Kathrin Gerlof

Teuermanns Schweigen

Roman

Impressum

ISBN 978-3-8412-0277-2

 

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Mai 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Erstausgabe erschien 2008 bei Aufbau,

einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

 

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Umschlaggestaltung und Foto morgen, Kai Dieterich

 

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

 

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Inhaltsübersicht

Die Fichte hat den ...

Ich hatte mich beim ...

Espresso, murmelte ich, Angelo ...

Ich hatte gerade begonnen ...

Ich habe zu tun ...

Er kam zwei Tage ...

Am nächsten Tag fuhr ...

Wenn Julia noch lebt ...

Teuermann blieb noch drei ...

Er kam nicht. Fast ...

Ich wollte ihn reden ...

Wir fingen mit all ...

Das ist jetzt vierzehn ...

 

Die Fichte hat den Blitz nicht überlebt. Sie war morsch, und ihre Nadeln hatten schon lange eine brandige Farbe. Geröstetes Rot. So sah es aus. Trotzdem verdeckte der Baum einen Teil der hässlichen Wand, die zu einem Stallgebäude gehört. Er war krank, aber nützlich. In der vergangenen Nacht ist der Blitz in ihn gefahren. Der Regen hat das Feuer sofort gelöscht.

Ich glaube nicht, dass Teuermann noch lebt. Und ich bin sicher, dass er mir fehlen wird. Er fehlt mir schon jetzt.

Dem Hausbesitzer habe ich gesagt, dass ich über sein Angebot nachdenken werde. Ein Haus zu kaufen, das hundert Jahre alt ist und fremde Geschichten beherbergt, scheint mir plötzlich die passende Form, einen Schlussstrich zu ziehen. Ich hätte ausreichend Platz, meine ganzen Hoffnungen zu begraben und ein neues Leben zu beginnen.

Bis vor kurzem hat es mir gefallen, in einem geborgten Haus zu leben. Das lässt die Wahl. Glaube ich zumindest. Aber als ich vor zwei Wochen hierher zurückkam, wollte ich auf einmal bleiben. Mit Teuermann. Es schien mir möglich, mit ihm zusammen in diesem aussterbenden Dorf zu leben, zwischen Scheune, Garten und Haus, mit wöchentlichen Fahrten in den zehn Kilometer entfernten Supermarkt. Eine Symbiose, die zum Sterben des Dorfes gepasst hätte. Teuermann und ich, vielleicht noch eine Katze. Das Haus in zwei Hälften geteilt, Küche und Bad gemeinsam.

In den vergangenen zwei Jahren sind im Dorf fünf Menschen gestorben. Fünf leere Häuser mehr. Alles in allem leben hier noch neunundsiebzig Menschen. Sagt die Postbotin. Vergangene Woche habe ich es zum ersten Mal geschafft, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sie ist aus ihrem gelben Renault gestiegen, um mir einen Umschlag zu geben, der nicht in den Briefkasten passte.

Wir haben über das Haus nebenan geredet. Eine Schule früher, heute einfach ein Haus, das zerfällt. Irgendwann einmal hatte ich durch die Fenster geschaut und gesehen, dass drinnen hohe Palettenstapel stehen, auf denen sich Hunderte Büchsen Kondensmilch befinden. Warum Kondensmilch, habe ich die Postbotin gefragt. Das sei noch DDR-Ware, hat sie geantwortet, als wäre das eine Erklärung. Niemand wolle sie haben, die Kondensmilch aus der DDR. Restbestände aus dem kleinen Konsum, den es hier früher gegeben habe. Ich weiß nicht, was aus Büchsenkondensmilch wird, wenn sie vierzehn Jahre lang in einem zerfallenden Haus steht. Nach dem Gespräch mit der Postbotin bin ich durch ein kaputtes Fenster in das Haus gestiegen. In einem hinteren Raum standen auch noch Kisten mit Suppenbüchsen. Möhreneintopf und Erbseneintopf. Mir schien, als seien die Büchsen inzwischen größer als handelsüblich. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, dass Büchsen sich ausdehnen, wenn in ihrem Inneren irgendeine chemische Reaktion stattfindet. Wahrscheinlich schon. Ich habe eine Büchse mitgenommen und im hinteren Teil des Gartens vergraben. Jetzt liegt auf der Stelle ein großer runder Feldstein, den ich von einer Wanderung mitgebracht hatte.

Ich warte auf Teuermann. Ich weiß nicht, was mit ihm ist, wo er sich gerade befindet. Aber ich warte auf ihn. In der Zwischenzeit besucht mich der Hausbesitzer jeden Tag. Ich glaube, er hat verstanden, dass ich jemanden brauche, der mir Geschichten erzählt. Jeden Tag eine. Außerdem will er, dass ich das Haus kaufe und nicht mehr nur von ihm borge. Er ist in dem Haus aufgewachsen, und fast alle Geschichten, die er mir erzählt, haben etwas damit zu tun. Ich bin voller Hausgeschichten.

Gestern habe ich versucht, die Tamariske rechts neben der Scheune zu beschneiden. Ihre Zweige verdecken inzwischen das halbe Scheunentor. Es ist die falsche Zeit, um Sträucher oder Bäume zu beschneiden. Der Hausbesitzer hat es mir gesagt und mich vorwurfsvoll dabei angeschaut. Sie könnten Holz hacken oder den Vorgarten umgraben, wenn Sie etwas tun möchten, hat er gesagt. Und dann hat er mir die Geschichte von der Voliere erzählt und von seinem Hühnerhabicht.

Bevor die Tamariske gepflanzt wurde, stand eine große Voliere an der Scheune. Da war mein Hausbesitzer noch ein Kind und sammelte kranke und verletzte Greifvögel, um sie zu pflegen. Jeder gerettete Vogel ein Beweis der Unsterblichkeit. Nie flog ihm ein Hühnerhabicht zu, deshalb nahm er sich irgendwann ein Ei aus einem Habichtnest und legte es den Hühnern im Stall unter. Die brüteten brav den Todfeind aus.

Mein Hausbesitzer hat eine schöne Art, Geschichten zu erzählen. Meist geht er nach dem Prolog ins Du über, weil ich zuhöre und über die Dinge, die er erzählt, sehr erstaunt bin.

Kannst du dir vorstellen, dass die Hühner den Habicht großgezogen haben, als sei er ihresgleichen? Nie ist etwas passiert. Jeden Abend ging er mit ihnen schlafen, kein anderer Raubvogel traute sich an das Hühnervolk ran. Nur einmal brachte mein Vater spätabends einen neuen Hahn mit und sperrte ihn, ohne mir Bescheid zu sagen, in den Stall. In der Nacht gab es Krieg. Ich habe den Habicht am nächsten Morgen völlig zerrupft gefunden und für einige Zeit in die Voliere gesperrt. So lange, bis die Federn nachgewachsen waren. Danach kam er wieder in den Stall und gewöhnte sich an den neuen Hahn. Alle im Dorf wussten davon.

Eines Tages kam ein Nachbar, um mir zu sagen, dass in seinem Stall jede Nacht ein Huhn getötet werde. Er war sicher, dass mein Habicht sich bei ihm holte, was er im eigenen Stall gar nicht begehrte. Ich stritt das natürlich ab.

Der Nachbar stellte eine Falle auf. Es dauerte nur eine Nacht, dann brachte er mir meinen Habicht. Ein Bein war ab. Die Wunde verheilte zwar, doch der Habicht konnte nicht mehr landen. Fiel einfach um, wenn er es versuchte.

Ich habe ihm aus Blech eine Prothese gebaut. Behindert blieb er trotzdem, aber er konnte wenigstens landen.

Die Geschichten meines Hausbesitzers haben fast immer mindestens zwei Pointen. Es scheint ihm Spaß zu machen, das vermeintliche Ende einer Geschichte zu erzählen, um zu schauen, ob sie gefällt. Dann setzt er noch mal an und erzählt weiter, arbeitet sich langsam zur nächsten Pointe vor. Wenn er etwas getrunken hat, schafft er drei oder vier davon, wobei ich oft denke, dass einige erfunden sind. Ich kann das nicht überprüfen, denn von Tieren und Natur verstehe ich absolut nichts. Ich muss mich auf den Hausbesitzer verlassen, der seine Tage damit verbringt, den Wald zu pflegen und alle möglichen Tiere zu hüten.

Die Geschichte mit dem Habicht schien in meinen Augen einen würdigen Abschluss damit gefunden zu haben, dass der Raubvogel mit seiner Blechprothese jeden Abend auf der Hühnerstange landen konnte, ohne umzukippen.

Das eigentliche Ende aber war, dass mein Hausbesitzer, ein schmaler und etwas kränklicher Junge damals, zur Kur musste. Der kriegsversehrte Habicht folgte ihm hüpfend und fliegend die drei Kilometer bis zum Bahnhof. Mein Hausbesitzer hat ein Faible dafür, Filmszenen zu erfinden. Dies war eine von den ganz schönen. Ein kleiner Junge mit einem Koffer in der Hand auf der Landstraße, und hinter ihm ein behinderter Greifvogel, dem daran gelegen ist, den Jungen nicht aus den Augen zu verlieren.

Sie immer mit Ihren Bambigeschichten, habe ich einmal gesagt. Und der Hausbesitzer hat gegrinst und einmal mehr offengelassen, ob er mich einfach nur mit Erfundenem unterhalten will. Weil ich ihm leidtue oder sympathisch bin.

Nach der Kur jedenfalls war der Habicht verschwunden. Hatte sich selbständig gemacht oder zumindest versucht, allein klarzukommen. Wahrscheinlich ist er schnell gestorben, meint der Hausbesitzer. Mit einer Prothese überlebt man nicht in der Natur.

Wenn ich das Haus kaufe, werde ich bald selbst solche Geschichten erzählen. Ich habe dem Hausbesitzer gesagt, dass ich auf Teuermann warte. Dass wir hier verabredet sind. Dass er wiederkommen wird deshalb. Aber ich habe das Gefühl, er wird nicht kommen.

Das letzte Mal als Teuermann sich töten wollte schlug ich den Kontrakt vor. Wenn Sie sich umbringen wollen, habe ich gesagt, will ich es verhindern dürfen. Mehr brauchen Sie nicht zu unterschreiben. Nur dass ich dann versuchen darf, Sie zu überreden. Wenn Ihnen meine Argumente nicht gefallen, können Sie sich verabschieden, und ich halte Ihre Hand, bis Sie tot sind.

Teuermann unterschrieb und sagte, es sei eine liebevolle und zugleich zynische Vereinbarung. Mir macht das nichts aus. Zynismus ist auch nur ein Versuch, nicht zu heulen. Und Teuermann hatte mir in letzter Zeit zu oft geheult. Nicht dass es ihm an Gründen mangelte, das Zeitliche zu verfluchen, er war eine geschlagene Kreatur. Kam nicht von dieser Welt, wenn man so will. Aber man will es ja nicht so.

Ich jedenfalls habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass Teuermann ein absonderliches Wesen ist. Obwohl mich unsere erste Begegnung hätte warnen sollen. Das ist jetzt fast ein Jahr her. Manchmal träume ich noch heute davon.