Robert Merle

Das Idol

Roman

 

Aus dem Französischen von Brigitte Kautz

 

Aufbau-Verlag

Impressum

ISBN E-Pub 978-3-8412-0188-1

ISBN PDF 978-3-8412-2188-9

ISBN Printausgabe 978-3-7466-1220-1

 

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2010

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Übersetzung erschien erstmals 1991 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

L’Idole © Librairie Plon, Paris 1987

 

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Umschlaggestaltung Preuße & Hülpüsch Grafik Design unter Verwendung eines Mädchenbildnisses
von einem unbekannten flämischen Meister

 

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

 

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Inhaltsübersicht

VORWORT

DRAMATIS PERSONAE

KAPITEL I

KAPITEL II

KAPITEL III

KAPITEL IV

KAPITEL V

KAPITEL VI

KAPITEL VII

KAPITEL VIII

KAPITEL IX

KAPITEL X

KAPITEL XI

KAPITEL XII

KAPITEL XIII

KAPITEL XIV

|5|VORWORT

Dieser Roman spielt zwar Ende des 16. Jahrhunderts, ist jedoch keine Fortsetzung von »Fortune de France« und hat folglich nichts mit dem Leben und den Abenteuern des Pierre de Siorac zu tun. Ort der Handlung ist Italien, und alle Personen, seien sie nun Römer, Venezianer oder Florentiner, sind Bewohner dieser Halbinsel. Das ist der Grund, weswegen ich ihre Geschichte nicht in dem alten Französisch erzählen konnte, das mir während der neunjährigen Arbeit an meiner historischen Chronik so viel Mühe, aber auch so viel Freude gemacht hat. Es versteht sich von selbst, daß es wenig überzeugend gewirkt hätte, italienischen Romanfiguren französische Archaismen in den Mund zu legen.

Ich erfuhr zum ersten Mal von Vittoria Peretti, der Heldin meines Buches, als ich vor vierzig Jahren ein elisabethanisches Drama von Webster übersetzte, ein brillantes, wenn auch unausgewogenes Werk in einer Sprache, die die Shakespearesche Sprache geradezu schmucklos erscheinen läßt.

Erst zehn Jahre später, bei der Lektüre der »Italienischen Chroniken« von Stendhal, wurde mir bewußt, wie himmelschreiend ungerecht Webster über Vittoria urteilt. Es kann natürlich sein, daß er schlecht informiert war, doch wie konnte er sich, obwohl die Tatsachen sie eindeutig als Opfer erkennen lassen, dazu versteigen, sie »weißer Dämon« – so der Titel seines Stücks – zu nennen, womit gemeint ist, daß in ihrem schönen Körper eine teuflische Seele wohnte? Hier zeigt sich deutlich die Frauenverachtung unserer Herren Puritaner! Das unglückliche Opfer wird verfolgt und gefangengehalten und soll dennoch die Missetäterin sein …

Der Bericht, den Stendhal Vittoria widmet, umfaßt etwa dreißig Seiten, und trotz gegenteiliger Behauptungen, die man mitunter hört, handelt es sich nicht um ein originales Werk, sondern um die wörtliche Übersetzung einer alten Chronik, die |6|unseren Autor, stets fasziniert von großen Leidenschaften und starken Charakteren, gefesselt haben muß.

1957 schrieb ich auf der Grundlage dieser Chronik eine kurze Erzählung, die mich hinterher nicht befriedigte. Doch ich brauchte noch einige Zeit, um den Grund dafür herauszufinden.

Vittoria war gut, intelligent, kultiviert und großherzig. Doch nicht wegen dieser Tugenden wurde sie abgöttisch verehrt, sondern weil in einer von Männern beherrschten Gesellschaft die weibliche Schönheit überschätzt wird. Diese Überschätzung ist nicht, wie man annehmen könnte, für die Moral gefährlich, sondern für die betroffene Frau.

In unserer Zeit wäre Vittoria ein Star gewesen, und es wäre ihr nichts Schlimmeres passiert (freilich ist das schmerzlich genug), als daß sie mit dem Altwerden ihre Anbeter verloren hätte. Doch die Vittoria des 16. Jahrhunderts hatte ein ganz anderes Leben. Sie wurde als Ehefrau an einen Mann verkauft, den sie nicht liebte. Man wachte eifersüchtig über ihre Tugend. Zweimal wurde sie ihrer Freiheit beraubt und mehrere Monate in der Engelsburg gefangengehalten. Sie wurde von ihrem Beichtvater belauert, überwacht und verraten. Ihr Name wurde öffentlich in den Schmutz gezogen, ihre zweite Ehe von einem Papst für nichtig erklärt.

Sie stand also allein einer ganzen Gesellschaft gegenüber; um ihr Schicksal nachvollziehbar zu machen, war es notwendig, dieses archaische Milieu mit all seiner Brutalität und seinen Verfolgungsmechanismen zu beschreiben. Eben dies aber fehlte meiner kurzen Erzählung von 1957. Sie war zu linear. Sie beschrieb das Ereignis und nur unzureichend das Milieu, in dem es sich zugetragen hatte und aus dem heraus es sich erklärte.

Als ich den vorliegenden Roman konzipierte, glaubte ich, meine kurze Erzählung als einen ersten Entwurf betrachten zu können, den ich nur einfach umschreiben müßte.

Das erwies sich jedoch als unmöglich. Ich verstand sehr bald, daß ich alles verwerfen und neu anfangen, meine Forschungen wiederaufnehmen und vertiefen und zum gleichen Thema einen viel umfangreicheren und phantasievolleren Roman schreiben mußte, mit neuen oder anders gesehenen Helden; der menschliche Hintergrund mußte stärker herausgearbeitet |7|werden, die Erzählweise die außerordentliche Komplexität der Situation verdeutlichen, in der Vittoria kämpfte.

Am Ende meiner Forschungen entdeckte ich, nicht ohne innere Bewegung, am Ufer des Gardasees den Palast, in dem Vittoria 1585 ihren letzten glücklichen Sommer verlebt hatte. Er hat jetzt einen anderen Namen, doch vier Jahrhunderte sind über ihn hinweggegangen und haben ihm nichts anhaben können, nur seine Steine sind nachgedunkelt. Er hat nichts von einer venezianischen Villa. Karg und streng erhebt er sich am Wasser. Als ich ihn sah, vermochten nicht einmal die großen Magnolien am Uferweg sein Bild aufzuhellen, zumal sie gerade ihre Blüten verloren, die eine nach der anderen auf das Wellengekräusel des nebligen Sees fielen. Die Luft war mild, aber der Ort melancholisch.

Dem Palast fehlte kein einziger Dachziegel. Wie traurig, sich sagen zu müssen, daß ein Haus die Menschen, die es bauten, so lange überdauert. Das Gegenteil wäre mir lieber gewesen: nur hier und da einzelne Säulenreste zu finden und, auf den Ruinen sitzend, Vittoria in ihrem langen Haar, mit einem Blick mir dankend, daß ich sie in meinem Buch gerecht und mitfühlend behandelt habe.

|8|DRAMATIS PERSONAE

Diese Liste enthält die handelnden Personen und die Zeugen unserer Geschichte in der Reihenfolge ihres Auftretens.

 

  1. Monsignore Rossellino (il bello muto)

  2. Giulietta Accoramboni

  3. Seine Eminenz Kardinal Cherubi

  4. Caterina Acquaviva

  5. Marcello Accoramboni

  6. Aziza

  7. Raimondo Orsini (il bruto)

  8. Pfarrer Racasi

  9. Lodovico Orsini, Graf von Oppedo

  10. Paolo Giordano Orsini, Herzog von Bracciano

  11. Gian Battista Della Pace, Bargello della Corte

  12. Domenico Acquaviva (il mancino)

  13. Seine Exzellenz Luigi Portici, Gouverneur von Rom

  14. Alfredo Colombani, Reitknecht von Raimondo und Lodovico Orsini

  15. Seine Eminenz Kardinal di Medici

  16. Ehrwürden Luigi Palestrino, Theologe

  17. Seine Exzellenz Armando Veniero, Botschafter Venedigs in Rom

  18. Giuseppe Giacobbe, Vorsteher des römischen Gettos

  19. Giordano Baldoni, Majordomus des Fürsten Orsini

  20. Baldassare Tondini, Podestà von Padua