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Auch um Eheprobleme muss sich Holmes kümmern: Seit der Ankunft neuer Nachbarn ist Grant Munros Frau nicht wiederzuerkennen, und als er ein gelbes Gesicht im Fenster seines Hauses erblickt, ist er überzeugt, er werde betrogen. Die Lösung liegt in der Vergangenheit seiner Frau – und ist weitaus komplizierter als ein bloßer Seitensprung.

Arthur Conan Doyle

Das gelbe Gesicht

Die Memoiren von Sherlock Holmes

Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Alice und Karl Heinz Berger

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Über Arthur Conan Doyle

Impressum

Es ist nur natürlich, wenn ich mich bei der Veröffentlichung dieser Skizzen, die auf zahlreichen Fällen fußen, mit denen mein Gefährte mich durch sein ungewöhnliches erzählerisches Talent bekannt gemacht hat und in denen ich manchmal Mitspieler war, eher auf die Erfolge als auf die Mißerfolge konzentriere. Das geschieht nicht so sehr wegen des guten Rufs meines Freundes – gerade wenn er an das Ende seiner Weisheit gelangt war, entfaltete er seine ganze Tatkraft und Vielseitigkeit –, sondern es geschieht, weil die ungelösten Geschichten keinen Abschluß haben; denn da, wo er scheiterte, sind meist auch andere ohne Erfolg geblieben. Dennoch ergab es sich hin und wieder, daß nach seinem Versagen die Wahrheit ans Licht kam. Ich besitze Aufzeichnungen von ungefähr einem halben Dutzend solcher Fälle, und unter ihnen sind die Affäre mit dem zweiten Blutfleck und die Sache, von der ich hier berichten will, diejenigen, die auf das stärkste Interesse rechnen können.

Sherlock Holmes betrieb körperliche Übungen kaum einmal um ihrer selbst willen. Nur wenige übertrafen ihn an Muskelkraft, und er war zweifellos einer der besten Boxer in seiner Gewichtsklasse, die ich je gesehen habe; aber ziellose körperliche Anstrengungen suchte er zu vermeiden; er betrachtete sie als Kraftvergeudung und nahm sie nur auf sich, wenn es der Lösung einer beruflichen Aufgabe dienlich schien. Dann war er unermüdlich und unverdrossen. Daß er unter diesen Umständen im Training blieb, war beachtlich; er ernährte sich gemeinhin äußerst karg, seine Lebensweise war einfach, fast schon enthaltsam zu nennen. Außer dem gelegentlichen Genuß von Kokain hatte er keine Laster, und er griff auch nur zur Droge als Protest gegen die Eintönigkeit des Daseins, wenn die Fälle rar und die Zeitungen unergiebig waren.

Eines Tages im Vorfrühling war er so weit entspannt, daß er mit mir im Park spazierenging; auf den Ulmen sproß das erste blasse Grün, und die klebrigen Kastanienknospen fingen an, sich zu ihren fünffingrigen Blättern zu entfalten. Zwei Stunden lang streiften wir umher, vorwiegend schweigend, wie es zwei Männern geziemt, die einander sehr vertraut sind. Es war schon fast fünf, als wir in die Baker Street zurückkamen.

»Verzeihung, Sir«, sagte unser junger Diener, der die Tür öffnete, »ein Gentleman hat nach Ihnen gefragt, Sir.«

Holmes sah mich vorwurfsvoll an. »Das hat man von Nachmittagsspaziergängen«, sagte er. »Ist der Gentleman wieder gegangen?«

»Ja, Sir.«

»Haben Sie ihn nicht hereingebeten?«

»Doch, Sir. Er wollte warten.«

»Wie lange hat er gewartet?«

»Eine halbe Stunde, Sir. Der Herr war sehr unruhig, Sir, ging die ganze Zeit über hin und her. Ich stand draußen vor der Tür und konnte ihn hören. Schließlich trat er auf den Korridor und rief: ›Kommt denn der Mann nie?‹ Genau das hat er gesagt, Sir. ›Warten Sie doch noch ein bißchen‹, sagte ich. ›Dann warte ich in der frischen Luft. Ich ersticke hier drinnen. Ich bin bald zurück‹, sagte er. Und damit ist er raus, ich hätte ihn nicht halten können, egal, was ich gesagt hätte.«