Informationen zum Buch

Eine seltsame Gesellschaft bezahlt absurd hohe Summen für das Abschreiben der Encyclopaedia Britannica. Einzige Voraussetzung: Der Abschreiber muss rote Haare haben. Als die Liga sich in Luft auflöst, ist Pfandleiher Wilson traurig um den Verlust seines Nebenverdienstes, und Holmes hat schon erste Vermutungen zu den Beweggründen dieser seltsamen Vereinigung.

Arthur Conan Doyle

Die Liga der rothaarigen Männer

Die Abenteuer des Sherlock Holmes

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

logo_digital.jpg

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Buch lesen

Über Arthur Conan Doyle

Impressum

Im Herbst des letzten Jahres schaute ich eines Tages bei meinem Freund Sherlock Holmes herein und traf ihn, wie er sich lebhaft mit einem ziemlich beleibten älteren Herrn mit blühender Gesichtsfarbe und brandrotem Haar unterhielt. Ich wollte mich mit einer Entschuldigung entfernen, aber Holmes zog mich ins Zimmer und schloß die Tür hinter mir.

»Sie hätten zu keiner besseren Zeit kommen können, mein lieber Watson«, sagte er herzlich.

»Ich befürchtete, Sie hätten zu tun.«

»Das habe ich. Sehr viel sogar.«

»Ich kann ja im Nebenzimmer warten.«

»Keinesfalls. Dieser Gentleman, Mr. Wilson, ist mein Partner und war mein Helfer in vielen der Fälle, die ich erfolgreich zum Abschluß gebracht habe, und ich zweifle nicht, daß er mir auch in Ihrer Angelegenheit außerordentlich nützlich sein wird.«

Der stämmige Herr erhob sich halb aus dem Sessel, senkte grüßend den Kopf und warf mir einen schnellen fragenden Blick aus seinen kleinen, im Fett fast versunkenen Augen zu.

»Setzen Sie sich aufs Sofa«, sagte Holmes, ließ sich wieder in seinen Lehnstuhl zurücksinken und legte, wie es seine Gewohnheit in kritischen Augenblicken war, die Fingerspitzen gegeneinander. »Ich weiß, mein lieber Watson, daß Sie mit mir die Vorliebe für alles Bizarre und außerhalb der Konvention und täglichen Routine Liegende teilen. Sie haben Ihren Gefallen daran in der Begeisterung gezeigt, mit der Sie sich veranlaßt fühlten, so viele meiner kleinen Abenteuer aufzuzeichnen und sie, wenn ich so sagen darf, auch noch auszuschmücken.«

»Ihre Fälle haben mich immer stark interessiert«, stellte ich fest.

»Sie werden sich erinnern: Gestern, als wir in das sehr simple Problem einstiegen, welches Miss Mary Sutherland uns aufgab, sprach ich davon, daß wir wegen ausgefallener Wirkungen und außergewöhnlicher Zusammenhänge ins Leben selber gehen müssen, das stets kühner ist als alle Anstrengung der Phantasie.«

»Eine Behauptung, die ich so frei war zu bezweifeln.«

»Das taten Sie, Doktor, aber dennoch müssen Sie sich zu meiner Ansicht bekehren, sonst werde ich Tatsache um Tatsache auf Sie häufen, bis Ihre Meinung darunter zusammenbricht und Ihnen nichts übrigbleibt, als mir recht zu geben. Nun aber zu Mr. Jabez Wilson, der mich heute früh aufgesucht und begonnen hat, mir eine Geschichte zu erzählen, die so eigenartig zu werden verspricht wie seit langem nichts mehr. Ich habe mitunter bereits angemerkt, daß die befremdlichsten, wirklich einmaligen Dinge oft nicht mit den größeren, sondern mit den kleineren Verbrechen zusammenhängen, bei denen manchmal sogar Platz für Zweifel bleibt, ob überhaupt ein Verbrechen begangen wurde. Bis jetzt ist es mir unmöglich, zu entscheiden, ob diese Sache ein Fall von Verbrechen ist oder nicht, aber die Ereignisse sind mit Sicherheit die sonderbarsten, die mir je zu Ohren gekommen sind. Vielleicht, Mr. Wilson, haben Sie die Freundlichkeit, Ihre Geschichte noch einmal zu beginnen. Ich bitte Sie darum nicht nur, weil mein Freund Dr. Watson den Anfang nicht gehört hat, sondern auch, weil die Eigenart der Geschichte mich begierig macht, jede mögliche Einzelheit aus Ihrem Munde zu erfahren. In der Regel kann ich mich, wenn ich den Lauf der Ereignisse in Andeutungen kenne, leicht orientieren, da mir Tausende ähnliche Begebenheiten einfallen. Jetzt jedoch muß ich zugeben, daß die Fakten nach meiner Überzeugung einmalig sind.«

Der stattliche Klient drückte geschmeichelt die Brust heraus und zog eine schmutzige, zerknitterte Zeitung aus der Innentasche seines Mantels. Als er mit vorgerecktem Kopf auf den Inseratenteil der über die Knie gebreiteten Zeitung niederblickte, sah ich mir den Mann genau an und bemühte mich, nach Art meines Freundes die Besonderheiten zu erkennen, die sein Äußeres anbot.

Die Musterung brachte mir nicht viel ein. Unser Besucher sah wie ein durchschnittlicher englischer Handelsmann aus: feist, wichtigtuerisch, bedächtig. Er trug ziemlich ausgebeulte, graukarierte Hosen, einen nicht sehr sauberen schwarzen Gehrock, der nicht zugeknöpft war, und eine mausgraue Weste mit einer schweren Prinz-Albert-Kette aus Messing, an der als Schmuck ein viereckiges Metallstück hing. Ein abgegriffener Zylinder und ein verschossener brauner Mantel mit zerknittertem Samtkragen lagen neben ihm auf dem Stuhl. Alles in allem gab es nichts Bemerkenswertes an dem Mann, außer seinem brandroten Schopf und der Miene äußersten Verdrusses und Mißbehagens.

Sherlock Holmes erkannte mit schnellem Auge mein Unterfangen, und lächelnd schüttelte er den Kopf, als er meine fragenden Blicke auffing. »Außer den offensichtlichen Tatsachen, daß er einige Zeit manuell gearbeitet hat, daß er schnupft, Freimaurer ist, sich in China aufgehalten hat und kürzlich ziemlich viel geschrieben haben muß, kann ich nichts ableiten.«