein Register eintragen lassen musste, das der Sekretär des Territoriums verwalten sollte – mein Bruder. Alle diese Satzungen waren in exakt demselben Wortlaut abgefasst. Für diese Dienstleistung durfte er Gebühren von vierzig Cent pro Blatt à hundert Wörter erheben; außerdem fünf Dollar für die Ausstellung einer Bescheinigung über den Eintrag und so weiter. Jeder hatte eine Konzession für eine Mautstraße, aber keine Mautstraße. Doch die Konzession musste eingetragen und bezahlt werden. Jeder war eine Minengesellschaft und musste sich eintragen lassen und dafür bezahlen. Gut und schön, wir lebten im Wohlstand. Die Registerverwaltung warf durchschnittlich tausend Dollar im Monat ab, in Gold.

Gouverneur Nye hielt sich oft außerhalb des Territoriums auf. Dann und wann fuhr er nach San Francisco, um sich ein Päuschen von der territorialen Zivilisation zu gönnen. Niemand beschwerte sich darüber, denn er war ungemein beliebt. In seinen Anfängen in New York oder Neuengland war er Postkutscher gewesen und hatte die Gewohnheit angenommen, sich Namen und Gesichter einzuprägen und mit seinen Fahrgästen gut Freund zu sein. Als Politiker war ihm das nützlich gewesen, und durch Übung erhielt er seine Künste weiterhin lebendig. Nach einem Jahr als Gouverneur hatte er jedem im Territorium Nevada die Hand geschüttelt, und danach erkannte er diese Leute auf den ersten Blick wieder und konnte sie mit Namen anreden. Die gesamte Bevölkerung, alle zwanzigtausend Seelen waren seine persönlichen Freunde, und er konnte tun und lassen, was er wollte, und sicher sein, dass sie damit zufrieden waren. Wann immer er sich außerhalb des Territoriums aufhielt – was meistens der Fall war –, versah Orion das Amt an seiner statt als kommissarischer Gouverneur, ein Titel, der bald und leichthin zu »Gouverneur« verkürzt wurde. Mrs. Gouverneur Clemens genoss es, Gattin eines Gouverneurs zu sein. Noch nie hat jemand auf diesem Planeten einen hohen Rang mehr genossen als sie. Ihre Freude, an der Spitze der Gesellschaft zu stehen, war so unverhohlen, dass sie jede Kritik und sogar allen Neid verstummen ließ. Da sie des Gouverneurs Gattin war und an der Spitze der Gesellschaft stand, sah sie sich nach einem geeigneten Haus um, in dem sie nun leben könnten – einem Haus, das solchen Würden angemessen wäre –, und vermochte Orion unschwer zu überreden, ein solches zu bauen. Orion konnte zu allem überredet werden. Unbesonnen baute und möblierte er ein Haus im Wert von zwölftausend Dollar, und in der Wüstensalbei-Hauptstadt gab es kein anderes, das in Stil und Aufwendungen an diese Immobilie herangereicht hätte.

Als sich Gouverneur Nyes vierjährige Amtsperiode dem Ende näherte, lüftete sich das Geheimnis, weshalb er sich jemals dazu bereitgefunden hatte, den großen Staat New York zu verlassen, und diese Eselhasenwüste besiedeln half: Er war hierher gezogen, um US-Senator zu werden. Jetzt musste er nur noch das Territorium in einen Staat verwandeln, was er ohne jede Schwierigkeit bewerkstelligte. Der Flecken Sand und die spärliche Bevölkerung waren nicht sonderlich geeignet für die schwere Bürde einer Staatsregierung, aber was soll’s, die Menschen spielten mit bei der Umwandlung, und so ging der Plan des Gouverneurs auf.

Es sah zumindest so aus, als ob auch Orions Pläne aufgingen, denn dank seiner Ehrlichkeit war er ebenso beliebt, wie es der Gouverneur aus stichhaltigeren Gründen war; im entscheidenden Moment jedoch machte sich ohne Vorwarnung die angeborene Launenhaftigkeit seines Charakters bemerkbar, und das Unheil folgte auf dem Fuße.

Dienstag, 3. April 1906

Noch einmal der Barnes-Zwischenfall – Barnes zum Postmeister von Washington ernannt – Mr. Clemens bereitet Rede über König Leopold von Belgien vor, zieht sie jedoch zurück, nachdem er erfährt, dass unsere Regierung in dieser Angelegenheit nichts zu unternehmen gedenkt – Beabsichtigt, im Majestic Theatre über den »amerikanischen Gentleman« zu sprechen, gibt sich angesichts der Länge des ersten Programmteils aber geschlagen – Theodore Roosevelt, der amerikanische Gentleman – Mark-Twain-Brief bei Nast-Auktion für dreiundvierzig Dollar verkauft – Telegraphischer Bericht, dass Mr. Clemens in London im Sterben liege – Reporter interviewen ihn für amerikanische Zeitungen

BARNES’ BERUFUNG VERÄRGERT WASHINGTON


»Weißes Haus wendet Holzhammermethoden an«, titelt eine Lokalzeitung


SENAT KÖNNTE BERUFUNG AUFHALTEN


Neuer Postmeister als schmarotzender »Carpetbagger« bezeichnet – Bürger empfinden Berufung als Beleidigung

Sonderbericht der NEW YORK TIMES

WASHINGTON, 2. April – Die Entscheidung des Präsidenten, seinen stellvertretenden Sekretär Benjamin F. Barnes zum Postmeister von Washington zu berufen, hat einen Sturm ausgelöst. Sie wird als Berufung eines »Carpetbagger« kritisiert, kommt Barnes doch aus New Jersey. Mitglieder des Repräsentantenhauses und des Senats sind erzürnt, und angeblich wird man den Versuch unternehmen, die Bestätigung zu vereiteln.

Die Entrüstung, die das Thema hervorruft, zeigt sich heute Abend an der Aufmachung des Evening Star, des treuesten Regierungsanhängers unter den Zeitungen der Stadt. Der Fall Barnes schlägt Wellen auf allen Seiten des Blattes. Da ist zunächst eine Karikatur, die den Präsidenten zeigt, wie er dem District of Columbia eine Aprilscherz-Zigarre überreicht, die explodiert, und im Rauch ist Barnes’ Gesicht zu erkennen, während der Präsident ruft: »April, April!« Es folgen drei Spalten Interviews mit prominenten Bürgern des Bundesdistrikts und Kongressmitgliedern, die die Berufung allesamt verurteilen.

Auch der Leitartikel befasst sich mit dem Thema, und darin heißt es, der Präsident habe »seinen taktlosen und allzu energischen Rausschmeißer« belohnt, indem er ihm für das Doppelte seines gegenwärtigen Salärs das Washingtoner Postamt anvertraute. Der Star schreibt:

»Logisch betrachtet, bleibt nur noch, auch die Polizisten, die sich die Ehre des Morris-Rauswurfs mit Mr. Barnes teilen, auf Kosten des Bundesdistrikts zu belohnen. Was werden sie ernten – eine Position als Polizeirichter, als Polizeidirektor oder gar als Polizeipräsident?«

Der Star druckt eine Reihe von Auszügen aus anderen Zeitungen ab, die die Berufung ins Lächerliche ziehen. Zudem sind auf der Seite des Leitartikels einzelne Absätze wie diese verstreut:

Die Holzhammermethoden des Weißen Hauses in Bezug auf das örtliche Postwesen könnten die Kunden vielleicht auch der Notwendigkeit entheben, ihre eigenen Briefmarken anzulecken.

Sosehr die Oyster Bay den Präsidenten auch unterstützt, sie würde vor Entrüstung aufbegehren, sollte er seinen Einfluss geltend machen, um hiesige Männer aus hiesigen Ämtern zu verdrängen.

Der Kasper, der sich den Aprilscherz ausgedacht hat, verliert von Jahr zu Jahr an Schmiss. Sein Sinn für Humor tritt nur noch selten in erschütterndem Ausmaß in Erscheinung. Die kürzlich erfolgte Berufung eines Postmeisters für Washington bietet ein Gegenbeispiel, ist aber nur eine jener Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Wenn Ihre Briefe zukünftig den Anschein erwecken, von einem Wirbelsturm erfasst, durch ein Eisenbahnwrack gejagt und durch den Fleischwolf gedreht worden zu sein, wissen Sie, dass sie aus dem Washingtoner Postamt stammen. Aber bemühen Sie sich gar nicht erst aufs Postamt, um Beschwerde einzulegen, es sei denn, Sie suchen körperliche Ertüchtigung. Damen sollten in dieser Hinsicht äußerste Vorsicht walten lassen.

Einige lokale Schützlinge des Präsidenten begeistern sich für Mr. Barnes ungefähr so, wie sie es vor nicht allzu langer Zeit für den Schandpfahl taten.

Es herrscht der starke Eindruck vor, dass Niagara Falls in der Frage der Berufungen bei weitem das bessere Los gezogen hat.

Der letzte Satz bezieht sich auf die Versetzung von Postmeister Merritt nach Niagara Falls, mit der Platz für Mr. Barnes gemacht wurde. Schließlich druckt der Star Leserbriefe von Bürgern ab, die sich gegen die Berufung verwahren.

Unter den Interviews mit prominenten Bürgern findet sich eines mit R. Ross Perry, einem führenden Anwalt, der sagt: »Anscheinend glaubt der Präsident, der Bundesdistrikt sollte regiert werden, wie die Römer eine eroberte Provinz regiert haben.« D. William Oyster nennt das Ganze »eine Beleidigung für unsere Gemeinde«. Mason W. Richardson sagt: »Wir scheinen keine Rechte zu besitzen, die Respekt verdienen.« John Ridout sagt: »Angesichts des Temperaments von Mr. Barnes, wie es sich im Morris-Zwischenfall offenbart hat, sind die Aussichten auf befriedigende Unterredungen zwischen ihm und den Bürgern, die ihr Recht ausüben, die Handhabung seines Amtes zu kritisieren, nicht eben ermutigend.«

Soweit ich mich erinnere, habe ich den Barnes-Zwischenfall im Auge behalten, indem ich hier gelegentlich einen informativen Zeitungsausschnitt habe einfließen lassen. Wenn bei dieser Prozession von Signaltafeln überhaupt etwas fehlt, dann ist es der vor einigen Wochen geschriebene Brief des Präsidenten. Vielleicht habe ich ihn eingefügt. Möglicherweise nicht. Aber es kommt nicht darauf an. Es läuft aufs Gleiche hinaus. Er war herrlich brutal, freiheraus herzlos. Er enthielt nicht ein Wort des Mitgefühls für die misshandelte Dame; und ein ebenso auffallendes Merkmal des Briefes war, dass er nicht ein Wort des Mitgefühls für den Präsidenten enthielt. Bestimmt hatte jeder andere Mitleid mit ihm und schämte sich für ihn. Er enthielt nicht ein Wort der Zurechtweisung oder auch nur des Tadels an Barnes’ Verhalten, vielmehr war dessen Billigung so überdeutlich, dass es an Lob grenzte.

Und jetzt hat der Präsident diesen schamlosen Sklaven zum Postmeister von Washington ernannt. Die Dreistigkeit – die verblendete Dummheit – dieser Angelegenheit ist erstaunlich. Sie wäre geradezu unglaubwürdig, wenn sie von einem anderen Menschen der Vereinigten Staaten ausginge als von unserem unglaublichen Präsidenten.

Als Choate und ich einwilligten, am 22. Januar in der Carnegie Hall zu sprechen, zusammen mit Booker Washington und zugunsten seines Tuskegee Institute, wollte ich zunächst jenen Dieb und Mörder, Leopold II., König der Belgier, zum Gegenstand nehmen und bereitete sorgfältig eine Rede vor – schrieb sie sogar mehrere Wochen vorher vollständig nieder. Als der festgesetzte Termin jedoch näher rückte, begann ich der Haltung unserer Regierung gegenüber Leopold und seinen teuflischen Bosheiten zu misstrauen. Zweimal fuhr ich nach Washington und hielt Rücksprache mit dem Außenministerium. Mir kam der Verdacht, dass die Überzeugung der Congo Reform Association, in der Kongo-Frage stehe die verpfändete Ehre unserer Regierung auf dem Spiel, eine Übertreibung sei; dass die Association gewissen öffentlichen Dokumenten, die mit dem Kongo zusammenhängen, eine Bedeutung beimesse, die vom Wortlaut der Dokumente nicht gestützt wird. Mit einem letzten Besuch im Außenministerium war der Fall erledigt. Das Ministerium hatte sein dem Präsidenten und mir zuvor gegebenes Versprechen, die Angelegenheit erschöpfend zu prüfen und herauszufinden, wie unsere Regierung dazu stehe, gehalten. Es stellte sich heraus, dass unsere Regierung nicht zu den vierzehn christlichen Regierungen gehörte, die sich verpflichtet hatten, Leopold zu überwachen und ihn in die Schranken des Vertrages zu verweisen. Unsere Regierung war nur gefühlsmäßig betroffen, nicht offiziell, nicht praktisch, nicht in Form einer festen Zusicherung oder eines Versprechens. Unsere Regierung war in der Lage, sich in Form von Gebeten oder Protesten einzumischen, aber das hätte auch eine Sonntagsschule gekonnt. Ich wusste, die Administration würde von angemessen diplomatischer Höflichkeit sein und sich aus dem Schlamassel heraushalten; daher zog ich mich persönlich von der Aufgabe, in den Vereinigten Staaten die Kongo-Frage zu erörtern, zurück und schrieb der Bostoner Zweigstelle, dass es mir leidtue, unserer Nation weiterhin mit den Gräueltaten, die Leopold an den hilflosen schwarzen Eingeborenen des Kongo begehe, das Herz erweichen zu wollen, da die Gefühle der Nation völlig umsonst aufgewühlt würden – denn die Nation könne nichts ausrichten außer über ihre Regierung und die Regierung selbst werde natürlich nichts unternehmen.

So unterdrückte ich die Rede und hielt an ihrer Stelle eine über ein anderes Thema. Aber bevor ich dieses Thema wählte, prüfte ich ein anderes und bereitete eine Rede darüber vor. Hätte diese Rede einen Titel gehabt, hätte er vermutlich gelautet: »Was ist ein amerikanischer Gentleman?«, oder vielleicht auch: »Amerika, Land der Freien und Heimat der Tapferen und der Ungehobelten« – oder vielleicht hätte er gelautet: »Die unhöfliche Nation«. Ich warf die Rede nicht weg, sondern bewahrte sie auf in der Hoffnung auf eine günstige Gelegenheit.

Diese günstige Gelegenheit bot sich vor ein paar Wochen, als ich an einem Sonntagnachmittag im Majestic Theatre vor zweitausend Christlichen Jungen Männern sprechen sollte, die sich womöglich für die Ansichten eines Experten über die Eigenschaften, die einen amerikanischen Gentleman ausmachen, interessierten. Aber wieder musste ich mich geschlagen geben. Das Programm war von der üblichen Art, bei der zahlreiche Personen einer großen Sache ohne Honorar viel Zeit und Mühe widmen, und zum Lohn musste einer jeden gestattet sein, vorzutreten und vor dem Publikum herumzutänzeln. Ein Mann, der nicht reden konnte, redete. Und eine Frau, die nicht singen konnte, sang. Ein weiterer Mann, der nicht reden konnte, redete. Eine Band mit Streichinstrumenten und Klavier machte ein paar Geräusche, und als sich der Saal schon freute, dass das Elend ein Ende finde, verstand das die Kapelle als Rufe nach Zugabe und begann von neuem mit den Geräuschen. Daraufhin las ein Mann, der nicht lesen konnte, ein Kapitel aus der Bibel – und so nahm das Chaos seinen Lauf. Von Zeit zu Zeit ließ Gott in seiner unerforschlichen Weisheit die Sängerin abermals auf uns los. Ich dachte schon, ich würde nie an die Reihe kommen. Als es endlich doch so weit war, merkte ich, dass ich meinen Part um die Hälfte kürzen musste; dass ich mich statt mit einer Stunde mit 50 Prozent davon zufriedengeben musste. Folglich sprach ich über einen Text – einen guten Text –, den einer der Redner, die nicht reden konnten, hatte fallenlassen, der nicht wusste, dass er ihn hatte fallenlassen, und ihn nicht vermisste. Und so musste ich meine Ausführungen darüber, was der amerikanische Gentleman sein sollte, abermals unterdrücken.

Nun, alles wendete sich zum Guten. Nach wie vor kommt zu dem, der warten kann, alles mit der Zeit. Ich habe gewartet, weil mir nichts anderes übrigblieb, aber mein Lohn stellte sich trotzdem ein. Ich brauche nicht länger zu erläutern, was ein amerikanischer Gentleman zu sein habe – das ganze Feld lässt sich mit einem Halbsatz abdecken, und man erspart sich eine mühsame einstündige Rede, indem man einfach sagt, was der amerikanische Gentleman ist. Er ist Theodore Roosevelt, Präsident der Vereinigten Staaten.

Ich scherze nicht, vielmehr ist es mein völliger Ernst, wenn ich die Ansicht vertrete, dass unser Präsident der repräsentative amerikanische Gentleman ist – der von heute. Ich glaube, er ist so eindeutig und definitiv der repräsentative amerikanische Gentleman von heute, wie Washington der repräsentative amerikanische Gentleman seiner Zeit war. Roosevelt stellt das ganze Argument dafür und dagegen dar, in seiner Person. Er repräsentiert, was der amerikanische Gentleman nicht sein sollte, und zwar klar, verständlich und erschöpfend, genauso wie er repräsentiert, was der amerikanische Gentleman ist. Wir sind die mit Abstand ungehobelste aller Nationen, ob zivilisiert oder primitiv, die heute den Planeten bevölkern, und unser Präsident steht für uns wie ein Kolossaldenkmal, das von allen Enden der Erde sichtbar ist. Er ist furchtbar hartherzig und grob, wo ein anderer Gentleman Freundlichkeit und Zartgefühl an den Tag legen würde. Als seine widerliche Kreatur, dieser falsch eingesetzte Arzt, dieser entehrte Gouverneur von Kuba, dieser Taschenspieler von einem Generalmajor Leonard Wood, kürzlich sechshundert hilflose Wilde in ein Loch pferchte, jeden Einzelnen von ihnen abschlachten und nicht einmal eine Frau oder ein Kind entkommen ließ, legte Präsident Roosevelt – repräsentativer amerikanischer Gentleman, erster amerikanischer Gentleman – Herz und Seele unserer gesamten Nation von Kavalieren in den Entzückensruf, den er an Wood telegraphierte, um ihn zu dieser »großartigen Heldentat« zu beglückwünschen und ihn dafür zu loben, dass er »die Ehre der amerikanischen Flagge hochgehalten« habe.

Roosevelt ist der mit Abstand schlechteste Präsident, den wir je gehabt haben, und zugleich der am meisten bewunderte und am meisten zufriedenstellende. Die Bewunderung und Verehrung der Nation für ihn und ihr Stolz auf ihn sind weit herzlicher, umfassender und verbreiteter als alles, was bisher an einen Präsidenten verschwendet worden ist, einschließlich McKinley, Jackson und Grant.

Hat sich der Morris-Barnes-Zwischenfall erledigt? Möglicherweise ja; möglicherweise nein. Wir werden ihn im Auge behalten und abwarten. Fürs Erste scheint es dort in Washington so etwas wie eine Revolte eines Halbdutzends anständiger Leute und einer Zeitung zu geben, aber allzu sehr dürfen wir nicht darauf bauen. Es ist nur eine begrenzte Revolte und kann jederzeit zum Schweigen gebracht werden durch Schmähungen vonseiten der riesigen patriotischen Bande ergebener Leibeigener, der Herausgeber amerikanischer Zeitungen.

Dies stand heute in der Morgenzeitung:

MARK-TWAIN-BRIEF VERKAUFT


Geschrieben an Thomas Nast, schlägt eine gemeinsame Tournee vor

Ein handgeschriebener Brief von Mark Twain erbrachte bei der gestern durch die Merwin-Clayton Company abgehaltenen Versteigerung von Bibliothek und Korrespondenz des verstorbenen Karikaturisten Thomas Nast $ 43. Der Brief umfasst neun Seiten, ist mit Hartford, 12. Nov. 1877, datiert und an Nast gerichtet. In Auszügen lautet er wie folgt:

Hartford, 12. Nov.

Mein lieber Nast: Ich hätte nicht gedacht, dass ich, bis die Zeit für mich gekommen ist, zu sagen: »Ich sterbe unschuldig«, je wieder auf einem Podium stehen würde. Aber es treffen weiterhin die gleichen alten Angebote ein, die jedes Jahr eingetroffen und jedes Jahr abgelehnt worden sind – $ 500 für Louisville, $ 500 für St. Louis, $ 1000 in Gold für zwei Nächte in Toronto, die Hälfte der Bruttoeinnahmen in New York, Boston, Brooklyn &c. Wie gewöhnlich habe ich sie alle abgelehnt, obwohl ich wie gewöhnlich stark versucht war, sie zu akzeptieren.

Nun, ich lehne nicht ab, weil ich etwas dagegen hätte, zu einem Publikum zu sprechen, sondern weil es (1) so herzzerreißend trostlos ist, allein zu reisen, und weil es (2) eine so stimmungstötende Verantwortung ist, die ganze Show allein zu schultern.

Deswegen schlage ich Ihnen jetzt vor, was Sie mir im November 1867 – vor zehn Jahren (als ich noch unbekannt war) – vorgeschlagen haben, nämlich: dass Sie auf dem Podium stehen und Bilder zeichnen, während ich neben Ihnen stehe und das Publikum beschimpfe. Es würde mir ungeheuren Spaß machen, in Ihrer Gesellschaft durchs Land zu mäandern (in große Städte – in kleine will ich nicht).

Der Brief enthält eine Liste mit Städten und die Anzahl der jeweils geplanten Auftritte.

So sollte es sein. Es ist äußerst lobenswert. Ich spreche es selbst aus, damit nicht andere verständige Personen vergessen, es zu tun. Offenbar sind vier meiner alten Briefe versteigert worden, drei davon für siebenundzwanzig Dollar, achtundzwanzig Dollar respektive neunundzwanzig Dollar und der oben erwähnte für dreiundvierzig Dollar. Damit verbunden ist der sehr erfreuliche Umstand, dass sich der Geldwert meiner Literatur im Zeitraum von sechsunddreißig Jahren mehr als behauptet hat. Ich schätze, dass der Dreiundvierzig-Dollar-Brief für etwa zehn Cent pro Wort versteigert worden sein muss, während sein Marktwert, hätte ich ihn heute geschrieben, dreißig Cent betragen würde – demnach habe ich zwei- oder dreihundert Prozent an Wert gewonnen. Ich hebe einen weiteren erfreulichen Umstand hervor – dass sich ein Brief von General Grant für etwas weniger als achtzehn Dollar verkauft hat. Ich werde niemals die Höhe General Grants in der Achtung dieser Nation erreichen, aber zu wissen, dass er, wenn es um Briefliteratur geht, nicht mit mir in der vordersten Reihe sitzt, erfüllt mich mit tief empfundener Freude.

Da fällt mir ein – vor neun Jahren, als wir am Tedworth Square, London, wohnten, wurde den amerikanischen Zeitschriften die Meldung telegraphiert, ich läge im Sterben. Das war nicht ich. Es war ein anderer Clemens, ein Cousin von mir – Dr. J. Ross Clemens, jetzt in St. Louis ansässig –, der dem Tod geweiht war, ihm aber bald mittels irgendeines Winkelzuges oder einer anderen Eigenheit des Clemens-Clans noch einmal von der Schippe sprang. Amerikanische Telegramme in der Hand, begannen die Londoner Vertreter amerikanischer Zeitungen in Scharen herbeizuströmen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Mir fehlte rein gar nichts, und einer nach dem anderen war erstaunt und enttäuscht, mich lesender- und rauchenderweise in meinem Arbeitszimmer und als Gegenstand transatlantischer Nachrichten nahezu wertlos vorzufinden. Einer dieser Männer war ein sanfter, freundlicher, ernster und mitfühlender Ire, der seinen Kummer, so gut er konnte, verbarg, sich Mühe gab, erfreut dreinzublicken, und mir sagte, seine Zeitung, die Evening Sun, habe ihm telegraphiert, in New York werde berichtet, dass ich tot sei. Was er denn zurücktelegraphieren solle? Ich sagte:

»Schreiben Sie, die Nachricht sei stark übertrieben.«

Er lächelte nicht, sondern ging mit feierlicher Miene davon und gab das Telegramm mit diesem Wortlaut auf. Die Welt war von der Bemerkung angenehm überrascht, und bis auf den heutigen Tag taucht sie, wenn Leute Anlass haben, Übertreibungen zu dementieren, hin und wieder in den Zeitungen auf.

Der nächste Mann war ebenfalls Ire. Er hatte sein New Yorker Überseetelegramm – von der New York World – in der Hand und versuchte dessen Inhalt so offenkundig mit sanften Ausreden und Beschönigungen herunterzuspielen, dass meine Neugier geweckt war und ich sehen wollte, was tatsächlich darin stand. So nahm ich es ihm bei passender Gelegenheit aus der Hand. Es lautete:

»Falls Mark Twain im Sterben liegt, fünfhundert Wörter schicken. Falls tot, tausend.«

Nun wurde dieser alte Brief von mir gestern für dreiundvierzig Dollar verkauft. Wenn ich tot bin, wird er sechsundachtzig wert sein.

Mittwoch, 4. April 1906

Noch einmal der Morris-Fall – Was diese Autobiographie leisten möchte: ein Spiegel sein – Mehr über die Nast-Auktion; Lorbeeren für Mr. Clemens – Zeitungsausschnitte über den Empfang des Women’s University Club; Mr. Clemens kommentiert sie – Vassar-Benefizveranstaltung im Hudson Theatre; Mr. Clemens trifft viele alte Freundinnen

DER FALL MRS. MORRIS IM SENAT


Barnes’ Nominierung macht Weg frei für Untersuchung

Sonderbericht der NEW YORK TIMES

WASHINGTON, 3. April – Die Kritik an der Ernennung von Mr. Roosevelts stellvertretendem Sekretär B. F. Barnes zum Postmeister von Washington hält an. Inzwischen hat es den Anschein, als werde es schwierig, die Ernennung durch den Senat zu bringen. Hauptgrund für den Widerstand ist, dass Barnes Mrs. Minor Morris aus dem Weißen Haus werfen ließ. Der Senatsausschuss für Postämter und Postwege hat beschlossen, Barnes’ Vorgehen im Morris-Fall zu untersuchen, und für morgen sind Augenzeugen des Vorfalls geladen, um vor dem Ausschuss zu erscheinen und auszusagen. Dies ist genau die Art Untersuchung, die Mr. Tillman beantragt und die der Senat verweigert hatte. Infolge der Entscheidung des Präsidenten, Barnes zum Postmeister zu berufen, wird sie nun doch durchgeführt. Die Zeugen, die vor dem Ausschuss erscheinen sollen, waren nicht gebeten worden, bei der Untersuchung auszusagen, die der Präsident durchführte, als er befand, dass Barnes’ Vorgehensweise gerechtfertigt war.

Heute wurde wild darüber spekuliert, wer Mr. Barnes’ Nachfolger als stellvertretender Sekretär wird. In der heutigen Ausgabe des Evening Star sind den einschlägigen Mutmaßungen anderthalb Spalten gewidmet, und es heißt, Spitzenkandidaten seien John L. McGrew, ein Mitarbeiter im Büro des Weißen Hauses; Warren Young, Bürovorsteher; M. C. Latta, persönlicher Stenograph des Präsidenten; James J. Corbett aus New York sowie Robert Fitzsimmons, Augustus Ruhlin und James J. Jeffries.

Der Artikel ist mit zwei Fotos von Corbett und Fitzsimmons versehen.

Das ist formidabel und ruft bei mir sanftes Entzücken hervor. Die Pointe der ganzen Angelegenheit liegt in den letzten vier Namen, die in dem Bericht erwähnt werden. Diese vier Männer sind Berufsboxer – die gefeiertsten unter den heute lebenden.

Hat sich der Vorfall damit erledigt? Wieder können wir es nicht sagen. Womöglich bleibt sein Gestank noch tausend Jahre in der amerikanischen Geschichte hängen.

Meine Autobiographie unterscheidet sich von anderen Autobiographien – unterscheidet sich von allen anderen Autobiographien, vielleicht mit Ausnahme der von Benvenuto. Die herkömmliche Biographie aller Zeitalter ist ein offenes Fenster. Der Autobiograph sitzt da und mustert und bespricht die Leute, die vorübergehen – nicht alle, aber doch die berüchtigten, die berühmten; die, die schöne Uniformen tragen und, wenn’s nicht regnet, Kronen; und hochbedeutsame Dichter und bedeutsame Staatsmänner – glanzvolle Persönlichkeiten, mit denen in Berührung zu kommen er das besondere Privileg hatte. Gern winkt er denen, die da vorübergehen, einen anerkennenden Gruß zu, und gern stellt er fest, dass die anderen ihm dabei voller Bewunderung zusehen. Gern tut er so, als wäre er an den vereinzelten Persönlichkeiten, die die guten Kleider tragen, nur interessiert, um seine Leser zu interessieren, und sich dabei seiner selbst gewissermaßen gar nicht bewusst.

Aber meine Autobiographie ist keine solche Autobiographie. Meine Autobiographie ist ein Spiegel, in dem ich die ganze Zeit mich selbst betrachte. Zufällig bemerke ich auch die Leute, die hinter mir vorübergehen – ich erhasche ihren flüchtigen Anblick im Spiegel –, und wann immer sie etwas sagen oder tun, was dazu beiträgt, mich zu preisen, mir zu schmeicheln und mich in meiner eigenen Achtung steigen zu lassen, halte ich diese Dinge in meiner Autobiographie fest. Ich freue mich, wenn mir ein König oder Herzog über den Weg läuft und sich in dieser Autobiographie nützlich macht, doch das sind seltene Gäste, die Abstände zwischen ihnen groß. Auf meinem Weg kann ich sie effektvoll als Leuchttürme und Denkmäler einsetzen, aber was das Eigentliche betrifft, bin ich auf das gemeine Volk angewiesen.

Hier noch etwas mehr über die Nast-Auktion:

30 CENT FÜR McCURDY-GEDICHT


Weitere literarische Kuriositäten aus der Nast-Sammlung versteigert

Der Verkauf von handschriftlichen Briefen, Tuschzeichnungen, Bleistift- und Federskizzen, Eigentum des verstorbenen Karikaturisten Thomas Nast, wurde gestern von der Merwin-Clayton Company fortgesetzt.

Fünf Briefe von Theodore Roosevelt als Polizeichef, Oberst der Rough Riders, Gouverneur und Präsident an Mr. Nast, in denen er sich für Skizzen bedankt und seiner innigen Freundschaft zu dem Karikaturisten Ausdruck verleiht, erzielten Preise zwischen $ 1,50 und $ 2,25.

Ein handgeschriebener Brief und ein Gedichtautograph von Richard A. McCurdy, adressiert an Nast, brachten zusammen mit einer maschinengeschriebenen Abschrift des Gedichts 30 Cent ein.

Der folgende Brief, von General Philip H. Sheridan an Nast geschrieben, wurde für $ 12,25 von J. H. Manning, einem Sohn des verstorbenen Daniel Manning, ersteigert:

12. Mai 1875

Lieber Nast:

Es stimmt. Am kommenden 30. Juni werde ich ein verheirateter Mann sein, es sei denn, zwischen Glas und Lippe gibt’s doch noch manche Klippe, was kaum der Fall sein dürfte. Aus vielerlei Gründen, darunter der kürzliche Tod meines Vaters, werde ich kein Hochzeitsfest ausrichten.

Ich bin sehr glücklich, wünschte aber, die verd-e Sache wäre endlich vorbei. Ihr ergebener

SHERIDAN

PS und M. I. – Das Beigefügte ist für Ihren Ältesten. Bitte schicken Sie mir Ihres, damit ich es für meinen aufbewahren kann.

P. H. S.

Ein von Lincoln verfasster Brief, der auf ein Stück weiße Seide mit verblasstem rotem Fleck gelegt war, wurde für $ 38 verkauft. Das beigefügte Zertifikat erläuterte, die Seide sei von dem Kleid, das Laura Keene an dem Abend der Ermordung Lincolns getragen habe, und der Fleck stamme von seinem Blut.

General W. T. Shermans Brief an Nast, datiert 9. März 1879, der ein Zeugnis über die Verdienste des Karikaturisten um Armee und Marine bestätigt, wurde für $ 6 verkauft.

Eine Mappe mit Skizzen von Lincoln, Sumner, Greeley, Walt Whitman sowie vielen Aquarellskizzen erbrachte $ 75.

Eine Skizze von William M. Tweed und seinem Gefährten Hunt im Arrest erbrachte $ 21. Zwei zusammengehörige Weihnachtsskizzen aus Nasts Feder, die ein Kind darstellen, das mit Santa Claus telefoniert, je $ 43. Eine Skizze von General Grant wurde für $ 36 ersteigert. Eine Skizze des »G. O. P.«-Elefanten1 erbrachte $ 28. Eine Skizze des Heilands en face mit Heiligenschein $ 65.

Ein signiertes Foto von Theodore Roosevelt aus dem Jahr 1884 wurde für $ 5 ersteigert.

Es erfüllt mich mit großer Genugtuung, dass ich noch immer allen voraus bin – Roosevelt, Sherman, Sheridan, selbst Lincoln. Das sind schöne Lorbeeren, aber sie werden keinen Bestand haben. Es wird eine Zeit kommen, da einige verwelken. Es wird ein Tag kommen, da ein bloßer Kratzer von Mr. Lincolns Feder einen höheren Preis erzielt als ein ganzer Korb mit meinen Briefen. Es wird eine Zeit kommen, da ein Kratzer von der Feder jener unsterblichen Soldaten Sherman und Sheridan einen höheren Preis erzielt als tausend meiner Kratzer, und so werde ich meine Vorrangstellung auskosten, solange es mir vergönnt ist. Ich werde mir diesen Zeitungsausschnitt, solange er neu und wahr ist, vierzig-, fünfzigmal durchlesen und die verheerende Zukunft sich selbst überlassen.

Ich übergehe die aufwühlenden Nachrichten, die heute Morgen aus Russland kamen, um Platz für diesen Zeitungsausschnitt von einer halben Kolumne zu schaffen, denn dieser Zeitungsausschnitt handelt von mir.

MARK TWAIN SPRICHT MIT COLLEGE-FRAUEN


Sagt, von nun an wird er nur noch mit Alumnae sprechen


ERZÄHLT DIESE GESCHICHTE ÜBER TWICHELL


Fünfhundert Frauen schütteln ihm die Hand und überschütten ihn mit hübschen Sätzen


Der Women’s University Club und Mark Twain verschafften sich gestern gegenseitig Unterhaltung. Der Club gab einen Empfang mit dem Autor als Ehrengast, und sämtliche Mitglieder sowie zahlreiche ihrer Anverwandten und Freundinnen fanden sich ein, um ihn zu treffen. Es waren mindestens 500 gekommen, und eine jede hatte Mr. Clemens etwas zu sagen, als sie ihm die Hand schüttelte.

Jemand, der alles verfolgt hatte, sagte, ziemlich viele seien »Wiederholungstäterinnen« gewesen und zweimal vorgetreten, um ihm die Hand zu schütteln.