Gilles Rozier

Im Palast
der Erinnerung

Roman

Aus dem Französischen übertragen von Claudia Steinitz und Barbara Heber-Schärer; aus dem Jiddischen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme; aus dem Hebräischen von Ruth Melcer.

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ISBN 978-3-8477-5334-6

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Die Originalausgabe erschien im Jahr 2011 unter dem Titel D’un pays sans amour.

Im Palast der Erinnerung von Gilles Rozier ist Oktober 2012 als dreihundertvierunddreißigster Band der Anderen Bibliothek erschienen.

Die limitierte gedruckte Ausgabe ist erhältlich im Abonnement ab-abo.de oder als Einzelband unter:

http://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Im-Palast-der-Erinnerung::413.html

Übersetzung: Claudia Steinitz und Barbara Heber-Schärer

Covergestaltung: Iris Farnschläder

Herausgabe: Christian Döring

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Inhaltsübersicht

Impressum

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Kapitel 01

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Übersetzungen der Gedichte

Dank

Andere zitierte Werke

Anmerkungen

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründete Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen – »Gepriesen und geliebt« (Frankfurter Allgemeine Zeitung). An dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert:

DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist die »schönste Buchreihe der Welt« (Die Zeit).

Seit Januar 2011 wählt der Herausgeber Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. In Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit drei Jahrzehnten nichts geändert: »Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten.«

Das Programm der ANDEREN BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Es gilt der »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

– Jeden Monat erscheint ein neuer Band, von den besten Buchkünstlern gestaltet.

– Die Originalausgabe erscheint in einer Auflage von 4.444 Exemplaren – limitiert und nummeriert.

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ie verlangen also von mir, Erinnerungen heraufzubeschwören, junger Mann, nach denen ich jahrelang unaufhörlich gesucht habe; aber in letzter Zeit kam es mir vor, als sei die Stunde gekommen, sie ruhen zu lassen; nicht dass ich irgendwie Ruhe gefunden hätte, aber es vergingen Tage, Wochen, Monate und schließlich Jahrzehnte, es schien vergeblich, ein Erinnerungsquentchen, ein einziges Bild einfangen zu wollen, das wenn nicht tröstlich, so doch wenigstens beruhigend wäre.

Sie bitten mich, von einer für immer versunkenen Welt zu erzählen, aber selbst wenn es mir gelänge, die Ereignisse in die Reihenfolge zu bringen, in der sie sich abgespielt haben, oder vielmehr in der mein Gedächtnis sie festgehalten hat, wie könnte ich Sie die Luft einer Zeit atmen lassen, die es nicht mehr gibt, die Gerüche des Marktes nach Kohl, Kartoffeln, nach den Hühnern in ihrem Käfig, ehe sie unter das Messer des Schlachters kamen, den Heringen in ihren Fässern … und den hartnäckigen Tabakdunst im Literatenverein, wo ich meine ersten Lebensjahre damit verbracht habe, auf allen vieren zwischen den Stiefeln eines Dichters aus Galizien und eines Romanautors aus dem Warschauer Armenviertel herumzukrabbeln – und selbst wenn ich es könnte, was sagen Ihnen die Namen Markisch, Warschawski, Singer, Rawizc, gemessen an dem, was sie bei mir hervorrufen? Haben Sie je von Zusman Segalowicz und Jechiel-Jeschaje Trunk gehört? Kann man teilen, was der andere gar nicht kennt? Wie könnte ich Ihnen von dieser Zeit und diesen Orten in Ihrer Sprache erzählen, während man an den Tischen des Vereins vor allem Jiddisch und ein bisschen Hebräisch sprach, Polnisch, um zu fluchen, und andere Sprachen aus angrenzenden Ländern, mit Wörtern, die manche Mitglieder aus ihrem Babylon mitgebracht hatten, ein wildes Kauderwelsch. Rumänisch, Ukrainisch, Russisch sind für Sie so fern, kaum vorhanden, so tief sind Sie im Abendland verwurzelt, doch ich bestehe aus ihnen. Sogar nach all der Zeit höre ich sie noch, aber könnte ich sie wiedergeben? Und mehr als der Klang jeder einzelnen – den hören Sie in Moskau, Bukarest, Lviv, Warschau, Tel Aviv oder New York – ist es das Konzert, das aus ihrem Zusammenklang entstand und nicht mehr entstehen wird, das ich nicht für Sie zurückholen könnte, so wie ich es gehört habe, in mir tönt es noch, zum Verrücktwerden. An manchen Tagen möchte ich, dass es verschwindet, dass die letzte Geige dieses Orchesters aufhört zu kratzen, so wie die Musiker der Abschiedssymphonie einer nach dem anderen den Orchestergraben verlassen, nachdem sie ihre Kerze gelöscht haben.

Mein Lichtlein wird auch bald verlöschen, es ist mir gelungen, Ordnung in meinem Leben und dem der Menschen meiner Kindheit zu schaffen. Ich habe sie, nachdem ich ihr Leben durch Recherchen rekonstruiert hatte, in die Regale einer Bibliothek einsortiert, und da tauchen Sie auf und verlangen Rechenschaft. Schon bei Ihrem ersten Brief habe ich bemerkt, dass Sie nicht einfach ein weiterer Student sind, der mir eine Frage über Warschau stellt, oder ein Historiker über Tarnopol. Ich wollte Sie abweisen, aber ich wusste, es wäre verlorene Mühe. Sie wollten nicht nur wissen, sondern erleben, nacherleben, das Ganze erfassen, ich habe gespürt, dass Sie mich bitten würden, alles wiederzugeben. Und wenn eine Kleinigkeit fehlte, die Farbe einer Tapete oder der Vorname einer Kellnerin im Verein, dann wären Sie unbefriedigt und fänden, ich hätte meine Aufgabe nicht erfüllt. Wie soll ich mich erinnern, wir sprechen schließlich von Erlebnissen, die mehr als sechzig Jahre her sind. Wie könnte mein Gedächtnis so viel bewahrt haben? Sie sagen, Sie seien zu mir gekommen und nicht zu jemand anderem, weil Sie mir vertrauen; was für eine Verantwortung auf meinen alten Schultern! Man kann sich nicht an alles erinnern. Und selbst wenn ich dazu imstande wäre, wie soll ich Ihnen erzählen, dass zu der Zeit, als Perez Markisch im Literatenverein in der Tłomackiestraße 13 Der Haufe deklamierte, ein Pfund Geflügelleber an den Ständen in der Miłastraße für drei polnische Mark gehandelt wurde, und dass der große Schriftsteller Schlomo An-Ski seinen letzten Seufzer tat, ohne seinen Dibbuk auf einer Theaterbühne zu sehen. Eine Myriade von Einzelheiten drängt sich in mir, manchmal habe ich Schwierigkeiten, sie zu ordnen, deshalb habe ich so viel gesucht und so viel sortiert. Aber wie kann ich heute die ganze Vielschichtigkeit eines Reiches wiedergeben, das nicht mehr existiert? Denn schauen Sie, ich bin in einem jüdischen Reich geboren, in einer Stadt, wo Sie ein Leben lang keine andere als jene Sprache zu sprechen brauchten, die ein Jahrtausend zuvor an den Ufern des Rheins entstanden und an der Weichsel wie zu Hause war, zumindest dachte sie das. Ein Königreich mit seinen Herren und seinen Untertanen, seinen Grenzen und seinem Territorium: der Sprache. Ich bin keine Mathematikerin. Die von den Griechen geerbten abstrakten Konstruktionen haben mir Angst gemacht, seit man sie mir in der Grundschule beizubringen versuchte, denn sie münden ins Unendliche, die Zahlen sind Abgründe, ich meide sie; ich kann bis zehn zählen, bis hundert vielleicht, tausend und zweitausend sind Höhen, in denen man noch atmen kann, aber weiter oben schwanke ich, ich bekomme keine Luft mehr … und dieser Schwindel rührt nicht von meinem hohen Alter her, ich habe Angst, mich im Unzugänglichen zu verlieren, wie ich auch nicht auf dem Land wohnen kann, denn beim Anblick des Himmels gerate ich in Panik, nachts die unendlich vielen Sterne zu sehen ist mir unerträglich. Wenn ich die Augen auf das Himmelsgewölbe richte, wird mir gegen meinen Willen unser winziges Leben und die Unmöglichkeit bewusst, diese Sterne mit einem Blick zu umfassen. Die Menschheit sollte zahlreich sein wie die Sterne am Himmel, das war die Verheißung des Anfangs, und es ist gelungen. Wir sind mehr als sechs Milliarden auf der Erde, dabei war die Menschheit vor ein paar zehntausend Jahren kaum mehr als eine Familie, hunderttausend waren wir zur Zeit des Neandertalers. Heute kann man die Menschen auf der Welt nicht zählen, ein Computer zeigt dir einen Zähler, wie eine Digitaluhr, du schaltest ihn früh um zehn ein, und wir sind 6 650 280 127, du stehst ein paar Minuten auf, gießt dir einen Tee ein, setzt dich wieder, trinkst den ersten Schluck, klickst noch mal auf den Bildschirm, und wir sind 6 650 280 499. Im Nu, nach dreimal Rühren in einer feinen Porzellantasse sind wir 327 Menschen mehr, 353 000 werden jeden Tag geboren und 200 000 sterben, ich spreche von Schätzwerten, wie soll man genau wissen, wie viele geboren, wie viele gestorben sind; und vor allem, wer sie sind. Soll ich Ihnen jeden Tag die Namen der Neuankömmlinge und der Verschwundenen nennen? Dieses unsinnige Bevölkerungswachstum ist überwältigend, wohin geht der Mensch? Warum so zahlreich werden wie die Sterne am Himmel? Welchen Segen bringt das der Erde? Was haben wir gewonnen, wenn wir in Türmen mit zweihundert Etagen oder in unterirdischen Städten leben? Ist nicht nach dem Hinscheiden noch Zeit genug, in die Hölle hinabzusteigen, müssen wir schon zu unseren Lebzeiten auf das Tageslicht verzichten, unseren Wohnsitz in der Unterwelt nehmen? Wie könnte ich von dieser Wirklichkeit berichten, Tag für Tag die Schmerzen jeder einzelnen Frau beschreiben, unter denen sie eins dieser 200 000 Kinder zur Welt bringt? Die Aufgabe ist übermenschlich, ich kann es nicht, wer wäre dazu imstande, wollen Sie mich in den Wahnsinn treiben? Welcher Dämon steckt in Ihnen? Warum verlangen Sie diese Rechenschaft? Können Sie mich nicht in Ruhe sterben lassen? Ist es eigentlich Zufall, dass ich Ihren Brief auf den Tag genau ein Jahr nach dem Tod des letzten Mitglieds des Literatenvereins erhalte? Seltsamer Jahrestag. Der letzte Kriegsveteran von Verdun war auf allen Titelseiten, aber niemand hat vom letzten Mitglied des Vereins gesprochen. Welches Land hätte ihn auch feiern sollen? Ich bin die Einzige, die sich an ihn erinnert. Ich liege im Schlafzimmer meiner Wohnung, es grenzt an die Bibliothek, in der ich die Beweise aufbewahre, dass dieses Reich existiert hat. Ich habe die Zeitschriften, die Flugblätter, die Fotos, die Manuskripte geordnet, die ich mein Leben lang zusammengetragen habe, um mich zu vergewissern, dass ich nicht geträumt hatte, dass es in Warschau tatsächlich einen Jiddischen Literaten- und Journalistenverein gegeben hat, dass dort auf Jiddisch geschrieben und deklamiert wurde, dass ich nicht den Verstand verloren hatte. All diese Beweise habe ich in der Bibliothek direkt neben meinem Schlafzimmer. Manchmal, oft, immer, fast jeden Tag, jeden Tag gehe ich an meinem Stock hinüber, setze mich in den theaterrot bezogenen Art-déco-Sessel, den ich in die Mitte gestellt habe, lasse mich in die Polster sinken, auch wenn ich später Mühe habe, wieder aufzustehen, und lege den Kopf nach hinten, als wollte ich in den Himmel schauen; aber Gott sei Dank gibt es eine Decke, mein Firmament ist weiß, etwas vergilbt von den Jahren und von Holz durchzogen, denn die Balken des Dachstuhls sind unverkleidet. Ich bleibe mitten im Zimmer sitzen, die Wände sind mit meinen Reliquien bedeckt, den Büchern aus dem Leben meines Vaters, aber sein Leben ist mein Leben, ich habe überlebt, damit er weiterlebt, und so lange ich lebe, wird er leben, ich bleibe an diesem Ort, den ich mir als Grab wünschen würde. Ach wäre ich doch eine ägyptische Prinzessin, die man mit den Dingen ihres Lebens begräbt, den Büchern und Manuskripten meines Vaters und seiner Freunde. Es heißt, Dinge seien leblos, aber das ist eine Lüge, glauben Sie keinem, der blind ist für die Macht der Dinge. Ich habe sie immer als Persönlichkeiten betrachtet. Ich habe mich mit denen umgeben, die ich liebe. Eine Zuckerdose auf einem Tisch gefällt mir nicht, und mein Tag ist verdorben. Ein Fleck auf einem Sofa, und meine Welt bricht zusammen. Sie werden sagen, meine Welt sei schon völlig zusammengebrochen, wie kann sie es noch mehr? Das ist so: Ich kann Dingen gegenüber nicht gleichgültig bleiben. Deshalb habe ich diese Dokumente gesammelt und lebe in ihrer Mitte. Ich setze mich jeden Tag in den roten Sessel, den ich nach langem Suchen bei einer Trödlerin in Warschau wiedergefunden habe. Er stand früher mit anderen im Foyer des Literatenvereins, er ist wie durch ein Wunder der Zerstörung entgangen. Die Tłomackiestraße wurde dem Erdboden gleichgemacht, die prächtige Synagoge, die dort thronte, war nur noch ein Schuttberg. Übrig blieb nur, eine Zeitlang, ein Stück Mauer und der große, etwas verbogene siebenarmige Leuchter, ein Bild, das um die Welt ging und zum Symbol der Zerstörung meines jüdischen Reiches geworden ist. Der rote Sessel ist übriggeblieben. Das Gebäude, in dem er stand, wurde keineswegs verschont. Die Nummer 13 in der Tłomackiestraße hat die Bomben und Flammenwerfer, die Liquidierung des Ghettos im Frühjahr 1943 und schließlich die Zerstörung ganz Warschaus nach dem Aufstand im August 1944 nicht überstanden. Aber der Sessel war in einen Keller gebracht worden. Fand ein Kämpfer während des Aufstands darin ein bisschen Ruhe? War der Sessel im Hauptquartier der Aufständischen unter der Miłastraße 13 gelandet? Ich habe es nicht herausbekommen, ich habe mich bei den Überlebenden erkundigt, habe Marek Edelman in Łódź, Antek Zuckerman in seinem Kibbuz in Galiläa gefragt, ich dachte mir, dass Mordkhe Anielewicz darin vielleicht eine letzte Zigarette geraucht hat, ehe er sich das Leben nahm, aber man weiß es nicht. Ich habe den Sessel auf einem Flohmarkt in der Obozowastraße wiederentdeckt. Den gibt es immer noch, Sie können es überprüfen, wenn Sie wollen. Ich spreche vom heutigen Warschau, der irdischen, von Polen bewohnten Stadt, nicht von der Himmelsstadt, die nur noch in den Regalen meiner Bibliothek und in meiner Erinnerung existiert; ich spreche von der, die Sie finden, wenn Sie ein Flugzeug nach Warschau nehmen, Hauptstadt der Republik Polen, 1 655 000 Einwohner nach der Ausgabe 1994 meines Lexikons, aber die Bevölkerung hat sich seit damals geändert, das steht fest. Warschauer sind gestorben, andere sind geboren, sie hören nicht auf, zur Welt zu kommen und sie zu verlassen, es ist verrückt, wie die Zeit und die Menschheit rast, ich komme nicht mehr nach, bei der Vorstellung bekomme ich furchtbare Migräne, also muss ich mich schonen, ich bin sehr alt, wissen Sie. Deshalb mag ich diese Stadt nicht: Sie verändert sich unaufhörlich, sie kann nicht stillhalten, dabei wünsche ich sie mir erstarrt, wie in meiner Erinnerung. Wie kann Warschau noch leben, während mein Varshe tot ist? Als ich ihn am Stand einer alten Dame mit lauerndem Blick sah, erkannte ich einen der Sessel, in denen die Ehrengäste versanken, während man ihnen Tee servierte. Der Stoff ist etwas abgewetzt, an der rechten Armlehne ist ein Zigarettenloch. Wer hat es gemacht? Welcher aufbrausende Schriftsteller hat im Eifer eines literarischen Streits die Glut auf den roten Samt fallen lassen? Ich werde es nie erfahren, aber ich stelle sie mir einzeln vor, Hirsch-Dovid Nomberg, Melech Rawizc, Hillel Zeitlin, Israel-Joschua Singer, Itsche Mejer Weissenberg. Oder auch eine Frau, die Dichterin Rochl Korn, wenn sie aus der Provinz kam, um ihren Geliebten zu treffen, oder irgendeine Halbweltdame am Arm eines leichtfertigen Theaterautors. Wenn ich einen dieser Schriftsteller wiederlese, sehe ich ihn in dem Sessel sitzen, durch die Literatur bin ich bei ihm. Ich richte den Blick auf das Zigarettenloch und betrete jene Welt, ich bin wieder dort, ich bin der Rauch ihres Tabaks, ich wirble zwischen ihnen herum.

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ch hatte eine der renommiertesten französischen Verwaltungshochschulen besucht, meine Laufbahn war vorgezeichnet. Nach der Überreichung der Diplome hatte ich im Jahrbuch der Ehemaligen geblättert. Ich stellte mir vor, ich würde in ein paar Jahren einer von diesen Managern sein, die unsere Wirtschaft in Schwung halten. Ich würde eine große Wohnung und ein schönes Auto haben, würde reisen, wann ich Lust hätte, ich müsste mir nur ein Ticket zu dem gewünschten Ziel kaufen und die Rechnung mit meiner Kreditkarte bezahlen.

Ich hatte mühelos eine Stelle in einer Bank gefunden, aber an dem Tag, als ich die Schwelle des prächtigen Gebäudes überschritt, erlebte ich einen Schock. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass mein Lebenszweck darin bestehen sollte, Tag für Tag anderer Leute Geld zu verwalten, zum Wohl eines Aktionärs, der wahrhaftig genug zum Leben hatte. Warum hatte ich das nicht geahnt? Warum musste ich erst an diesem Schreibtisch sitzen, um zu begreifen, dass das nicht mein Leben war? Aber was war mein Leben? Eine strahlende Zukunft hatte sich in einen Albtraum verwandelt. Als ich versuchte, mir meine Zukunft vorzustellen, sah ich keine glänzende Karriere, keine große Wohnung mehr, ich sah nichts. Gar nichts. Oder ein gesichtsloses Monster. Ich glaubte, ich würde nie wieder aus dieser Bank herauskommen und zeitlebens den ganzen Tag auf die Uhr starren, während die anderen neu Eingestellten ihre ganze Energie aufwendeten, um sich vor der Geschäftsleitung auszuzeichnen.

Nach Feierabend, nach den Tagen, die mir wie im Gefängnis verbrachte Nächte vorkamen, besuchte ich Flohmärkte und Bouquinisten und gab mein Gehalt für Bücher, Postkarten und Dinge aus der Vergangenheit aus. Ich ging am Trocadéro spazieren, flüchtete mich in die Zwischenkriegsarchitektur. Manche bezeichneten diesen Stil als mussolinisch, aber war es denn meine Schuld, dass diese reinen Linien ihre Glanzzeit erlebt hatten, als Europa sich allen Spielarten des Faschismus überließ?

Die Anhäufung alter Gegenstände war meine Art, vor der Gegenwart und der Angst vor der Zukunft zu fliehen. Die Vergangenheit war etwas Sicheres, man wusste, was einen erwartete. Ravaillac hat Henri IV. ermordet, Charlotte Corday hat mit Marat abgerechnet, diese Momente haben zwar die Geschichte einer Nation verändert, aber selbst die schlimmsten Geschehnisse machen keine Angst mehr, weil sie vergangen sind. Mein Kopf war voll mit solchen Erschütterungen, vor allem jedoch mit Dingen, die im Verhältnis zur ganzen Welt winzige Zuckungen, für mich aber beträchtlich waren: der Familiengeschichte. Diese Vergangenheit erschreckte mich viel mehr. Ich kam nach einer Abfolge von Toten. Als läge ein Fluch über mir, blieb ich der Letzte. Das Gemetzel hatte bereits vor meiner Geburt begonnen. Mein Vater war Waise. Seine Eltern waren im Abstand von einer Woche an der Grippe gestorben. Ja, an der Grippe. Das ist so dumm, dass ich es kaum zu erzählen wage. Sie sind nicht einmal bei einer großen Epidemie umgekommen. Die Krankheit hatte relativ wenige Opfer gefordert, aber meine Großeltern hatten zu ihnen gehört. Schlimmer noch: Diese Grippe hatte sie während des Krieges getötet. Wie soll man so etwas zugeben? Wie kann man so sterben, während so viele andere auf dem Feld der Ehre gefallen, auf den Straßen des Exodus umgekommen, von Bomben getötet, wegen Widerstands erschossen, bei der Deportation ermordet, als Kollaborateure liquidiert worden sind? Käme man bei jemand, der 1943 gestorben ist, auf die Idee, dass ihn ein böses Fieber dahingerafft hat?

Meine Mutter hat die ihre nie gekannt: Sie war im Kindbett gestorben. Ebenfalls während des Krieges. Vielleicht haben meine Eltern sich deshalb kennengelernt. Diese banalen Tode haben sie einander nähergebracht. Der einzige Großvater, der bei meiner Geburt noch lebte, starb, als ich sechs Jahre alt war. Sein Tod war weniger unpassend – er hatte Krebs –, obwohl er relativ jung war. In einer anderen Familie wäre er vielleicht normal erschienen, in unserer wurde er als hartnäckiges Schicksal erlebt. Ich erinnere mich kaum an seinen Tod. Ich habe nur das Bild meiner in Tränen aufgelösten Mutter vor Augen, damals fragte ich mich: »Was habe ich getan, das sie so traurig macht?« Ich war im Tod geboren: Die Meinen waren schon lange vor meiner Geburt vom Verlust dreier Eltern beherrscht, und diese Herrschaft wurde vom Tod meines Großvaters noch einmal bekräftigt. Ich war das einzige Kind, eine zweifelhafte Krone, die ich zu tragen hatte. Meine Mutter war es auch, und mein Vater hatte eine Schwester, die kinderlos blieb.

Bei uns klingelte nie jemand, wer auch? Ich war noch nicht erwachsen, als auch meine Eltern starben. Mein Vater erlag mit zweiundvierzig Jahren, im gleichen Alter wie seine Eltern, einem Herzinfarkt, der niemand überraschte. Nichts in seinem Leben ließ darauf schließen, dass er alt werden würde. Meine Mutter folgte ihm sechs Monate später. Ich bin nicht sicher, dass sie vor Kummer starb. Aber diese Anhäufung gab ihr den Rest. Und ich bei alledem? Ich war plötzlich allein und wusste nichts über meine Familie. Was weiß man mit siebzehn schon von den vorangegangenen Generationen? Wie soll man etwas über die Schwächen und Freuden eines Geschlechts erfahren, wenn es nicht existiert? Ich kannte keine Familientreffen, bei denen sich die Verwandten entzweien und verborgene Geschichten ans Licht kommen. Ich wusste überhaupt nichts, abgesehen von dem, was ein Familienbuch erzählen konnte: Vater in Paris als Kind einer Mutter aus Boulogne-sur-Mer und eines Vaters aus Versailles geboren; Mutter in Paris geboren, als Kind eines aus Bordeaux stammenden Vaters und einer Mutter, die in Warschau geboren war.

Warschau. Das war die große Überraschung. Meine Großmutter mütterlicherseits war keine Französin. Sie hieß Anna Janowska. Meine Eltern hatten mir nie von ihr erzählt, aber weder meine Mutter noch mein Vater hatten sie ja gekannt. Ich hatte nie ein Wort Polnisch aus dem Mund meiner Mutter gehört, und ich erinnerte mich nicht, dass sie irgendeinen Brief aus Polen erhalten hätte. Warschau war der Name einer Hauptstadt, er bedeutete nichts, bis ich ihn im Familienbuch geschrieben sah.

Meine Mutter starb in dem Jahr, in dem ich Abitur machte. Kurz darauf sollte ich achtzehn werden. Das Jugendgericht hielt es für unnötig, mich für wenige Wochen unter Vormundschaft zu stellen. Ich blieb in der elterlichen Wohnung, allein mit meiner Trauer und der überraschenden Entdeckung. Das Gefühl der Einsamkeit war erdrückend. Ich hatte niemanden mehr, der mir sagen konnte, welchen Weg ich im Leben einschlagen sollte. Jemand anderes hätte das als Chance begriffen. Ich dagegen hatte Angst, dass die Freiheit, zusammen mit der Verzweiflung, mich um den Verstand bringt. Ich klammerte mich an den Wunsch meines Vaters, über seinen Tod hinaus. Er war Versicherungsvertreter und träumte davon, dass ich Bankier würde; soll heißen: Direktor einer Bank. Ich bin diesem Willen gefolgt, wie ein Auto, dessen Fahrer das Bewusstsein verloren hat, vom eigenen Schwung mitgerissen, weiterrollt. Ich habe diese Laufbahn eingeschlagen. Ich habe die Aufnahmeprüfung an einer der großen Hochschulen glanzvoll bestanden. Erst fünf Jahre später, am Morgen meines ersten Arbeitstages, bemerkte ich meinen Irrtum: Dafür war ich nicht gemacht.

Und dann bin ich bei einem Bouquinisten zufällig auf ein Buch gestoßen, das etwa ein Jahrzehnt zuvor erschienen war. Eine witzige Zeichnung von Marc Chagall auf dem Umschlag war mir ins Auge gefallen: Ein Eiffelturm und auf halber Höhe ein kleiner Mann, der eine schwarze Fahne schwenkt; ein anderer rittlings auf der Turmspitze hält ein hebräisches Spruchband. Der Titel war merkwürdig: Khaliastra. Darunter stand: Warschau – Paris. Das Wort Warschau hatte meine Aufmerksamkeit gefesselt. Ich blätterte in dem Buch und hielt bei einem Gedicht, Die Welt am Abgrund von einem gewissen Uri-Zwi Grinberg inne, von dem ich noch nie gehört hatte. Die paar Zeilen, die ich an Ort und Stelle im Stehen las, haben mich überzeugt, den Band zu kaufen. Dichter Regen prasselte auf das Pariser Pflaster, der Himmel war düster. Ich bin nach Hause gegangen, habe mir eine Tasse Tee gemacht und im Kamin im großen Familienwohnzimmer, das nur noch mich beherbergte, Feuer angezündet. Am Feuer zu lesen war eines meiner größten Vergnügen, deshalb beruhigte ich mein Gewissen: Ich fuhr immer Fahrrad, da konnte ich mir ruhig erlauben, im Kamin etwas Kohlendioxyd zu produzieren. Ich setzte mich in meinen Sessel, ebenfalls Art déco, ebenfalls rot, und las in dem neu erworbenen Band auf der Seite mit dem Gedicht weiter.

Mutter, wir kommen aus einem Land ohne Liebe,

wo auch Gott nicht ist.

Da ist Sintflut im Kopf, da ist Dämmrung im Blut.

Die finstere Erde ein blinder Planet –

Oh weh, wie liegt sie schwarz

unter Häusern und Füßen!

Hätte sie offene Augen und Lippen zum Murren –

Weh mir, von den Tagen der Schöpfung bis heute!

Und der Himmel ist böse,

Voller Wolken und böse:

Er verwehrt der Lippe des Baumes die Milch aus seiner wolkigen Brust.

Der Dichter fasste Ängste, die mir vertraut waren, in Worte: das Gefühl, in einer unkontrollierbaren Welt, meiner Welt, gefangen zu sein. Ich war Uri-Zwi Grinberg. Dieser zornige Mann war ich. Denn nach dem Tod meiner Nächsten hatte ich einen noch größeren Schmerz erlebt, der mein Leben sinnlos gemacht hatte.

Das Buch war die französische Übersetzung einer Zeitschrift, von der nur zwei Nummern erschienen waren, die eine 1922 in Warschau, die andere 1924 in Paris, daher der Eiffelturm. Warschau – Paris. Aber vor allem waren die Originale Jiddisch, nicht Hebräisch, wie ich im ersten Moment geglaubt hatte. Ich wusste nicht, dass in Warschau andere als polnische Werke gedruckt worden waren. Ich dachte wieder an Anna Janowska. Aber war sie denn … ?

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ie fragen, ob ich Uri-Zwi Grinberg gekannt habe? Natürlich. Ich kannte sie alle. Ich werde Ihnen nicht erzählen, dass ich als Kind auf seinen Knien geritten bin, denn er interessierte sich nicht für mich, er hatte nur Augen für seine beiden Freunde, für Melech und vor allem für Perez, seine beiden Brüder in der Literatur, mit denen er in Warschau Anfang der zwanziger Jahre tüchtig feierte. Die drei waren unzertrennlich. Man drehte sich auf der Straße nach ihnen um. Sagen Ihnen diese Namen etwas? Wenn Sie in Khaliastra geblättert haben, haben Sie auch Texte von Perez und Melech gelesen, denn sie gaben die Zeitschrift zu dritt heraus. Was genau wollen Sie? Nur Uri-Zwi? Bedenken Sie, junger Mann: Ich bin bei den letzten Takten meiner Abschiedssymphonie. Sie verlangen von mir, den Bogen wieder in die Hand zu nehmen, während ich ihn gerade endgültig weglegen und meine Kerze löschen wollte, bevor ich mich verabschiede. Meine Abschiedssymphonie hat vor sechzig Jahren begonnen. Denn mit den jiddischen Schriftstellern ist es nicht wie mit den anderen Bewohnern dieses Planeten: Sie lassen sich nur in eine Richtung zählen. Ihre Welt leert sich, und ihre Gräber füllen sich. Gehen Sie durch das Tor des jüdischen Friedhofs in Warschau, den man früher Genscher bejsoilem nannte. Seine Alleen sind voller Dichter und Romanciers. Auf anderen Friedhöfen irgendwo auf der Welt, in New York oder Tel Aviv sieht es nicht anders aus. Wo wollen Sie heute noch Kreißsäle finden, in denen jiddische Schriftsteller zu Welt kommen? Welcher Zähler auf welcher Internetseite verzeichnet den Saldo ihrer Geburten und Tode? Ich bin diese Buchhalterin. In meinem Palast der Erinnerung aktualisiere ich das achtbändige Lexikon der jiddischen Literatur, das von 1956 bis 1981 in New York erschienen ist. Wann immer einer meiner Schriftsteller stirbt, vervollständige ich es. Auch den ebenfalls in New York erschienenen Ergänzungsband vervollständige ich, denn Sie können sich denken, dass die Dichter seit 1986 nicht aufgehört haben zu sterben. Ich fülle die Leerstellen, ich schließe mit Bleistift die offen gebliebenen Klammern. Mein Exemplar des Leksikon ist kostbar, es ist einzigartig, falls sich nicht irgendwo auf der Welt, mehrere Zeitzonen entfernt, ein anderer Musiker der Abschiedssymphonie in gleicher Mission widmet.

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ch konnte einige Sprachen: Seit dem Gymnasium Englisch und Deutsch, Griechisch und Latein. Platon, Cicero, Catull. In der Studienzeit lernte ich Italienisch. Als die Lehrerin mich fragte, warum ich mich bei ihr eingeschrieben hätte, erklärte ich: »Damit ich Fellinis Filme im Original sehen kann.« Jetzt packte mich der gleiche Virus. Ich wollte Die Welt am Abgrund in der Originalsprache lesen können. War es auch die Sprache von Anna Janowska gewesen?

Ich suchte einen Kurs. Man verwies mich auf eine Bibliothek in der Nähe der Place de la République. Der Ort erinnerte an die alte, in ihrem Fünfziger-Jahre-Dekor erstarrte Schneiderei, die sich in meiner Kindheit in unserem Hinterhof befand. Ich öffnete in der ersten Etage eines heruntergekommenen Hauses eine Tür, auf der die Öffnungszeiten in Französisch und Jiddisch vermerkt waren. Sie führte in einen grauen Korridor. Ein altersloser Überzieher und ein Regenmantel ebenso unbestimmbaren Alters hingen an einer Garderobe, die genauso aussah wie diejenige, an die Mademoiselle Paulette, die Endkontrolleurin der Schneiderei, zur Auslieferung fertige Stück gehängt hatte, jeweils zehn in eine Stoffhülle verpackt. Aber niemand war da, um Besucher zu empfangen. Ich hörte Stimmen von rechts, folgte dem Flur in ihre Richtung, ging an den Toiletten vorbei und gelangte in ein Zimmer, in dem ein leichter Tabakgeruch hing. Dort saß eine tadellos frisierte ältere kleine Dame an einem Schreibtisch. Sie schaute auf, als sie mich bemerkte, lächelte traurig und fragte mich mit leichtem Akzent, was ich wolle.

»Ich möchte Jiddisch-Unterricht nehmen.«

»Kiwe!«

»Wie bitte?«

»Eine Sekunde.«

Ein alter Herr in einer sorgsam zugeknöpften Weste, eine halb erloschene Maiszigarette im Mundwinkel, tauchte hinter einem Regal auf. Die Dame sagte etwas zu ihm, das ich nicht verstand. Der Herr, der also Kiwe hieß, wandte sich an mich und teilte mir mit fast ebenso trauriger Miene wie die Dame mit:

»Kommen Sie heute Abend wieder, dann ist der Lehrer da.«

Der Lehrer, ein ziemlich junger, aber ziemlich alt wirkender Mann mit rötlichem Bart, fragte mich in der ersten Stunde:

»Warum wollen Sie Jiddisch lernen?«

»Um die Gedichte von Uri-Zwi Grinberg im Original zu lesen.«

»Uri-Zwi Grinberg? Merkwürdige Gestalt.«

Ich traute mich nicht zu fragen, warum er das sagte. In der Schule und im Studium hatte ich immer gefragt, wenn ich etwas nicht wusste, sicher hatte ich deshalb so gute Noten. Aber hier traute ich mich plötzlich nicht mehr. Woher kam diese Schüchternheit?

Ich wohnte in einer großen Wohnung im 10. Pariser Arrondissement. Die Toreinfahrt führte in eine ganze Flucht tiefer, einst gewerblich genutzter Innenhöfe. In meiner Kindheit gab es im Erdgeschoss alle möglichen Werkstätten für Pelze, Lederwaren, Konfektion oder kleine Gegenstände aus Blech und eine Gießerei. Ich hatte mir die große Wohnung nicht ausgesucht, ich hatte sie beim Tod meiner Mutter geerbt. Auf einmal war ich Eigentümer von sechs großen Zimmern mit hoher Decke. Während des Studiums hatte ich das Mobiliar meiner Eltern behalten. Vielleicht, um sie auf diese Weise noch ein bisschen um mich zu haben. Und wenn ich schon den Wunsch meines Vaters für meine Zukunft erfüllte, warum sollte ich das nicht inmitten seiner Möbel tun?

An dem Tag, als ich in der Bank anfing, hielt ich diese Umgebung plötzlich nicht mehr aus. Ich verkaufte das Esszimmer, eine Louis-XVI.-Imitation, die Plastikhocker aus den siebziger Jahren und die von Nordafrika-Reisen mitgebrachten Teppiche. Ich ließ die Tapeten mit Toile-de-Jouy-Mustern abreißen und alles weiß streichen, die Teppichböden entfernen und das Eichenparkett aufpolieren. Das meiste war Fischgrätparkett, aber zu meiner großen Freude kam in den beiden Empfangsräumen ein herrliches Tafelparkett zum Vorschein, die Königin unter den Parkettböden. Diese Arbeiten kosteten einen beträchtlichen Teil des Geldes, das mir meine Eltern hinterlassen hatten. Dann fing ich an, mich auf Flohmärkten und bei Trödlern umzusehen. Ich mischte die Stile, hatte aber eine Vorliebe für die zwanziger Jahre: Die klaren, geometrischen Linien dieser Möbel in den warmen Farben von Kirsch- oder Nussbaumholz beruhigten mich. Ich ließ die Kamine öffnen, die meine Eltern hatten zumauern lassen, um Luftzug zu vermeiden. In dieser Welt von früher, aber früher als was?, lebte ich.

Als Kind hatte ich viel Zeit in der Schneiderei im Erdgeschoss verbracht. Sie gehörte aus Polen stammenden Juden. Das ganze Personal war jüdisch (tatsächlich waren die beiden Näherinnen die Schwestern des Chefs, der Bügler war ein Cousin, und nur der Schneider gehörte nicht zur Familie), mit Ausnahme von Mademoiselle Paulette, die letzte Hand an die Kleidungsstücke legte. Das fand ich nur zufällig heraus, denn auf den ersten Blick wies nichts darauf hin: Sie sprachen alle mit starkem Pariser Akzent und stammten aus Ménilmontant oder Montmartre, nur der Schneider war in Rumänien geboren. Mademoiselle Paulette behauptete sogar, der Akzent in Ménilmontant sei nicht derselbe wie der in Montmartre, aber ich hörte keinen Unterschied: Für mich war es der Slang der Pariser Gassenjungen.

Nach der Schule spielte ich oft vor der Werkstatt Murmeln, während ich darauf wartete, dass meine Eltern von der Arbeit kamen. Die Chefin, Madame Annette, schenkte mir einen Lutscher und fragte mich immer, ob ich nicht einen Happen essen wolle. Wenn ihre Kinder aus der Schule kamen – sie waren wesentlich älter als ich –, schlug sie mir vor, in der kleinen Wohnung über der Werkstatt, in die man über eine steile, hinter einer Nähmaschine versteckte Treppe gelangte, mit ihnen ein Butterbrot zu essen. Manchmal, wenn ich das Brot und die Schokolade vergessen hatte, die mir meine Mutter am Morgen bereitgelegt hatte, ging ich zu Eliane und Henry nach oben. Aber meist blieb ich unten, im Hof vor der Werkstatttür oder auf dem Linoleum neben dem Zuschneidetisch.

Ab und zu kam die Mutter von Monsieur Léon, dem Chef, zu Besuch. Sie brachte eine große Schüssel Zimtkrapfen mit, die sie selbst gebacken hatte, und dann gab es ein Festmahl. Ich aß mindestens sechs und die alte Dame war entzückt. Sie sagte zu ihrer Schwiegertochter: »Kik. A tare kop!«, diese zwinkerte mir zu und flüsterte:

»Das heißt, dass du ein guter Junge bist.«

Die alte Dame sprach kein Französisch. Alle sprachen Jiddisch mit ihr, außer Mademoiselle Paulette natürlich, obwohl sie im Laufe der Zeit doch das Wesentliche verstand. Wenn die alte Dame wieder ging, kehrten alle zum Französischen zurück und ließen nur ab und zu einen fremden Ausdruck einfließen. Mein liebster war ojabroch. Er ertönte, wenn jemand eine Dummheit gemacht, zum Beispiel einen Reißverschluss verkehrt herum eingenäht hatte. Oder gegen Feierabend, vor der Auslieferung, rief jemand ojabroch!, wenn er feststellte, dass ein Mantel nicht richtig fiel oder ein Ärmel ein bisschen schräg saß.

Als ich Jahre später eines Morgens auf dem Weg zum Gymnasium war, traf ich Mademoiselle Paulette allein vor der verschlossenen Tür. Die Mutter von Monsieur Léon war in der Nacht gestorben. Ich wollte zur Beisetzung gehen, aber meine Eltern verboten es: Ich hatte Schule. Als ich nach Hause kam, war die Werkstatt voller Menschen. Man hatte die Nähmaschinen beiseitegeschoben und Tische aufgestellt, die sich unter dem Essen bogen. Das war für die Gäste, die von der Beerdigung kamen. Sie sprachen alle möglichen Sprachen, Jiddisch, Polnisch, Ungarisch, Französisch mit Akzent. Sie sprachen sehr laut und sie lachten viel. Dabei kamen sie von einer Beerdigung.

Madame Annette gab mir einen dicken Kuss und sagte:

»Sie mochte dich gern, die Bube. Und denk bloß nicht, dass ich dir jetzt Zimtkrapfen mache, ich kann nicht kochen.«

Die Schneiderei machte zu. Der Eigentümer verkaufte an einen Architekten, der darin sein Büro einrichtete. Die anderen Werkstätten machten Büros oder Lofts für Modejournalisten Platz. Als Madame Annette und Monsieur Léon fortgingen, bat ich sie um Erlaubnis, eine Schneiderpuppe, ein paar alte Bügeleisen, eine große, mit Stoffstreifen umwickelte Schere und den Fuß einer Singer-Nähmaschine mitzunehmen. Meine Mutter fragte mich, was ich mit dem alten Zeug anfangen wolle. Jahre nach ihrem Tod verkaufte ich ihre Möbel und ersetzte sie auch durch diese Dinge, die ich im Keller verstaut hatte.

Madame Annette hatte zu mir gesagt: »Wir sehen uns wieder. Am Wochenende kommst Du mit uns nach Deauville.« Wir haben uns nicht wiedergesehen, nur zu den Beisetzungen meiner Eltern kamen sie, ich hatte sie benachrichtigt und sie waren da. Madame Annette bot mir an, etwas zu essen zu kaufen, damit ich die Gäste nach der Beisetzung in die Wohnung einladen könnte, aber ich lehnte ab: Das sei bei uns nicht üblich.

Und wenn Anna Janowska Jiddisch gesprochen hatte? Wenn sie noch gelebt hätte, hätte sie dann mit der Mutter von Madame Annette reden können? Eines war sicher: Sie hatte entweder Jiddisch oder Polnisch gesprochen, sie hätte sich also in der Werkstatt im Erdgeschoss wie zu Hause gefühlt.

Ich wollte alles wissen, alles verstehen. Ich meine über das Jiddische. Denn abgesehen davon hielt ich mich zurück. Ich hätte das Grab von Anna Janowska suchen können, um nachzusehen, ob darauf ein Kreuz oder hebräische Schriftzeichen zu sehen waren, aber ich tat es nicht. Ich wollte es nicht wissen. Nicht sofort. Ich mochte dieses Dazwischen: zu wissen, dass ich eine in Warschau geborene Großmutter hatte, nicht aber, ob sie im Polnischen oder im Jiddischen zu Hause gewesen war. »Warschau« reichte aus, um das seit langem empfundene Gefühl anzusprechen, dass ich hier nicht zu Hause war.

Ich hätte auch zur polnischen Bibliothek auf der Île Saint-Louis gehen können. Mich für einen Polnischkurs anmelden.

Dank dem Unterricht kam ich nach und nach mit dem Jiddischen zurecht. Das Deutsche half mir, auch die Gespräche, die ich in der Werkstatt gehört hatte, obwohl ich einige Zeit brauchte, um einen Zusammenhang zwischen dem Kauderwelsch der alten Bube und der Grammatik zu finden, die man mir im Kurs beibrachte. Monsieur Léon wäre sicher erstaunt gewesen zu erfahren, dass die Sprache seiner Mutter genug Stoff für ein achtbändiges Schriftstellerlexikon mit Ergänzungsband hergab. Ich machte es wie bei den anderen Sprachen: Ich las, ich hörte. Oft verstand ich nichts, aber etwas blieb hängen, und manchmal klärte sich durch Vergleich plötzlich, was ich ein paar Wochen zuvor noch nicht erfasst hatte. Ich hätte gern sechs Monate in dem Land verbracht, wo man Jiddisch sprach, wie ich es beim Englischen und beim Italienischen gemacht hatte: auf Kekspackungen deren Zusammensetzung lesen, alle Aufschriften in den Autobussen zu entziffern versuchen, bis ich die Syntax begriffen hätte, stundenlang Radio hören und nur einen Bruchteil des Gehörten verstehen. Aber dieses Land gab es nicht. Es war das Land meiner Kindheit in der Werkstatt. Ich musste es so machen wie mit Latein und Griechisch, mich damit begnügen, die Bücher aus der Bibliothek zu entziffern, die von einer Welt erzählten. Auf der Karte, die in jedem Band steckte, waren die Personen aufgelistet, die das Buch seit der Eröffnung der Bibliothek im Jahr 1929 ausgeliehen hatten. Aus Gründen der Vertraulichkeit stand nur eine Nummer da, aber zwei von Sonia, der immer tadellos zurechtgemachten alten Dame, eifersüchtig gehütete Holzkästen enthielten die Leserkarten. Im rechten die Lebenden. Im linken, größeren, die Toten. Madame Sonia hatte mir erklärt:

»Wir nennen sie den Friedhof. Aber nicht alle sind tot. Einige Karten sind dort einsortiert, weil die Person nicht mehr in die Bibliothek kommt.«

Mit komplizenhaftem, schuldbewusstem Lächeln fügte sie mit einem unterdrückten piepsigen Lachen hinzu:

»Sie dürfen natürlich nicht wissen, dass wir sie in den Friedhof gesteckt haben.«

Ich verschlang Bücher, ich glaube sogar, ich habe alles gelesen, was es auf Französisch zu diesem Thema gab. Ich entdeckte, dass die jüdische Bevölkerung Polens zwischen den beiden Weltkriegen nicht nur aus langbärtigen Rabbinern bestand. Politische Parteien bekämpften einander, revolutionäre Bewegungen versuchten, sowohl das Joch der Staatsmacht abzuschütteln als auch den Druck loszuwerden, den die Religion auf die jüdische Bevölkerung ausübte. Ich fing an, das alles zu verstehen, aber ich wurde meine Frustration nicht los: Wie sollte man das Leben in seinen Einzelheiten erfassen? Kein Buch gab mir das Rezept dafür. Diese Welt zog mich an, aber mir fehlte der Schlüssel. Ich hatte erfahren, dass Uri-Zwi Grinberg der Sohn eines chassidischen Rabbiners war und selbst Rabbi werden sollte, aber er hatte seine Schläfenlocken abgeschnitten und war Dichter geworden. Ebenso wie Isaac Bashevis Singer und viele andere. Ich wollte, dass mir jemand von dem Augenblick erzählte, in dem die jungen Leute diese Entscheidung getroffen hatten, wollte das Klappern der Schere hören, die ihnen das Haar abschnitt. Aßen sie danach noch koscher? Oder ernährten sie sich an den Bahnhofsbuden, die Schweinswürste verkauften? Niemand beantwortete mir diese Fragen, deshalb wandte ich mich an die Dame, die Uri-Zwi gekannt hatte. Ich war zufällig auf sie gestoßen (vielleicht hatte ich auch Anna Janowska auf den Karteikarten gesucht) . Um diese Frau ausfindig zu machen, musste ich Sonia lange bearbeiten. Sie hatte mich ins Herz geschlossen. Schließlich war ich bei weitem der jüngste Leser in ihrer Bibliothek. Ich verbrachte Stunden zwischen den Regalen. Ich wählte ein Buch aus, öffnete es und entzifferte das Vorsatzblatt. Nach ein paar Wochen schaffte ich es mit Mühe, bis zum Ende des ersten Absatzes zu kommen, ohne viel zu verstehen, aber ich war glücklich mit meinem Stammeln. Ich dachte, ich würde niemals ein einziges dieser Werke ganz lesen können, und beim Anblick des Labyrinths von Gängen wurde mir schwindlig. Sonia hatte mir gesagt, hier seien ungefähr zwanzigtausend Bücher versammelt. Was nutzte mir dieses »ungefähr«, wenn ich es nicht mal bis zur letzten Seite des ersten schaffte?

Wenn Sonia in die Küche am anderen Ende der Wohnung ging, um sich einen Tee zu holen, den sie aus einem Henkelglas trank, bat sie mich, sie am Empfang der Bibliothek zu vertreten. So hatte ich Zugang zu den beiden Karteikästen, und ich blätterte darin: Man konnte die Lektüre tausender Menschen rekonstruieren – die Nummer des letzten neuen Lesers war 4572. Die Nummerierung hatte nach Kriegsende wieder bei Null angefangen. Wie Sonia mir erzählte, hatte der Bibliotheksleiter 1942 alle Karten verbrannt, damit die kostbaren Informationen nicht der Gestapo in die Hände fielen, sonst hätte sie viele Juden zu Hause einsammeln können. Dann hatte man die Bibliothek geschlossen und die Bücher bis zur Befreiung in einem Keller versteckt. Deshalb standen die Karten der Leser von vor dem Krieg nicht im linken Kasten, sie waren in Rauch aufgegangen.

Der Name dieser Leserin war mir aufgefallen – Kacyzne –, weil die anderen gängigere Namen trugen, Zylberstein, Rosenberg, Mandelbaum. Außerdem hatte ich mehrere Bücher eines gleichnamigen Autors entdeckt. Hatte diese Sulamita Kacyzne etwas mit dem Schriftsteller Alter Kacyzne zu tun?

»Sie ist seine Tochter. Wir schicken ihr ab und zu Bücher per Post, aber das ist selten, denn sie hat selbst eine schöne Sammlung, sie braucht uns nicht. Außerdem ist sie sehr reich, während wir eine Arbeiterbibliothek sind, für Leute, die nicht genug Geld haben, um sich Bücher zu kaufen.«

Die Frau war die Älteste in der rechten Box. Im Familienbuch meiner Eltern stand nichts über das Geburtsdatum von Anna Janowska, aber ich hatte mir ausgerechnet, dass die beiden Warschauerinnen etwa gleich alt sein mussten. Die Tote war ich weiß nicht wo begraben, die Lebende wohnte in Rom. Cicero. Catull. Ich schrieb ihr und bat sie um Auskunft.

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ch, natürlich, Sie besuchen diese Bibliothek in Paris. Wir können in Gedanken zusammen sein: Sie im Lesesaal auf einem der alten Stühle aus den dreißiger Jahren und ich bei mir zu Hause. Um uns herum dieselben Bücher. Aber meine Bibliothek ist größer, sie hat nicht ihresgleichen in der Welt. Kein Reiseführer wird Ihnen das sagen, aber ich besitze sehr viele seltene Bücher, und ich wäre nicht überrascht zu erfahren, ich hätte von so manchem das letzte Exemplar. Die Bücher, die Handschriften, die Fotografien beobachten mich. Ich rezitiere manchmal laut, für meine hommes de lettres. Ihre Schriften werden nur noch von ein paar Nostalgikern wie mir gelesen. Und wie Ihnen. Man sagt, das Gebet dürfe nie aufhören, deshalb wechseln sich die Frommen von Jerusalem am Fuß der Mauer Tag und Nacht ab. Glauben Sie, bei der Literatur ist es genauso? Ich wünschte, jeden Tag würde jemand irgendwo Perez Markisch deklamieren, und zwinge mich selbst jeden Tag meines Lebens dazu. Ich lese zwei Stunden lang. Es würde also genügen, wenn wir zu zwölft wären, und die Lektüre würde nie aufhören. Man müsste Rezitatoren in Wladiwostok, Perm, Kiew, Berlin, London, New York, Toronto, Los Angeles, Melbourne und Tel Aviv finden, und alle Zeitzonen wären abgedeckt. Das ist nicht unmöglich, wissen Sie? Glauben Sie ja nicht, ich sei die Letzte. Suchen Sie sich also einen dem Gulag entronnenen Wärter eines Landmaschinenmuseums in einer ehemaligen asiatischen Sowjetrepublik, einen Honorarprofessor für Chinesisch und weltweit führenden Konfuzius-Kenner oder den Sohn eines Lehrers an einer jiddischen Schule in New York, der sich auf seine alten Tage auf die Sprache seiner Väter besinnt.

Sie stürzen mich in ein Dilemma, wenn Sie mich bitten, Ihnen vom Verein, von der Krochmalnastraße und dem Sächsischen Garten zu erzählen, wo man samstags spazieren ging. Die Aufgabe erscheint mir unmöglich, aber wie könnte ich einem jungen Mann ein Erbe verweigern? Ich habe es so sehr beklagt, dass meine Geschichte niemanden interessiert. Jetzt sollte ich mich freuen, ich habe ein Publikum gefunden. Ich habe keine Kinder, ich wollte keine in diese grauenhafte Welt setzen, meine Kraft reichte gerade, mein eigenes Leben zu ertragen, um das meines Vaters zu verlängern und seine Spuren wiederzufinden. Sie könnten mein Enkel sein. Sie sind mein Enkel. Ich bin Großmutter, ohne Mutter gewesen zu sein. Haben Sie so etwas je gehört? Gibt es das? Es gibt alles. Wir leben in einer Welt, in der alles möglich ist.

Oktavbandes.