Brad Meltzer

DER FÜNFTE
ATTENTÄTER

THRILLER

Aus dem Amerikanischen
von Wolfgang Thon

Aufbau Digital

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

The Fifth Assasin

erschien 2013 bei Grand Central, New York.

ISBN 978-3-8412-0667-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Dezember 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch,

einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © 2012 by Forty-Four Steps, Inc.

Published in agreement with the author, c/o BAROR INTERNATIONAL, INC., Armonk, New York, U.S.A.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung morgen, Kai Dieterich unter Verwendung eines Motivs von © Mykhaylo Palinchak/shutterstock

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Für meinen Dad,
Stewie Meltzer,
der aus dem Vollen lebte,
aus ganzem Herzen liebte
und immer wusste, wo man einen guten Delikatessenladen
finden konnte.

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

PROLOG

TEIL I: DAS ERSTE ATTENTAT

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

TEIL II: DAS ZWEITE ATTENTAT

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

27. KAPITEL

28. KAPITEL

29. KAPITEL

30. KAPITEL

31. KAPITEL

32. KAPITEL

33. KAPITEL

34. KAPITEL

35. KAPITEL

36. KAPITEL

37. KAPITEL

38. KAPITEL

39. KAPITEL

40. KAPITEL

41. KAPITEL

42. KAPITEL

43. KAPITEL

44. KAPITEL

45. KAPITEL

46. KAPITEL

47. KAPITEL

48. KAPITEL

49. KAPITEL

50. KAPITEL

51. KAPITEL

52. KAPITEL

53. KAPITEL

54. KAPITEL

55. KAPITEL

56. KAPITEL

57. KAPITEL

58. KAPITEL

59. KAPITEL

60. KAPITEL

61. KAPITEL

62. KAPITEL

63. KAPITEL

64. KAPITEL

TEIL III: DAS DRITTE ATTENTAT

65. KAPITEL

66. KAPITEL

67. KAPITEL

68. KAPITEL

69. KAPITEL

70. KAPITEL

71. KAPITEL

72. KAPITEL

73. KAPITEL

74. KAPITEL

75. KAPITEL

76. KAPITEL

77. KAPITEL

TEIL IV: DAS VIERTE ATTENTAT

78. KAPITEL

79. KAPITEL

80. KAPITEL

81. KAPITEL

82. KAPITEL

83. KAPITEL

84. KAPITEL

85. KAPITEL

86. KAPITEL

87. KAPITEL

88. KAPITEL

89. KAPITEL

90. KAPITEL

91. KAPITEL

92. KAPITEL

93. KAPITEL

94. KAPITEL

95. KAPITEL

96. KAPITEL

97. KAPITEL

98. KAPITEL

99. KAPITEL

100. KAPITEL

101. KAPITEL

102. KAPITEL

103. KAPITEL

TEIL V

104. KAPITEL

105. KAPITEL

106. KAPITEL

107. KAPITEL

108. KAPITEL

109. KAPITEL

110. KAPITEL

111. KAPITEL

112. KAPITEL

113. KAPITEL

114. KAPITEL

Anmerkungen des Autors

Danksagungen

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor/Übersetzer

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

PROLOG

Washington D. C.

Einige Bestattungen werfen Fragen auf. Andere liefern Antworten. Diese hier steckte voller Geheimnisse.

Die Beisetzung war für neun Uhr morgens angesetzt, aber der Beginn verzögerte sich. Der Grund war offensichtlich.

In den dicht besetzten Bänken drängten sich zweihundert Trauernde und bemühten sich, unbeteiligt zu wirken. Dennoch warfen sie ständig Blicke in den hinteren Teil der Kirche.

Sie sahen sich nicht nach dem Sarg um. Dr. Stewart Palmiottis dunkler Holzsarg war bereits von den Totengräbern nach vorn gerollt worden, neben die Kanzel. Ebenso wenig galt ihre Neugier Palmiottis Familie.  Seine Exfrau, die ihm so viel Kummer bereitet, und seine Freundin Lydia, die ihm so viel Freude beschert hatte, saßen beide in der vordersten Bank, allerdings auf unterschiedlichen Seiten. Verwandte, Freunde und Mitarbeiter füllten die anderen Reihen. Es war eine typische Trauerfeier.

Nicht typisch war allerdings der Metalldetektor, den jeder Trauergast passieren musste, bevor er die Kirche betreten durfte.

Das hier war Washington. Jeder wusste, was das bedeutete.

Dann kam Er. Der einzige Er, der wirklich zählte.

Der Präsident der Vereinigten Staaten.

Natürlich wartete der Secret Service, bis alle auf ihren Plätzen saßen. Dann schlossen sich ohne jegliche Vorwarnung die Kirchentüren, die dann im nächsten Moment wieder geöffnet wurden.

»Ihre Rede, Sir«, flüsterte einer der Adjutanten und hielt ihm die Mappe mit der Trauerrede hin.

Der Präsident riss sie dem Mann aus der Hand, verärgert darüber, dass die Trauergäste den Adjutanten gesehen hatten, und machte einen Schritt vor, während sich die Köpfe sämtlicher Anwesenden zu ihm umdrehten. Wenn er einen Raum betrat, wurde für gewöhnlich »Hail to the Chief« gespielt. Heute jedoch blieb es ruhig.

Präsident Orson Wallace biss die Zähne zusammen und hielt den Blick seiner berühmten grauen Augen starr geradeaus gerichtet, während er alleine durch den Hauptgang schritt, als wäre er bei einer Hochzeit.

Er war daran gewöhnt, angestarrt zu werden. Das gehörte zu seinem Job. Aber als er durch diesen Mittelgang schritt, war selbst der mächtigste Mann der Welt nicht darauf vorbereitet, dass ihm plötzlich das Atmen schwerfiel. Die Realität dieses Augenblicks lastete wie Blei auf seiner Brust. Denn dies hier war die Beerdigung seines besten Freundes.

Es ist eine Sache, wenn man von Fremden angestarrt wird. In diesem Kirchenschiff jedoch drängten sich Familienangehörige und Freunde, Menschen, die den Präsidenten beim Vornamen nannten.

Palmiotti und Wallace waren in Ohio aufgewachsen und von der Grundschule an immer zusammen gewesen, hatten gemeinsam die Highschool und das College der Universität von Michigan besucht. Als Wallace zum Gouverneur gewählt wurde, folgte Palmiotti ihm. Sie waren auch in jener Nacht zusammen, von der sie seit damals niemals mehr gesprochen hatten. Als Wallace ins Weiße Haus einzog, erwähnte jemand, dass George H. W. Bush nach seiner Wahl zum Präsidenten einen sehr guten Freund zum Arzt im Weißen Haus ernannt hatte. Ihm war klar gewesen, dass es manchmal die beste Medizin war, einfach nur jemanden zu haben, mit dem man reden konnte. Vor allem, wenn es jemand war, der einen sehr gut kannte. Jemand, der alle Geheimnisse kannte.

Das gefiel dem Präsidenten. Am Tag von Wallaces Vereidigung wurde Dr. Stewart Palmiotti zum Chef der medizinischen Abteilung des Weißen Hauses ernannt und bekam ein Büro zugewiesen, das direkt an den Westflügel grenzte.

»Alles, was Sie für ihn getan haben … Sie wissen, dass er Sie geliebt hat«, flüsterte Palmiottis Freundin Lydia, als der Präsident endlich die erste Reihe erreichte. Ihre Stimme … ihr Körper … Alles an ihr zitterte, als sie aufstand und Wallace umarmte.

Der Präsident erwiderte ihre Umarmung schweigend und ging dann langsam zum Ende der vordersten Reihe. Dabei tat er so, als hätte er ihren Geschichtslehrer aus der zwölften Klasse nicht in der Menge gesehen.

Aber was den Präsidenten schmerzte, war nicht der Umstand, alte Freunde zu sehen. Sondern das Wissen, dass er für all dies verantwortlich war.

Gewiss, er hatte nicht selbst abgedrückt. Aber immerhin war er es gewesen, der Palmiotti auf die Jagd nach dem Archivar geschickt hatte: Beecher.

Und eben dieser Beecher hatte herausgefunden, was der Präsident und Palmiotti vor sechsundzwanzig Jahren in jener schlimmsten Nacht ihres Lebens, damals auf dem College, getan hatten. Es war Beecher, der entdeckt hatte, dass sie das Gesicht eines Mannes aus ihrer Heimatstadt mit einem Baseballschläger und Autoschlüsseln bearbeitet hatten. Und dass Palmiotti zusammen mit dem zukünftigen Präsidenten und dessen Schwester das Auge des Mannes zerstört, sein Gesicht zerschmettert und Knochenstücke der Schädeldecke in sein Gehirn getrieben und damit bleibende Hirnschäden verursacht hatten.

Am schlimmsten jedoch war, dass Beecher und die Gruppe, mit der er zusammenarbeitete, nicht lockergelassen, niemals die Suche aufgegeben hatten, bis sie tatsächlich beweisen konnten, was in jener Nacht vor vielen Jahren passiert war.

Beecher und sein sogenannter Culperring.

Sie waren es, die echten Schaden anrichten konnten, sie waren diejenigen, die Wallaces und Palmiottis Geheimnis kannten. Und doch war es nicht das einzige Geheimnis, das der Präsident vor den Augen der Welt verbarg.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika nahm seinen Platz am Ende der Bankreihe ein und betrachtete den Sarg, in dem sein bester Freund lag.

Fast wie auf Stichwort vibrierte das Handy in seiner Tasche. Präsident Wallace senkte den Blick und zog es nur gerade so weit heraus, dass er die neueste Textnachricht lesen konnte.

Wie läuft meine Beerdigung denn so?, erkundigte sich Dr. Stewart Palmiotti.

TEIL I

DAS ERSTE
ATTENTAT

»Was wird nur Miss Harris davon halten, dass ich so an dir hänge?«, fragte Mary Lincoln, während sie die Hand ihres Ehemannes hielt.

»Sie wird sich nichts dabei denken«, antwortete Abraham Lincoln.

– Das waren die letzten Worte, die Lincoln sprach,
bevor John Wilkes Booth ihm eine Kugel in den Kopf jagte.

1. KAPITEL

Heute
Washington D. C.

Der Ritter kannte die Geschichte. Und seine Bestimmung. Es gab niemanden, der beides genauer studiert hätte als er.

Er rollte ein Butterscotch-Toffee mit der Zunge im Mund herum und drückte genau um 22:11 Uhr ab.

Die Pistole, eine antike Waffe, stieß eine blaugraue Rauchwolke aus, und die Kugel ließ einen Sprühregen aus Fleisch und Blut auf die hölzernen Bänke von St. John’s Church niedergehen, dem historischen Gebäude direkt gegenüber dem Weißen Haus.

»Sie … Sie haben auf mich geschossen …!«, schrie der Pfarrer. Er umklammerte seine Schulter, als er taumelte und durch den Hauptgang im Mittelschiff der Kirche stolperte. Es fühlte sich an, als wäre sein Schlüsselbein zertrümmert.

Die Blutung wollte nicht aufhören, aber er war nicht tödlich getroffen worden. In letzter Sekunde hatte sich der Pfarrer, der seit fast einem Jahrzehnt St. John’s vorstand, bewegt.

Der Ritter stand einfach da und wartete darauf, dass der Mann zu Boden fiel. Die kreideweiße Gipsmaske, die er trug, sorgte dafür, dass sein Opfer sein Gesicht nicht erkennen konnte. Aber der Pfarrer war kräftig und gab sich nicht so leicht geschlagen.

Der Ritter schob die Waffe wieder in seine Tasche und ging gelassen, ja fast beschwingt durch den Gang zum geschmückten Altar.

»Hilfe! Zu Hilfe! Bitte! Hilft mir denn niemand?«, stieß der Geistliche beim Weiterlaufen keuchend hervor. Er war etwa sechzig, hatte rosige Wangen und blickte jetzt zurück auf die starre weiße Maske, die wie eine Totenmaske aussah und ihm folgte.

Es gab einen Grund, warum der Ritter eine Kirche ausgewählt hatte und speziell diese Kirche. Sie wurde »die Kirche der Präsidenten« genannt, weil alle Präsidenten seit James Madison hier gebetet hatten.

Und auch die selbst angefertigte Tätowierung auf der zarten Haut zwischen Daumen und Zeigefinger war nicht zufällig ausgesucht. Der Ritter hatte die Tätowierung erst in der Nacht zuvor beendet und hatte dafür weiße Tinte benutzt, da diese mit bloßem Auge nicht zu erkennen war. Fünf Nadeln hatte er benötigt, die er gebündelt in die Tinte getaucht hatte, und vier Stunden Arbeit hatte es ihn gekostet. Immer wieder hatte er seine Haut punktiert und das Blut weggewischt.

Die einzige Pause hatte er sich gegönnt, als er den ersten Teil beendet hatte – die Initialen. Dann hatte er aus seiner Tasche ein vergilbtes Kartenspiel gezogen, rasch Herz, Kreuz und Karo durchgeblättert und bei den Pikkarten innegehalten.

Im Wörterbuch wurde dieses Pik auch als Pike bezeichnet. Als die vier Kartenfarben vor Jahrhunderten eingeführt wurden, hatte jede ihre besondere Bedeutung. Das Pik, ein auf den Kopf gestelltes schwarzes Herz mit einem Stil, symbolisierte die Spitze einer Hellebarde oder Lanze.

Die Waffe eines Ritters.

»Ich brauche Hilfe! Bitte … Zu Hilfe!«, schrie der Pfarrer. Er hastete stolpernd durch den Gang, stürmte dann rechts durch die Doppeltüren und in den langen Gang, der aus dem Kirchenschiff führte.

Mit ruhigen, gemessenen Schritten folgte ihm der Ritter durch den verwinkelten Flur zu den Kirchenbüros. Sein gleichmäßiger Atem erwärmte die weiße Gipsmaske.

Vor sich, hinter der Ecke hörte er die leisen Tastentöne eines Handys. Der Pfarrer versuchte, die Polizei zu rufen.

Aber wie schon sein Held vor so langer Zeit hatte auch der Ritter nichts dem Zufall überlassen. In seiner Tasche steckte ein graues Plastikgerät von der Größe eines Handys. Damit konnte er jedes Mobiltelefonsignal in einem Umkreis von fünfzig Metern unterdrücken. Solche Störsender waren in den Vereinigten Staaten zwar verboten, aber man bekam sie für weniger als zweihundert Dollar im Internet auf einer englischen Website.

Hinter der Ecke im Gang, wo die Hauptbüros der Kirche lagen, hörte er ein dumpfes Geräusch. Wie von einer Schulter, die gegen Holz prallte. Der Pfarrer hatte offenbar bemerkt, dass jemand den Türgriff von der Eingangstür entfernt hatte. Dann hörte man den lauten Knall, mit dem eine Bürotür zugeworfen wurde. Jetzt versteckte sich der Geistliche in einem der Büros.

In der Ferne hörte der Ritter ein schwaches Heulen von Polizeisirenen, das ständig lauter wurde. Der Pfarrer konnte unmöglich die Polizei verständigen, aber selbst wenn es ihm gelingen sollte, gab es für ihn in diesem Labyrinth nur noch Sackgassen.

Der Ritter sah sich um, blickte zuerst nach rechts, dann nach links. Er betrachtete die uralten Konferenzräume, die die Kirche jetzt für Treffen der Anonymen Alkoholiker und für die »Nacht der Rendezvous« nutzte, die sie einheimischen Singles anbot. Dieser Teil des Gebäudes, das Pfarrhaus, war fast so alt wie die Kirche selbst. Aber bei Weitem nicht so gut in Schuss. Die hohen Kirschholztüren der Räume in diesem Flur standen alle offen. Alle, bis auf eine.

Der Ritter drehte einmal kurz an dem ovalen Messingknopf und stieß die große Tür auf. Das Heulen der Sirenen wurde immer lauter. In der äußersten Ecke des Raumes, neben dem Bücherregal, versuchte der Pfarrer, der immer noch um Hilfe schrie, das einzige Fenster des Raumes aufzustemmen. Der Ritter hatte es Stunden zuvor mit Brettern zugenagelt.

Jetzt näherte er sich dem Geistlichen und kam dabei an einer Glasvitrine vorbei, ohne der wundervollen Sammlung von fünfzig antiken Kreuzen, die auf rotem Samt drapiert waren, auch nur einen Blick zu gönnen.

»Das dürfen Sie nicht! Gott wird Ihnen niemals vergeben!«, flehte der Pfarrer ihn an.

Der Ritter trat zu ihm und packte die verletzte Schulter des Geistlichen. Unter seiner Maske ließ er das Bonbon über die Zunge rollen. Dann zog er ein Messer aus seinem Gürtel.

Auf der einen Seite der Klinge waren die Worte »Land der Freien/Heimat der Tapferen« mit Säure eingeätzt, auf der anderen Seite die Worte »Freiheit/Unabhängigkeit«. Genauso wie auf dem Messer, das sein Held vor über einem Jahrhundert besessen hatte.

Er holte ein letztes Mal tief Luft, was ihm ein Gefühl von Schwerelosigkeit verlieh, und klemmte das Bonbon zwischen seine Backenzähne.

»Wa … Warum machen Sie das?«, stammelte der Pfarrer, während das Heulen der Sirenen zu einem ohrenbetäubenden Lärm anschwoll.

»Ist das denn nicht offensichtlich?« Der Ritter hob sein Messer und rammte es dem Pfarrer in den Hals. Das Bonbon zwischen seinen Zähnen brach in zwei Teile. »Ich bereite mich auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten vor.«

2. KAPITEL

Es gibt Geschichten, die niemand kennt. Geheime Geschichten.

Ich liebe solche Geschichten. Und da ich im Nationalarchiv arbeite, verdiene ich mein Geld damit, solche Geschichten aufzuspüren. Aber als um 7:30 Uhr morgens die Aufzugstüren auseinandergleiten und ich den ruhigen Gang im dritten Stock prüfend mustere, begreife ich allmählich, dass einige dieser Geschichten erheblich geheimer sind, als ich angenommen habe.

»Nichts?«, fragt Totte. Er wartet vor unserem Büro auf mich. So, wie er seinen Vollbart um seinen Finger zwirbelt, kennt er die Antwort bereits.

»Weniger als nichts«, bestätige ich. Ich habe einen Aktenordner in meiner behandschuhten Hand und überzeuge mich erneut davon, dass uns niemand belauscht.

Aristoteles »Totte« Westman ist mein Mentor hier in den Archiven. Er hat mir beigebracht, dass die besten Archivare diejenigen sind, die nie aufhören zu suchen. Er hat das immerhin zweiundsiebzig Jahre lang praktiziert.

Er ist außerdem derjenige, der mich in den Culperring eingeführt hat.

Dieser Ring wurde von George Washington ins Leben gerufen.

Als ich das hörte, war ich ganz schön erstaunt. Es war tatsächlich der George Washington.

Damals, vor zweihundert Jahren, während des Unabhängigkeitskrieges hat Washington seinen eigenen privaten Spionagering aufgezogen. Das hat ihm nicht nur geholfen, den Krieg zu gewinnen, sondern auch das Präsidentenamt zu schützen. Dieser Ring existiert heute noch, und jetzt gehöre ich ebenfalls dazu.

»Beecher, du wusstest, dass er es uns nicht leicht machen würde.«

»Das verlange ich auch gar nicht; ich habe nur gehofft, es wäre überhaupt möglich. Aber es sieht so aus, als gäbe es schlichtweg nichts zu finden.«

»Es gibt immer irgendetwas zu finden. Das verspreche ich dir.«

»Ja, und zwar versprichst du mir das jetzt schon seit zwei Monaten«, erwidere ich. Denn seit dieser Zeit tauchen Totte und ich jeden Morgen um sieben hier auf, bevor irgendein anderer Archivar sich blicken lässt, und forsten insgeheim alle Präsidentenakten durch, derer wir habhaft werden können.

»Was hast du erwartet? Dass du einfach unter P nachsiehst und alles findest, was du unter Böser Präsident gesucht hast?«, meint Totte provozierend.

»Genau genommen wäre Böser Präsident unter B abgelegt.«

»Nur, wenn es sein Vorname ist. Obwohl das tatsächlich von der Kataloggruppe abhängt«, erklärt Totte in der Hoffnung, dieser lahme Witz werde die Stimmung etwas lockern. Tut er aber nicht. »Die Sache ist die, Beecher, wir kennen den entscheidenden Teil: Wir wissen, was Wallace und Palmiotti getan haben; wir wissen, wie sie es getan haben; und wir wissen sogar, dass sie, als sie mit ihrem Baseballschläger und den Wagenschlüsseln fertig waren, einen jungen Mann einfach ins Dauerkoma fallen und schließlich sterben ließen. Jetzt müssen wir das nur noch beweisen. Ich glaube, wir sollten etwas mehr Dampf machen.«

Während Totte das sagt, streicht er mit den Fingerspitzen über die Metallenden seiner Bolo-Tie. Ihm ist nicht klar, dass diese Cowboy-Krawatte ebenso altmodisch ist wie die Scottsdale-Boutique, in der er sie 1994 gekauft hat. Aber ich kenne Totte, und ich kenne diesen Tonfall.

»Warum hast du gerade gesagt, dass wir mehr Dampf machen müssen?«, erkundige ich mich.

Zuerst bleibt Totte stumm und wirft einen prüfenden Blick in den Flur.

»Totte, wenn du etwas weißt …«

»Einer unserer Jungs«, beginnt er. Diesen Ausdruck benutzt er nur, wenn er über andere Mitglieder des Culperrings spricht. »Einer von ihnen hat sich mit jemandem vom Secret Service unterhalten und sich danach erkundigt, was der Service über dich weiß. Und weißt du, was der Mann vom Service geantwortet hat? Nichts. Sie wissen gar nichts. Weißt du, was das bedeutet, Beecher?«

»Das bedeutet, dass sie sich meinetwegen den Kopf zerbrechen.«

»Nein. Es bedeutet, dass der Präsident schon längst weiß, wie das hier enden wird. Und dass er bereits an seiner Coverstory arbeitet.«

Totte lässt seine Worte auf mich wirken, während er erneut prüfend in den Gang späht. Ich rede mir ein, dass der Beweis immer noch in den Archiven versteckt ist  … irgendwo  … in irgendeinem Aktenordner. Eine Nadel in einem nicht gerade kleinen Heuhaufen.

Im Nationalarchiv lagern die wichtigsten Unterlagen der US-Regierung, angefangen von dem Original der Unabhängigkeitserklärung bis hin zu Jackie Kennedys pinkfarbenem Pillendosen-Hut. Oder von Reagans ursprünglicher »Reich-des-Bösen«-Rede bis hin zu den Ortungskarten, mit deren Hilfe wir Bin Laden aufgespürt und erledigt haben. In Ordnern mit über zehn Milliarden Seiten katalogisieren wir jede Aufzeichnung und jeden Bericht, der jemals von der Regierung erstellt worden ist.

Das bedeutet, dass dies hier ein ganzes Gebäude voller Geheimnisse ist – vor allem von Geheimnissen amtierender Präsidenten. Denn wir lagern alles, von ihren Eintragungen ins Klassenbuch der Grundschule über ihre Jahrbücher bis hin, jedenfalls theoretisch, zu alten, vergessenen medizinischen Berichten, die vielleicht beweisen können, was Präsident Wallace tatsächlich in jener Nacht vor sechsundzwanzig Jahren getan hat.

»Hast du daran gedacht, seine Marathon-Akten anzufordern?«, erkundigt sich Totte.

»Habe ich bereits erledigt. Das hier ist heute Morgen gekommen.«

Seit beinahe zwei Monaten haben wir jedes einzelne Puzzlestück von Präsident Wallaces Krankengeschichte umgedreht, angefangen bei seiner Zeit im College, als er beim ROTC war, dem Reserve-Korps der Offiziere, bis hin zu der Gesundheitsuntersuchung, der er sich unterzog, als seine Tochter geboren wurde und er seine erste Versicherungspolice abschloss. Nicht zu vergessen die Röntgenaufnahmen, die damals gemacht wurden, als er noch Gouverneur war und beim Marinemarathon mitlief, obwohl er einen Haarriss im Fuß hatte. Dieser Bruch brachte Wallace nationale Aufmerksamkeit und in der Öffentlichkeit den Ruf eines Politikers ein, der niemals aufgibt. Wir hatten uns von diesen Aufnahmen noch mehr erhofft. Aber wie jedes medizinische Dokument, das in Beziehung zum Präsidenten stand, war jede Akte, die zurückkam, leer. Einfach leer.

»Er kann nicht alles verschwinden lassen, Beecher.«

»Ach nein? Wie war das noch mit den medizinischen Unterlagen über FDR?«, erwidere ich. Darauf weiß Totte nichts zu erwidern. Neunzehnhundertfünfundvierzig, nur achtundvierzig Stunden nach Franklin Delano Roosevelts Tod, wurden seine sämtlichen medizinischen Unterlagen gestohlen und vernichtet. Jedenfalls hat niemand sie seitdem wieder gesehen.

»Wenn Wallaces Marathon-Röntgenaufnahmen also ein Fehlschlag waren, was hast du denn da?« Totte deutet auf den Aktenordner, den ich immer noch in der Hand halte.

»Das ist nur etwas, das ich bei unseren Unterlagen vom Bürgerkrieg gefunden habe. Ein Brief von Abraham Lincolns Sohn, in dem er über seine Jahre im Weißen Haus schreibt.« Totte weiß, dass ich gerne in der Historie stöbere, wenn ich nervös bin. Aber er weiß auch, dass mich nichts nervöser macht als die komplexeste Historie von allen: Familiengeschichte.

»Deine Mom hat angerufen, als du da unten warst, hab ich recht?«, will Totte wissen.

Ich nicke. Nach ihrer Herzoperation habe ich meine Mutter gebeten, mich jeden Morgen anzurufen, damit ich weiß, dass es ihr gutgeht. Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war. Ich habe nur noch Mom. Aber wie immer war es nicht meine Mutter, die mich anrief. Es war meine Schwester Sharon, die bei ihr lebt und sich um sie kümmert. Ich schicke alle zwei Wochen einen Teil meines Gehalts nach Hause, aber Sharon macht die eigentliche Arbeit.

»Geht es deiner Mutter gut?«, erkundigt sich Totte.

»Wie immer.«

»Dann wird es Zeit, dass du dich auf ein Problem konzentrierst, mit dem du wirklich fertig werden kannst«, erklärt Totte und deutet auf die Tür zu unserem Büro. Er ruft mir damit ins Gedächtnis, dass, ganz gleich, was Präsident Wallace plant, hier die wirkliche Schlacht geschlagen wird. Aber als wir unser Büro betreten und ich die beiden Männer in dunklen Anzügen vor meinem Verschlag stehen sehe, drängt sich mir der Gedanke auf, dass der Präsident uns möglicherweise erheblich weiter voraus ist, als wir gedacht haben.

»Beecher White?«, fragt der größere der beiden Männer. Der Blick seiner dunklen Augen, mit dem er mich mustert, verrät mir, dass er die Antwort kennt. Er hat ein schmales Gesicht; sein Partner dagegen ist ziemlich mondgesichtig, was er mit einem sauber getrimmten Spitzbart zu kaschieren sucht. Keiner der beiden sieht besonders fröhlich aus. Oder freundlich.

»Richtig, ich bin Beecher. Und Sie sind …?«, erwidere ich, aber keiner von beiden antwortet. Als Totte in seinen Verschlag humpelt und dort verschwindet, sehe ich, dass meine beiden Besucher goldene Nadeln an ihren Revers tragen, die einen mir bekannten fünfzackigen Stern zeigen. Secret Service.

Ich werfe Totte einen kurzen Seitenblick über die Trennwand zwischen unseren Verschlägen zu. Er hat den Braten auch gerochen.

»Würden Sie uns vielleicht ein paar Fragen beantworten?« Der Agent mit dem schmalen Gesicht zückt seinen Dienstausweis, der ihn als Edward Harris ausweist. Bevor ich antworten kann, setzt er hinzu: »Fangen Sie immer so früh an zu arbeiten, Mr. White?«

Ich habe zwar keine Ahnung, wo genau sich die Bärenfalle befindet, aber ich kann spüren, wie sich ihre Feder spannt. Als ich Präsident Wallace das letzte Mal sah, habe ich ihm ins Gesicht gesagt, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun würde, um die Beweise zu finden, die belegen, was er und sein toter Freund Palmiotti getan haben. Als Antwort hat sich der mächtigste Mann der Welt über seinen großen Mahagonischreibtisch im Westflügel gelehnt und, in vollkommen sachlichem Ton und als wäre es eine unumstößliche Tatsache, erwidert, dass er mich höchstpersönlich ausradieren würde. Wenn mir also zwei Secret-Service-Agenten noch vor acht Uhr morgens Fragen stellen, weiß ich, dass ich in der Klemme sitze, ganz gleich, was sie wissen wollen.

»Ich komme gern schon um sieben«, gebe ich zurück. Der Miene des Agenten nach zu urteilen, ist das nicht neu für ihn. Ich überschlage kurz, welche Angestellten und Wächter möglicherweise gesehen haben, wie ich unten die Aufzeichnungen über die Präsidenten durchforstet habe, und dem Secret Service einen Tipp gegeben haben könnten. »Mir war nicht klar, dass es ein Problem darstellt, wenn man früh zur Arbeit kommt.«

»Das ist kein Problem«, erwidert Agent Harris ruhig. »Und um welche Zeit kommen Sie für gewöhnlich nach Hause? Genauer gefragt, um welche Zeit sind Sie letzte Nacht nach Hause gekommen?«

»Kurz nach acht«, erwidere ich. »Wenn Sie mir nicht glauben, fragen Sie Totte. Er hat mich nach Hause gefahren und dort abgesetzt.« Ich stehe immer noch an der Tür meines Verschlages und habe den kostbaren Brief von Robert Todd Lincoln in meinen Händen, während ich auf Tottes Verschlag deute.

»Wie schön. Totte hat Sie also abgesetzt. Das bedeutet, er weiß nicht, wo Sie zwischen acht Uhr gestern Abend und etwa sechs Uhr heute Morgen gewesen sind, korrekt?« Das fragt der Agent mit dem Spitzbart, obwohl es nicht wie eine Frage klingt.

Jetzt erst fällt mir auf, dass keiner der beiden Männer ein Handmikrofon besitzt oder einen Minilautsprecher im Ohr stecken hat, wie alle Secret-Service-Agenten sie tragen, die den Präsidenten beschützen. Diese beiden sind also keine Leibwächter, sondern Ermittler. Trotzdem, die Aufgabe des Secret Service besteht darin, den Präsidenten zu beschützen. Der Culperring schützt das Präsidentenamt. Das ist ein nicht unerheblicher Unterschied.

»War gestern Nacht jemand bei Ihnen, Beecher?«, übernimmt Agent Harris wieder die Befragung.

Ich schüttle den Kopf. Totte wirft mir aus seinem Verschlag heraus einen vielsagenden Blick zu. Die Bärenfalle wird gleich zuschnappen.

»Tragen Sie immer Handschuhe bei der Arbeit?« Agent Harris deutet auf die weißen Baumwollhandschuhe.

»Nur wenn ich mit alten Dokumenten zu tun habe«, sage ich, als ich den Aktenordner aufschlage und ihnen das bräunliche, gefleckte Papier von Robert Todd Lincolns Brief zeige. »Wenn Sie mich bitte entschuldigen …«

Sie treten von meinem Verschlag weg, aber nur ein kleines Stück.

Ich dränge mich zwischen ihnen hindurch und lege den Lincoln-Brief vorsichtig auf meinen Schreibtisch. Dabei bemerke ich, dass meine Tastatur etwas schräg steht und einer meiner Aktenhaufen schief ist. Sie haben meine Sachen also bereits durchsucht.

»Nehmen Sie diese Handschuhe auch mit nach Hause?«, will Agent Harris wissen.

»Bitte entschuldigen Sie«, erwidere ich. »Aber ich wüsste gerne … werde ich irgendeines Vergehens beschuldigt?«

Sie tauschen einen vielsagenden Blick.

»Beecher, kennen Sie jemanden namens Ozzie Andrews?«, fragt Agent Harris schließlich.

»Wen?«

»Sagen Sie mir einfach, ob Sie ihn kennen. Ozzie Andrews.«

»An einen so albernen Namen wie Ozzie würde ich mich mit Sicherheit erinnern.«

»Also haben Sie ihn niemals getroffen? Und den Namen auch nie zuvor gehört?«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Man hat einen Toten gefunden«, erwidert Agent Harris. »Ein Pfarrer in einer Kirche in der City wurde gestern etwa um Mitternacht ermordet. Man hat ihm die Kehle durchgeschnitten.«

»Das ist ja schrecklich.«

»Allerdings. Zu unserem Glück konnte die Polizei von D. C. einen Verdächtigen verhaften, als sie dort eintraf. Er nannte sich Ozzie. Er schlenderte aus dem Hintereingang, unmittelbar nach dem Mord. Und als die Beamten Ozzies Taschen durchsuchten, fanden Sie einen Zettel mit Ihrem Namen und Ihrer Telefonnummer in seiner Brieftasche.«

»Wie bitte? Das ist ja lächerlich.«

»Sie wissen also nichts über diesen Mord?«

»Selbstverständlich nicht!«

Schweigen.

»Beecher, wie würden Sie Ihre Meinung über Präsident Orson Wallace beschreiben?«, bricht Agent Harris schließlich die Stille.

»Was meinen Sie?«

»Ihre politischen Ansichten interessieren uns nicht. Aber da die St. John’s Church so nahe am Weißen Haus liegt … Sie verstehen das sicher. Wir müssen das fragen.«

Ich drehe mich zu Totte herum, der den Braten nicht mehr nur riecht; jetzt können wir ihn sogar sehen. Als der Präsident vor zwei Monaten seinen besten Freund begrub, hat er geschworen, mich ebenfalls zu begraben. Ich hatte immer vermutet, mein Schicksal würde mich mitten in der Nacht ereilen, mit einer Skimaske verkleidet. Aber ich hatte vergessen, mit wem ich es zu tun habe. Totte sagte, der Präsident hätte mir bereits eine Zielscheibe auf die Stirn gemalt, und jetzt tauchen plötzlich zwei Secret-Service-Agenten auf ? Das ist Wallaces wahre Rache: Er hängt mir einen Mord an, schickt mir den Secret Service auf den Hals und wäscht seine manikürten Hände in Unschuld, während man ein Polizeifoto von mir macht.

»Wo ist dieser Typ namens Ozzie?«, frage ich. »Ich wüsste gern, wer das ist.«

»Tut mir leid, mir war nicht klar, dass Verdächtige Forderungen stellen können.«

»Aha, also bin ich jetzt ein Verdächtiger? Also gut, dann will ich meinen Ankläger sehen. Ist er immer noch im Gefängnis?«

Zum ersten Mal reagieren beide Agenten mit Schweigen.

»Was denn, Sie haben ihn laufen lassen?«, erkundige ich mich.

Wieder antwortet mir Schweigen.

»Sie haben also den Mordverdächtigen von der Polizei serviert bekommen und ihn gleich wieder laufen lassen? Und jetzt glauben Sie, Sie können hier auftauchen und mir das anhängen? Tut mir echt leid, aber falls Sie nicht vorhaben, mich zu verhaften, betrachte ich unser Gespräch hiermit als beendet.«

»Können Sie vielleicht noch eine letzte Frage …?«

»Die Angelegenheit ist für mich erledigt. Auf Wiedersehen«, sage ich und deute auf die Tür. Sie bleiben dreißig Sekunden lang einfach regungslos stehen, nur um mir klarzumachen, dass es ihre Entscheidung ist, zu verschwinden, nicht meine.

Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt, höre ich, wie Totte hinter mir flüstert.

»Du bist der Beste, Tad. Ich weiß das wirklich zu schätzen«, sagt er in seinem Verschlag.

Zum ersten Mal realisiere ich, dass Totte die ganze Zeit telefoniert hat, und als ich den Namen Tad höre, wird mir auch klar, in welch großer Gefahr ich tatsächlich schwebe.

Als George Washington damals den Culperring schuf, suchte er ganz normale, gewöhnliche Leute aus, weil die niemand eines zweiten Blickes würdigt. Seine einzige weitere Regel lautete, dass nicht einmal er selbst die Namen aller Mitglieder des Rings kennen sollte. Falls also einer von ihnen dabei erwischt wurde, wie er Informationen weitergab, würde der Feind niemals die anderen Mitglieder aufspüren können.

Und das ist der eigentliche Grund, warum der Culperring bis zum heutigen Tag existieren konnte – und warum er seine Finger in jeder Aktion hatte, angefangen vom Unabhängigkeitskrieg, dem Abwurf der Bombe über Hiroshima bis hin zur Invasion in der Schweinebucht. Lange vor der OSS oder der CIA wussten diese Jungs, wie man Geheimnisse hütet. Wenn es also um andere Mitglieder des Culperrings geht, gibt es nur einen, abgesehen von Totte, den ich persönlich getroffen habe. Er ist Arzt, und man nennt ihn den Chirurgen. Das ist alles, kein Name. Er hat mir zwei Liter Blut abgenommen, falls es einmal einen Notfall geben sollte. Aber es gibt noch ein anderes Mitglied, vor dem ich gewarnt wurde.

Totte nennt ihn Tad, eine Kurzform für Tadellose Täuschung, was wiederum eine Abkürzung ist für: Wenn es ums Computerhacken geht, wenn wir irgendetwas brauchen, dann wende dich an Tad, der besorgt es dir. Das Einzige, was er als Gegenleistung verlangt, ist, dass wir seiner Nichte Pfadfinderinnen-Kekse abkaufen.

»Du schuldest mir eine weitere Schachtel Samoas«, dringt Tads Stimme aus Tottes Handy.

»Du meinst wohl Caramel DeLites«, antwortet Totte.

»Ist mir gleichgültig, wenn sie den Namen geändert haben. Für mich sind es Samoas«, sagt Tad. Er bedient sich dabei eines Sprachgenerators, der Text in Sprache verwandelt, dabei jede Silbe im Wort Samoas dehnt und sich anhört wie ein Roboter aus den Sechzigern.

Niemand hat jemals Tads echte Stimme gehört.

Nach dem, was Totte mir erzählt hat, war Tad einer der Sieben. Im Falle eines nationalen Notfalls, falls das Internet und unsere Computerinfrastruktur zusammenbrechen sollten, besitzen sieben Menschen in der US-Regierung die Fähigkeit, diese wiederherzustellen. Fünf der Sieben müssen jederzeit bereit sein, das zu tun. Bevor Tad der Regierung den Rücken kehrte, war er einer von ihnen.

Eine wirklich coole Geschichte. Und es ist nicht einmal die einzige. Laut dem Chirurgen soll Tad kein pensioniertes Technikgenie sein, sondern ein neunzehnjähriger Paria, der, wie jeder talentierte Hacker, der von den US-Behörden geschnappt wurde, das Angebot bekam, für die US-Regierung zu arbeiten. Die Pfadfinderinnen-Kekse sind in Wirklichkeit von seiner Schwester.

Es interessiert mich nicht wirklich, welche der beiden Geschichten stimmt. Mir ist nur wichtig, dass niemand schneller ist als Tadellose Täuschung, wenn es Schwierigkeiten gibt.

Totte reicht mir über die Trennwand zwischen unseren Verschlägen hinweg sein Handy. Das kleine Display zeigt das Foto eines Mannes mit wirrem schwarzen Haar, der vor einer hellblauen Wand steht. Ein Polizeifoto des Mannes, der mich belastet, Ozzie. Er sieht etwa so alt aus wie ich, aber das ist schwer zu beurteilen, weil sein Gesicht … Sein rechtes Augenlid hängt ein bisschen herab, sodass er irgendwie verschlafen aussieht. Und seine Haut wirkt irgendwie klumpig, als wäre sie mit Wachs überzogen. Ich glaube, er hat schwere Verbrennungen erlitten.

Dann fallen mir seine Augen auf. Sie sind von einem blassen Goldbraun, wie die Farbe von Weißwein.

Hinter mir öffnet sich die Tür zu unserem Büro, als einer unserer Kollegen hereinkommt. Aber ich höre es kaum. Mir wird eiskalt, und meine Haut fühlt sich an, als würde sie von meinem Körper bröckeln.

Ich kenne nur eine einzige Person mit so hellen, goldbraunen Augen. Und während ich das Foto betrachte, während ich versuche, die Brandwunden zu ignorieren  … Nein, es ist unmöglich. Er kann es nicht sein.

Aber ich weiß, dass er es ist.

Marshall.

3. KAPITEL

Zwanzig Jahre früher
Sagamore, Wisconsin

Marshall hatte das Geräusch nicht gehört.

Wie jeder Fünftklässler bewegte sich Marshall viel zu schnell, als er die Beifahrertür aufstieß. Viel zu schnell für die kleine und behäbige Stadt Sagamore. Noch bevor sein Dad die Automatik auf »Parken« stellte, war Marshall draußen in der Kälte und rannte zum Heck des Wagens. Er musste seine ganze Kraft aufbieten, um den Rollstuhl seines Dads aus dem Kofferraum zu wuchten.

Marshall war knapp zehn Jahre alt, der Jüngste in seiner Klasse, und alle sagten immer, er sei nur ein bisschen pummelig, nicht fett. Sein Gewicht sei optimal, aber seine Größe hinke ein wenig hinterher. Er selbst glaubte das ebenfalls und wartete begierig auf den Tag, an dem Gott die Dinge richten und ihn so machen würde wie die anderen Fünftklässler: so groß wie Vincent oder so dürr wie Beecher.

Marshall war ein sehr höfliches Kind, fast schon übertrieben höflich. Seine Mom war sehr streng und hatte ihm beigebracht, dass er das Zimmer zu verlassen hatte, wenn er Wind lassen musste, wie sie furzen nannte. Disziplin bestimmte den Haushalt der Lusks, und seine wichtigste Pflicht war es, sich um seinen Dad zu kümmern.

»Zu Diensten, Sir«, verkündete Marshall, als er den Rollstuhl zur Fahrertür schob, ein Witz, bei dem sein Dad immer zusammenzuckte.

»Auf C«, sagte sein Vater, drehte sich um und gab Marshall das Zeichen, die Bremse des Rollstuhls festzuklemmen und ihn festzuhalten. »A … B …«

»C …!«, sagten Marshall und sein Dad gleichzeitig. Marshalls Vater stemmte sich nur durch die Kraft seiner Arme aus dem Fahrersitz heraus und drehte sich Richtung Rollstuhl. Dabei schwang er das, was von seinen Beinen übrig war, durch die Luft.

Medizinisch gesprochen war Timothy Lusk beidseitig unterschenkelamputiert. In der Nacht des Unfalls fuhr er gerade seine schwangere Frau ins Krankenhaus, als ein brauner Minivan seinen Wagen rammte. Er wurde von einer Frau gefahren, die gerade einen epileptischen Anfall erlitt. Gott sei Dank wurde Marshall geboren, ohne einen Kratzer davongetragen zu haben. Timothys Frau Cherise war ebenfalls nichts passiert. Die Ärzte amputierten Timothys zerschmetterte Beine direkt unterhalb der Knie.

»Vorsicht …«, sagte Marshall, als das ganze Gewicht seines Vaters aus dem Wagen auf den Rollstuhl sank. Er hasste es, wenn sein Dad sich so beeilte, aber sein Vater war immer gereizt und ungeduldig, wenn er durch den Schnee behindert wurde. Obwohl die Nachbarn halfen, den Gehweg und die Auffahrt der Lusks vom Schnee zu räumen, konnten sie natürlich nicht die ganze Stadt freischaufeln. Für jemanden in einem Rollstuhl war der Winter wirklich äußerst unangenehm.

»Hast du ihn?«, blaffte sein Dad ihn an, als er auf dem Sitz landete und der Rollstuhl wegen des Schneematsches auf dem Boden etwas zurückrutschte. Der Stumpf seines linken Beines schlug gegen die Metallstange der Armstütze.

»Ich habe ihn!«, erwiderte Marshall, rückte seine dicke Brille zurecht und schob den Rollstuhl zum Bordstein. In zwanzig Jahren würde jede Straße mit einem tiefer gelegten Bordstein ausgestattet sein, und Rollstühle wogen dann kaum mehr als sechs Kilogramm. An diesem Tag in Sagamore, Wisconsin, jedoch waren die Bordsteine noch hoch, und Rollstühle wogen mehr als fünfundzwanzig Kilo.

Marshalls Vater hielt die Reifen fest und lehnte sich zurück, sodass der Rollstuhl nach hinten kippte.

Marshall hatte die Handgriffe des Rollstuhls gepackt und setzte die Vorderräder auf den Bordstein. Jetzt kam der schwerere Teil. Marshall war nicht besonders kräftig, und er war übergewichtig, aber er wusste, was er tun musste. Er legte seine Handflächen unter die Griffe, schob den Stuhl nach vorn und hob sie an, wobei er die Zähne zusammenbiss. Sein Vater drehte an den Rädern, versuchte, ihm zu helfen. Marshalls Handflächen wurden rot, und wo die Griffe sich in die Haut gruben, bildeten sich kleine weiße Inseln. Sie mussten beide all ihre Kraft zusammennehmen.

Es klappte.

Kein Problem. Es war ein Kinderspiel, sobald sie erst den Bordstein überwunden hatten.

»Galaktisch«, brummte Marshall.

Als jetzt sein Vater vor ihm über den Bordstein rollte, fehlte ihnen eine genaue Vorstellung, wohin sie eigentlich gehen wollten. Sein Vater hatte einfach nur ein bisschen nach draußen gewollt, um über die Dickinson Street zu bummeln, vielleicht ein Eiersandwich bei Danzas zu essen und einen Abstecher zu Farris’ Buchladen zu machen. Das alles änderte sich jedoch, als Marshalls Vater sagte: »Ich muss mal.«

»Was meinst du?«, erkundigte sich Marshall. »Was musst du?«

»Ich muss mal«, sagte er und deutete nach unten. Es war die plötzliche Panik in der Stimme seines Vaters, die Marshall klarmachte, was er meinte.

»Du musst pupsen?«, erkundigte sich Marshall.

»Nein! Ich muss pinkeln!«

»Aber hast du denn dafür nicht …?« Marshall machte eine Pause und spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. »Sind denn dafür nicht die Beutel  …?« Er tippte an seinen eigenen linken Schenkel, zeigte jedoch auf den Beinbeutel, den sein Vater trug, um dort hineinzuurinieren.

»Er ist gerissen«, sagte sein Vater, während er sich auf der menschenleeren Straße umsah und trotzdem versuchte, seine Stimme zu dämpfen. »Der Beutel ist gerissen.«

»Wie konnte er reißen? Wir haben noch nicht einmal …« Marshall verstummte und warf einen Blick zurück zu ihrem Wagen. »Du hast ihn zerrissen, als du ausgestiegen bist, richtig?«

Er lief rasch hinter seinen Dad und packte die Griffe. »Wir fahren schnell zum Wagen zurück und dann sofort nach Hause …«

»Ich schaffe es nicht bis nach Hause.«

Marshall erstarrte. »Was?«

Sein Vater stoppte den Rollstuhl, hielt den Kopf gesenkt und den Rücken seinem Sohn zugekehrt. Es kostete ihn sichtlich ungeheure Überwindung, die Worte auszusprechen, und er würde sie nicht wiederholen. »Ich schaffe es nicht, Marshall. Es wird ein Missgeschick passieren.«

Marshall klappte den Mund auf, aber kein Wort drang heraus. Fast sein ganzes Leben lang war er wegen des Rollstuhls immer auf Augenhöhe mit seinem Vater gewesen. Das hatte er niemals bemerkt, bis zu diesem Moment. »Ich helfe dir, Dad.« Marshall packte die Griffe, drehte den Rollstuhl herum und schob ihn so schnell er konnte über den Bürgersteig. Der nächstgelegene Laden war Lesters Modegeschäft.

Sein Vater blieb stumm. Aber Marshall sah, wie er unbehaglich auf seinem Sitz hin und her rutschte.

»Wir sind fast da«, versprach Marshall. Er schob so schnell er konnte und hatte den Kopf gesenkt wie ein angreifender Bulle.

Es knallte, als der Rahmen des Rollstuhls mit der Betonstufe kollidierte.

»Ich brauche Hilfe! Machen Sie auf!«, schrie Marshall und hämmerte mit der Faust gegen die Glastür von Lesters Geschäft. Die kleine Glocke, die das Eintreten eines Kunden verkündete, bimmelte leise.

»Dad, zurückkippen!«, schrie Marshall, und sein Dad kippte den Stuhl zurück. Eine Angestellte, eine etwa dreißigjährige Frau mit schlechten Zähnen und glattem braunen Haar, öffnete die Tür.

»Das ist ein Notfall! Packen Sie die Vorderseite des Rollstuhls!«, schrie Marshall die Frau an, die sich gehorsam bückte. Er rammte seine Handflächen unter die Griffe. »Auf C …«, fuhr er fort. »A … B …«

Es knirschte, als die Hinterreifen des Rollstuhls die erste Stufe überwanden und gegen die zweite stießen.

»Wir sind fast oben! Nur noch eine Stufe!«, rief Marshall.

»Ich schaffe es nicht«, wiederholte sein Vater.

»Du schaffst es, Dad, ganz bestimmt. Du schaffst es!«

»Sir, Sie müssen aufhören, herumzuzappeln«, meinte die Angestellte, die sich anschickte, den Rollstuhl anzuheben.

»Und los!« Marshalls Stimme brach. »Die letzte Stufe. Auf C …!«

»Marsh, es tut mir leid … Ich kann nicht mehr.«

»Du kannst es, Dad! Auf C …!« Marshalls Stimme klang flehentlich.

Sein Vater schüttelte den Kopf, während ihm die Tränen in die Augen traten. Er umklammerte die Armlehnen seines Stuhles, und seine Hände zitterten, als würde er versuchen, aus der Haut zu fahren, sich aus dem Stuhl zu wuchten. Als wollte er vor seinem eigenen Körper davonlaufen.

»A … B …«

Mit einem letzten Krachen rumpelte der Rollstuhl über die Schwelle des Geschäfts. Eine Welle warmer Luft schlug ihnen entgegen, als sie ins Innere rollten.

Marshall sah eine Gruppe von Kunden vor sich, fast alles Mütter mit Kindern, die sich ihnen zwischen den Kleiderständern hindurch näherten.

Alles war in Ordnung.

»Moment mal, ich glaube, da läuft etwas aus«, verkündete die Angestellte.

Das Geräusch war unverkennbar. Ein stetes Plätschern auf dem Holzboden. Marshall hörte es, schaffte es aber nicht, hinzusehen. Er brachte es einfach nicht über sich.

»O Gott!«, platzte die Angestellte heraus. »Ist das etwa …?«

»Pippi.« Eine Fünfjährige begann zu kichern und deutete auf die kleine Pfütze, die sich unter dem Stuhl von Marshalls Vater bildete.

Marshall stand hinter dem Rollstuhl und umklammerte die Handgriffe, damit er nicht umkippte. Er konnte nur den Rücken seines Vaters sehen. Jahrelang hatte er sich gefragt, wie groß sein Vater tatsächlich war. Doch in diesem Moment, als sein Vater förmlich auf dem Stuhl zusammensank, während der Urin immer noch vom Stumpf seines Beines heruntertropfte, wusste Marshall, dass sein Vater niemals kleiner aussehen würde.

»Hier  …« Eine Kundin reagierte schnell und zog Taschentücher aus ihrer Handtasche. Marshall kannte sie. Sie arbeitete mit seiner Mutter zusammen in der Kirche. Es war die Frau von Pastor Riis; alle nannten sie Cricket. »Hier, Marshall, lass mich dir helfen …«

In einer Mischung aus Schuldbewusstsein und Freundlichkeit fielen alle Angestellten und Kunden im Geschäft ein, warfen Papiertaschentücher auf die Schweinerei, plauderten beiläufig und taten, als würde so etwas ständig passieren. Sagamore war eine Kleinstadt. Eine Kirchenstadt. Eine Stadt, die sich seit dem Unfall der Lusks stets um Marshall gekümmert hatte … und um seine Mom … und vor allem um seinen armen Dad im Rollstuhl.

Aber als sich all diese Frauen um ihn scharten, sah Marshall nicht seinen Vater an oder die Urinpfütze. Das Einzige, was er sah, war der blonde Junge mit dem unordentlichen Haarschopf, der ihn aus der Ecke des Geschäfts heraus anstarrte, neben einem der Warenregale.

Es war eine Sache, vor einem ganzen Raum mit Fremden gedemütigt zu werden. Aber es war etwas ganz anderes, vor jemandem gedemütigt zu werden, den man kannte.

»Marshall, wir haben deine Mutter angerufen. Sie ist unterwegs«, erklärte die Frau des Pastors. Sie hatte sich zu ihm hinabgebeugt.

Marshall nickte und tat, als wäre alles in Ordnung. Aber er ließ keine Sekunde den Blick von dem blonden Jungen in der Ecke … Es war ein Klassenkamerad aus der fünften Klasse namens Beecher. Er sah nicht weg.

In Beechers Blick lagen Anteilnahme und Trauer. Und auch Mitgefühl. Marshall aber sah nur das Mitleid.

4. KAPITEL

Heute
Washington D. C.

»Moment mal, du kennst ihn?« Ich stehe neben Totte in seinem Verschlag und starre auf das Polizeifoto von Marshall. Meine Beine sind steif, mein ganzer Körper ist taub, und meine Haut fühlt sich an,  als wäre das Blut in meinen Adern plötzlich geronnen. »Beecher …«

»Er heißt nicht Ozzie. Er heißt Marsh. Marshall. In der siebten Klasse nannten wir ihn immer Marshmallow.«

»Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?«

»In der Junior Highschool.«

»Und kannte er sie?«, erkundigt sich Totte.

Ich sehe vom Telefon hoch. Ich dachte, das hier wäre eine Falle, die mir der Präsident gestellt hätte. Aber aus Tottes Frage schließe ich, dass er ebenfalls befürchtet, es könnte eine Falle von ihr sein, der anderen Person, die zufällig aus unserer kleinen Stadt stammt.

Clementine.

Meine Jugendliebe, mein erster Kuss und das Mädchen, das vor etwa zwei Monaten die brutale Tat des Präsidenten aufgedeckt und versucht hat, ihn damit zu erpressen.

Ich muss meinen Geschmack, was Frauen angeht, unbedingt verbessern.

»Du glaubst, Clementine …?«