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Die unabhängige Lady Carfax ist bei einer Europareise verschwunden. Watson reist ihr nach, doch scheint sie sich bereits nicht mehr auf dem Kontinent zu befinden …

Arthur Conan Doyle

Das Verschwinden der Lady Frances Carfax

Der letzte Streich von Sherlock Holmes

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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»Aber warum Türkisch?« fragte Sherlock Holmes, wobei er unverwandt auf meine Schuhe blickte. Ich hatte mich soeben in einen Rohrsessel gelehnt, und meine ausgestreckten Füße hatten sofort seine stets wache Aufmerksamkeit angezogen.

»Englisch«, gab ich ziemlich überrascht zur Antwort. »Ich habe sie bei Latimer in der Oxford Street gekauft.«

Holmes lächelte mit dem Ausdruck müder Nachsicht. »Das Bad!« sagte er, »das Bad! Warum das schwächende und teure Türkische Bad statt des stärkenden, das man selber zu Hause herrichtet?«

»Weil ich mich in den letzten Tagen sehr abgeschlagen fühlte und rheumatische Schmerzen hatte. Ein Türkisches Bad – man nennt es in der Medizin ein Alterativ – erfrischt von grundauf, es reinigt den Kreislauf. Und übrigens, Holmes«, setzte ich hinzu, »habe ich keinen Zweifel daran, daß die Verbindung zwischen meinen Schuhen und einem Türkischen Bad für einen logischen Verstand etwas ganz Augenfälliges ist; ich wäre Ihnen jedoch sehr verbunden, wenn Sie mir die Sache deutlicher machten.«

»Mein Gedankengang ist so dunkel nicht, Watson«, sagte Holmes und zwinkerte mir mutwillig zu. »Er gehört zu der elementaren Art von Deduktion, die ich Ihnen vor Augen stellen könnte, indem ich Sie fragte, wer heute früh mit Ihnen zusammen in der Droschke gesessen hat.«

»Ich lasse nicht zu, daß ein neues Beispiel eine Erklärung ist«, sagte ich mit gewisser Schärfe.

»Bravo, Watson! Ein sehr würdiger und logischer Einspruch. Was waren nur gleich die entscheidenden Punkte? Nehmen Sie den letzten – die Droschke. Sie bemerken, daß Sie am Mantel links, an Ärmel und Schulter, Schmutzspritzer haben. Hätten Sie in einem Hansom in der Mitte gesessen, würden Sie vielleicht gar keine Spritzer abbekommen haben, und wenn doch, so links und rechts. Das besagt klar, daß Sie an der Seite gesessen haben. Das besagt ebenso klar, daß Sie einen Mitfahrer hatten.«

»Das ist ganz offensichtlich.«

»Ein alberner Gemeinplatz, nicht wahr?«

»Aber die Schuhe und das Bad?«

»Genauso kinderleicht. Sie haben die Gewohnheit, die Schuhe auf immer die gleiche Weise zu schnüren. Ich sehe nun plötzlich, daß sie mit einer sorgfältigen Doppelschleife zugebunden sind, was nicht Ihre Art ist, die Senkel zu binden. Sie hatten die Schuhe also ausgezogen. Wer hat sie wieder zugeschnürt? Ein Schuhmacher oder ein Gehilfe im Bad? Unwahrscheinlich, daß es der Schuhmacher war, da Ihre Schuhe ziemlich neu sind. Nun, was bleibt übrig? Das Bad. Ganz einfach, finden Sie nicht? Und dennoch, das Türkische Bad hatte einen bestimmten Zweck.«

»Und der wäre?«

»Sie sagten, Sie sind hingegangen, weil Sie eine Abwechslung brauchten. Lassen Sie mich Ihnen auch eine Abwechslung vorschlagen. Was halten Sie von Lausanne, mein lieber Watson – Fahrkarte erster Klasse, und alle Kosten werden fürstlich bezahlt!«

»Ausgezeichnet! Aber wieso?«

Holmes lehnte sich in den Armstuhl und zog sein Notizbuch aus der Tasche.

»Eine der gefährlichsten Klassen in der Welt«, sagte Holmes, »ist die der umherreisenden Frau, die keine Freunde hat. Sie ist das Argloseste, oft auch Nützlichste unter den Sterblichen, doch sie ist auch der unausweichliche Anstifter zu Verbrechen. Sie ist hilflos. Sie ist eine Nomadin. Sie hat ausreichend Mittel, von Land zu Land, von Hotel zu Hotel zu ziehen. Sehr oft verschwindet sie im Labyrinth zweifelhafter Pensionen und Logierhäuser. Sie ist ein umherirrendes Küken in einer Welt von Füchsen. Hat es sie verschlungen, wird sie kaum vermißt. Ich fürchte sehr, daß Lady Frances Carfax etwas Böses widerfahren ist.«

Sein plötzlicher Abstieg vom Allgemeinen zum Besonderen erleichterte mich. Er schaute in seine Notizen.

»Lady Frances«, fuhr er fort, »ist die einzige Überlebende aus der engeren Familie des verstorbenen Earl of Rufton. Die Besitzungen gingen, wie Sie sich erinnern werden, auf die männliche Linie über. Ihr blieben begrenzte Mittel, aber auch einige ausgezeichnete alte spanische Schmuckstücke aus Silber und merkwürdig geschliffene Diamanten, die sie sehr schätzte – zu sehr schätzte, denn sie weigerte sich, sie auf der Bank zu deponieren, und führte sie immer mit sich. Eine ziemlich rührende Gestalt, diese Lady Frances, eine wunderschöne Frau, im besten Alter und doch irgendwie nur noch der Rest von etwas, das zwanzig Jahre zuvor eine prächtige Flotte war.«

»Was ist ihr zugestoßen?«