Stephen Fry

Ich bin so Fry

Meine goldenen Jahre

Aus dem Englischen von Teja Schwaner

Impressum

Stephen Fry, Ich bin so fry

 

Die Originalausgabe unter dem Titel

The Fry Chronicles

erschien 2010 bei Penguin Books, London.

 

ISBN E-Pub 978-3-8412-0324-3

ISBN PDF 978-3-8412-2324-1

ISBN Printausgabe 978-3-351-02733-9

 

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2011 bei Aufbau, einer Marke

der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © Stephen Fry, 2010

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

 

Die Übersetzung des Artikels für das Arena-Magazin auf S. 403 stammt von Ulrich Blumenbach und ist dem Kolumnenband Paperweight entnommen, die Übersetzung der Zeilen aus

Das Bildnis des Dorian Gray stammt von Siegfried Schmitz, die Wordsworth-Zeilen auf Seite 141 sind von Hermann Fischer übersetzt worden.

 

Alle Fotografien entstammen der Sammlung des Autors

 

Einbandgestaltung hißmann, heilmann, hamburg

unter Verwendung eines Fotos von © Paul Masseys/

Camera Press/Picture Press

 

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

 

www.aufbau-verlag.de

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Inhaltsübersicht

Arbeit macht mehr Spaß als Spaß

C steht für C12 H22 O11

C steht für Cigarettes

I College to Colleague

Cambridge

College and Class – College und Klasse

Chess, Classics, Classical Composers, ­Curiosity and Cheating – Klasse, Klassiker, klassische Komponisten, Neugier und Betrug

Caledonia 1 – Schottland, zum Ersten

Cherubs, Coming Out, Continent – Cherubs, Coming-out, Kontinent

Challenge 1 – Herausforderung, zum Ersten

Corpus Christening

Chariots 1 – Triumphwagen, zum Ersten

Caledonia 2 – Schottland, zum Zweiten

Conveniences – Annehmlichkeiten

Committees

Cycle – Ring

Comedy Colleague, Collaborator and Comrade – Comedy-Kollegen, Kollaborateure und Genossen

Continuity and Clubroom – ­Kontinuität und Clubraum

Comedy Credits – Comedy-Meriten

Cooke

Chariots 2 – Triumphwagen, zum Zweiten

Corpsing Chorus – Lachkrampf im Chor

Cellar Tapes and Celebration – ­Cellar Tapes und Festivitäten

Cheerio, Cambridge – Tschüs, Cambridge

Caledonia 3 – Schottland, zum Dritten

2 Comedy

Carry on Capering – Immer weiter mit den Kapriolen

Clash of Cultures

Chelsea, Coleherne Clones and Conscience – Chelsea, Coleherne-Klone und Gewissen

Colonel and Coltrane

Computer 1 – Computer, zum Ersten

Commercial – Werbung

Create! – Sei kreativ!

Car – Auto

Challenge 2 – Herausforderung, zum Zweiten

Cinema – Film

Church and Chekhov – Kirche und Tschechow

Cockney Capers – Cockney-Kapriolen

Chichester 1 – Chichester, zum Ersten

Crises of Confidence – Vertrauenskrisen

Celebrity – Prominenz

Commercials, Covent Garden, Compact Discs, ­Cappuccinos and Croissants – Werbung, Covent Garden, Compact Discs, Cappuccinos und Croissants

Crystal Cube – Kristallwürfel

Columnist – Kolumnist

Cryptic in Connecticut – Kryptisch in Connecticut

Contortionist – Schlangenmensch

Critics and Couriers – Kritiker und Kuriere

Confirmed Celibate – Eingefleischt zölibatär

Characters and the Corporation

Colonel and Mrs Chichester

Computer 2 – Computer, zum Zweiten

Conspicuous Consumption – Geltungskonsum

Country Cottage, Cheques, Credit Carts and Classic Cars – Landhäuschen, Schecks, Kreditkarten und Oldtimer

Carlton Club Crustiness – Carlton-Club-Verkrustung

Courtley Comedy – Höfische Comedy

Coral Christmas, Cassidy, C4, Clapless Clapham, ­Cheeky Chappies and Coltrane’s Cock – Korallen-Christmas, Cassidy, C4, klatschfaules Clapham, freche Kerlchen und Coltranes Schwanz

Clipper Class, Côte Basque and Choreography

C

Danksagungen

Unvollständiges Personenverzeichnis

Bildteil

Fußnoten

 

Für M’Coll

Arbeit macht mehr Spaß als Spaß

Noël Coward

Ich muss endlich damit aufhören, mich ständig zu entschuldigen: Dadurch wird nichts besser und nichts schlechter. Wenn es mir nur gegeben wäre, fuchtig, furchtlos und frei heraus zu sein, statt meine Ausführungen ständig mit jämmerlichen Dementis, Entschuldigungen und Ausflüchten zu garnieren. Das ist einer der Gründe, weswegen ich nie ein Künstler hätte gewesen sein können, weder auf literarischem Gebiet noch auf einem anderen. Alle wahren Künstler, die ich kenne, hegen nicht das geringste Interesse an der Meinung ihrer Mitmenschen, und ihnen liegt absolut nichts daran, sich selbst zu erklären. Selbstdarstellung, ja und oft, Selbsterklärung aber nie. Künstler sind stark, stur, schwierig und gefährlich. Schicksal, Faulheit oder Feigheit hatten mich schon vor langer Zeit auf die Rolle des Entertainers festgelegt, und zu einem solchen sah ich mich während meines dritten Lebensjahrzehnts heranreifen, wenngleich auch zeitweise zu einem fatal oberernsthaften und oberkonzilianten Entertainer, der natürlich schon deswegen keiner war. Der Wunsch, gemocht zu werden, ist eine Charaktereigenschaft, die nicht sonderlich gemocht wird. An mir mag ich sie jedenfalls gar nicht. Aber an mir gibt es sowieso sehr viel, was ich nicht mag.

Vor zwölf Jahren habe ich die Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend veröffentlicht, und zwar unter dem Titel »Columbus war ein Engländer«1, der niemanden verwirrte, weil er in seiner Bedeutung und Anspielung so klar, einleuchtend und offensichtlich war. Oder vielleicht auch nicht. Der Ablauf der darin geschilderten Ereignisse reichte bis zu dem Zeitpunkt, als ich aus dem Gefängnis kam und es mir irgendwie gelang, zum Universitätsstudium zugelassen zu werden. Hier nimmt dieses Buch die Geschichte wieder auf. Aus Rücksicht auf diejenigen, die »Columbus« gelesen haben, möchte ich dasselbe Feld möglichst nicht nochmals beackern. Wenn ich also Ereignisse aus meiner Vergangenheit erwähne, von denen ich bereits berichtet habe, werde ich ein hochgestelltes Kreuz () hinzufügen.

Dieses Buch nimmt die Fäden auf und schildert die anschließenden acht Jahre meines Lebens. Warum so viele Seiten für so wenige Jahre? Eine Antwort lautet, dass es sich um eine späte Phase des Heranwachsens und ein frühes Mannesalter handelt, die höchst ereignisreich waren. Eine andere lautet, dass ich ein völliger Versager bin, was die Befolgung von Strunks »Elements of Style« oder sonstiger Handbücher betrifft, in denen die »Kunst des guten Schreibens« propagiert wird. Wenn sich etwas in zehn Wörtern sagen ließe, kann man sich darauf verlassen, dass ich hundert verwende. Eigentlich sollte ich mich dafür entschuldigen. Ich sollte noch mal von vorne anfangen und die verbalen Auswüchse rücksichtslos beschneiden, trimmen oder ganz ausmerzen. Aber das werde ich nicht tun. Ich mag Wörter – »mag« gestrichen: Ich liebe Wörter –, und während ich ihren eingeschränkten und sparsamen Gebrauch in der Poesie, in Songtexten, bei Twitter, in guten journalistischen Texten und bei cleverer Werbung durchaus schätze, liebe ich es doch, in ihrer üppigen Vielfalt zu schwelgen oder wild mit ihnen um mich zu werfen. Wie Sie bereits bemerkt haben dürften, zähle ich zu den Exemplaren Mensch, die es fertigbringen, Sachen zu schreiben wie: »Ich werde ein hochgestelltes Kreuz hinzufügen.« Wenn mein Schreibstil wie eine persönliche Marotte wirkt, die zum Zähneknirschen provoziert, tut es mir leid, aber ich bin ein zu alter Hund, um noch neues Gebell anzustimmen.

Ich hoffe, Sie vergeben mir die unerquickliche Erfahrung, miterleben zu müssen, welche Mühe es mich kostet, einige meiner inneren Wahrheiten zum Ausdruck zu bringen und die Distanz zwischen der Maske aus Selbstgewissheit, Ungezwungenheit, Vertrauen und Sicherheit (die ich so spielend trage, dass sich ihre Züge oft in ein spöttisches Feixen verwandeln, das an selbstgefällige Hochnäsigkeit gemahnt) und dem wahren Zustand der Beklemmung, des Selbstzweifels, Selbstekels und der Angst abzumessen, in dem ich einen großen Teil meines Lebens damals wie heute verbracht habe und verbringe. Ich nehme an, es handelt sich um ein Leben, das so interessant oder uninteressant ist wie jedes andere. Es gehört mir, und ich kann damit tun, was ich will, sowohl in der Welt auf der realen Ebene der Fakten und Objekte als auch auf den Buchseiten und damit auf der noch realeren Ebene der Wörter und Subjekte. Mir liegt es jedoch nicht, mit den Leben anderer ebenso ungeniert umzugehen. Zwischen 1977 und 1987 hatte ich mit Menschen Umgang, die der Öffentlichkeit bekannt sind und denen ich keine überzeugenden Pseudonyme geben kann. Wenn ich Ihnen zum Beispiel erzählen würde, dass ich mich an der Universität mit einem Mann namens Lew Horrie anfreundete und wir gemeinsam die Komikerlaufbahn beschritten, bedarf es wohl weder großen Durchblicks noch allzu vielen Gegoogles Ihrerseits, um herauszufinden, dass von einer realen Person die Rede ist. Es ist nicht an mir, über sein Leben und seine Lieben zu plappern, über seine persönlichen Gewohnheiten, seine Manierismen und seine Lebensweise, oder? Wollte ich andererseits über jeden, dem ich auf meiner Lebensreise begegnet bin, einfach sagen, er oder sie sei ein Schatz gewesen und hinreißend und super und liebreizend und talentiert und atemberaubend und süß, würden Sie schon bald in höchstem Bogen kotzen und mit hoher Wahrscheinlichkeit Ihrem eBook-Reader einen Kurzschlag verpassen. Ich zweifle nicht eine Minute daran, dass meine Verleger bereits im Kleingedruckten des Vertrages, den ich bei ihnen unterschrieben habe, darauf hinweisen, dass ich, der Autor, für alle gerichtlichen Auseinandersetzungen verantwortlich zu machen bin, bei denen es, wenn auch nicht ausschließlich, um jene Schäden geht, die elektronischen Lesegeräten hierorts und in allen Territorien durch Ausgespienes und andere Körperflüssigkeiten zugefügt wurden. Daher segele ich mitten hindurch zwischen der Skylla des Schützens der Intimsphäre meiner Freunde und Kollegen und der Charybdis, bei Ihnen, den Lesern, einen Brechreiz auszulösen. Eine schmale Passage, doch ich werde mein Bestes tun, sicher hindurchzumanövrieren.

Die folgenden Seiten werden sich mit einigen der C-Wörter beschäftigen, die mein Leben beherrscht haben. Aber bevor jetzt die Chronologie der Chronik kommt, lassen Sie mich Ihnen noch ein paar Cs aus meinem Katalog kredenzen. Um Sie gewissermaßen in Stimmung zu bringen …

C steht für C12 H22 O11

… für Cereal – Müsli …

für Candy – Naschwerk

… für Caries – Karies

… für Cavities – Löcher in den Zähnen

… für Carbohydrate – Kohlenhydrate

… für Calories – Kalorien

 

Die Schatten des Gefängnisses sich langsam schließen, sobald der Junge wächst heran.

William Wordsworth, »Hinweis auf die Unsterblichkeit«

 

Meinem Körper Aufmerksamkeit zu schenken hieße zu unterstellen, dass ich einen Körper besäße, der Aufmerksamkeit verdient hätte. Seit frühester Jugend habe ich mich für das nichtsnutzige Fleischgehäuse, das ich bewohne, immer geschämt. Ich konnte nicht bowlen, nicht Schlagmann sein und auch nicht fangen. Ich konnte nicht tanzen. Konnte nicht Ski laufen, nicht kopfüber ins Wasser hechten und nicht springen. Wenn das Gehäuse eine Bar betrat oder einen Club, zog es keine lüsternen Blicke der Begierde auf sich oder auch nur flüchtige Anzeichen von Interesse. Nichts Anerkennenswertes war an ihm, bis auf seine Funktion als Brennstoffzelle fürs Gehirn und Müllhalde für die Toxine, die mich eventuell mit kurzzeitigen Höhenflügen belohnen oder mir Gründe liefern könnten, dem Frohsinn zu frönen. Vielleicht geht es nur um Brüste. Oder deren Nichtvorhandensein.

Obwohl es durchaus stimmt, dass ich früher mal ein Baby war, bin ich doch, soweit ich weiß, nie ein Säugling gewesen. Ich kann mich nicht entsinnen, je an einen Nippel angedockt zu haben, und glaube, von Anfang an Flaschenkind gewesen zu sein. Es gibt Psychologen dieser und jener Tradition, ob Kleinianer, Freudianer, Adlerianer, Jungianer oder Einfachdennamenhiereinsetzenianer, und sie alle teilen die Ansicht, dass die Entscheidung für Mutternippel oder Gummisauger von relevanter, wenn nicht gar ausschlaggebender Bedeutung für die Entwicklung des Menschen sei. Ich weiß nicht mehr, ob die Theorie annimmt, dass der Entzug der Muttermilch oder deren nicht versiegender Quell den Problemvorrat fürs spätere Leben anlegt. Möglicherweise stimmt beides. Wer im zarten Kindesalter einen Busenberg aufs Gesicht gedrückt kriegt, der ist als Erwachsener vielleicht auf Brüste fixiert wie Russ Meyer oder Jonathan Ross. Ist außer dem Fläschchen nichts Aussaugbares vorhanden, stellt sich später womöglich eine Busenphobie ein. Oder eine allgemeine Trinkfreudigkeit. Oder vielleicht auch umgekehrt. Alles natürlich absoluter Bockmist. Falscher Brustton. Es gibt jede Menge Brüder und Schwestern, sogar eineiige Zwillinge, die mit derselben Kleinkindkost aufgepäppelt wurden und sich letztlich als verschieden in jeder Hinsicht erwiesen bis auf die – irrelevante – physische Erscheinung. Mein Bruder und meine Schwester wurden als Kleinkinder nicht anders behandelt als ich, und wir könnten, zum Glück für sie und die Menschheit, einander nicht unähnlicher sein. Gehen wir also davon aus, dass die Laster und Schwächen, von den ich Ihnen jetzt erzählen werde, meine ureigenen sind und mir bereits zur Geburt beigegeben wurden wie die Muttermale auf der Rückseite meiner Beine und die Windungen auf meinen Fingerkuppen. Womit nicht gesagt sein soll, dass einzig und allein ich im Besitz dieser Schwächen bin. Weit gefehlt. Man kann sie fast schon als das Manko meiner Generation bezeichnen.

Sobald wir die Milch hinter uns gelassen haben, ob Mutter- oder Kunstmilch, kommen wir zu den härteren Sachen. Zu fester Kost. Apfelbrei und Eintopf werden löffelweise in uns hineingestopft, bis wir selbst mit Messer und Gabel umgehen können. Zu den frühesten und heftigsten Formen, mit Hilfe derer sich der Charakter eines Kindes Ausdruck zu verschaffen anschickt, gehört dessen Reaktion auf Nahrungsmittel. In den späten 1950ern und frühen 1960ern waren Frühstückszerealien und Süßigkeiten die Nahrungsmittel der Wahl. Ich zählte zur ersten Welle Kleinkinder, die zielgruppenorientierter Werbung ausgesetzt wurden. Die Sugar Puffs erblickten wie ich 1957 das Licht der Welt. Diese Zerealie, von der niemand hätte behaupten können, dass sie den Ehrgeiz hätte, von Erwachsenen verspeist zu werden, wurde, ein Jahrzehnt vor der Ankunft des Honey Monster, von einem tatsächlich existierenden Bären namens Jeremy repräsentiert. Er führte ein arbeitsreiches Leben zwischen Fotosessions für den Verpackungskarton und Filmaufnahmen für die Werbespots im Fernsehen, bis er sich ins Privatleben zurückziehen durfte und nach einer kurzen Zeitspanne im Cromer Zoo schließlich in Campertown, Dundee, 1990 friedlich einschlief. Ich besuchte ihn in Cromer, den ersten Promi, den ich leibhaftig und im Naturpelz zu sehen bekam, und glauben Sie mir, was einem Kind von heute das höchstrangige A-Listen-Babe oder Popidol bedeutet, war für mich damals Jeremy der Bär. Man muss sie nachvollziehen: die Leidenschaft und Liebe, den Bärenhunger.

Sugar Puffs waren Weizenkörner, die unter Hitze aufgepufft und anschließend mit einer sirupartigen und leicht klebrigen Fruktose/Glukose-Glasur überzogen wurden. Um sie in ihrer ganzen Herrlichkeit zu genießen, brauchte man nur kalte Milch dazuzugießen. An Wintertagen war auch heiße Milch gestattet, aber die ließ in der Schüssel einen Suppenmatsch entstehen, der kaum mehr Zerealien erkennen ließ. Außerdem konnte Milch, die zum Kochen gebracht wurde, auf der Oberfläche eine Haut bilden, und Haut auf der Milch regte mich zum Erbrechen an. Bis zum heutigen Tag lassen mich Anblick und Geruch heißer Milch würgen und reihern. Mir kommen die pikanten Possen in den Sinn, die sich auf Cocteaus Cocktailpartys zugetragen haben sollen. Es heißt, dass sich Jean Cocteau zum Amüsement seiner Freunde nackt und rücklings auf einen Tisch zu legen pflegte und sich dann, ohne Hand anzulegen, zum Orgasmus stimulierte und ausschließlich kraft seiner Phantasievorstellungen ejakulieren konnte. Ich besitze ein vergleichbares Talent. Ich kann mich allein durch die Vorstellung von Haut auf heißer Milch, Vanillepudding oder Kaffee zum Erbrechen bringen. Wir beide vermögen also warme Flüssigkeiten aus unseren Körpern zu speien und sprühen zu lassen. Ich kann mich jedoch des Gefühls nicht erwehren, dass Cocteaus spritziger Partytrick gefragter sein dürfte als meiner.

Der Frühstückstisch war das Feld, auf dem die Saat meiner Seelenqualen ausgesät wurde. Ich bin sicher, dass ich meine erste Sucht zu Recht dort orte. Die Sugar Puffs waren das Anfangsglied einer Kette, die mich den größten Teil meines Lebens fesseln sollte. Zu Beginn waren sie noch, wie Sie sich denken können, eine reine Frühstückssitte. Aber schon bald naschte ich den lieben langen Tag von ihnen, bis meine Mutter angesichts der Unzahl von Packungen, die sie zu kaufen gezwungen war, erste Seufzer ausstieß. Ich aß die aufgepufften Klümpchen direkt aus der Packung. Eines nach dem anderen, ohne Unterlass, fanden sie den Weg in meinen Mund. Ich glich einem Amerikaner, der im Kino Popcorn vertilgt: glasiger Blick, die Hand hebt sich und fällt, Packung zum Mund, Packung zum Mund, Packung zum Mund, wie bei einer Maschine.

»Glasiger Blick«. Ist das von Bedeutung? Kinder an der Brust oder an der Flasche haben diesen Blick. Es ist etwas Sexuelles an derart ungerichteter Konzentration. Bis ich acht oder neun wurde, lutschte ich die ersten beiden Finger meiner linken Hand. So gut wie immer. Während ich mit den Fingern der rechten Hand mein Haupthaar zwirbelte. Und das stets mit diesem glasigen, sich in der Ferne verlierenden Blick, mit geöffneten Lippen und schwer atmend. Schenkte ich mir selbst jene Brustlust, die mir verweigert worden war? Dies sind dunkle Wasser, Watson.

Auf Zerealienpackungen abgedruckte Listen der Inhaltsstoffe und Serviervorschläge waren mein Lesestoff, Thiamin, Riboflavin und Niacin meine mysteriösen unsichtbaren Freunde. Stets nach Gewicht gehandelt, nicht nach Volumen. Der Inhalt hat sich möglicherweise beim Transport unten abgelagert. Einen Finger unter die Lasche schieben und hin und her bewegen. Die sind Kl-a-s-s-s-s-s-se! Wir mögen Ricicles, die sind Zweicicles so gut wie Neicicles. Und wie das stimmte! Sie waren sogar, wie ich gern verkündete, Dreicicles so gut wie Neicicles. Auf jeden Fall aber viel neicicler als ihre biederen ungesüßten Eltern, die Rice Krispies, die Zerealien, die, wenn man genau hinhörte, Snot, Pickle and Crap – Rotze, Beize und Scheiße sagten. Sich mit Rice Krispies zufriedenzugeben, wenn man Ricicles haben konnte, Cornflakes zu essen, wenn man Frosties haben konnte – wer könnte sich ein so langweiliges Leben ausmalen? Als entschiede man sich bewusst dafür, die Fernsehnachrichten anzusehen oder ungesüßten Tee zu trinken. Ich lebte für das Eine und Einzige: C12 H22 O11. Vielleicht ist das der Grund, warum ich Amerikaner hätte sein sollen, denn drüben in den Vereinigten Staaten verwenden sie überall Zucker. Im Brot, in abgefülltem Wasser, im Beef Jerky, in Mixed Pickles und Mayonnaise, in Senf und Salsa. Zucker, Zucker, Zucker.

Meine Beziehung zu dieser betörenden und im Dunkeln wirkenden Substanz ist kompliziert. Zucker ist mein Lebenszweck, allein um seinetwillen wurde ich geboren. Doch beinahe hätte er mich auch umgebracht.

 

An anderer Stelle habe ich davon erzählt, welche Rolle der Vater meiner Mutter beim Import von Zucker nach Großbritannien spielte. Durch die Teilnahme an Who Do You Think You Are?, dem BBC-Programm zur Familienforschung, habe ich später noch mehr herausgefunden. Mein Großvater Martin Neumann kam von weither nach Bury St. Edmunds. Ursprünglich in Ungarn geboren, wurde seine Heimatstadt Nagysurány durch den Vertrag von Trianon 1920 in die sich erweiternde Tschechoslowakei eingegliedert. In historischem Sinn stammte er jedoch aus Ungarn, und er wies immer wieder gern darauf hin, dass ein ungarischer Jude der einzige Mensch sei, der jemanden in einer Drehtür überholen könne.

Nach Großbritannien kam er auf Einladung des Landwirtschaftsministeriums in Whitehall, in dem besonders vorausschauende Beamte erkannten, dass im Fall eines zunehmend wahrscheinlichen neuen Weltkriegs der Atlantik wohl kaum mehr passierbar sein würde, wie auf dem Höhepunkt der Bedrohung durch die deutschen U-Boote 1917 fast schon geschehen. Die Westindischen Inseln und Australien wären nicht mehr erreichbar, und es gäbe keinen Zucker mehr für die britische »Tasse Tee« – eine Katastrophe, zu grausig, um sie sich auszumalen. Großbritannien verfügte über keine eigene Zuckerkapazität, denn die Landwirte hatten noch nie auch nur eine einzige Zuckerrübe angebaut und die Industriellen hatten noch keine Unze raffiniert. In Nagysurány jedoch, inzwischen Šurany, war mein Großvater der Manager der damals größten Zuckerraffinerie der Welt gewesen und schien daher ein natürlicher Kandidat für die britische Anwerbung zu sein. 1925 trafen er und sein Schwager Robert Jorisch ein, um die erste Zuckerrübenraffinerie für Großbritannien aufzubauen, und zwar in Bury St. Edmunds, wo sie bis heute steht und einen satten und bitteren Mief verbreitet, der entfernt an verbrannte Erdnussbutter erinnert. Wäre Martin mit seiner Frau und Familie in Šurany geblieben, wären sie als Juden ebenso in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht worden wie seine Mutter, seine Schwester, seine Schwiegereltern und Dutzende weiterer Familienangehöriger, die auf dem Kontinent geblieben waren. Ich wäre nie geboren worden, und das Papier oder die digitale Darstellungstechnologie, die zur Produktion und Rezeption des Buchs benötigt wurden, das Sie jetzt mit so ungetrübter Freude lesen, hätten anderweitig genutzt werden können.

Dem Zucker verdanke ich also mein Leben, aber er verlangte auch seinen Preis – sklavische Hörigkeit. Abhängigkeit von ihm und eine Abhängigkeit von der Abhängigkeit noch obendrein.

 

Aber die gesüßten Frühstückszerealien waren noch relativ harmlos. Packungen von Sugar Puffs, Ricicles und Frosties wurden von meiner Mutter telefonisch bestellt und zusammen mit den restlichen Lebensmitteln von Mr Neil geliefert, der mich immerfort »junger Mann« nannte und den Lieferwagen von Riches fuhr, dem kleinen Laden im Dorf Reepham, das zwei oder drei Meilen von unserem Heimatflecken Booton entfernt lag. Männer wie Mr Neil gibt es nicht mehr; kleine Läden wie Riches gibt es nicht mehr.

Dank Mr Neils wöchentlicher Lieferungen konnte ich fast so viel Frühstückszerealien essen, wie ich wollte, ohne dafür Geld auszugeben. Mein Zuckerkick war kostenlos. Natürlich doch. Warum sollte es anders sein? Ich war ein Kind, das in einem Haus wohnte, in dem stets Sugar Puffs im Schrank standen. Total normal. Aber alles wurde anders, als ich im Alter von sieben Jahren auf eine Vorbereitungsschule in Gloucestershire geschickt wurde, die fast genau 200 Meilen von unserem Heim in Norfolk entfernt war.

Der Einführungsmorgen in Stouts Hill, denn so hieß die Schule, wartete mit der ersten Enttäuschung auf, von denen noch eine lange Reihe folgen sollte. Nach einer Nacht vieler Heimwehtränen und einsamer Schluchzer war ich vom selbstherrlichen Lärm einer fremdartigen, verstörenden und mysteriösen Institution erwacht, die ihre Alltagsriten zu vollziehen begann.

»Du da! Was machst du? Du solltest schon im Refektorium sein«, schrie mich ein Aufsichtsschüler an, als ich panisch und ziellos durch die Flure irrte.

»Bitte, was ist denn ein Refektorium?« Das Bild einer mittelalterlichen Folterkammer kam mir in den bangen Sinn.

Der Aufsichtsschüler packte mich an den Schultern und steuerte mich durch einen Korridor und einen weiteren Gang, bis wir schließlich durch eine Tür in einen langen, niedrigen Speisesaal kamen, in dem lärmend frühstückende Jungen auf langen, blitzenden Eichenbänken saßen. Er marschierte mit mir zu einer dieser Bänke, schob zwei Jungen auseinander, stemmte mich in die Höhe und klemmte mich in die Lücke zwischen ihnen. Ich saß da und blinzelte ebenso verzagt wie verlegen. Als ich schüchtern den Kopf hob, bemerkte ich, dass es tatsächlich Zerealien gab. Cornflakes oder klumpigen Porridge. Von Sugar Puffs, Frosties oder Ricicles keine Spur. Ich könnte jetzt behaupten, dass mein Leben nie wieder dasselbe sein sollte, dass Vertrauen, Glaube, Hoffnung, Zutrauen und Zuversicht an jenem Tag in mir erstarben und mich hinfort die Melancholie in ihren Beschlag nahm, aber vielleicht wäre das ein wenig zu hoch gegriffen. Nichtsdestoweniger war ich schockiert. Sollte von nun an etwa alles Süße aus meinem Leben verbannt sein?

Die Schule besaß eine Institution, die sämtliche bekümmernden Unzulänglichkeiten des Refektoriums ausglich. »Tuck« ist, wie Sie vielleicht wissen, altmodischer englischer Schülerslang für Süßwaren. Das, was Amerikaner »candy« nennen. Natürlich war ich mit derlei Naschwerk bereits in Kontakt gekommen, und zwar in Viertelpfundtüten, die im Riches oder im Reepham Post Office aus großen Glasbehältern hervorgeschaufelt wurden. Pear Drops, Brausebonbons mit Zitronengeschmack, Toffee Eclairs, Pfefferminz- und Fruchtbonbons: allesamt jedoch recht reizlos, rechtschaffen und Vorkriegsware. Im anbrechenden goldenen Zeitalter der Leckereien hatte der »Tuck Shop« der Stouts Hill School Aufregenderes im Angebot. Cadbury’s, Fry’s (hurra!), Rowntree’s, Nestlé’s, Mackintosh’s, Mars und Terry’s waren immer noch individuelle und unabhängige Hersteller. Von Mackintosh’s kamen Rolos, Caramac und Toffee Crisp, von Fry’s (hurra!) Turkish Delight, Crunchie-Riegel und Chocolate Cream. Cadbury’s beschenkte uns mit Picnic und Flake sowie seinem Markenprodukt, dem Milchschokoladenriegel Dairy Milk, der von zarter lila Folie umhüllt war. Die Schokogiganten aus Bournville rüsteten sich bereits, im Abstand von einem Jahr den legendären Curly Wurly herauszubringen und den Greatest Chocolate Bar in the History of the World, den Aztec. Nestlé’s bot uns den Milky Bar an und KitKat, Rowntree’s hatte den Aero, Fruit Pastilles, Fruit Gums, Smarties und Jelly Tots, Mars hatte den Milky Way, den Mars-Riegel, Maltesers und Marathon. Du meine Güte! Erst jetzt ist mir aufgefallen, dass die Produkte von Mars alle mit dem Buchstaben M begannen. Natürlich, Marathon sollte viele Jahre später in Snickers umgetauft werden (und ich sollte dabei helfen, den neuen Namen ins Gespräch zu bringen, indem ich für die Werbespots den Kommentar sprach: Wenn ich damals gewusst hätte, dass so etwas geschehen könnte, wäre ich vielleicht explodiert), so wie die Opal Fruits von Mars eines Tages zu Starburst werden sollten. Zweifellos hatte man seine Gründe. Sie produzierten auch Spangles, den quadratischen Fruchtbonbon, der zum Kürzel für eben die Art erschöpfter und denkfauler Nostalgie wurde, in der ich mich jetzt gerade suhle. Aber halten Sie durch; all dies läuft auf etwas hinaus, das jenseits der hektischen Deklamation von Markennamen wartet.

Der Stouts Hill Tuck Shop war an verschiedenen Tagen für jeweils eines der vier Häuser geöffnet, in die man die Schule aufgeteilt hatte: Kingfishers, Otters, Wasps and Panthers. Ich war ein Otter, und unser Tuck-Tag war der Donnerstag. Zuerst stellte man sich in die Schlange, um Geld zu holen. Was die Eltern uns an Taschengeld zugeteilt hatten, wurde verwaltet und in Raten vom diensthabenden Lehrer ausgeteilt, der die abgehobene Summe auf der jeweils individuellen Seite im Taschengeld-Kontobuch vermerkte. Je weiter das Halbjahr voranschritt, desto größer war meine Bestürzung über das Dahinschwinden meines Kapitals. Verzweifelte Briefe mit der flehentlichen Bitte, so schnell wie möglich einen Zehnshillingschein zu schicken, wurden nach Hause geschickt. »Bitte, Mami, bitte. All die anderen Jungen haben so viel Geld, dass es für immer reicht, Ach, bitte, bitte, bitte …«

Und so nahm es seinen Anfang.

So herrlich der Stouts Hill Tuck Shop auch gewesen sein mag, er war höchstens ein Johannes der Täufer gegenüber dem messianischen Glorienschein des Dorfladens von Uley, nicht wert, dessen rote Schnürbänder aus Lakritz zu knoten oder dessen Brausepulver aufzulecken. Das kleine Postamt und die Gemischtwarenhandlung waren nur eine halbe Meile von unserem Schultor entfernt, und wenn wir bei beaufsichtigten Spaziergängen in Zweierreihen an ihnen vorbeikamen, wandten wir gleichzeitig den Kopf zu den einladenden Schaufenstern wie Kadetten, die ihren Monarchen mit einem »Augen rechts!« grüßen. Auf den Regalen dieses Ladens glänzte, schimmerte und funkelte der exotischste, bunteste und zuckersüßeste Schatz, den ich je gesehen oder erträumt hatte: Jamboree-Wundertüten. Trebor Refreshers. Fruit Salads und Blackjacks, jeweils für einen Farthing (also vier für einen alten Penny). Schaumshrimps. Fliegende Untertassen aus Reispapier, gefüllt mit Brausepulver. Swizzels Matlow Twizzlers, die im Mund brodelten und barsten wie Feuerwerk. Love Hearts. Zähe saure Colaflaschen und gummiähnliche weiße Milchflaschen. Schokoladenplätzchen mit Hunderten und Tausenden Streuseln. Kaugummistreifen von Wrigley’s, Juicy Fruit und Spearmint, Behälter mit Chiclets und Pez, lose Bazooka-Joe-Würfel und Packungen mit Beatles-Bubblegum mit eingesteckten Foto-Kärtchen, die mit biografischen Informationen von unschätzbarem Wert aufwarteten: »John hasst Marmelade, aber Ringo mag Zitronencreme besonders gerne!«, »George ist der größte Beatle, aber nur um gut einen Zentimeter!« sowie weitere umwerfende und wertvolle Geheimnisse, die sämtlich mit Ausrufezeichen endeten, was bis heute charakteristisch für Ergüsse der Fanliteratur geblieben ist. Auf anderen Regalen lagerten die harten Gobstoppers, Anisbonbons und Everlasting Strips. Sherbet Fountains mit Tupfern und Stäbchen. Weingummi, Wagon Wheels und Walnut Whips. Man verzeihe mir die unbeabsichtigten Alliterationen. Da gab es das heißbegehrte Spanish Gold in Beuteln aus gelbem Wachspapier mit dem Bild einer roten Galeone und gefüllt mit Kokosnussfasern, die mit Kakaopulver gebräunt worden waren, damit sie wie Drehtabak aussahen. Lakritz, zu Sherlock-Holmes-Pfeifen geformt, komplett mit Pfeifenstiel und Pfeifenkopf. Weiße Candy-Zigaretten mit roten Spitzen und in Reispapier gehüllte Schokoladenzigaretten, die in einem imitierten Chesterfield-Karton angeboten wurden.

Sämtliche wichtigen Elemente waren jetzt versammelt: Zucker. Weißes Pulver. Tabak. Verlangen. Geldmangel. Das Verbotene.

Ja, verboten. Der Dorfladen war allen Jungen verboten. Die Extrazuckersüße aller Naschwaren, die grelle Heiterkeit der Verpackungen und die rüpelhafte amerikanische Ungezwungenheit, die dem Kaugummi und den Gobstoppers eigen war, beleidigten die eher militärisch geprägten Empfindungen der Lehrer. Die Produkte waren allesamt ein klein wenig vulgär, ein ganz klein wenig … ja, ehrlich gesagt, ein bisschen arbeiterklassig. Der Himmel weiß, was jene armen Schulmeister zu Haribo-Starmix oder Kinder-Happy-Hippo gesagt hätten. Vielleicht ist es besser, dass sie weggestorben sind, bevor sie derartige Unerfreulichkeiten hätten miterleben müssen. Ich bin sicher, ihre Herzen hätten zu schlagen aufgehört.

 

Sieben Jahre alt, 200 Meilen entfernt von zu Hause und dazu ein unterversorgter Suchtkranker. Es gibt jede Menge Geschichten von Kindern, die noch keine sieben sind, aber bereits Alkoholiker oder schon bei der Geburt süchtig nach Crack, Crystal Meth oder Red Bull, und mir ist völlig klar, dass meine Zuckerabhängigkeit im Vergleich dazu ein Kinkerlitzchen ist. Damit geht keinerlei Anklageerhebung einher, noch ist sie als Lektion für irgendjemanden zu verstehen. Zufriedenstellend erklärbar ist sie ebenfalls nicht. Ich habe Ihnen ihre Grundzüge geschildert, aber damit weder einleuchtende noch hinreichende Gründe für eine so zwanghafte und verzehrende Sucht angerissen. Schließlich waren meine Zeitgenossen denselben Anzeigenkampagnen ausgesetzt, hatten Zugang zu denselben Zerealien, Zuckerwaren und Viktualien und bestanden doch aus denselben Organen, hatten dieselben Sinne und waren von vergleichbaren Ausmaßen. Seit den frühesten Tagen bewusster Wahrnehmung trieb mich die ingrimmige Gewissheit, dass andere Menschen sich nicht in den Fängen derselben heißhungrigen Gier wanden, nicht den unersättlichen Hunger und das alles überwältigende Verlangen spürten, nicht unter dem Begehren bebten und unter dem peinigenden Bedürfnis ächzten, das mich zu fast jeder Stunde jeden Tages heimsuchte. Taten sie es doch, besaßen sie andere Mittel der Selbstkontrolle, die mich nur beschämen konnten. Vielleicht, überlegte ich, vielleicht waren ja alle anderen Menschen außer mir willensstark, charakterfest und moralisch standhaft. Vielleicht war ich allein so schwach, dass ich den Gelüsten erlag, die andere zu kontrollieren wussten. Vielleicht nagten an allen anderen gleichermaßen wüste Gelüste, aber ihnen hatten die Natur oder der Allmächtige die Fähigkeit mitgegeben, ihre Gefühle zu beherrschen. Und mir, dem einsam Zitternden, war diese Gabe verweigert worden. Wir sollten in Betracht ziehen, dass die Atmosphäre an meiner Schule wie die an jeder beliebigen Privatschule zu jener Zeit (und dieser Tage noch immer an vielen Schulen) von selbstgerechter Religiosität gesättigt war (heute sind die Schulen nur noch von Rechtschaffenheit ohne die Religiosität gesättigt, was nur ein geringer Fortschritt ist). Sie können sich vielleicht vorstellen, in welchem Ausmaß spirituelle Folterqualen meine eher körperlichen Peinigungen begleiteten. Die Bibel ist von vorne bis hinten vollgestopft mit Geschichten von Versuchungen, Verboten und Vergeltung. Schon auf der ersten Seite hängt eine verbotene Frucht an einem Baum, und wenn wir uns weiter durchschlagen, werden uns immer neue schreckliche Lektionen zuteil, wie sehr Gier bestraft und die Lust verdammt wird, bis wir die uneingeschränkten, endgültigen und irrwitzigen Verdammnisse und Ekstasen in der Offenbarung des Johannes erreichen, nachdem wir Versuchungen in der Wildnis und in der Wüste durchgestanden haben, Heuschrecken, Honig, Manna, Raben, Wunden, Eiterbeulen, Seuchen, Plagen, Leiden und Opfer. Führe uns nicht in Versuchung. Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen. Die Rache ist mein, spricht der Herr, ich will vergelten.

In einer solchen Atmosphäre und angesichts des bereits bestehenden physiologischen Verlangens ist es kein großes Wunder, dass sich von Schuldgefühlen getränkte Verknüpfungen aus Zucker und Begehren in meinen Kopf stahlen, eine Mischung aus Befriedigung und Begehren und Befriedigung und Scham. Und all das, Jahre bevor sich die noch weitaus grausameren Schrecken und Qualen der Sexualität bei mir vorstellen und dasselbe Muster in mein Herz und meinen Unterleib kerben sollten; natürlich mit tieferen und grausameren Schnitten. Also, ich bin aber auch ein Drama-King, oder?

Da neunzig Prozent meiner Schulkameraden anscheinend gegen diese traumatischen Heimsuchungen immun waren, gegen so viel Selbstanalyse, Scham und Versuchung, frage ich mich, im Rückblick, immer noch, ob ich etwa besonders schwach war, besonders empfindlich oder besonders sinnenfreudig.

Um die Süßigkeiten zu bezahlen, bestahl ich Läden, die Schule und, besonders schändlich, die anderen Jungen. Diese Diebstähle liefen, der Nahrungsaufnahme gleich, in einer Art Trancezustand ab. Flach atmend und mit glasigen Augen durchwühlte ich Zimmer und Schreibtische, während in meinem Inneren Angst, erregte Vorfreude, das Grausen und leidenschaftliche Abscheu vor mir selbst tobten. Des Nachts fiel ich in die Schulküche ein und stürzte mich auf einen Schrank, in dem große Blöcke Aspik lagerten, in das ich meine Zähne schlug wie ein Löwe in eine erjagte Antilope.

Ich habe im »Columbus« die Situation geschildert, in der ich von einem Aufsichtsschüler mit Süßigkeiten, Bubblegum und Brausepulver ertappt wurde, die nur aus dem Dorfladen stammen konnten. Ich überredete einen gutmütigen kleinen Burschen namens Bunce, bei dem ich in stiller Heldenverehrung stand, die Schuld auf sich zu nehmen. Ich hatte mich bereits so vieler Übertretungen schuldig gemacht, dass ich bei der nächsten mit einer gehörigen Züchtigung zu rechnen hatte, während Bunce, der ohne Vorstrafe oder aktenkundige Vergehen war, mit einer Verwarnung davonkommen würde. Die Sache erwies sich natürlich als Fehlschlag, denn der Direktor durchschaute unsere List. Meine Belohnung war eine Extratracht Prügel, weil ich so niederträchtig gewesen war, den unschuldigen Bunce in mein Lügennetz einzuspinnen.

Der echte erwachsene und ich stehen seit der Veröffentlichung von »Columbus« in Kontakt. Er reagierte ganz und gar nicht nachtragend und erinnerte mich an eine Begebenheit, die ich völlig vergessen hatte.

Ganz zu Anfang meiner Schulzeit hatte ich Bunce erzählt, dass meine Eltern tot seien.

»Wie furchtbar für dich!« Bunce, immer mitfühlend, war tief bewegt.

»Ja. Ein Autounfall. Ich habe drei Tanten, bei denen ich in den Schulferien abwechselnd unterkomme. Du musst aber schwören, niemandem davon zu erzählen. Es ist ein Geheimnis.«

Bunce nickte. Seinen milchbärtigen Zügen war mannhafte Entschlossenheit abzulesen. Ich wusste, dass er sich eher die Zunge herausreißen würde, als auch nur ein Wort fallenzulassen.

Gegen Ende des Halbjahres fragte ich Bunce, welche Pläne er für Weihnachten habe. Es schien ihm unangenehm zu sein, eingestehen zu müssen, dass er mit seiner Familie in die Karibik reisen sollte.

»Und was ist mit dir?«, fragte er.

»Blödmann … natürlich bin ich in Norfolk bei meinen Eltern. Wo sonst?«

»A-a-aber … ich dachte, deine Eltern sind tot und du lebst bei deinen Tanten?«

»Äh. Hm. Ja.«

Verdammt. Erwischt.

Bunce schaute gekränkt und verwirrt drein.

»Du darfst das nicht so ernst nehmen«, sagte ich und sah ihn durchdringend an. »Verstehst du … ich …«

»Ja?«

»Solche Sachen sage ich eben.«

Wir haben nie wieder darüber gesprochen. Bis Bunce mich fünfundvierzig Jahre später daran erinnerte. Er entsann sich ganz genau an die Situation und ließ sich nicht davon abbringen, dass der exakte Wortlaut »Solche Sachen sage ich eben« gewesen war.

 

Regelmäßig mit dem Stock geprügelt, immer in Schwierigkeiten, niemals ausgeglichen, niemals eingewöhnt oder geborgen, verließ ich die Vorbereitungsschule als Zuckerjunkie, Dieb, Phantast und Lügner.

Dasselbe Muster wiederholte sich an meiner nächsten Schule: Uppingham in Rutland. Weitere Diebstähle, noch mehr Naschwerk. Inzwischen forderte allein schon die Menge zuckerhaltiger Nahrungsmittel, mit denen ich mich vollstopfte, allmählich ihren nicht zu leugnenden und schmerzhaften physischen Tribut. Nicht von meiner Taille, denn ich blieb dünn wie ein Bleistift, sondern dem Mund: Karies, Löcher in den Zähnen und entzündete Geschwüre waren meine ständigen Begleiter. Bis zu meinem vierzehnten Geburtstag hatte ich bereits fünf meiner Backenzähne für immer verloren. Der Hunger nach Zucker ruinierte mich. Das Hochgefühl bei der Klauerei und das Hochgefühl durch den Zuckergenuss, wenn ich dasaß und mich an meiner Beute delektierte, mündeten wie jede andere Leidenschaft unweigerlich in einen Absturz in Schuldgefühle, Trübsinn, Ekel und Abscheu vor mir selbst. So wie es mit allen Süchten ist … ob sie dem Zucker gelten, dem Shopping, dem Alkohol, dem Sex, was auch immer.

Weitere Diebstähle führten zur »Rustication«, wie man im Vokabular der Public Schools sagte, wenn jemand für ein paar Wochen nach Hause geschickt wurde: Heutzutage würde man vermutlich »Suspendierung« dazu sagen. Schließlich konnte die Schule sich mein Verhalten nicht mehr bieten lassen, und ich wurde ihrer verwiesen. Ich war mit offizieller Erlaubnis für ein Wochenende nach London gefahren, um ein Treffen der Sherlock Holmes Society of London zu besuchen, deren enthusiastisches Mitglied ich war. Statt jedoch, wie vereinbart, nur zwei Nächte in London zu verbringen, blieb ich eine ganze Woche und vergrub mich glückselig in Kinosälen, um Film auf Film auf Film zu genießen. Genug, wie Eltern und Lehrer zu sagen nicht müde wurden, war genug.

 

Die bitteren Säfte des Tabaks werden schon bald meine Erzählung bestimmen. Nachdem das betörende Blatt mich bezirzt hatte, war die Macht des Zuckers über mich ein für alle Mal gebrochen. Aber es gibt noch ein wenig über meine problematische Beziehung zu C12 H22 O11 zu erzählen.

Als ich vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen heranwuchs, wich meine Treue zu Sugar Puffs Schritt für Schritt der Leidenschaft für Scott’s Porage Oats, mit kalter Milch serviert, aber mit Löffeln granulierten Zuckers großzügig bestreut. Zur selben Zeit machte meine Kindheitspassion für Brausepulver und schäumende Kaubonbons allmählich einer erwachseneren Vorliebe für eine kultiviertere Leckerei Platz – Schokolade. Und natürlich war da auch noch der Kaffee.

Wir schreiben das Jahr 1982, und ich befinde mich in einer schäbigen Zimmerflucht, die Granada Television gehört. Ben Elton, Paul Shearer, Emma Thompson, Hugh Laurie und ich haben uns dort versammelt, um für die erste Folge dessen zu proben, was später zu einer TV-Show mit dem Titel Alfresco werden soll. Der Titel dieser ersten Folge ist There Is Nothing to Worry About. Ich wollte sie Trouser, Trouser, Trouser nennen, wurde aber, vielleicht zu Recht, überstimmt.

Wir sind allesamt Anfang zwanzig und haben acht Monate zuvor die Universität abgeschlossen. Unser Leben müsste herrlich sein, und ich nehme an, das ist es auch. Hugh, Emma, Paul und ich haben beim Edinburgh Festival den ersten Perrier Award für unsere Universitätsrevue gewonnen und waren anschließend auf Tournee in Australien. Wir haben gerade die Revue für die BBC gedreht und sind jetzt dabei, unsere ureigene Fernsehshow zu entwickeln.

Große Dosen Nescafé und Schachteln mit PG-Tips-Teebeuteln stehen auf einem Tapeziertisch am anderen Ende des Raums. Proben haben etwas an sich, das den Konsum großer Mengen Tees und Kaffees fördert. An diesem Morgen wird ein Sketch geprobt, an dem alle außer mir beteiligt sind (es kommen Musik und eine Tanzeinlage darin vor), und ich mache für uns Kaffee. Als meine Hand nach dem Löffel greift, wird mir schlagartig bewusst, dass ich der Einzige bin, der Zucker nimmt.

Da stehe ich und halte den Löffel über einer offenen Tüte Tate and Lyle. Angenommen, ich müsste darauf verzichten? Man hat mir schon immer gesagt, dass Tee und Kaffee unendlich viel besser ohne schmecken. Ich sehe zu den anderen hinüber und gelobe an Ort und Stelle, zwei Wochen lang zuckerfrei zu bleiben. Sollte ich nach vierzehn Tagen ungesüßten Kaffees keinen Geschmack an ihm gefunden haben, werde ich zu meiner Gewohnheit von zweieinhalb Löffeln pro Tasse zurückkehren, ohne großen Schaden genommen zu haben.

Ich zünde mir eine Zigarette an und beobachte die anderen. Ein himmlisches Gefühl stolzen Überschwangs wallt in mir auf. Vielleicht kann ich es schaffen.

Und ich schaffe es. Zehn Tage später bietet mir jemand einen Kaffee an, dem Zucker beigefügt wurde. Ich fahre zusammen und erstarre beim ersten Schluck, als sei ich vom elektrischen Schlag getroffen. Es ist der wunderbarste Schlag meines Lebens, denn er beweist, dass es mir gelungen ist, etwas aufzugeben. Bestimmt haben Sie grandiosere Geschichten darüber gehört, wie jemand über die Widrigkeiten des Lebens triumphiert, aber die Erinnerung daran, wie ich auf die Zuckertüte starrte und mich fragte, ob ich je davon loskommen konnte, ist nie verloschen. Es sollte das leise Flüstern der Hoffnung sein, das tief in der Büchse der Pandora wartete. Ich kann immer noch den Probenraum riechen und das Klavier hören. Ich sehe noch immer die Kekspackungen auf dem Tapeziertisch und die Tüte von Tate and Lyle, in der etwas Zucker dank des immer wiederkehrenden Kontakts mit einem feuchten Teelöffel zu durchsichtigen Kristallklumpen verschmolzen war.

 

Ich sah und roch und durchlebte diese selbe Szene siebenundzwanzig Jahre später noch einmal in einem Zimmer des Hotel Colbert in Antananarivo auf Madagaskar. Es war sehr, sehr heiß und sehr, sehr feucht, und ich trug nur Boxershorts. Ein Gewitter näherte sich und grollte bereits bedrohlich, und die Internetverbindung des Hotels, eh schon bestenfalls wankelmütig, fiel ganz aus. Als ich vom Schreibtisch aufstand, um auf die Toilette zu gehen, bot sich mir plötzlich ein grausiger Anblick.

Ein ungeheuer fetter Mann mit gigantischen Hängebrüsten und einer riesigen Bauchschürze durchquerte das Zimmer. Ich stockte, drehte mich um und sah in ungläubigem Schrecken wieder hin. Da stand er und füllte den Garderobenspiegel aus, ein lächerlich wirkender übergewichtiger Mann mittleren Alters, auf so groteske Weise adipös wie niemand sonst, der mir seit den Dreharbeiten vor einem Jahr im Mittleren Westen der USA vor Augen gekommen war. Ich musterte diesen widerwärtigen Schwabbelberg von Kopf bis Fuß. Und dann kamen mir die Tränen.

Während des vergangenen Vierteljahrhunderts hatte ich mich immer wieder auf kleinen und großen Leinwänden und auf Fotos in Zeitungen gesehen und mir nie Illusionen gemacht, was meine physische Erscheinung betraf. Aber in jenem Zimmer an jenem Abend sah ich mich aus irgendwelchen Gründen so, wie ich war. Es war nicht so, dass ich erschauderte, mich schnell bedeckte und es ignorierte. Ich machte mir nicht vor, dass alles in Ordnung sei. Ich sagte mir nicht, dass ich von der Körpergröße her durchaus ein paar Extrapfunde mitschleppen konnte. Nein, ich weinte über das schreckliche Etwas, zu dem ich geworden war.

Im Bad gab es eine Waage. 139 Kilogramm. Was bedeutete das in altmodischem Englisch? Für die Umrechnung hatte ich ein App auf meinem Handy. 21 Stone und 12 Pounds. Heiliger Strohsack. 21 Stone. 306 Pounds.

Ich erinnerte mich an unseren Probenraum 1982. Ich hatte es geschafft, auf Zucker im Tee und Kaffee zu verzichten. Jetzt war die Zeit gekommen, auf alle anderen Manifestationen dieser Substanz zu verzichten: Pudding, Schokolade, Toffees, Karamell, Pfefferminz, Doughnuts, Kuchen, Korinthenbrötchen, Törtchen, Flans, Pfannkuchen, Götterspeisen und Konfitüren. Und ich würde Körperertüchtigung betreiben müssen. Eine Diät würde nicht reichen, sondern ich müsste Ernährung und Lebensweise vollkommen umstellen.

Ich werde nicht behaupten, dass seit jenem Moment erleuchtenden Horrors auf Madagaskar kein Gramm Zucker mehr über meine Lippen gekommen ist, aber es ist mir gelungen, verführerische Patisserien, Pudding, kandierte Früchte, Schokoladenkonfekt, Eiscreme, petits fours und friandises zu meiden, wie Kellner sie in Restaurants anpreisen, die ich und meine verwöhnten Freunde frequentieren. Kombiniert mit täglichen Spaziergängen, wöchentlich dreimaligen Besuchen im Gym und dem generellen Verzicht auf stärkehaltige und fette Speisen hat diese standhafte Entsagung es meinem Gewicht ermöglicht, unter 16 Stone zu sinken.

Ich hege nicht den geringsten Zweifel, mich ohne Schwierigkeiten wieder aufblähen zu können und wie eine Zeichentrickfigur im Expresslift schnell am einundzwanzigsten Stockwerk, am zweiundzwanzigsten, am dreiundzwanzigsten und am vierundzwanzigsten vorbei bis zum fünfundzwanzigsten zu sausen. Ständige Achtsamkeit ist die Parole. Unsere Beziehung erfordert es nicht, Ihnen beteuern zu müssen, dass ich mich jetzt hundertprozentig kenne, aber ich glaube, dass ich überzeugend eingestehen kann, mich zumindest gut genug zu kennen, um unbedingt skeptisch und misstrauisch zu sein, wenn es um Behauptungen geht, Lösungen und Heilmittel gefunden oder Ziele endgültig erreicht zu haben.

Nehmen wir zum Beispiel das Rauchen …