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Das Verschwinden ihres Verlobten auf dem Weg zu seiner Hochzeit bringt dessen zukünftige Ehefrau verständlicherweise beinahe um den Verstand. Holmes hat bald eine Spur, doch muss sich die junge Frau auf ein nicht nur erfreuliches Wiedersehen gefasst machen.

Arthur Conan Doyle

Ein Fall von Identität

Die Abenteuer des Sherlock Holmes

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

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»Mein lieber Junge«, sagte Sherlock Holmes, als wir uns in seiner Wohnung in der Baker Street am Kamin gegenübersaßen, »Leben ist so unendlich viel seltsamer als alles das, was der menschliche Verstand erfinden könnte. Wir würden es nicht wagen, Dinge auszudenken, die das wirkliche Leben alltäglich bietet. Könnten wir jetzt aus dem Fenster fliegen und Hand in Hand über der großen Stadt schweben, heimlich die Dächer abheben und die Absonderlichkeiten erblicken, die unter ihnen vorgehen, die Zufälle, die Pläne, die Mißverständnisse, die wundersamen Ketten der Ereignisse, welche Generationen durchziehen und in den ausgefallensten Ergebnissen enden – jede Dichtung mit ihren Konventionen und voraussehbaren Lösungen würde höchst abgeschmackt und unnütz erscheinen.«

»Ich bin davon nicht überzeugt«, antwortete ich. »Die Fälle, die durch die Zeitungen ans Licht kommen, sind in der Regel armselig und gewöhnlich. Die Berichte unserer Polizei werden von einem extremen Realismus beherrscht, und doch, muß ich sagen, wirken sie letztlich weder faszinierend noch künstlerisch.«

»Eine gewisse Auswahl und Besonnenheit sind unabdingbar, will man einen realistischen Effekt erzielen. Daran mangelt es in den Polizeiberichten. In ihnen wird unter Umständen den Platitüden eines Richters größeres Gewicht beigemessen als den Details eines Falles, die für den Beobachter das Lebenswichtige der ganzen Angelegenheit darstellen. Verlassen Sie sich darauf, nichts ist unnatürlicher als der Gemeinplatz.«

Ich lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich verstehe schon, warum Sie so denken«, sagte ich. »Sie in Ihrer Stellung als unabhängiger Ratgeber und Helfer der zutiefst Verwirrten auf drei Kontinenten werden mit allem Bizarren und Fremden in Kontakt gebracht. Aber hier …« – ich hob die Morgenzeitung vom Boden auf – »lassen Sie uns die Probe aufs Exempel machen. Gleich die erste Schlagzeile, auf die ich stoße: ›Grausamkeit eines Ehemanns gegenüber seiner Frau‹. Das füllt eine halbe Kolumne, aber ich weiß ohne zu lesen, daß mir alles sehr vertraut ist. Da gibt es selbstverständlich die andere Frau, den Suff, den Stoß, den Schlag, den Bluterguß, die mitfühlende Schwester und Hauswirtin. Der plumpeste Schreiber könnte nichts Plumperes erfinden.«

»Tatsächlich erweist sich Ihr Beispiel als unglücklich für Ihre Argumentation«, sagte Holmes, nahm die Zeitung und überflog den Artikel. »Das ist der Scheidungsfall der Dundas, und ich war, wie das Leben so spielt, engagiert, in dem Zusammenhang einige Details aufzuklären. Der Hausherr war Abstinenzler, es gab keine andere Frau, und sein schlechtes Benehmen bestand einzig darin, daß er es sich angewöhnt hatte, jedes Mahl damit zu beginnen, daß er die falschen Zähne herausholte und sie nach seiner Frau warf, ein Benehmen – Sie müssen es zugeben –, das kaum der Phantasie eines durchschnittlichen Geschichtenerzählers einfiele. Nehmen Sie eine Prise Schnupftabak, Doktor, und gestehen Sie, daß ich Sie mit meinem Beispiel geschlagen habe.«

Er hielt mir seine Schnupftabakdose hin. Sie war aus altem Gold und hatte einen großen Amethyst auf der Mitte des Deckels. Ihr Glanz stand in solchem Gegensatz zu seiner Schlichtheit und seinem einfachen Leben, daß ich nicht umhinkonnte, eine Bemerkung darüber zu machen.

»Ach ja, ich vergaß, daß ich Sie einige Wochen nicht gesehen habe. Das ist ein kleines Andenken vom König von Bohemia zum Lohn für meine Hilfe in Sachen der Irene Adler.«

»Und der Ring«, fragte ich mit Blick auf einen bemerkenswerten Brillanten, der an seinem Finger funkelte.