Informationen zum Buch

Der Premierminister höchstpersönlich bittet Holmes, ein gestohlenes Dokument wiederzufinden. Um eine internationale Krise zu verhindern, kommen die Detektive nicht darum herum, in das Privatleben eines ermordeten Agenten zu schauen.

Arthur Conan Doyle

Der zweite Fleck

Die Wiederkehr von Sherlock Holmes

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

logo_digital.jpg

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Buch lesen

Über Arthur Conan Doyle

Impressum

Ich hatte mir vorgenommen, daß das Abenteuer in ›Abbey Grange‹ die Reihe der Taten meines Freundes Mr. Sherlock Holmes, die ich der Öffentlichkeit mitteile, beschließen sollte. Dieser Vorsatz ging nicht auf einen Mangel an Material zurück, da ich Aufzeichnungen über Hunderte von Fällen besitze, die ich nie erwähnt habe, noch war er von einem schwindenden Interesse meiner Leser an der einmaligen Persönlichkeit und den ungewöhnlichen Methoden des bemerkenswerten Mannes bestimmt. Der wahre Grund lag im Widerstreben, das Mr. Holmes der fortgesetzten Veröffentlichung seiner Erfahrungen entgegensetzte. Solange er sich beruflich betätigte, stellten die Berichte über seine Erfolge einen gewissen praktischen Wert dar; aber seit er sich endgültig aus London zurückgezogen und in den Sussex Downs niedergelassen hat, um sich seinen Studien und der Bienenzucht zu widmen, ist ihm Bekanntheit verhaßt geworden, und er verlangt entschieden, daß seine Wünsche in dieser Hinsicht streng beachtet werden. Nur durch das Versprechen, das Abenteuer um den ›Zweiten Fleck‹ erst zu veröffentlichen, wenn die Zeit reif sei, und durch meinen Hinweis darauf, daß die lange Reihe der Geschichten mit dem wichtigsten internationalen Fall, der ihm je übertragen wurde, ihren Höhepunkt finden sollte, gelang es mir schließlich, seine Zustimmung zu erhalten, daß ein sorgfältig abgewogener Bericht über die Ereignisse den Lesern vorgelegt werden durfte. Wenn ich im Lauf der Geschichte bei gewissen Einzelheiten ziemlich verschwommen zu sein scheine, so wird der geneigte Leser wohl verstehen, daß es gute Gründe für meine Zurückhaltung gibt.

Es geschah also – das Jahr und den Tag will ich nicht näher benennen –, daß sich an einem Dienstagmorgen zwei Besucher von europäischem Ruf innerhalb der Wände unseres bescheidenen Heims in der Baker Street einfanden. Der eine – streng, hoheitsvoll, herrisch, adleräugig – war niemand anderes als der berühmte Lord Bellinger, zweimal schon englischer Premierminister. Sein Begleiter – dunkelhaarig, mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen, elegant, kaum über das mittlere Alter hinaus und gesegnet mit allen leiblichen und geistigen Vorzügen – war der Sehr Ehrenwerte Trelawney Hope, Staatssekretär für europäische Angelegenheiten und der meistversprechende Staatsmann des Landes. Sie saßen nebeneinander auf unserem mit Zeitungen übersäten Sofa, und es war leicht an ihren erschöpften und besorgten Mienen zu erkennen, daß die Angelegenheit, die sie zu uns geführt hatte, äußerst wichtig sein mußte. Die schmalen, von Venen überzogenen Hände des Premiers hielten krampfhaft die Elfenbeinkrücke seines Regenschirms, und das hagere, asketische Gesicht blickte düster auf Holmes und mich. Der Staatssekretär für europäische Angelegenheiten zupfte nervös an seinem Schnurrbart und spielte mit dem Petschaft an seiner Uhrkette.

»Als ich den Verlust entdeckte, Mr. Holmes, und das war um acht Uhr heute morgen, habe ich sofort den Premierminister in Kenntnis gesetzt. Es war sein Vorschlag, Sie aufzusuchen.«

»Haben Sie auch die Polizei informiert?«

»Nein, Sir«, sagte der Premierminister in der schnellen, entschiedenen Art, für die er berühmt war. »Das haben wir nicht getan, und es ist auch nicht möglich, das zu tun. Die Polizei informieren heißt letzten Endes die Öffentlichkeit informieren. Gerade das wollen wir auf jeden Fall vermeiden.«

»Und warum, Sir?«

»Weil das fragliche Dokument solch unerhörte Wichtigkeit besitzt, daß seine Veröffentlichung sehr leicht – ich möchte fast sagen: wahrscheinlich – allgemeineuropäische Verwicklungen größten Ausmaßes herbeiführen würde. Ich behaupte nicht zuviel, wenn ich sage, daß Krieg oder Frieden vom Ausgang der Sache abhängen. Wenn es nicht gelingt, die Wiederbeschaffung unter äußerster Geheimhaltung zu betreiben, dann wäre es besser, das Dokument überhaupt nicht wiederzufinden, denn die, die es entwendet haben, zielen nur darauf ab, seinen Inhalt allgemein bekanntzumachen.«

»Ich verstehe. Nun, Mr. Trelawney Hope, ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir genau die Umstände beschrieben, unter denen das Dokument verschwunden ist.«

»Das kann mit wenigen Worten geschehen, Mr. Holmes. Den Brief – denn es handelt sich um den Brief eines ausländischen Herrschers – haben wir vor sechs Tagen erhalten. Er war so wichtig, daß ich ihn nicht im Safe ließ, sondern ihn jeden Abend in mein Haus in Whitehall Terrace mitnahm und in meinem Schlafzimmer in einem verschlossenen Dokumentenkoffer aufbewahrte. So auch gestern abend. Dessen bin ich sicher. Denn ich öffnete das Kästchen noch einmal, als ich mich zum Dinner umzog, und sah, daß er drin lag. Heute morgen war er weg. Das Behältnis hatte die ganze Nacht über neben dem Spiegel auf meinem Toilettentisch gestanden. Ich habe einen leichten Schlaf, wie auch meine Frau, und wir beide könnten schwören, daß während der Nacht niemand das Zimmer betreten haben kann. Und doch muß ich wiederholen: Der Brief ist weg.«

»Um wieviel Uhr sind Sie zum Dinner gegangen?«

»Um halb acht.«

»Und wann haben Sie sich zu Bett begeben?«

»Meine Frau hat das Theater besucht. Ich blieb auf, bis sie zurückgekommen war. Halb zwölf gingen wir ins Schlafzimmer.«

»Dann hat also der Depeschenkasten vier Stunden unbewacht gelegen.«

»Niemand hat die Erlaubnis, dieses Zimmer zu betreten, ausgenommen das Dienstmädchen am Morgen und mein Kammerdiener oder die Zofe meiner Frau tagsüber. Beide sind vertrauenswürdig und schon geraume Zeit bei uns angestellt. Außerdem hätten sie nicht wissen können, daß etwas Wertvolleres als die üblichen ministeriellen Papiere in dem Depeschenkasten waren.«

»Wer wußte vom Vorhandensein des Briefes?«

»Niemand im Haus.«