Philippa Gregory

Die Schwester der Königin

Roman

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

The Other Boleyn Girl

erschien 2001 bei HarperCollinsPublishers, London.

 

ISBN E-Pub 978-3-8412-0417-2

ISBN PDF 978-3-8412-2417-0

ISBN Printausgabe 978-3-7466-2225-5

 

Aufbau Digital, veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Novermber 2011

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin Die deutsche Erstausgabe erschien 2004 bei Rütten & Loening; Rütten & Loening ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG Copyright © Philippa Gregory Ltd 2001

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen
Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

 

www.buerosued.de unter Verwendung eines Fotos von © Richard Jenkins

 

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH, KN digital –

die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

 

www.aufbau-verlag.de

Menü

Inhaltsübersicht

Frühling 1521

Frühling 1522

Sommer 1522

Winter 1522

Frühling 1523

Sommer 1523

Winter 1523

Frühling 1524

Sommer 1524

Winter 1524

Frühling 1525

Herbst 1525

Frühling 1526

Sommer 1526

Herbst 1526

Winter 1526

Frühling 1527

Sommer 1527

Herbst 1527

Winter 1527

Sommer 1528

Herbst 1528

Frühling 1529

Sommer 1529

Herbst 1529

Weihnachten 1529

Sommer 1530

Herbst 1530

Weihnachten 1530

Frühling 1531

Sommer 1531

Herbst 1531

Frühling 1532

Sommer 1532

Herbst 1532

Winter 1532

Frühling 1533

Sommer 1533

Herbst 1533

Winter 1533

Frühling 1534

Sommer 1534

Winter 1534

Frühling 1535

Sommer 1535

Herbst 1535

Winter 1535

Frühling 1536

Mai 1536

Anmerkung der Autorin

 

|5|Für Anthony

|7|Frühling 1521

Ich hörte gedämpften Trommelwirbel. Sehen konnte ich nichts außer der Schnürung am Mieder der Dame vor mir, die mir den Blick auf das Schafott versperrte. Ich war nun schon über ein Jahr am Hof und hatte Hunderte von Festlichkeiten miterlebt, aber noch keine wie diese.

Wenn ich ein wenig zur Seite trat und den Hals reckte, sah ich, wie der Verurteilte in Begleitung seines Priesters langsam vom Tower zu der Wiese schritt, wo die hölzerne Plattform wartete und mitten darauf der Holzblock. Der Scharfrichter trug schon die Kleidung seines Amtes, stand in Hemdsärmeln da, mit der schwarzen Kapuze über dem Kopf. Alles schien eher ein Maskenspiel als Wirklichkeit zu sein. Ich schaute zu, als würde ein Theaterstück für den Hof gegeben. Der König saß auf dem Thron und wirkte zerstreut, als ginge er im Kopf noch einmal die Rede durch, mit der er die Begnadigung verkünden würde. Hinter ihm standen mit ernster Miene William Cary, mein Ehemann seit einem Jahr, mein Bruder George und mein Vater, Sir Thomas Boleyn. Ich wackelte in meinen Seidenschuhen mit den Zehen und wünschte mir, der König würde sich beeilen und endlich seinen Gnadenerlaß aussprechen, damit wir alle frühstücken gehen konnten. Ich war erst dreizehn Jahre alt und hatte ständig Hunger.

Am anderen Ende des Holzgerüstes legte der Herzog von Buckinghamshire seinen dicken Umhang ab. Wir waren nah genug miteinander verwandt, daß ich ihn Onkel nennen durfte. Er war zu meiner Hochzeit gekommen und hatte mir ein goldenes Armband geschenkt. Mein Vater erklärte mir, er hätte den König auf ein Dutzend verschiedene Arten beleidigt: In seinen Adern floß königliches Blut, und er hielt sich ein viel zu großes Gefolge, als daß es einem König gefallen |8|konnte, der sich seines Throns noch nicht vollkommen sicher war. Am schlimmsten aber war, daß er angeblich gesagt hatte, der König habe bis jetzt keinen Sohn und Erben, würde auch sicher keinen mehr bekommen und wahrscheinlich ohne männlichen Thronfolger sterben.

Derlei Gedanken durfte man nicht laut äußern. Der König, der Hof, das ganze Land wußten, daß die Königin unbedingt einem Sohn das Leben schenken mußte, und zwar bald. Etwas anderes auch nur anzudeuten, das war der erste Schritt auf dem Pfad, der zu den hölzernen Stufen des Schafotts führte, die mein Onkel, der Herzog, jetzt gerade furchtlos und mit festen Schritten hinaufstieg. Ein guter Höfling spricht niemals unbequeme Wahrheiten an. Bei Hof hatte man stets fröhlich zu sein.

Onkel Stafford trat vorne an die Plattform, um ein paar letzte Worte zu sprechen. Ich war zu weit weg, um sie hören zu können. Ich hatte ohnehin nur Augen für den König, der sicherlich auf das Stichwort wartete, um endlich vorzutreten und den königlichen Gnadenerlaß zu geben. Dieser Mann, der da im Sonnenlicht des frühen Morgens auf dem Schafott stand, hatte gegen den König Tennis gespielt, war in Turnieren gegen ihn geritten, war sein Kumpan bei Hunderten von Trinkgelagen und Glücksspielen gewesen. Seit ihrer Kinderzeit waren die beiden Freunde. Der König wollte ihm gewiß nur eine Lektion erteilen, eine eindrucksvolle öffentliche Lektion, und dann würde er ihn begnadigen, und wir konnten alle frühstücken gehen.

Die kleine, ferne Gestalt des Herzogs wandte sich jetzt dem Beichtvater zu. Er beugte den Kopf, um den Segen zu empfangen, und küßte den Rosenkranz. Er kniete sich vor den Block, umfaßte ihn mit beiden Händen. Ich fragte mich, wie es wohl sein mußte, die Wange an das glatte, gewachste Holz zu schmiegen. Selbst wenn er wußte, daß alles nur eine Maskerade war und nicht die Wirklichkeit, mußte es doch für meinen Onkel ein seltsames Gefühl sein, den Kopf auf den Block zu legen und zu wissen, daß hinter ihm der Scharfrichter stand.

Der Henker hob das Beil. Ich blickte zum König. Sein Einspruch |9|ließ sehr lange auf sich warten. Ich schaute auf das Gerüst zurück. Mein Onkel, den Kopf auf dem Block, breitete die Arme weit aus, als Zeichen der Zustimmung, als Zeichen, daß das Beil fallen konnte. Ich blickte wieder zum König, der jetzt sofort aufspringen mußte. Aber er saß immer noch da, das hübsche Antlitz zu einer grimmigen Miene verzerrt. Und während ich auf ihn blickte, erscholl ein weiterer Trommelwirbel, der plötzlich abbrach. Dann hörte man den dumpfen Schlag des Beils: einmal, dann noch einmal und ein drittes Mal. Das Geräusch klang heimelig und vertraut wie Holzhacken. Ungläubig starrte ich auf den Kopf meines Onkels, der ins Stroh rollte, und auf den blutroten Strom aus dem Hals. Der Scharfrichter mit der schwarzen Kapuze legte das große, blutverschmierte Beil aus der Hand und hob den abgeschlagenen Kopf am dicken, lockigen Haar hoch, so daß wir ihn alle sehen konnten: Eine schwarze Binde verdeckte Stirn und Nase, darunter waren die Zähne zu einem letzten trotzigen Grinsen gefletscht.

Langsam stand der König auf, und ich dachte in meinem kindlichen Gemüt: Großer Gott, wie furchtbar peinlich das wird. Er hat zu lange gewartet. Es ist alles schiefgegangen. Er hat vergessen, rechtzeitig einzugreifen.

Aber ich irrte mich. Er hatte nicht zu lange gewartet, er hatte nichts vergessen. Er wollte, daß mein Onkel vor den Augen des gesamten Hofstaats starb, damit alle wußten, daß es nur einen König gab, nämlich Henry. Es konnte nur einen König geben, nämlich Henry. Und diesem König würde ein Sohn geboren werden – etwas anderes auch nur anzudeuten, bedeutete einen schmählichen Tod.

Schweigend ließ sich der Hofstaat in drei Barken flußaufwärts zum Palast von Westminster zurückrudern. Einige Männer am Flußufer zogen den Hut und fielen auf die Knie, als die königliche Barke mit flatternden Wimpeln rasch an ihnen vorüberglitt. Ich saß mit den Hofdamen in der zweiten Barke, der Barke der Königin. Meine Mutter war in meiner Nähe. In einem seltenen Augenblick der Anteilnahme blickte sie zu mir herüber und bemerkte: »Du bist sehr blaß, Mary, ist dir übel?«

|10|»Ich hätte nicht gedacht, daß er wirklich hingerichtet würde«, erwiderte ich. »Ich dachte, der König würde ihn begnadigen.«

Meine Mutter beugte sich ganz nah zu meinem Ohr, damit niemand uns über das Knarren des Bootes und die Trommeln der Ruderer hinweg hören konnte. »Dann bist du eine Närrin«, meinte sie knapp. »Und schlimmer noch, du sprichst es auch noch aus. Schau nur gut hin und lerne, Mary. Bei Hof kann man sich keinen Fehler leisten.«