Joseph Caldwell

Das Schwein kommt zum Essen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Irmhild und Otto Brandstädter

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel
The Pig Comes to Dinner erschien 2009
bei Delphinium Books, Harrison, New York & Encino, California.

 

ISBN E-Pub 978-3-8412-0288-8
ISBN PDF 978-3-8412-2288-6
ISBN Printausgabe 978-3-7466-2705-2

 

Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2011
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die deutsche Erstausgabe erschien 2011 bei Aufbau Taschenbuch, einer
Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Copyright © 2009 by Joseph Caldwell

 

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Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,
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Inhaltsübersicht

Anmerkung des Autors

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

 

Für Wendy Weil,
die mich motiviert

|7|Anmerkung des Autors

Der Leser stelle sich bitte vor, dass die Personen in dieser Erzählung, wenn sie unter sich sind, irisch sprechen, die Muttersprache derjenigen, die in der Grafschaft Kerry in Irland leben, in der die Handlung spielt. Die Redeweise, wie sie hier wiedergegeben wird, beruht auf dem amerikanischen Englisch. Die handelnden Personen bedienen sich des Englischen, sowie jemand zugegen ist, der des Irischen nicht mächtig ist.

 

|8|Der Sinn der Wirklichkeit besteht darin,

den Weg zum Mysterium zu weisen – welches letztendlich die Wirklichkeit ist.

 

Schwester Mary Sarah,

Schulschwestern Unserer Lieben Frau

|9|Kapitel 1

Kitty McCloud, Romanschreiberin von einigem Ruf, hastete über den gepflasterten Hof ihres jüngst erworbenen Heims, der Burg Kissane. Sie redete sich ein, es nur deshalb zu tun, weil sie nach ihrem eben erst an Land gezogenen Ehemann, Kieran Sweeney, Ausschau halten wollte, der mit seinem Lastwagen unterwegs war, die Kühe zu holen, um mit ihnen das Bild des häuslichen Glücks zu vervollständigen und so einen Haushalt zu gestalten, der der uralten Tradition der Grafschaft Kerry in Irland entsprach.

Warum sie tatsächlich so rastlos hin und her ging – einmal auf den Crohan-Berg zu, der im Nordwesten ihr Anwesen begrenzte, das andere Mal zur Burgstraße im Süden –, gestand sie sich selbst nicht ein, dabei peinigte sie in Wahrheit ihre Phantasie, versuchte sie doch, aus deren fruchtbaren Tiefen eine mögliche Eingebung heraufzuholen, wie sie einen total verkorksten Roman von George Eliot vernünftig umgestalten könne. Es ging um Die verdammte Mühle am verdammten Floss – die Hinzufügung von Kraftausdrücken untermalte das Ausmaß von Kittys Bestürzung. Ihr Schriftstellerdasein basierte auf ihrer bemerkenswerten Fähigkeit, sich über Romane aus dem allgemein anerkannten Literaturkanon herzumachen und sie von den fehlgeleiteten Bemühungen ihrer gefeierten Autoren zu befreien.

Was sie sich jetzt erhoffte, war eine außergewöhnliche Erleuchtung ähnlich der, mit der sie Charlotte Brontës Jane Eyre umgeschrieben hatte. Dort war es Rochester, der sich in seiner Verzweiflung darüber, dass Jane es ablehnte, sich seinen ehebrecherischen Gelüsten zu fügen, vom |10|Dachboden stürzt, woraufhin Jane in ihrer Freundlichkeit und Güte die Geistesgestörte heilt, beide schließlich in stiller Zufriedenheit zusammenleben und ihrem Dasein mit Weben, Töpfern und Viehzucht Inhalt verleihen.

Bislang hatte Die Mühle nichts Zündendes hergegeben, was ihrer Phantasie freien Lauf gelassen und sie in zwingende Schreibwut versetzt hätte, ohne die sie nichts zustande brachte. Nur unter einem geradezu hysterischen Druck schöpfte sie aus dem Vollen, aber gegenwärtig war ihr Geist von einer Trägheit befallen, die schon den kleinsten Versuch einer schöpferischen Regung zunichtemachte, geschweige denn einen Vulkanausbruch zuließ, nach dem es sie so heftig verlangte.

Wer von den beiden, Mrs. Eliot oder deren Heldin Maggie Tulliver, daran schuld war, dass sich in ihrem Kopf nichts bewegte, war noch nicht entschieden. (Nie wäre es Mrs. McCloud in den Sinn gekommen, dass das Grundübel bei ihr selbst liegen könnte. Trotz ihrer ansonsten bemerkenswerten Eingebungen lag ein solcher Gedanke jenseits ihres Vorstellungsvermögens.) Erwartungsvoll blickte sie hinüber zum Crohan-Berg, konnte aber nichts weiter als Heidekraut und Stechginster sehen, dazwischen, unregelmäßig im Gelände verstreut, längliche, längst verblichene Felsbrocken. Sie wandte sich wieder der Burgstraße zu und betete insgeheim, der Lastwagen möge nicht mehr lange auf sich warten lassen und sie mit seiner Ankunft von ihren Seelenqualen befreien.

In gewisser Weise wurde ihr Gebet erhört. Tatsächlich näherte sich dem Anwesen ein Laster. Doch die ersehnten Kühe brachte er nicht. Wie es so oft bei Stoßgebeten geschieht, wurde ihr Wunsch nur halb und nicht zu ihrer vollsten Zufriedenheit erfüllt. Angetuckert kam, was man in Amerika einen Pickup nennen würde, ein Kleintransporter, der, wie sie wusste, ihrem amerikanischen Neffen |11|Aaron McCloud und seiner neuen Eroberung Lolly, ehemals McKeever, jetzt McCloud, gehörte. Im Grunde genommen war gegen deren Besuch nichts einzuwenden, vielleicht kamen sie, damit man gemeinsam die Kühe in Empfang nahm, vielleicht luden sie sich auch zum Abendessen ein oder führten etwas anderes Harmloses im Schilde.

Leider hatte Kitty den Verdacht, dass der Besuch Komplikationen mit sich brachte, und zwar in Form eines Schweins, das sie auf der Ladefläche erspähte. Es war ein ihr nur allzu vertrautes Schwein und beim besten Willen nicht das, was sie jetzt hier gebrauchen konnte. Mit hochgereckter Schnauze stand es hinten im Transporter, schnüffelte in der frischen Burgluft herum und stemmte die gespaltenen Hufe fest auf den Boden, um bei dem Geholper und Gerumpel über die unebene Straße nicht den Halt zu verlieren.

Zum ersten Mal, seit Kitty die Burg Kissane erworben hatte, bedauerte sie, dass diese nicht von einem Wassergraben umgeben war und ihr die dazugehörige Zugbrücke fehlte, ganz zu schweigen vom Fallgatter, das man in Situationen wie jetzt bei der Ankunft besagten Schweins hätte herunterlassen können. Dabei hatte die Burg durchaus ihre Vorzüge. Sie verfügte über einen Innenhof, in dem Hunde in der Sonne hätten liegen können (falls die dort jemals schien). In den Arkaden gab es Schuppen und Ställe, aus denen der gesunde Gestank von Tierdung bis in die Große Halle dringen konnte, in der einst höchstwichtige Angelegenheiten und Verteidigungsstrategien debattiert und zerredet worden waren. Hoch oben von der Plattform des Eckturms, die man über eine steinerne Wendeltreppe erreichen konnte, die auch an dem ehelichen Schlafgemach vorbeiführte, hatte man einen großartigen Blick über die Weiten Kerrys. Man konnte die schneebestäubten Höhenzüge der Macgillicuddy’s Reeks sehen, man konnte Kühe |12|und Schafe zählen und im Westen in der Ferne das Meer nach freundlich oder feindlich gesinnten Schiffen absuchen. Trotz der Entfernung konnte man die Salzluft riechen, konnte den Duft von Ginster und Heide, von Weiß- und Rotdorn oder auch Geißblatt in sich aufnehmen.

Doch um der Wahrheit die Ehre zu geben, so großartig war die Burg nun auch wieder nicht. Der zweistöckige grobe Steinklotz mit dem vierstöckigen Eckturm erinnerte eher an den Prototyp eines Baus, wie er überall auf den Inneren Ebenen Amerikas steht – Scheune mit Silo, nur dass dieser mächtige Koloss hier schon die Jahrhunderte überdauert hatte. Und was im Augenblick am meisten störte: Es gab nirgends ein verborgenes Gelass, wohin sich Kitty – wie vor Zeiten die ansässige Bevölkerung – hätte flüchten können, um unerwünschten Belagerungen zu entgehen.

Was sich aber da auf dem Pickup unaufhaltsam näherte, war ein ungebetener Gast, der tat, als hätte er gerade bei buntem Markttreiben den ersten Preis gewonnen, und nun den ihm gebührenden königlichen Umzug durch das Land genoss und die Huldigungen derer, die das Glück hatten, den Weg säumen zu dürfen, wie selbstverständlich hinnahm.

Damit Kitty nicht den Eindruck erweckte, sie hätte dort gestanden, um ein unwillkommenes Schwein willkommen zu heißen, und auch, um ihren Neffen und seine Liebste wissen zu lassen, dass sie ihr ungelegen kamen und sie bei der Arbeit störten, winkte sie ihnen nur flüchtig zu und gab vor, gerade auf dem Weg in den hintersten Winkel zu einem Verschlag zu sein. Dort häufte sich jede Menge Abfall, den die vorherigen Bewohner der Burg, schlichtweg Hausbesetzer, zurückgelassen hatten: befleckte Matratzen, zerbrochene Lampen, nicht mehr brauchbare oder in Momenten der Verzweiflung zerschmetterte Computerteile; eine kaputte Gitarre, Schuhe, Stiefel und |13|Sandalen, meist ohne den dazugehörigen Partner; Lehrbücher (eins über Ökonomie), zerfledderte Paperbackausgaben (unter anderen zwei von Kittys unnachahmlichen Schöpfungen), Zeitschriften und etliche Bücher in irischer Sprache, nicht nur Peig Sayers, dem Fluch, dem kein Schulkind entkam, durch dessen irische Texte es sich hindurchquälen musste, ob es wollte oder nicht, sondern auch Sean O’Conaill und Tomás Ó’Criomhthain; und als Krönung vom Ganzen ein Fernsehapparat mit offensichtlich eingetretenem Bildschirm.

Der Lastwagen kam zum Stehen, und Kittys Neffe Aaron kletterte aus der Fahrerkabine. Er trug khakifarbene Hosen, ein rotes Sweatshirt, auf dem das Wort WISCONSIN prangte, und ein Paar verdreckte Sneakers. Auch Lolly tauchte auf, sie hatte auf dem Beifahrersitz gesessen. Bekleidet war sie mit viel zu weiten Wollhosen, in der Tat dermaßen groß, dass sie gut und gern einem früheren Liebhaber gehört haben konnten, der sie bei einem seiner wiederholten Besuche bei der nur allzu empfänglichen Lolly in längst vergangenen Tagen – und Nächten – hatte liegenlassen.

Lolly ließ sich häufig in solcher Aufmachung blicken. Manchmal hatte Kitty gedacht, Lolly wollte damit ihren Beruf als Schweinehirtin herauskehren. Einer Schweinehüterin durfte man ja wohl nachsehen, dass sie enge Jeans und Designerstiefel mied und abgelegte Klamotten trug, die für die widerlichen Arbeiten, die ihr Broterwerb mit sich brachte, besser geeignet waren.

In weniger mitfühlenden Augenblicken aber – und derer gab es viele – war Kitty überzeugt, dass Lolly McKeever, jetzt Lolly McCloud, für jedermann sichtbar, mit Sachen von einem früheren Liebhaber prahlte. Dass sie selbst nach ihrer Heirat mit Kittys Neffen sich in derart unschicklichem Aufzug zeigte, verdiente wahrlich Empörung. Aber |14|Kitty würde Zurückhaltung üben, denn legte sie erst einmal los, würde sie ihr nicht nur Beschuldigungen, sondern Wahrheiten an den Kopf schleudern, die selbst eine Lolly beschämen würden, von der ähnlich wie von Kitty in den meisten Fällen jede Kritik an ihrem vermeintlich untadeligen Verhalten abprallte.

Sollte doch ihr Neffe – der aufgrund von Eigenheiten irischer Fortpflanzung nur zwei Jahre jünger als sie selbst war – beim Nachdenken über seine überstürzte Heirat allein herausfinden, was für ein Flittchen er geehelicht hatte. Kitty würde nichts tun oder sagen, was die Glückseligkeit, in der ihr Neffe und ihre beste Freundin Lolly – die Schlampe – schwelgten, stören könnte.

Dass Aaron, Schriftsteller wie sie, nicht die wahre Person in seiner Braut erkannt hatte, dass sein Wahrnehmungsvermögen so mangelhaft war, erklärte sich Kitty damit, dass er bei weitem nicht den Ruf genoss wie sie. Besäße er das unvergleichlich feine Gespür seiner Tante, hätte auch er seine Braut über die Schwelle einer Burg tragen können, anstatt sich in dem Haus seiner Frau einzunisten, das in Hörweite des Schweinestalls stand, ohne den das traute Heim keins gewesen wäre. Nie hätte Kitty einen Gedanken auf mögliche Konkurrenz verschwendet, und so spendete sie ihrem Neffen freimütig Lob und ermutigte ihn in der Ausübung seines entschieden unterbelichteten Talents.

Kitty brach ihre Betrachtungen ab. Aaron war ans hintere Ende des Lastwagens gegangen, ließ die Ladeklappe herunter und ermunterte das Schwein, ins Freie zu springen, was es auch mit unwahrscheinlicher Leichtfüßigkeit tat. Ohne jeden Begrüßungsgrunzer trabte es den Abhang hinunter zum Fluss, der sich am Fuße des Crohan-Bergs dahinschlängelte. Kitty beobachtete sein zwangloses Gebaren und hatte das ungute Gefühl, dass man ohne ihr Zutun bereits über das Schwein entschieden hatte.

 

|15|Jetzt standen Aaron und Lolly vor Kitty und signalisierten mit ihrem Lächeln, dass Kittys Friedfertigkeit auf die Probe gestellt wurde.

»Wir haben dir das Schwein gebracht«, verkündete Lolly.

»Was du nicht sagst!«, entgegnete Kitty.

»Wir dachten, es wäre hier besser aufgehoben«, fügte Aaron hinzu.

»Wie rücksichtsvoll.« Auch Kitty lächelte.

Just in dem Augenblick bog wie eine Kavallerieverstärkung, die in höchster Not zu Hilfe kam, Kierans Lastwagen mit den Kühen auf der Burgstraße um die Kurve.

Der Laster hielt hinten auf dem Hof, Kieran sprang heraus, schlug die Tür vom Fahrerhaus zu, bedachte Lolly und Aaron mit einem Kopfnicken, ging zu seiner Frau, nahm sie in die Arme und presste seinen Mund auf ihren, wobei sein säuberlich gestutzter goldbrauner Bart ihre zarte Wange kratzte; die funkelnden blauen Augen hielt er offen, auch wenn sie nicht mehr als die rechte Hälfte von Kittys Stirn sehen konnten, eine Strähne ihres duftenden schwarzen Haars und den oberen Bogen ihres lieblichen Ohres.

Kieran löste seine Lippen von den ihren, die Arme gaben zwar Kitty frei, doch die immer noch funkelnden Augen schauten verlangend auf ihre Magengrube, eine ihr vertraute Vorwarnung, dass sie sich für weitere Gefühlsregungen wappnen musste. Wie es sich für eine gute Ehefrau geziemte, erwiderte sie seinen feurigen Blick, keiner zuckte mit der Wimper. Dann drehte sich Kieran um und ging mit langen Schritten zum Truck.

»Kann man dir mit den Kühen irgendwie helfen?«, rief Lolly ihm hinterher.

»Ich schaffe es schon allein, danke.«

Betont lässig schlenderte Lolly auf ihren eigenen Transporter |16|zu und deutete damit an, sich auf den Heimweg begeben zu wollen. »Wir fahren dann wohl am besten«, meinte sie leichthin.

Kitty legte eine übertriebene Gleichgültigkeit an den Tag und erwiderte nur: »Vielleicht solltest du erst noch dein Schwein holen.« Der gebieterische Unterton war nicht zu überhören.

Kieran horchte bei dem Stichwort auf und ließ die Kühe Kühe sein. »Schwein? Was für ein Schwein?«

»Kieran, Liebster«, säuselte Kitty. »Du weißt schon welches Schwein. Und das ist hier.«

»Was hat es hier zu suchen?«

»Genau das gilt es zu klären.«

»Lass mich erst die Kühe auf die Sumpfwiese schaffen.«

Die Kühe standen zusammengedrängt und schienen von der Aufforderung, durch den Morast zu waten, wenig erbaut. Etliche hoben die massigen Köpfe und muhten empört, als erwarte sie unten an der Rampe der Schlächter und nicht die Aussicht auf saftiges Grün.

Behände wie ein Ziegenbock sprang Kieran auf die Ladefläche, verteilte Stupse und Stöße und schob die Widerstrebenden in die gewünschte Richtung. Fast anmutig nahmen nun die Kühe den schrägen Abstieg, berührten mit den Hufen geradezu leichtfüßig die verwitterten Planken und bewiesen der Außenwelt, dass sie Damen besonderer Art waren, ungeachtet ihrer hin und her schaukelnden Euter und eines gelegentlichen Kuhfladens.

Als die Hauptarbeit getan war, stürmte Sly, Kierans Collie, der die Aufgabe hatte, die Kühe zusammenzuhalten, den Hügel hinunter, nicht ohne bei den Ställen, an den Grundsteinen der Burg und am Steinwall, der die Apfelbaumwiese westlich der Straße umgab, seine Marke hinterlassen zu haben. Mit fröhlichem Schwanzwedeln sprang er zwischen den Kühen umher, zwickte ihnen in die Hacksen, |17|bellte und gab ihnen zu verstehen, dass es mit dem geruhsamen Treiben nun ein Ende hätte.

Das Schwein kehrte vom Fluss zurück und baute sich mit erhobener Schnauze vor seinem alten Bekannten Kieran Sweeney auf, als hätte es an ihm eine verborgene Köstlichkeit gewittert, die man ihm sogleich verabreichen würde.

»Faugh a Ballagh!« »Scher dich fort!« Kieran, der im Begriff war, wieder zu seinem Lastwagen zu gehen, um den Dung wegzuschaufeln, den eine unbedachte Kuh dort hatte fallen lassen, bückte sich, klatschte unmittelbar an den Ohren des Schweins in die Hände und wiederholte die Worte, die ein irisches Schwein unweigerlich verstehen musste: »Faugh a Ballagh!« Dann sprang er, mit der Schaufel bewaffnet, auf den Wagen.

Das Schwein trottete zum Burghof, blieb stehen, senkte den Kopf und tastete mit dem Rüssel langsam die Kieselsteine ab, sorgfältig wie ein Minensuchgerät, das nach vergrabenen Objekten sucht. Dass es nicht tiefer herumwühlte und im Hof nicht das Untere nach oben kehrte, gab Kitty die Möglichkeit, ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Neffen und Lolly zu schenken. »Gehe ich in der Annahme richtig, dass unser Freund hier bei euch bereits ganze Arbeit geleistet hat und sein Zerstörungswerk jetzt bei uns fortsetzen soll?«

Entgeistert fuhr Lolly mit dem Kopf herum. »Wie kannst du so etwas denken!«

»Es ist richtig fügsam geworden.« Aaron lächelte steif, man sah ihm an, dass er die Unwahrheit sprach.

»Es ist unser Geschenk für dich. Für euch beide«, erklärte Lolly und spann den Gedanken weiter, der ihr eben erst gekommen war. »Ein Geschenk. Da du dich jetzt mehr der Landwirtschaft widmest, dachten wir, ihr solltet auch ein Schwein haben.«

»Ich verstehe«, sagte Kitty, »Nun rückt schon mit dem |18|wahren Grund heraus. Warum das Schwein? Warum ausgerechnet hier? Warum bei uns?«

»Na ja …«, fing Lolly an.

»Sprich weiter.«

»Na ja …« Lolly suchte bei ihrem Mann Unterstützung und flüsterte: »Sag du es ihr.«

»Nein, wieso ich? Du machst das besser.«

»Also gut.« Lolly sah Kitty direkt in die Augen, hob den Kopf, so dass sie mit hochgereckter Nase und eben solchem Kinn sehr resolut wirkte. »Wir können es nicht in der Herde behalten«, tat sie kund, holte tief Luft und begründete ihre Entschlossenheit mit den Worten: »Es ist lesbisch.«

»Lesbisch?«

Wieder ein tiefes Luftholen. »Es … es … wie soll ich sagen … es macht gewissermaßen sein Besitzrecht auf die Säue geltend.«

Ehe Kitty etwas erwidern konnte, sprang Aaron ein. »Die Säue scheint es nicht weiter zu kümmern, aber die Eber … nun ja … die fühlen sich irgendwie verdrängt.«

»Männer!«, höhnte Kitty.

»Du behältst es also?« Lolly sah sie mit großen Augen erst hoffnungsvoll, dann beschwörend an. »Ich bringe es nicht übers Herz, das Schwein zu verkaufen oder, na ja, du weißt schon.«

»Schlachten? Willst du das damit sagen?«

Aaron glaubte nicht länger flüstern zu müssen, seine Stimme klang zunächst heiser, fand dann aber zu ihrer normalen Tonlage, als er sich nachdrücklich entrüstete: »Nie im Leben würden wir so etwas tun.«

»Besonders, da ihr jetzt hier seid, um sich seiner zu entledigen.«

»Rette es vor einem bösen Ende.« bettelte Lolly.

»Für ein Schwein gibt es nur ein Ende.« Kitty fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Kehle.

|19|»O nein, das wirst du nicht tun.« Aaron packte das blanke Entsetzen.

»Nein, das tust du nicht.« Lolly erschauderte.

Kitty, als wollte sie zeigen, wie radikal die Eheschließung ihre Lebensweise verändert hatte, rief laut zu ihrem Mann hinüber, der gerade den misslichen Kuhfladen von der Ladefläche auf den steinigen Grund befördert hatte: »Kieran, wollen wir ein Schwein? Es ist lesbisch.«

»Welches Schwein? Das da?«

»Ja, das Schwein dort.«

»Wie kann es lesbisch sein?«

»Frag mich nicht. Frag Gott, der allein trägt die Verantwortung.«

Lolly ließ von ihrem Flehen ab und versuchte es mit einer Lektion in Schicklichkeit. »Es ist ein Hochzeitsgeschenk. Das kannst du nicht ablehnen.«

Kieran sprang vom Laster und nahm den Kuhfladen wieder auf die Schaufel. »Dafür wäre unser Hochzeitsfest der richtige Zeitpunkt gewesen. Aber da hattet ihr es ja mit nach Hause genommen.« Er machte eine Pause. »Obwohl, eine Seite Speck ist uns immer willkommen.«

»Das würdest du nicht tun!«, kreischte Lolly.

»Wenn nicht er, dann eben ich«, sagte Kitty.

Lolly heftete einen mitfühlenden Blick auf ihren Mann. »Vielleicht sollten wir einen separaten Verschlag bauen. Wir könnten ja ab und an ein oder zwei Säue mit dazu sperren.«

»Hm.« Aaron atmete tief durch. »Wenn du es gern so hättest.«

»Nicht, weil ich es gern so hätte. Man zwingt mich ja dazu.« Aaron legte ihr die Hand auf die Schulter. »Sieh doch nur«, fuhr sie fort. »Sieh nur, wie wohl es sich hier fühlt.«

Kittys Blick folgte Lollys ausgestreckter Hand. Das |20|Schwein stand wie angewurzelt im Burgvorhof und starrte unverwandt auf die Galerie im zweiten Stock, die über der Großen Halle verlief. Es regte sich nicht, und das kam bei diesem Tier nun wirklich höchst selten vor.

»Siehst du?«, sagte Aaron. »Ihm gefällt die Burg.«

Kieran, der damit beschäftigt war, den Kuhfladen auf dem Gras zu verteilen, auf dass er dazu beitrug, das schönste Grün auf dem Planeten wachsen zu lassen, rief unmissverständlich: »Na klar. Und mir gefällt Dockerys Pub, was nicht heißt, dass die mich dort wohnen lassen.«

Kitty hob die Hand und gebot Ruhe. Aaron war erleichtert, denn er hätte keine passende Antwort auf Kierans Bemerkung gewusst, und etwas Dummes wollte er vor seiner Frau nicht äußern. Lolly rückte etwas näher an ihn heran, eine Geste der Solidarität, denn jetzt würde das Urteil fallen. Beide schauten zu Kitty, die aber starrte auf die Burgmauern.

»Wer ist das dort am Fenster, wohin das Schwein so angelegentlich stiert?«

»Was für ein Fenster?« Aaron schielte in die Richtung, dabei war ihm die Sache völlig egal.

»Du solltest besser welches Fenster sagen«, rügte ihn Kitty.

»Welches Fenster?«, wiederholte er gleichgültig.

»Das dort über der Großen Halle, in der Galerie, das zweite von links. Der Mann, der dort steht.«

»Was für ein Mann?«

»Am zweiten Fenster. Der junge Mann, der uns beobachtet. Braune Jacke.«

Lolly schüttelte den Kopf. »Ich sehe keine braune Jacke.«

»Dann streich dir die Haare aus dem Gesicht. Er steht dort, hat eine braune Jacke an und sieht zu uns herüber, und das Schwein sieht zu ihm hin.«

»Kitty, du machst mich ganz wirr«, sagte Aaron. »Ich sehe keinen Mann, weder einen mit brauner noch einen |21|ohne braune Jacke. Nicht im zweiten, nicht im dritten und auch nicht im vierten Fenster.«

»Sind etwa das Schwein und ich die einzigen hier, die nicht blind sind?«

Lolly reckte den Hals, Aaron krauste die Nase, beide ehrlich bemüht, etwas zu erkennen. Kieran nahm von alledem keine Notiz und beförderte mit erheblichem Lärm die Rampe zurück auf die Ladefläche.

»Da, jetzt ist er fort«, sagte Kitty. »Ihr braucht euch keine Mühe mehr zu geben.«

Das Schwein trappelte über den Vorhof und schnüffelte zwischen den unebenen Steinen herum.

Kitty lachte kurz auf. »Ist vielleicht einer der Hausbesetzer gewesen, hat nach was gesucht, was er hat liegenlassen. Wir haben die Flaschen und verdreckten Matratzen, die überall herumlagen, fortgeschafft. Der ganze Müll stapelt sich in einem Riesenhaufen da hinten in dem Verschlag. Aber drin in der Burg steht noch ein Webstuhl. Oben im Eckturm. Und eine Harfe ohne Saiten. Ob ihr es glaubt oder nicht. Und eine Tischtennisplatte mit Schlägern und Bällen.« Sie hob den Kopf und rief: »Lass ja die Tischtennisplatte stehen. Und auch den Webstuhl und die Harfe. Wir kaufen sie dir ab.« Sie hielt inne. »Da ist er wieder, jetzt am anderen Fenster, an dem letzten. Jetzt seht ihr ihn doch aber, oder?«

Lolly und Aaron gaben sich alle erdenkliche Mühe.

»Ich sehe ihn immer noch nicht«, gestand Lolly.

»Da ist niemand, Kitty«, sagte Aaron. »Du siehst irgendwelche Schatten, vielleicht ist es auch der aufkommende Nebel.«

»Es ist einer der Hausbesetzer. Ich gehe jetzt zu ihm und werde mit ihm handelseinig.«

Kieran machte sich immer noch hinten am Lastwagen zu schaffen. »Soll ich mitkommen?«

|22|»Nicht nötig. Wenn er nicht ganz so schwächlich ist, wie er aussah, ist er vielleicht sogar an Arbeit interessiert. Könnte bei den Reparaturen zur Hand gehen, die sie nicht zu Ende gebracht haben. Zum Beispiel beim Decken der Schuppendächer.«

Kieran rüttelte derb an der Ladeklappe. »Ich brauche niemanden, der mir zur Hand geht. Wenn ich mich nicht selbst um die Burg kümmern kann und um die paar Kühe und das bisschen Dachdecken – mit Schiefer …«

»Mit Reet!«, unterbrach ihn Kitty und beharrte auf ihrer schon mehrfach geäußerten Vorliebe.

»Darüber können wir reden, wenn es so weit ist«, befand Kieran. »Jedenfalls erwarte nicht von mir, dass ich jemand in einem Handwerk anleite, das man von Kindesbeinen an gelernt haben muss.«

Großartig ist er, dachte Kitty. Hat den gleichen Dickkopf wie ich. Am liebsten wäre sie einfach stehen geblieben und hätte ihren Mann voller Hingabe bewundert, aber sie wusste, sie würde ihn damit nerven. »Er ist schon so gut wie angeheuert.« Und wie um ihren Mann auf eine andere strittige Fährte zu locken, fügte sie hinzu: »Und das Schwein behalten wir auch. Schließlich ist es außer mir das einzige Lebewesen, das seine Augen zum Sehen nutzt und sieht, was jedermann hier sehen müsste.« Damit ließ sie die anderen stehen und strebte entschlossen der Burg zu. Mit dem rechten Arm winkte sie dem jungen Mann am Fenster. Dass er keine Anstalten machte, zurückzuwinken, bekümmerte sie nicht. Dass er einfach verschwand, ließ sie nur einen kurzen Moment innehalten.

Sie trat in den Vorhof und ging von dort weiter durch die mächtigen Türen in die Große Halle. Das Schwein immer hinter ihr her; in der Mitte des riesigen Raumes blieb es stehen und stierte in eine der hinteren Ecken. Dort stand der junge Mann, die Mütze in der Hand. Über |23|dem Kittel, der mit einer Kordel oder besser einem Strick zusammengehalten wurde, trug er eine Jacke aus grobem Wollstoff. Die Hosenbeine reichten nur knapp bis unter die Knie. Er war barfuß. Die braunen Augen waren traurig und voller Erwartung auf das Schwein gerichtet, der Mund verkrampft und das Gesicht angespannt, als müsste er auf alles gefasst sein.

»Da bist du ja.« Kitty ging einen Schritt näher. »Ich bin Kitty McCloud. Ich habe die Burg hier erworben, wie du sicherlich weißt. Du bist gewiss einer der Hausbesetzer. Ich biete dir Arbeit an, wenn du willst.«

Sie sprach mit ihm irisch, die Sprache, die die Hausbesetzer, die aus Cork kamen, hatten lernen wollen. Doch er gab keine Antwort, stand auch plötzlich nicht mehr da, wo er eben noch gestanden hatte. War einfach verschwunden. Kitty rührte sich nicht, hielt die Augen auf den Fleck geheftet, wo sie den jungen Mann gesichtet hatte. Sie blinzelte zweimal und flüsterte dann: »Auch gut, wahrscheinlich sucht er gar keine Arbeit.« Das Schwein reagierte mit einem kräftigen Strahl Urin und benetzte so die Steinplatten des Bodens. Und plötzlich fiel Kitty ein, wo sie den jungen Mann schon mal gesehen hatte. Auf ihrem Hochzeitsfest.