MICHAEL MARTEN

Drei
Klausuren
und ein
Todesfall

Roman

Aufbau Digital

Impressum

ISBN 978-3-8412-0782-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Januar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau Taschenbuch erstmals 2014 erschienen; Aufbau Taschenbuch ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2012

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Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin unter Verwendung einer Illustration von Oliver Wetter/Fantasio fine Arts

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www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Prolog

1. TEIL

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

2. TEIL

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Epilog

Nachbemerkung und Dank

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Prolog

Der Herr hat’s gegeben,

Der Herr hat’s genommen …

Noch zwei Tage. Zwei läppische Tage.

Dann würde sich alles ändern.

Sie würde ihm gehören.

Und ob ich schon wanderte im …

dein Stecken und Stab trösten mich …

Für einen kurzen Moment dachte er an die Opfer, die sein Plan bis jetzt gekostet hatte.

Er unterdrückte ein Gähnen.

Die Trauergemeinde erhob sich.

Die vor der ersten Reihe stehende Witwe schluchzte, mitten in die Worte des Geistlichen hinein, laut auf. Sie konnte sich einfach nicht mehr länger auf den Beinen halten, schwankte, wurde gestützt, schließlich auf die Kirchenbank gesetzt. Mit einem Taschentuch wischte sie sich Tränen von den Wangen.

Es war auf einmal sehr still in der Kapelle.

Er hätte am liebsten vor Glück getanzt.

Nur noch wenige Tage.

Und dann:

Spaciger Sex.

1. TEIL

1. Kapitel

Philipp Willms trat in die dunkle Küche und ging zum Fenster.

Es hatte den Morgen über ein, zwei Stunden heftig geschneit und schon am frühen Nachmittag hatte die Straßenreinigung ihr Werk getan. Links und rechts der nunmehr freigeräumten Fahrbahn erhoben sich weiße, gleichmäßig geformte Hügel, als hätte ein ordnungsliebender Riesenmaulwurf hier seine Bahnen gezogen. Zwei Jugendliche mit riesigen Fellmützen zogen grölend, stolpernd und bisweilen stürzend, aber bester Stimmung, unter seinem Fenster vorbei. Im Mietshaus gegenüber war nur ein Fenster erleuchtet. Ein Paar, er mit Kochschürze, sie im Bademantel, stand in der Küche, erledigte gemeinsam den Abwasch, küsste sich, trocknete Geschirr, küsste sich wieder, löschte das Licht.

Philipp ließ den Rotwein im Glas kreisen. Er funkelte im schwachen Licht der Straßenlaterne.

Saint-Émilion Grand Cru 2005.

Philipp wog die Flasche in der Hand. Man konnte über ihn sagen, was man wollte, dem Alkohol gegenüber hatte er sich stets als tolerant erwiesen. In welcher Form dieser ihm auch begegnete, Philipp trat ihm offen und aufnahmebereit gegenüber. Selbst in der kurzen, aber dennoch äußerst intensiven Phase, in der er zum Bier konvertiert war, hatte er niemals einen Wein wegen dessen Aroma, Rebsorte oder Anbaugebiet diskriminiert, beleidigt oder benachteiligt.

Oder missachtet.

Oder etwa nicht getrunken.

Ganz im Gegenteil – er hatte sie allesamt vorurteilsfrei in sich hineingeschüttet.

Später war er dann, erschöpft und müde der Vielfalt, reumütig zum Rotwein zurückgekehrt, und dabei war es geblieben. (Abgesehen von den doch recht seltenen Situationen, in denen lediglich Bier zur Verfügung stand.)

Er ging ins Wohnzimmer und fiel fast in den Sessel. Wie immer nach Weihnachtsfeiertagen und Jahreswechsel war er vollkommen erschöpft. Die stundenlange Zugfahrt zu den Eltern, nicht enden wollende Mahlzeiten, viel Verwandtschaft, viel Alkohol.

Wie immer hatte ihm sein Bruder Thomas, mit fünfundfünfzig exakt neun Jahre älter als er, vom Familienleben mit seiner Ehefrau Marianne und ihren drei Töchtern vorgeschwärmt. Wie immer hatte Philipp gesagt, er sei eigentlich zu jung und fühle sich noch nicht reif für langfristige Bindungen.

Bereits am zweiten Weihnachtstag hatte er sich davongemacht und sich am nächsten Tag mit Maria getroffen, die er im November bei einer Ausstellungseröffnung kennengelernt hatte. Ein Bild hatte es beiden angetan, sie fanden sich zum gleichen Zeitpunkt davor und gerieten ins Gespräch über Perspektive und Farbgestaltung. Danach trafen sie sich an mehreren Wochenenden, da Maria in einer gut einhundertundfünfzig Kilometer entfernten Kleinstadt wohnte. Sie war einunddreißig, Krankengymnastin und kerngesund. Maria, beziehungsweise ihre Eltern, besaßen eine Hütte auf dem Land, und Maria tat es nun einmal liebend gern an der frischen Luft. Sie hatte vorgeschlagen, die Tage zwischen Weihnachten und Silvester dort zu verbringen. Die Hütte hatte sich als ein besserer Holzverschlag entpuppt. Am ersten Tag waren sie Hand in Hand vom Morgen bis zum Abend durch eine eisige Mondlandschaft gestolpert.

»Atme gut durch, Liebster«, riet sie besorgt, als sie nach ihm die unbeheizte Hütte betrat, kichernd ihren grauen Mantel aufknöpfte und sich ihrer wollenen Unterwäsche entledigte. Es war der 27. Dezember, ein eisiger Wind fegte durch die Bretterritzen. Draußen hingen Eiszapfen vom Vordach. Nach zwei durchzitterten Tagen und Nächten gab er auf. Er ließ seine Sachen einfach zurück, lief blindlings drauflos und geriet prompt in ein Schneegestöber. Ein freundlicher Landwirt in einem uralten Mercedes mit wunderbaren Holzarmaturen (aber defekter Heizung) fuhr ihn ins Kreiskrankenhaus. Bei seiner Aufnahme erinnerte Philipp an den letzten Überlebenden einer fehlgeschlagenen Polarexpedition. Er besah seine blaugefrorenen Gliedmaßen und befürchtete schon eine Amputation, womöglich im Genitalbereich. Er hatte Glück und kehrte nach zwei Tagen vollständig heim.

Philipp wischte sich einen feinen Schweißfilm von seiner Stirn, schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Programme. Er verfolgte zunächst eine Verkaufsshow, die echte Diamanten ab 4,99 Euro offerierte. Das war schon mal ein guter Anfang. Er blieb dann aber bei einem anderen Programm hängen, weil ihm der Moderator bekannt vorkam. Es handelte sich um eine Musiksendung des ZDF, in der eine räudige Meute Schlagerzombies Lieder sang, die Philipp sie schon vor ungefähr fünfundzwanzig (oder waren es mittlerweile dreißig?) Jahren hatte trällern hören. Er schaute auf ihre Gesichter und versuchte sich an Namen zu erinnern. Roberto sowieso, irgendein Bernd oder auch ein Jürgen. Auf den ersten Blick schienen sie sich kaum verändert zu haben. Auf den zweiten, genaueren Blick allerdings bemerkte er Toupets, gefärbte Haare und passgenau in morsche Kiefer gerammte Keramikgebisse. Sakkos bedeckten mildtätig mit den Jahren angehäufte Pfunde. An den Namen des älteren Mannes, der plötzlich zum Playback auf der Bühne herumhampelte, konnte sich Philipp nicht erinnern. Chris Gold? Jürgen Love? Roberto Granata? Sein Lied aber, das musste er schon zugeben, hatte an bestürzender Aktualität nichts eingebüßt. Es verwies nunmehr seit Jahrzehnten auf drastische Wahrheiten, wie zum Beispiel »Du kannst nicht immer siebzehn sein«.

»Du kannst nicht immer siebzehn sein«, jawohl, dies war eine Tatsache, doch, doch, da war nun mal nicht dran zu rütteln, auch wenn die Herren Vorsitzenden der Rentenversicherungsanstalten und Pensionskassen dies mehrere Jahrzehnte verdrängt hatten, dachte Philipp. Tja, man blieb eben nicht siebzehn, meine Herren, sondern wurde rasch achtzehn, dann zweiunddreißig oder einundvierzig oder vierundfünfzig und schließlich fünfundsechzig. Nun hatten sie den Salat: ein Millionenheer von skrupellosen Rentnern, das die sozialen Sicherungssysteme in Schutt und Asche legte.

Philipp nahm einen Schluck Wein.

Dann (warum auch nicht?) noch einen.

Früher, ja früher, da war das anders. Sein Großvater, Gustav Emil Willms, Dachdecker aus dem Elsaß, den er, zugegebenermaßen, nur noch von rissigen, kleinformatigen Schwarzweißphotografien her kannte, der Gustav, der war noch ein richtiger Kerl, malochte bei Wind und Wetter und trotzte den Elementen. Gustav kippte Hochprozentiges bereits zum Frühstück, qualmte täglich seine zwei Packungen Roth-Händle ohne Filter weg. Das Ganze vier Jahrzehnte durch, fast bis zur Rente. Dazu noch reichlich fette Soße aufs Gebratene. Siebzig wurde aus der Generation kaum einer. Den Gustav Emil allerdings, den hatte mit einundsechzig nicht sein Lebenswandel ins Grab, sondern ein Windstoß eher spielerisch vom Dachfirst gefegt. Aber die Kassenlage, meine Herren, die Kassenlage, die war eben stabil gewesen.

Und heutzutage?

Heutzutage gingen die Gustavs in Frührente, fraßen die Woche über das Land kahl und liefen am Sonntag Marathon.

Philipp gönnte sich gutgelaunt den Rest der Flasche.

Du kannst nicht immer siebzehn sein.

Tja, große Künstler sind ihrer Zeit eben weit voraus.

Das Gesicht des Sängers erschien kurz in einer Großaufnahme. Dann verbeugte er sich vor dem applaudierenden Publikum und die Kamera zeigte wieder den Moderator. Wieso sahen diese Untoten noch fast so aus wie vor mehreren Jahrzehnten? Hatte man sie beim ZDF konserviert? Aber wie? Vielleicht wurden sie gefriergetrocknet? Anschließend das Jahr über in einer Gruft unterhalb des Mainzer Lerchenbergs zwischengelagert? Wurden sie zu Jubiläen oder Silvester von furchtlosen ZDF-Redakteuren bloß wiederbelebt?

Diese Zombies konnten einfach nicht mit Anstand altern. Das war zutiefst peinlich. Hatten die denn so gar keine Würde? Philipp nahm noch einen tiefen Schluck. Ihm würde das, so viel stand fest, nicht passieren. Also das mit dem Altern, das schon, aber eben nicht ohne Anstand, war ja Ehrensache. Wobei er schließlich noch Zeit hatte, denn er war gerade mal sechsundvierzig. Alt konnte man ihn mit sechsundvierzig wohl kaum nennen.

Unschlüssig hielt Philipp die leere Flasche in der Hand.

Der erste Arbeitstag nach den Weihnachtsferien stand bevor. Ausgeschlafen und nüchtern wären die Anstalt und die Kollegen am besten zu überstehen. Philipp ging in die Küche.

Er entnahm dem Weinklimagerät eine wohltemperierte zweite Flasche (Saint-Émilion Grand Cru 2004).

Wieder im Wohnzimmer, zappte er unentschlossen zwischen zwei amerikanischen Filmen hin und her: Casablanca (ARD) und Die Casting Couch (RTL II). Casablanca bot Humphrey Bogart und Ingrid Bergman. Casablanca bedeutete: große Gefühle, noble Gesten, Verzicht und Edelmut, das ganze melodramatische Zeugs der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts des unlängst vergangenen Jahrtausends.

Wer brauchte denn so was?

Die Handlung des zweiten Lichtspiels dagegen war in Los Angeles angesiedelt. Zwei junge, unerfahrene Frauen aus Omaha, Nebraska, beste und dauernd tuschelnde Freundinnen, gerade High School und Kleinstadt entronnen, beabsichtigten eine Karriere in Hollywood. Bereitwillig gaben sich Jill (dunkelhaarig) und Debbie (blond) in einer Villa einem Filmproduzenten jenseits der fünfzig hin, der sie in die verschiedensten Liebestechniken einführte. Jill und Debbie besaßen aufgespritzte Lippen und grotesk vergrößerte Brüste. Sie waren mindestens Ende zwanzig. Die eingefallenen Gesichtszüge des Produzenten umspielte dichtes, pechschwarzes Haar. Philipp schaltete den Fernseher aus.

Junge Frauen, ganz verrückt nach alten Männern? Wer schaute sich so etwas an? Grenzdebile Rentner? Nicht sein Niveau.

Er spielte kurz mit dem Gedanken, den Computer hochzufahren und die CD-ROM Erotik in der Kunstgeschichte einzulegen, entschied sich dann aber dagegen.

Sein Bücherregal beherbergte, was er nun brauchte: zwei Reihen großformatiger Bände mit erotischen Bildern und Zeichnungen von Picasso, Rodin, Modigliani, Degas, Matisse, Kokoschka und vielen, vielen anderen. Nach kurzer Überlegung fiel seine Wahl auf Amedeo Modigliani.

Dazu noch Musik. Philipp schaltete das Radio ein: ein simpler Takt, eine eingängige Melodie, der Sänger röhrte etwas von »baby« und »love«.

Was für ein musikalischer Müll.

Aus seinem CD-Turm suchte er ein Miles-Davis-Werk heraus. Nefertiti von 1967, ein klassisches Werk aus der Zeit des zweiten Miles-Davis-Quintetts. Im Sessel sitzend, das Buch im Schoß, zog er die Stehlampe heran und schlug den Bildband auf.

Modiglianis Liegender Akt von 1917.

Hier war Erotik künstlerisch verfeinert, hier existierte nichts Grobes, hier war alles eine Frage von Konturen, von Farbe, Licht, delikatester Nuancierung und meisterlicher Komposition.

Das war seine Welt.

Philipp öffnete die Flasche.

***

Der Bus fuhr plötzlich ruckartig an und Philipp gelang es gerade noch, seinen Kaffee nicht vollständig zu verschütten. In Gedanken verfluchte er den Fahrer. Schon beim Einsteigen war ihm dieser Kerl mit den tätowierten Unterarmen aufgefallen. Einer, der bei allen den Fahrschein genau kontrollierte, einer, der sich in seinem Bus als Vorgesetzter fühlte.

Philipp führte den Pappbecher vorsichtig zum Mund. Er versuchte, die zerknitterte Zeitung auf seinen Knien zu lesen, aber der Kaffee hatte die Titelseite versaut.

Er schaute aus dem Fenster in den Dunst.

Drei Konferenzen standen an. Die Ankündigungen mit den zu besprechenden Themen hatte er wie immer gar nicht erst gelesen, sondern sofort weggeschmissen. Zum Glück begann der eigentliche Unterricht erst am Montag. Das sicherte ihm ein ganzes Wochenende, an dem er sich damit abfinden konnte, dass es mit den Ferien vorbei war.

Trotz der beschlagenen Scheiben konnte er erkennen, dass der Bus in die Mozartstraße einbog. Er schlingerte in der Kurve und die beiden graubehosten Rentner mit den Prinz-Heinrich-Mützen, die Philipp gegenübersaßen, schwankten bedenklich hin und her, mussten sich an den Stangen festhalten.

Der Fahrer sah keinen Grund, seinen groben Fahrstil zu verändern.

Welche Klassen hatte er eigentlich bis Weihnachten unterrichtet? Waren das ein paar zehnte gewesen oder doch eher ein paar elfte oder zwölfte Klassen, die er aufs Abitur vorzubereiten hatte?

Der Bus hielt. Der plötzliche Ruck warf Philipp fast vom Sitz.

Zum Glück stand heute neben Konferenzen und Besprechungen (worüber auch immer) etwas Erfreuliches auf dem Programm: Heribert Karst, Fachleiter der Gesellschaftswissenschaften, würde seinen Rücktritt bekannt geben. Nicht einen sofortigen, aber doch einen zum Schuljahresende hin. Karst beabsichtigte, die letzten drei Jahre bis zu seiner Pensionierung im Schongang und mit eingeschränkter Stundenzahl zu verbringen. Darüber hinaus würde er, in Absprache mit Direktor Weyhrauch, seinen Vorschlag für einen Nachfolger benennen.

Der Fahrer bremste schon wieder scharf. Philipp reichte es allmählich. Die Rentner stiegen aus.

Eigentlich konnte in der heutigen Sitzung von Karst nur sein Name genannt werden. Philipp erinnerte Karst des Öfteren an bevorstehende Termine und half ihm überhaupt aus so mancher Verlegenheit. Der betagte Kollege neigte in letzter Zeit, um es milde auszudrücken, nicht nur zur Vergesslichkeit. An manchen Tagen schien er Philipp vollkommen normal zu sein, an anderen jedoch bereits jenseits von Gut und Böse. Nie wusste man, woran man bei ihm war. Karsts Wechsel zwischen Klarheit und Umnachtung waren so unvorhersehbar wie die Abfolge von Rot und Schwarz beim Roulette. Er verwechselte Kollegen, verlor wichtige Unterlagen, war mitunter im Schulgebäude unauffindbar. Vor zwei Jahren, als Karst wegen eines gebrochenen Beins für einige Monate ausfiel, hatte Philipp vorübergehend die Fachleitung übernommen. Wer außer ihm käme als Nachfolger in Frage?

Sicher, zunächst dürfte er, die Zustimmung der Kollegen vorausgesetzt, den Fachbereich nur übergangsweise leiten. Später aber, nach Ausschreibung der Stelle, würde er sich ganz offiziell bewerben. Dann hätte er wahrscheinlich beste Chancen, sich gegen jemanden von außen durchzusetzen.

Die Tür schloss sich und der Bus fuhr an. Ein Blick aus dem Fenster zeigte Philipp, dass er nicht mehr viel Zeit hatte.

Er nahm den Becher, verschüttete den Rest seines Kaffees in einer kreisenden Bewegung sorgfältig auf dem Nebensitz und ließ den Becher unter den vorderen Sitz fallen.

Der Bus erreichte die Endhaltestelle. Philipp stand auf und ging nach vorne zum Fahrer. Er erzählte ihm, ein paar hinterhältige Rentner hätten die Sitze verunreinigt. Der Fahrer fluchte und regte sich auf, weil sein Chef ihn für diese Schweinerei zur Verantwortung ziehen würde. Dann bedankte er sich bei Philipp für den Hinweis. Sei doch selbstverständlich, erwiderte der, wünschte noch einen schönen Tag und stieg aus.

Er ging ein paar Schritte die Straße entlang, an deren Ende sein Ziel lag: ein Gebäude aus Beton, dessen Umrisse sich nur schemenhaft aus dem Morgennebel schälten.

Offiziell hieß es »Altsprachliches Gymnasium am Wilhelmshain«. Philipp (und Gesine) nannten es »den Bunker«.

Er blieb stehen, atmete tief durch und bog ab.

***

Aus dem Meiler, inmitten einer Wiese gelegen und grob aus Lehm und unbehauenen Steinen gefügt, stiegen träge Rauchwolken in die kühle Morgenluft auf. Sie bildeten kleine, verspielte Formationen, lösten sich voneinander, zerkräuselten zusehends und verschwanden in den schneebedeckten Baumwipfeln, in denen einige Krähen hockten. Die Vögel beharkten einander mit den Schnäbeln, schlugen mit den Flügeln, beharkten sich erneut, um anschließend in einem dunklen Pulk in den trüben Himmel aufzusteigen und sich am grauen Horizont zu verlieren.

Neben dem Meiler stand ein junger Mann, blässlich, von vielleicht achtzehn Jahren, dessen magere Gestalt nur mit Fellresten gegen die Kälte geschützt war. Er wippte mit einem rußverschmierten Fuß auf einem am Meiler angebrachten Blasebalg. Immer wieder blies er in die Hände, rieb sich über die Unterarme und fuhr mit der rechten Hand durch sein Haar.

Ein Erwachsener, der den Jungen um zwei Köpfe überragte, trat zu ihm und klopfte ihm auf die Schulter. Er stieß mit dem Fuß gegen einige steinerne Bronzegussformen, aus denen zwei oder drei Restbrocken längst erkalteten Metalls fielen. Der Mann hob sie auf, wog sie in der Hand und ließ sie in den Schneematsch fallen.

Er schaute sich um und entdeckte Philipp, der sich von der Straße her näherte.

»Morgen, Herr Willms. Schöne Weihnachten gehabt?«

»Morgen, Herr Ramcke, wie immer. Was gibt denn das hier?«

»Mein neues Projekt: Jungsteinzeit.«

Er zeigte auf die frierende Gestalt neben dem Meiler.

»Damit der gute Siggi hier was lernt und keine Drogen mehr verscheuert.«

Philipp schaute lächelnd zu dem jungen Mann hinüber, der zu einer obszönen Geste ansetzte, diese jedoch nicht zu Ende führte.

Ramcke unterrichtete Geschichte und Biologie, hatte jedoch seit geraumer Zeit mit der herkömmlichen Vermittlung von Geschichte rein gar nichts mehr anfangen können. Es wurde immerzu gelesen und geredet, Problemstellungen wurden gesucht, Hypothesen aufgestellt, Strukturen analysiert – ihm reichte es mit dem ganzen Kopfkram.

Eines Morgens saß er am Schreibtisch und blätterte gähnend das Geschichtsbuch für seine Siebten durch. Die Steinzeit. Und was hatte das Lehrbuch zu bieten? Alberne Geschichtchen über die Mammutjagd! (Als Urka, der alte Jäger, Witterung aufnahm, schoss sein Blut durch die Adern und er gab den anderen ein …) Du lieber Gott.

Er stand auf und schmiss das Buch in die Ecke.

Ramcke fuhr zum städtischen Schlachthof.

Dort ließ er sich von verdutzten Facharbeitern ordentliche Stücke Schweine- und Rindfleisch aushändigen. Das ganze Zeug packte er in den Kofferraum seines Volvos und fuhr zur Schule. Warf sich die beiden Säcke über die Schulter und ging, eine rote Spur durchs Gebäude ziehend, in seine 7a. Im Klassenraum warf er die blutigen Brocken sprachlosen Kindern vor die Füße.

Die Schüler starrten ihn an.

Dann rannten sie zum Sportplatz und hoben in der Weitsprunganlage jubelnd eine Grube aus. Einige schlugen Feuer. Andere traktierten die blutigen Fleischklumpen bereits mit Schaber und Faustkeil. Das rohe Fleisch brieten sie über der offenen Feuerstelle. Fett tropfte zischend in die Flammen, erhitzte Gesichter grinsten einander zu. Die Schüler waren begeistert, Ramcke zufrieden.

So wurde laut Ramcke Verständnis für vergangene Epochen geweckt, außerdem der gute alte Jagdinstinkt wiederbelebt. (Wenigstens dieser, so hatte Ramcke Philipp einmal auf einem Kollegiumsausflug anvertraut. Wenn er nur dürfte, wie er wollte, wenn ihm diese Idioten im Ministerium nicht andauernd ins Handwerk pfuschten, dann würde er auch noch ganz andere Instinkte bloßlegen.)

Philipp schaute auf Ramckes vereiste Schuhe, dann zu dem frierenden Siggi.

»Wo ist denn Eckbert, Siggis Kumpel? Verhaftet?«

»Nee, nee, der ist drüben im Wald, hebt ’ne Fallgrube aus.«

»Eine Fallgrube?«

»Für Bären und Mammuts.«

»Bei der Kälte?« Ramcke zog an seiner Zigarette.

»Freund von mir hilft ihm mit ’nem Bagger.«

Philipp nickte.

»Ich werd dann mal. Die ganze Mischpoke schon versammelt?«

»Sicher, alle schon in der Schwatzbude, komme auch gleich, werde mal schauen, wie weit die mit der Grube sind.«

Ramcke holte hinter dem Meiler eine Aktentasche hervor, nickte Philipp kurz zu und stapfte zielstrebig Richtung Wald. Er hinterließ eine tiefe Spur im Schnee, die schnurgerade zum Rand des Waldgebiets führte, nach dem das Gymnasium benannt worden war.

Siggi wandte sich dem Meiler zu und Philipp machte sich auf den Weg zum Lehrerzimmer.

***

Das Altsprachliche Gymnasium am Wilhelmshain war ein graues, zweistöckiges, T-förmiges Gebäude mit benachbarten Sportanlagen. Sein Einzugsgebiet war geteilt. Im Norden lag ein Neubaugebiet. Dort schliefen die Schüler in akkuraten Reihenhäusern oder geklinkerten Eigenheimen mit Briefkästen aus gebürstetem Edelstahl.

Südlich des Gymnasiums wucherten die alten Arbeiterviertel. Hier erwachten jeden Morgen die schulpflichtigen Töchter und Söhne der Arbeitslosen, der Sozialhilfeempfänger, der Ausländer und der Migranten.

Philipp ging über den Schulhof Richtung Haupteingang.

Orange gestrichene Fensterrahmen sollten dem grauen, rissigen Betonkasten ein wenig von seiner Tristesse nehmen, scheiterten jedoch kläglich.

Anfang der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts errichtet, hatte man ihn – Gelder für Bildung waren im Übermaß vorhanden – bis unter das Flachdach mit allem vollgestopft, wonach Politikern, Kultusbürokratie und Lehrerverbänden der Sinn stand. Das gesamte Gebäude wurde mit grünem Teppich ausgelegt, eins der teuersten Sprachlabore Deutschlands installiert, ergonomische Stühle wurden aufgereiht und Doppel-Pylonentafeln an frisch gestrichene Wände geschraubt.

Mehr als drei Jahrzehnte später waren die meisten Stühle verbogen, die Wände verschmiert, der Teppich war voller Löcher. Nun bestand das Ziel darin, den endgültigen Verfall möglichst lange hinauszuzögern. Philipp betrat den Bunker und ging die abgewetzten Treppenstufen in den ersten Stock hinauf. Vor der Tür mit der Aufschrift »Lehrerzimmer« lag leichter Kaffeegeruch in der Luft. Prompt meldete sich sein Magen. Er suchte die Toilette auf.

***

Das Lehrerzimmer war ein schmaler, rechteckiger Raum, dessen eine Längsseite die Fenster mit dem Blick über den Schulhof einnahmen. Ihnen gegenüber standen zwei Schränke, die Garderobe sowie die Anrichte mit der Kaffeemaschine. Die Mitte des Zimmers dominierte ein langer, fast den gesamten Raum durchmessender Tisch. Jahrelang hatten im Lehrerzimmer mehrere kleinere Tische gestanden, an denen sich diejenigen Kollegen zusammenfanden, die sich auf irgendeine Weise privat, pädagogisch oder politisch miteinander verbunden fühlten, denn eigentlich zerfiel das Kollegium in drei Lager.

Ein Lager war die Heimat der eher konservativen Richtung, im Philologenverband organisiert, angeführt von Dieter Ramcke und dessen Freund Fredy Braitbach, ebenfalls Geschichte, bei ihm plus Sport. Ihr Ziel bestand in der Verhinderung all dessen, was man Modernisierung hätte nennen können. Eine Veränderung des Lehrplans? Trendthemen im Unterricht? Nicht mit Dieter und Fredy. Ramckes Ablehnung von modischem Firlefanz spiegelte sich in seinen beinharten Unterrichtsmethoden.

Ihnen gegenüber befand sich das eher liberale Lager, in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft organisiert. Dieses wurde angeführt von den Kolleginnen Luise Rothenberg, Biologie und Politische Bildung, und Sigrid Mersbach, Sport und Politische Bildung. Sie beabsichtigten, zuweilen unterstützt von Kollegen wie Möller oder Erdmann, eine Modernisierung des Altsprachlichen Gymnasiums. Das dritte Lager war dasjenige der Unentschiedenen oder Gleichgültigen, zu denen sich Philipp zählte.

Die Probleme der letzten Jahre (Pisa-Studie, Mittelkürzungen, überstürzte Reformen, Gewalt, Drogen, Internet usw.) ließen diese Fronten aufweichen, führten zu der Ansicht, dass man die zahlreichen Herausforderungen wohl nur gemeinsam würde lösen können. Das Lagerdenken galt mehr und mehr als veraltet und kontraproduktiv. Weyhrauch, der Direktor, hatte in seiner kurzen Weihnachtsansprache dazu aufgefordert, das Verbindende zu erkennen, das Trennende aber zu akzeptieren und zu nutzen.

So wurden am Ende der letzten Weihnachtsfeier, als die Glühweinvorräte fast aufgebraucht waren, die Tische auf Vorschlag der (leicht angetrunkenen) Kollegin Luise Rothenberg zu einem zusammengestellt. An dem nahm das Kollegium nun gemeinsam Platz. Dies sollte dem neuen Geist des Miteinanders auch einen sichtbaren Ausdruck verleihen.

»Frohes Neues, Herr Braitbach.«

»Ebenfalls, Herr Ramcke.«

Philipp blickte kurz auf und sah die beiden Herren Hände schütteln. Braitbachs Hand verschwand in Ramckes, dessen Körper Braitbachs drahtige Figur halb verdeckte. Philipp drehte sich leicht zur Seite, bevor die beiden ihn in ein Gespräch verwickeln konnten.

Im Lehrerzimmer herrschte beste Stimmung. Erdmann verschenkte Pralinen, Weyhrauch eine Anzahl von Lebkuchenherzen, ganz offensichtlich Restbestände von der gelungenen Weihnachtsfeier. Sigrid Mersbach ging umher und zeigte Photografien von glücklichen Enkelkindern unterm Weihnachtsbaum. Jeder wünschte jedem alles nur erdenklich Gute für das neue Jahr. Einzig Heribert Karst, der älteste Lehrer, Latein und Geschichte, irrlichterte wie immer in seinem hellgrauen Anzug von 1966 umher.

Philipp verdrängte plötzlich aufkommende Erinnerungen an sein Weihnachtsfest und (soweit vorhanden) an den vorherigen Abend.

Er sah sich nach Gesine um, konnte sie aber nicht finden. Gesine Siegel, Lateinlehrerin, mit dreiundvierzig Jahren immer noch die schönste Frau im Haus, vollkommen unsentimental und von unbeschwerter Boshaftigkeit. Sie entfernte sich eigentlich nur äußerst ungern von Kaffeemaschine und/oder Keksdose.

Philipp ging zu einem der Stühle an der Fensterfront und sah von dort aus Gesine an der Seite Luise Rothenbergs hereinspazieren. Die beiden winkten und setzten sich zu ihm. Philipp wünschte beiden einen »guten Start«. Er bedachte Luise Rothenbergs neue Frisur, die ihren natürlichen Charme unterstreiche, mit einem Kompliment.

Frau Rothenberg bedankte sich, entschuldigte sich aber, weil sie noch mit weiteren Kollegen zu reden habe. Sie ließ Gesine und Philipp allein.

Gesine sah ihn an.

Philipp sah Gesine an.

Gesine zog eine Augenbraue hoch.

Philipp schlug sich an die Stirn und stand auf. Wenige Augenblicke später kehrte er zurück, eine Tasse Kaffee sowie einige Kekse vor Gesine absetzend.

»Sehr spät, mein Lieber«, meinte Gesine, »sehr spät.«

Sie nahm die Tasse in die Hand.

»Und wie war Weihnachten, Philipp?«

»Nicht so doll. Wie hast du die Feiertage verbracht, Gesine?«

»Vollkommen unchristlich.«

Sie blies in ihren Kaffee.

»Reicht das als Andeutung?«

Philipp zeigte ihr seine Handflächen und winkte ab.

Gesine schaute zu Ramcke und Braitbach hinüber und anschließend wieder zu Philipp.

Der zuckte nur mit den Achseln.

Gesine nahm einen Schluck, dann streckte sie die Arme aus.

»So, mon cher Philipp, ich werde mich mal, Interesse an meinen Mitmenschen heuchelnd, unter das gemeine Volk mischen. Wir sehen uns ja dann bei den Konferenzen.«

Gesine nickte ihm zu und stand auf. Philipp ging zu seinem Schrankfach und entnahm, was sich in den letzten Wochen so angesammelt hatte. Er setzte sich wieder an den Tisch und schaute die Unterlagen durch. Ein farbiger Werbezettel eines Schulbuchverlags, der das ultimative Lehrwerk »Deutsch Interaktiv« annoncierte (Super: endlich richtig motivieren!), eine Mitteilung des Ministeriums (Dringend: neue Formulare für schriftliche Abiturprüfung), Hinweise auf wichtige Fortbildungen (Achtung: Genderstudies – neue Rollenspiele mit Siebtklässlern).