FRIDA MEY

Manchmal muss es eben Mord sein

EIN BÜRO-KRIMI

Impressum

ISBN 978-3-8412-0487-5

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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unter Verwendung eines Motivs von MHJ/iStockphoto

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

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Prolog

Das Adrenalin pumpte auf Hochtouren durch ihren Körper. Sie hatte Mühe, sich auf den Verkehr zu konzentrieren.

Ihre Gedanken überschlugen sich, kehrten jedoch immer wieder zu demselben Schluss zurück:

Es gab für alle Probleme eine Lösung!

An der nächsten roten Ampel blickte sie in den Rückspiegel und lächelte sich zu. Das neue Poloshirt stand ihr wirklich gut.

Lauthals begann sie zu singen. Als sie in ihre Straße einbog, schmetterte sie ihre Lieblingsmelodie aus »Carmen«:

»Auf in den Kampf, Tore-e-e-ero …«

Schwungvoll nahm sie die letzte Kurve – da stand er am Ende der langen Auffahrt und grinste sie an.

Automatisch stieg sie auf die Bremse, einen Moment lang zögerte sie.

»Es gibt für alle Probleme eine Lösung!«, sagte sie mit fester Stimme.

Dann trat sie das Gaspedal bis zum Anschlag durch.

1Endlich mal wieder eine ordentliche Beerdigung. Wohlwollend ließ Elfie ihren Blick über die Trauergemeinde schweifen und zählte sechsundvierzig Personen – genau richtig für die Kapelle am Waldfriedhof. Einige mussten zwar stehen, doch das sorgte erst für die richtige Atmosphäre.

Nicht nur die Anzahl der Trauernden fand Elfies Wohlgefallen, sondern auch deren stilvolles Auftreten. Ausnahmslos alle trugen Schwarz, wie es sich gehörte. Das ließ sich gut an.

Der Pfarrer sprach über das Leben und Sterben, über Abschiednehmen und Trauer. Elfie gefiel seine eher philosophische Sichtweise. Wie oft hatte sie bei diesen Gelegenheiten schon salbungsvolles und inhaltsleeres Geschwafel hören müssen. Genauso verabscheute sie die Anbiederungsversuche mancher Geistlicher, die so taten, als ob sie den Verstorbenen gut gekannt hätten, und ihn womöglich in den Himmel lobten. Wie erfrischend, dass hier nichts von alldem stattfand. Denn bei einem Fiesling wie Martin Morgenstern gab es dazu auch nicht den geringsten Anlass, wie übrigens bei den meisten Controllern nicht.

Als die Musik einsetzte und die Sopranistin das »Ave Maria« sang, merkte Elfie, wie sich tiefe Ergriffenheit bei der Trauergemeinde ausbreitete. Auch sie selbst verspürte einen Kloß im Hals, hinter ihren Lidern brannte es. So glockenrein und mit echtem Gefühl hatte Elfie das »Ave Maria« noch nie gehört. Offensichtlich hatten die Hinterbliebenen nicht gespart und eine ausgezeichnete Opernsängerin engagiert. Wahrscheinlich konnten sie ihr Glück kaum fassen, dachte Elfie bei sich, sie hatten nun allen Grund zu feiern.

Sechs distinguierte Herren traten nach vorn und hoben den Sarg an. Das mussten Morgensterns Bekannte aus dem Rotary-Club sein. Auch sie hatte jemand mit Sorgfalt ausgewählt. Sie waren alle ungefähr gleich groß und schritten gleichmäßig und würdevoll dahin. Was für ein schönes Bild.

Die Familie wirkte sehr gefasst, vor allem die Witwe. Kein Wunder, Frau Morgenstern war deutlich jünger als ihr Mann. Sie konnte jetzt noch einmal ganz von vorn beginnen.

Am Grab sprach der Pfarrer noch ein paar kurze Worte. Als er den »tragischen Unglücksfall« erwähnte, brach ein Sonnenstrahl durch den wolkenverhangenen Märzhimmel. Elfie konnte nur mit Mühe ein Kichern unterdrücken. Schnell zog sie ihr Taschentuch hervor und kaschierte ihre Belustigung mit einem Hüsteln. Wie immer trat sie als Letzte an das Grab und warf eine schwarze Rose auf den Sarg. Diesmal hatte sie eine mit extra vielen Dornen ausgesucht. Dann häufte sie mit der Schaufel so viel Erde wie möglich auf und warf sie schwungvoll hinterher. Erde zu Erde. Adieu, Martin Morgenstern.

Mit sich und der Welt im Reinen, verließ Elfie den Friedhof. Es war immer ein erhebendes Gefühl, ein Projekt erfolgreich beendet zu haben. Und diese würdevolle Beerdigung hatte den krönenden Abschluss gebildet. Einen Moment lang überlegte Elfie, ob sie noch bei Ludwig vorbeischauen sollte. Aber Montag fiel nicht in ihre üblichen Besuchszeiten, das würde ihn nur verwirren. Sie konnte ihm auch morgen noch von dem wunderschönen Begräbnis erzählen. Und übermorgen würde sie mit ihrem neuen Auftrag bei der Sekuranz-Versicherung beginnen.

2»Gestatten, mein Name ist Ruhland, Elfriede Ruhland. Ich bin hier, um Ordnung zu schaffen.« Mit einem Lächeln übergab Elfie ihre Visitenkarte.

»Toll, dass Sie da sind. Ich bin Jenny Lehmann, die Assistentin von Frau Schicketantz. Sie ist zurzeit außer Haus. Aber ich werde Ihnen alles zeigen.«

Die junge Frau warf einen Blick auf die Visitenkarte. »Ordnung ist das halbe Leben«, las sie Elfies Slogan. »Na, dann leben wir hier wohl in der anderen Hälfte. Unsere Ablage versinkt im Chaos. Kommen Sie, Ihr Platz ist da hinten.«

Mit traumwandlerischer Sicherheit schlängelte sich Jenny Lehmann zwischen den Schreibtischen hindurch, von denen man vor lauter Aktenstapeln kaum etwas sehen konnte. Ein großer Tisch am Fenster war mit Ablagekörben und farbigen Mappen übersät. Schnell nahm Jenny einen Stoß Akten vom Schreibtischstuhl, sah sich suchend um und packte die Mappen dann auf einen ohnehin schon schwindelerregend hohen Turm, der augenblicklich ins Wanken geriet. Automatisch streckte Elfie die Hände aus, doch wider Erwarten fiel der Stapel nicht um.

»So, das ist Ihr Arbeitsplatz. Gleich hier finden Sie die Ordner, in die alles einsortiert werden muss.«

Jenny zeigte auf Regale, die eine ganze Wand des Großraumbüros vom Boden bis zur Decke füllten, und eine riesige Hängeregistratur dem Fenster gegenüber.

»Wie aufmerksam von Ihnen, dass Sie mir einen Tisch ans Fenster gestellt haben. Da ist das Licht so gut«, sagte Elfie.

Jenny errötete. »Das war eigentlich eher Zufall.«

»Nein, das sollte so sein. Zufälle gibt es nicht im Leben, Frau Lehmann.«

»Sagen Sie doch Jenny zu mir, das tut hier sowieso fast jeder. Und damit fühl ich mich auch wohler.«

Elfie nickte. »Aber gern, wenn Ihnen das lieber ist, Jenny.«

Als Jenny im Slalom zu ihrem Platz zurückging, schaute Elfie ihr interessiert nach. Wie einfallsreich sich die jungen Leute heute doch anzogen – diese verschiedenen Schichten übereinander. Jenny bevorzugte offenbar Geblümtes in allen Variationen, was ihr mädchenhaftes Aussehen vorteilhaft unterstrich. Ihre hellroten Haare und ihr blasser Teint ließen sie zerbrechlich wirken. Doch die unzähligen Sommersprossen verliehen ihr etwas Pfiffiges und ließen Elfie an ihren Ludwig denken.

Elfie ging von Tisch zu Tisch und stellte sich den anderen Mitarbeitern vor. Dann strich sie ihren Faltenrock glatt und machte sich an die Arbeit. Davon war reichlich vorhanden. Es gab weder eine alphabetische Ordnung noch ein nach Farben gegliedertes System, nicht einmal Inhaltsverzeichnisse. In diesem Aktenchaos konnte sich wirklich kein Mensch zurechtfinden.

Zunächst aber nahm sie aus ihrer Tasche das Handwerkszeug, das sie nach den Erfahrungen der Vergangenheit immer selbst an einen neuen Arbeitsplatz mitbrachte. Sie sortierte alles in die Schubladen: farbige Stifte, Lineal, Scheren, Anspitzer, Radiergummis, Alleskleber, Büroklammern. In ein kleines Fach in der Mitte legte sie ihren Füller mit der Goldfeder, ein Geschenk von Ludwig.

Nun brauchte sie nur noch einen vernünftigen Locher. Hilfesuchend schaute sie zu Jenny Lehmann hinüber. Die merkte gleich auf und trat sofort vor Elfies Schreibtisch.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Ja, ich brauche dringend einen stabilen Locher.«

»Am besten Sie rufen direkt das Lager im Keller an. Wird von Herrn Bender betreut. Er hat die Durchwahl sieben-acht. Ich geh aber auch gern runter und hol Ihnen den Locher rauf.«

Jenny flitzte los und war in wenigen Minuten mit einem großen schwarzen Locher zurück.

Elfie strahlte. »Sie sind ein Schatz! Zum Dank richte ich Ihnen ein wunderbar übersichtliches System ein.«

»Das wäre klasse, wenn man endlich mal auf Anhieb was finden könnte.«

»Das werden Sie bestimmt, das verspreche ich Ihnen.«

Als Erstes nahm sich Elfie die Ablagefächer vor, und allmählich wuchsen auf ihrem Tisch akkurat geordnete Stapel in die Höhe. Ab und zu sah Elfie über ihre Lesebrille hinweg auf ihre neue Umgebung. Eigentlich mochte sie Großraumbüros nicht so gern. Das ständige Telefonklingeln und Tastaturgeklapper sorgten oft für eine erhebliche Geräuschkulisse. Aber hier gefiel es Elfie. Ein voluminöser Gummibaum, ein gelbgrüner Ficus sowie ein großblättriger Philodendron und einige Zimmerpalmen schluckten die Geräusche und lenkten von den kalten grauen Metallschreibtischen ab. Außerdem hatte Elfie trotz der üppigen Pflanzen alle Mitarbeiter im Blick, was bei ihrer Arbeit ein unschätzbarer Vorteil war. Alles in allem herrschte in diesem Büro eine betriebsame und arbeitsreiche, aber durchaus harmonische Atmosphäre. Elfie seufzte zufrieden und widmete sich weiter ihren Stapeln.

Während Elfie die letzten Blätter der Ablage einsortierte, wurde es totenstill im Büro. Sie blickte verwundert auf. Auch das Licht schien trüber geworden zu sein. Sie sah zum Fenster. Strahlender Sonnenschein! Nun nahm Elfie das Klackern hoher Absätze wahr, das immer lauter wurde. Alle verschanzten sich hinter ihren Akten. Nur Jenny sprang auf und eilte zur Tür.

»Guten Morgen, Frau Schicketantz«, sagte Jenny zu der hereinstöckelnden Dame. Das also war die Abteilungsleiterin.

Ohne nach links oder rechts zu sehen, ging diese grußlos auf ihr Büro zu, ließ ihr rotgepaspeltes schwarzes Wollcape von den Schultern gleiten. Jenny konnte es gerade noch auffangen. Elfie schob ihre Lesebrille auf die Nasenspitze und sah über den Brillenrand hinweg die schmale Silhouette der Vorgesetzten in ihrem Büro verschwinden.

»Wo sind die Unterlagen im Fall Schobert?«, scholl es schrill durch die offene Tür. »Wie lange soll ich eigentlich noch darauf warten? Herrgott, Frau Lehmann, gehen Sie mir doch aus dem Weg. Haben Sie mein Cape endlich aufgehängt? Das dauert wieder. Kein Wunder, dass Sie nichts geschafft kriegen. Also, wo sind die Unterlagen Schobert! Herr Weber, brauchen Sie eine schriftliche Einladung?«

Im hintersten Winkel des Großraumbüros erhob sich ein junger Mann so hastig, dass sein Stuhl gegen die Wand krachte.

»Was ist denn das schon wieder für ein Lärm! Nicht zum Aushalten! Sollte heute nicht diese Office-Managerin anfangen? Statt nur für Ordnung könnte sie auch gleich für Ruhe sorgen!«

Elfie sah mitleidig zu Herrn Weber hinüber. Der junge Mann war blass geworden. Die Akte, die er in Händen hielt, fiel zu Boden, einzelne Blätter flatterten umher. Hektisch griff er nach ihnen und stürmte los.

»Na endlich! Was ist das eigentlich für ein Laden, den ich übernommen habe? Das reinste Chaos! Frau Lehmann, schicken Sie mir diese komische Ordnungstante rein. Und machen Sie mir einen Kaffee. Aber dalli!«

Jenny blickte mit verzweifeltem Gesichtsausdruck zu Elfie herüber, hob hilflos die Schultern. Elfie stand auf und ging in das Büro der Abteilungsleiterin. Als sie an Jenny vorbeikam, lächelte sie ihr aufmunternd zu und drückte ihre Hand. Sie war eiskalt.

»Darf ich mich vorstellen? Ich bin Elfie Ruhland. Hier ist meine Karte. Ich organisiere in den nächsten Wochen Ihr Büro.«

»Wunderbar, es ist dringend nötig, dass hier mal jemand gründlich aufräumt. Mein Vorgänger hat mir ein heilloses Durcheinander hinterlassen. Und ich muss jetzt sehen, wie ich damit fertig werde.« Nadine Schicketantz’ Lächeln erinnerte Elfie an eine Raubkatze, die sich auf ihre Beute freut. Ihr Lippenstift passte genau zu ihrem roten Kostüm. »Also, ich hoffe, dass Sie die Arbeitsabläufe dieses Büros binnen kurzem neustrukturiert und optimiert haben. Dieser Laden muss endlich zum Laufen gebracht werden, damit ich den Rücken frei habe und mich um die strategischen Aufgaben kümmern kann.«

Elfie legte den Kopf schief.

»Ein bisschen wird es schon dauern, bis hier Ordnung herrscht«, meinte sie.

»Nun, wie dem auch sei«, sagte Nadine Schicketantz, »Frau Lehmann soll Ihnen zur Hand gehen. Obwohl es dadurch sicher nicht rascher geht. Die junge Dame ist weiß Gott nicht die Schnellste. Wo bleibt mein Kaffee?!«

Jenny balancierte das Tablett mit Tasse, Milch und Zucker zur Tür herein. Ihre Hand zitterte, und unter den strengen Augen von Nadine Schicketantz verschüttete sie ein wenig Kaffee, der prompt auf ihr Kleid schwappte.

»Nicht einmal das können Sie!«, spottete Nadine Schicketantz. »Um den Kaffee ist es schade, um Ihr Kleid weniger. Wo kann man eigentlich solche Fummel kaufen? In der Gärtnerei? Klar, dass Sie die Blumen gießen müssen.« Sie lachte laut über ihre eigene Bemerkung.

Jenny war noch blasser geworden. Ihre Sommersprossen funkelten im Wettstreit mit den pinkfarbenen Blümchen ihres Kleides.

»Ach, mir gefällt, wie sich die jungen Leute heute kleiden«, sagte Elfie und lächelte Jenny zu, deren Gesicht sich aufhellte.

Nadine Schicketantz’ Lächeln dagegen verschwand, ihr roter Mund wurde zu einem schmalen Strich.

»Frau Lehmann, bringen Sie mir einen frischen Kaffee. Und dann an die Arbeit! Ich gehe davon aus, dass Sie meinen Bericht abgeschlossen haben, und erwarte ihn auf meinem Schreibtisch.«

Als Elfie zurück zu ihrem Tisch ging, stellte sie fest, dass sämtliche Mitarbeiter mit gesenkten Köpfen dasaßen. Nachdenklich strich Elfie über die Kette ihres Medaillons und holte ihr Notizbuch aus der Tasche. Sie blätterte durch die vielen eng beschriebenen Seiten und schüttelte den Kopf. Bisher war es erst ein einziges Mal vorgekommen, dass sie schon am ersten Tag ein neues Projekt in Angriff hatte nehmen müssen. Auf eine leere Seite schrieb sie in Druckbuchstaben »NADINE SCHICKETANTZ« und unterstrich den Namen zweimal. Den Rest der Seite unterteilte sie mit einem schwarzen Mittelstrich. Über die linke Hälfte setzte sie ein grünes Pluszeichen, über die rechte ein rotes Minuszeichen. Darunter kam der erste Eintrag – natürlich ein Minus, das Elfie mit Datum und Uhrzeit versah.

Genug für heute. Gegen 18  Uhr klappte Elfie den Ordner zu. Sie streckte sich und rieb sich die Augen. Sie hatte ganz schön was geschafft. Ihr Schreibtisch war fast leergeräumt. Morgen würde sie sich den Akten auf den Fensterbänken widmen. Sie sah über die Papierstapel hinweg, die sich vor ihrem Schreibtisch türmten.

Außer ihr war niemand mehr im Raum. Jenny war vor ein paar Minuten im Büro der Abteilungsleiterin verschwunden und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Es war nur undeutliches Gemurmel zu hören.

Plötzlich keifte Nadine Schicketantz los.

»Wie stellen Sie sich das vor? Meinen Sie, ich hätte Lust, wegen Ihrer Trödelei meine Chancen in der Firma aufs Spiel zu setzen? Sie wollen meine Assistentin sein? Sehen Sie bloß zu, dass Sie fertig werden! Übermorgen will ich den Bericht haben, aber diesmal muss er präsentabel sein. Und jetzt gehen Sie mir aus den Augen. Ich kann Ihr Blümchengesicht nicht mehr sehen!«

Die Bürotür öffnete sich. Jenny stürmte heraus. Ihre Schultern zuckten.

Elfie folgte ihr in die Teeküche und nahm sie tröstend in den Arm. »Sie Arme! Hier, bitte.« Sie hielt Jenny ein Stofftaschentuch hin. Jenny entwand sich ihr, riss ein Stück Papier von einer Haushaltsrolle ab und putzte sich die Nase.

»Geht schon wieder«, murmelte sie. »Aber es ist gemein, wie die Schicketantz sich aufführt. So oft habe ich schon Überstunden gemacht, Dateien und Statistiken für sie aufbereitet und ihr meine Vorschläge präsentiert. Sie bedankt sich nicht einmal – im Gegenteil, sie macht mich nur runter. Und dann geht sie noch zur Geschäftsleitung und verkauft meine Ideen als ihre. Gemein, einfach gemein!«

Jenny schluchzte noch einmal auf. Elfie strich ihr über den Rücken.

»Soll ich Ihnen einen Tee machen?«

Elfie blickte auf das hölzerne Kästchen mit den Teebeuteln, das auf der Arbeitsplatte stand. Earl Grey, Hibiskus, Rooibos, Melisse, Kamille – in wildem Durcheinander. Sie drehte die Papiertütchen so herum, dass man die Aufschrift lesen konnte, und reihte sie sorgfältig hintereinander.

»Vielleicht einen Kamillentee? Der beruhigt.«

»Bloß nicht!« Jenny schüttelte sich. »Den musste ich immer bei meiner Großmutter trinken, wenn ich krank war. Scheußlich! Aber trotzdem danke. Am besten gehe ich jetzt einfach nach Hause.«

»Dann tun Sie sich wenigstens dort etwas Gutes. Trinken Sie einen heißen Kakao, und denken Sie nicht mehr an die Firma. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus!«

»Wer’s glaubt …«, schniefte Jenny.

»Aber natürlich, Sie werden sehen, es kommt alles in Ordnung«, sagte Elfie bestimmt, griff nach Tasche und Schal und machte sich ebenfalls auf den Heimweg.

Im Treppenhaus blieb sie stehen, zückte ihr Notizbuch und trug mit dem roten Stift ein weiteres Minus auf der neuen Seite ein. Sie runzelte die Stirn. Zwei Einträge an einem Tag hatte noch niemand geschafft.

3Alex hielt die Waffe mit ausgestreckten Armen vor sich, ging hinter einer niedrigen Mauer in Deckung, spähte dann vorsichtig darüber hinweg und versuchte zu erahnen, was als Nächstes passieren würde.

Auf einmal sprang ein Mann mit Motorradhelm hinter einem Auto hervor. Er hielt eine Maschinenpistole umklammert und zielte.

Alex erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde, bis das monatelang eintrainierte Programm einsetzte  – den Täter anrufen, sich als Polizist zu erkennen geben und ihn zur Aufgabe bewegen.

Alex konzentrierte sich auf den Schützen, versuchte, sich in ihn hineinzudenken, mit ihm zu reden. Zuerst stand er nur da, dann ließ er die Waffe sinken. Erleichtert atmete Alex aus.

Doch im selben Moment erschien ein anscheinend völlig ahnungsloser Kollege in Uniform auf der Bildfläche. Sofort riss der Täter die Waffe wieder hoch. Alex visierte ihn an und gab einen gezielten Schuss ab. Der Mann kippte vornüber, seine Waffe fiel scheppernd zu Boden.

»Schluss für heute.« Die Stimme drang blechern aus dem Lautsprecher.

Mit schweißnassen Händen steckte Alex die Heckler  & Koch ins Holster.

Draußen wartete Franz Gutbein, der Trainer im Schießkino. Er grinste.

»Gut gemacht! Du hast kaum fünf Minuten gebraucht, um ihn auszuschalten. Wenn nicht der Grüne aufgetaucht wäre, hätte der Schütze schon allein wegen deiner schönen Worte aufgegeben.« Gutbein war ein netter Kerl, immer fröhlich und umgänglich.

»Vielleicht habe ich mich zu stark auf den Täter konzentriert und die Umgebung vernachlässigt.« Alex blickte mit gerunzelter Stirn auf die Videoaufzeichnung, die Gutbein gestartet hatte.

»Nein, nein, das war schon ganz richtig so. Du bist ja nie allein bei einem Einsatz, so dass die Kollegen dich abgesichert hätten.«

»Hätte ich nicht doch irgendwie verhindern können, dass er in Panik gerät?« Alex schaute Gutbein fragend an.

»Das weißt du doch selbst. In so einer Situation ist man völlig machtlos, das geht so schnell, da ist nichts mehr zu machen.« Gutbein blätterte in seinen Unterlagen. »Du weißt, dass du gleich noch am Schießstand dran bist? Dein Chef übrigens zur gleichen Zeit mit dir. Hoffentlich vergisst der Herr Hauptkommissar seinen Termin nicht, sonst kann ich wieder hinter ihm hertelefonieren.«

Es lohnte nicht, zurück ins Büro zu gehen, also holte sich Alex einen Kaffee aus dem Automaten, setzte sich auf eine der Bänke vor den Schießkabinen und beobachtete die Kollegen.

Alex mochte es, mit Waffen umzugehen, hatte es schon als Kind gelernt, natürlich unter der strengen Aufsicht von Großvater und Onkel, die begeisterte Jäger waren.

Noch ein letzter Schluck Kaffee, dann warf Alex den Pappbecher in den Papierkorb und betrat den Schießstand. Die gewohnte Routine begann: Kopfhörer aufsetzen, zur Waffe greifen, die korrekte Haltung einnehmen, sich auf das Ziel konzentrieren und feuern. Nach dem Probetraining überprüfte Alex mit Gutbein die Ergebnisse. Da klappte eine Tür, und aus einer der anderen Schießkabinen erschien Brause mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht.

»Na, wie war ich?«, fragte er und biss in seine Leberkässemmel.

»Sehr gut, wie immer. Aber du solltest mal die Ergebnisse von Alex sehen. Sie schießt erstklassig. Da kannst nicht mal du mithalten. Hier, schau mal.« Gutbein präsentierte stolz Alex’ Schießergebnisse, so als ob er selbst dafür verantwortlich wäre.

Brauses Gesicht verfinsterte sich. »Bei Adels wird einem das Schießen wohl in die Wiege gelegt. Glaub bloß nicht, dass ich jetzt Schützenkönigin zu dir sage.« Er starrte Alex böse an und polterte hinaus.

Gutbein kicherte. »Das hat ihm aber gar nicht geschmeckt, dass ihm jemand den Rang abgelaufen hat – und dann auch noch eine Frau. Gut gemacht.« Er hieb Alex derb auf die Schulter. Dann sah er sich um, ob sie auch wirklich allein waren, und senkte die Stimme. »Ab und zu machen die Kollegen hier ein kleines Wettschießen. Es ist zwar nicht erlaubt, aber was keiner weiß, macht keinen heiß. Brause zieht sie immer alle ab. Aber nun sieht es so aus, als ob er seinen Meister gefunden hätte.«

4Es war ein herrlicher Samstagmorgen. Wie immer nahm Elfie den Bus um 9.53 Uhr.

»Na, geht’s wieder zum Waldfriedhof ?«, fragte der Busfahrer, als sie einstieg.

Elfie nickte und deutete auf ihren Picknickkorb.

»Heute ist es auch das erste Mal warm genug, um dort zu frühstücken.«

Sie setzte sich auf einen Einzelplatz am Fenster und holte ihren Ewigen Quell aus ihrer Handtasche. Sie schlug eine beliebige Seite auf und begann zu lesen.

Frühling läßt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

Mörike war heute genau das Richtige.

Erst als der Fahrer an der Endhaltestelle den Motor abstellte, tauchte sie wieder aus ihrer Lektüre auf. Sie steuerte den Blumenladen an und kaufte ein Bund roter Tulpen.

Auf dem Friedhof war noch nicht viel los. An ihrer Bank angekommen, legte Elfie sich das Sitzkissen zurecht. Dann entfernte sie die Folie von den Tulpen und drehte sich mit dem Strauß zum Grab.

»Hallo mein Lieber, schau, was ich dir mitgebracht habe. Ist das nicht ein wundervolles Rot?«

Zärtlich strich sie über den Namenszug auf dem Grabstein und zündete ein neues Grablicht an. Dann machte sie es sich auf der Bank gemütlich und packte den Korb aus.

Dank der neuen Thermoskanne war der Kaffee noch wunderbar heiß. Sie nahm sich ein hartgekochtes Ei und schälte es ab.

»Du kannst dir nicht vorstellen, Ludwig, was für eine Unordnung in diesem Büro herrscht. In dieser Abteilung weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut. Da habe ich sicher wochenlang zu tun.«

Gedankenverloren streute sie ein wenig Salz auf das Ei.

»Die Jenny ist ein so nettes Mädchen, so frisch und natürlich. Ich glaube, sie hat genauso viele Sommersprossen wie du.«

An der frischen Luft schmeckte das Frühstück gleich doppelt so gut. Herzhaft biss sie in ihr Butterbrot. Das zweite Ei klopfte sie energisch gegen die Bank, bevor sie es pellte.

»Aber diese Frau Schicketantz, bei der habe ich kein gutes Gefühl. Alle haben Angst vor ihr, und sie ist furchtbar ungerecht. Dass es solche Menschen geben muss!«

Elfie nahm die Plastikdose mit den Radieschen und öffnete sie so schwungvoll, dass ein paar herausfielen. Sie stand auf und sammelte sie wieder ein. Zwei waren bis ans Grab gekullert. Gerade als sie sich wieder setzen wollte, trat sie auf etwas Hartes – ein letztes Radieschen, das sie übersehen hatte. Sie hob die Überreste auf und betrachtete sie nachdenklich. Dann ging sie zum Grab und drückte das zerquetschte Radieschen in die Erde. Die anderen Ausreißer putzte sie mit einem Taschentuch ab.

»Du weißt ja, wie das ist. Ich glaube, ich werde ein Auge auf sie haben müssen. Meinst du nicht auch, Ludwig?«

Erwartungsvoll blickte sie zum Grablicht. Es flackerte. Ludwig war also auch ihrer Meinung.

Am Montagmorgen streikte der Kopierer auch beim dritten Versuch. Elfie verließ den Kopierraum, um Jenny um Rat zu fragen.

»Da müssen Sie unseren Helden anrufen  – Durchwahl sechs-sechs«, sagte Jenny. Auf Elfies ratloses Gesicht hin erklärte sie: »Das ist unser Hausmeister. Der heißt Heldt mit Nachnamen, allerdings mit dt. Aber Sie brauchen ihn gar nicht mehr anzurufen. Da kommt er schon.«

Elfie sah auf dem Flur etwas Rosafarbenes vorbeihuschen und machte sich schnell auf den Weg zum Kopierraum.

»Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wer hat denn schon wieder den Kopierer geschrottet?«, scholl es ihr bereits auf dem Flur entgegen. »Wie oft habe ich gesagt, dass die Papierkassette nicht bis zum Anschlag gefüllt sein darf ? Aber die feinen Herrschaften wissen ja immer alles besser. Und ich kann den Schlamassel wieder ausbaden.«

Der Mann im Kopierraum schnaufte so heftig, dass Elfie fürchtete, sein enganliegendes rosa T-Shirt würde jeden Moment aus den Nähten platzen. Darunter zeichnete sich ein schmächtiger Körper ab. Elfie konnte seine Rippen zählen.

»Wahrscheinlich ist das meine Schuld«, sagte sie schnell, bevor er wieder zu schimpfen anfing.

Der Hausmeister sah zu ihr auf. Er war höchstens 1,60 Meter groß. Sein Gesicht war genauso schmal wie der Rest und momentan ziemlich rot angelaufen.

»Wen haben wir denn da? Sind Sie neu?«

»Ich arbeite nur vorübergehend hier und bringe Ordnung in die Akten der Firma. Mein Name ist Elfie Ruhland.«

»Ich bin Will Heldt, der Hausmeister, oder besser gesagt das Mädchen für alles in diesem Laden. Sie glauben gar nicht, was die mir hier alles aufhalsen. Ständig ist irgendwas kaputt. Und dann soll alles am besten schon vorgestern repariert sein. Manchmal weiß ich gar nicht, was ich zuerst machen soll.«

»Da kann die Firma aber froh sein, jemanden wie Sie gefunden zu haben. Sie haben übrigens einen sehr interessanten Vornamen – Will. Den hört man selten.«

Der Hausmeister strahlte, warf sich in die Brust und schien gleich um zehn Zentimeter gewachsen zu sein.

»Na ja, eigentlich heiße ich Wilfried. Aber das klingt so altmodisch und passt gar nicht zu mir. Deswegen nenne ich mich Will – Sie wissen schon, wie Will Smith, der Schauspieler. Haben Sie seinen neuesten Film schon gesehen? Der Typ ist einfach stark. Und dann erst Kevin Costner. Ich hab mir extra die Haare so schneiden lassen wie er.«

Will Heldt fuhr sich mit der rechten Hand über seinen Kopf mit den kurzen braunen Stoppeln. Elfie fühlte sich eher an einen Igel als an den Hollywoodstar erinnert.

Ein Mann in elegantem Anzug und mit grauen Schläfen sah zur Tür herein.

»Geht der Kopierer endlich wieder?«, fragte er ungehalten.

»Bin ja schon dabei«, entgegnete Heldt und machte sich sofort an dem Gerät zu schaffen.

Sobald der Mann verschwunden war, wandte er sich wieder Elfie zu.

»Das war der Leiter von Feuer, Wasser, Sturm, Stefan Windisch«, erklärte er. »Sieht er nicht aus wie George Clooney?« In seiner Stimme schwang unverkennbar Bewunderung mit. »Na, jetzt wollen wir doch mal sehen, ob wir die Kiste nicht wieder hinkriegen.« Erneut beugte er sich über das Innenleben des Kopierers, bis er nach einer Weile die Abdeckung schloss. »So, das hätten wir. War ein ordentlicher Papierstau.« Er senkte die Stimme: »Aber sagen Sie bloß der Zicketantz nicht, dass es so schnell gegangen ist. Die weiß meine Arbeit überhaupt nicht zu würdigen und scheucht mich den ganzen Tag rum.«

Zicketantz?! Wie passend, dachte Elfie.

»Bei mir heißt die Schicketantz nur Zicketantz – so wie die sich immer aufführt«, fuhr der Hausmeister auch schon fort. »Die ist ein richtiges Biest und macht hier jedem das Leben schwer. Vor allem die kleine rothaarige Miss Flower Power, die jetzt ihre Assistentin ist, stampft sie regelmäßig unangespitzt in den Boden. Wie das arme Ding das nur aushält?«

»Wie lang geht das denn schon so, Herr Heldt?«

»Ach, Will reicht. Miss Flower Power ist jetzt, glaube ich, an die sechs Monate bei uns. Und die Zicketantz auch. Vorher war sie in der Zentrale. Und stellen Sie sich vor, ihre Assistentin dort, die war so mit den Nerven fertig, dass sie in die Klapsmühle eingeliefert werden musste.«

»In die Nervenheilanstalt? Das ist ja schrecklich!«

»Ja, klar. Und ich glaube, die ist immer noch dort. Kennen Sie übrigens Einer flog über das Kuckucksnest mit Jack Nicholson, wo er diesen Irren spielt, der gar nicht irre ist?«

Elfie schüttelte den Kopf.

»Na, macht nichts. Das ist auch kein Film für zarte Gemüter. So, jetzt muss ich aber weiter. Im dritten Stock klemmt eine Tür. Man sieht sich.«

Er ging pfeifend davon.

Elfie presste die Lippen zusammen und tastete nach ihrem Medaillon. Es war wirklich kein Zufall, dass sie diesen Auftrag bekommen hatte. Sie wurde hier dringend gebraucht.

Es begann bereits zu dämmern, als Alex am Friedhof ankam. Schnell füllte sie zwei Gießkannen mit Wasser und trug sie zum Grab. Nach dem Gießen setzte sie sich auf die Bank. Der Marmor des Grabsteins funkelte. Alex war gern hier, vor allem um diese Tageszeit. Hier konnte sie in Ruhe den Erinnerungen an ihre Eltern nachhängen. Kein Wunder, dass der Friedhof für sie zu einer Art Heimat geworden war.

Allerdings war es langsam an der Zeit, das Grab neu zu bepflanzen. Die Einfassungen aus Buchsbaum, die Zwergzypresse und den Efeu, der mittlerweile alles überwucherte, hatte Großvater nach dem Tod ihrer Eltern ausgewählt. Der Unfall war jetzt schon fast zwanzig Jahre her. Die Trauer hatte zwar nachgelassen, doch Alex spürte immer noch eine schmerzliche Leere, wenn sie an ihre Eltern dachte. Bei Großvater hatte es ihr rein äußerlich an nichts gefehlt, doch weder er noch Onkel Walter hatten sie je in den Arm genommen oder getröstet. Alex war praktisch seit ihrem zehnten Lebensjahr ohne Frauen aufgewachsen. Nun war Großvater auch schon drei Jahre tot. Und Walter lebte seit langem in Australien.

Sie musterte wieder das Grab. Selbst wenn es jetzt allein in ihrer Verantwortung lag, hatte sie sich bisher nicht dazu aufraffen können, etwas zu ändern, obwohl ihr die Gestaltung des Grabes überhaupt nicht gefiel. Doch im Moment veränderte sich so vieles in ihrem Leben. Sie hatte die lang ersehnte Stelle bei der Kripo bekommen – und sie hatte Hubert gefunden. Es ging ihr so gut wie schon lange nicht mehr. Da würde sie es auch schaffen, das Grab ihrer Eltern ansprechender zu gestalten. Am besten sollte sie sich von einem Gärtner beraten lassen.

»Eine Fuchsie würde gut passen und vielleicht Gemswurz«, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. »Die blüht so schön gelb und setzt sich auch im Efeu durch.«

Alex sprang auf und entdeckte hinter der Bank die freundliche ältere Dame mit der graumelierten Strickjacke, die sie schon oft auf dem Friedhof gesehen hatte. Doch außer einem Gruß und zwei Sätzen über das Wetter im Vorbeigehen waren sie noch nie näher ins Gespräch gekommen.

»Sie können wohl Gedanken lesen«, sagte Alex verblüfft. »Ich habe gerade über eine Neubepflanzung nachgedacht.«

»Da braucht es keine übernatürlichen Fähigkeiten«, lachte die andere. »Sie haben so intensiv das Grab begutachtet. Da lag die Vermutung nahe. Außerdem habe ich einfach die Gelegenheit genutzt, denn ich wollte Sie schon lange mal ansprechen. Sie sind ja seit einiger Zeit sehr oft hier.«

»Genau genommen seit eineinhalb Jahren«, erklärte Alex. »Da bin ich hergezogen.«

Die Frau las die Inschrift auf dem Grabstein. »Gregor und Margarethe von Lichtenstein. Ihre Eltern?«

Alex nickte nur. Eine Weile herrschte Schweigen, doch es war nicht unangenehm. Alex stellte verwundert fest, dass sie sich in Gegenwart dieser Frau wohlfühlte. Darum streckte sie die Hand aus und sagte: »Und ich bin Alex von Lichtenstein.«

»Elfie Ruhland. Sehr erfreut.« Die Frau ergriff Alex’ Hand und fuhr ihr mit der Linken kurz über die Schulter – eine Geste, die Alex normalerweise bei Fremden als viel zu intim gewertet hätte. Doch in diesem Fall kam es ihr ganz natürlich vor.

»Aber zurück zum Thema«, fuhr Elfie Ruhland fort. »Wenn Ihnen der Efeu nicht gefällt, nehmen Sie doch Ysander als Bodendecker. Das gibt einen dichten grünen Teppich. Dahinein könnte man eine Fuchsie pflanzen. Die ist winterhart und mehrjährig, genauso wie die Gemswurz. Die könnte hierhin.« Sie ging um das Grab herum. »Und dort könnte ich mir ein Ziergras vorstellen. Dazu können Sie mit Vergissmeinnicht, Schlüsselblumen oder Stiefmütterchen immer wieder für frische Farben sorgen.«

»Sie kennen sich aber gut aus. Da brauche ich ja gar keinen Gärtner mehr«, entgegnete Alex.

»Nun ja, im Laufe der Jahre habe ich schon viele Gräber gesehen. Wenn Sie möchten, stehe ich Ihnen bei der Umgestaltung gern zur Seite.«

Alex zögerte. Sie war es gewohnt, alles allein zu regeln. Doch der mütterlichen Freundlichkeit von Elfie Ruhland konnte sie nicht widerstehen.

»Das wäre nett. Was treibt Sie so regelmäßig her, kümmern Sie sich auch um ein Grab?«

»Ja, da hinten, auf der anderen Seite.« Die Handbewegung fiel sehr vage aus. »Aber nun muss ich los. Der Friedhof schließt gleich. Wir sehen uns sicher bald wieder. Dann plaudern wir weiter.«

»Das würde mich freuen. Auf Wiedersehen, Frau Ruhland.«

5Während Elfies Hände ganz automatisch Stöße von Papier lochten und hefteten, dachte sie an ihre Begegnung mit der jungen Frau auf dem Friedhof. Endlich hatte sie den Kontakt hergestellt. Sie war ihr auf den ersten Blick sympathisch erschienen und brauchte offenbar Unterstützung  – nicht nur bei der Grabbepflanzung. Die Eltern waren früh gestorben, beide an einem Tag, sicher ein Unfall. Wie schrecklich für ein Kind. Kein Wunder, dass sich die junge Frau einen Schutzpanzer zugelegt hatte und sich ziemlich herb gab. Doch die burschikose Kleidung und Frisur konnten nicht über ihren weichen und einfühlsamen Kern hinwegtäuschen, den Elfie zu erkennen glaubte. Sie hatte sich sogar mit einem Männernamen vorgestellt  – Alex. Dabei hieß sie sicher Alexandra. Was für ein hübscher Name.

»Die Sonne scheint heute so schön«, riss sie Jennys Stimme aus ihren Gedanken. »Wollen wir die Mittagspause auf der Dachterrasse verbringen?«

»Gern, ich kann ein bisschen frische Luft gebrauchen.« Als Elfie aufstand, rutschte ihr der kleine Locher, den sie immer bei sich trug, aus der Rocktasche.

Jenny versuchte, ihn aufzufangen, griff jedoch ins Leere.

»Huch, was haben Sie denn da?«

Elfie hielt ihr den Locher entgegen, der an einer Kette befestigt war. »Den habe ich immer bei mir, falls es etwas zu lochen gibt.«

Jenny schüttete sich aus vor Lachen. »Nicht böse sein, ich lache nicht über Sie. Aber so was hab ich noch nie gesehen. Das ist wohl ein Locher to go

Jenny holte ihren Salat aus dem Kühlschrank in der Teeküche, Elfie griff nach Butterbrotdose und Thermoskanne und folgte Jenny die Treppe in den dritten Stock hinauf, wo die Büros der Führungsetage und die Dachterrasse lagen.

»Vorsicht, Frau Ruhland, in der obersten Stufe fehlt ein Stück. Da kann man leicht hängen bleiben.«

Vor allem mit hohen Absätzen, dachte Elfie und musterte die fehlerhafte Stelle. Nicht ganz ungefährlich, dieses Loch in der Stufe.

Oben angekommen, betraten sie einen etwas sterilen Aufenthaltsraum, von dem aus eine breite Glastür auf eine Terrasse führte. Drei Tische und ein paar Stühle aus weiß lackiertem Schmiedeeisen wirkten ausgesprochen einladend. Auf einem der Stühle lag eine große Handtasche mit goldgeflochtenen Henkeln.

»O nein«, entfuhr es Jenny, noch bevor Elfie die Besitzerin der Tasche entdeckte, die ganz am Rand der Terrasse stand und über die Brüstung nach unten spähte. Als die beiden ins Freie traten, zuckte die Frau zusammen und drehte sich um. Eine elegante Erscheinung: honigfarbener Hosenanzug, dazu passende Sommerstiefeletten, blondgesträhnte Hochsteckfrisur.

»Ach, hallo. Sie wollen wohl auch frische Luft schnappen?«, sagte die Frau.

Mit fahrigen Bewegungen ließ sie ihre Hände in den Jackentaschen verschwinden, förderte ein Päckchen und ein goldenes Feuerzeug zutage. Hastig steckte sie sich ein Zigarillo an und inhalierte tief. Dann griff sie nach ihrer Tasche und ging Richtung Tür.

»Ich will Sie nicht stören. Ich habe nur nach meinem Auto gesehen. Es steht im Parkverbot«, sagte sie im Vorbeigehen.

Bevor sie im Gebäude verschwand, drückte sie das gerade erst angezündete Zigarillo wieder aus.

Jenny holte tief Luft und begann zu husten. Nicht nur ihre Sommersprossen leuchteten, sie hatte außerdem rote Flecke an Hals und Ausschnitt. Elfie sah sie fragend an.

»Das war die Frau von Stefan Windisch, dem Abteilungsleiter von Feuer, Wasser, Sturm«, flüsterte Jenny. »Außerdem ist sie die Schwester vom Chef, also von Direktor Wolter. Im ersten Stock ist ihr Büro. Da hat sie ihre Immobilienagentur. Sie verkauft und vermietet aber nur solche Luxusschuppen, die sich kein normaler Mensch leisten kann. Na, zum Glück ist sie jetzt weg, und wir können die Terrasse genießen«, fügte sie in normaler Lautstärke hinzu.

»Sie scheint um einiges älter zu sein als ihr Mann.«

»Ja, ich glaube, so um die zehn Jahre.«

Jenny ließ sich auf einen Stuhl fallen, um gleich wieder aufzuspringen und ein paar Sitzkissen zu holen. Dann schob sie Elfie einen Stuhl zurecht.

»Wirklich hübsch hier«, meinte Elfie.

Sie wollte sich gerade setzen, als ihr Blick auf die Blumenkästen fiel, die an der Außenseite des Geländers angebracht waren.

»Die armen Osterglocken!«, rief sie. »Die sind ja schon fast vertrocknet.«

In einer Nische neben dem Kamin entdeckte sie eine Gießkanne mit etwas Wasser. Vorsichtig goss sie die Erde zwischen den Osterglocken und zupfte dann einige welke Stängel heraus. Das Schlechte musste doch immer raus, damit das Gute wachsen und gedeihen konnte! Obwohl sie dafür kaum Kraft aufwenden musste, begann der Blumenkasten zu wackeln.

Über die Blumen hinweg sah sie auf die Straße hinunter. Das war aber ganz schön hoch. Dann beugte sie sich noch einmal vor. Auf dem Gehsteig, genau unter den Blumenkästen, ging jemand hin und her und rauchte. Das war doch dieser Stefan Windisch. Hatte seine Frau vielleicht gar nicht nach ihrem Auto, sondern nach ihrem Mann Ausschau gehalten? Jedenfalls rauchte er zum Glück nicht hier oben, sondern unten auf dem Gehweg.

Elfie ließ den Wagen ausrollen und parkte ihn in dem kleinen Hof neben Paul-Friedrich Spechts Antiquariat. Hier war er gut geschützt, niemand würde ihn zerkratzen oder einen Spiegel abbrechen. Sorgfältig verriegelte sie die Beifahrertür von innen, stieg dann aus und vergewisserte sich, dass auch die Fahrertür abgeschlossen war. Liebevoll strich sie mit der Hand über den alten VW Käfer.

Zusammen mit Ludwig hatte sie damals die Farbe ausgesucht. Stratosphärensilber. So etwas gab es heute gar nicht mehr. Und nach seinem Tod hatte sie das Auto übernommen, es immer gut gepflegt, keine Inspektion ausgelassen, obwohl der Wagen erst knapp dreißigtausend Kilometer auf dem Buckel hatte.

Sie war stolz auf den blausilbernen Glanz und die Tatsache, dass nirgends auch nur die kleinste Roststelle zu sehen war. Allerdings fuhr sie auch selten mit dem Wagen. Eigentlich war sie eine richtige Sonntagsfahrerin. Dann genoss sie es, bei schönem Wetter auf freien Straßen spazieren zu fahren.

Ansonsten nutzte sie lieber die öffentlichen Verkehrsmittel. Da konnte sie in ihrem Gedichtbüchlein lesen oder ihren Gedanken nachhängen, ohne sich auf den Verkehr konzentrieren zu müssen.

Inzwischen war sie am Eingang des Antiquariats angelangt. Die Ladentür war noch nicht abgeschlossen. Elfie schob den schweren russischgrünen Samtvorhang, der als Windschutz diente, zur Seite. Ein melodisches Glöckchenspiel erklang.

»Hallo Paul-Friedrich!«, rief sie und sah zunächst nur seine Schuhe, wie immer auf Hochglanz poliert, dann die dunkle Hose mit den scharfen Bügelfalten, schließlich ihn zur Gänze, wie er sich, auf der höchsten Sprosse einer Leiter stehend, in die Höhe reckte, um ein Buch ins oberste Regal zu stellen.

»Hallo Elfie«, kam es etwas gepresst zurück, dann geriet Paul-Friedrich hoch oben ins Schwanken. Mit knapper Not gelang es ihm, das Gleichgewicht zu halten. Elfie eilte ihm zu Hilfe, hielt die Leiter fest.

»Was machen Sie denn da? Sie können sich bei einem Sturz sonst was brechen! Sie wissen doch, die meisten Unfälle passieren bei solchen Gelegenheiten.«