Salka Viertel

Das
unbelehrbare
Herz

Erinnerungen
an ein Leben mit Künstlern
des 20. Jahrhunderts

Von der Autorin überarbeitete Übersetzung
aus dem Amerikanischen von Helmut Degner

Mit einem Nachwort von Michael Lentz

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ISBN 978-3-8477-5313-1

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Die Originalausgabe erschien im Jahr 1969 unter dem Titel The Kindness of Strangers.

Das unbelehrbare Herz von Salka Viertel ist Januar 2011 als dreihundertdreizehnter Band der Anderen Bibliothek erschienen und ist inzwischen in der limitierten Ausgabe vergriffen.

In gedruckter Form erhältlich als Extradruck, Nachauflage in Klappenbroschur, unter:

http://www.die-andere-bibliothek.de/Extradrucke/Das-unbelehrbare-Herz::422.html

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Covergestaltung: Ute Henkel

Übersetzung: Helmut Degner

Herausgabe: Christian Döring

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Inhaltsübersicht

Impressum

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Kindheit

1

2

3

4

5

6

Werden

7

8

9

10

11

12

Weltkrieg

13

Berthold

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Amerika

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27

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29

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44

45

Heimkehr nach Europa

46

Nachwort von Michael Lentz
Biographie, Brevier und Buch der Abschiede

Personenregister

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründete Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen – »Gepriesen und geliebt« (Frankfurter Allgemeine Zeitung). An dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert:

DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist die »schönste Buchreihe der Welt« (Die Zeit).

Seit Januar 2011 wählt der Herausgeber Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. In Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit drei Jahrzehnten nichts geändert: »Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten.«

Das Programm der ANDEREN BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Es gilt der »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

– Jeden Monat erscheint ein neuer Band, von den besten Buchkünstlern gestaltet.

– Die Originalausgabe erscheint in einer Auflage von 4.444 Exemplaren – limitiert und nummeriert.

– Werden Sie Abonnent, so erhalten Sie jede Originalausgabe garantiert und zum Vorzugspreis.

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DIE ANDERE BIBLIOTHEK

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Kindheit

1

Vor langer, langer Zeit, als ich ein ganz junges Mädchen war, sagte mir einmal eine Zigeunerin, dass ich von Leid und Kummer verschont bleiben würde, solange ich nahe am Wasser lebte. Ich weiß, es ist recht banal, eine Geschichte mit Prophezeiungen, besonders denen von Zigeunerinnen, zu beginnen, aber glücklicherweise hat diese Vorhersage sich nicht erfüllt. Ob ich nahe am Wasser lebte oder nicht, das hatte auf Glück oder Unglück in meinem Leben keinerlei Einfluss. Aber mancher innere Sturm legte sich, wenn ich auf die schaumgekrönten Wellen des Pazifiks blickte oder dem Gemurmel eines Alpenbaches lauschte. Und so vergaß ich nie die Zigeunerin und ihre Prophezeiung, die vor mir die Landschaft meiner Kindheit heraufbeschwor und das Haus am Fluss, in dem ich lebte und aufwuchs.

Der Name des Flusses war Dnjestr. Wo wir wohnten, war er jung und wild, er war nicht weit von seiner Quelle in den Karpaten, und er floss durch ein Kieselbett und nahm, an manchen Stellen seicht, an anderen plötzlich tief und reißend, seinen steten und unregulierten Lauf zum Schwarzen Meer.

Das Land, in dem ich geboren wurde, war Galizien, jener Teil Polens, der nach der Teilung von 1775 zu Österreich gehörte. Heute heißt es Karpato-Ukraine und ist ein Teil der Sowjetunion. Die Stadt Sambor hatte fünfundzwanzigtausend Einwohner, etwa viertausend Polen, achtzehntausend Ukrainer und dreitausend Juden. Sie war auch Garnisonsstadt, was für die jüngere weibliche Bevölkerung nicht ohne Bedeutung war.

Die Stadt lag zwei Kilometer östlich vom Fluss und von unserem Haus entfernt, das »Wychylowka« hieß. »Wychylac« bedeutet auf Polnisch »hinauslehnen«.

Die Rechtsanwaltskanzlei meines Vaters war in der Stadt. Er besaß auch dort ein Haus, wohnte aber lieber auf dem Land. Nachdem man ihn zum Bürgermeister von Sambor gewählt hatte, musste Wychylowka eingemeindet werden, denn es war schlechterdings unmöglich, dass der Bürgermeister seinen Wohnsitz außerhalb der Stadtgrenzen hatte.

Wychylowka blieb von alldem unberührt, und uns Kindern machte es nichts aus, ob wir in der Stadt oder auf dem Lande lebten. Zwischen dem Haus und dem Fluss lagen unsere Felder und eine Wiese; auf der anderen Seite des Flusses erstreckte sich weit das sanft hügelige, fast unbewohnte Land mit Weizenfeldern, Weiden und Wäldern.

Jenseits der Straße lag ein Gehölz. Wir nannten es das »Wäldchen«. Alte knorrige Bäume standen in kleinen Gruppen, und unter ihnen weidete das Vieh. Dahinter kam wieder weites bestelltes Land, und dann ragte die lange blaue Kette der Karpaten auf, fern, hell und verschwommen an sonnigen Tagen und dunkel, graugrün und schrecklich nahe, wenn Regen und Schneestürme drohten.

Ein großer, leerer Platz auf der Ostseite trennte unser Anwesen von dem einzigen Industrieunternehmen der Gegend: einer Likörfabrik, die einst Verwandten meines Vaters gehört hatte, sich jetzt aber (ebenso wie der leere Platz) im Besitz eines reichen Juden namens Pan Tiger befand. Mein Vater sprach nicht mit ihm.

Unser anderer Nachbar weiter unten an der Straße war der alte Lamet; ihm gehörte die »Kartschma«, das Wirtshaus am Wäldchen, eine uralte, primitive Hütte mit einer Holzveranda, wo die Bauern auf dem Weg zum Markt oder bei der Rückkehr aus der Stadt einkehrten, um Wodka zu trinken. Der alte Lamet war eine eindrucksvolle Erscheinung. Er war groß und aufrecht, sein edles Gesicht umrahmte ein langer schneeweißer Bart. Er sprach ein schönes akzentfreies Polnisch. Am Sabbat trug er einen seidenen Kaftan und eine pelzbesetzte Kappe. Wenn ich vorn Wäldchen um das Wirtshaus herumschlich, konnte ich den alten Lamet am weiß gedeckten Tisch sitzen sehen, umgeben von Söhnen, Töchtern und Enkelkindern. Seine Frau, ein verschrumpeltes altes Weiblein, zündete die Kerzen an, dann sprach er den Segen. Da meine Eltern sich nie um irgendeine Religion gekümmert hatten und ihre eigene nicht praktizierten, war dies alles für mich seltsam geheimnisvoll und faszinierend.

Unser Haus war groß und voller Ecken und Winkel. Es war kein architektonisches Meisterwerk, aber auch nicht ausgesprochen hässlich.

Auf der Rückseite lag unter einer langen gedeckten Veranda der riesige Obst- und Gemüsegarten, aufgeteilt in rechteckige Beete, die durch Kieswege voneinander getrennt waren, an denen Himbeer-, Stachelbeer- und rote und weiße Johannisbeersträucher wuchsen. Der Obstgarten mit seinen Hunderten von Bäumen war im Frühling ein verheißungsvoll weißes und rosarotes Paradies. Die Erfüllung, die der Herbst brachte, war berauschend und von verheerender Wirkung auf den Magen – außer wir hatten einen regnerischen Sommer, was sehr oft der Fall war.

Wir waren vier Kinder. Ich, meine Schwester Ruzia und mein Bruder Edward waren jeweils nur ein Jahr auseinander. Der Jüngste, mein Bruder Zygmunt, den alle »Dusko« nannten, kam zur Welt, als ich neun Jahre alt war, und obwohl er von Mutter und Vater verwöhnt und angehimmelt wurde, spielte er damals in unserer Welt keine große Rolle. Wir drei, alle verschieden in Temperament und Charakter, waren eine sehr eng verbundene Gemeinschaft und hielten durch dick und dünn zusammen. So ist es unser ganzes Leben lang geblieben.

Da wir auf dem Lande lebten, schickte man uns nicht zur Schule. Wir hatten immer eine deutsche oder französische Gouvernante, und täglich kam ein polnischer Hauslehrer und unterrichtete uns in allen Fächern, die in der höheren Schule verlangt wurden. Einmal im Jahr brachte man uns zu den Prüfungen dorthin. Mit fünf Jahren lernte ich von einer älteren Spielgefährtin das polnische (lateinische) Alphabet lesen und schreiben. Mit sechs beherrschte ich das russische. In der zweiten Klasse wurde Ukrainisch unterrichtet (eine Konzession an den sonst schlecht behandelten Bevölkerungsteil), und in der dritten lernten wir, in spitzen gotischen Buchstaben unsere deutschen Sätze schreiben. Wir lasen gierig und voll Leidenschaft. Musik und Bücher waren das ständige Thema unserer Gespräche. Wir diskutierten darüber mit unseren Freunden und Freundinnen, die alle belesen waren. Ich werde nie die Begeisterung und Erregung vergessen, mit der ich die Lektüre von Schillers ›Maria Stuart‹ beendete. Ich lernte das Stück auswendig und spielte und rezitierte daraus mit Hingabe.

Da ich das Interesse an Puppen zu jener Zeit immer mehr verlor, baute ich mir in einer Ecke unseres Zimmers aus Stühlen, Büchern und Decken eine kleine Bühne. Meine Schauspieler waren hübsche Damen, die ich aus Modezeitschriften ausschnitt und auf Pappe klebte. Ich sprach ihre Rollen, einmal mit hoher, einmal mit tiefer Stimme. Die Stücke dauerten tagelang, wie im chinesischen Theater. Ruzia, Edward, Njanja, meine Amme, und die Dienstboten, manchmal sogar unsere jeweilige Gouvernante waren ein aufmerksames und interessiertes Publikum. Nur mit der Rollenbesetzung hatte ich Schwierigkeiten. In den Modejournalen meiner Mutter gab es keine Männer.

Ganz entgegen ihren Absichten förderte und nährte meine Mutter meine Leidenschaft für das Theater. In jener Zeit betrachtete man eine Schauspielerin als ein lockeres Frauenzimmer. Es gab nur eine Ausnahme – das Kaiserliche Burgtheater. Dort wurden großen Schauspielern Titel verliehen, und manche Schauspielerin hatte in die österreichische Aristokratie eingeheiratet. Doch ich war wohl nicht hübsch genug, um von solch einer Karriere träumen zu können. Meiner Schwester Ruzia, goldblond, zart und lieblich, hätten meine Eltern viel weniger Widerstand entgegengesetzt, wenn sie den Wunsch geäußert hätte, zum Theater zu gehen. Doch sie unterdrückte ihn klugerweise, während ich kein Hehl daraus machte.

Eine Opernsängerin, das war etwas ganz anderes – diesen Beruf hielt man für »viel respektabler«, und meine Mutter hatte sich selbst als junges Mädchen eine Weile auf diese Laufbahn vorbereitet. Ihr klarer, schöner Sopran und ihr großes musikalisches Talent – sie war außerdem eine sehr gute Pianistin – rechtfertigte diese Ambition. Sie wäre eine ideale Elsa, Sieglinde oder Senta gewesen. Ihr rötlichblondes Haar, ihre blauen Augen und ihr rosiger Teint hätten den besten Experten für Rassenfragen getäuscht: Diese nordische Schönheit entstammte einer reichen russisch-jüdischen Familie.

Für viele, die sich unter einem russischen Juden stets entweder einen Händler oder einen Violinvirtuosen vorstellen, mag es seltsam klingen, aber die Vorfahren meiner Mutter waren seit Generationen Landwirte. Mein Urgroßvater, Salomon Rafalowicz, besaß vier Landgüter, zwei in Podolien und zwei in Bessarabien. Er und seine Frau Rachel hatten drei Töchter. Eine von ihnen wurde meine Großmutter Deborah, schlank, dunkel und immerzu in einen französischen Roman vertieft.

Mein Urgroßvater Rafalowicz muss ein außergewöhnlicher Mann gewesen sein. Mama und meine Großmutter zitierten ihn bei jeder Gelegenheit. Er war hoch gebildet, sprach vierzehn Sprachen, war liberal in seiner politischen Einstellung, half den polnischen Rebellen beim Aufstand gegen Russland im Jahre 1863 und rettete, da er unter den russischen Aristokraten einflussreiche Freunde hatte, vielen das Leben. Auch die Polen respektierten und bewunderten ihn. Er half jedem, der in Not war, und seine Freigebigkeit und Gastfreundschaft kannte keine Grenzen.

Das Edikt, das den Juden in Russland verbot, Land zu besitzen, zwang meinen Großvater, eilends seine Güter zu verkaufen und sich mit seiner Familie – außer meiner Mutter hatte er noch zwei andere Töchter und einen Sohn – in der österreichischen Bukowina niederzulassen. Er pachtete einen großen Hof, um das Land zu bebauen und Vieh zu züchten. Meine Großmutter und die Kinder zogen nach Czernowitz, einer Stadt mit guten Schulen und einer Universität. In der Bukowina ging meinem Großvater alles schief. Die Kühe, die er importierte, gingen an der Maul- und Klauenseuche ein, die Ernte war schlecht, seine anderen Pläne schlugen ebenfalls fehl, und man schrieb meiner Mutter, die in Wien Gesang studierte, sie solle lieber heimkommen und heiraten.

Das Leben in der Familie wurde unerträglich. Meine Mutter war entschlossen, den ersten Mann zu heiraten, der um ihre Hand anhielt – nur um ihren Eltern keine Last mehr zu sein. Weder ihr noch irgendjemand anderem kam je der Gedanke, dass sie sich eine Arbeit hätte suchen können. Sie hatte das Glück, dass mein Vater sich gerade zu dieser Zeit nach einer Ehefrau umsah.

Mein Vater war damals vierzig Jahre alt, groß, ansehnlich und ein sehr gute Partie. Er genoss einen ausgezeichneten Ruf, seine Rechtsanwaltspraxis florierte, und er flößte Respekt und Vertrauen ein. Doch er war ungemein ernst und beinahe kahl. Nichtsdestoweniger fand meine Mutter ihn »nicht unsympathisch«. Sie wünschte sich nur, er hätte etwas mehr Sinn für Humor gehabt. Nach drei Tagen hielt er um ihre Hand an, wobei er darauf hinwies, dass er gegen ihr Singen und Klavierspiel nichts einzuwenden habe, solange es ihn nicht störe, und dass mein Mutter Polnisch lernen müsse. Er erhielt ihr Jawort und fuhr zurück nach Sambor. Während der sechsmonatigen Verlobungszeit sahen sie sich ein paarmal, wenn auch immer nur kurz, und im Juni heirateten sie.

Mein Vater hatte meinem Großvater großzügig geholfen, seine verfahrenen Angelegenheiten einigermaßen in Ordnung zu bringen, völlig entwirren konnte man sie bis zu seinem Tode nicht. Mein Großvater war erst zweiundfünfzig, vital und stattlich, als er plötzlich an einem Herzschlag starb, acht Monate nachdem sein neunzehnjähriger Sohn Emil Selbstmord begangen hatte.

Arabella, meine Tante, erzählte mir das Ganze: Es war an einem frühen Nachmittag, sie war vierzehn Jahre alt und machte im Speisezimmer ihre Hausaufgaben. Im Wohnzimmer spielten meine Großeltern ein Arrangement einer Mendelssohn-Sinfonie für vier Hände (die übliche Form von Verständigung, wenn sie nicht miteinander sprachen). Emil in seiner Uniform – er absolvierte gerade das obligatorische eine Jahr in der österreichischen Armee – ging durchs Speisezimmer, zupfte Arabella am Haar, trat ins Wohnzimmer, blieb vor einem großen Spiegel stehen, zog seinen Revolver, sagte ruhig: »Also, lebt wohl. Ich gehe jetzt«, und schoss sich ins Herz.

Ich glaube nicht, dass eines von uns Kindern unseren Vater wirklich kannte. Er war von einer Aura von Einsamkeit und Zurückhaltung umgeben, die wir nicht zu durchdringen wagten, nicht als Kinder und auch nicht, als wir erwachsen waren. Ich erinnere mich lebhaft, wie ich einmal in einem Ausbruch von Zärtlichkeit auf ihn zulief und plötzlich, erschrocken über seine starre, abwesende Miene, stehenblieb. Und doch hatte es eine Zeit gegeben, in der ich mit ihm machen konnte, was ich wollte. Meine Mutter und Njanja erzählten oft, wie sehr mein Vater mich in den ersten Jahren meines Lebens verwöhnt hatte. Er war offenbar in mich vernarrt, trug mich herum und ließ mich während der Mahlzeiten auf seinem Schoß sitzen und, wenn ich darauf bestand, mich mitten im Wohnzimmer auf das Töpfchen setzen, selbst wenn wir Gäste hatten. All das ist in meinem Gedächtnis völlig ausgelöscht, aber es muss so gewesen sein. Zu oft hörte ich bei allen möglichen, für mich unangenehmen Gelegenheiten: »Kein Wunder, dass sie so ein Fratz ist, sie wurde ja als Baby schrecklich verwöhnt« oder: »Als Baby hat Papa dich angehimmelt, aber jetzt komm ihm lieber nicht unter die Augen!« Ich kann nicht behaupten, dass ich über die veränderte Haltung, die Papa mir gegenüber nun einnahm, enttäuscht oder unglücklich gewesen wäre. Wie gesagt, ich erinnere mich nicht an meine glorreiche Zeit, und als sich später mein jüngster Bruder den ersten Platz im Herzen meines Vaters eroberte, war ich zwar manchmal wütend, doch den Vorteil, einer nicht allzu großen väterlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt zu sein, schätzte ich andererseits ungemein.

Dr. Joseph Steuermann, Papa, wie wir ihn nannten, war in Sambor geboren worden, und er liebte diese Stadt, im Gegensatz zu meiner Mutter, die sie hasste. Ich kann mich nicht entsinnen, dass er sie jemals länger als für vier oder fünf Wochen verließ, und auch das nur zweimal. Das bedeutete nicht, dass er Sambor für einen besonders angenehmen oder schönen Ort gehalten hätte oder dass er sich nicht danach gesehnt hätte, die Welt zu sehen. Manchmal, wenn er abends nicht zu müde war, setzte er sich mit uns an den Tisch, breitete eine Karte von Italien oder der Schweiz aus und stellte mithilfe des Baedekers die wunderbarsten Reisen zusammen. Er sagte uns genau, welchen Zug wir nehmen würden, wo wir die Nacht verbringen, wo wir frühstücken und mittags essen würden und welche historischen Sehenswürdigkeiten er uns zeigen würde. Ein paar Minuten lang hörte meine Mutter zu, dann verließ sie mit einer ironischen oder bitteren Bemerkung das Zimmer. Sie wusste, dass die Reise reine Fantasie war, dass wir Sambor nicht verlassen würden. Ich aber war selig, und die imaginären Reisen, die wir mit Papa in unserem Wohnzimmer machten, waren schöner und bezaubernder als viele der wirklichen, die ich in späteren Jahren unternahm.

Er hat immer hart gearbeitet. Wir lebten in großem Stil, und er sorgte großzügig für uns. Als Sohn eines reichen Kaufmanns hatte er Jura studiert und war, nachdem er mit Auszeichnung sein Examen abgelegt hatte, in die Kanzlei eines alten, hervorragenden Rechtsanwalts eingetreten. Nach dessen Tod betrachtete man meinen Vater allgemein als den geistigen Erben, den einzigen Rechtsanwalt alter Tradition im ganzen Bezirk, der zwielichtige Fälle und zweifelhafte Geschäfte ablehnte und seine Klienten, hauptsächlich polnische Aristokraten und Gutsbesitzer aus der Umgebung, solide jüdische Geschäftsleute und streitsüchtige Bauern, loyal und mit Gerechtigkeitssinn, aber auch mit Härte beriet und vertrat. Er war Präsident der Anwaltskammer und sogar bei seinen jüngeren und skrupelloseren Kollegen sehr geachtet, wenn auch nicht eben beliebt.

Papa verlor seine Mutter, als er noch ganz jung war. Ich glaube, er hat sie sehr geliebt, denn er sprach nie von ihr, wie er eigentlich nie von den Dingen sprach, die ihm wirklich nahegingen.

Mein Vater war in religiösen Dingen nicht ganz so respektlos wie meine Mutter, denn einmal im Jahr, zu Jom Kippur, besuchte er, um das Andenken seiner Mutter zu ehren, die Totenfeier. Und obwohl er völlig in die polnisch-österreichische Gesellschaft integriert war, wies er entschieden eine hohe Position und eine Menge Geldes zurück, als er von der Regierung den diskreten Wink erhielt, sich und seine Familie taufen zu lassen. Meine Mutter bemerkte dazu voll Bedauern: »Vienne vaut une messe.«

Ich fragte mich oft, warum mein Vater so lange Junggeselle geblieben war. Eines Tages erfuhr ich den Grund. Ich saß auf der Veranda und tat, als ob ich läse, lauschte dabei aber einer Unterhaltung zwischen meiner Mutter und ihrer jüngsten Schwester Arabella, die bei uns zu Besuch war.

Tante Bella, wie wir sie nannten, war nicht hübsch, hatte aber eine bemerkenswerte Portion Sex-Appeal, obwohl sie zu dick war, ein kürzeres Bein hatte und deshalb hässliche orthopädische Schuhe trug. Ihre großen, träumerischen dunkelblauen Augen, ihr rötlichbraunes Haar und ihr voller, sinnlicher Mund machten sie trotzdem begehrenswert. Wie die ganze Familie meiner Mutter war sie sehr musikalisch. Mein Vater mochte sie nicht, weil sie ständig ihre Verlobten wechselte. Nach dem Tod meines Großvaters lebten sie und meine Großmutter in Drohobycz, wo beide Französisch und Klavier unterrichteten.

Ich weiß nicht mehr genau, wie die Unterhaltung begann, aber meine Mutter erzählte Bella, dass mein Vater vor seiner Heirat ein langjähriges Verhältnis mit einer verheirateten Frau gehabt hatte. Sie war Katholikin, Polin und die Frau eines Richters gewesen. Sie war sehr schön und liebte meinen Vater leidenschaftlich. Die beiden sahen einander nicht nur jeden Tag, sie schrieben einander auch täglich Briefe, die der Diener meines Vaters hin- und hertrug. Diese Briefe, erzählte meine Mutter, habe die ganze Stadt gelesen, bevor sie den Empfänger erreichten.

Tante Bella wollte wissen, ob es einen Skandal gegeben habe. Ob der Gatte dahintergekommen sei?

»Ich weiß nicht«, sagte Mutter. »Tout cela était très mystérieux.« Ich weiß nicht, warum sie es auf Französisch sagte. Der Ehemann wurde in eine andere Stadt versetzt, die Frau ging mit ihm, und mein Vater sah sich mit wenig Begeisterung nach einer Braut um.

Einige Jahre später – ich und meine Schwester waren inzwischen zur Welt gekommen – fuhr die ganze Familie mit Njanja und der Köchin zur Sommerzeit in einen Badeort in den Karpaten. Als Papa eines Tages stolz lächelnd mit Mama auf einer Bank saß und uns Kindern zusah, stand er plötzlich auf, wurde rot und dann ganz blass. Ein paar Schritte von der Bank entfernt stand eine Dame und starrte ihn an. Auch sie war weiß im Gesicht und zitterte. Papa nahm seinen Hut ab. Sie riss sich zusammen, nickte höflich und ging weiter. Eine Stunde später wurde er in ihr Hotel geholt. Sie hatte einen Herzanfall und wollte ihr Testament machen.

Es war ihr Mann, der meinen Vater holte. Papa ging mit ihm, und sie starb, während er mit ihr allein war. Da er nie darüber sprach, nicht einmal zu meiner Mutter, hat niemand je erfahren, was sie zu ihm sagte, was sie einander sagten. Sie hinterließ kein Testament. Das Ganze mag wie eine Novelle von Turgenjew erscheinen; es machte mich schrecklich traurig.

2

Ich weiß nicht, wie meine Kindheit ohne Njanjas Fürsorge und Einfluss gewesen wäre. Sie liebte mich, als wäre ich ihr eigen Fleisch und Blut, und ich liebte sie wie meine Mutter. Von ihr habe ich meine Liebe zum Landleben und meine Leidenschaft für Tiere.

Sie war eine kleine Frau, und aus dunklen, schrägen Augen betrachtete sie die Menschen mit Argwohn und amüsiertem Interesse. In ihrem bestickten Bauernhemd und den weiten Röcken sah sie hübsch und adrett aus. Wenn sie mit mir spazieren ging, trug sie den kunstvollen, turbanartigen Kopfputz der verheirateten Frauen ihres Dorfes. Nur eine Franse ihres schimmernden schwarzen Haares hing ihr in die Stirn. Sie war immer geschäftig, immer in Bewegung. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie, mit den nackten Füßen kaum den Boden berührend, die Röcke geschürzt, aufrecht und gerade, mit flinken Bewegungen vom Stall zum Geflügelhof, vom Gemüsegarten zur Wiese und über die Felder eilt. Wenn sie nicht auf den Beinen war, dann regten sich, nie rastend, niemals müßig, ihre Hände. Setzte sie sich, dann nur, um Obst oder Gemüse zu putzen, ein Huhn zu rupfen, einen Hasen abzuziehen (ein Anblick, der mich mit unbeschreiblichem Abscheu erfüllte), ein Loch in meinem Kleid zu stopfen oder Eiweiß für einen Kuchen zu schlagen. Dann sprang sie wieder auf und lief in den Keller oder in den Garten oder kletterte auf einen Baum, um die reifsten Früchte für die Tafel zu pflücken.

Njanja avancierte rasch von der Amme zur Zofe. Später, als mein jüngster Bruder geboren wurde und eine Amme für ihn engagiert wurde, entschied Njanja, dass sie jetzt Köchin spielen werde. Sie ging jeden Tag in die Stadt und sah einen berühmten Küchenchef, dem dicken Pan Wierczak, der früher bei einem reichen Aristokraten beschäftigt gewesen war, bei der Arbeit zu. Bald konnte sie sich in ihrer Kochkunst mit ihm messen, und sie übernahm das Kommando nicht nur über die Küche, sondern über unseren ganzen großen Haushalt.

Doch so sehr ihre häuslichen Pflichten sie in Anspruch nahmen, für mich hatte sie immer Zeit. Ich klammerte mich noch immer an sie, obwohl, seit ich vier Jahre alt war, ein Schwarm französischer »Bonnes« und »Mademoiselles« über uns hereingebrochen war. Der Grund für ihre oft überstürzte Entlassung waren weniger Njanjas Feindseligkeit und scharfe Kritik, als das intensive Interesse, das die Offiziere der Garnison für jedes neue Gesicht zeigten, das auf der Stadtpromenade auftauchte.

Da alle unsere Mademoisellen sich weigerten, uns im Garten umherstreifen zu lassen, absolvierten wir unsere Spaziergänge auf dem großen Platz um das Rathaus herum. An den vier Seiten des Platzes standen lange Reihen zweistöckiger Häuser. Am Hauptgehsteig, der die Linie A–B genannt wurde, waren die besseren Geschäfte und die Apotheke. An jedem Ende dieser Hauptpromenade gab es ein Café. Reihen alter Akazien beschatteten die Gehsteige. Im Sommer versammelte sich le monde élégant an den Kiosken, um Limonade zu schlürfen und vorzügliche Eiscreme und Kuchen zu essen. Den einen Kiosk hatten die Kavallerie-, den anderen am gegenüberliegenden Ende die Infanterieoffiziere okkupiert. Bei der Kavallerie dienten viele junge Männer aus der österreichischen und ungarischen Aristokratie, bei der Infanterie hauptsächlich Bürgerliche. Einige Offiziere jedoch gehörten dem neugeschaffenen Militäradel an; sie trugen martialische oder klangvolle Namen, wie etwa ein Freund unserer Eltern: »Brenner von Flammenberg«.

Sonntags kam der Landadel von den Gütern der Umgebung, es kamen die Frauen der höheren Offiziere und Beamten und füllten die Kioske und Cafés, in denen nach der Messe mehr oder weniger boshafter Klatsch ausgetauscht wurde und nicht selten tödliche Feindschaften und verbotene Liebschaften ihren Anfang nahmen.

Eine unserer Gouvernanten – sie hieß Mlle. Berthe – mochten wir wirklich gern. Sie hatte blondes, sehr langes Haar und sanfte blaue Augen. Sie war fröhlich und charmant, und mein Bruder Edward war heftig in sie verliebt. Nach ein paar Tagen üblichen Flanierens stellte Mlle. Berthe fest, dass die Promenade langweilig sei, und ging mit uns zum Exerziergelände. Außerdem verlegten wir unsere Spaziergänge auf den Nachmittag. Das Gelände war dann leer, und es machte uns großen Spaß, herumzurennen und zu spielen, wie wir wollten. Auch Berthe machte es viel Spaß. Ein hübscher Leutnant leistete ihr Gesellschaft, und sie saßen plaudernd hinter einem Hügel verborgen, den die Infanterie sonst für Zielübungen benutzte. fantasievolle Kinder, wie wir waren, dachten wir uns Spiele aus, bei denen wir das versteckte Liebespaar einkreisten. Sie waren beide sehr nett zu uns. In schweigender Übereinkunft erzählten wir keinem Menschen von unseren Spaziergängen, nicht einmal Njanja. Trotzdem stieg im Herbst, als die Tage kürzer wurden und wir fast schon im Dunkeln heimkamen, in meiner Mutter ein Verdacht auf. Irgendjemand riet ihr außerdem, ein Auge auf Mlle. Berthe zu haben. Das Ergebnis war, dass Berthe gehen musste. Wir weinten bitterlich, als sie uns Lebewohl sagte. Viel später stellte es sich heraus, dass unsere herrlichen Nachmittage auf dem Exerziergelände nicht der einzige Grund für ihre Entlassung gewesen waren. Ein Kavalleriemajor, der oft zu uns zum Tee kam, hatte Berthe »halbnackt« durchs Fenster in der Wohnung des Leutnants gesehen, und das nicht einmal an ihrem freien Tag. Von da an waren unsere Gouvernanten unattraktiv und meist schon Ende Vierzig.

Die erste von ihnen war Mlle. Juliette: mager, groß, mit tiefliegenden, stechenden Augen und bleichem Teint. Sie sah wie ein weiblicher Torquemada aus und war ungemein fromm.

Als sie entdeckte, dass ich nicht so schnell einschlief wie mein Bruder und meine Schwester, nutzte Mlle. Juliette sofort meinen Hang zur Frömmigkeit aus und machte alle Anstalten, mich zum katholischen Glauben zu bekehren.

Auf dem Rand meines Bettes sitzend, erzählte sie mir schaurige Geschichten vom Märtyrertum der Heiligen: vom heiligen Dionysios, der mit seinem Kopf unterm Arm herumging, und von der heiligen Barbara, deren Brust – ich weiß nicht mehr, warum und von wem – mit rotglühenden Zangen gezwickt wurde. Am allerschrecklichsten war die Geschichte der Kreuzigung in Mlle. Juliettes fanatischer Version. Sie erzählte sie mit solch leidenschaftlichem Hass gegen die Juden, dass mich ein erdrückendes Schuldgefühl befiel. Ich wusste, dass wir Juden waren, doch identifizierte ich mich nie mit den Juden, die um uns lebten. Zweifellos hatten wir nichts mit diesen Männern im schwarzen Kaftan, mit Bart und Schläfenlocken, nichts mit diesen Frauen mit Perücke und lauter Stimme zu tun. Wir sprachen nicht ihre Sprache, ja, wir verstanden sie nicht einmal. Aber wir waren auch keine Christen, obwohl wir immer einen Weihnachtsbaum hatten und Weihnachtslieder sangen. Unsere Eltern gingen nie in die Kirche – aber auch nicht in die Synagoge. Manchmal hatte Njanja oder eine unserer Gouvernanten uns in die Kirche mitgenommen und sich nachher amüsiert, wenn wir zu Hause unter Psalmodieren und Kniebeugen Messe spielten. Edward stellte mit einem weißen Handtuch um die Schultern den Priester dar. Bis Juliette kam, hatte sich keiner von uns ernstlich um Religion gekümmert. Njanja war keine Kirchgängerin; sie wandte sich still und allein an Gott, ohne die Intervention von Priestern. Sie war von tiefem Misstrauen gegen sie erfüllt, wie gegen alle Männer (die einzige Ausnahme war mein Vater). Sie verstand nicht Französisch, doch eines abends hörte sie zufällig Juliette an meinem Bett flüstern und mich schluchzen. Sie spürte, dass mir etwas Schlimmes angetan wurde, und rief meine Mutter. Die beiden müssen eine Weile gelauscht haben, dann stürzte meine Mutter ins Zimmer, packte Juliettes dünne Arme und rief: »Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie, sofort!«

Ich hatte oft erlebt, dass meine Mutter heftig wurde, mit mir, mit Papa, mit den Dienstboten, aber ich habe sie nie so wütend gesehen wie in diesem Augenblick. Juliette streckte ihre mageren Arme nach mir aus und schluchzte hysterisch: »Dis que je t’ai pas fait du mal, dis-le à ta mère«, doch obwohl ich überzeugt war, dass meine Mutter Juliette zu Unrecht so schlecht behandelte, brachte ich keinen Laut hervor.

Die Wochen »zwischen den Gouvernanten« waren immer wie Ferien. Ich verbrachte fast den ganzen Tag im Stall. Ich mochte die Pferde, und ich war in Michael, unseren Kutscher, verliebt, einem stattlichen Mann mittleren Alters mit einem riesigen Schnurrbart. Ich hatte die Absicht, ihn zu heiraten, sobald die Michalova, seine Frau, starb. Obwohl ich ihr einen baldigen Tod wünschte, war ich ein warmherziges und gefühlvolles Kind.

Es gab Hunderte von Bettlern in der Gegend. Einmal in der Woche kamen sie ins Haus, um sich Almosen zu holen – die Christen am Donnerstag, der auch Markttag war, die Juden am Freitag. Die Zigeuner kamen unregelmäßig, wie es ihnen gefiel.

Donnerstags und freitags legte Njanja kleine Haufen von Kupfermünzen in die Küche aufs Fensterbrett und reichte sie den Bettlern hinaus. Man kann nicht sagen, dass sie dabei gerecht gewesen wäre. Manche bekamen einen Groschen, manche zwei, andere Lebensmittel. Wen sie nicht mochte, der bekam nur ein Stück Brot und obendrein ein paar derbe Schimpfworte, wenn er nach Wodka stank.

Es war eine Elendsprozession: verkrüppelte, jammernde alte Männer und Frauen, junge Gelähmte und Schwachsinnige, manche so verstümmelt und gebrechlich, dass sie wie Tiere auf allen vieren krochen. Ihre Knie waren mit schmutzigen Lumpen gepolstert. Am ärmsten waren die Kinder, die sie mitschleppten und die sie fluchend mit Stöcken schlugen.

Jeden Sommer, kurz nach der Ernte, wenn die Wallfahrten zu den Altären der Heiligen und der Muttergottes begannen, folgten Tausende von Bettlern den Prozessionen der Priester, Nonnen, Stadtleute und Bauern. Sie krochen, ein erbärmlicher, schändlicher Haufen, ganz am Ende und hielten sich von den privilegierten Frommen in respektvollem Abstand. Noch lange nachdem sie in Staubwolken verschwunden waren, hing ein Gestank von Schmutz, schwärenden Wunden, Verwesung und unbeschreiblichem Elend über dem Land.

Unsere nächste Gouvernante, Fräulein Charlotte von Schweighauser, war eine Deutsche. Sie war gebildeter als Mlle. Juliette und ein Musterexemplar von »alter Jungfer«. Ausgestattet mit einem Lehrerinnendiplom und ausgezeichneten Empfehlungen, war sie überzeugt, dass eine Stellung im fernen Polen der »Berufung« eines Missionars entsprach, der sich auf den Weg macht, um afrikanische Kannibalen zu bekehren. Sie war ziemlich enttäuscht, als sie feststellte, dass wir zivilisiert waren, wenn auch nicht so diszipliniert und gehorsam wie ihre früheren Schützlinge.

Stets, selbst an heißen Tagen, in ihr wollenes Tuch gehüllt – es war Juni, als sie eintraf –, misstraute sie dem Essen, und sie führte beim Auftauchen selbst des kleinsten Insekts einen grotesken Indianertanz auf.

Fräulein Charlotte verabscheute die freie Natur und frische Luft und verdarb uns den ganzen Sommer. Wenn sie uns nur allein gelassen hätte! Doch sie saß voll Pflichteifer stundenlang mit uns in ihrem Zimmer und ließ uns endlos französische Verben konjugieren und deutsche Substantive deklinieren. Es kann nicht geleugnet werden, dass wir mit dem Lernen schnell vorankamen, und sogar ich hatte die Prüfungen in der Schule sehr gut bestanden. Aber es kam die Zeit, da auch unsere Mutter von der preußischen Disziplin und dem preußischen Überlegenheitskomplex genug hatte.

Eines schönen Nachmittags – wie immer saßen wir in Charlottes ebenerdigem Zimmer, und ich erwog gerade, aus dem Fenster zu springen, wie ich es schon ein paarmal getan hatte –, erschien Mama in der Tür und sagte: »Schaut mich an, Kinder, gefällt euch mein Kleid?« Sie wollte zu einem Gartenfest gehen, und ich werde nie vergessen, wie unglaublich schön sie aussah. Das schwarze Chiffonkleid war ganz mit rosa Kleeblättern bestickt, und ihr überaus reizendes Gesicht lächelte uns erwartungsvoll unter einem großen rosa Hut an. Überzeugt von ihrer Schönheit, war sie begierig auf unseren Beifall, den wir ihr auch begeistert spendeten.

Fräulein Charlotte hatte sich nicht von ihrem Stuhl gerührt. Den Kneifer auf der Nase, blickte sie Mama eisig an und sagte dann mit scharfer Stimme: »Ja, ja. Heute rot, morgen tot.« Wir waren starr. Mama zuckte die Achseln, lachte und sagte: »Sie sind eine dumme Gans.« Charlotte saß mit offenem Mund da. Dann befahl uns Mama hinauszugehen und im Garten zu spielen. Es sei eine Schande, an einem so schönen Tag in der Stube zu hocken. Wir verschwanden, so schnell wir konnten.

Noch am gleichen Tag kündigte Fräulein Charlotte. Kein Mensch, sagte sie, habe sie je eine dumme Gans genannt, aber sie sei nicht beleidigt. Was könne man schon anderes von Barbaren erwarten?

Nach ihrer Abreise beschloss Mama, es mit einer jüngeren Dame zu versuchen, möglichst aus Österreich. Fräulein Marie, die an einem regnerischen Nachmittag ankam und sechs Jahre lang bei uns blieb, war Ende Zwanzig und stammte aus Graz.

3

Fräulein Maries Erscheinen in unserem Haus veränderte, wenn auch nur allmählich, mein Leben beträchtlich. Zuerst war ich durchaus bereit, sie als eine Verbesserung gegenüber den anderen Gouvernanten, die wir gehabt hatten, zu betrachten, doch nach einigen Zusammenstößen änderte ich meine Meinung radikal. Nachdem der Reiz des Neuen abgeflaut war, stellten wir drei Kinder fest, dass sie uns zu Tode langweilte. Wir waren desillusioniert. Marie war zwar nicht desillusioniert – sie kannte überhaupt keine Illusionen –, doch offenbar langweilten wir sie unsererseits ebenfalls. Kinder langweilten sie überhaupt. Sie interessierten sie nicht. Sie zog Erwachsene vor und verstand es ausgezeichnet, sich bei meiner Mutter und deren Freundinnen beliebt zu machen. Selbst mein Vater sprach – zwar selten – mit ihr, was die früheren Gouvernanten nie erlebt hatten.

Sie unterrichtete uns in ihrem Zimmer, das im obersten Stock des Hauses lag. Die Fenster und der große Balkon gingen straßenwärts. Fast jeden Tag marschierte eine Kompanie Soldaten an unserem Haus vorbei. Wenn das Hornsignal erklang, stürzten wir auf den Balkon und winkten den Offizieren zu, und Marie lächelte und erwiderte freundlich nickend ihren Gruß. Dann kehrten wir zu unserer Arbeit zurück und Marie an ihren Toilettentisch. Sie saß vor dem Spiegel und wandte uns den Rücken zu, konnte uns aber in einem begrenzten Winkel im Spiegel sehen und überwachen. Großmütig ließen Ruzia und Edward mich so sitzen, dass sie mich nicht sehen konnte. Sie hatten den strikten Befehl, sie sofort darauf aufmerksam zu machen, wenn ich zu »träumen« begänne, doch sie verpetzten mich nie.

Es war das letzte Jahr des 19. Jahrhunderts. Wir Kinder erwarteten vor seinem Ende einige außergewöhnliche Ereignisse, obwohl wir nicht glaubten, dass der von Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen prophezeite Weltuntergang bevorstand. Die Ermordung Kaiserin Elisabeths im vergangenen Jahr hatte uns tief beeindruckt. Viel tiefer als der Fall Dreyfus, über den unsere Eltern mit ihren Freunden leidenschaftlich diskutierten.

In unserer Stadt gab es damals kaum Antisemitismus. Der Fall Dreyfus interessierte mich zu jener Zeit nicht, und wenn während des Essens Namen wie Clemenceau, Labori und Esterhazy fielen, so war dies nur ein Zeichen, dass die Mahlzeit endlos dauern würde. Ich weiß nicht einmal, ob meine Eltern an Dreyfus’ Unschuld glaubten oder ob sie auch hier verschiedener Meinung waren, doch ich verdanke dem Fall Dreyfus eine wichtige, ja grundlegende Erkenntnis.

Nach Zolas ›J’accuse‹ bestellte meine Mutter bei einer Wiener Buchhandlung alle seine Romane, und die gelb eingebundenen Bände kamen im Bücherschrank meines Vaters hinter Schloss und Riegel. Aber da meine Mutter ziemlich vergesslich und sorglos war, ließ sie das Buch, das sie gerade las, immer herumliegen, im Garten, im Speisezimmer, ja sogar in der Küche. Ich fand die Bücher und las sie, in den Unterrichtsstunden, versteckt unter meinen Schulbüchern, während Fräulein Marie sich mit ihrer komplizierten Frisur befasste.

Einen unvergesslichen Eindruck machte ›Une Page d’Amour‹ auf mich. Er ist keiner von Zolas besten Romanen, aber er enthüllte mir dennoch Dinge, die mir bis dahin ein unerschlossenes Mysterium geblieben waren.

In ›Une Page d’Amour‹ wurden geschlechtliche Dinge beschrieben, zwar auch sehr geheimnisvoll, doch äußerst attraktiv. Ich wurde bald zu ungeduldig, um es nur in Bruchstücken zu lesen. Es gelang mir, das Buch aus dem Bücherschrank zu entwenden. Ich versteckte es unter meinem Kopfkissen und versenkte mich nachts, trotz Ruzias Warnung, beim Licht einer gestohlenen Kerze in das Buch. Seine zwölf Jahre alte Heldin – ein faszinierendes Kind – war, soviel ich mich entsinne, herzkrank, und ihre Mutter, eine Witwe, hatte eine stürmische Liebesaffäre mit dem Arzt des Kindes. Natürlich identifizierte ich mich mit dem kleinen Mädchen so sehr, dass ich nicht mehr essen konnte, blass aussah und Ringe unter den Augen hatte. Ich musste meine heimliche Lektüre büßen. Man zwang mich, löffelweise scheußlich schmeckenden Lebertran zu schlucken.

Nachdem wir ein paar Monate auf der A–B promeniert waren, hatte Fräulein Marie eine Liebschaft, doch unser Leben und der Unterricht gingen wie gewöhnlich weiter. Er war Infanterieoffizier, ein Mohammedaner, worüber wir uns lustig machten. Sein Vorname war Murad, Fräulein Marie verriet uns, dass sie heimlich mit ihm verlobt sei. Aber Njanja erzählte uns, dass Murad noch ein anderes Mädchen hätte. Wir waren nicht überrascht – er war ja Türke! Marie wurde immer nervöser und bekam, wenn man sie nur im geringsten reizte, Wutanfälle. Als sie eines Tages entdeckte, dass unter meinen französischen Konjugationen ein Buch lag, war die Hölle los. Ich war so sehr in das Buch vertieft – diesmal war es ›Nana‹ –, dass ich gar nicht bemerkte, dass sie neben mir stand. Voller Zorn schlug sie mich ein paarmal ins Gesicht. Mein Hass war grenzenlos. Ich beschloss, sie zu ermorden. Sie muss es in meinen Augen gelesen haben, denn von da an behandelte sie mich mit zunehmender Härte. Sie versuchte nie, mit mir zu debattieren oder an mein Herz zu appellieren, das durch Güte immer so leicht zu gewinnen war. Ich hasste sie so sehr, dass ich oft nicht nur davon träumte, sie umzubringen, sondern mir auch ausmalte, wie ich ihr einen höchst qualvollen und grausamen Tod bereiten könnte.

Als wir eines Tages heimkamen, machte Marie mir eine Szene. Leutnant Murad, sagte sie, habe ihr erzählt, dass ich schamlos mit den Offizieren flirtete. Ich war noch keine elf Jahre alt. Sie sagte, ich sähe sie herausfordernd mit halbgeschlossenen Augen an. »Aber ich muss meine Augen zusammenkneifen, sonst kann ich nichts sehen!«, schrie ich zur Verteidigung. Ich war so empört, dass ich heulend zu Mama lief, um mich über Marie zu beschweren. Doch nicht einmal meine Mutter glaubte mir. Marie hatte ihr vor kurzem erzählt, ich versuchte sie, Mama, die kurzsichtig war, zu imitieren. Sie trug nur beim Notenlesen eine Brille und benutzte in der Öffentlichkeit eine Lorgnette. Marie nahm an, ich wolle auch eine Lorgnette haben. Meine Tränen und die Unterstützung durch Ruzia und Edward bewegten schließlich meine Mutter dazu, mit mir zum Arzt zu gehen, und ich bekam recht. Ich war nicht nur kurzsichtig, sondern es bestand auch die Gefahr, dass ich vom Hocken über meinen Büchern und Schulaufgaben ein krummes Rückgrat bekam. Meine Mutter hatte wohl die bucklige Gestalt von Großtante Nadine vor Augen, als sie eilends mit mir nach Lemberg fuhr, um von einem berühmten Orthopäden meinen Rücken untersuchen zu lassen.

4

Meine Eltern beschlossen, mich in einem Lemberger Pensionat unterzubringen. Die Tochter eines Kollegen meines Vaters war dort erzogen worden, und meine Mutter war von ihrer Bildung und ihrem guten Benehmen so begeistert, dass sie dieselbe Schule für mich wählte.

Das Urteil, das Dr. G., der berühmte Orthopäde, nach einer gründlichen Untersuchung fällte, war recht tröstlich. Die Schwäche meines Rückgrats sei nicht schlimm, und die leichte Krümmung werde durch Übungen in seinem orthopädischen Institut bald behoben sein. Ich sollte jeden Nachmittag zwei Stunden zu Streckübungen und Massagen kommen. Außerdem sollte ich ein Spezialkorsett tragen und auf einer harten Matratze schlafen. Das Korsett, eine scheußliche Stahlkonstruktion, bedeutete einen harten Schlag. Ich wehrte mich dagegen und flehte den Doktor an, es wenigstens nicht in der Schule tragen zu müssen, doch er sagte, ich solle froh sein, dass ich nicht einen Gipsverband tragen müsse wie das kleine Mädchen, das ich im Wartezimmer gesehen hätte, und dass der Erfolg der Behandlung vor allem davon abhänge, dass ich das Korsett auch bei meinen Schularbeiten trüge. Ich musste versprechen, es gewissenhaft zu tragen. Er sprach sanft und freundlich. Während er sich meinen erbitterten Protest anhörte, wandte er seine blauen, lächelnden Augen keinen Moment von den meinen ab.

Zwei Schwestern aus dem russischen Teil Polens hatten in Lemberg eine Schule eröffnet, in die, obwohl es kein richtiges Pensionat war, einige Kinder aufgenommen und wie Familienmitglieder behandelt wurden.

Sophie Czarnowska war fast fünfzig, sehr klein, dick und höchst unansehnlich. Ihre Wangen und ein Teil der Stirn waren von purpurnem Ausschlag bedeckt, der sie immer erhitzt und aufgeregt erscheinen ließ. Ihr mausgraues Haar war nachlässig zurückgekämmt, und beim Sprechen sah man ihre schlechten Zähne. Doch als sie mich mit ihren gütigen, prüfenden Augen ansah und ein warmes Lächeln ihr armes, fleckiges Gesicht erhellte, flog ihr mein Herz sofort zu. Als sie ihren Arm um mich legte, drückte ich mich an sie. Dann starrte ich mit offenem Mund ihre Schwester an, die bald darauf hereinkam.

Wanda Dalecka war auch nicht mehr jung, aber ungewöhnlich schön. Ihr feingeschnittenes, zartes Gesicht, von weichem silbrigem Haar umrahmt, ließ sie distanziert und zurückgezogen erscheinen, was ihr einen besonderen Reiz verlieh. Die Schwestern informierten meine Mutter, dass in das Pensionat nur Mädchen aufgenommen, in der Schule selbst aber Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet wurden – in der damaligen Zeit etwas völlig Unerhörtes. Meine Mutter zögerte deutlich, doch als Sophie ihr sagte, dass Religionsunterricht nur Kindern erteilt würde, deren Eltern es wünschten, beschloss sie, mich dort zu lassen. Es war kein Schlafzimmer für mich frei, und ich musste in einem Klassenzimmer auf einem Diwan schlafen. Ich hatte dort meinen Schrank und mein Pult, und außer in den Schulstunden hatte ich das Gefühl, ein eigenes Zimmer zu haben.

Im Speisezimmer schenkte die alte Pani Czarnowska, Sophies und Wandas Mutter, aus einem großen kupfernen Samowar Tee ein. Neben ihr saß ein Riese. Er war wohl über 1,90 Meter groß und hatte einen langen grauen Rübezahlbart und eine dröhnende Stimme. Es war Bronislaw Schwartze, einer der wenigen Überlebenden der Schlacht von Praga (einer Vorstadt von Warschau) beim Aufstand von 1863. Französischer Staatsbürger, doch polnischer Abstammung, hatte er sich aktiv an der Organisation des Aufstands beteiligt, war gefangengenommen und zum Tode verurteilt worden. Die persönliche Intervention der Kaiserin Eugenie rettete ihn im allerletzten Moment vor der Hinrichtung. Das Todesurteil wurde in lebenslange Haft auf der Festung Schlüsselburg umgewandelt.

Sieben Jahre lang hatte Schwartze ohne Bücher, ohne Zeitungen und ohne Nachrichten von der Außenwelt in Einzelhaft gesessen. Das einzige, was man ihm außer der Gefangenenkost zugestand, waren Zigaretten, und mit der unglaublichen Erfindungsgabe, mit der ein schöpferischer Geist Gefängnisgitter überwindet, benutzte er die langen Papiermundstücke der russischen »Papyros«, um mit abgebrannten Streichhölzern darauf zu schreiben: zahllose Gedichte, ein Tagebuch und ein politisches Testament, das, wie er hoffte, die Welt eines Tages zur Vernunft bringen würde.

Um mich aufzuheitern, fragte mich der Riese, ob ich Mazurka tanzen könne, und als ich ja sagte, sprang er erfreut auf, nahm mich bei der Hand und tanzte, laut mit seiner Bassstimme singend, mit mir im Zimmer herum. Der Samowar und die Gläser mit den Löffeln darin wackelten und klapperten, und alle lachten, während sie zusahen, wie der große, bärtige Mann mich herumschwenkte, sich galant verbeugte und vor mir niederkniete. Dann hob er mich, um auch den letzten Rest meines Heimwehs zu vertreiben, mit einem Schwung hoch empor – und stieß mich fast mit dem Kopf an die Decke. Wir hatten für immer Freundschaft geschlossen.

An diesem Nachmittag lernte ich noch ein älteres polnisches Ehepaar kennen, ebenfalls politische Emigranten aus Warschau. Herr Poznanski unterrichtete an der Lemberger Universität Literatur, seine Gattin, eine hübsche, melancholische Frau, half Fräulein Sophie in der Schule. Was mir sofort auffiel, waren die breiten schwarzen Samtbänder, die sie um ihre Handgelenke trug. Später erfuhr ich, dass sie hässliche rote Narben verbargen, die von der schweren Kette stammten, die sie hatte tragen müssen, als sie in einem Gefangenenkonvoi nach Sibirien marschierte. Sie und ihr Mann waren bei einem Aufenthalt im Ural getraut worden, er an einen Mörder gekettet, sie an eine syphilitische Dirne.